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Full text of "Die Christliche Kunst; Monatsschrift für alle Gebiete der christlichen Kunst und Kunstwissenschaft"

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KURT L. SCHWARZ 

Bookseiler 

Beverly Hills, California 



DIE CHRISTLICHE KUNST 

ZEHNTER JAHRGANG 191J/1914 



F. BRUCKMANN A.G., MÜNCHEN 



DIE CHRISTLICHE KUNST 

MONATSCHRIFT 

FÜR ALLE GEBIETE DER CHRISTLICHEN KUNST 

UND DER KUNSTWISSENSCHAFT SOWIE FÜR 

DAS GESAMTE KUNSTLEBEN 



ZEHNTER JAHRGANG 1913/1914 



IN VERBINDUNG MIT DER 
DEUTSCHEN GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 

HERAUSGEGEBEN VON DER 

GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 

G. M. B. H. 

MÜNCHEN 




S ZEHNTEN JAHRGANGES 



(Die kleineren Ziffern bezeichnen die Seiieuz.ihlen der »Beilage«) 
Abkürzungen lüntcr den Künstlernamen: Arch. = Architekt; Bildh. ^ Bildhauer; M, = Maler; Glm. ^ Glasmaler 



A. LITERARISCHER TEIL 



I. GROSSERE ABHANDLUNGEN 

Seite 

Bergen, J. Van, Jan Brom 138 

Bogenrietier, Franz X., Die Wandmalereien in der 

»alten Kirche« zu Garmiscli 73 

Braun, P. Joseph, S. J., Eine Kasel des 16. Jahr- 
hunderts und verwandte Paramente 4i 

Damrich, Dr., Ein bisher unbekanntes Diirerwerk? 209 
Doering, Dr. O., Ein Meisterwerl; kirchliclier Gold- 
schmiedekunst 9 

— Die Beweinung Christi von Matthias Grünewald 114 

— Georg Kau und die Ausschmückung derLudwigs- 
hafener Dreifaltigkeits-Kirche 176 

— Zur Pacherfrage 248, 280 

Gehrig, Oskar, Das Buch 297 

Hasak, M., Der Backsteinbau der norddeutschen 

Tiefebene stammt aus dem Augsburgischen.... 353 

Herbert, M., Jacobs Segen 129 

Herdtle, H., Michael Rieser 65 

Hoffmann, Dr. Richard, Architekt Franz Baumann 82 

— Architekt Albert Bosslet 193 

— Leonhard Tlioma 257 

Krämer, F., Die Ausmalung des Chores der Pfarr- 
kirche S. Familia zu Cassel 3G1 

Krauß, Fritz, In Tiefenbronn 105 

Kuhn, P. Dr. Albert, O. S. B., Die neue katholische 

Kirche in Romansliorn 289 

Levering, Gustav, Der Königsbau in München ... 97 

— Der romanische Kreuzgang des Stiftes Neumünster 

in Würzburg 303 

Makowski, B., Jacek von Malczewski 1 

■Mallinger, Dr. Leo, Eduard Van Esbroeck 225 

Nockher, Ferdinand, Die Schrilt 161 

Redemptus, P., Mehr idealisieren! 33 

Staudliamer, S., Paramente von A. Pacher 140 

— Die Reiche Kapelle in der Kgl. Residenz zu 
München 321 

Steffen, Hugo, Der Holz- und Bohrwurm 146 

— Die St Moritzkirche in Halle a. d. Saale 364 

Zils, W., Emil Adam 54 



II. BERICHTE ÜBER AUSSTEL- 
LUNGEN (Vgl. auch IV.) 

Berlin, Secessionsausstellungen. Von Dr. Hans 
Schmidkunz 5, 9 

— Große Berliner Kunstausstellung 191 5. Von 

Dr. Hans Schmidkunz 89, 121 

— Herbstausstellung 1913. Von Dr. Hans Schmid- 
kunz 25 

— Januar-Ausstellung, Von Dr. Hans Schmidkunz 33 

— Secession 1914. Von Dr. Hans Sclmiidkunz .... 309 
Darmstadt, Die Jahrhundertausstellung Deutscher 

Kunst. Von Dr. O. Doering-Dachau 370 



Seite 

Düsseldorf, Kunstbericht. \'on W. llopuiann 4 

— Ausstellung des Rheinisch-Westfalisclien Kunst- 
vereins 50 

Gent, Die bildende Kunst auf der Genter Welt- 
ausstellung 2 

Herzogenbusch, Ausstellung alteierchristlicherKunst 1 

Klosterneuburg, Jubiläums Kunstausstellung 49 

Köln, Deutsche \Verkband-.'\usstellung 1914 49 

Leipzig, Die kircliliche Kunst auf der Baufach-Aus- 
stellung. Von Dr. O. Doering 9 

Mannheim, Ausstellung »Neues Bauen«. Von Her- 
mann Leopold Mayer 34 

— Mannheim, Zwei Ausstelkuigen. Von Oscar 
Gehrig 1 26 

München, Die XL Internationale Kunstausstellung 
im Glasp.ilast 191 v Von Oscar Gelirig 16, 35 

— Ausstellung der JurylVeien. Von Oscar Gehrig 18 

— Die Schwarz -Weiß -Ausstellung der Secession 
1915/14. Von Oscar Gehrig 190, 220 

Stuttgart, Große Kunstausstellung 1915 Gl 

— Friedhofausstellung. Von Dr. Doering-Dachau . . 54 
Utrecht, Die Gemälde auf der Ausstellung früh- 
hollandischer Kunst. Von W. D. Henkel 236 

Wien, Ausstellungen. Von Richard Riedl 29, 34, 37 

Ausstellungen Basel, Mannheim, Wien, Baden-Baden, 
Köln 50 

III. KLEINERE AUFSÄTZE 

Antonio, C. dell', Holzbildkunst 319 

Bartmann, Dr., Eine neue Kirche von C. Moritz 112 
Doering, Dr. O., Die zweite gemeinsame Tagung 
für Denkmalpflege und Heimatschutz 21 

— Der neue Kreuzweg in der Münchener St. Pauls- 
kirche 318 

Endres, Dr. J. A. Zu Dürers »Melancholie« 78 

Herbert, M., Ratisbona 64 

— Miclicl Angelo und Lionardos Läclieln 288' 

— Der Trost der Kunst 363 

Hoffmann, Dr. Richard, Neue Forschungen aus dem 

Reiclie des Barock und Rokoko 256 

Kaniepe, P. Max, O. M. J., Berücksichtigung der 

Kommuniondekrete Pius' X. bei kirchlichen Neu- 

und Umbauten 282 

Riedl, Richard, Der Karl Borromäus - Brunnen in 

Wien 42 

— Waldmüller-Denkmal 81 

Staudhamer, S., Ein neues Kruzifix 156 

— Kunstmaler Hugo Huber f 156 

— Entwürfe für einen Gartenpavillon 159 

— In ernster Zeit 369 

Zils, W., Professor Julius Adam j 151 



1^ A. LITERARISCHER TEIL ^S 



Seite 

Aus Heilsbronn in Franken 307 

Der wirtschaftliche Verband bildender Künstler West- 
deutschlands 160 

Zu dem Bilde auf Seite 225 224 

Zu unseren Bildern 376 



IV. VON KUNSTAUSSTELLUNGEN, 

SAMMLUNGEN, KUNSTVEREINEN, 
MUSEEN 

Aachen, Krönungsausstellung 192 

Baden-Baden, VI. Deutsche Kunstausstellung 1914 42 
Berlin, Verkaufs- und Vermittlungsstelle von Kunst- 
werken des Vereins Berliner Künstler 12 

— Ausstellung von \\'erken der Münchencr Künst- 
lervereinigung »Luitpoldgruppe« in der Galerie 

Ed. Schulte ." 43 

Darmstadt, Ausstellung deutscher Kunst aus der 

Zeit von 1630 — 1800 11 

Düsseldorf, Kunstbericht IT 

— Galerie A. Flechtheim 28 

Flensburg, Ausstellung von Werken des Malers 

.\ugust Wilckens 11 

Karlsruhe, Ausstellungen 45 

— Ausstellung Karlsruher Künstler in der Galerie 
Moos 43 

— Verein für Originalradierung 27 

— Die Wanderausstellung des ^'ereins für Original- 
radierung 42 

Köln, Ars sacra, Verein zur Förderung religiöser 

Kunst 36 

— Deutsche Werkbund-Ausstellung 1914.... 30, 39, 43 

— Künstlerhaus und Atelierhaus 49 

— Jahresversammlung des Deutschen Werkbundes 53 
München, Ausstellung von Kunstwerken des 

XMII. Jahrhunderts 12 

— Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst 128 

155, 186, 33, 39, 287, 52 

— Kunstverein 28, 36 

— Secession 23 

— Schwarz-Weiß-Ausstellung der Secession 11 

— Frühjahrsausstellung der Secession 36 

— SommeraussteUung der Secession 46 

Münster i. W., Ausstellung christlicher Kunstwerke 8 

— Ausstellung für Wohnungs- und Siedelungs- 
wesen 23 

— Ausstellung für neuzeitliche christliche Kunst . . 288 
Paderborn, Jahresbericht des Diözesan-Museums- 

vereins 56 

Salzburg, Kunstgewerbliche Ausstellungen 11 

Stuttgart, Große Kunstausstellung 1913 12, 22 

Wien, Eröfl'nung neuer Säle in der Kaiseriichen 

Gemäldegalerie IT 

— Neue Erwerbungen der Kaiserlichen Gemälde- 
galerie 11 

— Ein neuer Museumsbau für die Sammlung 
>Albertina« 41 

— Paramenten-Ausstellung 11 

— Versteigerung einer Sammlung alter Meister . . 27 

— Kleine Kunstnachrichten aus Wien 52 



V.KUNSTLERISCHE WETTBEWERBE 



Basel, Wettbewerb für die Heiliggeistkirche . . 189, 
Berlin, Wettbewerb für Maler um den Rauffendorf- 

Preis 

— \\'ettbewerb um Entwürfe zu Kleinmöbeln . . . 
Blieskastel, Wettbewerb für ein Deckengemälde im 

Schiffe der katholischen Pfarrkirche 186, 



46 



43 



Seite 

Griesbach, Wettbewerb für ein Altargemälde am 
Hochaltar der neuen katholischen Pfarrkirche 188, 43 

Köln, Wettbewerb, veranstahet von der Deutschen 
Werkbund-Ausstellung zur Erlangung von Ent- 
würfen für Särge 39 

Krefeld, Wettbewerb für ein Mariendenkmal G 

Marburg a. d. Lahn, Wettbewerb für ein Studenten- 
haus 35 

München, Konkurrenz-Arbeiten der Studierenden 
der -Akademie der bildenden Künste 31 

— Wettbewerb für die .Ausmalung einer Kranken- 
anstaltskapelle in München-Nymphenburg .... 38, 45 

— Wettbewerb des Bayerischen Vereins für Volks- 
kunst und Volkskunde zur Erlangung von Ent- 
würfen für Paramente 39 

— Wettbewerb der Deutschen Gesellschaft für 
christliche Kunst 40 

Paderborn, Wettbewerb für ein Denkmal im Pader- 
borner Dom 26 

Stendal, Wettbewerb der Berliner Bildhauer -Ver- 
einigung für ein Reiterdenkmal Kaiser Wil- 
helms 1 41, 56 

Vohwinkel, Wettbewerb Immaculatakirche 28 



VI. MITTEILUNGEN ÜBER SONSTI- 
GES KUNSTSCHAFFEN 

Bachmann, Anton, Arch 23 

Bary-Doussin, Frau von, Bildh 31 

Baur, Karl, Bildh 46 

Benk, Johs., Bildh 55 

Beumers, Hofgoldschmied 44 

Blaser, Jakob, Bildh U 

Bouchi, Cad de, sen , Hofglm 23, 44 

Breitkopf-Cosel, Joseph, Bildh 31 

Drexler, Franz, Bildh 40 

Floßmann, Joseph, Bildh 17 

Fugel, Gebhard, M 23 

Glötzle, Ludwig, M 31 

Harrach, Rudolf, Hofsilberarb 23 

Hensen, Alfred, Arch 23 

Hildebrand, Adolf von, Bildh 12 

Hoetger, Bernhard, Bildh 23 

Kastner, Paul, Holzbildh 28 

Kraus, Valentin, Bildh 6, 46 

Kuolt, Kari, Bildh 44 

Osten, Johannes, M 11 

Philipp, Kari, Bildh 40 

Rank, Franz, Arch 23 

Rauecker, Theodor 12 

Rettinger, G. J., M 52 

Schäfer, Hans, Bildh 31 

Schiestl, Matthäus, M 6 

Schleibner, Kaspar, M 36 

Schmidhammer, Arch 12 

Schmitt, Balthasar, Bildh 39, 46 

Schneider, Hans, Hofgraveur 55 

Scholz, Heinrich, Bildh 31, 43 

Seitz, Joseph, Ziseleur 28 

Sommer, M 43 

Stirn, Max, Arch 11 

Stuck, Franz, von, Bildh. u. M 23 

Tautenhayn, Josef, Medailleur 31 

Valentin, Bildh 56 

Weinzheimer, F. A., M 55 

Weiser, Franz, Bildhauer 46 

Winhart, J. &: Co 23 

Witte, August, Stiftsgoldschmied 44 



VI 



BS9 A. LITERARISCHER TEIL — REPRODUKTIONEN ^ 



Seite 

Vn. PERSONALNOTIZEN 

Akerberg, Knut, Bildh 3i 

Andri, Ferdinand, M 31 

Angermair, Jakob, Avch 31 

Bartels, Prof., Hans von f i- 

Barth, G 31 

Bradl, Jakob, Bildh 36 

Busch, Gg , ßildh se 

Buscher, Thomas, Bildh 6 

Feuerstein, Martin, M 31 

Flolimann, Josef, 31 

Fürst, Max, M 3i 

Grasegger, Georg, Bildh 28 

Grässel, Dr. Hans, Baurat 31 

Harracli, Rudolf, Goldschmied 31 

Hasemann, Wilhelm, M. f 31 

Herkomer, Hubert, M. f 39 

Hils, Karl, Bildh. f ^^ 

Höfele, Karl Thomas, M 31 

Huber, Hugo, M. f 15G 

Hupp, Otto, Prof. 31 

Kehren, Josef, M 32Ü 

Kind, Alexander, M 46 

Klem, A , Dombildh 28 

Kurz, Erwin 31 

Lang, Ludwig, Bildh 36 

Most, Joseph" Bildh. f 4.5 

Müller, Alois, M 6 

Pickel, Kaspar, Arch 44 

Pruska, Prof. 31 

Schurr, Hans, Arch 39 

Staudhamer, S., kgl. geistl. Rat 31 

Taschner, Ignaz, Bildh. f 23 

Thiersch, August, Arch 23 

Thoma, Leonhard, M 22 

Vlil. BESPROCHENE BÜCHER 

Berühmte Kunststätten Band 52: Hans Hildebrandt, 

Regensburg 14 

Braun, Joseph, Handbuch der Paramentik 20 

Burger, Dr. Fritz, Handbuch der Kunstwissenschaft ". 18 
Der Bethlehemitische Weg von Josef Ritter von 

Führich 48 

Die sieben Worte Christi am Kreuze 44 

Doering, Oskar, Michael Fächer und die Seinen. . 23 

Eßwein, Hermann, Leo Samberger 12 

Grein, Wilhelm, Zur Baugeschichte des Domes zu 

Mainz 16 

Grisar, Hartmann, S. J., Die römische Kapelle Sancta 

Sanctorum und ihr Schatz 14 

Gronau, Dr. Georg, Meisterstücke der Bildhauer- 
kunst 56 

Hasak, Max, Die romanische und die gotische Bau- 
kunst. Der Kirchenhau des Mittelalters 47 

Hildesheims kostbare Kunstschätze 28 

Hoeber, F., Peter Behrens 15 

Jessen, Carl Ludwig, Friesische Heimatkunst .... 20 
Illustrierter Führer durch das Fränkische Luitpold- 

Museum in Würzburg 16 



Seite 

Künstlerischer Wandschmuck: Bilder nach der 

Heihgen Schrift, Nr. loi — 106 8 

Laien-Brevier in Bildern. Heft 3: Das Leben Maria 

in zehn Kunstblättern 15 

Meister der Farbe. 1914 36, 56 

Miniaturen aus Handschriften der Kgl. Hof- und 
Staatsbibliothek in München. Herausg. von Dr. 
Gg. Leidinger. Heft i: Das sogenannte Evange- 

liarium Kaiser Ottos III 13 

Heft 4 : Drei armenische Miniaturen-Handschriften. 

Von Dr. Emil Gratzl 52 

.Müller Heinrich, Die moderne Baukunst 16 

Muschall-Viebrook, Dominikus Zimmermann 8 

Neue Meisterbilder religiöser Kunst 23 

Pastor, Willv, Die Kunst der Wälder 20 

Pionier, Der' 96, 160 

Raffaels Disputa del Sacramento 8 

Rothes, Dr. Walter, Christus 15 

Schurr, Bernardus, Das alte und neue Münster in 

Zwiefalten 19 

Weber, G. Anton, Til Riemenschneider 19 

Weicheis Kunstbücher, Neue Folge, Die Meister 
des 19. Jahrhunderts. Bd. I: Watts, Bd. II: 

Meissonier, Bd. III : Rossetti 16 

Wilpert, Joseph, Die römischen Mosaiken und 
Malereien der kirchlichen Bauten vom 4. bis 

I 5. Jahrhundert 52 

Wirz, P. D. Korbinian, Die heilige Eucharistie und 

ihre Verherrlichung in der Kunst 15 

Zauner, Franz Paul, Münchens Umgebung in Kunst 
und Geschichte 20 



IX. VERSCHIEDENES 

Basilica Santa Maria di Campagna zu Piacenza... 44 

Bern, Instruktionskursus für kirchliche Kunst 56 

Bruchsal, Wiederherstellung der Kuppelkirche in 

St, Blasien 7 

Budapest, Konkurs des Künstlerhauses 56 

Denkmal-Pflege und Erhaltung in Österreich 17 

Dortmund, Neuer Park-Friedhof 12 

Feldkirch, Instruktionskurs für kirchliche Kunst und 

Wissenschaft 6, 40, 43, 47 

FlatzBiographie, Eine 22 

Fritzlar, Fresken in der Stiftskirche 47 

Goldschinuck der Kaiserin Gisela 27 

Grabkreuz-Entwürfe 44 

Köln, Kunstgewerbeschule 36 

Märchen Brunnen 43 

Neue Kelche 38 

Neue Reproduktionen 320 

Nochmal Entwürfe für einen Gartenpavillon 192 

Österreichischer Meisterpreis für bildende Künstler 40 

Osterkappeln, Kirchenfenster zu Ehren Windhorsts 11 

Preise alter Bilder 28 

Vermittlungsstelle 24 

Wien, Die Deckengemälde von Maulpertsch in der 

Piaristenkirche 6 

— Freilegung der Karlskirche 6 

— Reinigung der Wiener Denkmäler 55 



B. REPRODUKTIONEN 

I. KUNSTBEILAGEN: 

Baumann, Franz, Hochaltar in der fürsterz- Busch, Georg, Grabtragung Christi II 

bischöflichen Seminarkapelle zu Kremsier Byzantinische Emailtafel XXII 

in Mähren IX Emonds-Alt, M., Der Versehgang IV 

Boßlet, Albert, Hochaltar XVII Esbroeck, Eduard Van, Sonntagsmorgen .... XIX 



B. REPRODUKTIONEN 



VII 



Seite 

Faßnacht, Joseph, Ecce agnus Dei III 

Gämmerler, Th., St. Georg VII 

Giborg, H., Pferdegruppe VIII 

Giselakreuz XXIII 

Haverkamp, Wilhelm, Heilige Familie XI 

Kau, Georg, Die heilige Hildegard XIII 

— Der hl. Einsiedler Antonius XIV^ 

— Jüngstes Gericht in Kaiserslautern XV 

Kehren, Pastor bonus XXI 

Kader, Rene, Christus als Sämann XII 



Seite 

Kuder, Rene, Emmaus XVIII 

Kunz, Fritz, Herz Maria XVI 

Miller^ Ferdinand von, Otto von Wiitels- 

bach VI 

Samberger, Leo, Studienkopf XXV 

Schiestl, Matthäus, Die hl. Drei Könige .... X 

Thoma, Leonhard, Der göttliche Sämann ... XX 

Wa^enbrenncr, Josef, Pietä XXIV 

Wallisch, Georg, Pietä V 

Wante, Ernst, Ave Maria I 



Seite 

Adam, Emil, Alte Freunde 59 

Angermair. Jakob, Hochaltar der St. Jo- 

hanniskirche in Kreising . . , , 246, 247 

— Sakramentsallar in der St. Johannis- 
kirche in Freising 249 

Atch6, R., Hl. Franz von Assisi .... 35 
Bflckhausen, J. & Söhne, Altarteppich . 52 
Baumann, Franz, Kaih. Pfarrkirche in 
Ludwigsmoos 84, 85, 86, 87 

— Kapelle in Brück bei Neuburg . . . &S 

— Knth. Pfarrkirche St. Johann in Saar- 
brücken 89, 90, 91, 92 

— Bauern- und Schlafzimmer in Schloß 
Niedernfels 93 

— Restauration Waldheim 94 

— Zwei Kelche (Entwürfe) 95 

Baumgarlner, J. A., General von Keller 39 
Baumhauer, Felix, Rosenkranzkönigin . 354 

— Hl. Joseph 355 

— Trinitat 357 

Benk, Jobs., Kaiserin Elisabeth .... 367 
Bernauer, Franz, S. K. H. Prinzregent 

Ludwig von Bayern 1.5 

Blankensiein, Aug , IV. Kreuzwegstatiou 217 
Boßlet, Albert, Kirche in Rheingönlieim 193 

— Kath. Kirche zu Insheim . . . 194, 195 

— Kurhaus Liebfrauenberg des St. Paulns- 
siiftes in Bergzabern 196, 197 

— Gesamtansicht von Liebfrauenberg in 
Bergzabern 196 

— Kleines Speisezimmer 197 

— Kath. Kirche in Ramsen . . . 198, 199 

— Hochaltar-Entwurf 200 

— Kirchenprojekt Wriezen "JOl 

— Projekt für die kath. Kirche in Ebern- 
burg 202 

— Kath. Kirche in Friesenheim .... 203 
~ Kath. Kirche zu Mörlheim 204 

— Projekt zur Erweiterung von Kirche 
nnd Pfarrhaus in l'rippstadt .... 205 

— Kath. Schulhaus in Biesingen .... 206 

— Marienheini in Speyer am Rhein . . 207 

— Kath. Pfarrhaus in Hornbach .... 208 

— Weingut >Im Forstgärtl« 209 

— Exerzitiensaal im St. Antoniushaus in 
Oggersheim 210 

— St. Antoniushaus in Oggersheim . . . 211 

— Kirchenprojekt 212 

— Zimmer und Diele im kath. Pfarrhaus 

zu Landau i. Pf 213 

Brom, Jan, Kommunionbank 132 

— Kanzel 132 

— Chorgiiter 133 

— Monstranz 134, 135 

— Altarleuchter 136, 137 

— Tabernakeltüre 136 

— Kanne mit Schüssel 137 

— Kelche 138, 139, 140, 141 

Buscher, Thomas, Hochaltar der St.Jo- 

hanniskirchc in Freisinn . . . 246, 247 

— Sakranienlsaltar in der St. Johannis- 
kirche in Freising 249 

Chiappani, B., Turmglocke ..... 56 

— Kirchenglocke 57 

Dazzi, Arturo, Kruzifixus 37 

Donnay, Aug., Kreuzigung 33 

— Anicunft in Bethlehem 34 

Engel, U'illy, An der Hobelbank . . . 126 
Engelhaft, Josef, St. Karl Borromäus zwi- 
schen Pestkranken 40 

— Arme und Elende 41 

— Karl- Borromäus- Brunnen in Wien . 43 

— Ferdinand Waldmüller-Denkmal ... 83 
Esbroeck, EduardVan,JesusinGethsemane 22.^ 

— Das Ankleiden des Täuflings .... 226 

— Ungerechte Verurteilung 227 



II. ABBILDUNGEN IM TEXT: 

Seite 
Esbroeck, Eduard Van, Wahrend der 
Beichte des Sterbenden 228 

— Beim Vurbeiziehen der Prozession . . 229 

— An der Wiege 230 

— Der Sohn des Künstlers 231 

— Jesus am Kreuze . • 233 

— Das hl. Abendmahl 235 

Esser, Karl, Corona- Leopardus-Schrein 

(Modelle) 10, 11 

Feurer, Michael, David 127 

— Singende Engel 127 

Flemmichs Söhne, A., Altar- Wandbehang- 
stoff 50 

Fugel, Gebhard, Golgatha 29 

— Jesus der Kinderfreund 30 

— Krankenheiking 31 

Gaudy, Adolf, Kath. Kirche in Romans- 

hörn 290, 291. 292, 293 

Gaudv,Adolf,Kath. Kirchein Rieden 294, 295 

— Kath. Kirche in Bristen 296. 297, 298, 299 

— St. Mauritiuskirche in Zermatt . . . 300 

— Kath. Kirche in Richterswil .... 300 

— Kaih. Kirche in Neudorf-St. Fiden . 301 

— Friedhofskapelle in Rorschach . 302, 303 

— Kath. Kiiche in Gerliswii 304 

Geys, Marie, Vorhang aus Leinen . . . 254 

Ginskey. J., AUarteppich 58 

Grünwald, Matthias, Beweiimng Christi 121 
Haggenmiiler, Prof., Hochaltar derStJo- 

hanniskirche in Freising 247 

— Sakramentsaltar in der St. Johannis- 
kirche zu Freising 240 

Halder, Franz, Meßkannchen 49 

Hortung, Max, Gartenpavillon 158 

Haverkamp, Wilhelm, Kreuztragung . . 114 

— Kreuzabnahme 115 

— Das Wunder der Brotvermehrung . . 116 

— Die Verwandlung von Wasser in Wein 117 

— I. Seligprcisung 118 

— St. Bonifatius 119 

— Fußwaschung 120 

Heemskeerk, Märten van, Beweinung 

Christi 242 

Heider, Hans, Im Park 96 

— Sonniger Tag 128 

Herterich, Ludwig, Pro mundi vita . . 24 
Hildebrandt, Georg, Gartenpavillon , . 160 

— Der Herbst 25 

Holub, Adolf O., Meßkannchen .... 49 

— Altar-Wandbehangstoff 50 

— Traghimmel 51 

— Altarteppiche 52, 58 

— Meßkleidung 53 

— Fronleichnamsfahne (Vorder- und 
Rückseite) 54, 55 

— Turmglocke 56 

— Kirchenglocke 57 

Hoser, Franz, Hl. Johann von Gott unter 

Kranken 20 

— Taufe Jesu 21 

Janssens, Jos., Bildnis Frau J. N. . . . 38 

Igl, Zwei Kelche (Ausführung) 95 

Immenkamp, W., Marietta 32 

Junk, Wilhelm, Christus im Grab ... 18 

Kacziäny, Ödön, Pietä 62 

Kau., Georg, Aus Nago 176 

— Ölbaume in Torbole 177 

— Ansicht von Torbole 177 

— Maria Verkündigung 178 

— Mädchen mit Kerze 178 

— Anbetung der Könige 179 

— Auferweckung des Jünglings zu P«Jaiml79 

— Hl. Joachim und hl. Anna 180 

— Bemalung von Apsis und Chorwand . 181 

— Anbetender Engel 182 

— Wettbewerb Pfcisee 183 



Seite 
Kau, Georg, Farbenskizze vom Jahre 
1913 zum jüngsten Gericht in Kaisers- 
lautern 184 

— Studie zum Christuskopf des Jüngsten 
Gerichtes 185 

— Akistndien 185 

— I. Kreuzwegstalion 186 

— XIV. Kreuzwegstation 187 

— Zinmier 188 

— Alte Dorfschmiede 189 

— Maria Tempelgang 190 

— Des Künstlers Töchterchen 190 

— Kircheninneres 191 

— Felsenpartie 192 

Klenze, Leo von, Königsbau in München 97 
Knackfus, P. Lukas, O. P., Erwartung 

des hl. Kreuzes 223 

Kronenbitter, Otto, Spätgotischer Kelch23G 

— Moderne Kelche .... 237, 238, 239 

— P.-xtenen 240 

Kuball, Christel, Geburt Christi .... 218 

— Christus am Kreuz 219 

— Jünglingsalter 220 

— Mannesalter 221 

— GreisenaUer 221 

Kunz, Fritz, Der Quell 305 

— Johannes, Jakobus, Petrus, Andreas . 306 

— Thaddäus, Paulus, Simon, Matthäus . 307 

— Jakobus und Thomas 308 

— Philippus und Bartholomäus .... 309 

— Auferstehung 310 

— Maria Verkündigung 311 

— Die Heiligen L^rsus und Viktor . . . 312 

— Die hl. Verena und Idda 313 

— Die hl. Agatha und Agnes 314 

— Hl. Familie 315 

Kuolt, Karl, Entwürfe für hölzerne Grab- 
kreuze 282, 283 

— OriginalentwüifefüreiserneGrabkreuze 

284, 285. 286, 287, 288 
Landenberger, Christian, Betendes Kind 124 
Lechner, Wilhelm. Gartenpavillon 158, 29 
Leyrer, Cosnias, Sakramentsaltar in der 

.St. Johanniskirche zu Freising . . .249 
Malczewski, Jacek von, Selbstbildnis . . 1 

— Chantas 2 

— Tobias 3 

— Die Kunst 4 

— Auferstehung 5 

^ Die Kunst auf dem Lande 6 

— Der Tod der Ellenai 7 

— Weihnacht 8 

— Eine unbekannte Melodie 9 

Morisse, Bernhard, Kruzifixus 157 

Moritz, Carl, Kath. Kirche in Habing- 

horst 112, 113 

Moser, Lucas, Leben der hl. Magdalena 109 
Muggenhöfer, Karl, Garienpavillon . . . 159 
Müller, Georg, Kreuztragung ..... 16 
Nockher, Ferdinand, Initialien 161, 165, 175 

— Zierleisten 161, 162 

— Vignetten 162. 165, 174 

— Familienanzeigen und Signets .... 163 

— Buchmarken 164 

— Exlibris 165 

— Monogramm , 175 

— Schlußvignette so 

— Winters Ende 369 

— Schneeschmelze 370 

— Abend im Vorfrühling 371 

— Der Frühling erwarbt 371 

— Sp.itherbst im Inntal 372 

— Winter im Inntal 373 

— Primeln 374 

— Kapuziner 375 

— Im Blütenschmuck 376 



vin 



^3 B. REPRODUKTIONEN ^3 



Seile 
Ondrusch, Paul, VII. Kreuzwegstation , 130 

— XIV. Kreuzwegstatioii 131 

Osterrieder, Sebastian, Krippe für Papst 

Plus' X HO 

— Krippe für die Stadtpfarrkirche St. 
Ludwig in Miinchen 111 

Fächer, August in, Fahne der Corpus 
Chri-ili-Bruderschaft in Dillingen . . 142 

— Zopfmeßgewänder 143, 144 

— Modernes Meßgewand 145 

— Zopfkasula 14G, 150, 151 

— Moderne Kasula 147 

— Große Kasula ... 148 

— Bursa zur großen Kasula 148 

— Palla zur großen Kasula 148 

— Kelchvelum .149 

— PluvJale 152 

— Velum 152 

— Kasula 153, 155 

— Paramente 154 

— Phiviale-Schlicße 156 

Payer, Alois, Portal-Tympanon .... 289 

— Der hl. Koiiradus 31ti 

— Die heiligen Johannes l'.apt. und 
Galliis 317 

Produktivgenossenschaft Wien, Tiag- 
himmel 51 

— Fronleichnamsfahne (Vorder- u. Rück- 
seite) 54, 55 

Rembrandt van Rijn, Jakobs Segen , . 129 

Rieber, Karl, Gartenpavillon 159 

Rieser, Michnel, Heilige Familie ... 65 

— Madonna 66 

— St. Anna 67 

— St. Stephan 68 

— St. Hieronymus 69 

— Tod des hl. Joseph 70 

— St. Joseph 71 

Ruckli', Louis, Kelch 255 

Rudolph, Jakob, Garienpavillon .... 160 
Samberger, Leo, Dr. Joseph Popp ... 25 

— Dr Georg von Orlerer ... - ... 26 

— Hofrat A. Wohlschläger 27 

Sand, Carl Ludwig, Mannlicher Kopf . 17 
Schäfer, Hans, Jubiläumsmedaille zur 

hundertjährigen Gedenkfeier der (le- 
selUchaft der Musikfreunde in Wien 64 

— Plakette auf den allgemeinen Berg- 
weikstag Wien 191 2 366 

Scheiber, Franz, Madonna 19 

Schiesil, Matthäus, Hochaltar der St. 
Johanniskirche in Freising . . 246, 247 



Seite 
Schneider, Hans, Medaille auf die Etiune- 
runasfeier an den eucharistischen Kon- 

grt ß in Wien i9r2..., 353 

Scholz, Heinrich, Marchenbrunncn . . 281 
Schönchen, Leopold, Vor Kronborg kreu- 
zend 63 

Schlich lin. Hans, Maria Heimsuchung 106 

— Maria Verkündigung 107 

Schwestern kongregation Wien, Meß- 
kleidung 53 

Steffen, Hugo, Denkmal für Kaiser Wil- 
helm 1 319 

— Denkmal für Prinzregent Luitpold von 
Bayern 320 

Stucke, Willy, Apsisgemälde 358 

— Majcstas Domini 359 

— Die hl. Apostel Petrus undjakobus d. J. 360 

— Hl. Andreas 361 

— Die Heiligen Matthäus und Simon . 361 

— Verehrung der Gottesmutter .... 362 

— Der hl.Joseph, -Schutzpatron der Kirche 363 

— Betende Engel 364 

Tautenhavn, Josef, Anton L'ruckner- 

Denkinal 125 

Thoma, Leonhard, Thronender Christus 257 

— Studienkopf 258 

— Der erschlagene Abel . 258 

— Evangelist Lukas 259 

— Evangelist Johannes 259 

— Maria Himmelfahrt 260 

— Auferstehung 261 

— Maria Heimsuchung 252 

— Pfingstfejt 263 

— St Georg tötet den Drachen .... 264 

— Hl. Cacilia 264 

— Martyrium des hl. Laurentius .... 265 

— Christi Himmelfahrt 266 

— Der lil. Laurentius zeigt die Schätze 
der Kirche 267 

— Studienkopf 268 

— Anbetung des Lammes 269 

— Kommet alle zu mir! 270 

— Der hl. Franziskus von Assisi .... 271 

— Tod des hl. Joseph 272 

-- Prophet Michäas 273 

— Immaculata 274 

— Enthauptung des hl. Johannes Bapt- 275 

— Zwei Kreuzwegstationen 275 

— Christus in der Rast 276 

— Herz Jesu 277 

— Studie 278 

— Dr. Franz Graf von Walderdorff ... 279 



Seite 
Thoma, Leonhard, Des Künstlers Bruder 280 

Tooby, Charles, Stilleben 122 

— Landschaft mit Pferden 123 

Wadere, Heinrich, Richard Wagner- 
Denkmal 60, 61 

Wink, Christian, Die eherne Schlange . . 256 
Winter, Theodor, Ruhe auf der Flucht 23 
V( ilte. Bernhard, Corona - Lcopardus- 

Schrein 10, 11. 13, 14 

Wo ter, Franz, Stille Nacht 22 

Zum Artikel von Dr. Damrich: Ein bis- 
her unbekanntes Dürerwerk.' Veronika- 
bild 215 

Zum Artikel von Dr. Oskar Doering: 

Zur Pacherfrage 250, 252. 253 

Zum Artikel von M. D. Henkel: Die Ge- 
mälde auf der Ausstelhmg frühhoHän- 
discher Kunst in Utrecht 241, 242, 245 
Zum Aitikel von Gustav Levering ; Der 
romanische Kreuzgang des Stiftes Neu- 
münster in WüTzburg 318 

Zum Artikel von Ferdinand Nockher: 
Die Schrift 166, 167, 168, 169, 170. 

171, 172, 173 
Zum Arlikel von S. Staudhamer : Ent- 
würfe für einen GartenpaviÜPn . . . 2.i 
Zum Artikel von Hugo Steffen : Die 
St. Moritzkirche in Halle a d. Saale 365 



Illustrationen zu kunsthistorischen 

Aufsätzen etc. 

Bogenrieder, Franz X., Die Wandmale- 
reien in der »alten Kiiche« zu Garmisch. 
Mit 12 Originalaufnahmen von Adal- 
bert Mayer, Kaplan in München-Nen- 
hausen 72. 73. 74. 75, 76, 77, 78. 79, 

80. 81, 82 

Braun, P.Joseph, S. J. Eine Kasi-1 des 
16. J;jhrhunderts und verwandte Para- 
mente 44, 45, 46, 47 

Levering, Gustav, Der KöiiiE>bau in 
München 97, 98. 99, 100 101, 102, 

103, 104, 105 

Staudhamer, S , Die Reiche KnpcUe in 
der Könit;Iichen Residenz zu ^l^mchen 

322, 323; 324. 325. 326, 327, 328, 329, 
330.331.332.333.334 335,336.337. 
338 339.340 341,342,343.344,345, 

346. 347, 348, 349, 350, 351, 352 



Nachbildung oder sonstige Verwertung der hier veröffentlichten Kunstwerke ist nicht gestattet. 







UJ 

> 




JACEK VON MALCZEWSKI 



SELBSTBILDNIS 



JACEK VON MALCZEWSKI 

Von BOLESLAUS MAKOWSKI 



Tn einer Zeit, die allen Nachdruck auf das 
^ Technische legt und das Gedankliche in der 
Kunst vernachlässigt, ist ein Künstler, in dessen 
Werk dieses Letztere das Wesen ausmacht, 
der dabei alle modernen Ausdrucksmittel be- 
herrscht, eine Erscheinung, die aut allgemeines 
Interesse Anspruch erheben darf. 

Jacek (Hyacinth) Ritter von Malczewski 
(spr. Maltschewski), geboren 15. Juli 1854 zu 
Radom in Russisch-Polen, machte seine Stu- 
dien unter Matejko in I^rakau, dann unter dem 



Deutsch-Franzosen Henri Lehmann in Paris, 
einem Ingres-Schüler. Er wurde Professor und 
ist gegenwärtig auch Rektor der Kunstaka- 
demie in Krakau. 

Zunächst wandte er sich patriotischen Stoffen 
zu und malte in den ergreifenden >; Etappen« 
die Leiden der Verbannten auf dem Wege nach 
Sibirien. Bald aber ging er zum Phantastisch- 
Symbolischen über, das er nunmehr vorwie- 
gend pflegt. Vielfach sind es allgemeingültige 
Probleme, die ihn beschäftigen, z. B. Tod, 



Die christliche Kunst. X. i. i. Oktober 1915. 



JACEK VON MALCZEWSKI ®S^ 




VON" MALCZEWSKI (KRAKAU) 



Geiimlt igij- — Text S.J 



Liebe, Kunst, Melancholie. Durch irgend- 
welches Beiwerk, dem alles Konventionelle 
fehlt, läßt er die Beziehungen zu der Idee 
ahnen, die er ausdrücken will. Es wird dem 
Beschauer nicht immer leicht, den sublimen 
Gedankengangen des Künstlers zu folgen und 
die Parallele restlos zu ziehen. Auch liegen 
seiner Erfindung nicht selten Stoffe und Ge- 
stalten der polnischen Poesie zugrunde. Diese 
werden nicht anekdotenhaft ausgesponnen, 
sondern der Meister stellt gewissermaßen 
über den Helden der Dichtung Reflexionen 
an, die nur mehr in losem Zusammenhang 
mit dem ursprünglichen Werke stehen und 
selbst dem literarisch gebildeten Landsmann 
nicht leicht auszudeuten sind. Ungeachtet 
dieser etwas willkürlichen Art des Künstlers 
bleibt das Interesse des Beschauers an dem 
Bilde rege wegen der großen formellen Vor- 
züge, die seinen Werken eigen. 

Als solche drängen sich jedem Beschauer 
vor allem auf: groß erfaßte und klar durch- 
geführte Komposition, scharf ausgeprägte Cha- 
rakteristik und vollendete Zeichnung. Seine 
Figuren sind voll Mark und Kraft, wie heraus- 
gemeißelt in plastischer Rundung und Schwere. 
Die Farbe, wenngleich mit der Bravour und 



Finesse moderner Technik angewandt, tritt 
der Zeichnung gegenüber an Bedeutung zurück. 
Wenn andere moderne Symboliker — ich 
denke hier an G. F.Watts, Stuck u. a. — sich 
in der Wahl ihrer Stofle an die Antike an- 
lehnen, entnimmt sie Malczewski dem mo- 
dernen Milieu. Das hindert ihn aber nicht, 
die gewohnten Gestalten des alltäglichen Le- 
bens mit seltsamen Vertretern einer andern 
Welt, mit Faunen und ähnlichen phantasti- 
schen Gestalten zu umgeben. Damit wird 
eine Note feinerlronie und gedämpften Humors 
in den strengen Ernst seiner Schöpfungen ge- 
bracht. Selbst in Porträts mag er auf solches 
Beiwerk nicht verzichten. Trotz dieses kosmo- 
politischen Spuks ist seine Malerei durchaus 
national. Nicht freilich in dem Sinne, wie man 
es vielleicht von einem Polen erwartet; nicht 
Aufstand und Kämpfe und Chargen der Reiterei 
sind sein Feld, aber die Personen und ihre 
Umgebung haben innerlich ihr durchaus hei- 
misch-völkisches Gepräge. Insbesondere gilt 
das von der Landschaft. Obwohl nur Hinter- 
grund seiner Gemälde, erfährt sie eine so 
selbständige Durchbildung, ist von so wuch- 
tiger Stimmung, daß man Malczewski unbe- 
denklich auch als Landschafter ansprechen 



JACEK VON MALCZEWSKI 



3 



kann. Die Einheit seiner Schöpfungen wird 
dadurch nicht zerrissen, weil Personen und 
Landschalt durch innere Beziehungen, wie 
Charaiiter, Stimmung, ferner durch wohl- 
abgewogenes Gleichgewicht unlöslich ver- 
bunden werden. 

Wenn auch die religiöse Malerei nicht im 
Vordergrunde seines Schaffens steht, so ist 
sie doch nicht unbedeutsam. Da die heiligen 
oder biblischen Stoffe in die Gegenwart über- 
setzt sind, so gilt hinsichtlich ihrer Beurtei- 
lung das oben Gesagte. Unter der realistischen, 
etwas rauhen Oberfläche ist religiöse Innig- 
keit und Gefühlswärme, gepaart mit Ernst 
und Würde — dies alles sozusagen konstitu- 
tive Elemente der religiösen Kunst — nicht 
zu verkennen (vgl. Charitas, Tobias, S. 2 u. 3). 
In Anbetracht dessen, daß die religiöse Malerei 
in dem Gesamtwerk des sehr fruchtbaren 
Meisters weder numerisch noch qualitativ den 
ersten Platz einnimmt, erscheint der entschie- 
den religiöse Idealismus um so bemerkens- 
werter, wie er ihn als sein künstlerisches 



Glaubensbekenntnis in einer zu Beginn des 
letzten Studienjahres gehaltenen Rektoratsrede 
in der k. k. Akademie der Künste in Krakau 
ausgesprochen hat (abgedruckt — in der Über- 
setzung — im Pionier 1913, Heft 5). Sie 
giplelt in den Sätzen: Drei Wege gibt's, den 
Menschengeist dem Throne Gottes nahe zu 
bringen: den Weg des Gebets (die Askese), 
den Weg der Liebe und den Weg der Wissen- 
schaft (die Erkenntnis der Wahrheit). Auf dem 
Wege der Liebe dehnt sich der Pfad der 
Kunst. Wir Künstler singen ein Magnitikat 
beim Anblick der Werke, die Gott geschaffen 
auf der Erde und im Weltall. Von den Wun- 
dern entzückt, mit denen er uns umgeben, 
wünschen wir schüchtern, ihm ähnlich zu 
sein, um ihn besser zu verstehen und zu 
lieben. So wagen wir es denn, die Schöp- 
fungen seiner Hand nachzubilden. Verzückt 
und demütig in der Arbeit des Nachschöpfens 
singen wir im Geiste den Hymnus der Liebe 
zu dem besten Vater für so viele Wunder 
und Wohltaten. 




]. VON ,\ULCZEWSKI (KRAKAU) 




Gemalt iSgS 
Text S. 7 



J. VON MALCZEWSKI (KRAKAU) 
töätsif^fSirsitSi DIE KUNST /a/Bi(arB)^/a 




Gemalt igoo 



J. VON MALCZEWSKI (KRAKAU) 
(axa/Si/sj AUFERSTEHUNG i&^is/si 



f5*^S lACRK VON MALCZEWSKI fS3 




J. VUN' MALC/.KWSKI (KRAlvAL) 



DIE KUNST ALT DEM LANDE 



Text S. g 



Zu einigen der beigefügten Bilder dürften 
erläuternde Bemerkungen nicht überflüssig 
sein. Der »Tod der Ellenai« (S. 7; nach der 
Dichtung »Anhelli« von Slowacki) schildert im 
Gegensatze zu anderen »Illustrationen« dich- 
terischer Werke von Malczewskis Hand den 
poetischen Vorgang schlicht und ohne grübleri- 
schen Symbolismus. Aus diesem Grunde, und 
weil er der zarten Lieblichkeit, die über diese 
Szene beim Dichter ausgegossen ist, nahe- 
kommt, gehört dies Bild zu seinen populär- 
sten und existiert in mehreren Varianten. Es 
sei hier gestattet, um die Leser den schönen 
Zusammenklang von Dicht- und Malkunst ge- 
nießen zu lassen, die betreffende Stelle jener 
romantischen Prosadichtung, die in Sibirien 
spielt, in etwas gekürzter Übersetzung zu 
geben: »Lange Trauer und Sehnsucht führten 
den Tod jener Verbannten herbei, und sie 
legte sich auf das Bett von Blättern zwischen 
ihre Rentiere, um zu sterben. Und Ellenai 
wandte ihre Saphiraugen, von Tränen über- 
gössen, dem Anhelli zu und sagte: Ich habe 
dich geliebt, mein Bruder, und verlasse dich. 
Und nachdem sie gesagt, wo er sie begraben 
solle — unter der Fichte, die in dem trau- 
rigen Tale stand, wünschte sie zu liegen — 
fragte sie: Was werde ich nach dem Tode 
sein? O, ich möchte irgend ein lebend Wesen 
bei dir sein, Anhelli, sogar ein Spinnlein, das 



dem Gefangenen lieb ist und auf dem crol- 
denen Sonnenstrahl herunterkommt, um von 
seiner Hand zu essen. Ich habe dich liebge- 
wonnen, wie deine Schwester und deine Mutter, 
ja noch mehr . . . Aber das Grab endigt alles. 
Und jetzt will ich meine Augen zur Königin 
des Himmels erheben und zu ihr beten. Ster- 
bend begann sie nun die Litanei zur Mutter 
Gottes zu beten, und als sie eben gesagt hatte: 
du goldene Rose, da hauchte sie aus. 

In dem Bilde > Weihnacht« (S. 8) bringen 
die drei Könige, als Männer aus dem Volke 
dargestellt, dem Kinde Geschenke, während 
Maria, die in der Hand merkwürdigerweise 
das wundertätige (schwarze) Madonnenbild von 
Czenstochau — es hängt auch über dem Bette 
der Ellenai — hält, sich drei Männern zu- 
wendet, die anscheinend eine höhere Gesell- 
schaftsklasse repräsentieren; hinter diesen be- 
tende Engel. Es ist dies eins von den vielen 
Bildern, worin Malczewski allen Beschauern 
ein schwer zu lösendes Rätsel aufgibt. Soll 
es bedeuten, daß arm und reich, hoch und 
niedrig sich an der Krippe einfinden mögen? 
Wie dem auch sei, jeder muß an diesen cha- 
raktervollen, echt Malczewskischen Köpfen 
seine Freude haben. 

Unklar bleibt auch der volle Sinn des 
Bildes »Der Künstler« (Seite 4). Ist diese 
geheimnisvolle Gestalt mit wenig verstand- 



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^S JACEK VON MALCZEVVSKI es^ 



liehen Attributen auf ihrem Rücken, die den 
Künstler bei seiner Arbeit unterbricht, und 
vor der er in ehrerbietiger Scheu die Augen 
senkt, ist es die Kunst selbst, die mit ihren 
ironisch oder schmerzhaft heraufgezogenen 
Brauen auf die Schwierigkeiten hinweist, die 
ihr Besitz mit sich bringt? Oder ist es der 
Ruhm, der nur zu gut seiner eigenen Unbe- 
ständigkeit sich bewußt ist? Oder ist es eine 
Eigenschöpfung, die eben im Geiste des Künst- 
lers ihr Sein begonnen? 

Die »Unbekannte Melodie« (Abb. unten) 
dürfte in den beiden prächtigen Kopten den 
Gegensatz zwischen rohem Sinnengenuß und 
ernster Entsagung darstellen. In so lapidaren 
Sätzen spricht nur ein großer Künstler. 

Ohne schwierige Gedankenprobleme bietet 
sich das Bild »Die Kunst auf dem Landes (Abb. 
S. 6) dar. Ein Faunbühlein hat sich in den 
Garten eines bescheidenen Landguts verirrt und 
findet für seine Kunst auf der Pfeife ein Publi- 
kum in einer kleinen Hirtin und ihrem Volk von 
Truthühnern. Während dieses der ungewohn- 
ten Darbietung volle Aufmerksamkeit widmet, 
ist seine Herrin darob in wortloses, verzücktes 
Sinnen geraten. Die meisterhafte Behandlung 
der Tiere und des Stückes Landschaft bedarf 
keiner besonderen Hervorhebung. 



EIN MEISTERWERK KIRCHLICHER 
GOLDSCHMIEDEKUNST 

(Hiczu die .\bb. S. lo — 14) 

A US der Werkstatt des bekannten Aachener 
•^ Goldschmiedes Bernhard Witte ist vor 
kurzem ein Werk hervorgegangen, dessen be- 
deutende Eigenschaften eine kurze Bespre- 
chung an dieserStelle rechtfertigen. Es handelt 
sich um den Schrein für die Reliquien der 
hl. Blutzeugen Corona und Leopardus. Erstere 
erlitt das Martyrium unter Mark Aurel, letz- 
terer unter Julian. Im Jahre 996 hat Kaiser 
Otto III. die ehrwürdigen Reste nach Aachen 
gebracht und im Münster beigesetzt; 19 10 
wurden sie erhoben, um fortan durch Unter- 
bringung in einem ihrer würdigen Gehäuse ^e- 
ehrt zu werden. Die Anregung hierzu stammt 
von dem seither verstorbenen Stiftspropste 
Dr. Beilesheim. Ausgeführt wurde das Werk 
vom Ende Dezember 191 1 bis August 1912, 
also innerhalb einer Frist, deren Kürze in 
Erstaunen setzt, wenn man den Umfang und 
die außerordentliche Subtilität der Arbeit be- 
trachtet. Die Kosten sind durch private Beiträge 
gedeckt worden; Dr. Bellesheim hat seinesteils 
nicht weniger als 1 1 000 Mark beigesteuert. 




]. VON MALCZEWSKI (KR.'^KAU) 



EINE UNBEKANNTE MELODIE 



Die chrisUiche Kunst X. 



10 




CORONA-LEOPARDUS-SCHREIN, VON BERNHARD WITTE, AACHEN 

Die Modelle zu den Figuren und Reliefs von Bildhauer Karl Esser, Aachen, — Text S. g'~i4 



1 1 



r 




CORONA-LEOPARDUS-SCHREIN, VON BERNHARD WITTE, AACHEM 

Die Modrlle zu dtrt Figuren und Reliefs von Bildhauer Karl Esser, Aacllen. — Text S. g—14 



12 ^ EIN MEISTERWERK KIRCHLICHER GOLDSCHMIEDEKUNST ^ 



Der Schrein hat eine Höhe von 95 cm bei 
einer Breite von 74 cm und besitzt die Ge- 
stalt einer byzantinischen Kirche; sie ist in 
der Grundform der griechischen crux quadrata 
erbaut und trägt über dem Schnittpunkt der 
Kreuzarme eine reich gezierte zwölfteihge 
Kuppel. Ersichtlich ist für die Fassung des 
Entwurfes das Vorbild mehrerer mittelalter- 
licher Reliquienschreine bedeutungsvoll ge- 
wesen; man bemerkt besonders den Einfluß 
gewisser Werke aus dem Weifenschatze, dem 
Darmstädter Museum, vor allem aber den des 
berühmten, in South-Kensington-Museum be- 
findlichen Schreines aus der Kölner Kirche 
St. Pantaleon. Es liegt nahe, sich dabei die 
Frage zu stellen, ob eine derartige Anlehnung 
an Denkmäler der Vorzeit zu den Aufgaben 
der modernen Kunst gehören kann. Ein ge- 
naueres Eingehen auf dieses Problem würde 
hier viel zu weit führen. Man dürfte wohl zu 
dem Ergebnis kommen, daß erstens eine solche 
vom Künstler selbst gewählte Abhängigkeit so 
lange nicht getadelt werden kann, als er im- 
stande ist zu beweisen, daß er die von seinen 
^'orbildern gegebenen Anregungen mit Frei- 
heit und Selbständigkeit neuschaff"end benutzt 
hat; das Gleiche haben auch zahllose andere 
Künstler alter Zeiten getan, deren Leistungen 
als bewunderungs- und nachstrebenswert da- 
stehen. Zum zweiten kommt die Sonderart der 
kirchlichen Kunst in Betracht, deren Wurzeln 
nun einmal in der Tradition stecken und aus 
ihr die Kraft zur weiteren Entwicklung ziehen. 
Wie stark modern der neue Aachener Reli- 
quienschrein übrigens neben aller Altertüm- 
lichkeit von Formen und Motiven ist, werden 
wir noch sehen. 

Betrachten wir ihn, nachdem wir uns fürs 
erste an der leuchtenden Pracht und dem 
harmonischen Reichtum des Gesamtwerkes 
mit seinen schimmernden Metallflächen, Email- 
len, Edelsteinen, Elfenbeinschnitzereien usw. 
erfreut haben, im einzelnen, so lesen wir zu- 
nächst die um den charaktervoll profilierten 
Sockel laufende, gravierte Stiftungsinschrift: 
»Sacra quae pius Otto III. Imperator Aquis- 
granum transtulit sanctorum Leopavdi et Coro- 
nae Martyrum ossa Dr. Alphonsus Beilesheim 
capituli Aquisgranensis praepositus in haue 
pretiosam thecam recludi curavit Pio X. papa 
Wilhelmo II. imperatore feliciter regnantibus 
A. D. MCMXII.« — »Der heiligen Märtyrer 
Leopardus und Corona geweihte Gebeine, 
die der fromme Kaiser Otto III. nach Aachen 
übertragen, hat Dr. Alphons Beilesheim, Propst 
des Aachener Kapitels, in' dieses kostbare Ge- 
häuse einschließen lassen unter der glück- 
lichen Regierung des Papstes Pius X. und des 



Kaisers Wilhelm II. im Jahre des Herrn 19 12.« 
Die Giebelseiten der Kreuzarme sind durch 
portalartige Triumphbögen aufgelöst, welche 
von je zwei emaillierten gekuppelten Säulen 
mit Elfenbeinsockeln und prachtvollen Kapi- 
talen flankiert werden. Die von den etwas 
unkräftigen Bögen, den Vertikal- und Hori- 
zontallinien gebildeten Zwickel sind mit Elfen- 
beinreliefs geschmückt, darstellend die natür- 
lichen und die göttHchen Tugenden. Die 
Flächen innerhalb der Bögen sind mit ge- 
triebenen Reliefs erfüllt; sie zeigen das Mar- 
tyrium der hl. Corona, das des hl. Leo- 
pardus, die Translation der Reliquien durch 
Otto III., die Erhebung derselben 1910. Sämt- 
liche vier Szenen besitzen schöne Verein- 
fachung; die Figurenzahl ist aufs äußerste 
eingeschränkt; die Hintergründe sind nur an- 
deutungsweise gegeben; die gesamte Arbeit 
hat etwas Flächiges und sehr Ruhiges; die 
Köpfe sind idealisiert und dennoch natura- 
listisch erfaßt. Stil und Durchführung dieser 
Reliefs haben etwas ausgesprochen Modernes, 
was ihnen eine Sonderstellung gegenüber 
dem sonstigen Figurenschmucke des Werkes 
verleiht, welch letzterer charakteristisch alter- 
tümlich ist und sich von jederlei malerischer 
Wirkung frei hält. In den Giebeln, die gleich 
den Dachfirsten mit prachtvoll gearbeiteten 
Kämmen besetzt sind, sieht man zwischen 
Edelsteinschmuck die Wappen Sr. Heiligkeit 
des Papstes Pius X., Kaiser Wilhelms IL, des 
Aachener Stiftskapitelsund des Dr. Bellesheim. 
Die Seitenwände der Kreuzarme sind mit je 
einer stehenden Engelfigur geschmückt; in den 
konvexen Wandflächen dazwischen stehen in 
Rundbogennischen die Statuetten der drei Otto- 
nischen Kaiser und Heinrichs IL, des Heiligen. 
Die Dachflächen sind mit ziegeldachartiger 
Zeichnung in sog. Emailbrun belebt. Dazwi- 
schen wächst der runde Mittelbau empor, wel- 
cher die Kuppel trägt. Sein Ansatz ist aufs 
reichste geziert, wobei Elfenbeinreliefs mit der 
Darstellung der vier Elemente die Mitte bilden. 
Sehr bemerkenswert ist der Kuppelbau. Nach 
der Art, welche auch an Architekturzeich- 
nungen früher mittelalterlicher Miniaturen und 
Wandmalereien häufig zu beobachten, ist die 
Kuppel in faltiger Form ausgeführt. So bilden 
ihre durch kräftige Gurte von einander ge- 
trennten, mit figürlichem und ornamentalem 
Emailschmuck überzogenen Flächen ein großes 
Zelt, welches von zwölf Säulen getragen wird, 
und jede rund hervortretende Kuppelfläche 
dient als der Baldachin für eine darunter 
sitzende Figur. Ihrer sind natürlich auch zwölf; 
den Anfang bildet Karl der Große als Er- 
bauer der Aachener Pfalzkapelle; von den 



13 




BERNHARD WITTE (AACHEN) 



KUPPEL AM COROXA-LEOPARDUS-SCHREIN 

Vgl. Abb. S- to un tt 



14 ^9 EIN MEISTERWERK KIRCHLICHER COLDSCHMIEDEKUNST 




TEIL VOM CORONA-LEOPARDUSSCHREIN 
l'gl. Aii. S II 



übrigen stehen außer der hl. Mathilde, 
der Gemahlin Heinrichs I. und Mutter 
Kaiser Ottos I., alle in Beziehung zur 
Person Ottos III. Es sind Gregor V., 
der auf \^eranlassung Ottos zum 
Papst gewählte Urenkel Ottos I.; 
der hl. Bernward, der Erzieher Ottos; 
Papst Sylvester II., des Kaisers Rat- 
geber; ferner der hl. Einsiedler Nilus; 
St. Adalbert von Prag, dem zu Ehren 
Otto looi eine Kirche auf der Tiber- 
insel erbaute an der Stelle eines 
alten Äskulap-Tempels — sie ist 
später dem hl. Bartholomäus geweiht 
worden. Des weiteren sehen wir den 
hl. Bischof Bruno; Romualdus; den 
hl. Stephanus von Ungarn; dessen 
Sohn St. Emericus; den hl. Erzbischof 
Heribert. Die hier angegebene Reihen- 
folge entspricht nicht derjenigen an 
dem Schreine. Sämtliche Figuren 
kennzeichnen sich durch Altertüm- 
lichkeit der Haltung, durch statuari- 
sche Ruhe aus; der Stil der Plastik 
ist bei ihnen wie bei den unten be- 
findlichen Engel- und Kaiserfiguren 
aufs strengste festgehalten. — Die 
Kuppel ist bekrönt mit einem Knaufe, 
der an der Unterseite die Symbole der 
vier Paradiesesströme, an der Ober- 
seite die der Evangelisten zeigt, beides 
im Zusammenhange mit den zuvor 
beschriebenen Reliefs der Tugenden, 
welchen man sie bei mittelalterlichen 
Werken häufig gegenübergestellt 
sieht. Ganz oben steht ein Kreuz 
mit Doppelbalken, nachgebildet dem 
sogenannten Lotharkreuze des Aache- 
ner Münsterschatzes; auch dies ein 
Hinweis auf die Beziehungen Ottos III. 
zu Aachen, der letzteres Kreuz hier- 
her geschenkt hat. — Das Münster 
der uralten Kaiserstadt, welches in 
früheren schlimmen Zeitläuften so 
viele seiner Kostbarkeiten einbüßen 
mußte, hat in dem Witteschen Reli- 
quienschrein einen neuen herrlichen 
Besitz gewonnen; unter den Leistun- 
gen der modernen Goldschmiede- 
kunst darf man dies Werk mit in die 
vorderste Reihe stellen, als Beispiel 
für die Lösung einer bedeutenden 
kirchlichen Aufgabe. 

Dr. Ü. Doering-Dachau 



<^^^^^ 



15 




FRANZ BERNAUER 



S. K. H. PRINZREGENT LUDWIG VON BAYERN 



XI. Internationale Kunstausstelhmg im Glaspalast München igrj 



i6 



XI. INTERNATIONALE AUSSTELLUNG MÜNCHEN 1915 C^ä 



DIE XI. INTERNATIONALE KUNST- 
AUSSTELLUNG IM GLASPALAST ZU 

MÜNCHEN 1913 

Von Oscar Gehrig 

Tu München gibt es verschiedene Möglichkeiten, inter- 
nationale Kunst zu studieren. Einmal in den privaten 
Galerien des Kunsthandels, mitunter in der ■ Secess'on« 
— der staatliche Besitz 
an Modernstem des In- 
und Auslandes ist von 
einer öffentlichen Be- 
sichtigung noch ausge- 
schlossen — insbeson 
dere endlich in den 
reich beschickten, pe- 
riodisch wiederkeliren- 
den Internationalen 
Ausstellungen desGlas- 
palastes. Sind hier 
innerhalb des großen 
Kreises unserer deut- 
schen Meister die Aus- 
länder eher geschlos- 
sen, repräsentativ ver- 
treten, so kommt in 
den kleineren Galerien 
die Qiialität und der 
Charakter des einzel- 
nen Werkes an sich 
besser zur Geltung als 
bei der fast überfülhen 
Kunstschau, auf der 
vor allem der ausge- 
sprochen sich von an- 
dern unterscheidende 
Rassentvp unsevn Au- 
gen sich darbietet. 
Führt dort das Einzel- 
werk zur Vertiefung ins 
Problematische, so reizt 
hier der Vergleich des 
künstlerischen Presti- 
ges der einen Nation 
mit dem der andern. 
Bedeutung anTiefe und 
Gehalt wie auch Quali- 
tät werden dann erst in 
zweiter Linie berück- 
sichtigt, gleichzeitig mit 
dem Feststellen der in- 
nerkünstlerischen Ent- 
wicklung einernationa- 
len Gruppe selbst, de- 
ren Berührungspunkte, 

falls solche gefunden werden können, mit den Kaclibarn 
oder den künstleriscli führenden Nationen, danacli aufzu- 
suchen wären. Somit sind wir bei der instruktiven Aufgabe 
dieser internationalen Veranstaltungen angelangt, die uns 
ob ilires zeitgemäßen Wertes die Schwierigkeit, Meere von 
Kunstwerken zu durchqueren, überwinden lassen muß. 
Ein Blick über das Ganze läßt uns sehen, daß abweichend 
von der mittleren Basis einer in sich gereil'ten, den Ruf der 
Gegenwart verstehenden Kunst stark fortschrittliclie Ele- 
mente, Wegsucher verscliiedenster Art, oft noch innerhalb 
einer einzelnen Gruppe, auftreten neben allzu konservativen 
Salonmalern ohne Salt und Kraft, nur voll geschleckter 
Süße, die somit aber noch einem ja nie und nirgends ver- 
schwindenden, vom Stande fortschreitenden Geschmackes 
unberührten Teile des Publikums Rechnung trägt. 




GEORG MÜLLER (MÜNCHEN) 

.VA Ititernaiioiiale Kunstaiisstellttn. 



Die deutsche, insbesondere die .Münchener Künst- 
lerschal't — offiziell die > Münchener Künstlergenossen- 
schaft« im Verein mit der »Münchener Secession« — 
ist Gastgeberin. Sie kann es mit Stolz und Recht sein; 
auch braucht ihr keineswegs um ilire Stellung inner- 
halb der großen internationalen Gesellschaft bange zu 
sein. Von den fast 3600 Werken der Malerei, Graphik 
und Plastik stellt Deutschland denn, voran die Mün- 
chener Künstlervereinigungen, ungefähr die Hälfte zur 
Schau. Aus diesem Grunde wie l'erner deshalb, weil 

uns diese Kunst am 
nächsten liegt, dürfen 
wir bei unserem Rund- 
gange durch die ge- 
samte Ausstellung zu- 
nächst mit der Bespre- 
chung der einheimi- 
schen Arbeiten begin- 
nen. 

Den höclistgeschraub- 
ten Maßstab in der 
künstlerischen Beurtei- 
lung wird man an- 
wenden, wie aber auch 
den größten Genuß 
finden, wenn man die 
Räume der M ü n c h e - 
ner Secession be- 
tritt. Hier ist unstrei- 
tig der Wille, ein 
künstlerisclies Bild von 
Einheit und Wucht dar- 
zubieten, zum Durch- 
brucli gekommen. Man 
rülmit vielfach die aus- 
geglichene Hängung, 
die nicht auf den Cha- 
raliter des Zufälligen, 
Temporären, Ausstel- 
lungsmäßigen zuge- 
schnitten, sondern von 
großen durchgreifen- 
den Gesichtspunkten 
aus geleitet ist. Das 
dekorative Moment, das 
Mißtöne ausschalten 
ließ, verhalf somit der 
einzelnen Qiialität zur 
ausgiebigen Wirkung. 
Die großen, zum Teil 
schon monumentalen 
Bildschöpfungen be- 
herrschen an exponier- 
ter Stelle nicht bloß 
ihres Formates wegen, 
sondern ideell und kom- 
positionell wie auch 
in koloristischer Hinsicht den Raum. Religiöse Stoffe 
geben hier meist das Thema zur Darstellung in großer 
Form ab, die bald mehr, bald weniger geeignet ist, 
starke innerliche Wirkungen hervorzurufen, wobei aber 
die Tatsache der rein künstlerischen Höchstleistung 
nicht ausgeschaltet ist. Stellen wir das Werk eines der 
Hauptverireter der jüngeren Generation voran, die 
i)Pietä< von Karl Caspar, die der Künstler, soviel ich 
mich erinnere, für die vorigjährige Monumentalausstel- 
lung in Dresden gemalt hat. Caspar ist in diesem Bild 
zu selbständiger Art gelangt, wiewohl bei teilweise un- 
verkennbarer Anlehnung an Altes. Der Künstler er- 
strebt einen monumentalem Stil und herbe Tiefe, die 
den Menschen die Wahrheit im Gewände einfacher 
Größe vor Augen führen will. Frühlinghafte Sonne spielt 



KREUZTRAGUNG 
^ Miituhen igij- — Text S- iS 



XI. INTERNATIONALE AUSSTELLUNG IN MÜNCHEN 191 3 



17 




CARL LUDWIG SAND (MCXCHEN.i MASXLICHEK KOPF 

Bronze. XI. InternationaU KunstaussUUuti g im Glaspalast München iqio. — Text S. 32 



Über der >Madonna< Becker-G undahls, die vom kon- 
ventionellen Schema ebensosehr abweicht, als sie sich über 
aUtäglich erscheinende Gestahen emporschwingt zu ed- 
ler Reinheu; echt deutscher lyrischer Sinn hat hier 
seinen malerischen Ausdruck gefunden, eine Innigkeit, wie 
wir sie ähnlich im deutschen Quattrocento wiederfinden. 
Die große Grablegung »Pro mundi vita« des feinsinnigen 
Experimentators Ludwig Herterich hält uns weniger 
seelisch durch ihren Inhalt gefangen als vielmehr durch 
die Art der Darstellung und die Macht seiner farbigen 
Gestaltung (Abb. S. 24). Ins Dramatische übersetzt 
■ward das weltgeschichtliche Ereignis der >Kreuzigung« 
in dem Bilde Franz Stucks, der das Thema neuartig 
aufgefaßt hat. Die äußerste Sparsamkeit an Personen 
selbst wie an künstlerischen Requisiten erhöht den großen 
Eindruck. Technisch vollendet, in den Formen edel und 
streng, müssen wir dieses Werk nennen ; man beachte 
nur das Profil des Gekreuzigten, .^ngelo Jank und 
Conrad Hommel haben sich in ihren offiziellen Por- 



träts großen Stiles mit Glück aus der Affäre gezogen 
durch ihre ausgestellten Bravourleistungen, wenn man 
auch ihre freien Malereien viel höher einschätzen muß 
in der künstlerischen Beurteilung, da hier die Farbe nicht 
im gewohnten Maße in schönen Tönen spielt; ich 
verweise in diesem Sinne nur auf den bräunlich-schwarzen, 
lichtlosen Schatten im Inkarnat sowohl auf dem >Reiter- 
bildnis Herzog Carl Eduards von Sachsen-Coburg-Gotha« 
Janks als auch in Hommels >Jägerbildnis<i. Ein fein- 
fühliger Erzeuger volltönig-farbiger Akkorde, überzogen 
von prächtigem Schmelze, ist Gustav Jager spa eher , 
der eine malerisch fein vorgetragene »Kreuzabnahme« 
geschaffen hat neben einem großen »Damenbildnis«, das 
ich für eine der glänzendsten Leistungen, die der Glas- 
palast heuer in sich birgt, halten möchte ob ihres Raffine- 
ments der kompositionellen und farbigen Aufteilung; da- 
bei läßt es der Künstler mit den knappsten Mitteln be- 
wenden; man achte auf die Tonschönheit und die Ge- 
bundenheit seiner Lokalfarben unter sich. Wenn wir nun 



Die christliche Kunst. X. i. 



i8 



^3 XI. INTERN ATIONAE AUSSTELLUNG IN MÜNCHEN 191 3 e^ 




WILHELM JUNK (BOPPARD A. RHEIN') 



Untersherger Marynor. — XI. Internationale Kunstansstellung Mihichen igts. — Text S- 32 



CHRISTUS IM GRAB 



einmal vom Bildnis handeln, so fallen uns gleich auch 
Leo Sambergers Porträtwerke auf (Abb. S. 25 — 27). 
Diesmal steht das Bildnis >Dr. Jos. Popp« wegen sei- 
ner Einheitlichkeit und ruhigen Wirkung den beiden 
andern Stücken, die wieder andere Reize besitzen, 
voran. Das lichtdurchflutete > Selbstbildnis« von Ri- 
chard Winternitz reiht sicli den bisherigen Schöpfungen 
dieses soliden Könners würdig an. Haber manns 
Gemälde können diesmal auf uns keinen besonderen 
oder neuartigen Eindruck machen ; dagegen überrascht 
Albert V.Keller immer wieder durch die gleißenden 
Farbenspiele auf seinen Damenbildnissen; eine brillierende 
Kunst; man mag sich zu ihr stellen, wie man will. Albert 
Weisgerber hat in seinen drei Bildern weniger kom- 
positioneile Motive behandelt, als vielmehr unter Verzicht 
auf die gegenständliche Bedeutung malerische Cluali- 
täten geschatl'en, die ihn noch mehr als trüber im Geiste 
seines Meisters Cuzanne zu großer Einfachheit und far- 
biger Einheit gelangen lassen; so der >Akt auf dem 
Balkon« und auch der »Junge mit Maske«. Noch müß- 
ten wir vieles Treffliche, was in den Räumen der 
Secession vereint ist, herausgreifen, seine Wandlung 
gegenüber früherem oder seine jetzige Bedeutung unter- 
scheiden ; aber es sind ja noch so viele Verbände und 
Künstler hier vertreten, die zu besprechen uns obliegt. 
Und wo bliebe erst die Plastik? So seien nur noch 
kurz genannt mit hervorstechenden figürlichen Arbeiten 
die Münchener Ad. Hengeler (Legende), Jul. Diez, 
Schramm- Zittau, Josef Kühn jr., dessen »Weißes 
Sofa« eine geradezu entzückende Malerei ist, Josse 
Goossens, Leopold Dur m (»Damenbildnis«), Max 
L'nold (»Dame in Blau«), Paul Roloff (»Sitzendes 
Mädchen«), Hermann Gröber und H ans v. Hayek, 
Ernst Burmester, Josef Damberger, Oskar 
Graf und Max Kusche 1. Von auswärtigen Mitglie- 
dern der Secession sind glücklich vertreten die Berliner 
Philipp Frank, Ernst Oppler, Ernst Stern, die 
Bildnismaler Fritz Burger undjos. Oppenheim er, 
ferner die Dresdener Richard Müller, Emanuel 
Hegenbarth und Meyer-Buch wald; Wilhelm 
Trübner hat aus Karlsruhe das Reiterbildnis »Groß- 
herzog Friedrichs I.« gesandt, neben einer Landschaft 
aus seiner mittleren und einem Interieur aus seiner 
neuesten Zeit. Die Stuttgarter Landen berger, 
F a u r e und H a u g , die uns zwar kaum Neues zu sagen 
haben, seien nicht vergessen neben Ludwig v. Hof- 
mann aus Weimar. Und nun noch kurz die Land- 
schafter: voran Julius Seyler und Maria Caspar- 
Filser, die sich auf fortschrittlichem Boden bewegen; 
ihnen reihen sich typische Secessionisten, die sich mit- 
unter aber noch überraschend zu wandeln vermögen, 



an wie Albert Lamm, Karl Reiser, Paul Crodel, 
Toni Stadler, Rieh. Pie t zsch, Benno Becker, 
Buchwald-Zinnwald, Felix Burger, Ludwig 
V. Zurabusch, OttoBauriedl, Eduard Stepp es 
und Richard Kaiser. Noch wollen wir auf die ge- 
schmackvollen Stillebenmalereien von Julius Heß zu- 
rückkommen, die, von Frankreich beeinflußt, dem ver- 
wöhntesten Auge Rechnung zu tragen vermögen; mit 
weiteren Stilleben sind Rud. Nissl und Carl Piepho 
gut vertreten; Ch arles Vetters tonig-schöne »In- 
terieurs« sind bekannt wie auch die Tierbilder von 
Toobv. Äußerst interessant zu studieren sind die 
vielen flotten und abwechslungsreichen Blätter in den 
graphischen Kabinetten dieser Gruppe, wo uns gleich 
bekannte Namen wie Alois Kolb, Willi Geiger, 
Karl Schwalbach, Ernst Oppler, Emil Orlik, 
Ferdinand Spiegel, Heinrich Kley oder Karl 
Bauer entgegenleuchten. Wichtiger aber noch ist viel- 
leicht die plastische Abteilung, die neben einer Reihe 
gut gebauter Gruppen und Einzeltiguren wieder meister- 
liche Büsten in sich birgt und auch verschiedene nennens- 
werte Leistungen auf dem Gebiete der Tierplastik. Da 
sind es vor allem zwei Gruppen, die unser Interesse 
auf sich lenken: die »Kreuztragung« (Modell für den 
Ostfriedhof München) von Georg Müller (Abb. S. 16), 
und Josef Fass nach ts »Ecce agnus Deii (Abb. nach 
S. 24). Beide zeugen von durchgreifendem plastischem 
Sinn, sind Beispiele großer, hehrer Auffassung des The- 
mas, das künstlerisch geschlossen veranschaulicht, psy- 
chische Wirkungen in dem Beschauer auszulösen vermag. 
Redet in dem ersten Werke der tragische Ernst des Er- 
lösungswerkes zu uns, so vernehmen wir in der zweiten 
Gruppe, wo der Christusknabe und Johannes der Täufer 
vor der Madonna uns gezeigt werden, heilige Mahnungen 
in milder Form. Die »Eva« von Alexan der O p pler 
und die »Kauernde« von Fritz Klinisch sind meister- 
hafte Lösungen figürlicher Art, die ebensowenig über- 
gangen werden dürfen wie des Letztgenannten »Max 
Liebermann-Büste«. Des weiteren haben noch treffliche 
Bildnisse in Marmor oder Bronze ausgestellt Erwin Kurz 
(den Dichter Hermann Kurz), Georg Schreyögg, 
Ulfertjanssen, Hermann Hahn (Excellenz Heigel), 
Fritz Behn, CA. Hermann (Prinzregent Ludwig 
und Billing-Büste), ferner Josef Flossmann (Frauen- 
bildnis) und Hans Braun (Frau Ceco); HansPera- 
t hon er hat Professor Dörpfeld und Bernhard Bleeker 
Professor Neißer gebildet. A d o 1 f v. H i 1 d e b r a n d ist 
heuer mit einem Relief im Kreise der Jüngeren ver- 
treten. Teils naturalistisch aufgefaßt, teils stilisiert sind 
die Tierplastiken aus den Händen des Malers Schramm- 
Zittau, der Bildhauer Fritz Behn oder Willy 



19 




FRANZ SCHEIBER MADONNA 

A7. Iiiternalionale Kunstausstellung im Glaspalast München igi3- — Text S. sS 



20 




XI. Internationale Kunstausstellung 
o München 1913. — Text S. 32 00 



(Sj^ia.s/a FRAXZ HOSER (MÜNCHEN) <si«i/s«i(a 
HL. JOHANN VON GOTT UNTER KRANKEN 



XI. INTERNATIONALE AUSSTELLUNG IN MÜNCHEN 191 3 



21 



Zügel. Als treffliche Medail- 
leure bewähren sich Ludwig 
Eberle, Theod. v. Gosen 
und Hans Schwegerle; aber 
auch die nicht Genannten entbeh- 
ren keineswegs der Vorzüge, wie 
wir sie bei den erwähnten Künst- 
lern konstatieren durften. 

Wir wenden uns nun zur 
hauptsächlichsten Gastgeberin im 
Glaspalaste, zur Münchener 
Künstlergenossenschaft, 
diein ihren Sälen noch den Künst- 
lern aus dum übrigen Deutsch- 
land Raum gewährt hat. Hier 
tritt uns vielfach eine Kunst ent- 
gegen, die wir in diesem Ge- 
wände wohl schon ein Men- 
schenalter hindurch kennen ; ein 
gewisses Gleichmaß herrscht vor, 
Stürmer und Dränger kommen 
da nicht sehr zum Worte ; wohl 
aber hat der eine oder der an- 
dere aus der älteren Generation 
vor wenigen Jahrzehnten noch 
als Revolutionär gelten mögen, 
heute ist dem nicht mehr so. 
Auf festgefügte begründete Soli- 
dität wird hier Wert gelegt; die 
gute — dürfen wir es schon 
sagen? — alte Schule verlangt 
das. Hier überwiegt somit auch 
diejenige Kunst, welche die 
meisten Besucher, die sich nicht 
gerne in >Problemc« vertiefen 
wollen oder können, am liebsten 
betrachten, wo sie am längsten 
verweilen. Wir werden übrigens 
in manchen Sälen des Auslandes 
ähnliche Züge wiederlinden. Und 
doch bürgt die außermünchneri- 
sche, deutsche Künstlerschait 
auch dafür, daß gerade sie mit 
einem Bruchteile der Genossen- 
schaftsmitglieder krältigen Gegen- 
wartshauch in sich verspüren, daß 
sie, wenn auch nicht gerade 
durchaus eigene Wege, doch die 
Bahn beschreiten, die die Einfluß- 
reichsten unserer Tage für unser 
Jahrhundert vorbereitend gebro- 
chen haben. Dabei wird es sich 
in der Hauptsache um rein male- 
rische Werte zu handeln haben. 
Um nun aul's konkrete Material 
selbst zu sprechen zu kommen, 
was sollen wir heute noch Neues 
vorbringen für oder auch gegen 
die altbekannten Arten, Techni- 
ken und beliebten Gegenstände 
der Darstellung, die wir aus den 
Meeresschilderungen Hans von 
Petersens, des ersten Präsi- 
denten der Ausstellung, die wir 
ferner aus den Werken F. A. v. 
Kaulbachs, Ed. Grützners 
oder von Gabriel v. Max ken- 
nen; ebenso vertraut sind uns ja 
die Kätzchen eines Jul. Adam, 
die Rokokoszenen von Franz 
Simm, Raupps »Chiemsee- 
bilder ". oder die treffliclien Isar- 




FRANZ HOSER 



TAUFi; JESU 



P/eilergruppe 
AitssieUuitg für christliche Kjinsi in Paderborn tgrj 



22 



XL INTERNATIONALE AUSSTELLUNG IN MÜNCHEN 1913 




FRAXZ WO LT HR 

XI. biteritationale KuttstaussU-Uutig im Giasf-alast Münche. 

tallandschaften von Josef \V englein. Immer wieder 
wird man trotz allen Respektes vor den bekannten 
Alten sein Augenmerk den noch Werdenden zuwenden 
müssen. So freuen wir uns elirlich über Hugo Kre\'s- 
sigs keck hingesetzte Landschaften; verhahener sind da- 
gegen die Bilder von Gilbert v. Ca na 1, E.W. Comp- 
ton oder Ludwig Bolgiano; einer lieben, kräftigen 
Landschaftskunst befleißigen sich auch Fanny Geiger- 
Weishau p t und Paul Thiem; wie breit und wuchtig 
in den Tönen aber ist die Malart Peter Paul Mül- 
lers in seinen ^ Tausendjährigen Eichen«, ganz dem 
Gegenstande angepaßt; dies Bild erinnert in der Farbe 
wie in der Art des Vortrags stark an den Impressio- 
nismus des späten Eugen Bracht, von dessen Hand 
wir in den Sälen der Künstlergenossenschalt ja auch 
zwei treffliche farbensprühende \N"erke sehen : eine 
luministisch schön aufgefaßte »Kirschenallee« und ein 
»Eichen« betiteltes Bild, in dem der Meister dem schwie- 
rigen Problem der Sonnendarstellung nachgegangen ist. 
Noch hätten wir Fritz Bayerlein mit tonsatten, ge- 
reiften Schöpfungen (Gewitter, .^us Nymphenburg) an- 
zuführen. 

Auch einige treffsichere, technisch bravouröse Por- 



trätisten können wir aus 
diesem Münchener Kreise 
anführen; so Thomas 
Baumgartner (Exzellenz 
General v. Keller), Franz 
Ondrusek (Ernst v. Pos- 
sart), nicht zuletzt der 
Frauenmaler Boleslav 
S z a n k o w s k i (Gräfin Prey- 
sing), der mehr lyrisch an- 
gehauchte Simon Glück- 
lich oder \V a 1 1 h e r 
Thor und Max Doer- 
ner, welche wiederum 
mit breitem Pinsel fest zu- 
greiten. Ein allerliebstes 
Bildchen ist Wilh. Im- 
me n k a m p s t Marietta « 
(Abb. S. 32). Von den vie- 
len übrigen Gemälden figür- 
lichen Inhalts führen wir 
noch das auch als Interieur 
so ausgezeichnete Stück 
»Großmutter und Enkel« 
von Hans Best an neben 
August Roeselers 
»Kaufvertrag«, H. Rettigs 
Aquarell »Alleweil arbei- 
ten«, Rud. Schiestls 
»Sauhirte«, Harald Till- 
bergs »Raub der Europa« 
(trotz mancher Schwächen 
in .-Auffassung, Komposition 
und Kolorit) oder das an- 
mutige, mit echt deutscher 
.Akribie durchgeführte »Brü- 
derchen und Schwester- 
chen« von Jos. Beckert 
von Frank. Über all dem 
hätten wir fast die lebens- 
frischen Tierstücke eines 
Paul Leuteritz verges- 
sen; aucli gelte unser Au- 
genmerk noch den Werken 
religiösen Inhaltes von Mit- 
gliedern der Künstlerge- 
nossenschaft. Defreggers 
jungfräuliche »Madonna«, 
Übergossen von elfenbei- 
nernem Schimmer, ist durch die vielen Reproduktionen 
nur zu bekannt, vielleicht bringt ihr dies einen Eintrag; 
man wird dadurch immer zu sehr auf die zarte Süße 
des Bildes hingelenkt. Heinrich Rettig hat mit 
glühenden Farben eine große »Madonna« aquarelliert, 
die aber über die Bezeichnung einer »Heiligen« kaum 
hinauskommt; als Aquarell ist das Bild eine gute Lei- 
stung. Georg Papperitz hat ein mächtiges Tri- 
ptychon »Christus« geschaffen, das im ganzen ernst 
stimmt, wiewohl man hier über die stark sentimentale 
Farbengebung und die Unrulie des Mittelbildes sich erst 
hinwegsetzen muß ; am eindrucksvollsten ist noch die 
Pieiä der Predella. Durchaus anders geartet sind die 
einem großen Stile zustrebenden Werke von Gebhard 
Fugel. Für sich genommen werden muß die noch 
rein räumlich und zeichnerisch realistisch aufgefaßte 
Studie »Krankenheilung» ; die einzelnen Typen sind 
überzeugend dargestellt ; ein Sinn für das Orientalische 
spricht aus dem Bilde (.Abb. S. 51). .Auf die Wirkung 
durch die Einfachheit in der Komposition wie in den 
Tönen geht Fugeis »Golgatha« aus (Abb. S. 29); schade, 
daß dies Bild ob seiner Nachbarn nicht ungestört 
die Empfindungen in uns auszulösen vermag, die da- 



STIL LH X.^CHT 
— Text S. 23 






grs XI INTERNATIONALE AUSSTELLUNG IN MÜNCHEN 191 3 ©^ 23 




THEODOR WIXTER (DÜSSELDORF) 

-VA Internatiotiale Kunstausstetiun^ im Glas^alr.st Miinchen ig 13. 



RUHE AUF DER FLUCHT 
Text S. 28 



rin liegen und die wir in einer Kapelle, von leisem 
Düster umspielt, erleben würden ; wie müßte da die 
Mandorla hinler den Kreuzesbalken zu leuchten beginnen. 
Der ijesus als Kinderfreund« Fugeis (Abb. S. 30) ist 
von frühlinghafter Sonne beleuchtet und von rauschender 
Blütenpracht durchweht; es ist ein liebes Bild, das dem 
Thema gerecht zu werden weiß. Intim berührt uns 
ob seiner Schlichtheit Franz Wolters »Stille Xacht«; 
durch einen Vorraum sieht man hinter einer offenen 
Tür in goldgelbem Lichte die Hl. Familie erstrahlen, 
während der Vordergrund, der kaltblaue Helle von 
rechts oben her erhält, in wirksamem Kontrast grün- 
lichblau schimmernd sich abhebt (Abb. S. 22). 

Unter den auswärtigen deutschen Künstlern, die zu- 
sammen mit der Münchener Künstlergenossenschaft aus- 
gestellt haben, findet man manchen Bekannten mit dem 
einen oder andern tüchtigen Werke vertreten wieder. 
Ich denke da gleich an die beiden Porträts von dem 
Berliner Rud. Schulte im Hofe, der mit feiner Be- 
obachtungsgabe ausgestattet ein charakteristisches Bild- 



nis des Direktors des Kaiser-Friedrich-Museums, Dr. 
Max Friedländer, geschaffen hat gleichzeitig neben 
einem Herrn in weißem Skikleide, ein Bild, das beson- 
ders ob seiner zarten, spielenden, winterliche Stimmung 
wiedergebenden Farbe uns so angenehm berührt. Fried- 
rich Kall morgens kräftige Art, Hafenbilder zu 
malen, ist bekannt; geradeso tüchtig fast sind die In- 
dustriebilder von Leonhard Sandrock, dessen »Bahn- 
bau« wir eigens hervorheben; hier haben wir einen 
guten Schlag echt deutscher Impressionisten vor uns. 
Das gilt zum Teil auch noch von dem aber schon wieder 
auf große Form im Sinne dekorativer Wirkung und starke 
leuchtende Lokaltöne ausgehenden H ugo Vogel, wo- 
für sein großes Bild »Heimkehrende Ochsen« zeugen 
mag. Der Dresdener Landschafter Otto Altenkirch 
ist mit seinem »Alten Herrenhaus« würdig auf der Aus- 
stellung vertreten; von Eugen Bracht haben wir oben 
schon gehandelt. Und nun zu den Karlsruhern, die 
eine Reihe guter Malereien gesendet haben. Zunächst 
RudolfHellwag, der in so satten, einfachen Tönen 



24 ^3 XI. INTERNATIONALE AUSSTELLUNG IN MÜNCHEN 1913 C^ 




LUDWIG HERTERICH 



PRO MUNDI VITA 



XT. htternathnak Kututa7isstetlun^ im Glaspalast München rgrj. — Text S. 77 



— ein Meister des Braun und Grau — seine englischen 
wie französisclien Hafen- und Parl;bilder hinsetzt; sein 
»London Bridge« ist mit malerischen Augen betrachtet 
wieder einmal eine Erlösung, wenn man beim Durch- 
wandern der Säle auf so vieles Unpersönliche, oft schon 
Gesagte hinblickt. Alice Trübner meistert in ihren 
Stilleben und Landschaften wie selten eine Frau den 
Pinsel bei ihrem Willen zur »technisclien Vereinfachung 
der Darstellung«, was ihre »Flaschen« auch heuer wieder 
deutlich beweisen. Und Friedrich Fehrs Soldaten- 
bilder; wie sie blinken und blitzen, das ist auch noch 
so ein schwerblütiger deutscher Liclitmaler, für den 
die blanken Kürassieruniformen gerade den malens- 
werten Gegenstand abgeben. Eine solide Kunstweise 
stellt Willi. Nagels »Rheinaltwasser« dar, während die 
Parklandschaften von Hermann Göhler etwas konven- 
tionell und gar schwer in der Farbe erscheinen. Die 
Szene »Im Armenhaus« von Sehn eider-Blum berg 
muß als ein gutes, mit ehrlichen Mitteln durchgefülirtes 
Schulbild bezeichnet werden, und das »Uildi:'s des Malers 
Boehme« von Emil Firnrohr befriedigt wieder ein- 
mal im Gegensatz zu den leicht allzu offiziellen süü- 
liclien Arbeiten dieses jungen Malers. Aus der Gra- 
phischen Abteilung der Künstlergenossenschaft 
heben wir die Industriebilder der Karlsruher Radierer 
Sal. Sigrist und Erwin Pfefferle hervor, dann 
die Arbeiten der Münchener Ph. Roth, Ferd. Stae- 



ger, vor allem die »gotischen« und »romanischen Stein- 
metzen« von Matthäus Schiestl ivergl. diese Zeit- 
schrift Jahrgang III, S. 140), ferner Hans Hammer, 
Gino Parin, Hugo Kreyssig und die Berliner Ernst 
I.übbert, Paul Paeschke, zuletzt noch Emile Zoir. 
Wenden wir uns, bevor wir mit der Besprechung 
der noch übrigen münchnerischen und deutschen Pla- 
stik beginnen, zunächst den Malereien derLuitpold- 
gruppe und des Küns t lerb u ndes Bayern zu, 
woran sich dann die nennenswerten Werke aus den 
eigenartigen »internationalen« Sälen anreihen sollen. 
Vergleicht man die genannten Verbände als solche mit 
der Künstlergenossenschaft, so wird man sagen müssen, 
daß in ihnen — von der Secession natürlich ganz abge- 
sehen, wo wir ganz andere Maßstäbe anlegen müssen — 
»für die jungen Talente mehr Luft« ist. Ob sie aber 
auch immer stark sind, muß bei Gelegenheit beant- 
wortet werden. Sicher stark sind die Bewährten, von 
denen wir zunächst zu handeln haben, wie Fritz Baer, 
in dessen Gebirgslandschaften es wild wogt, wo Linie 
und Farbe gleich ihrem Urbilde in der Natur nicht 
zur Ruhe kommen wollen. Ein gleiches Tempera- 
ment, nur auf dem Gebiete der Figurenmalerei, ist 
doch auch Walter Sclinackenberg, wie seine er- 
regte »Revolution« bekundet, deren kompositioneller 
und koloristischer .AuRiau ein so geschlossenes Ganzes 
ergibt; wenn man ihn als einen »deutschen Gova« (hoch 




JOSEPH FASSNACHT [MÜNCHEN] 



ECCE AGNUS DEI (MARMORJ 



XI. Internationale Kunstausstellung München 1913 



25 




XI. Internationale KunstanssteUung im 
Claspalasi Miinchcn igi}. — Text S. iS 



LEO SAMBERGER 
DR, JOSEPH POPP 



Die chilsUlche Kunst. X. i 



26 




XI. Internationale Kunstausstellung im 
Glaspalast München tgij. — Text S. i8 



rtB/a LEO SAMBERGER /s/a 
DR. GEORG VON ORTERER 



2/ 




JCl. Internationale Kunstausstellung im 
Glaspalast München igrj- — Text S. iS 



^«/a LEO SAMBERGER /a/a«. 
HOFRAT A. WOHLSCHLÄGER 



28 



XI. INTERNATIONALE AUSSTELLUNG IN MÜNCHEN 1913 



eingeschätzt) bisweilen bezeichnen mag und seine Hin 
neigung zu Daumier nicht verkennt, muß man doch zu- 
gestehen, daß er sich zeitig von seinen Vorbildern be- 
freit hat, so daß seine Kunst gerade durch die selb- 
ständige Farbenwahl eine glückliche Synthese darstellt. 
Und Julius Exter, der Experimentierer, hat er in 
seinem »Farbenspiel« uns nicht ein Bild vorgezaubert, 
wie es glühender und malerisch fesselnder kaum mehr 
gegeben werden kann: Dabei ist die Komposition trotz 
ihres scheinbaren Raffinements so selbstverständlich und 
darum auch gut. Wenn wir nur von solider Malerei, von 
in sicli fertiger Kunst reden wollen, müssen wir Bilder 
erwähnen wie J oseph Sailers i Dachauer Bäuerinnen 
im Festschmuck«. Dagegen ist Eugen I-'eiks viel ab- 
strakter, ein Dränger auf seine Weise, der verblüfft durch 
seinen kühn wiedergegebenen »Billardsaal«; ein ganz 
kleines Bildchen nur; abstrakt muß auch die Art eines 
Harry Schultz, der vom Holzschnitte her bekannt ist, 
genannt werden, man sehe sich darum sein auf Rosa 
und Schwarz gestimmtes »Damenbildnis« mit der denk- 
bar einfachsten Silhouettierung an. Dies Bild erinnert 
wieder an eine Kunst der neunziger Jahre, als Engländer 
wie T. Austen Brown bei uns Schule machten. Die 
»Studie« von Wera von Bartels reihe sich wegen 
ihrer Ursprünglichkeit und Lebendigkeit hier an. Noch 
einige Landschafter: Hans Heider mit seinen flim- 
mernden, lichtdurchfluteten Bildern oder der Impres- 
sionist Rud. Gönner, der — so eigenartig es klingen 
mag — etwa zwischen einer Kunst wie die Palmies und 
Schramm-Zittaus zu stehen kommt (vgl. Golf von Triest), 
und dagegen wieder ein Künstler mit so ausgeprägtem 
Sinne für die Linie wie der Darmstädter üb belohde. 
Von dem K ü n s 1 1 e r b u n d B a y e r n sind vor allem die 
uns als Gründer noch bekannten Männer nennenswert 
vertreten. Über Carl v. Marr, Carl Bios, Her- 
mann U r b a n oder gar Rud. S i e c k wird hier nicht 
viel gesagt werden können. Stark für den Bravourmaler 
Hans V. Bartels ist diesmal auch der »Alte Kapitän«. 
Ernst Liebermann hat zwei Porträts, »Dr. Koetschau« 
und »Komponist Wallnöffer« ausgestellt, die unter sich 
verscliieden sind; menschlich tiefer greift das zweite. Eiß- 
feldts farbige Glut sprülit auch diesmal wieder aus seinen 
Bildern; Palmie f ist heuer besonders durch seinen blau- 
flimmernden »Dunstigen Tag« glücklich vertreten. Eine 
große Arbeit von Fritz Kunz, »Salve Regina« betitelt, 
zeigt uns den Meister in seiner Reife: Ein lichtes, frohes 
Bild; die Himmelsliönigin, schön und verklärt von innen 
heraus, ist umgeben von einer Schar Engel und Heiliger. 
Ein oft gemaltes Thema, doch wieder ganz neu vor uns 
erstanden durch die Eigenait dieses Vertreters einer 
wahrhaft groß gedachten religiösen Monumentalkunst, 
die ihrer Zeit entsprechend neue Formen schafi't und 
nicht in der wiederholten Nachahmung des Alten stecken 
bleiben will. Fein abgewogene Komposition, glückliche 
Verteilung der farbigen Valeurs, die unter sich wieder 
harmonisch abgestimmt sind ohne aber an ihrer Wir- 
kung einzubüßen, zeichnen dieses Werk aus, das ein 
Andachtsbild sein und zugleich auch den modernen 
künstlerischen Anforderungen der Bilder monumentalen 
Flächenstils entsprechen soll. Und nun zum Schlüsse 
zwei Männer, die, jeder ganz anders geartet, in diesem 
Kreise nicht fehlen dürften; einmal August Lüdecke- 
Cleve, dessen große Schöplung »Am frühen Morgen« 
ilin als Beherrsclrer atmosphärischer und luminisiischer 
Stimmungen zugleich in der Natur und dann als tüch- 
tigen Tiermaler im besten Lichte erscheinen lassen; 
endlich Albin Egger-Lienz — der nun wohl schon 
wieder in seiner Bergheimat schafft — mit seinen »Zwei 
Hirten«, die, nicht groß an Format, groß und mächtig 
wirken auf ihrer Fläche ; die Wucht des Meisters, den 
Umriß zu schlagen und gleiclizeitig noch den Körper 
im wenn auch dekorativ aufgefaßten Bildraum zu bil- 



den, tritt aus dieser Schöpfung wieder neu zutage. 
Ein kurzes Wort über die Deutschen in den »Inter- 
njtionalen Sälen«. Hier hängt einmal in fremder Luft 
wie ein weißer Rahe F r i t z M a c k e n s e n s , eines derer 
von Worpswede, »Heuernte« zwischen lauter meist recht 
unbedeutenden Spaniern, Russen u. a m. Wer das Bild 
überhaupt findet, wird sich darüber freuen, daß es 
recht angenehm absticht; aber doch was hilft dies in 
der wirren Fremde- In einem andern Räume noch 
eine gute Landschaft Karl Hagem eist ers, »Wiesen- 
bach« benannt. Zuletzt seien die vier Glasgemälde von 
dem bekannten Münchener Carl de Bouche ange- 
führt, die in dessen auf bewährter Tradition fußender 
Technik und Auffassung gefertigt sind. Eine pocsievoUe 
»Ruhe auf der Flucht« sandte Theo dor W i n t er aus 
Düsseldorf (Abb. S. 23). 

Der Teil der München er und deutschen Plastik, 
dem wir uns jetzt zuwenden, ist, als Ganzes genommen, 
nach seinen Tendenzen und .\ußerungen konservativer 
als die bis jetzt besprochene Malerei des Glaspalastes. 
Man möchte fast sagen, daß sicli eine gemeinsame Basis 
für den größten Teil der Bildner in Erz, Stein oder Holz 
— die Formen rein äußerlich betrachtet — konstruieren 
ließe ob der schwach divergierenden künstlerischen An- 
schauungen und Willenskräfte. Das ist an sich kein 
Fehler, und wir als Beschauer müssen gerade hier tiefer 
dringen; denn bei den ausgestellten, für uns jetzt in 
Betracht kommenden Bildwerken haben wir somit mehr, 
als auf die äußeren, oft leicht zu unterscheiderrden stili- 
stischen Momente, Formunterschiede, noch auf die inne- 
ren Gestaltungsgründe zu sehen wie auch auf die 
Wege, die zu den Lösungen geführt haben, ob und in 
welchem Maße sie den Gesetzen der Plastik entsprechen. 
Stehen wir vom einzelnen ab, so müssen wir uns sagen, 
dal! der — im modernen Sinne — frischeste Zug die 
Werke der Secessionisten, die wir ja schon betrachtet 
haben, durchweht, zumal wenn wir deren Bildniskunst 
berücksichtigen. Aber auch bei der übrigen Münchener 
und Außermünchener Plastik des Glaspalastes trefl'en wir 
Schöpfungen an, die an plastischem Werte jenen andern 
völlig ebenbürtig sind. Das mag sich gerade auf das 
Kapitel Figur — einzeln oder in Gruppe — beziehen. 

Zunächst die besten Gruppen und Einzelfiguren. Da 
fallen uns einige größere Werke, denen religiöse — 
seien sie es in freiem oder auch hieratischem Sinne — 
Themata zugrunde liegen, auf. So hat Franz Scheiber 
eine etwa lebensgroße »Madonna mit Kind und Jo- 
hannes = in Eichenholz geschafi'en, die als Szene traut 
und innig ist, und die als plastische Gruppe geschlossen 
und sorgsam durchgebildet erscheint; wohltuende Schlicht- 
heit und einfache Größe zeichnen das Werk aus (.Abb. S. 19). 
Mehr auf feierliches Gepräge geht die im Aulbau streng 
gehaltene, polychrom behandelte »Madonna mit dem 
Jesuskinde« von Valentin Kraus aus; besonders ge- 
schickt ist die Figur des Kindes plastisch an die der 
Mutter angeschlossen; den fast überlebensgroßen, eben- 
falls farbig behandelten »hl. Jacobus« von demselben 
Künstler wollen wir nicht vergessen neben der trefi- 
lichen Büste »Dr. Emmerich«. Hier möge die »Pietä« 
von Georg Wallisch folgen: ein Werk voll Schön- 
heit nicht ohne stark realistische Züge, die aber nicht 
abzustoßen vermögen; vielleicht fällt nur der Kopf 
des toten Heilandes durch seine Lage zu sehr aus der 
umschließenden Kurve der Gruppe heraus; auch hier 
können wir leise Spuren farbiger Behandlung feststellen; 
das Material ist Holz; der gleiche Künstler hat ferner 
in Marmor einen plastisch gut aufgefaßten »Schafscherer« 
ausgestellt. Ein Werk von großer Eigenart ist das »Be- 
gräbnis Christi« Georg Busch s; auf einem architek- 
tonisch gegliederten Sockel tragen fromme Männer, 
Freifiguren, den Leichnam des Herrn im Zuge einher, 
würdig und ernst ausschreitend; das Ganze hinterläßt 



29 




GEBHARD FUGEL 



XL InterfiaiionaU Kunstaussteilung hn Glaspalast Müiicfien iQfJ' — Text S. 22 



GOLGATHA 



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32 ^ XI. INTERNATIONALE AUSSTELLUNG IN MÜNCHEN 191 3 




W. IMMENKAMP 

XI. Internationale KunstajissieUting int Glaspalast Miitichen iglj. — 



MARIEITA 
Text S. 22 



einen ergreifenden Eindruck im Beschauer und die Wert- 
scliätzung der Arbeit wird durcli die bildiiauerischen \'or- 
züge dieser Gruppe noch gesteigert (Abb. nach S. 8). Der 
>Grabchristus<i von Wilhelm Junk (Abb. S. 18); in 
welch glücklichen B.ihnen bewegt sich der feinemplun- 
dene, schon veredelte Realismus dieser Kunst, in der 
sich ein so großes Verständnis für die Formen der Natur 
manifestiert, wobei aber der Künstlerwille es durch- 
setzt, daß der Sinn des Betrachters, vom Irdischen em- 
por, heiligeren Welten sich zuwendet. Nicht zu über- 
sehen ist der »Johannisknabe« von Joh. Sertl (Abb. 
im vor. Jahrgang S. 2). 

.■Vus der großen Schar profaner Werke seien nur die 
allerwichtigsten herausgegrirt'en. Das lebensgroße »Mäd- 
chen« von Angelo Negretti ist in jeder Hinsicht ein 
vorzüglich gelöstes Bildwerk, ebenso wie die »Ruhende« 
Ludwig Dasios, die als edel behandelte Sitzfigur 
ihre meisteihchen Vorbilder im klassischen Altertum zu 
suchen hat; vom gleichen Künstler sei die »Männliche 
Büste« und vor .allem auch die Kleinplastik »Hirsch 
mit Putte« erwähnt. Eduard Beyrers »Eva« (wenn 
sie auch nicht in jedem Punkte uns restlos gelöst zu 
sein scheint), Stephan Fischers »Badende« oder die 
großgedachte »Mutterschaft« von C. A. Angst sind 
Werke, die nicht übergangen werden dürften. Die 
»Pllicht« von Rieh. Aigner ist in ihrer Mimik f;ist 
zu starr. Franz Bernauer hat in seinem »Chevau- 
leger von 181 3« einen durchaus künstlerisch aufgefaß- 
ten Typus kleinplastisch wiedergegeben; von diesem 
Künstler stammt auch eine Bildnisbüste des »Prinz- 
regenten Ludwig« (.^bb. S. 1 5). Wenn wir nun doch 
noch bei den Büsten uns auflialten, so kommen da die 
Arbeiten von Ed. Beyrer, Jul. Exter, Paul Oesten, 
C. L. Sand (Abb. S. 17) oder auch J. Seiler in Betracht. 
Unter den Reliefs verdient zunächst einmal das schon 
ziemlich rundplastisch gefaßte Werk von Franz Hoser 



(Abb. S. 20) unsere Beachtung; »Johann von 
Gott unter den Kranken. Eigentümlicher- 
weise sind heuer Plastiken dieser .-Vrt im 
Glaspalaste nur schwach an Zahl vertreten, 
so daß wir nur noch das trelThche Bildnis- 
relief von Fr. Bernauer »E. v. Possart« er- 
wähnen können. Meister der Medaillen- und 
Plakettenkunst wie Maximilian Dasio, 
Jean Wvsocki, Johann Maihöfer sind 
in der Ausstellung würdig vertreten ; den Er- 
zeugnissen dieser lieben und intimen Kunst 
wendet man immer gerne das Interesse zu. 
Zum Schluß dieses Kapitels für künstlerische 
Feinschmecker einige Pointen, die wir bis 
zuletzt aufbewahren wollten: nämlich reiz- 
voll lebendige und llotte Tierplastiken aus 
den Händen von Künstlern wie Max Heil- 
mai er, Hans Best oder H.Giborg. Sodann 
die lustigen Terrakotten, prächtige G.irten- 
ligürchen von Emil Epple und zuletzt ein 
\\'erk ganz anderer Art, das große Modell 
zu dem Denkmal »Otto von Witteisbach« 
vor dem Münchener .\rmeemuseum, das von 
l'erdinan d v.M iller geschaft'en, wieder die 
^ .Meisterschaft und künstlerische Sicherheit 
"'S dieses Hauptvertreters der Denkmalkunst zeigt. 
.. — "^ Von den plastischen Unmöglichkeiten, die 
auch im Glaspalaste nicht fehlen, wollen wir 
heute lieber schweigt n. 

In einer großen Zahl von Sälen hat sich 
das Ausland versammelt mit wohl ebenso- 
vielen Werken wie die deutsche Künstler- 
schaft, der wir bei der Besprechung so breiten 
Raum gewährt haben, daß wir die auswär- 
tigen Kollektionen und Meister nur mehr kurz 
charakterisieren können. Das instruktive ver- 
gleichende Studium der unter einem Dache vereinigten 
internationalen Kunst, das uns hier immer nach einem 
Lustrum wieder ermöglicht wird, soll trotzdem in seiner 
ganzen Bedeutung erkannt und gewürdigt bleiben. 

Österreich, die Schweiz, Italien, Frank- 
reich, Holland und Belgien sind vertreten, zum 
Teil mit beträchtlich großen Kollektionen; es folgen 
die Nordländer Dänemark, Norwegen und vor 
allem Schweden; die Russen sind erschienen, mit 
ihnen L'ngarn, Rumänien, ja auch die Türkei; 
last not least: Spanien' England jedoch wird ver- 
mißt in den Reihen der Versammlung. 

Ein interessantes Bild ergibt sich für uns. Ein Ge- 
misch von konservativer, offizieller Kunst, die überall 
in der Welt zu finden ist, gestützt auf den Geschmack 
des wohlwollenden, in künstlerischen Dingen auf Schön- 
heit, Echtheit oder Naturtreue — von der Schmeichelei 
abgesehen — ausgehenden Bürgertums, und von mehr 
oder weniger modern angehauchten oder erleuchteten 
Richtungen, innerhalb derer es recht oft noch stark gärt, 
wo Gereiftes neben solchem steht, was wohl nie reit 
wird, neben episodenhaft auftretenden Erscheinungen, 
die als flackernde Strohfeuer wohl für rassenpsycho- 
logische Feststellungen, nicht aber für die Entwicklung 
der Kunst — sei es im internationalen oder nationalen 
Sinne — in Betracht kommen. Infolge der verschieden- 
sten künstlerischen Traditionen in den einzelnen Län- 
dern, auf grund der kulturellen Entwicklung und wohl 
der Rassentypen, können wir, zumal auch im Hinblick 
auf Deutschland, nicht alle die fremden Kollektionen 
mit dem gleichen, einheitlichen Maßstabe messen; viel- 
mehr werden manche Werturteile relativ zu nehmen sein. 

(SchluB folgt) 

Redaktionsschluß: 15. September 



BEILAGE 



AUSSTELLUNG IN HERZOGENBUSCH 



AUSSTELLUNG ÄLTERER CHRIST- 
LICHER KUNST IN HERZOGENBUSCH 

P)ie Ausstellung in Herzogenbusch entnimmt ihre Ob- 
jekte aus Zeiten der Vergangenheit, über welche das 
Werturteil längst abgeschlossen ist, und bietet auf 
solche Art den Künstlern und dem Kunstgeschmacke 
der Gegenwart wirklich Vorbildliches und Abgeklärtes. 
Gleichzeitig ist sie so reich an kunst- und kulturge- 
schichtlich wichtigem Material, daß sie auch darum 
zu den erheblichsten Erscheinungen ihrer Gattung zu 
rechnen ist. Sie zeigt") keine Architekturen, dagegen 
alles, was zur Ausstattung und zum Schmucke von Kirchen 
notwendig ist, also Malereien, Skulpturen und Gegen- 
stände der angewandten Künste. Während die Quahtät 
der Malereien ungleich, und die der Plastiken im allge- 
meinen nicht bedeutend ist, überwiegt die der ange- 
wandten Kunst bei weitem ; ihre Erzeugnisse stellen sich 
als Träger der größten Kunstwerte dar. Für das Auge 
nicht sonderlich angenehm ist freilich die große Zahl 
der Glasschränke, aber diese ließen sich nun einmal 
nicht vermeiden. Aus dem konfessionellen Charakter 
der dortigen Gegend, sowie daraus, daß die größte 
Mehrzahl der ausgestellten Gegenstände aus vorrefor- 
matorischer Zeit stammt, ergibt sich, daß jene in erster 
Linie dem Bedarfe der katholischen Kirche angehören; 
außerdem sind auch zwei andere Abteilungen einge- 
richtet, eine für protestantische, die andere für israeli- 
tische Kultaltertümer. Die protestantische Gruppe ent- 
hält mehrere geschnitzte Gestühle, bronzene Lesepulte, 
Leuchter, Gedenktafeln, Taufbecken, silberne Weinkannen 
und Kelche, alles Arbeiten des i6. bis 1 8. Jahrhunderts, 
vieles davon mit Ornamenten und figürlichen Darstel- 
lungen in sehr feiner Stichelarbeit geziert. In der israeli- 
tischen Abteilung spiegelt sich ein Kapitel der niederlän- 
dischen Geschichte, das wichtig genug ist, obschon die 
älteste noch bestehende jüdische Gemeinde des Landes 
erst am Ende des 1 6. Jahrhunderts entstand, und erst 
1619 die Erlaubnis zum Hallen einer öffentlichen Syna- 
goge erhielt. Der Ausstellungsraum ist als solche her- 
gerichtet und enthält daher alle dafür wichtigen Elemente. 
Unter den Kultgegenständen — Lampen, Becher, Schilder, 
Mäntel, Teppiche, Bücher, Handschriftrollen usw. — be- 
finden sich zahlreiche aus sehr wertvollem Material, auch 
sind namentlich die Silberarbeiten sowie die Textilien 
zum Teil von außerordentlicher Schönheit. — Wir wenden 
uns den Gegenständen der katholischen Kirchen zu. Als 
einzigen Vertreter der Altäre finden wir in einem als 
Kapelle hergerichteten Räume das um 1490 entstandene 
Prachtwerk eines holländischen Meisters. Der Altar 
(Eigentum der Kathedrale St. Jan zu Herzogenbusch) ist 
dreiteilig; die Mitte zeigt in reich polychromierter und 
vergoldeter Schnitzerei die Kreuzigung, links die Kreuz- 
tragung, rechts die Beweinung des Leichnams, unten 
sechs kleine Szenen aus dem Leben der hl. Jungfrau. 
Die Flügel sind bemalt, innen mit Passionsszenen, außen 
mit anderen Darstellungen aus der Geschichte des Er- 
lösers. Dieselbe Kirche lieferte noch ein anderes ihrer 
berühmtesten Kunstwerke: einen großen zwölfarmigen 
bronzenen Kronleuchter vom Ende des 1 5. Jahrhunderts, 
geschmückt mit den Standbildern des hl. Viktor, nebst 
fünf Rittern der Thebaischen Legion. Dies Stück ist 
das bedeutendste der großen Sammlung von Leuchtern 
aller Art; verschiedene sind romanisch, zahlreiche stam- 
men aus früher bis spätester gotischer Zeit, mehr denn 
hundert andere vertreten die niederländische Gieß- und 
Schmiedekunst des 16. bis zum 18. Jahrhundert. Ver- 
hältnismäßig jung sind mehrere ewige Lampen ; sie 
reichen von der Spätrenaissance bis zum Stil Louis XVI. 

") Die Ausstellang wurde leider schon am letzten August geschlossen. 

D. R. 



LInter den wenigen Taufkesseln ist fast jeder ein Meister- 
werk. Am schönsten ist ein 1492 vom Meister Aert 
van Maastricht in Messing gegossenes Stück, dessen 
Fuß mit sechs prachtvoll realistisch gestalteten runden 
männlichen Figuren umgeben ist; man deutet sie als 
Kranke, die das heilbringende Wasser des Teiches Beth- 
saida aufsuchen; doch scheint mir in Anbetracht des 
frischen und kräftigen Aussehens mehrerer Jünglinge 
diese Erklärung nicht zweifelsfrei. Den Deckel schmücken 
die Symbole der vier Evangelisten, auf der Kante sitzt, 
frei gearbeitet, mit übergeschlagenen Beinen ein überaus 
flott entworfenes tnännhches Figürchen (der Gießer?); 
oben erhebt sich ein kapellenartiger Aufbau mit Figuren 
von Engeln und Heihgen; ganz oben sieht man Gott- 
Vater und über ihm, das Ganze bekrönend, den Pelikan, 
welcher mit dem eigenen Blute seine Jungen ernährt. 
Ein Prachtstück ersten Ranges ist auch das bronzene 
Taulliecken aus Breda, eine herrhche Arbeit von 1540, 
bekrönt mit einer von Fialen und Engeln umgebenen 
hohen und schlanken Säule. Andere Tautkessel sind 
aus dem 17. Jahrhundert. Unter den hier gleich mit 
zu erwähnenden Taufschüsseln stammt eine spätgotische 
aus Nürnberg oder Augsburg; mehrere zeigen die be- 
kannte unentziff'erhare Umschrift. Unter den Schüsseln 
zur Handwaschung finden sich einige symbolisch ver- 
zierte des 12. Jahrhunderts aus den Sammlungen zu 
Groningen und Maastricht. Eine Anzahl von Weih- 
wasserbecken führt bis zur späten Gotik zurück. Unter 
den Weihrauchfässern ist eines, welches der Bischof von 
Haarlem zur Ausstellung gegeben hat, vermutlich nach 
einem Kupferstiche des Martin Schongauer gear- 
beitet, aber erst um 1520, also etwa 34 Jahre nach dem 
Tode des Kolmarer Meisters, der so vielfach yorbildhch 
gewirkt hat. Auch unter den Ziborien und Olgefäßen 
befindet sich manches tüchtige Stück, darunter ein drei- 
teihges aus der Zeit um 1500; auf dem Deckel stehen 
die Buchstaben c-i-s (d. i. oleum catechumenorum-infir- 
morum-sacrum chrisma). Hohen Wert besitzt die Gruppe 
der Reliquiarien. Eines aus Kupfer mit gestochenen stili- 
sierten Blumen und eingesetzten grünen und roten Glas- 
stücken dürfte dem 7. bis 8. Jahrhundert angehören. Es 
ist Besitz des Erzbischöflichen Museums zu Utrecht, 
welchem die Ausstellung überhaupt viele Kostbarkeiten 
ersten Ranges verdankt. Höchst bedeutende früh- 
mittelalterliche Reliquiare steuerten auch die Schatz- 
kammern der Maastrichter Liebfrauen- und Servatius- 
kirche, das Bischöfliche Museum zu Haarlem, das 
Münster zu Roermond und andere Sammlungen bei. 
Die Werke erfreuen durch herrliche Zeichnung des 
figürlichen Schmuckes, prachtvolle Emaillen und der- 
gleichen. Eine viereckige Tafel mit dem Bildnis der 
hl. Jungfrau in Grubenschmelz ist byzantinische Ar- 
beit des II. bis 12. Jahrhunderts. Von den Reliquia- 
rien gotischer Zeiten sei ein silbernes, aus der Eusebius- 
kirche zu Arnheim erwähnt, welches in Form der Büste 
des hl. Eusebius ausgeführt ist und auf einem von 1669 
datierten silbernen, reich verzierten Untersatze steht. Von 
den Kelchen ist der älteste jener, welcher nach der 
Überlieferung dem hl. Lebuinus gehört hat, und noch 
jetzt Eigentum der diesem Heiligen geweihten Kirche 
zur Deventer ist. St. Lebuin ist 776 gestorben, der Kelch 
aber stammt schon aus dem 5. Jahrhundert. Er ist aus 
Elfenbein, mit Ornamentstreifen verziert und im 16. Jahr- 
hundert in Silber gefaßt. An Alter kommt diesem Kelche 
kein anderer gleich; die übrigen sind Arbeiten des 14. 
bis zum 17. Jahrhundert. Sehr schöne Exemplare sind 
aus Utrecht (1624), aus der Mariähimmelfahrtkirche zu 
Gouda (1620). Die Goldschmiedekunst der Renaissance 
und des Barock feiert in den Werken dieser Gruppe 
wahre Triumphe. Sehr feine Stücke finden sich auch 
unter den Ampullen. Überaus Herrliches bietet sich unter 
den vielen Monstranzen. Eine aus vergoldetem Silber 



DIE BILDENDE KUNST AUF DER GENTER WELTAUSSTELLUNG 



zeigt in Hochrelief, zum Teil rund gearbeitet, die Ver- 
klärung Christi auf Tabor. Ein Stück vom Ende des 
1 5. Jahrhunderts mit den Figuren der hl. vier Kirchen- 
väter ist aus Ootmarsum; es zeichnet sich durch herr- 
liche Entwicklung reicher, schlank aufstrebender, goti- 
scher Architektur aus. Andere vorzügliche Stücke stammen 
aus Os, Breda, Gulpen und anderen Orten. Von den 
Lesepulten erwähne ich ein über zwei Meter hohes Exem- 
plar aus Venraai. Es ist aus Messing gegossen, der Fuß 
in Form einer dreikantigen, durchbrochen gearbeiteten 
Kapelle ausgeführt, vor der drei Heilige stehen; ein Adler 
trägt das Pult. Ein zweites, gleichfalls dem Ende des 
1 5. Jahrhundert entstammendes Adlerpult ist aus Roer- 
mond. Es liegt nahe, hierbei auch der Bücher zu ge- 
denken, von denen eine ganze Anzahl wegen ihrer in- 
teressanten Einbände ausgestellt ist. Stücke von größter 
Kostbarkeit sind dabei. Unter ihnen das als Handschrift 
aus Karolingischer Zeit herrührende Evangeliar des hl. 
Lebuin; der frühgotische Einband ist geschmückt mit 
romanischen, getriebenen Silberplättchen, Elfenbeinreliefs 
und anderm Dekor, außerdem mit spätrömischen Ca- 
meen und einem in Onyx geschnittenen römischen Köpf- 
chen. Das kostbare Buch gehört dem Erzbischöflichen 
Museum zu Utrecht. Andere romanische und gotische 
Einbände zeigen Filigran, Gruben- und Zellenschnielz, 
schöne Lederpressung und dergleichen; Bücher aus dem 
17. Jahrhundert haben Einbände, die mit getriebenen 
Silberplatten bedeckt sind usf. — Ungemein reichhaltig 
ist die Abteilung der Textilien. In die ältesten Zeiten 
führt hier eine Sammlung von Stoffproben; sie sind 
zum großen Teil persisch-sassanidisch, andere arabisch- 
sizilianisch. Die Zeitbestimmungen erscheinen mir nicht 
durchweg ganz zutreffend. Die Stoffe, Farben und 
Muster sind von größter Schönheit. So auch bei den 
vollständig erhaltenen Meßgewändern aus mittelalter- 
licher und neuerer Zeit, bei denen man die herrlichsten 
Sammete, Brokate, reich gestickte Seidenstoffe und der- 
gleichen bewundert. Eines dieser Stücke, von 1460, 
zeigt an seinem breiten Rande die in figürlichen Szenen 
dargestellten Werke der Barmherzigkeit, ausgeübt in 
Gegenwart des Heilandes selbst; ein anderes aus dem 
Anfange des 16. Jahrhunderts, aus italienischem Gold- 
brokat, ist an selber Stelle mit sechs Passionsdarstel- 
lungen geschmückt. Weitere Stücke können hier leider 
nicht beschrieben werden, soviel Anlaß ihre künstleri- 
schen Eigenschaften auch dazu geben würden. Die Ab- 
teilung der liturgischen Gewänder zählt rund 70 Num- 
mern, viele von diesen umfassen mehrere Stücke. ■ — 
Wenden wir uns der Plastik zu, so findet sich bei ihr 
nicht eben viel Bemerkenswertes. Von den sehr zahl- 
reichen Stücken ist doch ein beträchtlicher Teil nur 
minderwertig. Hiervon ist freilich eine Reihe spätantiker 
und frühmittelalterlicher geschnitzter Elfenbeintafeln aus- 
zunehmen; auch ein seltsamer frühgotischer Kruzifixus 
aus Elfenbein mit merkwürdig geschwungener Haltung, 
das edle Haupt von langen Locken umwallt; aus späte- 
ren Zeiten interessieren verschiedene Kruzifixe durch 
treffliche Naturbeobachtung und tüchtige Ausführung. 
Sehr wirkungsvoll ist eine spätgotische deutsche Johan- 
nisschüssel aus der St. Servatiuskirche zu Maastricht. 
Aus dem 15. Jahrhundert sieht inan mehrere schöne 
Apostel, eine unbemalte große Immaculata; dieselbe ist 
auch in einem lebensgroßen Schnitzwerke des 16. Jahr- 
hunderts dargestellt. Mehrere Plastiken der Barockzeit 
besitzen ebenfalls höheren Wert; als besonders schön 
fiel mir ein in Holz geschnitzter unbemalter St. Leon- 
hard auf. — Auch die Malereien sind nur teihveis der 
Rede wert. Künstlernamen sind bei einer großen Zahl 
der Bilder nicht nachweisbar, wo solche genannt wer- 
den, nicht immer sicher. Von besonderem Interesse 
ist eine von der Königin von Holland ausgestellte 
Kreuztragung des Jan van He messen (um 1504 bei 



Antwerpen geboren, in Haarlem gestorben zwischen 
1555 und 1566), ein vorzügliches Dokument der Kunst 
dieses seltsamen Meisters, von welchem auch die Mün- 
chener Pinakothek eine hl. Familie besitzt. Mehrere 
Gemälde des Hieronymus Bosch (um 1462 — 1516) 
und des Pieter Aertsen (1507 oder 1508 — 1575) 
würden ohne die Künstlernamen nicht sonderlich auf- 
fallen. Sehr fein sind zwei von Nachfolgern des Rogier 
van der Weyden stammende Gemälde: eine Grablegung 
Christi der Sammlung Haas in Frankfurt a. M. und eine 
auf Goldgrund gemalte Kreuzabnahme mit sehr schönen 
Charakterköpfen, Besitz der St. Augustinuskirche zu Bui- 
tenveldert. Von Jan van Scorel (1495 — 1562) sieht 
man das Dortrechter Altargemälde der Familie Stoop; 
es ist dreiteilig, zeigt in der Mitie die hl. Familie, auf 
den Flügeln die ausgezeichnet charakterisierten knien- 
den Porträtfiguren des Bürgermeisters Stoop und seiner 
Frau mit ihren neun Söhnen und zelm Töchtern, be- 
schützt von St. Johannes dem Täufer und St. Maria 
Magdalena. Dreiteilig ist auch eine vom gleichen Künst- 
ler gemalte Kreuzigung, auf den Flügeln innen Passions- 
szenen, außen der Sündenfall. Jacob Cornelisz van 
Oostsanen (um 1480 bis nach 1555) ist mit einer tüch- 
tigen Pietä vertreten, die gleich dem eben erwähnten 
Bilde dem Beginenhofe zu Amsterdam gehört. Von 
hohem Interesse ist ferner das von einem unbekannten 
Niederländer um 1520 herrührende »Wunder von Nieu- 
wervaart«, ein sechsteiliges Votivbild, dessen legenda- 
rische und porträtistische Darstellungen sich um eine in 
der Mitte befindliche Monstranz gruppieren; Besitz der 
Kathedrale zu Breda. Schließlich sei noch eine tüchtig 
komponierte Kreuzesabnahme des Cornelisz Engel- 
brechtsen (1468 — 1533, Lehrer des Lucas van Leyden) 
aus der Pariser Sammlung Kleinberger und eine nach 
Tiel gehörige dreiteilige !• Versuchung des hl. Antonius« 
erwähnt, die um 1525 von einem Unbekannten gemalt 
worden ist. Diese Proben müssen genügen, um die 
Wichtigkeit der Herzogenbuscher Ausstellung wenigstens 
anzudeuten. Es wird in Aussicht gestellt, daß die Lei- 
tung ein größeres Werk darüber herausgeben wird. 

DIE BILDENDE KUNST AUF DER 
GENTER WELTAUSSTELLUNG 

pin mächtiges, zum Teil von schönen alten Parkan- 
lagen bedecktes Gelände am südwestlichen Rande 
der malerischen Hauptstadt Flanderns dient heuer für 
die Zwecke einer von den verschiedensten Nationen be- 
schickten Weltausstellung. Im großen ganzen zeigen 
derartigeVeranstaltungen gewisse typisch wiederkehrende 
Züge der Aufmachung, einen Prunk und eine Eleganz, 
die vorzugsweise äußerliche Wirkung tun und auch nichts 
Besseres beabsichtigen. Als Komplemente hierzu dienen 
in Gent mehrere Nachbildungen altbelgischer Architek- 
turen, die man in jeder dortigen Stadt, zumal auch in 
dieser besser im Original sehen kann. Es könnte von 
einer Erwähnung aller dieser Dinge abgesehen werden, 
wenn nicht das Deutsche Haus wäre. Dieses verdient Her- 
vorliebung, weil es, neben dem persischen und nieder- 
ländischen Hause, das einzige ist, welches einen selb- 
ständigen Stil aufweist, der sich bei ihm durch Würde 
und Ruhe kennzeichnet; aber was an diesem starren, 
kalten Aufbau mit seinem System vertikaler Linien spe- 
zifisch deutsch sein soll, wäre schwer zu sagen. — Vom 
Stande des profanen Kunstgewerbes der auf dieser Aus- 
stellung vertretenen Länder ließe sich vieles bericliten, 
docli würde das einen eigenen langen Artikel bean- 
spruchen. — Die kirchliclie Kunst ist bei keiner Nation 
besonders herausgearbeitet; in mehreren Abteilungen 
finden sich interessante Einzelheiten, welche in dies 



DIE BILDENDE KUNST AUF DER GENTER WELTAUSSTELLUNG 



Gebiet gehören. Holland zeigt eine Auswahl tüchtig 
gearbeiteter Kelche, Monstranzen und dergleichen, auch 
einen anerkennenswert ausgeführten gewaltigen Schnitz- 
altar mit elf szenischen Darstellungen in Hochreliefs 
von H.van der Geld in Herzogenbusch. Im englischen 
Pavillon gibt es eine vollständige Kapelle; ihre Aus- 
stattung besteht aus einer niederen Kanzel mit inter- 
essantem, in Gold gesticktem Traubendekor, einem Altare, 
geschmückt mit silbernen Reliefs (ihre Aktfiguren wider- 
streben freilich unserer Auffassung von kirchlicher 
Würde) und versehen mit einer bronzenen Vorderwand, 
deren ganz flaches Relief die Geburt Christi darstellt. 
Über dem Altare sieht man ein farbiges Relief, die 
Himmelfahrt Maria; dazu kommt die Nachbildung eines 
gotischen Grabmals. Mehrere Entwürfe für Glasmale- 
reien zeigen gute dekorative Eigenschaften. — Die von 
den Belgiern ausgestellten Paramente, Altäre, Bilder und 
sonstigen Gegenstände kirchlicher Bestimmung beweisen 
im ganzen einen guten Geschmack und zeigen kunst- 
gerechte Ausführung. — Als Heim für die Werke der 
Malerei, Graphik und Plastik dient ein stolzer Palastbau, 
von dessen Inhalte sogleich die Rede sein soll. In den 
an ihn sich schließenden Nebengebäuden befindet sich 
ersthch eine sehr umfangreiche Ausstellung künstlerisch 
ausgeführter Photographien, um deren Förderung sich 
dort die Association Beige de Photographie verdient 
macht; ferner hat man eine gewaltige Architekturabtei- 
lung zusammengestellt; sie enthält Aufnahmen älterer 
Bauten, sowie Entwürfe zu neuen ; die kirchliche Bau- 
kunst spielt bei den ersteren, entsprechend dem Denk- 
niälerreichtume Belgiens, eine erheblichere Rolle als bei 
den letzteren, bei welchen eigentlich neue Ideen nur 
wenig und dann nicht zum Vorteil hervortreten. — An 
der Ausstellung im Kunstpalaste sind Belgien und Frank- 
reich mit sehr umfangreichen, die Niederlande, England 
und Spanien mit kleineren Kollektionen beteiligt, außer- 
dem gibt es noch ein paar Vertreter anderer Nationen; 
die Kunstausstellung Deutschlands befindet sich im Deut- 
schen Hause. Belgien liat den erklärlichen Wunsch ge- 
habt, bei dieser Gelegenheit der Welt zu zeigen, was 
seine Kunst zu bedeuten hat, und bietet in der Tat nicht 
bloß vieles, sondern dabei viel höchst Beachtenswertes- 
Ein ausgezeichnetes Können, ein von zahlreichen Künst- 
lern bewunderungswürdig beherrschter Impressionismus 
kennzeichnet diese Kunst äußerlich; ihre geistige Art 
zeigt sich häufig, auch bei der Behandlung ganz alhäg- 
hcher Gegenstände, in einer eigentümlichen Märchen- 
Stimmung und Träumerei, in einer sanften Melancholie, 
die ihren Ausdruck in einem charakteristischen Kolorite 
findet, dabei sich doch nicht in Süßlichkeit und Senti- 
mentalität verliert. Die großen Namen, welchen man 
auf jeder Ausstellung begegnet, trifft man hier natürlich 
vorerst: Baertsoen und Cour tens mit ihren herrlichen 
Stimmungen aus Stadt und Land der Heimat, Khnopff 
mit seinen zarten romantischen Poesien, Minne mit seinen 
stark stilisierten Figuren, van Rysselberghe mit seinen 
hellen pointillistischen Porträts, und manchen anderen. 
Ihnen reiht sich die Schar der weniger bekannten Kräfte 
an? J.Wytsman; Verhaeren, dessen Farben kräftiges 
Temperament zeigen, während die Formen nicht klar 
genug bleiben ; M a r c e 1 1 e , welcher in seinen Marinen 
äußerst feine perlgraue Töne liebt; Laermans, der voll 
tiefen Empfindens die Seele des Volkes in ihren Schmerzen 
ergründet — sein Bild »Les mendiants« (Arme und Elende 
vor einem Kruzifixe) recline ich zu den schönsten Gaben 
der Ausstellung; Hens, der seine Landschaften so 
prachtvoll einfach zu stilisieren weiß; De Saedeleer, 
welcher altmeisterlich herbe Töne anschlägt ; die tüch- 
tigen Porträtisten De La Hoese und Lalaing; der 
treffliche Charakteristiker Charlet. Religiöse Themata 
finden sich nicht selten benutzt. So verherrlicht Bahus 
den heiligen Bischof Trudo; Debuck schildert in tief- 



blauer Färbung den Abschied Maria vom Leichname 
Christi; herrliche kirchliche Interieurstimmungen schafft 
Delaunois; ins Phantastisch- Allegorische schweift 
Fabry; ein überaus anmutiges Genrebild ist Frederics 
»Mois de Marie«; eine etwas gesuchte Härte waltet in 
der »Pietä« und mehreren anderen Werken Smit's; ohne 
tiefere Wirkung stellt Van der Ouderaa »Die Berufung 
des hl. Franziskus« dar; wunderbar goldige Lichtstim- 
mung und große Stilisierung zieren >Die Reue des ver- 
lorenen Sohnes« von Van de Broek; ein Meisterwerk 
ersten Ranges ist Leem put tens dreiteilige, von sprü- 
hendem Leben erfüllte -»Prozession nach Haekendover«. 
Eigentliche Altarwerke fehlen charakteristischerweise 
gänzlich. Das gleiche ist bei den belgischen Skulpturen 
der Fall. Religiösen Inhalt haben hier nur ein paar 
fein poetische, zum Teil stark realistisch erfaßte Werke 
von Braecke. Außer diesem Künstler erwähne ich 
noch Lagae, Minne mit seinen seltsamen Köpfen 
und Gestalten, Rousseau, Van der Stappen. Von 
den Darbietungen der vorzüghchen belgischen Graphik 
mögen die brillant radierten Genter Studien von Van 
der Loo herausgegriffen sein; auf w-eiteres kann ich 
leider nicht näher eingehen ; schon weil ich zuvor be- 
reits genannte Namen zum Teil wiederholen müßte. — 
Die Franzosen haben versucht, durch lebhafte Färbungen, 
ja Musterungen der Wände für ihre Bilder wirksame 
Hintergründe zu schaffen, haben sie jedoch dadurch in 
ihrer Wirkung arg geschädigt. Auf dieser französischen 
Ausstellung gibt es außerdem nicht viel, worüber nicht 
ohnehin das Urteil bereits feststände Man sieht vor- 
zügliche Malereien und Graphiken von Aman Jean, 
Baudouin, Besnard, Carolus-Duran, Cottet, 
Denis, Raffaeli, Renoir, Roll, Signac, Simon 
und anderen Berühmtheiten, ohne aber durch charakte- 
ristische Neuheit der Eindrücke gefesselt zu werden. Die 
übrige Menge interessiert noch weniger. Von den Skulp- 
turen habe ich mir die tüchtigen Bronzen von Marque 
notiert. Aus der Menge des Gewöhnlichen heben sich 
vier Büsten und eine Gruppe von Rodin mächtig her- 
vor. Sein imposanter >Kopf Johannis des Täufers« ge- 
hört zu den sehr wenigen französischen Werken, welche 
das religiöse Gebiet streifen. — Die niederländische 
Kunst auf der Genter Ausstellung zeigt Solidität, zum 
großen Teile gute neuzeitHche Technik, inhaltlich geht 
sie nur vereinzelt über das Gewohnte hinaus. Größeres 
Interesse erwecken mehrere Engländer, wie Watt mit 
dem überaus lebensvollen Bildnisse des »Lord Guthrie«, 
Shannon mit einem trefflich charakteristischen, auch 
koloristisch interessanten Damenporträt, sowie eine An- 
zahl von sehr feinen Landschaftern; zu ihnen gehört 
diesmal auch John Lavery. Die graphischen Künste 
sind nur durch Penn eil vertreten, allerdings in aus- 
gezeichneter Weise. Bemerkenswert wie stets ist die 
Ausstellung des Londoner Senefelder-Club. — An 
diese Abteilungen schließt sich in dem großen Kunst- 
palast eine solche von Medaillen und Plaketten, sowie 
eine zweite von Miniaturen, beides in ungeheurer Zahl ; 
auch die christliche Kunst findet dabei, was ihr ge- 
bührt. Auf Einzelheiten einzugehen, würde wiederum 
einen Artikel für sich in Anspruch nehmen. Es kann 
hier nur ganz im allgemeinen die Subtilität der Beob- 
achtung und die Feinheit der Ausführung gerühmt werden, 
welche sehr vielen dieser kleinen Werke eigen ist. — 
In der Eingangshalle des Deutschen Hauses begrüßt uns 
die kraftvolle Bronzefigur des >Säemanns< von Klimsch- 
Berlin. Die sogleich folgenden größeren und kleineren 
Räume enthalten Proben unserer Architektur, Raumkunst, 
Bildnerei und Malerei — von jeder Gruppe eine mäßige 
Anzahl besonders kennzeichnender Beispiele. Die Bau- 
kunst beschränkt sich auf photographische Aufnahmen 
nach Werken von Riemerschmid (Gartenstadt Hel- 
lerau), Th. Fischer (Erlöserkirche in Stuttgart), Endell 



DÜSSELDORFER KUNSTBERICHT 



(verschiedene Berliner Neubauten), Messel (Berliner 
Wertheim-Haus), Olbrich (Düsseldorfer Tietzhaus), 
Muthesius und anderen. Auch die Raumlcunst kommt 
in dieser photographischen Abteilung zur Geltung, unter 
anderem durch Werke von H. van de Velde, zeigt 
aber ihr prächtiges Können auch in einer Reihe ausge- 
führter Zimmereinrichtungen. B r u n o P a u 1 , P. L.Tr o o s t , 
R. A. Schröder und andere haben die herrlichsten 
Interieurs zusammengestellt, die nur leider den üblichen 
Fehler haben, daß sie lediglich für die reichsten Klassen 
zu erwerben sind. Kunstgewerbliche Entwürfe lieferte 
unter anderem in großer Menge Peter Behrens. Die 
deutschen Malereien und Plastiken stammen von einer 
eingeschränkten Zahl vonVertreternverschiedenerSchulen. 
Wir finden Karlsruhe, Berlin, Frankfurt, Weimar, Kassel, 
Düsseldorf, Stuttgart, München, aus jeder Gruppe einen 
oder ein paar Namen von Ruf, erfreulicherweise hier 
und da auch einen unberühmten. Die Auswahl läßt 
jedes System vermissen, trotzdem ist der Qualität der 
Werke zu verdanken, daß das Ausland von dem gegen- 
wärtigen Stande der deutschen Kunst einen guten 
Begriff bekommt, wenn auch bei weitem keinen aus- 
reichenden. Auswüchse und Anstößigkeiten fehlen, 
was bei den Ausstellungen der anderen Nationen leider 
keineswegs der Fall ist. Dabei kann auch nicht ver- 
schwiegen werden, daß Italien wieder einmal ganz 
ungenügend vertreten ist; statt künstlerischer Werke 
bringt es viele Hunderte greulich kitschiger Marmor-, 
Bronze-, Holz- und sonstiger Figuren, die aber gerade 
wegen ihrer Süßlichkeit von Leuten schlechten Ge- 
schmackes begeistert gekauft werden. Doch wieder 
zurück zur deutschen Kunst ! Karlsruhe vertritt eine 
Landschaft und ein Bogenschütze von Hans Thoma; 
von H. von Volkmann eine arkadische Szene und ein 
Getreidefeld, beides von schönem Schmelze der Farbe. 
Aus Berlin sieht man die Corinth sehen nackten Fi- 
guren, die klagend um den Leichnam eines Erschlagenen 
versammelt sind, ferner eine niederländische Marktszene 
von M. Liebermann, Expressionen von Pechstein, 
Tuaillons Reiterfigur Kaiser Wilhelms I. Frankfurt 
bringt die leicht bräunhch gefärbte lebensgroße Marmor- 
statue eines sitzenden Mannes, sowie die antikisierende eines 
stehenden jungen Mädchens von A. Volk mann. Etwas 
hart wirkt der sein Pferd tränkende Bauer von F. Boehle. 
Ernst und Feierlichkeit in Haltung und Farbe, dunkle Stim- 
mung auf Blau und Grau zeigt Stein hausens Schilderung 
Christi, der zu seinen Jüngern in das Boot steigt; des- 
selben Meisters Ölbergszene übt mächtige Wirkung; 
durch das rote Licht der in der Ferne erglühenden 
Fackeln kommt in das nächtliche Dunkel seltsames, un- 
heimliches Leben. F. E. Morgenstern bringt zwei 
koloristisch feine Marinen. Aus Weimar ist unter andern) 
L. von Hoffmanns Pleinairscliilderung zweier Mäd- 
chen am Meeresstrande zu erwähnen ; aus Kassel B a n t z e r s 
weißgekleideter alter Bauer im Kornfeld und Ol des 
durch schöne Beleuchtung interessierendes Dorf im 
Winter; aus Düsseldorf ein lebhaft farbiger Bauernhof 
von E. Kampf; aus Stuttgart ein in bronziertem Gips 
geformter prächtiger junger Stier von G. A. Bredow. 
Von der Münchener Kunst endlich werden in Gent 
einige Werke von H. von Bartels vorgeführt (eine 
in Farbe und Charakterisierung gleich vorzügliche alte 
bretonische Frau, die krank im Bette liegt, und als recht 
wirksames Gegenstück die in fröhlichem Kolorit ge- 
gebene Studie einer jungen Holländerin am Llfer eines 
Flusses; endlich ein Mäher im Lichte der aufgehenden 
Sonne) ; ferner sieht man von Habermann das be- 
kannte Porträt einer Dame mit Hut (»Luise«); von 
Zügel Rinder in der Tränke und einen Eseltreiber, 
beide mit der gewohnten genialen Lichtbehandlung; 
zwei Landschaften von Steppes; eine polj'chiomierte 
Mädchenbüste von E. Kurz; Plastiken von Hilde- 



brand. Die christliche Kunst ist also auch in der deut- 
schen Abteilung nur sehr knapp und nicht ihres reli- 
giösen Inhaltes wegen berücksichtigt worden. Vollends 
unterblieben ist dies in den industriellen Abteilungen 
der deutschen Ausstellung, die in Gent überhaupt zu 
den am wenigsten bedeutenden gehört. 



DÜSSELDORFER KUNSTBERICHT 

VY^ie wir schon in unserem Bericht über die Große 
Kunstausstellung erwähnten, hat die Ausstellungs- 
leitung in diesem Jahre die Einrichtung getroffen, in 
einigen Sälen monatlich wechselnde Kollektiv-Ausstel- 
lungen zu veranstalten. Es kommen jedesmal drei 
Künstler zu Wort und man hat in der Auswahl, die 
man auf Düsseldorfer Maler beschränkt hat, von dem 
Rechte des Hausherrn Gebrauch gemacht, in der ver- 
ständhchen Absicht, die heimischen Künstler durch diese 
Veranstaltungen zu fördern. Walter Petersen, der 
diesmal die Bildniskunst vertritt, hat als Porträtmaler 
auch über die Grenzen der rheinischen Kunstmetropole 
hinaus einen festen, wohlbegründeten Ruf. Seine 
Werke zeigen ein hervorragendes Können, das gute 
Farbigkeit, einen leichten, ungehinderten Linienfluß und 
virtuose Treffsicherheit harmonisch vereinigt. 

Für die Wertschätzung, die er weithin genießt, sprechen 
die zahlreichen Bismarckstudien, die die Kollektion zeigt. 
Denn — mit Ausnahme von Lenbach — war der Alt- 
reichskanzler den Künstlern gegenüber im allgemeinen 
sehr zugeknöpft, und man durfte es schon als eine 
Gunst des Geschickes bezeichnen, einmal Gelegenheit 
zur Aufnahme einer flüchtigen Skizze erhalten zu haben. 
Ein vollständiges Bild dessen, was Petersen kann, ge- 
währt die diesmalige Juli-Ausstellung allerdings nicht 
ganz. Besonders in Wiedergabe der weiblichen Psyche 
und ihrer äußeren Schönheiten hat er schon vollgültigere 
Beweise seines Könnens geliefert. — Die sogenannte 
fortschrittliche Kunst präsentiert Walter O phey. Der 
Raum verbietet es uns, an dieser Stelle einmal den 
psychologisch so interessanten Irrgängen nachzuspüren, 
auf denen dieser anerkannt talentierte Künstler wandelt. 
Wir begnügen uns, darauf hinzuweisen, daß der Ruf, 
den er sich in den rheinischen Kunstkreisen erworben 
hat, sich nicht auf die von ihm in den letzten Jahren 
gepflegte futuristische Malweise gründet, sondern auf 
einige sorgfältig durchstudierte und feinsinnig empfundene 
Landschaftsgemälde seiner ersten Zeit. Ophey ist tvpisch 
für die Entwicklung einer gewissen Art moderner 
Künstler. Ihm gegenüber hatj os. Kohl seh ein jr. einen 
leichten Stand. Seine Landschaftsausschnitte beweisen 
ein sicheres Maßhalten in der Anwendung freier tech- 
nischer Mittel. Seine lichte Farbengebung und die 
Freude besonders an der Darstellung ruhiger Natur- 
stimmungen erläutert gewissermaßen psychologisch dieses 
In-den-Grenzen-bleiben seiner freundhchen Kunst. 

Die bewußte sommerliche Stille, die auch in den 
Kunstsalons kein unbekannter Gast ist, benutzt Schulte 
dazu, einige Werke berühmter Namen in einer Kollek- 
tion vorzuführen. Es erübrigt sich, die künstlerischen 
Werte eines Uhde, Leibl, Hagemeister, Schuch, Len- 
bach usw. nochmals festzustellen; um so lieber benutzen 
wir die Gelegenheit, auf einige Weike englischer 
Porträtkunst hinzuweisen. Nattier, J. Highmore, 
G. Keith Ralph sind es zwar nicht, denen wir unsere 
ungeteilte Bewunderung schenken können, auch John 
Opie lernt man nicht von der glänzendsten Seite kennen. 
Wer ihre Vorzüge und die Eigenart der englischen 
Bildniskunst des i8. Jahrhunderts in höchstem Maße 
in sich vereinigt, ist John Jakson. Der noch heute 
in ungebrochener Kraft wirkende Schmelz der Farben, 
die wundersam zarte Behandlung der Augen, der Nasen- 



BERLINER SECESSIONSAUSSTELLUNGEN 



flügel, der Lippen, des Haaransatzes, und vor allem die 
glänzende Wiedergabe der schmiegsamen Weichheit 
der Haut — das stellt den Inbegriff eines technischen 
Könnens dar, um den ein Reynolds diesen Künstler 
hätte beneiden können. — Wir wagen nicht zu behaup- 
ten, daß Düsseldorf Mangel an guten Kunstausstellungen 
hat. Immerhin stellt die kürzlich eröffnete >Galerie 
für alte und neue Kunst« einen guten — wenn 
auch vielleicht nicht notwendigen — Zuwachs dar. Es 
ist nicht zu verkennen, daß die Leitung auf die Ausstellung 
von Werken mit wirklichen Quahtäten Wert legt und sich 
in der Protektion des aUzu Futuristischen eine gewisse 
Reserve auferlegt. Dem Genius der Düsseldorfer Kunst 
wird in einer Sonderausstellung von Werken E. v. Geb- 

hardtS gehuldigt. Hopmann 

BERLINER 
SECESSIONSAUSSTELLUNGEN 

Von Dr. Hans Schmidkunz (BerlinHalensee) 

P)ie »Berliner Secessiont hat letzten Winter ihre 
. 25. Ausstellung, für »Zeichnende Künste«, und im 
Sommer 19 1 5 ihre 26. umfassende Ausstellung veranstaltet. 
Von dieser waren einige >Getreue« abgelehnt; sie ver- 
anstalteten im Mai 191 3 eine kleine Ausstellung, »Die 
refüsierte Secession«. Den dreien zusammen soll unser 
folgender Bericht gelten. 

I3en mehr als tausend Nummern der Winterausstellung 
kann er noch weniger gerecht werden als den noch 
nicht dreihundert der Sommerausstellung. Es handelt 
sich dort einerseits ura Zeichnungen samt etlichen Aqua- 
rellen, andererseits um Radierungen, Lithographien, 
auch Holzschnitten. Die erstere Gruppe macht im all- 
gemeinen einen besseren Eindruck als die letztere; diese 
läßt mehr das Interesse am Zeichnen allein als am 
Kunstdruck erkennen, wendet sich auch nicht zu den 
graphischen Sondertechniken, wie sie z. B. in der 
»Großen« recht eifrig gepflegt werden. Dazu kommt 
eine häufige Freude am Gewirre von Linien, Lichtern 
und Schatten, etwas wie ein Schmerzenstod des Impres- 
sionismus. 

Das gilt natürlich am wenigsten von den (wirklichen 
oder angeblichen) Vorgängern, die auch hier zugezogen 
wurden. Es sind, von zwei Millet sehen Radierungen 
abgesehen, A. v. Menzel und H. Daumier (von dem 
auch zwei kleine Plastiken als Raritäten zu sehen waren). 
Der Vergleich zwischen dem kühlen Detailrealismus 
jenes und der Kunst dieses, ein Ganzes mit scharf be- 
tonten Hauptzügen der Leidenschaft oder des Pathos 
zu geben, könnte lang aufhalten. 

Jedenfalls ist es ein recht weiter Abstand, in welchem 
sich da M. Liebermann und seine Nachfolger an- 
schließen. Daß die Beweguugs- und sonstigen Studien 
von E. R.Weiß viel Interesse finden, und daß in der 
Sommerausstellung sein Gemälde »Herakles in der Unter- 
welt« nicht gerade sehr • herkulisch «-götterhaft ist, liegt 
nahe. Zvklische Darstellungen fehlen nicht. L. Corinth 
hat eine solche zu radieren begonnen: »Das erste Men- 
schenpaar«. 14 Radierungen zu Mozarts »Don Juan« 
bringt H. Meid. Er ist ein besonderer Virtuose jenes 
neuimpressionistischen Gewirres und einer Art graphischer 
Theaterkunst; daß ihm die Szene besser gelingt als die 
Figuren, zeigt auch ein Gemälde von ihm auf der 
26. Ausstellung. Gegen J. Pascins Pseudomädchen- 
bilder, deren blöden Gesichtern wir auch auf der Som- 
merschau begegnen (mit Recht an H. de Toulouse- 
Lautrec angereiht) wirkt M. Pechstein geradezu 
fein, und erst recht vielseitig; seine Holzschnitte schei- 
nen besonderen Anklang zu finden. Am ausgedehn- 
testen war Th. Th. Heine vertreten; es ist kein fauler 



Spaß, wenn man bittet, ihn nicht mit Heinrich Heine 
zu verwechseln. Von M.Beckmann konnten seine 
Graphiken eher noch interessieren als in der nächsten 
Ausstellung sein sehr unmonumentales Sensationsbild 
eines Schiffsunterganges. Bekannten Secessionistennamen 
begegnen wir auch weiterhin graphisch : dem jedenfalls 
»flotten« R. Groß mann, dann K. Hofer, W. R Os- 
ler. Dürfen wir den meisten der Genannten (ein- 
schließlich O. Penn er mit ein paar nach Ausrufungs- 
zeichen rufenden Zeichnungen) einige gegenüberstellen, 
die uns einen günstigeren Eindruck machen, so sind es 
vor allem zweie, deren sozusagen milde Formen man 
seit längerem schätzt: C. Larsson und E. Orlik, 
beide nur mit Radierungen; sodann mit solchen R. Bloos, 
A. Brömse, P. Franck und W. Giese; mit Holz- 
schnitten M. Wesse Ihoeft. 

Eine Besonderheit dieser Winterausstellung waren 
graphische Stücke von Bildhauern; laut Katalogvorwort 
wurden sie »in stattlicher Anzahl vorgeführt, um das 
PubUkum zu belehren, (folgt Fettdruck:) daß in jeder 
Kunstart die Zeichnung das Fundament des Handwerkes 
ist« (hm!). Voran standen hier die zahlreichen Litho- 
graphien von E. Barlach zu einem (wohl selbstge- 
dichteten) Drama »Der tote Tag^ ; ein Titel, der ja 
auch zu seiner stilisierten Plastik der Einsamkeit, der 
Müdigkeit, des Leidens der bis zum Animahschen 
. Herabgedrückten paßt, wie sie uns wieder auf der fol- 
genden Ausstellung begegnet. Mehrfache Radierungen 
waren gekommen von den Bildhauern A.Gaul und 
W. Lehm brück. Beide brachten auch Plastisches 
selbst. Für dieses mögen noch genannt sein R. Engel- 
mann undH. Haller; sodann mit Majoliken B. Ho et- 
ger, der »Wahrheit«, »Glaube« usw. darstellt. 

Die Sommerausstellung 1913 ist inzwischen durch 
die Vorgänge, die sich an den Protest der zurückge- 
setzten Minorität anschlössen, in besonderer Weise 
aktuell geworden. Besuchte man die kleine, in Augen- 
blicksnot dürftig hergestellte »Refüsierten «Ausstellung, 
so konnte einem manches Charakteristische auffallen. 
Erstens bestand sie wohl aus lauter Deutschen, wäh- 
rend es in der Hauptausstellung von Franzoson fran- 
zösischen oder deutschen Namens wimmelte. Zweitens 
handelte es sich um eine bisher eng verbundene Truppe; 
wer hätte seinerzeit gedacht, daß die hübschfarbigen 
Landschaften (oder Interieurs) von M. A.Stremel nun 
auf einmal nicht mehr secessionsecht sein sollten? Und 
anderes von E. Bisch off-Culm, H.Li n de- Walter, 
O. Modersohn, A. Oppler (ein seither Preisge- 
krönter!), E. Oppler, E. Spiro? Was fehlt bei den 
»Netzflickern« des Erstgenannten oder bei der »Potiphar« 
M. Neumanns zur Secession? Drittens: wo sind 
Maß und Recht, gerade die hier Versammelten zu re- 
füsieren und andere nicht? Warum sind nicht auch 
refüsiert die zurückbehaltenen Werke »Havellandschaft« 
T. V. Brockhusens, »Vor dem Spiegel« E. L.Kirch- 
ners, »Adam und Eva« O.Müllers, »Der Volks- 
redner« A. Segais? Viertens aber mag die refüsie- 
rende Jury sich mehr oder minder bewußt auch ein 
wenig der Konsequenzen ihres bisherigen Tuns ge- 
schämt haben. Denn der Eindruck einer Parodie der 
Secession ersten durch die zweiten Grades war immer- 
hin zu merken. Vor allem ging das Skizzenhafte meh- 
rerer Bilder schon wirkHch ins Aschgraue. Natürhch 
walteten auch hier Landschaften, etwa noch mit Tieren, 
sowie Akte vor; die Plastik kam kaum in Betracht. Ein 
paar Kompositionsgemälde fehlten nicht. So von dem 
in der Winterausstellung durch Graphiken und farbig 
glasierte Plastiken vertretenen E Pottner ein »Heiliger 
Franziskus«, der vor Wassertieren predigt, ein Ganzakt. 
So von dem noch kurz vorher durch Radierungen ver- 
tretenen F. Meseck eine »Ehebrecherin vor Christus«, 
die allerdings sehr »hingehaut« ist. So von einem an- 



VERMISCHTE NACHRICHTEN 



scheinend Neugekommenen, K. Krebs, eine »Kom- 
position«, d. i. eine Farbensliizze mit Lichtefielct zu einer 
Verkündigung. 

Die Hauptausstellung von 191 3 kann nach all dem 
— kurz gesagt — als eine Geschäftswende gelten. In- 
szeniert war sie einigermaßen geschickt, auch durch 
neue Wandeinbauten und besonders durch eine syste- 
matische Gruppierung, die es überdies verstand, den 
Deutsclien zwischen den Franzosen einen Platz etv.-a 
so einzuräumen, wie schlichte Fahrgäste von breitspu- 
rigen in die Mitte genommen werden. Das Gruppie- 
rungsstreben verführte überdies dazu, im Katalog von 
der bisherigen alphabetischen Anordnung, die doch min- 
destens neben dem Hängeverzeichnis nottut, abzugehen. 
Natürlich fehlt auch wieder nicht das Klopfen mit dem 
Taktstock im Vorwort: »Jedem Talent, wie es sich auch 
äußere, Raum zu gewähren« (vgl. die Kefüsierten !) ; 
kein Ruhepunkt, sondern »ein\Veg<; Veranlassung, »sich 
mit der starken Kunst unserer Zeit auseinanderzusetzen« 
(also die Schule des Kindes, genitivus subjektivus I); 
»so ist diese Ausstellung vielleicht nur für den Künstler« 
(Druckfehler für »Kunsthändler«?). 

Eine Hauptsache aber, die uns bereits seit einigen 
Secessionsausstellungen aufgefallen ist, scheinen deren 
Veranstalter am wenigsten zu merken. Man tut näm- 
lich gut, wenn man derzeit in eine recht moderne Aus- 
stellung kommt, vor allem zu fragen ; Nach w-elcher ■ 
Richtung wird nun wieder archaisiert? Diesmal sind 
es weniger Assyrien, Ägypten und Griechenland als' 
Spätantike und Frühmittelalter, die eine Wiedergeburt 
erleben (oder wie man's eben gelegentlich nennen wird). 
Fast katakombisch mutet das »Frühstück im Freien« 
K. F. v. Freyholds an, der übrigens auch einen 
»Ruggiero« bringt. Von der Winterausstellung her durch 
Zeichnungen bekannt, zeigt J. Bat 6 ein Gemälde »Hei- 
liger«, anscheinend die Darstellung einer vergoldeten 
Holzskulptur vor einer fast mystischen Draperie (ähnlich 
den Draperien in Stilleben von M. Pechs t ein). In 
die wunderlichen Figurenszenen der »Genesis« führen 
eine »Heilige Nacht« und eine »Kreuzabnahme« von 
H. Heuser zurück. — Mit diesem neuen Pariser hat 
es jedoch noch eine andere Bewandtnis. 

Man erinnert sich vielleicht der Schutzmarke einer 
Solinger Stahlwarenfirma mit den vier »rhythmischen« 
Beinchen zweier Figürchen. Und man hat wohl schon 
öfter etwas gehört und gesehen von modernen Bildern, 
auf denen Akte oder Unakte so hintereinander herlaufen, 
daß ihre Beine einen »entzückenden dekorativen Rhyth- 
mus« erzeugen (der Verfasser bittet um Entschuldigung, 
wenn er den richtigen Jargon nicht ganz trifi't). Oder 
kurz; man erinnert sich an einen »Hampelmann«. Jetzt 
wird er kunstfähig und bekommt auch gleich eine 
Hampelfrau dazu. Ist das in Heusers »Kreuzabnahme« 
bereits deutlich, so wird es anderswo noch deutlicher. 
So bei den wohl ebenfalls erst neu anrückenden Malern 
O. Müller (»Adam und Eva«) und H. S te iner (»Lut- 
teurs amoureux« und andere). So aber auch schon bei 
dem länger bekannten O. Hettner mit seinen Bildern 
»Idyll« und »Niobiden«. Auch der Paris - Pariser H. 
Matisse gehört hierher durch sein weithin leuchtendes 
hampelreiches Wandgeinälde »Der Tanz«. (Er zeigt 
auch ein »Damenbildnis«, vielleicht aus einer Idioten- 
anstalt, und zwei Blumenstilleben, von denen das Cy- 
clamenstück irgend jemand bezeichnete als einen »Klang, 
der den Sommer in das Blut hineinhämmert«.) 

(Schluß folgt) 

VERMISCHTE NACHRICHTEN 

Feldkirch in Tirol. Der vom Verein für christ- 
liche Kunst und Wissenschaft auf i. — 5. September ge- 



plante Instruktionskurs mußte verschoben werden und 
wird mit dem gleichen Programm im Juli 191 4 gehalten. 

München. Bildhauer Thomas Busch er und 
Maler Alois Müller, Konservator am Kgl. General- 
konservatorium, erhielten den Professorentitel. 

Saalfcld. — Professor Matthäus Schiestl vollendete 
zwei Gemälde für den romanischen Flügelaltar (Heinz 
Schiestl-Würzburg) in der katholischen Kirche zu Saal- 
feld a. d. Saale (Sachsen-Meiningen), welche die An- 
betung des Jesuskindes und die Emausszene darstellen. 

In Laufen an der Salzach wird zu Ehren des 
hl. Rupertus, Patrons des Salzkammergutes, ein Denk- 
mal errichtet. Die Ausführung ist dem Münchener 
Bildhauer Valentin Kraus übertragen, von dem auch 
das im vorigen Jahre daselbst errichtete Kriegerdenk- 
mal stammt. 

Wettbewerb für ein Mariendenkmal. Zur Er- 
langung von Vorentwürfen für ein Mariendenkmal 
(Brunnen, Säule oder ähnhches) auf dem Dionysiusplatz 
zu Krefeld wird ein Wettbewerb unter den deutschen 
Künstlern ausgeschrieben. Für die Errichtung steht die 
Sutnme von 30000 M., für Preise 2000 M. (looo, 600, 
400 M.) zur Verfügung. Die Bedingungen sind von 
Herrn Oberlandmesser Spelten, Krefeld, Friedrichsplatz 16, 
gegen postfreie Einsendung von 3 M. zu erhalten, die 
Vorentwürfe, bis zum 10. Dezember 191 3 an Herrn 
Dechant Flecken, Krefeld, einzusenden. 

Die Freilegung der Karlskirche in Wien. — 
Die schon eine ganze Reihe von Jahren diskutierte Frci- 
legung eines der bedeutendsten kirchlichen Baudenk- 
male Wiens, der kunstgeschichtlich berühmten Karls- 
kirche soll nun in absehbarer Zeit zur Tatsache 
werden. Das an die Kirche angebaute uralte und häßlich 
wirkende Gebäude, Technikerstraße 9, das zahlreiche 
Höfe und langgestreckte Seitentrakte enthält, beein- 
trächtigt durch seine unmittelbare Nähe infolge seiner 
mehr als dürftigen Fassade den prachtvollen Kuppel- 
bau des Fischer von Erlachschen Monumentalwerkes. 
An eine Demolierung des verwitterten Vorstadthauses 
konnte zu Lebzeiten der ehemaligen Eigentümerin, die 
einen Umbau ihres Wohnhauses hartnäckig ablehnte, 
nicht gedacht werden. Nun wurden mit der jetzigen 
Besitzerin Verkaufsverhandlungen eingeleitet, die die 
Verwirklichung des schon so lange vorhandenen Frei- 
legungs- Projektes mit Bestimmtheit erwarten lassen.. 
Da gleichzeitig die Regulierung des Platzes um die 
Karlskirche bei dem Umbau in Betracht zu ziehen ist, 
beteiligt sich auch die Stadt Wien, bezw. die Gemeinde 
an diesen Verhandlungen. Der Abschluß der Verkaufs- 
verhandlungen hängt von der Einigung über den Kaul- 
preis der Realität ab, die, wie verlautet, mit zwei Mil- 
lionen bewertet wird. Auch im Falle, daß der Besitz 
in private Hände übergehen sollte, dürfte zweifellos 
durch die Neuregulierung der Parzelle Vorsorge für 
die Ausgestaltung des Platzes um die Karlskirche und 
die Freilegung der Kirche getroffen werden. R. 

Die Deckengemälde von Maulpertsc h in der 
Piaristenkirche zu Wien. — Die von dem Maler 
Maulpertsch stammenden, sehr wertvollen Decken- 
bilder in der Piaristenkirche in der Josefstadt 
zu Wien, darstellend die Verherrlichung Ma- 
riens, sind im Laufe der Zeit dadurch schadhaft ge- 
worden, daß sich das Regenwasser durch das Dach 
setzte und die Fresken teilweise arg beschädigte. Nach- 
dem man sich nun an kompetenter Stelle von der Re- 
staurierungsmögUchkeit der Kunstwerke durch angestellte 



BUCHERSCHAU 



Proben überzeugt hatte, beschloß das K. K. Ministerium 
für Kultus und Unterricht, die Auffrischung der Decken- 
gemälde aus eigenen Mitteln unterstützen zu lassen, so 
daß es mit Hilfe auch noch anderer Faktoren gelingen 
wird, die Kosten für die erstrebte Wiederherstellung 
und dauernde Erhaltung dieser kunstvollen Fresken 
baldigst aufzubringen. r. 

Bruchsal. Die wundenoUe Kuppelkirche in St. 
Blasien (Baden), das als Luftkurort wegen seiner ge- 
schützten Lage in ganz Deutschland bekannt ist, war 1874 
ein Raub der Flammen geworden. Für die Wiederher- 
stellung dieses Gotteshauses trat sofort der verstorbene 
Großherzog Friedrich I. ein. Den wiederhohen Be- 
mühungen dieses edlen Fürsten, sowie Mitgliedern der 
beiden Kammern ist es gelungen, die Landstäude zu 
veranlassen, nach und nach die notwendigen Mittel für 
die Wiederherstellung der zerstörten Kirche, die einen 
Aufwand von 800000 M. erforderte, zu bewilligen. 
Unter der Überleitung des Herrn Architekten Osten- 
dorf, Professor der Technischen Hochschule in Karls- 
ruhe, wurde das schwierigste Problem, der Einbau der 
Innenkuppel, vorzüglich gelöst. Die Ausmalung dieser 
wurde dem Karlsruher Akademieprofessor Walter Georgi 
übertragen und stellt die .Aufnahme Marias in den Him- 
mel dar. Das Bild über dem Chorbogen, die Übergabe 
der Schenkungsurkunde des Ritters Reginbert von Seiden- 
buren an den ersten Abt des Klosters, Beringer von 
Höchenschwand, wurde von demselben Meister gemalt. 
Beide Gemälde wurden scharf kritisiert, weil sie in 
moderner Auffassung ausgeführt wurden. Hans Thoma 
aber bezeichnete diese Bilder als Meisterwerke ersten 
Ranges, namentlich das für die Kuppel ausgeführte 
Fresko. Die Altarbilder St. Joseph und St. Elisabeth 
wurden von Gustav Crecelius, sowie St. Joseph und St. 
Antonius von Hans Schrödter,beide Karlsruher Künstler, 
hergestellt. Von letzterem Maler stammen auch die der 
Kirche zur Zierde gereichenden 14 Kreuzwegstationen. 
Der prachtvolle Holzaufsatz für den Hochahar und die 
reichen Schnitzereien am Orgelgehäuse gingen aus der 
Kunstwerkstätte der Gebr. Metzger in Überlingen her- 
vor. So ist nach dem Urteil des Kunstkritikers Nikolai 
die neuerstandene Kirche gewiß eine der schönsten. ' 

G. Barth, Zeichenlehrer 



BÜCHERSCHAU 

Handbuch der Kunst Wissenschaft, heraus- 
gegeben von Dr. Fritz Burger, Privatdozent München, 
unter Mitwirkung der Universitätsprofessoren Dr. Cur- 
tius-Erlangen, Dr. Egger-Graz, Hartmann- Straßburg, Neu- 
wirth-Wien, Pinder-Darmstadt, Graf Vitzthumv. Ecljstädt- 
Kiel, Weese-Bern, Willich-München, Wulff-Berlin, Privat- 
dozenten Dr. Herzfeld-Berhn, Dr. Wackernagel-Leipzig, 
Oberbibliothekar Dr. Leidinger-München, Professor Dr. 
Singer-Dresden und anderer Universitätslehrer und Mu- 
seumsdirektoren. Mit zirka zweitausend Abbildungen in 
Netzätzung und Doppeltondruck, Vierfarbendrucken usw. 
Erscheint in Lieferungen ä M 1,50 im Verlage der Aka- 
demischen Verlagsgesellschaft M. Koch, Berlin -Neu- 
babelsberg. — Lieferung 2 und 5. Die i. Lieferung 
besprach Wert und Wesen der deutschen Kunst der 
Renaissance. Dabei verbreitete sich der Herausgeber 
Dr. Fritz Burger über die geschichtliche Stellung der 
Renaissancekunst, er sucht an Beispielen eine Reihe von 
Problemen formaler und psychischer Art zu erläutern 
und die Besonderheit der deutschen Renaissancekunst 
zu beleuchten. Im ganzen läßt sich der Behandlung 
dieser Themen ohne wesentlichen Widerspruch folgen. 
Der IL Abschnitt, der auf S. 50 beginnt und die zweite 
Lieferung einnimmt, trägt die Überschrift „Vom Mittel- 



alter zur Renaissance". Das Thema wird in folgender 
Weise disponiert ; Der Naturalismus des Mittelalters, all- 
gemeine Wandlung der Weltanschauung, künstlerische, 
ikonographische Wandlungen, die Gottesidee in der 
Personifikation der Gottheit, Religion und Wissenschaft, 
Wandel in der Naturauffassung, gegenständliche Richtig- 
keit und künstlerische Einheit, Mittelalter und Renaissance 
in Dürers Naturauffassung, der transzendentale Idealis- 
mus in Dürers Landschal'ten, die Entdeckung der Auto- 
nomie der sinnlichen Welt, die Entstehung der natio- 
nalen Prolankunst, der höfische Charakter der Früh- 
renaissance, Reaktion gegen die höfische Kultur in 
Deutschland, Probleme der Ethik, Dürers Ritter, Tod 
und Teufel, der orientahsche Geist in der deutschen 
Renaissance, das volkstümHche Wesen der deutschen 
Renaissance, das Autkommen des Impressionismus in 
der deutschen Renaissance, Farbe und Licht unter Ein- 
fluß der italienischen Renaissance, Humanismus und 
Antike im Kampfe mit dem nationalen Geist, deutsche 
und italienische Kunstcharaktere. Eine verlässige Be- 
handlung dieser Themen, die auf dem engen Raum von 
rund 28 Seiten immerhin denkbar wäre, setzt neben 
UnVoreingenommenheit ein reiches Maß weltgeschicht- 
licher, religions- und kulturgeschichtlicher, theologischer 
und sonstiger Kenntnisse voraus. Man kann sich aber 
hier des Gefühls nicht erwehren, als ob dem Verfasser 
dieser sichere Boden fehlte, er kommt über allgemeine 
Redensarten nicht hinaus, und diese werden durch die 
Fremdwörter, Wiederholungen und Überflüssigkeiten 
nicht genießbarer. Die alte Erkenntnis, daß neben der 
formalen Entwicklung in der Kunst noch jene einhergeht, 
deren Wurzeln in den religiösen und sozialen Zeilver- 
hältnissen zu suchen sind, wird für den Übergang zur 
Renaissance wehläufig darzulegen versucht. Um des 
heute behebt gewordenen Schemas der Bilderklärung 
willen trübt der Verfasser einigemale auch den Wert 
des besseren Teils seines Textes, die Erläuterungen zu 
den Illustrationen. Letztere stehen auf einer bedeutenden 
Höhe und lohnen das Abonnement. 

Mit der 3. Lieferung (Band lU, Heft i des Gesamt- 
werkes) beginnt Professor Dr. Wulff (Berlin) die Behand- 
lung der altchrisllichen und byzantinischen Kunst. Er 
entwickelt seine Anschauungen auf Grund gediegenen 
Fachwissens mit wohltuender Klarheit der Gedanken und 
des Stiles. Seine Zusammenfassung der Ergebnisse der 
jüngsten Forschertätigkeit auf dem noch nicht gänzlich 
geklärten Gebiet erachtet er als Brücke zur entwicklungs- 
geschichtlichen und ästhetischen Betrachtung der ahchrist- 
lichen Kunst. Im ersten Abschnitt bespricht Wulff Wesen 
und Werden der altchristlichen Kunst, dann geht er im 
II. Abschnitt, der auch die 4. Lieferung füllt und in der 
8. schließt, auf die Kunst der akchristlichen Grabstätten 
näher ein. Es ist selbstredend nicht belanglos, welche 
Stellung man bei Bearbeitung des in vielem schwer ent- 
wirrbaren Stoffes der altchristlichen Kunst zum christ- 
hchen Glauben einnimmt, da diese Stellung notwen- 
digerweise auf die Verarbeitung und Darstellung des ob- 
jektiv Gegebenen abfärbt. Dem Verfasser scheint das 
Christentum das Ergebnis rein menschhcher Entwicklung 
zu sein. So spricht er u. a. S. 12 von der vermeintlichen 
Wirklichkeit der neutestamentlichen Vorgänge. Der ein- 
heitliche Ursprung der christlichen Kunst ist nach Wulff 
auf dem Boden der hellenistischen Weltstadt Alexandria 
zu suchen. Die frühchristhchen Typen der alexandri- 
nischen Kunst hätten alsbald von Gemeinde zu Gemeinde 
durch das ganze Reich Verbreitung gefunden, nur hätten 
sie wie in Rom so auch anderwärts durch die örtliche 
Kunstübung eine selbständigeFortbildung erfahren. Eine 
besonders tiefgreifende Einwirkung auf die Weiterentwick- 
lung habe .Antiochia ausgeübt und das syrische Kunst- 
schaffen habe eine ausschlaggebende Bedeutung für die 
Grundrichtung der gesamten christlichen Kunst erlangt. 



BÜCHERSCHAU 



Die Bedeutung von Byzanz liege darin, daß es die von 

Alexandria und vor allem von Antiochia und Palästina 
ausgeliende Gestaltung der christlichen ^'orstelIungen 
mehr auf der formalen Seite der altchristlichen Stilbil- 
dung zusammengefaßt und vereinheitlicht habe. Die 
Rolle, die das Abendland spielte, könne nach den heu- 
tigen Forschungsergebnissen nur als nebensächlich an- 
gesehen werden; sie beschränkt sich auf lokale Nach- 
ahmung und Abwandlung der dem Osten entlehnten 
Motive. Bis zur karolinigischen Epoche und in Italien 
noch länger zehrt die kirchliche Kunst des Abendlandes 
von ihrem alten Kunstbesitz und sucht ihn aus dem 
Orient zu vermehren. — Die folgenden Abschnitte wollen 
obigen Überblick begründen. s. Staudhamer 

Muschall - Viebrook, Dominikus Zimmer- 
mann. Ein Beitrag zur Geschichte der süddeutschen 
Kunst im 1 8. Jahrhundert. In Schröders Archiv für die 
Geschichte des Hochstiftes Augsburg IV, i. und 2. Liefe- 
rung. Einzelpreis 8.50 M. 

Wälirend Johann Zimmermann bereits monogra- 
phische Würdigung durch J B. Schmid gefunden liat, 
fehlte eine solche bislang für seinen Bruder Domini- 
kus, der als Baumeister wie Dekorateur unter den ersten 
Barockkünstlern Süddeutschlands steht. Muschall- Vie- 
brook hat diesen Mangel gehoben. Die Arbeit des 
jungen Kunsthistorikers entstand als Dissertation. Sie 
ist sehr sorgfältig. Zimmermann wird zuerst als Archi- 
tekt, dann als Stukkator_ gewürdigt, umfassende archi- 
valische Forschungen stellten die Untersuchung auf 
solide Basis und brachten gelegentlich auch wertvolle 
neue Resultate ans Licht. Auch dem entwicklungsge- 
schichtlichen Moment widmete der Verfasser eingehende 
Beachtung. Mit Interesse verfolgt man namentlich die 
Entwicklung des Stukkators vom Akanthusornament des 
späten Barocks bis zum Muschelwerk des entwickelten 
Rokoko. Eine sehr reiche Illustration unterstützt die 
Ausführungen des Verfassers. Als Ergänzung können 
wir beifügen, daß Zimmermann 1721 — 1722 drei Stuck- 
marmoraltäre in der Neumünsterkirche zu Würzburg 
ausführte, wie anläßlich der Denkmälerinventarisation 
konstatiert wurde. Dem Verfasser war dieses Resultat 
noch nicht zugänglich. Mader 

Raffaels Disputa del Sacramento, Farbenrepro- 
duktion. Verlag >GIaube und Kunst«, München. 

Es ist ein unzweifelhaftes Verdienst, daß der junge, 
aber unternehmende Verlag »Glaube und Kunst« uns 
von Raffaels grandioser Disputa nunmehr auch eine 
große (90:58 cm), dabei verhältnismäßig billige Far- 
benreproduktion bietet. Man braucht die Bedeutung der 
Farbe in diesem hauptsächlich durch Gedankenfülle, 
Großartigkeit des Aufbaus und Rhythinus der Linien- 
führung ausgezeichneten Wandgemälde nicht zu über- 
schätzen, und wird doch sofort das Empfinden haben, 
daß diese farbige Wiedergabe einen vollkommeneren 
und echteren Eindruck vom Original vermittelt, als selbst 
die bekannten treflflichen Stiche, die freilich in ihrer 
Art Vorzüge besitzen, wie man sie von einer mecha- 
nischen Reproduktion einfach nicht verlangt. Beispiels- 
weise tritt in der farbigen Nachbildung die einzigartige 
Christusgestalt, die schönste, die Raffael geschaffen, viel 
kraftvoller und beherrschender als Mittelpunkt hervor, 
als dies im reinen Schwarzweiß dargestellt werden kann, 
der Aufbau erscheint mehr gelockert, es kommt ein 
neues Element des Lebens und der Mannigfaltigkeit in 
die reiche Gestaltenwelt. Vor allem aber wird eine Far- 
benreproduktion ihrer dekorativeren Wirkung wegen als 
Wand- und Zimmerschmuck den Vorzug verdienen. Die 



Vorliegende ist mit aller Sorgfalt hergestellt, die Farb- 
werte sind aufs genaueste durch einen Künstler an Ort 
und Stelle aufgenommen, so daß das Ganze eine tech- 
nische Musterleistung darstellt. Wenn irgend einem 
Kunstwerke, so gebührt der raffaelischen Disputa, dieser 
einzigartigen Verherrlichung der Kirche mit dem eucha- 
ristischen Heiland als Mittelpunkt ein Ehrenplatz im 
katholischen Haus. Besonders etwa für ein pfarrliches 
Amtszimmer oder sonst einen geistlichen Repräsenta- 
tionsraum wüßte ich, wenn es sich um eine Reproduk- 
tion handelt, keinen edleren und bedeutungsvolleren 
Schmuck, als diese Disputa, deren machtvoll feierliche 
Stimmung sich dein ganzen Räume mitteilt. Das Blatt 
ist, wie erwähnt, im Verhältnis zu seiner Ausführung 
und Größe nicht teuer, dasselbe kostet dreißig, fertig 
gerahmt vierzig resp. fünfzig Mark. Damrich 

Von den bekannten Blättern »Künstlerischer Wand- 
schmuck« des Verlages B. G-Teubner in Leipzig 
liegen uns unter dem Titel >Bilder nach der Heili- 
gen Schrift« die Nummern loi — 106 vor (Preis des 
Einzelblattes 4 bis 5 Mark, der 6 Blätter in Mappe 
24 Mark). Der Künstler ist R u d olf S ch äfer, ein 
gebürtiger Altonaer. Er hat sich bisher durch Gemälde 
in norddeutschen Kirchen sowie durch Illustrationen zu 
Liedern von Paul Gerhard, zum »Wandsbecker Boten« 
u. a. bekannt gemacht. Die vorliegenden Lithographien 
— getont mit einiger Färbung, meist bei vorherrschen- 
dem Gelb- bis RötHchbraun — sind zwar nicht die 
Synthese von Gebhardt und Steinhausen, die ein 
kritischer Verehrer dieser beiden Meister herbeiwünschen 
möchte. Aber sie zeigen doch, neben Anklängen an 
den Erstgenannten, eine Ähnlichkeit mit dem letzteren 
in der den Bildern eigenen Gefühlswärme und -Weich- 
heit und zugleich meist recht primitiven Durchführung 
der Physiognomien. Überdies merkt man gar sehr die 
Absicht des Ausdruckes (beispielsweise auf dem Gesichte 
des Bräutigams bei der Hochzeit zu Cana). Die Kom- 
position selbst ist großenteils beachtenswert (so auf dem 
letztgenannten Bild mit der günstigen Verwendung eines 
landschaftlichen Ausblickes und besonders auf dem des 
Barmherzigen Samariters, der seinen Schützling in einer 
Mondnacht vor der Herberge den aus ihr lebhaft Herbei- 
eilenden übergibt). Die Gestalt Christi ist wohl am 
ehesten in der Bergpredigt gelungen; und überdies hat 
der Künstler hier den guten Griff getan, die Menschen- 
menge nur durch etwas über ein Dutzend Personen aus 
der Nähe der überragenden Gestalt des Predigenden 
anzudeuten. Die Behandlung der Themen Kinderfreund 
(Christus mit den Kleinen vor dem Brunnen einer 
altdeutschen Stadt), mehr noch Weihnachten (mit 
den in die Scheune hereinblickenden Hirten) und 
am meisten .\bendmahl (mit dem weggehenden Judas) 
kommen über typische Mache wenig hinaus. Die 
Konturen sind meist kräftig gezogen, die Schatten 
in einfachen , bald parallelen und bald gekreuzten 
Strichlagen dargestellt, kleine Freiflächen mit bedachtem 
Maß verwertet. 



Berlin-Haleosee 



Dr. Hans Schmidkuoz 



Ausstellung christlicher Kunstwerke. Der 
Kunstverein Münster hat beschlossen, die Kunstwerke, 
welche die Künstler der Deutschen Gesellschaft für christ- 
liche Kunst diesen Sommer auf der Paderborner Kunst- 
ausstellung zeigten, zu übernehmen und im Oktober 
auszustellen. Wir begrüßen diesen Beschluß im Inter- 
esse der religiösen Kunst und sind überzeugt, daß der 
Entschluß des Kunstvereins Münster gute Früchte zeiti- 
gen wird. 



Für die Redaktion verantwortlich: S. Staudhamer (ProraCDadeplau 3); Verlag der Gesellschaft für christliche Kunst, G. m. b. H. 
Druck von F. Bruckmann Ä. G. — Sämtliche in München. 




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AUG. DOKNAY (MERY SUR OÜRTHE) 

XL Internationale Kunstausstellung im Glaspalast München igij 



KREUZIGUNG 



MEHR IDEALISIEREN! 
Von P. REDEMPTUS, Carm. disc. in Reisach, Obb. 



Ob in der »christlichen Kunst« wohl auch 
ein Plätzchen für ein paar Bemerkungen 
eines »Laien in der Kunst« ist, der sich aber 
sehr für Kunst interessiert? Ich bringe 
sie nun einmal zu Papier und sende sie ein 
im Vertrauen auf die gute Absicht, im Inter- 
esse der Kunst und nicht weniger der Künstler, 
im Glauben an die Richtigkeit und im Hin- 
blick auf die Wichtigkeit der vorgelegten 
Gedanken. 

Wem sollten die Klagen nicht bekannt 
sein, welche Künstler oft laut werden lassen, 
daß sie so wenig Interesse, so wenig Ver- 
ständnis linden? Man tut alles Erdenkliche, 
um das Volk für die Kunst zu erziehen, und 
das ist gewiß gut. Indes vergesse man dar- 
über nicht, daß auch die Künstler Rück- 
sichten zu nehmen haben und zwar auf das 
Volk. Das \'olk ist in seiner großen Mehrheit 
nicht fachmännisch gebildet, aber es ist darum 
doch nicht so ohne jegliches richtige Emp- 



finden, wie manche Klage führenden Künst- 
ler annehmen. Es hat ein Empfinden für 
das wahrhaft Schöne und freut sich innig 
darüber, wo es ihm entgegentritt. Alle jene 
Künstler werden vom Volke geliebt, die ihm 
das Rechte zu sagen wissen und den rich- 
tigen Ton treff'en. 

Das Volk ist der modernen Kunst gegen- 
über zurückhaltend und gibt vielfach minder- 
wertigen Erzeugnissen den Vorzug. So ist es. 
Aber läßt sich für dieses Verhalten -wirklich 
kein anderer Grund anführen als \'^erständ- 
nislosigkeit, Mangel an richtigem Empfinden? 
Doch, doch ! Das Volk zieht öfters formal 
minderwertige Erzeugnisse den kunstgerecht 
gefertigten vor, weil es sich mit der Tech- 
nik allein nicht zufrieden gibt, durch die 
Darstellung aber nicht gewonnen wird, da 
der Künstler häufig zu wenig Rücksicht auf 
sein Bedürfnis nimmt. Das Volk vermißt nur 
allzuoft den Idealismus in der Kunst, sie 



Die christliche Kunst. X. s. i. November 1913. 



34 



MEHR IDEALISIEREN ^ 




AUG. DOXMAY (MERY SÜR OURTHE) 

.\7. Internationale Kunstansstelliing im Glaspalast Münclien igij 



AN'KUXFT IN BETHLEHEM 



ist ihm zu gedankenleer, zu äußerlich geworden. 
Hat es unrecht? Nein, gewiß nicht. Voll 
Prosa ist das Leben ohnehin; verlangte das 
Volk nach nichts anderem, so könnte es der 
Kunst beinahe entraten. 

Das Volk verlangt nach der Kunst, als 
einem Mittel, das es aufrichtet und seinen 
Gedanken wieder eine höhere Richtung gibt. 
Indem es solche Erwartungen hegt, schätzt 
es die Kunst wahrhaftig nicht gering. Und 
die Kunst selbst muß gerade in diesem ihrem 
Zweck das Erhabene ihres Berufes erkennen. 
Um ihm jedoch gerecht zu werden, muß 
sie sich über das Niedrige und Gemeine er- 
heben. 

Wir können aber nicht umhin auszu- 
sprechen, daß nach diesem Maßstab bemessen, 
gar viele Kunstwerke die Kritik nicht be- 
stehen. Kann denn das Volk mit einem edlen 
Gefühl ifn Herzen an Unzüchtigem Gefallen 
finden? Kann man es dem Volke verargen, 
wenn es an dem Nichtunsittlichen, aber Tri- 
vialen widerwillig vorübergeht? Kann man 
es ihm namentlich verargen, wenn es auf 
dem Gebiete der religiösen Kunst tadelt, daß 
ihm Christus und die Heiligen zu irdisch 
dargestellt sind? Hier betont man auf Seite 
der Künstler mit ^'orliebe : -Die Kunst darf 
den Boden der Wirklichkeit nicht ver- 



lassen ; denn sie würde aufhören echte Kunst 
zu sein, sobald sie authörte wahr zu sein; 
auch die religiösen Meister vom Ausgang des 
Mittelalters haben sich vor der Darstellung 
der herbsten Wirklichkeit nicht gescheut.« 
Recht und gut. Aber ist denn eine Dar- 
stellung wirklich wa h r, wenn sie nur Mensch- 
liches, obwohl vielleicht auch Menschlich- 
schönes darstellt, wo es einen Heiligen oder den 
Herrn selbst darzustellen gilt? Künstler 
nehmen gemeiniglich Rücksicht auf die Seele, 
wo es sich um die Darstellung leidenschaft- 
licher und schlechter Menschen handelt. Wir 
geben gerne zu, daß es viel schwerer ist, 
edle Gefühle, Heiligkeit und gar Göttlichkeit 
auszudrücken, aber es kann gerade auf letztere 
Eigenschaiten im Interesse der Wahrheit und 
Wirklichkeit, im Interesse der Kunst und 
Vollendung bei religiösen Darstellungen eben- 
sowenig verzichtet werden, als wegen des 
Zweckes, wovon wir eben redeten. Ist es 
bei den gerne als Zeugen genannten gotischen 
Meistern nicht gerade das Geistige, die ehr- 
lich religiöse Absicht, was unsere Seele er- 
greift und selbst mit realistischen Ueber- 
treibungen versöhnt. Nicht der leeren Glatt- 
heit rede ich das Wort, sondern dem Geiste. 
Man hat in Künstlerkreisen vielfach zu sehr 
oder nur auf die Vollendung der technischen 



XI. INTERNATIONALE AUSSTELLUNG MÜNCHEN 191; 



35 



Ausführung geachtet, das ist zu wenig. 
Viel wichtiger ist die Auffassung und 
edle Darstellung. Diese ist's, die das 
Volk gar oft vermißt und weshalb es 
achtlos an Erzeugnissen der modernen 
Kunst vorübergeht. Diese ist's aber, 
die es wünschen muß, weil es ihrer 
bedarf. Diese ist's, auf die man im In- 
teresse der Vollendung der Kunst nicht 
verzichten kann. Diese ist's aber auch, 
die der Kunst die Sympathien des VoL 
kes verschafft und dem Künstler Auf- 
träge sichert. Darum mehr ideali- 
sieren, d. h. mehr der Idee zu ihrem 
Rechte verhelfen, den richtigen Kern in 
eine geeignete Schale schließen, vor 
allem das Heilige nicht herab- 
ziehen, das Göttliche nicht ver- 
menschlichen! Dadurch werden die 
übrigen Anforderungen , die an ein 
Kunstwerk zustellen sind, nicht niedriger 
gesteckt. Im Gegenteil, je höher ein 
Künstler von Geist über seinen Beruf 
denkt, desto eifriger wird er alles daran- 
setzen, um seiner Idee durch möglichst 
vollendete Lösung der technischen und 
ästhetischen Seite Nachdruck zu ver- 
leihen. Wir müssen für die Kunst die 
Norm festhalten : Ein gesunder Geist 
in gesundem Körper! 



DIE XI. INTERNATIONALE KUNST- 
AUSSTELLUNG IM GLASPALAST 
ZU MÜNCHEN 1913 

Von Oscar Gehrig 

(Schluß) 

Lassen wir Osterreich den Reigen eröffnen, 
das durch acht Kollelctivausstellungen recht gün- 
stig vertreten ist. Ein frischer, modern beleben- 
der Zug geht durch die meisten Kabinette un- 
serer östhchen Nachbarn, die sich hier als gute 
Dekorateure zugleich erweisen. Es steckt viel 
»angewandte Kunst< in der Art, wie sie sich 
präsentieren. Ferdinand Andri hat eine große 
Zahl von Entwürfen für Wandmalereien in figu- 
ralem und ornamentalem Sinne geschaflen, an 
denen gerade die ornamentale Seite uns eher ge- 
fällt als die andere. Eine Reihe in Farbe wie Form 
fast schon derb aufgefaßter, doch festgeformter 
Tafelmalereien wie seine »Mutter mit Kind« oder 
der »Holzschlag« lenken auf ihre Art in Bahnen 
ein, wie sie heute durch Männer wie Egger- 
Lienz, Buri und andere häufig begangen werden. 
Eine Reihe von Lithographien und auch Werk- 
zeichnungen für Mosaiken seien noch hervorge- 
hoben neben den köstlichen Buchillustrationen 
zu Kopitsch. 

Ein anderer ist Oskar Laske. Ein Miniaturen- 
maler, der ins große Format geht; auf dessen 
Bildern fast so viele Figürchen sich bewegen als 
wie auf Altdorfers Alexanderschlacht der Pinakothek. 
Märchen, Legenden und große Volksszenen schildert er 




R. ATCHE (BARCELOX.'i) 

XL Internationale Kunstaitsstellun 



HL. FRANZ VON ASSISI 
München igij. — Text S. 42 



in heller Farbe und scharfer Zeichnung; und doch sind 
es keine eigentlichen Miniaturen. Wie kösthch in all 



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^ XI. INTERNATIONALE AUSSTELLUNG MÜNCHEN 191 3 ^ 



seinen Einzelheiten ist des >H1. Franziskus Vogelpredigt«, 
und wie eigenartig erscheint uns die >Kreuzigung€, aul 
der halb Jerusalem noch darauf zu sehen ist mit seinem 
Leben und Weben in den obskursten Winkeln; treppen- 
förmig baut sich das Ganze auf; zuoberst die Golgatha- 
szene. Mythologische Motive und Märchen bilden die 
Themata zu den meisten Bildern des Pragers Jean 
Preis 1er, dessen kompositionelle Begabung wir aner- 
kennen. Ein Moderner, der seine eigenen Wege zu 
gehen sucht. Ein zartes Lineament, umflossen von 
heller Farbigkeit, kennzeichnet seine Kompositionen, die 
er oft nur >ein Bildi nennt. 

Ein Märclienerzähler, Romantiker ist ferner Karl 
Sterrer. Wenn auch nicht unabhängig, so bleibt er 
doch ein rechter Könner. Um zwei Pole scheint sich 
seine Kunst zu bewegen; Intimitat will er vereinen mit 
Monumentalität. Einmal ist Hans Thoma sein geistiger 
Vater in Bildern wie »Der einsame Ritter«, »Der wun- 
derliche Stern« und andre; dann nährt et sich von der 
großen Freskokunst Italiens bis auf Michelangelo herab; 
dies vor allem in formaler Hinsicht. Eines der monu- 
mentalsten Werke der Ausstellung ist seine »Hl. Fami- 
lie«. Klar der Aufbau und streng die schwellenden 
Formen; das Malerische tritt dahinter zurück. Und doch 
so traut wieder, so deutsch. Noch seien zwei Kollek- 
tionen Österreichs in kurzen Strichen gezeichnet. Die des 
Graphikers Max Svabinskv. Ein Realist, der scharf 
zusieht, doch nie kleinlich vorgeht in Zeichnung, Ra- 
dierung, Lithographie oder Aquarell. Meisterliche Bild- 
nisse mögen an die Art Schmutzers erinnern. Gustav 
Klimt, der vielumstrittene »Führer« und Schöpfer 
eines dekorativen Monumentalstils, füllt gleichfalls einen 
Saal mit Gemälden und Zeichnungen. Raffiniertes 
Leben beherrscht die skizzierten Blätter. »Der perl- 
mutterhafte, edelsteingeschmückte Glanz seiner Bild- 
flächen, das heitere Spiel seiner Linien, der Reiz, den 
er seinen halbidealen Bildern junger Frauen zu geben 
weiß«, liegt aucli wieder über seiner »Vision i und nicht 
zuletzt dem kapriziösen »Damenbildnis«, das uns diese 
grazienreiche Kunst in so rechtem Lichte zeigt. Den 
Gegenstand seiner Darstellung verwandelt er in fast 
orientalischem Sinne zu einem Schmuckstücke, das sich 
über die Fläche ausbreitet. Wir können den monu- 
mentalen Klimt hier in der eher intim gedachten Kollek- 
tion freilich nur unter Vorbehalt studieren. Die übrigen 
Schöpfungen, zumal die landschaftlichen, sind am besten 
von problematischen Gesichtspunkten aus zu betrachten. 
Fast müßten wir Österreichs Plastik im Glaspalaste über- 
gehen, hätte nicht Franz Barwig wieder eine Anzahl 
seiner so flott behandelten, teilweise schon impressioni- 
stischen Tierbilder ausgestellt. 

Die Schweizer folgen in der Runde. In ihren 
Räumen gehen die künstlerischen Wogen am höchsten. 
Die Linksaußenstürmer scheinen sich, wie man nicht 
mehr zu munkeln braucht, auf Kosten gesunder Impressio- 
nisten breit gemacht zu haben. Zu den letztgenannten 
dürfen wir sicherlich Leute wie Wilh. Lehmann, den 
bekannten Landschafter, oder gar den trefflichen, in 
neuester Zeit mehr dem modernsten Geiste folgenden 
Adolf Thomann rechnen. Th. Meyer-Basel mit 
seinen Bodenseelandschaften möge hier genannt sein 
neben Martha Stettier. Hans Beatus Wielands 
glühende Farbenpracht leuchtet uns wieder aus dem 
Almstück »Am Ziel« entgegen. Von dieser noch kon- 
servativ zu nennenden Gruppe wollen wir zu den Be- 
herrschern im neuen Reiche der Kunst übergehen; doch 
nicht als ob Hodler diesmal auf der Ausstellung der 
Beherrsclier seiner Landsleute wäre; er hat nur Varia- 
tionen seiner Werke geschickt, so in dem großen »Mä- 
her«, bei welchem die körperliche Masse im Gegensatz 
zu anderen Werken noch stark betont erscheint. Max 
Buri hat eine Wandlung zu intensiverer Farbigkeit 



durchgemacht, doch ohne, daß es dabei schon zu rest- 
losen neuen Lösungen in stilbildnerischem Sinne ge- 
kommen wäre; ich verweise auf seine »Alten«. Eindrucks- 
volle Meister der Farbe sind dagegen unstreitig Männer 
wie EdouardValletundGiov. Giacometti(» Familie 
bei der Lampe«), deren aucli kompositioneil bemerkens- 
werte Werke als fruchtbare Versuche auf ihrem Gebiete 
zu gelten haben wie weiterliin die Malereien von Emile 
Br essler. Noch manches Gute kann man zwischen 
ganz Wildem, was nie zahm wird, da manchmal die 
Hinsicht zu fehlen scheint, herausfinden. Durch einen 
Schwärm mehr oder minder glücklicher Hodlernach- 
ahmer, über denen der Meister doch binnen kurzem 
oder langem erhaben in absoluter Größe bestehen 
wird, stoßen wir auf bisweilen extravagante Grüppchen. 
Extravagant in Motiv und Darstellung. Ein tapferes, 
eigenwilliges Völklein waren die Schweizer von je! 
Sollen wir noch Namen nennen? 

Italien ist nun an der Reihe. Seine Futuristen hat 
es nicht entsendet. Vielmehr gute, bürgerliche, bis- 
weilen auch starke Kunst. Ein Gleichmaß fast geht 
durch die ganze Abteilung hindurch, und es fällt 
nicht leicht, gerade hier das Wichtige nocli herauszu- 
greifen. Was wir sehen, ist natürlich in keinem Punkte 
mehr eine Fortsetzung jener Übeln Epigonen-Kunst des 
19. Jahrhunderts, wie wir sie beispielsweise in den 
Folterkammern des Obergeschosses der Florentiner Aka- 
demie erleben können. Vielmehr haben sich diese Leute 
geschult — im Hinblick auf das führende Ausland, sie 
sind Moderne geworden, zum großen Teile Impressio- 
nisten. Dazu noch ein gut Stück provinzielle Eigenart, 
und diese neuitalische Kunst ist ganz annehmbar, selbst 
wenn sie auch so offiziell — dabei fehlt aber nie ein 
duantum gespreizter Langweile — sich uns darbietet 
wie eben im Glaspalaste. Das beste wird hier auf land- 
schaftlichem Gebiete geleistet, angefangen vom Schweizer- 
italiener mit seinen klaren Gebirgsstimmungen bis zum 
farbenschwerglühenden, sentimentalen oder süßen Süd- 
italiener. Vom großen Toten, Giovanni Segantini, 
noch ein Bild: »Pferde an der Schwemme«. Der Art 
dieses Meisters scheint es G. B. Stelle in seinem 
»Orpheus« nachzutun. Venedig ist durch Ferruccio 
Scattola, Italiko Braß oder Glauco Cambon 
gut vertreten, nicht minder Verona durch Fei. Casorati. 
Ein reiner Impressionist ist der Paduaner Ciov. Via- 
nello. Weiter sei auf das delikate »Bildnis« von M. Mar- 
ti nelli (Livorno) oder des Bolognesen Protti »Fiorina« 
hingewiesen. Grolle Wirkungen erzielt Gerolamo Cai- 
rati mit seinem »Abend am Palatin«. Rom tritt künst- 
lerisch nur schwach hervor; anders Mailand, Turin und 
auchXeapel (Genn. Villani); Florenz überrascht keines- 
falls. Lassen wir das Weitere bewenden mit den nennens- 
werten »Stillehen« von Luigi A. Scopinich, den 
Arbeiten — ebenfalls wieder landschaftlicher Art — 
von Nodari-Pesenti (Mantua), Alb. Zardo (Florenz), 
dem kräftigen Industriebilde Carlo Vittoris (Cremona). 
Aus der graphischen Abteilung ragen die Arbeiten 
P. B. Stellas hervor; eine nennenswerte pListische Figur 
ist zum Schlüsse noch die marmorne »Ignara mali« von 
Bass, Danielli, während die Kolossalgruppe »Der 
Heilige, der Jüngling und der Weise« von Adolfo Wildt 
trotz ihrer technischen Bravour ein Werk krassester 
Barockauffassung genannt werden muß. .A.rturoDazzis 
»Christus am Kreuz« wirkt dagegen viel eher durch stil- 
voll einfache Größe, Ernst der Auffassung bei aller 
Eigenart (Abb. S. 57). 

Wer wäre nicht auf die große Kollektion Frankreichs 
gespannt? Und doch sehen wir diese Kunst schon bald 
einige Jahrzehnte fast im gleichen Gewände, wie sie 
sich uns heute im Glaspalaste schön geordnet, frisiert 
für die internationale Massenschau, darbietet. Renoir 
ist in seinem »Briefe« gleich gut, wie in vielen Fällen 



37 




JiL Intematifl/tale Kittistausstelbing 
o München igt 3. — Text S. 36 o 



ARTURO DAZZI (ROM) 
«"a KRUZIFIXUS 's««! 



3« 




JOS. JANSSENS (ANTWERPEN) 



BILDNIS FRAU J. N. 



-\7. Internationale Ku}istaussieUiiu^ im Glas/aiast München igrs — Text S. 41 



39 




J. A. BAUMGARTNER 



GENERAL VON KELLER 



.\7. InternaHonale KjtustanssieUuug im Glas/alast München IQIS- — Text S. 22 



40 ^3 XI. INTERNATIONALE AUSSTELLUNG IN MÜNCHEN 191 3 e^ 




JOSEF ENGELHARI iWll \ 

Gruppe vom Karl Borromäits-Bninnen. 



ST. KARL B. ZWISCm N I ISIKKANKbX 
Bronze. / 'gl. Abb. S. 43. — Text S. 42 



zuvor; an ihm und an Degas, diesem Meister der 
räumlichen Darstellung, muß man freilich auch heuer 
wieder seine Freude erleben. Monet, historisch schon 
wie die beiden genannten noch Lebenden, hat drei Werke 
gesandt, doch keinen Monet, durch den er berühmt 
hätte werden können, wodurch nicht gesagt sein soll, 
daß seine kleine »Landschaft« und die >Blumen und 
Früchte« im Gegensatz zu den »Seerosen« keine treff- 
lichen Malererien wären. PauISignac, der PointiUist, 
ist mit einer als >last phase« seiner im rein Physio- 
logischen steckenden Kunst zu bezeichnenden Szenerie 
aus Venedig vertreten. Eine viel kraftvollere Kost setzen 
uns dagegen Albert Besnard, mit seinen glühenden 
Farben, Pierre Bonnard, Edouard Vuillard, oder 
der wieder andersgeartete Eugene Martel vor; zum 
Teil in kleinen Bildchen Proben köstlichster Malerei. Der 
sonst so konventionell erscheinende Jacques Blanche 
aber hat ganz andere Gestalt angenommen und sich 
in seinen Frauenbildern einem großzügigen dekorativen 
Stil genähert. Ihm gegenüber ist Edmond Amand-Jean 
in seinem großen Bilde süß geblieben, wenn auch das 
Ganze etwas ornamentalen Charakter in weitestem Sinne 
an sich trägt. Maurice Denis, J. A. Forain oder 
Jules Flandrin und Felix Vallotton bringen meist 
Gutes, doch nichts Neues vor. Lucien Simon und vor 
allem Charles Cottet wollen wir den guten Schluß 
dieser Abteilung bilden lassen, da sie auf ilirem Gebiete 
wacker vorgehen. Viele von denen, die wir nicht mehr 
anführen können, japanisieren teils, teils dreschen sie 
ältere Formeln ab. Seine Mission auf dem Gebiete der 
Malerei hat Frankreicli im letzten Jahrhundert erfüllt; 
wenn es heute unter uns er,<;cheint, so wirkt dies ein- 
mal repräsentativ, und dann ist dies Aufstreben geeignet, 
die noch lebenden Mitglieder der alten Garde in der 
zumeist bedeutungslosen Umgebung uns recht eindring- 
lich noch, abseits von der Pariser Salonkunst, ans Herz 
zu legen, uns mit ihnen vertraut zu belassen. 

Rodin, der einzigartige Porträtist, hat die übrigen 
französischen Plastiker um Haupteslänge hinter sich ge- 



lassen. Die Büsten Fal- 
guicres, Mirabeaus, Mah- 
lers gehen seelisch so um- 
fassend tief wie selten 
Männcrdarstellungen. Man 
rühmt allseits auch das 
herrliche Material der 
Bronze und die meister- 
liche Technik des Gusse.«, 
die Patina; all das verstärkt 
die Eindrücke. Gar wild, 
unplastisch schon ist die 
figürliche Arbeit >De pro- 
fundis«; besser die ge- 
krampfte »Hand«, fast wie- 
der ein Porträt. Frankreich 
hat in diesem Jahre auoh 
eine Kollektion kunstge- 
werblicher Arbeiten mitge- 
schickt, die ob ihrer techni- 
schen Eigenarten und derer 
des Geschmackes zum Stu- 
dium ermuntern. Schmuck- 
sachen, Porzellane, Elfen- 
beinarbeiten, Email- und 
Glasstückeusw., die aUe zei- 
gen, daß Frankreich auch 
auf diesem Gebiete eine Tra- 
dition hat, die, wenn sie von 
verständnisvollen Künst- 
lern, nicht Kopisten, wei- 
tergeführt wird, günstige 
Resultate erzielen läßt. 
Es wird niemand sagen können, die Holländer 
wären schlechte Maler und Zeichner. Etwas Abgerun- 
detes liegt über den meisten ihrer Werke, von denen 
mancher Satz gilt, den wir einleitend über die Mün- 
chener Künstlergenossenschaft gesprochen haben; das 
ist das Internationale und zugleich Verallgemeinerte an 
ihrer Kunst, in der dadurch zu wenig loderndes Element 
lebt und frißt. Statt dessen Stillstand. Das geschieht 
auch auf Kosten der Rasse, die, wie wir bei manchen 
anderen Völkern sehen, gar nicht zu unterschätzen ist. 
Mischen wir allerhand Farben völlig, so kommt eine 
Vergrauung heraus. Und vergraut ist diese Kunst, ur- 
teilen wir ganz strenge. Einer aber ragt um so höher 
jetzt heraus: Jan Toorop, mit seinen fast dämonisch 
wirkenden »Apostelköpfen«, Studien zu einem hl. Abend- 
mahl. Wie sind hier tiefe Furchen eingezogen in die 
ernsten Männergesichter, die einem der größten Ereig- 
nisse in der Weltgeschichte entgegensehen und denen, 
so sie es begriffen haben, große und größte Aufgaben 
zufallen. Schliclitheit und Wucht des Ausdrucks kenn- 
zeichnen diese Köpfe; das wahrhaft Große an ihnen ist 
zugleich aber auch die Demut. Noch eine kapriziöse 
und gar nicht sclilecht gemalte Sache sei aus dieser Ab- 
teilung genannt; der figurenreiche »Zwischenakt« von 
Martin Monnickendam. 

Frischer und freundlicher als hier ist es in den 
Räumen des Nachbarlandes Belgien, wo wir wie 
selbstverständlich gleich nach Fernand Khnopff Aus- 
schau halten. Von seinen drei Bildern mag das wachs- 
farbene »Geheimnis« am eindrückHchsten sein durch 
die schon ans Grauenhafte angrenzende Verschlossen- 
heit; seine Delikatesse erheischende Malweise geht eine 
wesenhafte Verbindung mit der halb mystischen, halb 
illustrativen Kunst ein. Ganz anders, derber und mo- 
derner im Stil ist dagegen Jakob Smits; seelisch 
tief zu dringen versucht Eugene Laermans Weise. 
Theo vanRvsselberghe, der PointiUist in großem 
Stile, hat sich wieder als Meister der Figur und Kom- 
position bewährt; doch ernst zu stimmen vermag eine 



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XI. Internationale Kunstausstellung 

o ;>n Glaspalast München 1913 o 

Tex^ Seite 28 



GEORG WALLISCH 
® PIETÄ (HOLZ) ® 



XI. INTERNATIONALE AUSSTELLUNG IN MÜNCHEN 1913 ^^ 41 



solche Kunst kaum; sie 
wird immer nur in bestimm- 
ten Stunden als Del<oration 
uns frölilich erhalten kön- 
nen, wenn wir die Stim- 
mung mitbringen. In vie- 
len Stücken bemerkt man 
einen starken Zug nach 
Paris, zumal was die Land- 
schaftsmalerei angeht. Ein 
leicht hingemaltes , von 
zartem Farbenschimmer 
übergossenes Werk wollen 
wir aus dem übrigen noch 
herausgreifen: das > Bildnis 
Frau J. N.< von Josef 
Janssens, der uns ja 
auch kein Unbekannter 
mehr ist (Abb. S. 38). Gute, 
mit kralligem Strich hinge- 
setzte Graphiken stammen 
von M. H. Meunier; als 
Plastiker -Bildnisse der bel- 
gischen Königsfamihe« sei 
Victor Rousseau ge- 
nannt. 

Wir wenden uns Däne- 
mark und den skandina- 
vischen Ländern zu, die, 
wie wir gleich bemerken 
wollen , in ihrer Kunst 
völlig unter sich verschie- 
den sind. Über Däne- 
mark und Norwegen könnte man in manchem 
Punkte streiten; ich glaube aber, daß hier manches im 
Argen liegt; viel Antiquiertes ist da ausgestellt und we- 
niger wäre mehr gewesen. Wohl beherrscht ein gleich- 
mäßiger Grundzug die Werke des dänischen Saales: aber 
er ist der der Langeweile und der stumpfen Farbe. Unter 
den Porträts ist das von Hermann Vedel das ein- 
drucksvollste. In einigen Landschaften wie Interieurs 
steckt ferner manches Gute, ohne daß es sich aber um 
etwas Besonderes handelte. In der graphischen Ab- 
teilung haben dagegen Leute wie A. E. Krause oder 
P. liste d recht Erfreuliches geleistet; dies mag mit 
Vorbehalt auch für die Plastik gelten. 

Bei den Norwegern gärt es wie bei den Schweizern; 
nur sind die Elemente schwächer. Manche Unzuläng- 
lichkeit starrt uns da entgegen. Wir wollen darüber 
hinweggehen und uns an den paar guten Sachen der 
graphischen Abteilung Genüge tun (Olaf Lange, 
H. Helm). Der ernsteste Künstler der Gruppe ist viel- 
leicht Chr. Krogh, dessen sozial empfundener »Kampf 
ums Dasein« in den Einzelheiten scharf gesehen ist, 
wogegen das Bild als Komposition weniger glücklich 
erscheint. 

Ganz anders die Schweden; anders in den Mo- 
tiven schon, anders auch im Vortrag. Ihre Farbe ist 
aufgehellt und, um künstlerisch viel sagen zu können, 
brauchts nicht vieler Requisiten oder literarischen Bei- 
standes. Reine Stammeskunst mit einem unverrück- 
baren Standpunkt zur Natur. Eine gesunde Mitte 
zwischen Realismus und Stilisierung ist das Resultat. 
Die taghelle Farbe und die jeweilige Technik im Vor- 
trage ergeben sich dabei von selbst. Vor allem sind es 
die Landschafter, die uns anziehen; zunächst G. A. 
Fjaestaed, dessen große, schon dekorativ aufgefaßte, 
in den Motiven so schlichte Bilder seltene farbige Reize 
aufweisen, dann der feinsinnige Hugo Carlberg, 
Oskar Bergmann (.Aquarelle und Zeichnungen,!, 
J. H. Osslund oder endlich Gust. Ankarcrona. 
.\uf graphischem Gebiete wird uns hier vom Besten 




JOSEF EXGELHART (WIEN) ARME UND ELENDE 

Gruppe vom Karl Borrotnäus-Hrttnnen^ die sich zum hl. Karl B. -wettciet, Bronze 

Vgl. AU. S. 43. — Text S. 42 



geboten, was man im Glaspalast sehen kann. Ein Mi- 
niaturmaler und Zeichner ist der verstorbene Ivar 
Arosenius, der als vorzüglicher Humorist und Mär- 
chenschilderer uns mit einer Fülle launigster Einfälle 
überrascht. Und so könnten wir aus den schwedischen 
Kabinetten noch manches Gute berichten, abgesehen 
von den nicht zu verachtenden Porträtisten und Figuren- 
malern, die im großen Saale dieser .Abteilung unter- 
gebracht sind; ein paar Namen sollen genügen: Emil 
und Bernhard Oestermann, Oscar Björck, 
Gabr. Strandberg. Die schwedische Plaktik ist 
mehr eigenartig als vortrefflich zu nennen. 

Über die Ostsee zu den Russen! Das Gesamtbild 
hat sich geändert; nationale Eigenarten besitzen die 
Russen in der Kunst; schade, daß sie nur heute wieder 
geradeso auftreten, wie wir sie fast genau so schon von 
früheren Ausstellungen her kennen. Der stark natio- 
nale Zug prägt sich nicht wenig in der Motivwahl zu 
den Bildern der Russen aus. Viele große Bilder, Volks- 
szenen, Schlachtengetümmel, einige mitunter knallige 
Porträts usw. Meist tüchtig gemalt, gut in der Farbe; 
selten aber so recht erwärmend. Alexander Mou- 
raschko mit semem leuchtenden Kolorit ist noch der 
sympathischsten einer. Auf starke Farbeft'ekte zielt 
auch Konr. Krzyzanowski in seinem »Damenbild- 
nis« ab. Gorbatons ».Angelangt« stellt eine treft'liche 
Marine dar; unterlassen wir es noch weitere Namen 
zu nennen und wenden wir uns lieber noch dem un- 
garischen Saale zu, der eine Malerei von teils ba- 
rockem, teils mondänem, teils aber auch recht stilvoll 
modernem Einschlage zeigt. Denken wir nur an Kä- 
roly Ferenczvs »Mutter und Kind«, ein Bild, das 
wegen seiner Einfachheit in Lineament und Farbe und 
■wegen der Geschlossenheit der Silhouetten allein schon 
ein gutes Stück genannt werden müßte, würden ihm 
nicht noch fein abgewogene Töne und erst der stim- 
mungsvoll seelische Gehalt einen edleren Stempel auf- 
drücken. Ein großangelegtes Werk ist auch die »Kreuz- 
abnahme« von Zemplenyi, der wohl noch ganz im 



Die chrlstllcbe Kunst X t. 



42 



DER KARL BORROMÄUS-BRUNNEN IN WIEN 



Sinne der Renaissance scliaft'en will. Als Figurenmnler 
brilliert ferner Stephan Csok mit seiner »Atelieiecke; 
den >Müncliner< Fritz Strobentz mit den immer 
wiederl<ehrenden »Bäuerinnen« kennen wir genügend 
von den Secessionsausstellungen her. Auch der Im- 
pressionist P.il Szinyei Merse ist mit zwei flotten 
Malereien vertreten neben dein nicht zu unterschätzen- 
den Landschafter Perlmutter. Kacziänys würdige 
Pieia geht von der farbigen Stimmung aus (Abb. S. 62). 
Gute Tierplastik schuf Deszö Länyi- Bei einem Blick 
über die Gesamtheit der Ungarn kann man sich freilich 
nicht verhehlen, daß der Nährboden der Heimat lür die 
Kunst dieser Männer nicht ausgereicht hat. 

Rumänien erstickt fast in offizieller Kunst und, 
was die Türkei zu bieten vermag, ist auch nicht tür- 
kisch. Nur Kasasian, den Münchenern aber kein 
Unbekannter, fällt dort auf — er würde es wohl auch 
wo anders tun — mit seinen Figurenbildern, die, abge- 
sehen vom guten Aufbau, ein feines Farbempfinden des 
Künstlers verraten. 

Was wir jetzt noch bringen, ist aller Ehre wert und 
gehört zum Ausgesprochensten von all dem, was der 
Glaspalast in sich aufgenommen hat. Nicht umsonst 
lenkt die spanische Abteilung so viel Interesse auf 
sich. Schweigen wir vom Akademismus, der viele Spa- 
nier gefangen hält, und reden wir nur kurz von den 
starken Wirkungen, die eine Reihe dieser Meister erzielt 
und zwar auf dem Gebiete der Figurenmalerei. Nicht 
ist es Zuloagas Kunst, von der man so viel spricht; 
hier sind viel bodenständigere Spanier zu studieren, 
Leute, die ihr Rassenelement zum Ausdruck bringen. 
Geheime Fäden verbinden ihre Kunst noch mit der des 
alten Spaniens und doch sind es Bilder des zwanzigsten 
Jahrhunderts. Was ist doch Eduardo Chicharros 
»Schmerz« für eine monumentale, überzeugende Schöp- 
fung! Wie verwertet der Meister Linie und Farbe im 
Sinne des Themas. Und wie einfach gibt er die Typen, 
das Milieu. Und Valentin de Zubiaurre charakteri- 
siert seine Landsleute so scharf und wahr, daß wir 
ihm unbedingt Glauben schenken. Die Spanier liehen 
hier große Formate, aber sie verstehen diese auch zu 
füllen und dabei der Farbe die entsprechende Bedeu- 
tung beizumessen, so daß auch Leute wie Romero di 
Torres, die koloristisch sich an manches Alte anlehnen, 
uns befriedigen können. Eigenartig, je länger man bei 
diesen Künstlern verweilt, desto lieber gewinnt man sie, 
während man anfangs recht kleingläubig die fast über- 
füllten Wände mustert. Nur noch einen Landschafter, 
dessen blinkende Farben uns fesseln: MartinezCu- 
bellsYRuiz. Und einen Plastiker: RafaelAtche, 
dessen Holzfigur »Hl. Franz von Assisi« ein ebenso 
schlichtes als ernst-eindringlichesWerk darstellt (.Abb. S. 3 5). 

Von der noch übrigen internationalen Plastik seien 
zuguterletzt Iwan Mestrovics »Witwe« hervorge- 
hoben, die von großem plastischem Können und der 
Fähigkeit zeugen, zugunsten des erstrebten Eindrucks 
zu abstrahieren von Mitteln, die dem Realismus die- 
nen müssen; der Künstler ist uns mit seinen Ten- 
denzen nach monumentaler Stilisierung von andern 
Münchener .Ausstellungen her kein Unbekannter mehr. 
Wir stellten ilin an den Schluß, weil w^ir nicht sicher 
waren, wo wir ihn sonst unterbringen sollten und seine 
auffallenden Stücke inmitten der internationalen Plastik 
des Vestibüls aufgestellt sind. 

Beenden wir unsern langen Rundgang mit einem Hin- 
weis auf die sehenswerte Architekturabteilung, wo Größen 
wie Franz Brantzkv (Bismarcknationaldenkmal), 
Max Littmann (Hoftheater Stuttgart, Kurgarten 
Kissingen), Otho Orl. Kurz (Kaufliaus, St. Ottokirche 
Bamberg), Henry Heibig (Opernhaus Berhn), Wilh. 
Koppen (Raumausschmückungen), Franz X. Bau- 
raann, Rup. v. Miller, K. Bauer- Ulm, P. Dan zer 



uns einen Einblick in ihre für unsere kulturelle Ent- 
wicklung so wichtige Tätigkeit verschaffen. 

Haben wir auch Vieles angeführt, so war es doch 
nur das Wesentlichste aus dieser immensen Aus- 
stellung. Soll der Zweck einer derartigen internationalen 
Veranstaltung erreicht werden, so ist ein tiefes Ein- 
dringen in die Verschiedenheit der Materie an sich nötig. 
Deshalb sei auch der Besprechung größerer Raum ge- 
währt als manchmal sonst. Die großen Ausstellungen 
lassen sich kaum aus der Welt schaffen. Wer Nutzen 
aus ihnen ziehen will, denke daran, daß auch in der 
Kunst der Satz gilt: Non est ad astra moUis e terris via. 



DER KARL BORROMÄUS-BRUNNEN 
IN WIEN 
(Abb. S. 43) 

Tosef Engelhart zählt als Bildhauer und Maler zu den 
J hervorragendsten und erfolgreichsten Künstlern der 
Kaiserstadt an der Donau. Sein Karl Borromäus- 
Brunnen, zur Erinnerung an den verstorbenen popu- 
lärsten Wiener Bürgermeister Dr. Karl Lueger geschaffen, 
gilt als einer der schönsten Monumentalbrunnen der 
Reichshaupt- und Residenzstadt, die ein religiöses Motiv 
zur Grundlage haben und im diametralen Gegensatz zu 
ähnlichen Kunstschöpfungen »profaner« Natur dort 
leider ziemlich selten sind. 

Dem Künstler oblag vor allem die schwierige Auf- 
gabe, den Brunnen dem verhältnismäßig schmalen 
Platz vor dem Gemeindehause des dritten Bezirkes an- 
zupassen und dieser Aufgabe hat sich Engelhart im 
Verein mit dem Architekten Plecnik, der die Umrah- 
mung entwarf, aufs glücklichste entledigt. Die Aufgabe 
wurde dadurch gelöst, daß die architektonische Anlage 
mit dem Bassin tiefer als das Platzniveau gelegt wurde. 
Aus einem kreisrunden Wasserbassin ragt ein granitener 
Block, der drei Bronzegruppen, kreisförmig angeordnet, 
trägt. Die erste Gruppe zeigt den heiligen Karl Borro- 
mäus, den Pestkranken Trost spendend. Die zweite 
Gruppe stellt Arme und Elende dar, die sich hilfesuchend 
an den Heiligen wenden. Die dritte Gruppe endlich 
versinnbildlicht die Wohltätigkeit der Menschheit aller 
Stände. Speziell diese drei Gruppen zeigen den freien 
Blick und die große Gestaltungsfähigkeit des Künstlers 
für das höchste aber auch mühevollste der Probleme, 
den menschlichen Körper. Von den feinen ausdrucks- 
vollen Linien des schmalen Kopfes des heiligen Karl 
Borromäus bis zu den leid- und gramdurchfurchten Ge- 
sichtern der Kranken und Elenden wie den mitleider- 
faßten Zügen der Wohltaten spendenden Gruppe führt 
eine glücklich durchgeführte verbindende Linie, die in 
der Betonung des inneren Lebens durch die äußere 
Form ausklingt. Eine große Lebendigkeit in der .Auf- 
fassung eint sich mit vornehmer Wiedergabe der Per- 
sönlichkeit des großen Kirchenfürsten, der im Jahre 1 576 
in so selbstloser Weise der damals in Italien wütenden 
Pest entgegentrat und den größten Teil der Bevölkerung 
Mailands zu retten vermochte. Durcli die freiwillige 
Gebundenheit in der Komposition und im plastischen 
Ausdruck bekommen aber diese drei Gruppen etwas 
Volkstümliches. Die an dem Bassin angebrachten und 
im Sommer mit Blumen gefüllten Schalen sind mit 
Amphibien und Reptilien geziert und weisen je vier 
Wasserspeier auf, verschiedene Tierformen darstellend ; 
jede Schale wird von anmutigen Kindergestalten in 
Bronze getragen. Überaus wirkungsvoll und lebendig 
gestaltet, gehen diese kleinen Kompositionen dem Auge 
eine angenehm berührende Abwechslung gegen die auf 
das menschliche Mitgefühl so mächtig wirkenden Haupt- 
gruppen. Außerdem trägt der Brunnen noch eine An- 



DER KARL BORROMÄUS-BRUNNEN IN WIEN 



43 




JOSEF EXGELKART (WIEN) 



KARL BORROMAUS-BRUN'KEX- IX WIEN 



Errichtet igog ; vgl. Abb, S. 40 und 4t. — Text S. 42 



zahl Inschriften, die sich auf dessen Herstellung be- 
ziehen und unterhalb des großen Granitobelisken die 
Worte: Empor die Herzen — Über allem die Liebe. 
Durch das Ganze wie durch jede Einzelheit geht jener 
gleiche Geist fein abwägender Gestaltung und Propor- 
tionalität, dem Wesen der Aufgabe entsprechend, ge- 
tragen von einer würdigen Stimmung stiller unaufdring- 
licher Klassizität. Die Einheit des schöpferischen Plans, 
welche in Engelharts Karl Borromäus-Brunnen zum 
Ausdruck kommt, ist durchweg in anerkennenswertester 
Form festgehalten worden. 



Josef Engelhart schuf für Wien in jüngster Zeit noch 
ein weiteres Denkmal, das anfangs Oktober enthüllt 
wurde. Dieses Werk ist dem berühmten Landschafter 
und Genremaler der Biedermeierzeit Ferdinand Wald- 
müller gewidmet und wurde von der Stadt Wien in 
Auftrag gegeben. Es fand seine Aufstellung im Rat- 
hausplatz. Eine liebenswürdige, poetische Schöpfung, 
auf die an Hand einer Reproduktion später etwas näher 
eingegangen werden soll. Richard Ricdl 



44 



(^3 EINE KASEL DES i6. JAHRHUNDERTS ^ 




VORDER. UXD RÜCKSEITE EINER KASEL AUS PONTA DELGADA 
Tejct unten 



EINE KASEL DES 1 6. JAHR- 
HUNDERTS UND VERWANDTE 
PARAMENTE 

Von P.JOSEPH BRAUN, S. J. 

r^ie Kasel, welche oben in 2 Bildern wieder- 
■L^ gegeben ist, befindet sich in der Haupt- 
kirche von Ponta Delgada auf den Azoren. 
Sie ist abgesehen von der mittleren Partie des 
Stabes der Vorderseite vorzüglich erhalten und 
namentlich in keiner Weise beschnitten. Selbst 
die für die Breite der Rückseite (zirka 90 cm) 
und die Entstehungszeit des Gewandes — es 
stammt etwa aus dem dritten Vierteides 1 6. Jahr- 
hunderts — auffallend tiefen Ausschnitte für 
die Arme, die an den Brauch des späten 17. 
und iS. Jahrhunders erinnern, sind ursprüng- 
lich. Es erhellt das sowohl aus der in Gold- 
stickerei hergestellten und mit kurzen Fransen 
versehenen, noch völlig unversehrten origi- 
nalen Saumeinfassung der Kasel, als beson- 
ders aus der Beschaffenheit der Stickereien, 
mit denen die Vorderseite verziert ist. Sie 
schließen sich durchaus den heutigen Umrissen 
des Gewandes an. Nirgends ein zerschnittenes 
Muster; überall sind die ornamentalen Motive 
getreu dem Lauf der Ausschnitte angepaßt. 
Die Kasel ist aus rotem Samt e;emacht und 
mit reichen Stickereien in Gold und Seide 



ausgestattet, die zum Teil für sich hergestellt 
und dann dem Samt aufgenäht, teils direkt 
diesem aufgestickt wurden. Appliziert sind die 
Hauptmotive, heraldische Lilien, Engel, Dop- 
peladler, stilisierte tulpenartige Blumen, auf- 
gestickt die zur Füllung des Grundes dienenden 
Nebenmotive, zierliches Rankenwerk, in leich- 
tem Flechtwerk ä jour ausgeführte Blätter, aus 
Pailetten gebildete Blümchen und ähnliches. 
Das Kreuz auf der Rückseite der Kasel weist 
in der Mitte den Kruzifixus auf. Im obern 
Teil des Vertikalbalkens befindet sich unter 
spätgotischer Architektur das Symbol des Hei- 
ligen Geistes, eine Taube, in den beiden Ar- 
men die Halbfigur eines Engels, welcher das 
aus den Händen des Erlösers fließende Blut 
auffängt. Den untern Teil des Vertikalstabes 
nehmen spätgotische Architekturen mit den 
stehenden Ganzfiguren Marias und Johannes 
des Evangelisten ein. Der Stab der \'order- 
seite enthält drei Figuren, unten St. Paulus, 
darüber zwei nicht näher bestimmbare männ- 
liche Heilige. Die Architektur, unter welchen 
dieselben stehen, ist die gleiche, wie die über 
den Figuren von Maria und Johannes auf dem 
unteren Teil des Kreuzes der Rückseite. Die 
Einfassung von Kreuz und Stab wird gleich 
derjenigen der Säume der Kasel durch ab- 
geheftete Goldfäden gebildet. 

Was an der Kasel auffällt, sind die vorhin 



^3 EINE KASEL DES i6. JAHRHUNDERTS esai 



45 



erwähnten tiefen Ausschnitte für die Arme, 
mit denen die Vorderseite versehen wurde, 
und die eigenartige Ornamentation des Ge- 
wandes. Die Ausschnitte könnten unmöglich 
mehr in das Gewand hineingehen, erinnern 
lebhaft an die Ausschnitte, mit denen man 
die Kasel in dem Stadium der äußersten Vor- 
bildung auszustatten pflegte und zeigen, wie 
weit man schon um das dritte Viertel des 
1 6. Jahrhunderts gelegentlich das Gewand vorn 
zurechtstutzte, um es bequemer zu gestalten. 
Ohne Zweifel waren in unserem Falle die 
schweren Stickereien, mit denen der Grund- 
stoff ganz überdeckt ist und die es last un- 
möglich gemacht hätten, das Gewand über 
den Armen in Falten zu legen, die Veranlas- 
sung zu den ungewöhnlich tiefen Ausschnitten. 

Die eigenartige Ornamentation läßt das 
Meßgewand von Ponta Delgada als Glied einer 
ganz bestimmten Gruppe von Paramenten er- 
scheinen, von der sich noch eine ziemliche 
Anzahl von Beispielen erhalten haben, leider 
zum größten Teil in mehr oder weniger ver- 
stümmeltem Zustande. Unsere Kasel gehört 
zu den besterhaltenen und zwar sowohl in 
bezug auf die Stickerei wie hinsichtlich der 
Form des Gewandes, das glücklicherweise 
unberührt blieb von jeglichem Eingriff der 
Schere. 

Eine verhältnismäßig große Zahl der nach 
Weise der Kasel von Ponta Delgada mit Stik- 
kereien geschmückten Paramente findet sich 
in England. Es haben sich deren erhalten in 
den Kathedralen zu Elv, Carlisle und Snlis- 
bur\-, zu Chipping Campden, Cirencester und 
Littledean (Gloucestersh), zu Fast Langdon 
(Kent), zu Skenfrith (Herefordsh), zu Careby 
(Lincolnsh), zu Buckland und Stoulton (Wor- 
cestersh), zu Lutterworth (Leicestersh), zu Bar- 
ton (Chestersh), zu Sudbury (Suffolksh), zu 
Alveley (Salopsh), zu Culmstock (Devonsh\ 
zu Chedzoy und Pilton (Somersetsh), zu W'ool 
(Dorsetsh), zu Sutton Benger und Hullavington 
(Wiltsh), zu Romsey (Hampsh), zu Ling (Nor- 
folksh), zu Forest Hall (Oxfordsh), zu War- 
rington (Lancash), in Saint Gregory zu Nor- 
wich und im Kolleg zu Oskott. Dazu kom- 
men noch drei Kasein aus He.\ham, eine Kasel 
aus der Sammlung de Farcys (Bild s. oben), 
ein vom Niederrhein stammendes Pluviale und 
zwei aus Pluvialen gemachte Antependien im 
Viktoria- und Albert-Museum zu London Nur 
einige wenige dieser Paramente haben noch 
ihren ursprünglichen Charakter bewahrt, so 
die Antependien zu Chipping Campden, Sa- 
lisbury, Barton (Privatbesitz) und Alvelev, das 
Pluviale in Viktoria- und Albert-Museum und 
die ebendort befindliche, wenngleich an den 





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KASEL IM VIKTORIA- UN'D ALBERT-MUSEUM 
Ans t/er Satjnnlutig Z.. de Farcys. — Text jiehotan 

Seiten beschnittene Kasel aus der Sammlung 
de Farcys. Weitaus die meisten wurden später 
zu anderen Paramenten umgeändert, nament- 
lich zu Antependien und sonstigen Behängen. 
So wurde der Altarbchang zu Hullavington 
aus einer Kasel gemacht, die Altardecken zu 
Buckland, Littledean und Norwich aber waren 
früher Pluvialien. Ebenso waren einst Pluvialien 
der Kanzelbehang zu Wool und das Ante- 
pendium zu Careby und zwei der aus Hexham 
kommenden Kasein im ^'iktoria■ und Albert- 
Museum. 

Doch auch anderswo gibt es noch manche 
Beispiele der hier in Frage stehenden Para- 
mente, wenn auch meist verstümmelt oder 
gar nur in Fragmenten. Ein ganz unversehrtes 
Pluviale birgt St.-Sauveur zu Brügge; zwei 
andere, die gleichfalls gut erhalten sind, das 
Museum des Parc du Cinquentenaire zu Brüs- 
sel, eines aus rotem Samt, das andere aus 
grünem Satin mit Besatz und Schild aus gel- 
bem Satin ; zwei Kasein, von denen jedoch 
die eine die Ornamente auf neuen Grund 
appliziert zeigt, das Archäologische Museum 
zu Namur. Ein aus der Sammlung Ikle her- 
rührendes Pluviale, dem aber die Garnitur 
fehlt, befindet sich im Kunstgewerbe-Museum 



46 



K^ EINE KASEL DES i6. JAHRHUNDERTS ^ 




KASEL AUS DER EHEMALIGEN SAMMLUNG V. GAYS 
Text utiten 



ZU St. Gallen. Eine Kasel aus der ehemaligen 
Sammlung Viktor Gays (Bild oben), deren Ver- 
bleib mir nicht bekannt ist, war vordem ein 
Pluviale. Das Cluny-Museum zu Paris besitzt 
eine Dalmatik sowie Fragmente eines Plu- 
viales; im Musee Historique des Tissus zu 
Lyon sah ich ein treffliches erhaltenes Plu- 
viale aus rotem und eine Kasel aus blauem 
Samt. Ein anderes Meßgewand aus blauem 
Samt befindet sich nach de Farcy im Archäo- 
logischen Museum zu Nantes'). Auf deutschem 



Boden sind Beispiele selten. 
Ein Pluviale im Kunstgewerbe- 
Museum zu Köln (Sammlung 
Schnütgen), das in Westfalen 
erworben wurde, aber aus der 
Kanause bei Grenoble stammen 
soll, entbehrt des ursprünglichen 
Besatzes und Schildes. Eine an 
den Seiten leider stark beschnit- 
tene, durch ihre Datierung 
wichtige Kasel bewahrt die 
Ptarrkirche zu Laurenzberg bei 
Jülich, eine andere, völlig gleich- 
artige, hat sich zu Vreden in 
Westfalen erhalten. Wie weit 
die Paramente ihrer Zeit Ver- 
breitung fanden, zeigt eine aus 
Island kommende, im Anfang 
des i8. Jahrhunderts angefer- 
tigte Kasel im Nationalmuseum 
zu Kopenhagen, deren Kreuz 
aus den Stücken eines älteren 
Paramentes von der Art der 
Kasel von Ponta Delgada ge- 
macht wurde. 

Die Paramente sind vorherr- 
schend aus Samt angefertigt und 
zwar meistens aus rotem, doch 
auch aus blauem , schwarzem 
oder braunem. Aus Damast mit 
spätem Granatapfelmuster be- 
steht das Pluviale im Viktoria- 
und Albert-Museum zu London 
und das Antependium zu Chip- 
ping Campden, aus rot und gelb 
gestreiften Satin das Antepen- 
dium zu Barton, aus grünem 
Satin eines der Pluvialien im 
Brüsseler Museum , wie wir 
schon hörten. 

Die Stickereien, mit denen die 
Paramente verziert sind, zeigen 
bestimmte, immer wiederkeh- 
rende und nur in nebensäch- 
lichem ein wenig wechselnde 
Motive, wenngleich nicht auf 
jedem Paramente alle vertreten 
zu sein pflegen. Das vornehmste bilden Engel- 
gestalten. Sie treten in zwei Hauptformen 
auf erstens als ganzfigurige, sechsflügelige 
Seraphim, die auf einem vier- oder fünfspeichi- 
gen Rad stehen, am ganzen Körper gefiedert 
sind, durch einen breiten Schulterkragen aus- 



') La Broderie du XI^^ siede jusqu'.i nos jours (Pa- 
ris 1890), S. 52. Wo sich die oben in Abljildung 5 
wiedergegebene Dalmatik befindet, deren Photographie 
mir zuüUig in die Hand fiel, ließ sich leider nicht fest- 
stellen. 



^9 EINE KASEL DES i6. JAHRHUNDERTS ^ 



47 



gezeichnet erscheinen und meist in den Hän- 
den, doch auch über dem Kopf ein Spruch- 
band mit der Inschrift haben: »Da gloriam 
Deo«. Zweitens als zweiflügelige Halbfiguren, 
die über der Stirn ein Kreuzdiadem tragen, 
aus stilisierten Wolken, die nach unten Strah- 
len entsenden, herausragen und entweder die 
Hände bloß ausbreiten oder ein Spruchband 
haltend mit der Inschrift: »Soli Deo honor«. 
Die Inschriften sind in spätgotischen Minus- 
keln ausgeführt. Vereinzelte Bildungen sind 
die Engel auf einer der drei Kasein aus Hex- 
ham im Victoria- 
und Albert- Mu- 
seum, die entwe- 
der aus einem 
schwarzen Pluvi- 
ale oder wahr- 
scheinlich aus ei- 
nem Bahrtuch ge- 
macht wurde. 
Die einen blasen 
Posaunen, wie um die 
Toten zum Leben zu ru- 
fen ; auf den Spruchbän- 
dern, welche sie tragen, 
liest man : »Surgite mor- 
tui«, und: »\'enite ad 
Judicium«. Andere haben 
Bänder mit den Worten : 
»Justorum animae« und 
»in manu Dei sunt«. 
Außer den Engeln sind 
auch Tote , welche sich 

aus dem Grabe erheben, dalm 

auf dem Parament zur Text 

Darstellung gekommen, 
die aufgestickten Initialien R T mit Stab und 
Mitra aber weisen wohl auf den einstigen 
Besitzer bezw. den Stifter hin, der vielleicht 
der Bischof von Durham, Thomas Ruthall 
(gest. 1523), war. Ein Bahrtuch aus schwar- 
zem Samt zu Sudbury zeigt die Ränder 
entlang einen Fries tulpenartiger Blumen, in 
der Mitte einen Toten in Leichentüchern und 
mit einem Spruchband, dessen Aufschrift dem 
Totenoflizium entnommen ist. 

Von den sonstigen ornamentalen Motiven 
kehren mehr oder wenigen ständig wieder 
heraldische Lilien, heraldische Doppeladler, 
Wolken, von denen Strahlen ausgehen, distel- 
kopfartige Blumen, tulpenähnliche Blumen mit 
rundgezackten Blättern, aus deren Kelch ein 
mächtiger Fruchtkolben herausschießt; sehr 
selten sind fünfblätterige Rosen. Symbolische 
Bedeutung hat keines dieser Motive; alle sind 
lediglich dekorativ. Auf dem Pluviale im 
Kunstgewerbemuseum zu Köln finden sich 




auch vier Glocken. Sie umgeben das Mittel- 
bild, die thronende, von einem Strahlenkranz 
und zwei Engeln umgebene Gottesmutter, und 
dürften die Familienmarke des Stifters sein. 
Die Kasein haben, soweit sie nicht aus Plu- 
vialien gemacht sind, auf der Rückseite ein 
Kreuz, auf der Vorderseite einen Stab, der 
aber in seiner Behandlung dem Kreuz der 
Rückseite sich anschließt. Beachtung verdient, 
daß das Kreuz auf allen Kasein, die von An- 
fang an als solche angefertigt wurden, auf 
der Kasel von Ponta Delgada, auf der aus der 

Sammlung de 
Farcys stammen- 
den Kasel im \' ik- 
toria- und Albert- 
Museum, auf den 
Kasein von Lau- 
renzberg und Vre- 
den sowie der Ka- 
sel im Archäolo- 
gischen Museum 
zu Namur, in jeder Be- 
ziehung so auffallend über- 
einstimmen, daß die An- 
nahme einer gleichen 
Herkunft derselben un- 
möglich verneint werden 
kann. Die ornamentalen 
Motive, welche die Kasein 
überziehen, sind in wage- 
rechten Reihen, doch zu 
einander versetzt, ange- 
ordnet. 
ATiK Bei den Pluvialien be- 

S--IS gegnet uns als Eigentüm- 

lichkeit, daß oft nicht bloß 
auf dem Schild, sondern auch unterhalb des- 
selben in der Mitte des Gewandes eine figür- 
liche Darstellung angebracht ist. So sehen wir 
bei dem Pluviale im Gewebe-Museum zu Lyon 
auf dem Schild die Verkündigung, unterhalb 
des Schildes aber auf dem Rücken des Gewan- 
des die Aufnahme Maria, eine Szene, die sich 
überhaupt häufig auf dem Rücken der uns hier 
beschäftigenden Pluvialien findet, wie den 
zu Antependien umgearbeiteten Pluvialien 
ini Viktoria- und Albert-Museum zu London, 
sowie bei einem der zwei Pluvialien im Mu- 
seum zu Brüssel und dem Pluviale in St.-Sau- 
veur zu Brügge, die beide jetzt ihres ursprüng- 
lichen Schildes entbehren. Auch die aus 
Marienbaum (Kreis Mors) stammende Chor- 
kappe im Londoner Museum hat im Rücken 
die Himmelfahrt Maria; auf dem Schild zeigt 
sie den Heiland im Strahlenkranze. Die or- 
namentalen Motive sind auf den Pluvialien 
in konzentrischen Halbkreisen und zwar in 



48 



!^S EINE KASEL DES i6. lAHRHUNDERTS 62^ 



der Richtung der Radien, also dem Mittel- 
punkt zustrebend, aufgesetzt. 

Die Antependien weisen in der Mitte eine 
figürliche Darstellung auf, z. B. Maria Ver- 
kündigung (Salisburv), Christus am Kreuz mit 
Maria und Johannes (Barton), Maria Aufnahme 
(Chipping Campden). Die ornamentalen Mo- 
tive bilden auf ihnen, wie bei den Kasein, 
horizontale Reihen. 

In der Entwicklung des Ornaments lassen 
sich drei Stadien unterscheiden. Bei den Para- 
menten, die wir als die ältesten zu betrachten 
haben, wie bei dem Pluviale in St.-Sauveur 
zu Brügge, der Dalmatik im Cluny-Museum, 
dem Antipendium von Chipping Campden 
und der in Bild S. 47 wiedergegebenen Dalmatik 
zeigt das Ornament fast nur die vorhin ge- 
nannten Hauptmotive, es fehlen noch fast 
ganz die von den Appliquen ausgehenden 
Ausläufer und Voluten, die mit Pailletten ver- 
zierten Strahlen und die sonstigen den Fond 
reicher belebenden Nebenmotive. Im zweiten 
Stadium kommen dann — wohl weil die 
Dekoration mittels der Hauptmotive allein 
etwas zu derb und zugleich zu kontrastierend 
für den schlichten einfarbigen Grund erschei- 
nen mochte — zu ausgiebigerer Füllung des 
letzteren und zu gefälligerer Vermittlung der 
Hauptmotive in vollem Maße jene Neben- 
motive zur Verwendung. Gute Beispiele bietet 
die Kasel aus der Sammlung de Farcys, die 
Laurenzberger Kasel und das in eine Kasel 
umgeänderte Pluviale aus der ehemaligen 
Sammlung V. Gays, die Pluvialien im Museum 
zu Brüssel, dem Gewebemuseum zu Lyon u. a. 
In der letzten Phase der Entwicklung endlich 
verlieren die Nebenmotive den Charakter eines 
leichten, nur überleitenden Beiwerkes; sie 
werden kräftiger, breiter und integrierender 
Bestandteil der Hauptmotive. Ein klassisches 
Beispiel dieser letzten Entwicklungsstufe ist 
die Kasel von Ponta Delgada. 

Aber nicht nur in bezug auf den Reichtum 
des Ornaments macht sich eine Entwicklung 
geltend, auch stilistisch zeigt sich eine solche. 
Bei den ältesten Paramenten trägt das Orna- 
ment noch ausgesprochen den Charakter der 
Spätgotik, allmählich aber offenbart sich dann 
bei ihm der Einfluf] der Renaissance. Nament- 
lich sind es die Kasein aus der Sammlung 
V. Gays und von Ponta Delgada, in deren 
Dekor sich die Abkehr zu den Formen und 
der Auffassung des neuen Stiles unverkennbar 
geltend macht. Man betrachte nur bei jener 
die so wenig gotische Blumenvase'), bei dieser 

') Die Kasel aus der Sammlung Gays war Ursprung- 
Hell ein Pluviale. Die heutige Darstellung der heiligen 
Dreifaltigl;eit auf ihrer Rückseite stammt wolil vom 



die elegante Rundung, die Fülle und Weich- 
heit der ornamentalen Gebilde. 

Was die Entstehungszeit unserer Paramente 
anlangt, so stammen dieselben, wie schon im 
Bisherigen verschiedentlich angedeutet wurde, 
teils aus der letzten Zeit der Gotik, teils aus 
der Epoche der eindringenden Renaissance, 
in Zahlen ausgedrückt, aus der Zeit von etwa 
1475 — 1575. Von zweien der noch vorhan- 
denen, uns hier beschäftigenden Paramenten 
kennen wir das Datum; es sind der Kanzel- 
behang in Cirencester und die Kasel zu Lau- 
renzberg. Bei jenem finden wir auf einem 
Schild die Inschrift: Orate pro anima Domini 
Rodulphi Parsons. Das Pluviale, aus dem es 
gemacht ist, wurde gestiftet von dem 1478 
gestorbenen Ralph Parson, dessen Grabplatte 
sich noch in der Kirche befindet und entstand 
also um 14752). Die Laurenzberger Kasel 
zeigt auf einer Kartusche, die unterhalb des 
Kruzifixus auf dem Kreuz der Rückseite an- 
gebracht ist, das genaue Datum 1563 einge- 
stickt. In den Kunstdenkmälern des Kreises 
Jülich wird dieses allerdings nur auf das Kreuz 
bezogen, die Kasel selbst aber, wenngleich 
mit einigem Zweifel, dem 14. Jahrhundert zu- 
geschrieben, indessen zu Unrecht. Kasel und 
Kreuz sind durchaus gleichzeitig. Den Be- 
weis dafür liefern die Kasel aus der Samm- 
lung de Farcys, die Kasel im Archäologischen 
Museum zu Namur, die Kasel zu Verden und 
das Meßgewand von Ponta Delgada, bei denen 
wir ein gleiches Kreuz auf einer durchaus 
gleichartigen Kasel antreffen. Denn es läßt 
sich unmöglich annehmen, daß in allen diesen 
Fällen zufixUig ein Kreuz von der gleichen 
Art und Ausführung nachträglich auf ältere 
Gewänder von wiederum einer und derselben 
Beschaffenheit gesetzt worden sei. Bei einigen 
andern nicht datierten Paramenten gewährt 
die Beschaffenheit des Kaselstoffes, die stili- 



Schilde desselben. Auf dem Rücken hatte das Pluviale 
anfanglich ein von Strahlen umgebenes Mittelstück, dessen 
Spuren sich deutlich dem Samt eingeprägt haben. Zu 
beiden Seiten desselben befanden sich doppelkopfige 
Adler, davon Eindrücke ebenfalls noch sichtbar sind. 
Als das Pluviale zu einer Kasel gemacht wurde, ent- 
fernte man das Mittelstück und die zunächst angebrachten 
Ornamente und ersetzte sie durch die heutigen, die 
Trinität, die drei Engel, die auf den Kopf gestellten 
Distelblumen usw., so daß beinahe die ganze obere 
Hälfte auch ornamental geändert wurde. 

") Aus dem letzten Viertel des 1 5. Jahrhunderts stamm- 
ten auch die sechs Pluvialien, die im Inventar der Ka- 
thedrale von Lincoln aus dem Jahre 1556 (Archäolo- 
gia LIll pars I, S. 26) erwähnt werden: Item 6 copes 
of rede velvett of one suett browderet with angeles 
having this scriptur: da gloriam deo with orlreis of 
nedyllwork. Fünf waren nämlich geschenkt worden vom 
Magister Philipp Lepyate (Subdekan 147S — 1488), die 
sechste vom Kustos John Waltham (zirka 1484). 



SS 




FERDINAND VON MILLER OTTO VON WITTELSBACH 

Bronzedenkmal vor dem Armeemuseum in München 

XI. Internationale Kunstausstellung im Glaspalast München 1913 
Text Seite 32 



^ EINE KASEL DES 1 6. JAHRHUNDERTS ^ 



49 




ADOLF O.HOLÜB, ARCH 11 EKl (WIEX) ,.1 , :, ,N\CHKS- 

/« Sil6er getrieben, vergoldet, mit Saphiren und Elfenbein. — Für die Wallfahrtskirche in Maria Zeil (Steiermark). 

Zu der im IX. Jahrg. S. 117 abgebildeten Monstranz gehörig. Ausführung : Franz Halder (Wien) 



stische Behandlung des Ornaments oder der 
Schnitt einen Rüclcschluß auf die Entstehungs- 
zeit. So müssen wir das Antependium zu 
Chipping Campden wegen des Charakters 
des Granatapfelmusters, mit dem der zu seiner 
Anfertigung gebrauchte Damast versehen ist, 
noch dem 15. Jahrhundert zuschreiben, das 
Pluviale im Viktoria- und Albert-Museum aber 
aus dem gleichen Grunde der ersten Hälfte 
des 16. Jahrhunderts. Bei dem Pluviale des 
Kölner Kunstgewerbe-Museums weist die sti- 
listische Behandlung des Bildes der Gottes- 
mutter auf dem Rücken des Gewandes auf 
die Wende des 15. zum 16. Jahrhundert hin. 
Die Kasel aus der ehemaligen Sammlung 
\'. Gavs wurde den Formen des Ornaments 
gemäß wohl um die Mitte des 16. Jahrhun- 
derts angefertigt, das Meßgewand von Ponta 
Delgada aber dürfte sowohl wegen seines 
Schnittes als auch wegen der Art der orna- 
mentalen Behandlung erst gegen das letzte 
Viertel anzusetzen sein')- 



') Ein Kornmunionbanktuch zu Ennath, dessen de Farcy 
Erwähnung tut (a. a. O. S. 52), soll um 1570 von einem 
gewissen Thomas Hewar geschenkt worden sein. Ich 
bin nicht in der Lage, die Angabe nachzuprüfen, möchte 
indessen glauben, das Tuch sei damals nicht neu ge- 
macht, sondern, wie es in so manchen anderen Fällen ge- 
schehen ist.aus einem infolge derVeränderungenimKultus 
außer Gebrauch gesetzten, von der Regierung oder der Kir- 
chenverwaltung verkauften Pluviale angefertigt worden. 



Hergestellt wurden die uns hier beschäf- 
tigenden Paramente zweifellos in handwerks- 
mäßigem Betrieb und zwar für den Handel. 
Nicht nur die Art der Ornamentation, die 
während eines Jahrhunderts die gleiche bleibt, 
sondern auch die weite \'erbreitung, welche 
die Paramente fanden, beweist das. Auf den 
Markt kamen aber die fertigen Stücke, nicht 
die einzelnen Apphquen. Denn es zeigen nicht 
bloß die Hauptmotive, sondern auch die Ne- 
benmotive stets dasselbe einheitliche Gepräge. 
Beide sind evident gleichzeitig aut dem Stoff 
der Gewänder angebracht worden. 

Als Heimat der Paramente ist, wenn auch 
nur vereinzelt, Spanien genannt worden. So 
hat de Farcv, der im Hauptbande seines wert- 
vollen Werkes »La Broderie« sich für eng- 
lischen Ursprung ausgesprochen hatte, im 
Supplementband wenigstens für einen Teil 
der Paramente spanischen angenommen. 

Indessen, scheint mir, ist an Spanien als 
Heimat der Paramente nicht zu denken. Wohl 
wurden dort um den Ausgang des 15. Jahr- 
hunderts manche herrlich bestickte Paramente 
geschaffen, wie die Sakristeien der Kathe- 
dralen zu Tortosa, Valencia, Toledo, Burgos, 
die von S. Felix zu Gerona u. a. noch heute 
zeigen. Allein niemals erscheint im 15. und 
16. Jahrhundert Spanien als Exporteur von 
Stickereien, während doch die uns hier be- 



Die cluistliche Kunst. X. 2. 



so 



^3 EINE KASEL DES i6. JAHRHUNDERTS ^ 



schäfiigenden Paramente einen förmlich auf 
Export berechneten handwerksmäßigen Betrieb 
voraussetzen. Es haben aber auch die orna- 
mentalen Motive, die sich auf den Paramenten 
finden, nach den Beobachtungen, die ich in 
Spanien zu machen Gelegenheit hatte, nichts 
an sich, was auf spanische Herkunft hinwiese. 
Vielleicht, daß de Farc}- die Kasel, die vordem 
sich in seiner Sammlung befand, in Spanien 
erwarb und daß eben dies wie noch insbe- 
sondere die Form der Kasel, welche den spa- 
nischen birnförmigen Schnitt hat, ihn veran- 
laßte, sie als spanische Arbeit zu bezeichnen. 
Allein der Umstand, daß er sie in Spanien 
kaufte, beweist ersichtlich nichts für einen 
solchen Ursprung und noch mehr gilt das von 
dem Schnitt des Gewandes, da die Kasel nicht 
mehr ihre ursprüngliche Form hat. 

Gewöhnlich charakterisiert man die Para- 
mente von der Art der Kasel von Ponta 
Delgada als englisches Fabrikat. Namentlich 
in England ist man hiervon so überzeugt, 
daß man heute mit Vorliebe jene Paramente 
als Vorbild bei Anfertigung neuer benutzt, 
und man muß gestehen, daß man aut diese 
Weise wieder manches wirkungsvolle Stück 
geschaffen hat. Der Hauptgrund für die An- 
nahme, daß die Paramente in englischen Werk- 
statten hergestellt wurden, ist die große Zahl 
von Paramenten dieser Art oder von Frag- 
menten solcher gerade auf englischem Boden 



und in englischen Kirchen; ein Umstand, der 
allerdings bei nur oberflächlicher Betrachtung 
von größter, ja entscheidender Bedeutung zu 
sein scheint, in Wirklichkeit aber das keines- 
wegs ist. So findet sich z. B. die größte Zahl 
der bekannten Alabasteraltäre und der von 
solchen Altären stammenden Alabasterreliefs 
in Frankreich und doch ist deren Heimat 
nicht Frankreich, sondern nachweislich Eng- 
land. Ebenso treflen wir nur den weitaus 
kleinsten Teil der sogenannten flämischen 
Altäre dort an, wo sie entstanden, in Belgien; 
die Mehrzahl begegnet uns in Deutschland, 
dem skandinavischen Norden, kurz außerhalb 
Belgiens. Es wäre aber völlig unzutreffend, 
darum diese Altäre den flämischen Meistern 
absprechen zu wollen. 

Archivalische Nachrichten über die Anferti- 
gung der hier in Frage stehenden Paramente, 
wie wir sie z. B. für die Alabasteraltäre haben, 
sind mir bisher nicht bekannt geworden, so 
daß — wenigstens bis jetzt — auch jeder 
archivalische Beweis für ihren englischen Ur- 
sprung mangelt. In den Inventaren des 13. 
und 14. Jahrhunderts ist oft von Pluvialien 
die Rede, die ausdrücklich als englische Arbeit 
bezeichnet werden'), doch handelt es sich bei 
ihnen stets um die bekannten englischen Bilder- 
pluvialien jener Zeit, nicht um Paramente von 
der Art der Kasel von Ponta Delgada. Von 
solchen ist nur in dem vorhin angeführten 

Inventar der Ka- 
thedrale zu York 
von 15 56 die Re- 
de , und zwar 
ohne jeden Zu- 
satz, der sie als 
Werkeenglischer 
Sticker erschei- 
nen ließe. Aus 
dem Umstand, 
daß englischer 




ADOLF O. HOLUB (WrEK) 

Motiv: Traubeti und Akren. 



ALT.\R.W.\XDBEH.\XGSTOFF 
Geweht. Ausführung : A, Fhnnnichs Sehne in Wien 



') Wenn solche 
auch noch im Beginn 
des 1 5. Jahrhunderts 
vereinzeh in den In- 
ventaren genannt 
werden, so wird es 
sich in diesen Fällen 
nur um ältere Stüclse 
handeln, wie sich ja 
aucli noch bis jetzt 
eine Anzahl dieser 
englischen Bilderplu- 
vialien des 13. Jahr- 
hunderts erhalten hat 
(vgl. J. Braun , Die 
liturgische Gewan- 
dung im Orient und 
Occident, Freiburg 
1907, S. 338 0- 



^3 EINE KASEL DES 1 6. JAHRHUNDERTS ^ 



51 




ADOLF O. HOLUB, ARCHITEKT (WIEN) TRAGHIMMEL 

Gestickt, teiliveise Ajiptikaiion ; Grund weiß; dif 4 Evangelistensymbole Gold und schwarz. Ranken olivgritn, Blatter licht- 
und dunkelgrün, violette Bhtmen. Mittelfeld in Silber tnit Schwarzkonturen. — Anf/iihrung . Produktivgenossenschet/t, \Vie71 



Kunstfleiß im 13. und 14. Jahrhundert so man- 
ches prächtiges Werk schuf, folgt, wie kaum 
gesagt zu werden braucht, nicht auch ein 
Gleiches für das ausgehende 15. und das 16. 
Endlich könnte ich nicht sagen, daß die Stik- 
kereien der Paramente stilistisch oder sonst 
wie etwas enthielten, was sie als sog. opus 
anglicum, als englische Arbeiten kennzeich- 
nete, wie es bei den Bilderpluvialien des 13. 



und 14. Jahrhunderts der Fall ist. Daß in einem 
ganz vereinzelten Fall unter den ornamentalen 
Motiven sich auch einmal eine fünfblätterige 
Rose befindet, ist nicht von Bedeutung, da 
ja diese keineswegs die Tudorrose darzustellen 
braucht. Außerdem aber konnte zuletzt auch 
ein nichtenglischer Sticker auf einem für Eng- 
land bestiminten Parament sehr wohl die 
Tudorrose als Ornament anbringen. Ebenso 



?• 



52 



©^ EINE KASEL DES i6. JAHRHUNDERTS 6^ 




ADOLF O. HOLÜB (WIEN) 

hiotiv : Die 4 Eletttetttc. AttsJitJirung: y. Backhau 

wenig beweist englischen Ursprung, wenn wir 
auf dem Kanzelbehang zu Cirencester den 
Namen eines englischen Pfarrers, des Stifters, 
eingestickt finden. Denn wie die Herstellung 
des Paraments konnte natürlich auch das Auf- 
sticken des Namens ebensowohl im Ausland 
wie in England geschehen. Es fehlt unter 
den zur Verzierung der Paramente verwende- 
ten Ornamenten sogar nicht an einem dem 
Ornamentschatz der englischen Kunst des 
ausgehenden Mittelalters meines Wissens ganz 
fremden, durchaus unenglischen Motiv; es ist 
der auf den Paramenten so häufige, für sie 
fast charakteristische Doppeladler. Wenig eng- 
lischen Charakter tragen auch die Architek- 
turen an sich, die sich auf den Besätzen der 
Paramente finden und das Figurenwerk bergen, 
zumal bei einigen derselben. 

Wie es aber sich auch mit dem englischen 
Ursprung der Paramente verhalten mag, jeden- 
falls sind nicht alle ausschließlich in England 
angefertigt worden. Namentlich gilt das von 
den aus späterer Zeit stammenden, wie der 
Kasel von Ponta Delgada, den Kasein von 
Vreden und Laurenzberg, dem Meßgewand 
aus der Sammlung Gaj's u. a. ; denn zu der 
Zeit, da diese entstanden, hatten sich die reli- 
giösen Verhältnisse in England so gründlich 
verändert, daß dort an eine Anfertigung von 
Meßgewändern schlechterdings nicht mehr 
gedacht werden konnte; weder für den Ver- 
brauch in England selbst, noch für den Ex- 



ALTARTEPPICH 



sen &^ Söhne in ii'ien 



port ins Ausland. 
Die liturgischen 
Paramente und 
ganz besonders 
das Meßgewand 
waren zu verab- 
scheuungswürdi - 

gem papisti- 
schem Zeug ge- 
worden, wurden 
als durchaus aus- 
zurottende aber- 
gläubische Verir- 
rung betrachtet. 
Wenn aber so je- 
denfalls die späte- 
ren Paramente 
nicht in England 
hergestellt wur- 
den, dann kann 
als Heimat eben 
dieser nur Flan- 
dern in Frage 
kommen. Spa- 
nien wurde schon 
vorhin als solche 
ausgeschaltet; gegen französischen und italie- 
nischen Ursprung spricht durchaus der stili- 
stische Charakter der Ornamente; die Para- 
mente deutschen, etwa rheinischenWerkstätten 
zuweisen, verbietet vielleicht nicht Beschaffen- 
heit und Stil der Stickereien, wohl aber ihre 
eigenartige Anordnung auf den Paramenten. 
Indessenmöchteichnichtnur für die späteren, 
sondern überhaupt iür die uns hier beschäfti- 
gende Gruppe von Paramenten flandrische 
Herkunft annehmen. In Flandern stand die 
Stickerei im 15. und 16. Jahrhundert in hoher 
Blüte. Zahlreich wanderten die prächtigen 
Erzeugnisse der dortigen Stickergilden über die 
Grenzen des Landes weit in die Welt hinaus, 
nach England, wie nach Deutschland, nach 
Frankreich, wie in die nordischen Länderund 
besonders auch nach Spanien, wo sie nament- 
lich einen unverkennbaren Einfluß auf die 
einheimischen Stickereien ausübten. Es bieten 
aber auch die Paramente in ihrem Ornament 
einen Anhalt, der uns berechtigen dürfte, sie 
wenigstens mit großer Wahrscheinlichkeit als 
flandrische Arbeiten anzusprechen. Unter den 
verschiedenen Motiven der Stickereien, mit 
denen sie verziert sind, fallen nämlich zwei 
alsbald auf, die sehr häufig wiederkehren, Mo- 
tive von ausgesprochen heraldischem Charak- 
ter, Lilien und Doppeladler. Symbolische 
Bedeutung haben dieselben nicht, wie irrig an- 
genommen wurde, ebensowenig wie alle üb- 
rigen, als rein ornamental wird man sie aber 



EINE KASEL DES 16. JAHRHUNDERTS 



53 



auch nicht betrachten kön- 
nen ; dafür sind sie zu cha- 
raiiteristisch heraldisch. Or- 
namente sind sie freiUch 
ebenfalls; allein sie wollen 
wohl noch etwas mehr, wol- 
len wohl andeuten, wo die 
Paramente entstanden, wol- 
leneine Art von Fabrikmarke 
oder Landesmarke sein. Das 
einzige Land, aut das in un- 
sereniFalle beide heraldischen 
Motive zutrefl'en, d. h. das 
einzige Land, das Paramen- 
lensiickerei en gros betrieb 
und Lilie wie Doppeladler 
im Wappen führte, ist nun 
aber Flandern. Es hatte die 
Lilie als Wappenzeichen, weil 
es burgundisch war, den 
Doppeladler, das Wappen 
des Deutschen Reiches, weil 
reichsländisch. Ähnlich be- 
gegnen uns beispielsweise 
Lilien und Doppeladler auf 
den Miniaturen der Chro- 
nique de Charlemagne des 
Jean deTavernier (1460) \on 
Oudenaarde'). 

Aus den figürlichen Dar- 
stellungen , mit denen die 
Paramente verziert sind, läßt 
sich kein sicherer Schluß auf 
deren Herkunft aus einer 
flandrischen Werkstätte zie- 
hen. Sie sind künstlerisch 
sehr ungleichwertig. Neben 
derben, bisweilen selbst gro- 
ben Figuren kommen andere 
vor, die eine recht feine Aus- 
führung eine sorgsame tech- 
nische Behandlung und eine 
gefällige Zeichnung zeigen. 
Besondere Eigentümlichkei- 
ten tragen sie nicht zur 
Schau, weder in stilistischer 
Hinsicht, noch in der Klei- 
dertracht, noch ikonogra- 
phisch. Wenn sich darum auch aus dem 
Figurenwerk nicht einmal mit einer gewissen 
Wahrscheinlichkeit ein Schluß auf flandrischen 
Ursprung der Paramente ziehen läßt, so ent- 
hält dasselbe freilich andererseits ebensowenig 
etwas, was diesen in Frage stellen könnte. 

Was vom Figurenwerk gesagt wurde, gilt 
auch von den Architekturen. Sie sind bald 





... 



(??/^<,- 



') Herausgegeben von J. van de GheynS.J.(Brüssef 1909). 



ADOLF O. HOLUB (WIEX; MESSKLEIDÜNG 

Kasula und Stotu gestickt, mit Borten. Grund roter Damast, — Stickerei in Gold mit etwas 

Schwarzkonturen^ Weiß und Perlen, — Attsführiing: Schvjesternkongregation, Wien 



reicher, bald einfacher, schließen bald mit 
durchgehender Zinnenbekrönung, bald mit 
turmartiger Überhöhung in der Mitte, bekun- 
den aber stets einen verwandten Charakter. 
Hier und da stimmen sie so sehr überein, 
daß man bei ihnen sogar denselben Meister 
oder doch dieselbe Werkstätte anzunehmen 
gezwungen ist. Schade, daß sie nicht auch 
ähnlich uns etwas Sicheres über ihren Her- 
stellungsort zu erzählen vermögen. 



54 



EMIL ADAM ^ 




ADOLF O. HOLUB (WIEN) 
Stickereit teilweise AJ'plikiiiion. 



FRONLEICHNAMSFAHNE (VOR 
Ausfiihruug: l^roduktivgenossens^ 



Die mittelalterlichen Stickereien zu datieren, 
bietet heute im ganzen wenig Schwierigkeit, 
anders verhält es sich, wenn es sich darum 
handelt, ihre Herkunft zu bestimmen. Dann 
muß man sich überaus häufig mit einer mehr 
oder weniger großen Wahrscheinlichkeit be- 
gnügen. So auch in unserem Falle. Es würde 
zu weit führen, auf die Gründe hiervon näher 
einzugehen. Nur auf einen Punkt sei hin- 
gewiesen, es ist die bis jetzt äußerst mangel- 
hafte Erforschung der Archive auf die Her- 
stellung der mittelalterlichen Stickereien hin. 
Das gilt namentlich auch bezüglich der hier 
behandelten Paramente. Wenn einmal die 
Archive der alten flandrischen Städte, Brügge, 
Gent, Ypern, Arras, Valenciennes u. a. für 



die zweite Hälfte des 15. und die 
erste des 16. Jahrhunderts auf die 
Tätigkeit der dortigen Stickergil- 
den eingehend untersucht worden 
sind, werden wir meines Erachtens 
mit aller Bestimmtheit unsere Pa- 
ramente als Schöpfungen flandri- 
schen Kunstfleißes hinstellen dür- 
fen. Freilich ist das eine Arbeit, 
die nicht geringe Schwierigkeiten 
bietet, viele Geduld erheischt und 
nur von Lokalforschern mit größe- 
rer Aussicht auf Erfolg unternom- 
men werden kann. 

Inzwischen aber werden wir gut 
tun, die prächtigen Paramente, 
gleichviel ob sie englischen oder 
flandrischen Ursprungs sind, als 
Vorbilder zu nehmen und von ihnen 
zu lernen, wie sich die liturgischen 
Gewänder, Antependien und son- 
stigen Behänge in ebenso bril- 
lanter wie würdiger und gelälliger 
Weise verzieren lassen. Nament- 
lich aus farbigem Samt gemacht, 
sind die so ornamentierten Para- 
mente überaus glänzende Erschei- 
nungen von ruhiger, vornehmster 
Wirkung. Und dabei ist ihre Her- 
stellung noch nicht einmal so 
schwierig und mühsam, da die 
Hauptmotive ja für sich gestickt 
und erst vollendet dem Gewand- 
stofl" aufgenäht werden. Natürlich 
braucht man sich keineswegs auf 
die Motive zu beschränken, welche 
auf den Vorlagen der alten Meister 
verwendet sind; es wäre ein sol- 
ches sklavisches Vorgehen nicht 
einmal wünschenswert. Man möge 
dieselben vielmehr ohne Bedenken 
durch passende, stilgerechte neue 
ersetzen ; je größer der Wechsel, um so besser. 
Worauf es wesentlich ankommt, das ist die 
Gliederung der Motive in Haupt- und Neben- 
motive, ein harmonisches Verarbeiten beider 
und eine reizende, gleichmäßige Verteilung 
und Anordnung des gesamten Ornaments 
gemäß dem Charakter des Paraments. 

EMIL ADAM 

(zu seinem 70. Geburtstag am 20. Mai) 
Von W. ZILSMünchen 

Der kgl. ba3-erische Professor und Maler 
Emil Adam entstammt einer berühmten 
Münchener Künstlerfamilie, die ihren Aus- 
gang nahm von dem ehemaligen Nördlinger 



DERSEITK) 
ha/t, Wien 



m^ EMIL ADAM ^ 



55 




ADOLF O. HOLUB (WIEN) FROKLEICHNAMSI AHNE (.RLCKSEITE) 

Stickerei, teilweise AppUkatiott ; Behänge Posamenten. 

Ausführung: Produktivgenossenscha/t, Wien 



Konditorlehrling und späteren weit über 
Münchens Mauern und Ba3-erns Grenzpfählen 
angesehenen kgl. bayerischen Hof-, Pferde- 
und Schlachtenmaler Albrecht Adam 
(i6. April 1786 bis 28. August 1862), dem 
künstlerisch hei weitem überlegeneren Münche- 
nerGegenstück des Berliner »Pferde- Krüger«. 
In Emil Adam und heute bereits in seinem 
in weiten Kreisen hochgeachteten Sohne, dem 
tüchtigen Pferde und Porträtmaler Richard 
Benno — • der jüngere Bruder Luitpold 
verspricht namentlich auf dem Gebiete des 
Kinderporträts viel — pflanzt sich die künst- 
lerische Tradition und die vom Urahnen be- 
gründete > Adamsche Tiermalerei« fort. Letz- 
tere hat in Albrechts Enkel Julius (geb. 
18. Mai 1852 als Sohn des gleichnamigen 
Lithographen), dem iKatzenraffael« ein neues 



Gebiet gefunden, während sich, wie 
wir weiter unten sehen werden, 
unser Meister von einer handwerk- 
lichen Spezialisierung weit ent- 
fernt hält, obwohl er die Pferde- 
malerei zur höchsten Vollkommen- 
heit gebracht hat. Über die Viel- 
seitigkeit Emil Adams, welcher in 
voller geistiger und körperlicher 
Rüstigkeit, beschäftigt mit der Her- 
stellung zweier Bilder aus dem 
Pferdeleben (»Gute und schlimme 
Zeiten«) von trüh bis spät vor der 
Staffelei steht und der hochgeehrt 
— von berufenen Seiten, so vom 
Herzog von Westminster, für den 
einzigen erklärt, der ein Voll- 
blutpferd richtig aufzufassen und 
zu malen versteht, — am 20. Mai 
seinen 70. Geburtstag feierte, mö- 
gen unten noch einige Worte 
fallen. 

Als an einem sonnigen Maitage 
des Jahres 1843 i" der alten, der 
Erweiterung Groß-Münchens zum 
Opfer gefallenen »Adamei«, dem 
schönen Anwesen dessaltenAdam« 
dem Künstlerpaare Benno, dem 
ältesten Sohne Albrechts') und 
Meister in der Darstellung von 
Haus- und Jagdtieren in der Ver- 
bindung mit Menschen, undjosefa 
Adam, einer Tochter des Architek- 
tur- und bayerischen Hofmalers 
Domenico aus dem altitalienischen 
Geschlechte der Quaglio, der erste 
Sohn Emil Franz geboren wurde, 
bestimmte man diesen zum Stu- 
dium. Das von beiden Eltern er- 
erbte Künstlerblut kam jedoch bei 
dem frühreifen Knaben zeitig zum Ausbruch. 
Noch aufder Lateinschule, welche er mit 1 3 Jah- 
ren verließ, sehen wir ihn, den Zwölfjährigen, 
bereits in der heute noch charakteristischen, 
bis auf alle Einzelheiten durchgezeichneten 
Weise seinen jüngeren Bruder und jetzigen 
Architekten Fritz »nach der Natur ^ zeichnen. 
Eifrig studierte Adam nach dem Verlassen 
der Schule in den Ateliers von Großvater, 
Vater und Onkel, dem durch die koloristischen 
Vorzüge und die Wucht seiner Darstellung 
bekannten und genialen Schlachtenmaler 
Franz Adam-, von dem die Berliner Natio- 
nalgalerie zwei Jahre vor seinem Tode ein be- 

■) Geb. 15. Juli 1812 zu München, gest. 8. März 1892 
zu Kelheim. 

-) Geb. 4. Mai 181 5 als zweiter Sohn Albrechts, gest. 
50. Sept. 1886. 



56 



EMIL ADAM ©sks 




ADOLF O. HOLUB (WIEN) 

Mit d^n IX A/'ostfln. — Aus/tihrujt 



B. Chiappaiti, Tn~ 



deutendes Werk »Reiterangriff aut die fran- 
zösische Artillerie in der Schlacht von Mars- 
la-Tour« erwarb. Die Genannten sind als die 
eigentlichen Lehrer des Autodidakten zu 
nennen, sofern bei einem sich selbst Heran- 
bildenden von Lehrern im üblichen Sinne und 
nicht von Anregungen allein zu sprechen ist. 
Im Atelier seines Onkels zeichnete er selbständig 
nach der Natur Pferde mit, in der Künstler- 
werkstatt seines Großvaters wurden figürliche 
Studien (z. B. Studien nach dem Modell für 
die Soldaten auf dem großen Bilde von Zorn- 
dorf im Münchener Maximilianeum von 1860) 
betrieben. Nach der Rückkehr des tüchtigen 
Historienmalers Theodor Horschelt aus dem 
Kaukasus zeichnete er mit diesem selbständig 
Beduinen und arabische Motive. Blätter aus 
jener Zeit(»Tscherkesse« von 1864, »Englisches 
Vollbluts von Baron Schätzler 1857) beweisen 
uns, daß der Jüngling dem Beinamen »früh- 
reif"- alle Ehre machte. Dem liebevoll ein- 
gehenden Studium der Natur und Anatomie, 
das uns hier wie in allen Studienzeichnungen 



entgegentritt, ist der Künst- 
ler bis heute treu geblieben. 
Im Zusammenhange hiermit 
verdient eine Mauleselskizze 
vom Juli 1859 erwähnt zu 
werden, die gelegentlich eines 
Aufenthaltes in Garmisch 
entstand und dafür charakte- 
ristisch ist, daß der Künstler 
auch in seiner Studienzeit 
sich vor Einseitigkeit hütete. 
In diese Epoche fällt außer- 
dem der einjährige Besuch in 
der Kunstgewerbeschule un- 
ter Professor Djxk. Der da- 
mals beliebten »Gipszeich- 
nung, konnte der Künstler, 
wie auch andere seinerAlters- 
genossen wenig Geschmack 
abgewinnen, doch hält er 
heute die größere Genauig- 
keit der Zeichnung mit eine 
Folge und einen Vorzug die- 
ses langweiligen Unterrichts 
und glaubt, daß dieser in mil- 
derer Form einst wieder einen 
Bestandteil unserer Kunster- 
ziehung bilden wird. Mittler- 
weile waren die Fortschritte 
so rasche, daß ein kleines 
Bildchen des Achtzehnjähri- 
gen »österreichische Lager- 
szene« auf der großen Kölner 
Ausstellung 1861 sehr gelobt 
wurde und als erstes der aus- 
gestellten Werke seinen Käufer fand. 

Hatte sich der Künstler bisher auf ver- 
schiedenen Gebieten betätigt, so wurde eine 
Einladung im Sommer 1862 zu dem bedeu- 
tenden Hippologen Professor Dr. Rueft" in 
Hohenheim bei Stuttgart für die Zukunft 
maßgebend. Wohl hatte Adam im Hause, 
wo stets Pferde gehalten wurden und wo 
man von diesen sprach, die nachhaltigsten 
Jugendeindrücke gewonnen, wohl lag das 
»Tiermalen« im Blute, aber die eigentliche 
genaue Kenntnis des Vollblutpferdes verdankt 
der Künstler dem genannten Gelehrten. Dieser 
gab ihm auf den Kgl. Gestüten zu Weil und 
Warnhausen den theoretischen und prakti- 
schen Unterricht, als dessen Ergebnis ge- 
wissenhafte, in Konzeption und Durchführung 
gelungene Naturstudien noch heute des 
Künstlers Atelier zieren. Diese dienten zur 
Ausführung der ersten größeren Bilder (»Heim- 
kehr arabischer Mutterstuten von ihren Wei- 
den« und »Pferde auf der Weide«), die 1864 
auf der damaligen großen internationalen 



TURMGLOCKE 
•Hl (Tirol) 



EMIL ADAM ^^ 



57 



Ausstellung zu München gro- 
ßes Aufsehen erregten, als 
man erfahr, daß ihr Meister 
erst 21 Jahre zählte. Kühn- 
heit, Lebendigkeit und Wahr- 
heit der Zeichnung, feines 
Gefühl für die Schönheit der 
Bewegung, eine respektable 
Technik in der Farbengebung 
wurden diesen Werken nach- 
gerühmt, wie auch dem Ge- 
schick, »lauter Schimmel« zu- 
sammenzustellen. 

Der Ruf des »Pferdema- 
lers« drang indes weit über 
München hinaus in die ;>große 
Welt;:. 1864 folgte eine Ein- 
ladung des Fürsten Max zu 
Fürstenberg nach Schloß La- 
na in Böhmen. Während 
eines achtmonatigen Aufent- 
haltes in Brüssel mit Emile 
Wauters in der Schule von 
Portaels wurden figürliche 
Studien betrieben. Der vä- 
terliche Freund Cesare Dell' 
Acqua vermittelte die instruk- 
tive Bekanntschat't mit Gal- 
lait, Levs, de Haas und in 
Paris Geröme A. Stevens. 
Die freie Zeit wurde auf den 
Besuch von Museen verwandt 
und es wurde — wenig ko- 
piert. Im ganzen waren es 
die Porträts Rembrandts 
(Brüssel) und van Dycks (München), welche 
Adam zur Wiederholung reizten. Neben den 
genannten Meistern interessierten diesen stets 
am meisten Rubens, Jordaens und V'elasquez, 
sowie die Italiener Tizian und Paolo Vero- 
nese, in den neueren Sammlungen Fr. A. Kaul- 
bach, Vautier, Knaus, Schleich und Meyerheim 
von den Deutschen, Delacroix, Meissonier, 
Daubigny von den Franzosen. Nach dem 
ersten Aufenthalte in England wurde die 
Sympathie für Landseers vornehme Tierbilder 
geweckt. 

Ein völliger Umschwung im Leben und 
Schaffen des Künstlers trat im Jahre 1867 ein 
mit der Berufung nach Pardubitz in Böhmen, 
um ein großes Jagdbild zu malen. Die glück- 
liche Lösung der für einen Dreiundzwanzig- 
jährigen gewiß nicht leichten Aufgabe, 60 Por- 
träts zu Pferde, Meute und Equipagen dar- 
zustellen, begründete den Ruhm des Künst- 
lers als Sportmaler im weitesten Sinne. 
In diesem ersten größeren Massenbilde be- 
wies der jugendliche Meister bereits seine 




.4D0LF O. HOLUB (WIEN) KIRCHEXGLOCKE 

Embletne der 4 Evattgelistett u. a. — Ausführung : B. Chiappani, Trient (Tirol} 



Vielseitigkeit in der Darstellung von Men- 
schen, Hunden und Pferden, die in eine 
böhmische, mit der alten Husittenfeste Kune- 
titz bekrönten Landschaft hineinkomponiert 
sind. Hiermit war zugleich das Ansehen des 
Lieblingsjagdmalers der österreichisch-unga- 
rischen Aristokratie gesichert. Damalige Be- 
richte loben vor allem das ernste Streben, 
das Talent für Porträtähnlichkeit und scharfe 
Charakteristik. Diesen Erfolg konnte im Jahre 
1870 das im Auftrage des damaligen Herzogs 
Adolf von Nassau, dessen Gemahlin Adam 
am Hoflager zu Frankfurt zu Pferde por- 
trätierte, gemalte Bildnis »Lippspringer Jagd- 
gesellschaft« mit 36 Personen, 34 Pferden 
und 36 Hunden nur vermehren. Während 
der Entwurf dieser beiden Bilder vom Künst- 
ler selbst stammte, war an der Ausführung 
der Landschaft und der Hunde sein Vater Benno 
Adam beteiligt. Doch bald macht uns Emil 
Adam mit seiner landschaftlichen Malerei ver- 
traut. Wie sein Lehrer und Großvater leistet 
auch der Enkel das Beste bei strengem An- 



Die christliche Kunst. X. 



S8 



EMIL ADAM 



Schluß an die Natur, doch sehen wir bei 
ersterem noch die Anlehnung an die Nieder- 
länder des 17. Jahrhunderts, von welcher 
Nachempfindung letzterer, seine eigenen Wege 
gehend, sich loszumachen wußte. Sein eige- 
nes frisches Naturstudium ermöglichte ihm, 
Roß und Reiter in landschaftlicher Umgebung 
als eine große Einheit zu geben. Auch der Archi- 
tektur wurde nicht aus dem Wege gegangen, 
sondern sie ist mit Vorliebe herangezogen, 
wie z. B. auf dem Bilde »Zur Abfahrt bereit« 
(1887), bei dem sich die Erwartung ohne 
besondere Hilfsmittel nur durch die Charak- 
teristik der beiden Vollblutpferde ausdrückt. 
Die Landschaft tritt uns trotz größter, er- 
wähnter Naturbeobachtung materisch ent- 




ADOLF O. HOLUB (WIEN) 

Kniip/er. Motiv: Passionsbltitiu-n uttii Roseu. — Atis/iilirittti; 



gegen, ob der Maler grüne Weiden, dunkle 
Wälder in Abendstimmung, bei Sonnenunter- 
gang oder vollem Tageslicht, bräunliche Erde, 
oder graue Gewitterwolken darstellt. Diese 
außerordentliche V i e 1 s e i t i g k e i t , über welche 
wir noch heute zu staunen Veranlassung 
haben, tritt uns am überzeugendsten in fol- 
genden vier Bildern entgegen: »Graf Eber- 
hard von Württemberg und die Zigeuner- 
kapeile von Berzencze« von 1877 im Besitze 
des Fürsten Festeticz, »Vollblutgestüt« (1856), 
»Rindviehherde« (1888) und »Parforcejagdge- 
sellschaft« (1889). In dem an dritter Stelle 
genannten Gemälde ist die berühmte, eigen- 
artige und uns so fremde Rindviehherde 
»Gulya« von Fenek am Plattensee in Ungarn 
gleich glücklich charakteri- 
siert. Vom künstlerischen 
Standpunkt aus ist der Kon 
trast der stattlichen, grauen, 
mächtig gehörnten Tiere 
unter der Aufsicht eines 
Hirten in rotverbrämter 
Bunda gegen die Abend- 
beleuchtung, die vulkani- 
schen Badaconer Gebirge 
mit der Ruine Szigligeth 
und dem fernen blauen 
Plattensee besonders pi- 
kant. DerGrundstock seines 
Schattens, der hier am präg- 
nantesten sich ausdrückt, 
ist nach des Künstlers eige- 
nem Bekenntnis darin zu 
sehen, daß er versucht, 
dem Beschauer in der An- 
ordnung, Linienführung 
und in gewissenhaftester 
Durcharbeitung einen mög- 
lichst angenehmen Anblick 
zu verschaffen, indem er 
dabei die einmal gegebenen 
Farben zu einem harmoni- 
schen Ganzen verschmilzt. 
Es ist vielleicht angebracht, 
hier einige kurze Worte 
über die Technik Adams 
einzuschalten. Nach der 
Anlage des Bildes mit Kohle, 
»wenn die Stimmung da 
ist«, untermalte der Künst- 
ler das Figürliche mit Mu- 
mie, die Lichter mit Weiß, 
um dann zur Übermalung, 
welche früherdünner, heute 
stärker ist, vorzugehen. Da 
er ein Bild erst dann be- 



ALTARTEPPICH 
y. Ginskey, Wien 



ginnt, wenn es vollständig 



EMIL ADAM 



59 




EMIL ADAM (MÜNCHEN) 

Pri-jatgalerie S, K. H. des Prinzen Leopold von Bityern. 

in seinem Innern konzipiert ist, braucht er 
zur Vollendung nur verhältnismäßig kurze 
Zeit und wenig Veränderungen vorzunehmen. 
In der frühen und mittleren Periode wurde 
großes Gewicht auf die Zeichnung gelegt, ohne 
jedoch jemals die koloristische Wirkung zu 
vernachlässigen. Einige Härten, die mitunter 
hierdurch entstanden, werden heute vermie- 
den. Die Errungenschaften der guten mo- 
dernen Malerei gingen nämlich nicht spurlos 
an dem Künstler vorüber. Es gelang ihm in 
den letzten Jahren, Bilder zu schaffen, die 
sowohl durch die größere Weichheit in Ton 
und Farbe als auch durch die ganze male- 
rische Behandlung unser Wohlgefallen finden. 
Doch kehren wir zur Künstlergeschichte 
zurück, so muß erwähnt werden, daß ein für 
den Grafen Larisch 1880 gemaltes Jagdbild 
»Kaiser Franz Josef auf der Harriersjagd zu 
Freistadt in S.« eine solche Anerkennung fand, 
daß dem Künstler vom Kaiser der Franz- 
Josef-Orden verliehen wurde. Bald darauf 
{1885) trat eine abermalige neue Epoche im 



Leben des Meisters ein, 
welche nur durch Reisen 
nach Böhmen und die hier 
entstandenen Bilder unter- 
brochen wurde. Im genann- 
ten Jahre nämlich benutzte 
Adam einen Frühjahrs- 
aufenthalt im klassischen 
Lande des Rennsportes, 
England, wo er die freund- 
lichste Aufnahme und das 
liebenswürdigste Entgegen- 
kommen fand, um einee- 

o 

hende Studien zu machen. 
Das höchste Entzücken aller 
Reiter und Pferdeliebhaber 
waren bald die Adamschen 
\'ollblutpferde mit und 
ohne Figuren, so daß ein zu 
s. Ztn. bekannter englischer 
Trainer Meltons entzückt 
ausrufen konnte : "He beats 
them all ..." (Er übertrifft 
alle unsere Meister). Es 
gelang ihm überdies die 
schwierige Darstellung des 
trabenden und springenden 
Pferdes wider Erwarten gut. 
Als Beweis hierfür diene 
das in österreichischem Pri- 
vatbesitz befindliche Reiter- 
porträt der Kaiserin Eli- 
sabeth. Die jugendlich 
schmiegsame, vornehme 
Reiterin ist in dem Mo- 
mente dargestellt, wie sie sich anschickt, über 
ein natürliches Naturhindernis zu springen. 
Für die bewegte Lebendigkeit der Darstellung: 

1 1 ■ • 

verbunden mit emer repräsentativen Vornehm- 
heit von Rennpferden spricht dann noch 
»Finish im Großen Preis von Hamburg 191 1«, 
welches Gemälde der Fürst Christian Kraft 
zu HohenloheOehringen, dessen Kassandra, 
Theseus I und II im Rennen waren, erwarb. 
Wir sehen und fühlen mit die Anstrengung, 
die Roß und Reiter machen, um als Erste 
durchs Ziel zu kommen. Wie bei so vielen 
seiner Werke fehlt auch hier der genrehafte 
Zug nicht. Man beachte nur den würdigen 
zylindergeschmückten Hamburger Großkauf- 
mann im Hintergrund! Von den 150 in 
dieser Epoche entstandenen Pferdeporträts 
erwarb König Eduard VII., der den Künstler 
wiederholt nach Sandringham einlud und für 
den er, nach Berczencze berufen, ein Erinne- 
rungsbild an diesen Aufenthalt ausführte, al- 
lein 14. Auch in Paris entstanden mehrere 
Bilder dieser Art: Die berühmtesten Pferde 



ALTE FKEUKDE 
Text S. 60 



8* 



6o 



EMIL ADAM 



vonEdmond Blane, \'anderhild u.a. hat Adams 
Pinsel der Nachwelt überliefert. Hierbei sei 
eines für den Künstler besonders typischen 
Erinnerungsbildes, eines hippologischen Er- 
folges aus Edmonds Blanes Besitz »Ajax : ge- 
dacht. Das dreijährige Vollblut, das 1904 den 
Grand Prix von Paris gewann, ist mit aller 
Realistik — man beachte die fein durchge- 
führten Adern — in wahrhaft photographi- 
scher Treue gemalt. Und doch überrascht 
die strenge Komposition, die malerische Auf- 
fassung der Landschaft. In den fahren 1877, 
1879 und 80 folgten Rufe nach Berlin, 1^78 
nach Donaueschingen und Baden-Baden. Die 
Frucht des dortigen Aufenthaltes »Galavierer- 
zug der Herzogin von Hamilton« wurde für 
das beste Bild dieser Art erklart. 

Es wurde oben bei dem »Finish« von 191 1 
eines genrehaften Zuges des Künstlers 
Erwähnung getan. Letzteren zu pflegen hatte 
dieser in seiner letzten Epoche, in welcher 
der Rüstige noch lange Jahre zur Freude 
seiner hohen Gönner, seiner glücklichen Fa- 
milie arbeiten möge, Muße. Durch die jedem 
Rennkundigen bekannte Pause, welche in den 
Gewinnen bei klassischen Rennen zeitweise 
eintritt, — so hat z. B. der König von Eng- 



land trotz seines großen Stalles seit 1900 
nichts mehr gewonnen — fand Adam Ge- 
legenheit, obgleich er die Beziehungen nach 
Österreich-Ungarn und England, wo er seit 
188) fast alle englischen Derbysieger und 
eine große Zahl der hervorragendsten Pferde 
überhaupt darstellte, nie aufgab, seiner Ver- 
anlagung und inneren Neigung folgend, nach 
den gewonnenen Erfahrungen und sich in der 
persönlichen Note treubleibend, den Errungen- 
schaften der modeinen Maltechnik jedoch suk- 
zessive nähernd, eine Anzahl neuer, nur dem 
ureigensten künstlerischen Empfinden ent- 
sprossener Bilder zu schaffen. So entstanden 
z. B. 19 10 drei Bilder, von denen der verstoi- 
bene Prinzregent Luitpold, zu dessen Tafel- 
runde Adam gehörte, die »Alten Freunde«') 
erwarb. Es konnte bei der trefflichen Aus- 
führung dieser Bilder — genannt seien noch 
»Vor dem Ausritt« und »Vollblutstuten und 
Fohlen« — die öffentliche Anerkennung nicht 
ausbleiben. Im März 19 12 erwarb der baye- 

') Heute nach der Teiluna; der fVivatgalerie des ver- 
storbenen flohen Herrn im Besitz des Prinzen Leopofd 
von Bayern (Abb. S. 59). — Ein zweites größeres und 
frei komponiertes Bitd in städtischem oder Staatsbesitz 
befindet sich in Kief. 




HEINRICH WADERE RICHARD WAGNERDENKMAL 

Itn Hintergrund liiis Frhtzregenteniheaier in Mitnchen. Vgl. Ai'i-. S. öl 



es^ GROSSE KUNSTAUSSTELLUNG STUTTGART 191 3 ^ 



61 




HEINRICH WADERE (MÜNCHEN') 

Mar/nor. 



RICHARD WAGNER 



l'or dem K^h Prinzregententneater iti Miincheft tgrj errichtet 



rische Staat für die Münchener Neue Pinako- 
thek den »Pferdefang in einem ungarischen 
Halbblutgestüte«, der Künstler aber selbst, 
dem bereits 1900 Titel und Rang eines kgl. 
Professors verliehen worden war, erhielt 1910 
vom Prinzregenten die Luitpoldmedaille in 
Silber überreicht. 

Mögen, hiermit wollen wir unsere Aus- 
führungen schließen, die einen kurzen Uber- 
und Einblick in das Leben und SchatTen eines 
trotz seiner allerhöchsten und höchsten Be- 
ziehungen einfachen, stets liebenswürdigen 
und tiefinnerlichen »nur« Künstlers gewähren 
sollen, mögen Emil Adam, dem bedeutendsten 
internationalen Pferdemaler, noch lange Jahre 
des ungetrübtesten Schaffens vergönnt sein ! 



GROSSE KUNST-AUSSTELLUNG 
STUTTGART 19 13 

piiie ganz geschmackvolle Ausstellung war die Stutt- 
garter. Nachdem man eine Zeitlang sich in die karge, 
ernste Fassade und das behäbige Gewinkel der Außen- 
anlage des Theodor Fischerschen Kunstgebäudes nicht 
finden konnte, haben sich jetzt die Gemüter beruhigt, 
und man merkt, wie gar köstlich sich's lustwandeln 
laßt unter der hehren, lichtvollen Kuppel der König 
Wilhelm-Halle, und welch lauschige Eckchen und Gärt- 
chen zum Kafi'eetrinken der wohlmeinende Architekt 
aus der Bauanlage herauszuschlagen gewußt hat. 

Gleich die Graphik, welche im zweiten Räume 
vor uns ausgebreitet lag, präsentierte sicli ganz lieb, 
aber auch ziemlich unbedeutend. Viele Blätter, viele 
Namen. Viele Eindrücke rieseln sanft und angenehm 
an uns herab, aber kaum einer bleibt hängen und 
gräbt sich tiefer ein. Die (Graphik erreichte hier kaum 
das Niveau, auf welchem sie etwa doch in Baden-Baden 
steht. Einige Sachen hat Max Liebermann geschickt, 



62 



GROSSE KUNSTAUSSTELLUNG STUTTGART 1913 




KACZIANY UDÜ!4 (BUDAPEST) 

XL hiternatiouale Kitjistanastclhttig in Münclien 1QI3 

nicht von seinen stärksten; auch Orlik gab sich ganz 
offiziell. Nur Ludwig von Hofmann machte durch 
seine Zeichnungen wieder einigermaßen gut, was er 
durch seine verwässerten »Fünf Frauen« auf der Mann- 
heimer Ausstellung in unserem Ansehen verdorben. 
Neben dem leereren Melzer ist Max Pech stein 
unter den Jungen der einzige, welcher mit Macht den 
verworrenen neuen Klang in der Kunst kündet. Nun 
folgt, wie gesagt, noch eine lange Reihe ganz braver 
und gediegener Talente, die ich aber deshalb niclit an- 
führen kann, weil ein Ausstellungsbericht doch etwas 
mehr sein soll, als ein Katalog mit Anmerkungen. 

Auch die plastische Abteilung ragte nur selten 
über einen guten Durchsclmitt hinaus. Freilich waren 
sie alle da, die Altbekannten und Altbewährten, die 
Volz und Lederer, Beyrer, Pötzel berger, Ro- 
din, Klinisch, Taschner, Kolbe, Tabich und 
andere. Allein Bedeutsames, Eindringliches hatte von 
ihnen, außer etwa Fritz Lederer in seiner Porträt- 
büste, kaum einer zu sagen. Man freut sich, daß George 
Minne mit eigenen Werken, und nicht nur in den 
Produkten seiner Nachbeter, vertreten ist. Aber leider 
sagen uns gerade diese Stücke über ihn wenig Bezeich- 



nendes. Männerbüsten in Gips und ein mit 
einem toten Reh zusammengeschmiegter Knabe 
geben einen leisen Scliimmer seiner sensitiven 
Kunst. Schade, daß der andere Vater mo- 
derner Plastik, Aristide Maillol, niclit 
auch da war. Um so mehr sah man von 
denen, die von ihm kommen und seine ver- 
schlafenen, gequollenen Formen mitbringen: 
so Metzner, Fehrle und Engelmann, 
dessen junoniscli hehrer »Trauernden« trotz- 
dem die Monumentalität echter Größe nicht 
abgesprochen werden darf Hermann Pa- 
geis lehnt sich in seiner »Arbeitermutter« 
an Meunier an. Etwas sehr Graziles ist Franz 
Hörings »Jugend«. Am meisten Eigenstän- 
diges boten noch Karl Albiker, dessen 
Skulpturen zwar fast alle aber auch schon 
von der Mannheimer Ausstellung her bekannt 
sind, und E. A. B ourdell e. Seine herrische 
Bronze des Malers Ingres und die wie schnup- 
pernde Maske eines Mädchens gehören zu 
den Herzstücken der plastischen Abteilung 
dieser Ausstellung. 

Schließlich die Malerei. Wie wohlig spa- 
ziert sich's unter der heiteren Kuppel der 
König- Wilhelm -Halle! Und rings an den 
Wanden begleiten den sorglos Lustwandeln- 
den fast lauter liebliche Melodien von Linien 
und Farben. Da hingen sie alle, breit und 
behäbig, die Stuttgarter Meister: Hans Reiß 
und Fritz Lang, August Köhler, 
Amandus Faure, Robert Weise, 
Theodor Lauxmann, Carlos Grethe 
und Christian Speyer; die letzten beiden 
prangen besonders in den vollen Flächen 
ihrer dekorativen Stücke. Diesen Einheimi- 
schen schlössen sich im Wohllaut ihrer Bilder 
dann im selben Saal Franz von Stuck 
mit einem »Drachentöter«, Becker-Gun- 
dahl mit einer »Kreuzigung« und Ludwig 
Herterich mit einer »Kreuzabnahme« an, 
diese Werke gehen auf dekorative Wirkungen 
aus. Dasselbe gilt von Oskar Grafs »Kreuzi- 
gung« in Raum X und von Max Beck- 
manns »Ausgießung des heiligen Geistes« 
mit der Abwandlung, daß man mit drauf- 
gängerischer, wüstet Pinselathletik einem der 
mystischsten Vorgänge der Religionsgeschichte 
schon gar nicht beikomnien kann. Hier sah 
man auch Alb in Egger-Lienz, welcher in den Stücken 
• Sämann« und «Am Tische des Herrn« eine Sprache 
von eindringlicher Gewalt und wuchtiger Monumentalität 
redet, und dann Karl Caspar. In den düstern Ver- 
wesungslarben seiner »Pietä« malt er uns die trostlose 
Ode und Verlassenheit eines zerrissenen Mutterlierzens. 
Würdig reihen sich diesen beiden Heinrich Alt- 
herr mit »Christus im Sturm« und der Schweizer 
Ernst Würtemberger an, dessen »Totenfeier« in 
Raum Vll, wenngleich sie nicht frei von Hodlerschen 
Einflüssen ist, doch durch den bäuerlichen Ernst der 
Auffassung sich tiefer in uns eingräbt. — Wenn Fritz 
Erler bei seinem Bildnis eines Knaben mit großer 
Frisclie und Delikatesse das Dekorative herausstreicht, so 
ist das natürlicli nur zu loben. Die meistgenannten Ver- 
treter heutiger Kunst: Max Lie b e rm ann, Slevogt, 
Corinth, Trübner usw. waren, bis auf Zügel und 
Thonia, nur mittelmäßig vertreten. Heinrich von 
Zügels »Morgen in den Rheinauen« ist ein Erzstück 
solider Malerei und ein Beispiel, wie sich in der Be- 
schränkung der Meister zeigt. Hodler ist mit zwei 
ganz schwachen, ausgeschlenkerten Figuren vertreten. 
\'on den Jungen treflen wir H ö 1 z e 1 , R ö s 1 e r, H e c k e n- 



PIETA 



63 




64 



^ RATISBONA ^ 



-r^^m^j^^ 




HANS SCHÄFER (WIEN), |LBILÄUMSMEDAILLE ZUR HUNDERTJÄHRIGEN GEDENKFEIER DER GESELLSCHAFT 

DER MUSIKFREUNDE IN WIEN 1912 



dorf, Finetti, Eberhard und den Franzosen Picasso. 
Daß, neben Karl Caspar, gerade solch zwei fortscliritt- 
liehe Maler wie AdolC Hölzel und Heinrich Eberhard 
mit ihren lauten und doch herb ernsten Farben voll 
Eifer an religiöse Stoffe herantreten, ist gewiß bezeich- 
nend für die moderne Kunstbewegung und dürfte eine 
Spezialuntersuchung dieses Problems wohl wert sein. 
\\'aldemar Rösler zeigte zwei seiner hingefetzten Land- 
schatten, von denen > Frühlingssonne« jenes kiefernmäßig 
ausgetrocknete Grün besitzt, wie es außer Rösler wohl 
kein Maler hat. Franz Heckendorfs >Bahnweg<i ist lang 
nicht so furioso wie seine Bilder auf der Nlannheimer 
Ausstellung. Von einer marionettenartig hingehuschten 
Sprunghaftigkeit ist Gino Finettis >Scherzos und in Pablo 
Picassos fahlblauer >Büglerin< stellt sich die Schultern- 
linie der mühsalbeladenen Vornübergebeugten zu einer 
Gratigkeit, die schmerzt. 

Eine Sache für sich ist der Raum XIII. Hier scheint 
mir der künstlerische Schwerpunkt der ganzen Aus- 
stellung zu liegen. Er gibt uns eine Art »Entwicklungs- 
geschichte in Grundzügen« von der französichen Malerei 
des 19. Jahrhunderts. Von Daumier und Courbet über 
Manet und Monet bis zu C^zanne, Gaughin und van 
Gogh können wir hier die Entwicklung, fast wie an 
Marksteinen ablesen. — Um diesen Werken gerecht zu 
werden, gälte es natürlich eine historisclie Entwick- 
lungsreihe von Realismus über den Impressionismus 
zum Expressionismus aufzuzeigen. Rückschauend er- 
kennt man hier, daß jene Männer in ihrer Kunst starke 
Persönlichkeiten waren. F. K. 



RATISBONA 

M. HERBERT 

Geweihter Boden ist hier überall! 
Wo du auch stehst, du bist in Freithofs Mitten; 
Um ein Memento steigen fromme Bitten 
Tief aus der Erde Schoß von Wall zu Wall. 

Märtyrerblut trank jeder Scholle Mund; 
Es wagten sie dereinst nicht zu betreten 
Die stolzen Herrscher, die darauf zu beten 
Nur mit den Knien berührten ihren Grund. 



Die ganze Stadt ist ein zerbrochner Schrein. 
In Nischen noch vergessene Figuren — 
Und das Geheimnis irischer Skulpturen 
Wirtt vom Portale geisterhaften Schein. 

Altäre brannten, wo du achtlos gehst 
Hoch über Krypten und der Heil'gen Grüften; 
Tortürme ragten kühn in blauen Lüften, 
Wo ein geborst'ner, karger Mauerrest. 

Ein Wappen mahnt im dunkelen Gestein, 
Auf hohem Sims verwittert harrt ein Leu 
Auf Tage, die nicht kehren; stolzer Treu' 
Uraltes Bildnis: Leise Träumerein. 

Im Giebelfeld aus fernen, got'schen Zeiten. 
Und hier Maria, der sein Ave spricht 
Ein schöner Bote aus dem ew'gen Licht, 
Und dort Erlöserarme, die sich breiten. 

All dieses redet wie in tiefem Schlaf — 
Die Brunnen rauschen, Predigtsäulen steigen, 
Am Dom die Bildnerei, sie bricht das Schweigen, 
Die Engel singen über'm Architrav. 

Inschriften aus des Kreuzgangs halber Nacht 
In deine Seele wie mit Phosphor brennen. 
Und ein Jahrtausend altes Gottbekennen 
Erschuf der Kathedrale strenge Pracht. 

Wen einmal all der Glocken Lied umschwoll 
Die in den Abendtraum mit brünst'ger Kehle 
Ausströmen ihre schwermutreiche Seele — 
Sagt: Stille Stadt, wie bist du wundervoll.') 



■) Regensburg. D. Red. 



BEILAGE 



BERLINER SECESSIONS-AUSSTELLUNGEN. LEIPZIGER AUSSTELLUNG 



BERLINER SECESSIONS- 
AUSSTELLUNGEN 

Von Dr. Hans Schmidkunz (Berlin-Halensee) 
(Schluß) 

Machgerade muß auch der Anschluß an die vielberufe- 
nen Vorbilder aus dem 19. Jahrhundert ein Archäo- 
logisieren werden. W. Leibl (mit ein paar Porträts und 
anderem) gibt Anlaß, die von ihm über Lieber mann 
fortlaufende Linie zu diskutieren. W. Trüb n er ist 
reichlich mit Porträts und Landschaften vertreten, über- 
dies mit zwei >Christus im Grabe« und einer »Nonne«. 
Viel zahlreicher aber sind die französischen Präseces- 
sionisten. Voran O. Renoir mit hübschen Gesichtern 
und vielen Grau- und Blauschatten auf den Akten, deren 
Duftigkeit in charakteristischer Weise gegen die Seelen- 
losigkeit der Gesichter kontrastiert. Daß es selbst von 
da aus bergab geht, das läßt uns im Ungewissen, ob 
es sich dabei um französischen Verfall und >Apachis- 
mus« oder vielmehr um deutsches und internationales 
Geschäft handelt. Wie Renoir, so ist auchG. Seurat 
schon verstorben. Den rhytlimischen Plakatwitz ver- 
stand dieser Punktist recht gut; und neben vielerlei 
Unglaublichem ist eine Skizze »Jupiter und Thetis« be- 
merkenswert. Die C^zanne Verehrung wird durch 
die vorhandenen Nummern nicht begründet, mögen 
seine »Dächer« und ein »Stilleben« in irgend einer Hin- 
sicht mit Recht gerühmt werden. Von van Gogh 
überrascht ebenfalls ein Frühwerk: »Das Schweigen im 
Walde«, gegen das Böcklins gleichnamige Malerei 
zwar künstlerisch mehr »durch«, doch beinahe philiströs 
wirkt; nur daß van Goghs Bild zwar ein markantes 
Leuchten, aber noch nicht die LTnruhe und scharfe Kon- 
zentration seiner späteren Werke besitzt. (An ihn er- 
innert ein wenig, aber ohne den doch noch geistigen 
Zug jenes, der schon genannte Brockhusen.) Fehlt 
Gauguin; ohne dessen oder eine eigene Eigenart er- 
setzt ihn äußerlich der Züricher H.Hub er, den wir 
bereits vom Vorjahre her in dieser und in mittelalterlich- 
archaistischer Weise kennen. 

Das weiter zurückgreifende Archaisieren, mit oder 
ohne »dekorativen Zug«, kann ein Gutes haben: das 
Wiedererwachen der Besinnung oder des Gefühles, daß 
doch »Kompositionen« ein höheres Künstlerwerk sind 
als die vielberufenen »Naturausschnitte«. Diesmal sclieint 
es damit bereits vorwärts zu gehen. Ein Hauptbeispiel 
dafür und gerade auch für ein besonderes Archaisieren 
ist das Gemälde »Revolution« von Klaus Richter, 
einem anscheinend jungen Pariser. Diese weitgreifende 
Szenerie von Bandenzug und Militäraufmarsch, von Ver- 
haftungen und Guillotine sowie von vielerlei Baugruppen 
ist nicht nur ein neuer Breughel, sondern auch ein 
neuer Goya und Alt dorfer. Das Bild begnügt sich 
keineswegs mit Skizzierung, sondern arbeitet »durch«. 
Wie ernst es ist, zeigt deutlich ein Vergleich mit dem 
nur äußerlich ähnlichen, im Grund aber etwas Offen- 
bach- operettenhaften »Kampf um den Leichnam des 
Patroklus« von dem wohl auch erst seit kurzem be- 
kannten Pariser M. Zeller. 

Andere wenigstens einigermaßen geistig schöpferische 
Künstler sind der bekannte M. Brandenburg, der 
neben Landschaftstudien einen, allerdings etwas grob- 
pinseligen »Minnesänger« bringt; der noch wenig be- 
kannte E. L. Heckel mit einem »Sterbenden Pierrot«; 
sodann der in letzter Zeit vielgenannte Wiener O. Ko- 
koschka: sein »Frauenkopf« (eine Mona Lisa, Wien 
oder Berlin W. W.), sein »Liebespaar« und sein als 
»Komposition« bezeichnetes, allerdings unklares Figuren- 
duo sind jedenfalls ein eigenes Etwas, mit dem nervös 
Zitterigen, das anscheinend zur feinsten ausländischen 
Mode gehört. 



Ein Zug vom Materiemalen zum Geistmalen führt 
leicht in religiöse Kunst hinein — und umgekehrt erst 
recht! »Der verlorene Sohn« des uns neuen Parisers 
E. Zack will durch die Figur, die trikotbekleidet auf 
einem Hocker anscheinend vor einer Wand sitzt, still- 
traurigen Gesichtes, ersichtlich die »dekorativen Flecken« 
mit Ausdruckskunst verbinden (ähnlich seine »Frau mit 
grauem Schleier«). Anders der schon bekannte M. Op- 
penheimer: seine »Geißelung«, seine »Pietä«, seine 
als »Trösterin« bezeichnete andere Pietä (oder was eben) 
sehen aus, als wollten sie den Kubismus durch einen 
Triangulisraus oder durch eine Keilschrift (Cuneismus) 
ersetzen und dadurch einen Sonderausdruck für Geistes- 
und Fleischesleiden schaffen. 

Im übrigen ist ein Forte oder Fortissimo immer wieder 
obenan oder verstärkt sich noch. Dora Hitz malt 
ihr diesmal als 'Trauben und Kinder« bezeichnetes 
Thema jetzt derber als vorher; die Pinselhiebe, die bei 
-L. Corinth (»Ariadne auf Naxos« und anderes) wenig- 
stens nicht die Gesichter verblöden, führen bei W.R Osler 
zu nicht viel mehr als zu Farbenskizzen oder höchstens > 
zu dem Sensationsstück »Liebespaar und Tod«; dick 
pointiUistische Farben wie z. B. in Gebirgsbildern des 
uns neuen Parisers H.E. Gross sind allbeliebt; gelb- 
grüne Akte dürfen nicht fehlen ; und wohin gerät schließ- 
lich O. Mollfl Doch wie einst Leistikow, so ver- 
stehen auch jetzt einige das Malen mit mehr Piano: 
der bekannte W. Bondy in Landschaften, und etliche 
Jüngere. Auch die guten Seiten von H. Baluschek 
(»Die kleine Station« und anderes): eine malerisch be- 
achtenswerte harmlose Charakteristik des städtischen 
Vorlandes ohne Pathos, gehören hieher. Vom lieben 
A.A.Oberländer (»Trinker« und anderes) nicht erst 
zu sprechen. 

Vv'enn wir noch Landschaften von Bekannteren wie 
C. Herrmann und W. Nowak sowie von dem wohl 
neuen E. Matthes, sodann »Dächer« (in lilabrauner 
Tunke) von H. Brück hervorheben und manche bloße 
Wiederkehr unerwähnt lassen : wenn wir dann noch 
auf das Vorhandensein leidlicher Porträts hinweisen, her- 
stammend von Wohlbekannten wie L. v. Kalckreuth 
(der auch ein hübsches Stilleben bringt), so haben wir 
den »malerischen Qualitäten« genug getan. 

Plastische Porträts sind diesmal nur von G. Kolbe 
und wenigen anderen vorhanden. Aus der übrigen 
Plastik brauchen wir A.Gaul nicht mehr zu rühmen 
und haben Bar lach schon hervorgehoben; seine Weise 
übertreibt B. Frydag. Eine große" Bronzegruppe »Jä- 
gerinnen« bringt F. Klinisch: sie zeigt allseits eine 
gute plastische Rundung — seelenlos. Neben geläu- 
figen Namen fällt noch R. Langer auf, uns von 19 11 
her durch eine »Madonna« bekannt. Von seinen beiden 
Holzreliefs enthält die »Ruhende Sackträgerin« die nun 
beliebte Kombination von Flächen- und Fleckenmanier 
und der »Sündenfall« ein Archaisieren, das mindestens 
ins Romanische übergeht. 



DIE KIRCHLICHE KUNST AUF DER 
LEIPZIGER BAUFACH -AUSSTELLUNG 

r~)ie Leipziger Baufach-Ausstellung ist ein Unternehmen 
von wahrhaft imposanter Art, eine Veranstaltung, 
die in viel höherem Grade als so manche »Weltaus- 
stellung« vom Stande der modernen Kultur Kunde gibt. 
In einer nur schwer zu bewältigenden Fülle führt sie 
die Architektur der Gegenwart, ja in einzelnen Abtei- 
lungen auch die der Vergangenheit, sowie solche von 
unzivilisierten Völkern nach den erdenkhchsten Gesichts- 
punkten der Wissenschaft und Praxis vor Augen, ver- 
bindet damit Übersichten des Versicherungswesens und 
Arbeiterschutzes, des Kunstgewerbes, der Hygiene, des 



10 



KIRCHLICHE KUNST AUF DER LEIPZIGER AUSSTELLUNG 



Sportes; eine ganze Reihe von Sonderausstellungen, auch 
eine solche von Gemälden, kommt hinzu. Die Auf- 
machung zeugt durchweg von vollendeter Vornehmheit 
des Geschmackes; in wohltuender Art fehlt alles, was 
an den leeren Prunk so vieler anderer Ausstellungen 
erinnert ; überall herrscht Solidität und Ernst, wie es 
des Gegenstandes, der hier behandelt wird, würdig ist. 
Das Gebäude der Raumkunst mit seinen wuchtigen 
Linien; das seltsam strenge >Monument des Eisensc; 
die edel gezeichnete Betonhalle mit ihrem Säulenvorbau; 
die ruhig monumentale »Straße des i8. Oktobert mit 
ihren Treppenanlagen und dem gewaltig wirkenden 
Blicke auf den Riesenbau des Völkerschlachtdenkmals ; 
das reizende »Dörfchen« — dies alles und zahlloses 
andere sind Dokumente eines hier waltenden Geistes, 
der mit Fug berufen ist, auf die Entwicklung der mo- 
dernen Architektur als eines wesentlichsten Kulturfaktors 
weiter bestimmend zu wirken. Bei allem ist nichts aus- 
zusetzen und zu bedauern, als daß die kirchliche Bau- 
kunst mit ihren Nebenzwxigen allzu unübersichtlich, um 
nicht zu sagen, nebensächlich fortgekommen ist. Mit 
Mühe muß man sich das nicht eben Zahlreiche, was in 
diese Gruppe gehört, an so und so vielen Stellen zu- 
sammensuchen, um schließlich zu dem Ergebnis zu ge- 
langen, daß die Leipziger Baufach-Ausstellung trotz all 
ihrer Größe und sonstigen Bedeutung für die Entwick- 
lung des Kirchenbaues nur sehr wenig in Frage kommt. 
— Von den deutschen Regierungsbehörden hat nur das 
preußische Ministerium der öffentlichen Arbeiten, welches 
in der »WissenschaftHchen Abteilung« eine sehr um- 
fangreiche Ausstellung von Plänen, Ansichten und der- 
gleichen veranstaltet, dabei auch die kirchliche Baukunst 
eingehend berücksichtigt; es zeigt eine beträchtliche An- 
zahl älterer Bauwerke, welche der Sorgfalt der staat- 
lichen Denkmalpflege überlassen sind, und neuerer; bei 
letzteren tritt in bemerkenswerter Art das Streben her- 
vor, diese Architekturen den örtlichen Bedingungen, der 
geschichtlichen Überlieferung und der gegebenen Situa- 
tion anzupassen. Besonders für die neuen Dorfkirchen 
sind dabei schöne Erfolge festzustellen, wenn auch nicht 
verkannt werden darf, daß man noch etwas allzusehr 
durch die Tradition befangen ist und daher vielfach 
ins Nachahmerische verfällt, statt rechte künstlerische 
Freiheit walten zu lassen, die doch schließlich das Rechte 
noch sicherer trifft. Was die in anderen Abteilungen 
gezeigten kirchlichen Neubauten anlangt, so zeigt sich 
bei ihnen eine Verschärfung des Unterschiedes zwischen 
den Kirchbauten des katholischen und des protestan- 
tischen Bekenntnisses. Bei letzteren führen die An- 
sprüche an den Typ der Predigtkirche zahlreiche Lö- 
sungen herbei, während die katholischen Kirchen erklär- 
licherweise den altüberlieferten Formen treu bleiben 
und dabei doch an allen modernen Errungenschaften 
von Kunst und Technik teilnehmen. Einzelne Beispiele 
anzuführen würde diesen Bericht über das mögliche 
knappe Maß erweitern; statt vieles anderen nenne ich 
nur die von O. O. Kurz- München gezeigten Entwürfe 
für die St. Otto-Kirche in Bamberg und die St. Georgs- 
Kirche in Milbertshofen, beides Werke voll echten hei- 
matlichen Wesens, ausgezeichnet für ihren Standplatz 
passend, würdig und schön, im besten Sinne alt und 
neu zugleich. Auch die Kirchenentwürfe vonW. B r u r e i n 
dürfen nicht wohl unerwähnt bleiben. Eine eigene Bau- 
ausstellung hat in Leipzig der österreichische Kaiser- 
staat eingerichtet. Es ist ungemein reizvoll zu beob- 
achten, wie seine bunte Zusammenstellung höchst ver- 
schiedener Völker und Kulturen sich in seiner Baukunst 
spiegelt, welche, gestützt auf die Ideen des modernen 
Heimatschutzes, darauf ausgeht, allerorts die Architektur 
im Geiste der Vergangenheit und im Dienste der gegen- 
wärtigen Zwecke weiter zu entwickeln. Auch die Kunst 
des Kirchenbaues hat — und zwar an erster Stelle — 



von diesen Bestrebungen ihren sichtlichen Nutzen. — 
Natürhch kommt dergleichen ganz besonders auch für 
die Behandlung der Dorfkirche in Betracht, Stellt doch 
ihre Einfachheit, Naturwüchsigkeit, die Feinheit der Be- 
ziehungen, welche sie mit dem Leben und der Geschichte 
der Einwohnerschaft verknüpft, Anforderungen an den 
Takt und das Verständnis des Architekten, welche manch- 
mal größer sind, als wo es sich um eine pompöse 
Stadtkirche handelt. Außer zahlreichen Bildern und 
Zeichnungen, welche die zuvor besprochenen Abtei- 
lungen enthalten, findet sich in dem »Dörfchen« auch 
eine vollständig ausgeführte und ausgestattete Dorf kirche, 
in welcher Sonntags sogar Gottesdienst gehalten wird. 
Es mag dahingestellt bleiben, inwieweit letzteres sich 
mit dem Zwecke dieser lürche als Ausstellungsobjekt 
vereinbaren läßt. Was sie vorführen soll, ist der Typ 
eines alten sächsischen Kirchleins in einfachster Um- 
gebung. Über dem abgewalmten Giebel erhebt sich 
ein achteckiges Türmchen mit Glockendach; die Deckung 
besteht aus handgebrochenem Schiefer; die Wände sind 
geputzt. Im Innern sieht man die Decke und die Em- 
poren mit einfacher Malerei geschmückt; alle Ausstat- 
tungsgegenstände sind von größter Einfachheit und schön 
dabei; nur die gemalten Fenster in ihrer starken Farbig- 
keit und modernen Auffassung scheinen mir nicht an 
diesen Ort zu passen. Der Entwurf zu dieser Kirche 
ist vom Leipziger Architekten Brach mann. — Einzel- 
heiten zur Ausschmückung von Kirchen sind in ziem- 
licher Zahl vorhanden. Nur im Bilde vorgeführt werden 
Altar und Kanzel der nach dem Brande neuerbauten 
großen St, Michaeliskirche zu Hamburg, herrhche Ar- 
beiten, die von den Saalburger Marmorwerken ausge- 
führt sind. Die Ausstellung des »Werdandi-Bundes«, 
der darauf ausgeht, die neuzeithchen Baustoft'e zu ästheti- 
sieren, und zwar auch solche, welche seitens der Hei- 
matschutzbewegung in angeblich mißverständlicherWeise 
verfolgt werden, und darum auch alle Surrogate gelten 
lassen, sobald sie ästhetisch gut und auch im Heimat- 
bilde zu verwerten sind, also auch Kunststeine, Dach- 
pappe, Wellbleche und so weiter — diese Ausstellung 
bringt unter anderm Ansichten von Kirchen, die mit 
sogenannten Eisenschmelzverblendern überzogen sind ; 
das sind tiefdunkle Kunststeine von mittelalterlichem 
großem Formate; im Vereine mit dem Netz der weißen 
Mörtelfugen rufen sie eine immerhin bunte Wirkung 
hervor. Das Leben, wie es der echte gehrannte 
Ziegel, auch der glasierte, besitzt und den daraus auf- 
geführten Bauten verleiht, kann solches Material aber 
nun und nimmer haben. Die leidliche Wirkung, welche 
derlei Werdandi-Bauwerke üben, verdanken sie schließ- 
lich doch wieder der Anlehnung an heimatliche Tra- 
ditionen, die man mit Hilfe der Kunstprodukte über- 
flüssiger- und inkonsequenterweise zu durchbrechen sucht, 
während man sie doch nicht entbehren kann. — Ein 
Friedhof gehört seit Jahren zum eisernen Bestände 
jeder deutschen industriellen Ausstellung, also hat auch 
die in Leipzig einen solchen. Der Architekt kommt 
dabei für die Anlage des Ganzen in Betracht, für die 
Einzelheiten hauptsächlich der Plastiker. Der Aufschwung 
der modernen Grabmalkunst zeigt sich auch hier in er- 
freulicherweise; allerdings sind auch Werke dabei, gegen 
die Widerspruch erhoben werden muß. So gegen die 
stürmische Unruhe und die Nudität einer von H, C. 
Anderson gefertigen Todesengelgruppe. Ein etwas 
theatralisches Werk ist der kreuztragende Heiland von 
A, Pruszynski. Ein in sogenannter Mutzkeramik von 
der Liegnitzer Firma Mutz und Rother ausgeführtes 
polychromiertes Kreuzigungsrelief des Bildhauers Pro- 
fessor J, Hermann-Leipzig übt starke Wirkung; statt 
der Figuren Maria und Johannis sieht man eine Frau 
und einen Mann aus dem Arbeiterstande unserer Zeit 
dargestellt, was dem Werke eine fühlbare Tendenz ver- 



VERMISCHTE NACHRICHTEN 



II 



leiht. Der Friedhof ist zum einen Teil als solcher 
eines Dorfes, zum andern als Waldfriedhof ausgeführt, 
beides von der Leipziger Gruppe »Friedhofskunst«, zum 
dritten durch den Verband deutscher Granitwerke als 
ein neuzeithcher Musterfriedhof. Demgemäß ist auch 
die Bestimmung und Herstellung der Grabmäler sehr 
verschieden. Doering 

VERMISCHTE NACHRICHTEN 

Paramenten- Ausstellung in Wien. Im Fest- 
saale des Militärw,-issenschafllichen- und Kasinovereins 
wurde anfangs Juli von Erzherzogin Blanka in Ver- 
tretung der Schutzfrau des Offiziersdamen-Paramenten- 
Vereins, Frau Erzherzogin Marie Rainer, die sechste 
Ausstellung des genannten Vereins eröffnet und dem 
allgemeinen Besuch zugänglich gemacht. Diese Aus- 
stellung zeichnet sich erfreuhchem-eise durch das Fehlen 
aller Fabriks- und gewöhnlichen Handwerksware aus, 
es sind meist mit großem Fleiß, feinem künstlerischem 
Verständnis und auserlesenem Geschmack gefertigte Ob- 
jekte, die für den Beschauer von starkem Interesse sind. 
Unter den ausgestellten Kunstwerken ragt besonders 
eine prachtvolle Monstranz hervor, die die Gemahlin 
des Thronfolgers, Erzherzogs Franz Ferdinand, die Her- 
zogin Sophie von Hohenberg für den kroatischen Altar 
in der Stiftskirche zu Wien gestiftet hat, ferner eine 
Lourdes-Statue, eine Spende der Baronin Schönaich. 
Erzherzogin Marie hat 25 Meßkleider und acht Pluvia- 
lien, Erzherzogin Blanka zwei Meßgewänder überwiesen, 
ebenso haben auch Erzherzog Eugen und Erzherzogin 
Elisabeth Henriette kostbare Objekte beigesteuert. Es 
ist dadurch der Beweis erbracht, daß die religiöse Kunst 
immer mehr sich der Förderung maßgebender Kreise 
rühmen kann, ein Umstand, der für ihre fernere Ent- 
wicklung in Österreich mit hoher Genugtuung begrüßt 
werden muß. r. 

Neue Erwerbungen der Kaiserlichen Ge- 
mäldegalerie in Wien. Im letzten Halbjahr hat 
diese weltberühmte Kunststätte wieder eine ganze Reihe 
von hervorragenden Erwerbungen zu verzeichnen. Der 
österreichischen Schule gehören zwei interessante Altar- 
flügel aus der Werkstatt Michael Pachers an, die 
aus Privatbesitz bei Bruneck in Tirol erworben werden 
konnten, ferner eine besonders feine Städteansicht von 
dem jüngeren Brand, die auf einer Wiener Versteige- 
rung erstanden wurde, und ein vorzügliches männliches 
Bildnis von L a m p i , das als Legat in die Sammlung 
gekommen ist. Von Werken fremder Schulen seien 
hervorgehoben; ein kleines Gemälde, die Kreuztragung 
darstellend, von dem in Spanien tätigen Niederländer 
Juan de Flandes, ein Bildchen, das zu einer Folge 
von Passionsdarstellungen gehört hat, die Dürer in der 
Sammlung Margaretens von Österreich in Mecheln ge- 
sehen und bewundert hat, ferner ein durch seine Fär- 
bung und leicht skizzenhafte, malerische Behandlung 
ausgezeichnetes Bildnis einer jungen Dame in nachdenk- 
licher Stellung von dem Engländer Joshua Reynolds 
und eine von den stimmungsvollen, poetischen, in letz- 
terer Zeit sehr geschätzten Landschaften seines Schul- 
und Zeitgenossen Thomas Gainsborough. Mit 
Ausnahme des Bildchens von Juan de Flandes, das schon 
vor einiger Zeit im Kabinett XVllI Platz gefunden hat, 
werden diese neuen Erwerbungen dem Publikum in 
wenigen Wochen gelegentlich der Neueröffnung der 
zurzeit gesperrten Säle der Galerie zugänglich gemacht 
werden. R. 

In der Kirche zu Osterkappeln, dem Geburts- 
orte Ludwig Windhorsts, wurde kürzlich zu Ehren seines 



Andenkens ein Fenster mit einem Glasgemälde ge- 
schmückt, das die Stillung des Sturmes auf dem See 
Genezareth darstellt. Unter dem Bilde ist das Porträt 
Windhorsts und eine Widmungsinschrift angebracht. 

Köln a. Rh. In der am 16. September abgehaltenen 
Repräsentantensitzung der evangelischen Gemeinde in 
Köln-Ehrenfeld wurde beschlossen, die Kirche und das 
Pfarrhaus nach den Plänen des Kölner Architekten Re- 
gierungsbaumeister Max Stirn auszuführen, dessen Ent- 
wurf in dem kürzlich entschiedenen öffentlichen Wett- 
bewerb unter 67 Bewerbern mit dem i. Preis gekrönt 
wurde. 

Münchner Secession. Da in den Frühjahrs- und 
Sommerausstellungen der Secession für Schwarz-Weiß- 
Kunst und Graphik nur sehr wenig Raum zur Verfügung 
steht, hat der Ausschuß der Secession beschlossen, in 
der diesjährigen Winterausstellung in sämtlichen Räumen 
des Kgl. Kunstausstellungsgebäudes am Königsplatz eine 
große Schwarz- Weiß- Ausstellung zu veranstalten. Die Aus- 
stellung findet von Anfang Dezember bis Anfang Februar 
statt. Zugelassen sind Zeichnungen und Werke der gra- 
phischen Künste, Lithographien, Holzschnitte, Radierungen 
u. a., ferner dekorative Entwürfe, Aquarelle und Pastelle 
in zeichnerischem Charakter. 

Köln. Die St. Ursulakirche erhält an der Längswand 
des gotischen südlichen Seitenschiffes Mosaikschmuck: 
fünf Prophetenfiguren und ein Bild der Madonna, von 
Johannes Osten (Köln). Ein Prophet, Isaias, ist bereits 
fertig. 

In Darmstadt wird nächsten Sommer eine Aus- 
stellung deutscher Kunst aus der Zeit von 1650 — 1800 
abgehalten. 

Der Verein für Kunst und Kunstgewerbe in 
Flensburg veranstaltet vom 21. September bis 16. No- 
vember im dortigen Kunstgewerbemuseum eine Aus- 
stellung von Werken des 1870 geborenen Malers August 
Wilckens. Dazu erschien ein mit vielen schönen Re- 
produktionen, darunter drei farbigen Tafeln, ausgestatteter 
Katalog. 

Karlsruhe. Der hiesige Bildhauer Jakob Blaser 
hat für die St. Wendehnskapelle in Ötigheim (Baden) 
eine etwa halblebensgroße »Pietät vollendet. Wir haben 
hier ein von schHchter Auffassung getragenes Werk 
dieses fein empfindenden Künstlers, der schon eine Reihe 
größerer Aufträge für Kirchen (vgl. Karlsdorf, Waghäusel 
usw.) erledigt hat, vor uns, das seinem Zwecke in dem 
Dorfkirchlein durchaus entspricht. Die ergreifende Wahr- 
heit des Geschehnisses hat hier in der herben Form 
beredten Ausdruck gefunden, wo nicht eitle Künstelei 
und prangende Schönheit des Stofflichen zu Worte kom- 
men darf. Der Gesamtidee ist auch die Art der auf 
primitive Wirkung eingestellten Bemalung untergeord- 
net; in Einfachheit eine harmonische, bodenständige 
Schöpfung. G. 

Kunstgewerbliche Ausstellungen in Salz- 
burg. — In dem neuen von Arcliitekt Kathrein (Wien) 
ausgestatteten Gebäude des Gewerbeförderungs-ln- 
stitutes Salzburg finden derzeit zwei kunstgewerb- 
liche Ausstellungen statt. Die eine ist vom Öster- 
reichischen Werkbund, als Wanderausstellung 
veranstaltet, die von Reichenberg kommend, in einer 
Reihe österreichischer Provinzstädte gezeigt werden soll. 
Die Gegenstände umfassen Edelmetallarbeiten, Email- 
arbeiten, Plastiken in Bronze und Holz, geschliffene und 
gravierte Kristallgläser u. a. m. Zweck der Ausstellung 



VERMISCHTE NACHRICHTEN 



BUCHERSCHAU 



ist, den Sinn des Publikums für die Edelarbeit und für 
das technisclie und künstlerische Qualitätsgefühl zu för- 
dern und die Werkbundbestrebungen zu popularisieren. 

— Die zweite Ausstellung ist von dem Salzburger Archi- 
tekten Schmidhammer veranstaltet, der eine Reihe 
von Innenräumen im neuzeitlichen Geiste teilweise in 
leisem Anklang an die spezifisch salzburgische Formen- 
sprache, von heimischen Werkstätten ausgeführt, bringt. 

Stuttgart. Die Große Kunstausstellung wurde am 
19. Oktober geschlossen. 

Der Verein Berliner Künstler hat im Anschluß 
an seine monatlich wechselnden Kunstausstellungen im 
Künstlerhaus (Berlin W 9, Bellevuestr. 3) eine Verkaufs- 
und Vermittlungsstelle von Kunstwerken ins Leben ge- 
rufen und unter eigene Leitung genommen; Werke der 
Malerei, der Bildhauerei, der Graphik, Nachlässe ver- 
storbener Künstler. In dem Rundschreiben des Vor- 
standes wird folgendes ausgeführt: Es ist ein weitver- 
breiteter Irrtum, daß W'erke von Künstlern nur reichen 
oder wohlhabenden Käufern zugänglich sind. Gewiß, 
große Kunstwerke sind teuer, und das mit Recht. Aber 
man bedenke, daß zur Ausschmückung von Wohnungen 
täglich Unsummen für ganz unkünstlerische Erzeugnisse 
ausgegeben werden, und zu Geschenken oft derartig 
kulturlose Gegenstände dienen, daß sie für den Be- 
schenkten eher eine Kränkung seines guten Geschmackes 
als eine Ehre bedeuten, wo doch für das gleiche Geld 
Werke von Künstlern zu haben wären, die dauernden 
Genuß bereiten. Jeder, der ein Kunstwerk erwerben 
will, wird es durch unsere Verkaufs- und Vermittlungs- 
stelle in allen Gattungen und zu jedem Preise finden. 
Wenn die gerade im Künstlerhaus vorhandene Aus- 
wahl das Gesuchte enthält, so wird es durch uns in 
kürzester Frist beschafft werden. Außerdem halten wir 
eine große Zahl Photographien von käuflichen Werken, 
die jederzeit auch im Original vorgeführt werden können; 
desgleichen von Bildnissen. Die Preise sind unbedingt 
fest. 

Dortmund. Der Gedanke der Park-Friedhöfe 
erobert eine Stadt nach der anderen. Zu verwundern 
ist dies nicht, da er zugleich sehr sinnig und praktisch 
ist. Man will unsere Friedhöfe so gestalten, daß wir 
gerne bei unseren Toten verweilen, daß dort ruhevolle 
Schönheit, hoflFnungsfreudiges Grün die Trauer in Frieden 
verklärt. Dem Beispiele anderer Städte will nun auch 
Dortmund folgen. Eine Kommission hat die bedeu- 
tendsten norddeutschen Friedhöfe besichtigt und die ge- 
wonnenen Ergebnisse in einer Ausstellung auf dem Osten- 
friedhof der Öffentlichkeit unterbreitet. Wenngleich auch 
in Süddeutschland vorbildliche Anlagen geschaffen sind 

— es sei nur an Kaiserslautern, vor allem aber an den 
Münchener Waldfriedhof erinnert — so war es doch wohl 
richtig, sich auf Norddeutschland zu beschränken, weil 
hier der Volkscharakter eine andere künstlerische Ge- 
staltung verlangt als dort. Für die Gesamtanordnung 
kamen als Vorbilder hauptsächlich in Betracht: Ham- 
burg-Ohlsdorf, Lübeck und Minden, zum Teil auch 
CölnMelaten und Hannover-Stöcken. In Ohisdorf ist 
der Bruchteil künstlerisch vollendeter Grabmäler gar- 
nicht groß, aber alle Mängel werden gemildert durch 
die prachtvollen Grünanlagen, die fast jedes einzelne 
Grabm:il abschließen und vor einer Störung durch an- 
dere, minder schöne bewahren. In Lübeck sind die 
Fricdhofskapelle und die Verbrennungsanlage nach gutem 
hanseatischem Brauch in Backstein aufgeführt. Treffliches 
.Anschauungsmaterial hatte der Architekt Helfried Küst- 
hardt-Hildesheim geliefert, der gute, alte und neue Bei- 
spiele neben schlechte neuzeitliche setzte. Besonders 
wirkungsvoll war der Hinweis auf die trogartige Wir- 



kung der beliebten Steineinfassungen im Gegensatz zu 
der friedvollen Stimmung, welche auch Reihengräber 
aushauchen können, wenn sie auf einer, durch Stein 
und Eisengitter nicht umerbrochenen Rasen- und Blu- 
mendecke stehen. Der ausgeführte Teil einer Friedhofs- 
anlage bestärkte den Beschauer in der Überzeugung, daß 
bei kleinen Gräbern nur eine Einfassung in Grün — 
etwa Liguster, Buchs, Taxus oder dergl. — gestattet 
werden sollte. L'nter den Grahmälern waren wohl die 
bedeutendsten diejenigen von Bildhauer Fritz Bagdons, 
Lehrer an der Dortmunder Kunstgewerbeschule. 

Rcclilsanwall Dr. Bartmann, Dortmund 

Kunst des 18. Jahrhunderts. Verflossenen Sep- 
tember veranstaltete die Galerie Heinemann in München 
eine sehr bedeutende Tiepolo-Ausstellung. In der Mitte 
des gleichen Monats wurde in den Räumen des Mün- 
chener Kunstvereins eine Ausstellung von Werken der 
Malerei und Plastik des 18. Jahrhunderts in Bayern und 
Grenzlanden eröffnet. Das sind Anzeichen für das Ver- 
ständnis, welches die lange geschmähte Kunst des 
18. Jahrhunderts neuestens findet. 

Professor Hans von Bartels (München) starb 
am 5. Oktober im Alter von 57 Jahren. 

Berlin. Aus Anlaß der diesjährigen Großen Ber- 
liner Kunstausstellung, die am 26. September geschlossen 
wurde, sind, wie jetzt amtlich bekanntgegeben wird, 
durch den Kaiser folgende Auszeichnungen verliehen 
worden: Die Große Goldene Medaille für Kunst dem 
Maler Professor Hans v. Bar t eis -München (der aber 
inzwischen verstorben ist), dem Bildhauer Professor 
Wilhelm Haverkamp-Berlin, dem Maler Professor 
Julius Jacob -Berlin, dem Architekten Stadtbaurat Profes- 
sor Hans Grässel-München, dem Architekten Ober- 
hofbaurat Ernst von Ihne- Berlin. 

München. Am 28. September wurde das Reiter- 
denkmal des Prinzregenten Luitpold vor dem Kgl. Na- 
tionalmuseum enthüllt. Der Schöpfer des Denkmals, 
das vorzüglich in die Umgebung paßt und ihre ausge- 
zeichnete Wirkung erst ganz zum Abschluß bringt, Pro- 
fessor Adolf von Hildebrand, wurde bei diesem 
Anlaß in den erblichen Adelsstand erhoben. 

München. Die schöne Malerei am alten Rathaus- 
turm von Hugo Huber, zuvor in Keimscher Mineral- 
malerei ausgeführt, wurde jüngst von der Kgl.Hot'mosaik- 
Anstalt Th. Rauecker in München-SoUn in Mosaik 
hergestellt. 



BÜCHERSCHAU 

Leo Sa m berger. Das Werk des Künstlers in 
107 Abbildungen nach seinen Gemälden und Zeichnungen, 
mit einem Aufsatze von Hermann Esswein. München 
i9i3,heiGeorg Müller. Geh. M. 15. — ; geb. M.20. — . 

Die Secessionsausstellung des letzten Winters bot, 
wie so bald keine andere Gelegenheit wieder, die Mög- 
lichkeit, Sambergers Kunst nach allen ihren Richtungen 
zu studieren; sie umfaßte ein Material, das, wenn schon 
an Menge etwas eingeschränkt, dennoch ausreichte, die 
Entwicklung und das Sein dieser außergewöhnhchen 
Erscheinung kennen zu lernen, und, so weit Schlüsse 
in solchem Fall überhaupt möglich, dergleichen auch 
bezüglich der Zukunft zu rechtfertigen. Das mitsammen 
mußte den Wunsch rege machen, der ja bei jeder wert- 
vollen Ausstellung entsteht, daß diese aus den ver- 
schiedensten Richtungen mühevoll gesanmielten Werke 
mit Hilt'e einer literarischen Veröffentlichung vereinigt 



BUCHERSCHAU 



13 



blieben, um sie den Augen aller Welt zugänglich und 
den Zwecken der Wissenschaft nutzbar zu erhalten. 
Daß jenem Wunsche Genüge geleistet worden ist, darf 
man jetzt erfreut anerkennen, seitdem die Verlagsanstalt 
Georg Müller in München rnit dem Werk herausgekommen 
ist, dessen Titel unsere Überschrift mitteilt. Ein statt- 
licher Band in großem Oktav, von der vornehmen 
Ausstattung, welche dieses Anlasses würdig ist — be- 
stehend aus zwei Teilen ungleichen Umfanges, der erste 
mit dem Text, der zweite mit den, wie sich gehört, 
einseitig gedruckten Bildern, letztere in Autotj-pie, aber 
von trefflicher Schärfe, so daß man den Lichtdruck mit 
seinen größeren Vorzügen nicht vermißt. Alle sind schwarz, 
keines farbig; die Beigabe weniger Proben letzterer Art 
hätte vielerlei für sich gehabt, und der Preisunterschied 
hätte die Verbreitung des schon jetzt nicht lür jeden 
billigen Buches kaum ernstlich erschwert. — Dem Ess- 
weinschen Texte wäre größere Einfachheit der Sprache 
und mindere Neigung für den Gebrauch fremder Aus- 
drücke zu wünschen gewesen ; wer so wie dieser Schrift- 
steller echte Empfindung, Verständnis und Gedankentiefe 
besitzt, bedarf für seine Sprache solchen Scheinschmuckes 
nicht. — Wenn man das Werk aufmerksam durchprüft 
und mit Hilfe des Textes und der mit ihm in Wechsel- 
beziehung stehenden, sorgfältig und zweckbewußt aus- 
gewählten Bilder die Entwicklung der Sambergerschen 
Kunst sich erklären läßt und selbst erklärt, so wird man 
das Buch mit der Überzeugung aus der Hand legen, 
daß dies nur ein erster Teil ist, dem einmal — hoffent- 
lich I — ein zweiter folgen wird, weil er folgen muß. 
Nicht etwa, weil hier nicht so viele Bilder hatten unter- 
gebracht werden können, wie man hätte wünschen 
mögen. Nun freilich, besonders von den hübschen, 
bedeutungsreichen, verheißungsvollen Übungen der 
Kinderzeit hätte man gern etwas mit in diesem Buche 
gesehen. Aber das ist's nicht. Soridem weil die Sam- 
bergersche Kunst nach meiner Überzeugung bisher 
erst geblüht hat, nun aber die Zeit kommen wird, wo 
ihre goldenen Früchte reifen. Das Buch, welches jetzt 
erschienen, ist das Buch der Blüten ! — Das Mal- 
talent hat bei Samberger vorgeherrscht und ihm den 
Weg gewiesen, auf dem er seinem Ziele zustreben 
konnte; für seinen grüblerischen Sinn hätte es auch 
andere künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten gegeben 
— die Musik, die Dichtung. An der klaren Hoheit und 
unergründlichen Romantik Beethovens, an der Poesie 
Goethes verschönte, vertiefte, klärte sich sein Denken 
und Empfinden, aus der Bibel gewann es Stärke und 
Gewißheit, daß die vergänglichen Erscheinungen der 
Außenwelt da seien, um einen gewaltigen, ewigen Sinn 
zu verkünden. Frühzeitig ging dem Jüngling diese Er- 
kenntnis auf; sie muß man bei ihm begriffen haben, 
um den Schlüssel zum Verständnisse seiner seienden 
und werdenden Kunst zu finden. Mit dieser Erkennt- 
nis begabte Menschen sind selten, weil sie die wirklich 
Großen sind, und weil diese sich ihre eigenen Weg^ 
bahnen, so nützt ihnen die Führung anderer nichts. 
Sie lernen von diesen nichts als was eben unentbehrhch, 
so wie Goethe deutsch hat sprechen lernen müssen, 
um seine Verse gestalten zu können. Daher auch die 
vollkommene Selbständigkeit Sambergers gegenüber 
Lehrern und Vorbildern. Lindenschmit klagte über ihn, 
Piloty zürnte ihm; die moderne französische Richtung, 
der so viele unterliegen, tut ihm nichts, weil er sie be- 
herrscht, von Abhängigkeit gegenüber alten Meistern, 
etwa Frans Hals, ist ebensowenig die Rede. In allem, 
was Samberger der Welt zu sagen hat, ist er einzig er 
selbst, er mit seinem mächtigen technischen Können, 
mit seiner Poesie, seiner unfehlbaren Beobachtung, mit 
der ins Innerste dringenden Schärfe seines Blickes, mit 
seiner durch nichts beirrbaren Wahrheitsliebe, mit seiner 
Philosophie. Ausgerüstet mit allen diesen Eigenschaften 



trat er als ein bereits Fertiger vor seine Lehrer hin; 
geleitet einzig von seinen eigenen großartigen ' Auf- 
fassungen schuf er als junger Mensch jene Propheten- 
gestalten, die sich den erhabensten anreihen, welche die 
Kunstgeschichte kennt. Sie stehen am zeitlichen An- 
fange seines Wirkens, von ihnen wird man auch fest- 
halten müssen, daß sie die ersten großen Oflenbarungen 
des in seiner Kunst liegenden Sinnes gewesen sind. 
Einfacher, stärker, überzeugender, bezwingender spricht 
sich dieser in Einzelfiguren aus, denn in umfangreichen 
Gruppen und Kompositionen. Die wenigen, welche 
Samberger geschaffen hat, verdanken ihre Anregung 
bezeichnenderweise der Bibel; sie sind unvollendet 
geblieben. — Kommt auf diesen Künstler die 
Rede, so wird stets zuerst von seinen Bildnissen 
gesprochen werden ; die Leute, welche jede Er- 
scheinung in irgend einem Fach unterbringen, weil 
sie mit einer unnumerierten nichts anzufangen wissen, 
werden ihn kurzweg zu den Porträtisten tun. Nun, 
man kann nicht streiten, daß er eigentlich an solchem 
Mißverstande selbst ein wenig schuld ist. Er hat von 
klein an die Einzelperson zur Unterlage seiner Ideen- 
forschung gewählt, hat dabei verstanden, diese im höch- 
sten Grade ähnlich wiederzugeben, hat das Aussehen 
einer großen Zahl von Menschen auf diese Weise der 
Nachwelt überliefert. Da er nun in den Ausstellungen 
fast immer mit Bildnissen kommt — • so auch jetzt 
wieder im Münchener Glaspalast — und gleichzeitig 
seine Idealfiguren weit weniger bekannt macht, als 
scheute er sich sein tiefstes Empfinden den Augen des 
Volkes preiszugeben, so ist es unschwer zu begreifen, 
daß man Samljerger kurzweg als Porträtisten eingereiht 
hat. Dabei stehen zu bleiben, seine rehgiösen Ge- 
stalten, Idealfiguren, zu denen von den Darstellungen 
des realen Menschenbildes die Schilderung und Deutung 
des Weibes als vermittelndes Element hinüberführt, 
alles das als Nebensache zu betrachten und demnach 
kurz abzutun, zeigt, daß man gerade das bei ihm nicht 
versteht, worauf es ankommt. In dem Suchen, dem 
Forschen, in dem Drange nach Gestaltung des einen, 
was schon Plato als das bleibende in und unter den 
Erscheinungen der realen Welt ahnte und suchte, in 
dem Streben nach diesem Ziele, das doch kein Lebender 
zu erreichen vermag, wird sich die Kunst Leo Sam- 
bergers immer mehr erfüllen, hierin gipfeln I Dieser 
Gedanke hat ihn bisher geleitet, wie sich deutlich darin 
zeigt, daß es ihn zwischen der porträtistisch-realistischen 
Ideenmalerei immer wieder zu der idealistischen zurück- 
zukehren zwingt — er müßte, wenn man berechtigte 
Vermutungen äußern darf, in seinem ferneren Schaffen 
immer klarer, immer gewaltiger zum Ausdrucke kommen 
und der Welt, mindestens der Nachwelt, die Augen 
über den Einzelwert dieses Künstlers und über die 
Bedeutung seiner Mission öffnen. Dazu aber wird es 
nötig werden, daß dem jetzt erschienenen Samberger- 
Buche einmal später ein zweites folgt. Daß das erste 
die Anregung und Möglichkeit zu solchen Erwägungen 
gibt, sei ihm zum Lobe angerechnet. 

Dr. O. Doering-Dachau 

Miniaturen aus Handschriften der K gl. Ho f- 
und Staatsbibliothek in München. Herausge- 
geben von Dr. Georg Leidinger. Heft i. Das so- 
genannte Evangeliarium Kaiser Ottos III. Verlag von 
Riehn & Tietze, München. 

Mit der Herausgabe des berühmten Evangeliariums 
hat der kgl. BibHothekar Dr. G. Leidinger ein sehr ver- 
dienstvolles Unternehmen begonnen. Bei dem gerechten 
Interesse, das die Kunstforschung in jüngster Zeit der 
alten Miniaturmalerei entgegenbringt, hört man viel von 
diesen verborgenen Schätzen, trifft auch ab und zu mehr 
oder minder unvollkommene Abbildungen einzelner 



14 



BUCHERSCHAU 



Blätter, aber ein genauerer Einblick ist nur wenigen 
vergönnt. Obige Publikation mit ihren 52 großen und 
schönen Abbildungen in Autotypie gestattet es jeder- 
mann für billiges Geld, sich in eine der bedeutendsten 
Miniaturenhandschriften hineinzuleben. Ein Blick in das 
Original oder in eine andere ähnlich ausgestattete Hand- 
schrift wird dann großen Genuß bereiten. Der gediegene 
Text tut namentlich den Fachgelehrten gute Dienste. 
Der Verfasser stellt sich auf die Seite derjenigen, welche 
in dem thronenden Herrscher Kaiser Otto III., nicht 
Heinrich II. erblicken (vgl. >Die christl. Kunst«, III. Jahrg., 
S. 20off ). Manche Kunstfreunde, die mit den einschlä- 
gigen Kunstfragen nicht vertraut sind, möchten sich wohl 
einen ausführlicheren Text wünschen. Der Preis des vor- 
liegenden Heftes beträgt 50 M., für Abonnenten der 
ganzen Serie aber 24 M. Die Preise der folgenden 
Nummern richten sich nach dem Umfange, Abonnenten 
auf alle Lieferungen erhalten einen Nachlaß von 20%. 

S. Staadhamer 

Die römische Kapelle Sancta Sanctorum 
und ihr Schatz. Meine Entdeckungen und Studien in 
der Palastkapelle der mittelalterlichen Päpste von Hart- 
mann Grisar S. J., Professor an der Universität Inns- 
bruck. Mit einer Abhandlung von M. Dreger über 
die figurierten Seidenstoffe des Schatzes. Mit 77 Text- 
abbildungen und 7 zum Teil farbigen Tafeln. Lex.-8° 
(VIII u. 156), Freiburg 1908, Herdersche Verlagshand- 
lung. M. IG. — 

Dieses Buch ist zwar schon vor geraumer Zeit er- 
schienen, aber bei der hohen Bedeutung des behan- 
delten Gegenstandes für die Kunstgeschichte, speziell 
jene der Goldschmiedekunst, und bei der ausgezeich- 
neten Gediegenheit der Arbeit des gelehrten Verfassers 
erscheint es am Platze, wiederum nachdrücklich daraufhin- 
zuweisen. Seit Papst Gregor IV. (827 — 844) und vielleicht 
schon vor ihm, wurde das dem hl. Laurentius geweihte 
Oratorium >Sancta Sanctorum« die eigentliche Haus- 
kapelle der päpstlichen Residenz, die Vorläuferin der Cap- 
pella Sistina. Schon zur Zeit Papst Leos III. (795 — 816) 
besaß die Kapelle die angesehensten Reliquien der Kirche 
Roms, und von ihnen erhielt sie ihren Namen >Ad 
Sancta Sanctorum«. Genannter Papst hat zur Aufbe- 
wahrung der Reliquien unter dem Hauptaltar der Ka- 
pelle einen Schrein aus Zypressenholz gestiftet. Unter 
Nikolaus III. (1277 — 1280) wurde das ruinös gewordene 
Gebäude neu errichtet; seit jenen Tagen ist die Kapelle 
fast intakt geblieben, ein wundervolles Denkmal mittel- 
alterlicher Kunst in Rom. Selbst ein Juwel, barg sie 
höchst kostbare Schätze, die F. Grisar erhob und erst- 
mals bekannt machte. Vor allem das im Mittelalter 
hochverehrte Salvatorbild, das schon früh die Bezeich- 
nung »nicht von Händen gemacht« trug. Papst Inno- 
cenz III. (1198 — 1216) ließ es zum größten Teil durch 
eine silbervergoldete, reiche Verkleidung verhüllen. 
P. Grisar teilt mit, daß es von Mgr. J. Wilpert 1907 
wieder bloßgelegt wurde und daß der Erlöser auf einem 
Thron sitzend dargestellt ist. Bei der Eröffnung des 
eingangs erwähnten Schreines Leos III. i. J. 1905 för- 
derte P. Grisar jene Gegenstände zutage, denen der 
größere Teil der vorliegenden Publikation gewidmet ist: 
ein goldenes Emailkreuz in einem silbernen Behälter, 
ein goldenes Gemmenkreuz in silbernem Verschluß, ver- 
schiedene Reliquiare aus Silber, bedeutsame Gegenstände 
religiöser Kunst aus Holz, Elfenbeinwerke, alte Textihen 
mit bildlichen Darstellungen — in einem Anhang von 
Dr. Dreger behandelt — und andere Gegenstände. Nach 
den Ausführungen P. Grisars dürfte das goldene Email- 
kreuz geraume Zeit vor Papst Sergius (687 — 701) ge- 
fertigt sein, ungefähr im 6. oder 7. Jahrhundert, wobei 
nach vorwärts die Grenze nicht zu enge gezogen ist, 
während die Darstellung des Engels der Verkündigung 



mit Flügeln, der Kreuznimbus Christi und die häufige 
Anwendung des Nimbus eine höhere Ansetzung des 
Alters nicht gestattet. Bemerkt wird noch, daß die Vor- 
lagen zu den in Email ausgeführten sieben biblischen Szenen 
sich den traditionellen Darstellungen anschließen und 
wohl älter sein könnten als das nach ihnen ausgeführte 
Email. Die Silberkassette mit getriebenem Figuren- 
schmuck ist späteren Ursprungs. Neben dem Email- 
kreuz ist der wertvollste Gegenstand des Schatzes ein 
Gemmenkreuz aus Gold, mit 68 Perlen und 17 Edel- 
steinen geschmückt. Der Verfasser nimmt als Ent- 
stehungszeit das 5. oder 6. Jahrhundert an. Das weitere 
lese man in dem schön ausgestatteten Werke nach. 

S. Staudhamer 

Berühmte Kunststätten, Band 52. Hans Hilde- 
brandt. Regensburg, mit 197 Abbildungen. Verlag 
E. A. Seemann, Leipzig. Preis 4 M. 

Regensburg — die alte Donaustadt, die auf schwer 
historischem Boden steht und die Kunst grauer Jahr- 
hunderte hütet, ist keine Stadt für die vielen, allzu- 
vielen. Es ist vielmehr eine Stätte für den sinnenden 
Gelehrten, den forschenden Denker, den seltenen inner- 
lich Gebildeten, dem ein Engel mit der S.ilbe des 
Schauens die Augen bestrich. Die über ihrer staiken 
Vergangenheit brütende Ratisbona der verwitterten 
Römerbauten, der alten Krypten, Grüften und Kreuz- 
gänge, der schwerblütigen Romanik, der asketischen 
Frühgotik, des jubelnden Barock — , steht wie eine 
eisgraue Sagenfrau zwischen allen jenen reichen 
deutschen Städten, welche nie so in Armut und Un- 
kultur versanken, daß sie nicht auch durch modernes 
Leben den Fremden angezogen hätten. Deshalb ward 
sie lange Zeit nicht mehr von dem Strom der Reisenden 
berührt; man vergaß, vernachlässigte, unterschätzte sie 
in der großen Welt. Kaum daß bis dato ein populäres 
Kunstgeschichtsbuch die Fassade des Domes oder das 
Portal von St. Jakob als Illustration brachte. Freilich 
besaß Regensburg immer Gönner und stille Freunde; 
seine besten und nachdenklichsten Söhne beschäftigten 
sich damit, seine Schätze zu erforschen und zu sammeln, 
die Geschichte seiner Vergangenheit zu studieren und 
zu schreiben. Wenig, sehr wenig Städte dürfen einer 
Biographie sich rühmen, wie Graf Walderdorff sie Re- 
gensburg widmete, der sein ganzes Leben ihrer Schön- 
heit, ihrem Reichtum hingab und niemals müde ward, 
sein herrliches, weitausgreifendes Buch zu erweitern 
und zu bereichern. Neben diesem Nestor der Geschichte 
Regensburgs tauchten jüngere Gelehrte auf. Dr. Endres 
verfaßte seinen tiefsinnigen Essay über die Symbolik 
des Tores von St. Jakob, er veröffentlichte Studien über 
die Schätze von St. Emeram, jener Kirche, deren Ge- 
schichte allein Bände füllen würde, über die Skulpturen 
des Domes, über die Gemälde und Kleinodien der 
St. Katharinen Kirche in Stadtamhof — seine Fähigkeit 
in dieser Hinsicht ist eine vielseitige. Vor und nach 
Walderdorff sind kleinere Abrisse über die Stadt er- 
schienen, Niedermaier, Schratz, Dengler, Jakob, Schenz, 
Weber, Reichlin sind da zu nennen. Wertvoll sind 
Pohligs Studien über alte Höfe. Sehr zur Kenntnis und 
Verbreitung der Regensburger Plastik trugen die herr- 
lichen Photographien bei, welche der Bildhauer Herr 
Spandl mit feinstem Verständnis aufnahm und in Map- 
pen sammelte. Gerade diese Mappen geben den groß- 
artigsten Begriff von dem, was in Regensburg an ver- 
gessenen Wänden des liebevollen Beschauers harrt. Es 
ist nun freudigst zu begrüßen, daß der Verlag von 
E. A. Seemann, Leipzig, in seine Sammlung »Berühmte 
Kunststätten« als 52. Band eine Studie über Regensburg 
aufgenommen hat. Die Aufgabe wurde Dr. Hans Hilde- 
brandt zugewiesen, welcher sich derselben mit Treue 
und Eifer unterzog. Es war ihm ja glänzend vorge- 



BUCHERSCHAU 



15 



arbeitet worden, denn ernstlich genommen ist Regens- 
burg so mannigfaltig reich, ist seine Eigenart so schwer 
zu erschöpfen, daß eine Lebensdauer kaum genügen 
würde, auf Grund eigener Forschung ein befriedigendes 
Buch darüber zu schreiben. Hier aber ist für das Stu- 
dium der architektonischen, der plastischen, der male- 
rischen Kunstschätze mancher wertvolle Fingerzeig ge- 
geben. Der Eingesessene weiß ja, daß gerade in Re- 
gensburg in Klöstern und Häusern noch manches Kunst- 
werk steckt, das nicht einmal die so herrliche retrospek- 
tive Abteilung der Regensburger Ausstellung 1910 an 
den Tag brachte und so ist auch Hildebrandt manches 
entgangen, das der Erwähnung und Abbildung würdig 
gewesen wäre und bei vorübergehendem Aufenthalte 
kaum zu ermitteln ist. Doch ist das Buch als Über- 
blick vorzüglich gelungen. Hildebrandt nennt die Re- 
gensburger Kunstübung zäh und energisch und in 
der Tat verdient unsere strenge, zum Teil noch 
aus der Seele der Mystiker aufgeblühte Kirchenarchi- 
tektur im hohen Grade diese Bezeichnungen. Er 
prägt überhaupt manches gute, charakteristische Won, 
fällt hochinteressante Uneile. Das Geschichtliche, aus 
dessen Epochen die jeweilige Kunstrichtung der Stadt 
emporwuchs, ist bei aller Knappheit übersichtlich und 
klar. Eine gewisse pedantische Trockenheit des Stils 
ist nicht immer glücklich vermieden, doch erhebt die 
Sprache sich zuweilen zu dichterischer Schönheit, so 
bei dem Passus über die Mystik, welche in der Raum- 
einteilung der Ramwoldkrypta in St. Emeram sich 
geltend macht. Auch an anderen Stellen zeigt der 
Stil stimmungsvolle Schönheit, wie bei der Beschreibung 
des herrlich ragenden gotischen Domes und seiner steiner- 
nen Gebetssprache. Der reichen Regensburger Kleinkunst 
aus alter und neuer Zeit, den Sammlungen des Rathauses, 
des Ulrichmuseums, des Diözesanmuseums usw. ist liebe- 
volle Beachtung geschenkt, ebenso den stolzen alten Ge- 
schlechterburgen, den HauskapeUen, Brunnen und Toren. 
Die Walhalla und die Befreiungshalle König Ludwigs I. 
werden gebührend gewürdigt. Was ich nicht fand, war 
eine Würdigung der Albertus Magnuskapelle, des be- 
rühmten mittelalterhchen Lehrsaales im Kreuzgang der 
Dominikanerkirche und des dort befindlichen Lehrstuhles 
des Albertus Magnus ; auch die Gemälde Altheimers auf 
dem dortigen Flügelaltare sind unerwähnt geblieben. 
Was an dem Buche stören könnte, ist das wieder- 
holte Betonen des Autors, dati er nicht auf christ- 
lichem Standpunkt sich befindet. Es ist unnötig, denn 
man kommt dadurch unwillkürlich auf die Idee, daß eine 
so tief christkatholische Kultur wie die des alten Regens- 
burgs nur von einem christlich empfindenden und katho- 
lisch geschulten Gelehrten vollauf gewürdigt und in ihren 
intimsten Feinheiten ganz verstanden werden könnte. 
Alles in allem aber begrüßen wir dankbar diese endliche 
literarische Erhebung des alten Regensburgs auf den 
Schild, auf dem weite Kreise es erschauen können. Die 
Abbildungen sind nicht überall gleich befriedigend — 
weniger, aber größere hätten eindringlicher gewirkt. 



Unter den bei B. K ü h I e n in M. -Gladbach in letzterer 
Zeit erschienenen PubUkationen dürfte »Die heilige 
Eucharistie und ihre Verherrlichung in der 
Kunst« von P. D. Korbinian Wirz O. S. B. zunächst 
hervorzuheben sein. In 94 gediegenen Abbildungen wird 
uns gezeigt, wie verschiedenartig die Vorgänge beim 
letzten Abendmahl von der frühchristlichen bis auf die 
neueste Zeit von tüchtigen Künstlern aller Kulturvölker 
zur Darstellung gebracht worden sind. Ist auch die 
formale Gestaltung überaus wechselvoll, im Grundton 
zeigen doch die weitaus meisten Bilder das gleiche Be- 
streben, in das My'sterium des hl. Abendmahles, sowie 
in die tiefen seehschen Bewegungen der erkorenen Zeugen 



desselben möglichst sich zu versenken. Der die Bilder 
erläuternde, vorzüghche Text erhöht die Empfindungen 
des kunstfreundlichen Beschauers noch wesentlich und 
führt — mit der geglückten kunstgeschichtlichen Be- 
lehrung — zugleich in die Sphäre eines ernsten, wert- 
vollen Erbauungsbuches. In Bild und Wort ein herr- 
lich sich einendes > Fange lingua« wird uns hier zur 
Kenntnis gebracht. 

Ähnlich religiösen Zusammenklang, wie er in der 
erwähnten Publikation gegeben, beabsichtigt und erreicht 
eine andere aus dem Kühlenschen Verlag kommende 
Gabe, die unter der Bezeichnung sLaien-Brevier in 
Bildern« in Fortsetzungen erscheint. (Preis eines 
Heftes I M.) Den bereits gebrachten Ausgaben, welche 
»Die Kindheit Jesu« und > Das Leiden Jesu« behandeln, 
reiht sich »Das Leben Maria in zehn Kunst blät- 
tern« an, die durch P. Valerius Kemper O. F. M. treff- 
liche textliche Erläuterung finden. Die vorzüglichen 
Bilderreproduktionen tragen — von der christlichen 
Frühkunst abgesehen — jeder wichtigen Stilperiode 
Rechnung; von Fra Angelico bis zu den Nazarenern 
und Beuronern führen die Künstler, welche mit from- 
men Empfinden in das Leben der Gottesmutter sich 
vertieften. Erfreulicherweise ist hier auchSassoferrato ein- 
bezogen, dessen entzückendes Bild »Rosenkranzkönigin« 
nicht allzuhäufig die wohlverdiente Hervorhebung erhält. 
Die in den Text sehr glücklich eingeflochtenen Dichter- 
stimmen, welche zum Preise Mariens ertönen, erhöhen 
den Genuß des Schauens und Lesens, indem uns hier- 
bei die harmonische Poesie der Künste so recht zum 
Bewußtsein kommt und Kunstfreude und religiöses Emp- 
finden jene Stimmung wachrufen, welche der Lektüre 
eines »Breviers« entsprießen soll. m. f. 

F. Hoeber, Peter Behrens. Mit 250 Abbil- 
dungen, München (Verlag E. Rentsch und G. Müller) 
1913. M. 25. — 

Mit der Monographie über Peter Behrens beginnt in 
dem oben genannten Verlag eine Folge von Künstler- 
biographien unter dem Titel »Moderne Architekten« zu 
erscheinen. Als Bearbeiter sind gute Namen aus dem 
Kreise der jüngeren Kunsthistoriker genannt und wenn 
die weiteren Bände die wissenschaftliche Höhe des ersten 
beibehalten, so darf man bei der vorzüglich getroffenen 
Auswahl, die nebeneinander die Vertreter der verschie- 
denen Richtungen zu Wort kommen läßt, das Unter- 
nehmen wirklich monumental und grundlegend für eine 
künftige Geschichte der modernen Architektur bezeich- 
nen. Die praktische Bedeutung der Publikation liegt 
vor allem darin, daß sie die Existenz einer neuen, 
modernen Architektur klar aufzeigt und damit indirekt 
gegen den extremen Historizismus zu Felde zieht. Darin 
liegt auch die Bedeutung für die christliche Kunst. Wenn 
auch dieser erste Band speziell für die christliche Kunst 
weniger positives Material bringt, die Kunst P. Behrens 
bewegt sich eben auf einer anderen Linie, Anregungen 
bietet er genug, und um so mehr ist von den folgen- 
den Bänden über Th. Fischer und O. Wagner zu hoflfen. 
Und wenn erst durch eine Reihe von Einzeldarstel- 
lungen die gemeinsamen Grundlagen der neuzeitlichen 
Architektur aufgezeigt sind, werden dadurch auch die 
Rjchtungslinien für eine wirklich fortschrittliche, christ- 
liche Architektur gegeben. Den vornehm ausgestatteten 
Band schmücken 250 Abbildungen sowie ein Porträt 
des Künstlers von M. Liebermann. Der Druck in Behrens- 
schen Lettern sowie der von Behrens entworfene Ein- 
band machen das Buch schon zu einem einheitlichen 
Kunstwerk. Dr. A. F. 

Christus. Des Heilands Leben, Leiden, Sterben 
und Verherrlichung in der bildenden Kunst aller Jahr- 
hunderte. Von Dr. Walter Rothes. Mit 196 Ab- 



i6 



BUCHERSCHAU 



bildungen im Text und 5 Farbendruckbildern. 324 Seiten. 
Erstes bis sechstes Tausend. Bachern, Köln. Preis ge- 
bunden M. 10.—, broschiert M. 8. — . 

Inhalt und Einteilung des Stoffes ist schon im Titel 
angegeben. Es galt ein umtangreiches Gebiet der Kunst- 
geschichte und christhchen Ikonographie zu sichten und 
ffir einen Leserkreis von verschiedenartigen Bedürfnissen 
zu verarbeiten. Die Abbildungen begleiten und stützen 
den Text und gewähren einen Überblick über die 
Wandlungen der Ausdrucksweisen für den unabänder- 
lichen geistigen Gehalt der christlichen Kunstwerke. 
Künstler der jüngsten Zeit sind mehrfach vertreten. Bei 
einer Neuauflage werden wohl auch die katholischen 
Künstler der Gegenwart, die Stoff in reicher Menge 
und von hochstehender dualität bieten könnten, heran- 
gezogen. Das Werk eignet sicli namentlich aucli als 
Geschenk für christlich gesinnte Menschen aller Volks- 
schichten. R. 

Zur Baugeschichte des Domes zu Mainz. 
Neue Untersuchungen über die Bauzeit des romanischen 
Mittelschiffes. Von Wilhelm Grein, großh. Regie- 
rungsbaumeister. Mainz 1912. Druckerei Lehrlingshaus. 
Geh. M. 4.—. 

Im ersten Abschnitte: Die zeithche Entstehung des 
Mittelschiffes setzt der Verfasser sich mit den früheren 
Erforschern der Geschichte des Mainzer Dombaues aus- 
einander. Das wesentliche Resultat ist, daß der ganze 
östliche Chorbau jünger sei als das Mittelschiff und das 
letztere schon bis zum Jahre 1097 fertig gewölbt ge- 
standen habe. Die Richtigkeit des erstgenannten Er- 
gebnisses wird daran scheitern, daß im Ostbau ein 
älterer unterer und ein späterer oberer Teil zu unter- 
scheiden sind, zwischen deren Bauzeiten, in Verbindung 
mit der des letzteren, -diejenige des Mittelschiffes anzu- 
setzen ist. Auch das Datum 1097 für die Vollendung 
des romanischen Langhauses erscheint auffallend früh. 
Ausführlich beschäftigen sich in anderer Auffassung mit 
diesen Problemen der Aufsatz von R. Kautzsch, »Der 
Ostbau des Domes zu Mainz, I« in der Zeitschrift für 
Geschichte der Architektur, V, S. 209 und meine gleich- 
zeitige Arbeit »Die Abteikirche zu Laach und der Aus- 
gang des gebundenen romanischen Systems in den Rhein- 
landen« (Straßburg, 191 3) S- 7 und 52. Der zweite Ab- 
schnitt weist durch vergleichende Berechnungen über- 
zeugend und mit anderen Resultaten übereinstimmend 
nach, daß der Mainzer Dom unabhängig vom Dom zu 
Speier für Wölbung neuerbaut, letzterer ein Umbau, 
jener aber ein Neubau für Mittelsclüffwölbung, der erste 
in Deutschland, war. Der dritte Abschnitt berichtet über 
Untersuchungen der Mittelschiffundamente, die in ihrer 
Fortsetzung der Erforschung der Baugeschichte nicht 
geringe Dienste leisten werden. Die Herausgabe der 
mit neun großen Tafeln illustrierten Arbeit wurde in 
anerkennenswerter Weise durch das Mainzer Domkapitel 

ermöglicht. Dr. Andr. Huppenz, Köln 

Die moderne Baukunst von Architekt Hein- 
rich Müller in Kelkheim, eine Sammlung von 20 Ent- 
würfen der am häufigsten vorkommenden Gebäude. 
M. 7.50. Selbstverlag. 

Aus der reichhaltigen Sammlung dürfte hier am 
meisten der Entwurf zu einer kathohschen Kirche mit 
Pfarrhaus interessieren. In seiner Einfachheit, die von 
dem urarchitektonischen Prinzip ausgeht, vor allem die 
ruhigen Flächen wirken zu lassen, wird er sowohl den 
Anforderungen, die man an die Würde eines Gottes- 
hauses stellen muß, als auch dem Verlangen nach einem 
edlen modernen Stil gerecht. Gleich das Schaubild 



zeigt uns einen prächtigen quadratischen Turm, dessen 
kraftvoll versteifte Ecken mächtig emporstreben und 
hoch oben eine überspringende Plattform tragen; dar- 
über hinaus ragt ein Würfel auf stark verjüngter Grund- 
fläche, von einem einfachen Pyramidendach überdeckt. 
Die horizontalen Schallklappen wirken durch ihren 
Gegensatz zu den anderen rein vertikalen Linien sehr 
dekorativ. Der Grundriß ist gut durchgearbeitet. Das 
mächtige Tonnengewölbe hat eine Spannweite von über 
13 '/2 m, so daß das Mittelschiff bei einer Länge von 
22'/'3 m über 470 gute Sitzplätze mit freiem Blick auf 
Altar und Kanzel bietet. Die Seitenschiffe sind zu 
niedrigen, nur 2 m breiten Gängen herabgedrückt. Neben 
dem Chore stehen auf der einen Seite der Turm mit 
der Taufkapelle, auf der anderen Seite die Sakristei; 
ein geschlossener Gang, der um die Apsis läuft, ver- 
bindet beide. Die Formengebung ist dem Material, dem 
Eisenbeton, angepaßt. Die aus der Konstruktion sich 
ergebenden leinen Linien, wie wir sie z. B. an den 
mächtigen Gurten beobachten können, die das Gewölbe 
tragen, bieten dem Auge mannigfaltige Reize. Durch 
eine gute dekorative Ausmalung heße sich die Wirkung 
der schönen Flächen noch heben. Nur durch ernste 
und beharrliche künstlerische Arbeit, wie sie hier ge- 
geleistet ist, läßt sich allmählich der Typ einer wür- 
digen modernen Kirche herausbilden. Möge dem 
Künstler die Gelegenheit zur Betätigung in dieser Rich- 
tung nicht fehlen. Die übrigen Entwürfe zu ländlichen 
Bauten aller Art stellen fast sämtlich gute und gründ- 
liche Leistungen dar. 

Dortmund Rechtsanw. Dr. Bartmann 

Illustrierter Führer durch das fränkische 
Luitpoldmus«um in Würzburg. Verlagsdruckerei 
Würzburg, G. m. b. H. Ladenpreis M. i. — . 

Im ^Iai wurde das Museum eröffnet. Sein Inhalt 
erhebt es zu einer Bedeutung, die einem Provinzial- 
museum nicht so häufig zukommt. Der nun erschienene 
Führer hat für den Besucher einen dauernden Wert, weil 
er in die Geschichte der Kunst und der Techniken einen 
guten EinbUck gewährt; darin Hegt auch seine Bedeu- 
tung für jene Kunst- und Geschichtsfreunde, welche das 
Museum nicht besuchen können. Dazu kommen 32 gute 
Abbildungen der Sammlung. 

Weichers Kunst bücher. Neue Folge. Die Meister 
des XIX. Jahrhunderts, i. Watts. 2. Meissonier. 
3. Rosse tti. Jeder Band mit 60 Meisterbildern kostet 
kart. 80 Pfg. (Berlin W. 50, Bernhard Thalacker.) 

In 50 schmucken Bändchen behandeln »Weichers 
Kunstbücher« mittels scharfer Abbildungen die älteren 
Künstler. Nun wurde eine neue Folge eröffnet, welche 
den Meistern des 19. Jahrhunderts gewidmet ist. Auf je 
einer Textseite wird das Notwendigste über die Lebens- 
daten des im betreffenden Bändchen behandelten Künst- 
lers mitgeteilt, genug für jene, welche sich aus den Ab- 
bildungen allein unterrichten wollen oder die diese PubH- 
kationen als Ergänzung ihres Kunstgeschichtsbuches be- 
trachten. Ohne eindringendes Sehen vieler Meisterwerke 
und persönliche, von aufien unbeeinflußte Stellungnahme 
zu ihnen gelangt man zu keinem selbständigen Kunst- 
urteil. R. 

Ein Prospekt der Allgemeinen Verlagsge- 
sellschaft m. b. H. Berhn, München und Wien, liegt 
dieser Nummer bei. Werke von der Bedeutung, wie 
das ,, Leben Jesu" und das „Leben Maria" u. a. hier 
empfohlene, wurden in dieser Zeitschrift schon früher 
gewürdigt. 



Für die Redaktion verantwortlich; S. Staudhamer (Promenadeplatz 3); Verlag der Gesellschaft für christliche Kunst, G. m. b. H. 
Druck von F. Bruckmann A. G. — Sämtliche in München. 




Th. Gämmerler 



Ges, f. chrisll. Kunst, München 



ST. 6E0R6 




MICHAEL RIESER (WIEN) 



HEILIGE FAMILIE 



Ölgemälde von iSqo. Im Besitze des Sohnes des Künstlers Dr- Hermann Rieser. — Text S. 72 



MICHAEL RIESER 

Von Regierungsrat H. HERDTLE 
(Hierzu die Abb. S. 6j— 71) 



A m 9. November 1905 ist Michael Rieser, 
■'»• einer der letzten Vertreter der religiösen 
Historienmalerei zu Wien, aus dem Leben ge- 
schieden, ein Tiroler, der, wenn auch ferne 
den Bergen, doch mit treuer Liebe an seiner 
Heimat gehangen. Am 11. November wurde 
er zu Perchtoldtsdorf bei Wien zur Ruhe be- 
stattet. 

Wenn auch an lahren jünger, gehörte er 
doch in den Kreis von Hellweger, Mader, 
Plattner — wenigstens nach Gesinnung und 
künstlerischer Richtung — obschon auch nur 
Letztgenannter tatsächlich als Schüler noch 
unter dem Altmeister Führich studiert und 
gearbeitet hat. Dem Sinne und dem Herzen 
wie der Empfindung und der Darstellung 



nach dürfen sie sämtlich als »Führich- 
schüler« bezeichnet werden. 

Wie bei allen den Genannten ist auch bei 
Ries er ein Moment hervorstechend — das 
Selbstemporarbeiten. — Aus vielfach arm- 
seligen \'erhältnissen hervorgegangen, brachte 
Fleiß und Talent sie hinauf zu den Höhen 
der Kunst; aul den Kunstschulen zu München 
und Wien legten sie die Grundlage für ihr 
Schaffen, dem ein Studienaufenthalt in Italien, 
speziell in Rom, die höhere Weihe gege- 
ben hat'). 

Michael Rieser war am 5. September 
1828 zu Schlitters im Zillertal als zweiter 

') Siehe H. v. Woerndle, 
>Der Kunstfreund« XXII, 7. 



Prof. Michael Rieser in 



Die christliche Kunst. X. 3. i. Dezember 1913. 



66 



^S9 MICHAEL RIESER ©^ 




MICHAEL RIESEK 

Karion zur Jllitielgru/ifie t/es llocltaltargemäldes 



MADONNA 
der Schottenkirche zu U'ien^ von 1S82 — 18S3- — Text S. yz 



Sohn des dortigen Schullehrers Andreas Rieser 
geboren. Dreizehnjährig kam er mit seinen 
Eltern in die nahe Gemeinde Hippach und 
nach Absolvierung der Volksschule daselbst 
zu den Benediktinern nach Fiecht und zuletzt 
noch an die Hauptschule nach Schwaz. Nun 
sollte er, da die Mittel zu weiterem Studium 
fehlten, bei seinem Onkel Johann Rieser, der 
als Kaufmann in Danzig lebte, die Handlung er- 



lernen. Rieser war 15 Jahre alt, als er dorthin zog. 
Er traf es gut daselbst und schöne Aussichten er- 
öffneten sich ihm im kaufmännischen Berufe. 
Aber bald hatte es ihm die Kunstschule in 
Danzig angetan. Er vertauschte das Kontor- 
leben mit dem Besuche dieser Schule und 
verließ nach fünfjährigem Aufenthalte diese 
Stadt, nicht als gelernter Kaufmann, sondern 
als Kunstjünger. 



6? 




MICHAEL RIESER ST. ANNA 

Ölgim'dlde -von iSjS. Kirche zu Hippach im Zillertal, wo des Künstlers Eltern begraben liegen 
Lebe?i?große Figuren. — Text S. 7/ 



9' 



68 



MICHAEL RIESER es^ 




MICHAEL RIESER ST. STEPHAN 

Unterer Teil vom Karton zum Hauptbild des von Kardittal Haynahi gestifteten Glns/ensters in der Votivkirche zu Wien, iSjj 

Rechts Portriit des Kardinals Hnynnld, linl;s die Porträts seiner Eltern — Text S. yi 



Mit Hilfe seines Onkels konnte er 1848 
bis 1850 die Akademie in München besuchen, 
wo er in Maler Hellweger, einem gebürtigen 
Haller, einen eifrigen Gönner, Berater und 
Freund fand. Nach mehr als zweijährigem 
Aufenthalt daselbst kehrte er, zur Erholung 
von einer viermonatigen Krankheit, in seine 
Heimat zurück. 

Kaum genesen, kam er im Jahre 1852 nach 



Wien, um dort, gestützt aufsein Können und 
die Hilfe kunstsinniger Freunde, seine Studien 
iortzusetzen. 

Sein Lehrer an der Wiener Akademie war 
Christian Rüben, sein Mitschüler und Freund 
der nachmalige Akademieprofessor Trenkwald. 

Während seiner Studienzeit wurde ihm, der 
sich zunächst im Porträtfache besonders aus- 
gebildet hatte, der Auftrag, ein lebensgroßes 



^ MICHAEL RIESER ^ 



69 




MICHAEL RIESER ST. HIERONYMUS 

Unterer Teil vom Karton zu dem von Baren Sina gestifteten Clas/eniter in der Fotivkirche zu Wien 

Text S. 71 



Porträt des Kaisers zu schaffen. Rieser löste 
seine Aufgabe so zutriedenstellend, daß ihm 
von Seiten Sr. Majestät ein längerer Studien- 
aufenthalt in Rom ermöglicht wurde. In Italien 
verblieb er von 1861 — 63, sich hauptsächlich 
dem Studium der italienischen Meister des 
15. und 16. Jahrhunderts widmend. 

Nach kürzeren Aufenthalten in Neapel, Assisi, 
Florenz, Loreto und Venedig hielt er kurze Rast 
in der Heimat, um dann nach Wien zurückzu- 



kehren, wo er bald als kirchlicher Maler und 
als Porträtis.t sich einen Namen machte. 

Eitelberger erkannte die pädagogische Kraft, 
die in Rieser steckte, und berief ihn, gleich- 
zeitig mit Jos. Storck, Ferd. Lauf berger, Friedr. 
Sturm und Otto König, im Jahre 1868 an 
die neugegründete Kunstgewerbeschule des 
Österreichischen Museums, welche Stellung 
Rieser nach 20 jähriger Tätigkeit im Jahre 1888 
krankheitshalber verließ. 



70 



MICHAEL RIESER 




MICHAEL RIESER 



TOD DES HL. JOSEPH 



Karton von iSjJ für ein Glas^entälde in der Kirche St. Epure zu Nancy. 



In der Künstlerschaft wie unter seinen zahl- 
reichen Schülern erfreute sich Rieser großer 
^'erehrung; er war ein hochgebildeter, fein- 
sinniger Künstler, voll Wohlwollen und Güte 
im Verkehre mit den letzteren. Zu seinen 
hervorragendsten Schülern gehören die Maler 
Czech, Götzinger und Tapper; letzterer ist 
seinem Lehrer leider bald im Tode gefolgt. 
Die beiden Ersteren sind auf den Wiener 
Kunstausstellungen häutig vertreten. 

Riesers zahlreiche Werke, die weit über 
die Grenzen Österreichs hinausgegangen, at- 
men tiefe, ehrliche Innerlichkeit und zeigen 
edle Linienführung und sattes Kolorit. 

Von seiner Hand stammt eine stattliche 
Anzahl von Ölgemälden (Altarbildern), Kartons 



für Glasgemälde und Mosaiken, Kompositionen 
für Stickereien und eine große Anzahl vor- 
trefflicher Porträts. 

Die erste größere Komposition Riesers auf 
religiösem Gebiete, welche er noch während 
seines Studienaufenthalts in Rom in Öl ge- 
malt hat, ist der »Abend vor Christi Geburt«, 
die auf einer Kunstausstellung zu Prag im 
Jahre 1865 großen Beifall fand und vom Kar- 
dinal Schwarzenberg erworben wurde. Graf 
Leo Thun sandte dem noch in Rom weilen- 
den Künstler überaus anerkennende Worte 
für das ernste Streben und den schönen Er- 
folg, wie er sich in diesem Bilde doku- 
mentierte. 

In die ersten Jahre seines selbständigen 



MICHAEL RIESER ®M 



71 



Schaffens auf religiösem Gebiete fallen dann: 
eine »Heilige Familie« für Erzherzog Franz 
Karl, den Vater Kaiser Franz Josefs, eine 
»Madonna:, tür den Fürstprimas von Ungarn, 
Kardinal Haynald, ein Altarbild »Herz Jesu« 
für eine Klosterkirche in Brunn und ein auf 
Kupfer gemaltes Tabernakelbild: »Salvator«, 
für die fürsterzbischöfliche Hauskapelle in 
Wien. Für einen, für die Weltausstellung in 
Paris im Jahre 1878 bestimmten Hausaltar 
malte er im Auftrag des Osterreichischen 
Museums ein Ölbild: »Madonna mit dem 
Kinde«, ein Bild voll tiefer Innigkeit und 
prächtiger Farben Wirkung. 

In der Folge wurde ihm aus seinem hei- 
matlichen Tale, aus Zeil am Ziller der schöne 
Auftrag, für das dortige Franz-Josef-Spital 
die Namenspatrone Sr. Majestät des Kaisers 
als Altarbild zu malen. Weitere Altarbilder 
schuf er für Eisgrub, Kladiub, Prag usw. 

Für die malerisch gelegene Kirche in Hip- 
pach, auf dessen stillem Friedhofe Riesers 
Eltern neben denen des Kardinal Fürsterz- 
bischofs von Salzburg, Dr. Katschthaler, be- 
graben liegen, — mit welch letzterem ihn 
Jugendfreundschaft verband, — widmete er 
das prächtige Ölbild: »St. Anna mit Maria«, 
das Ganze von edelstem Stile und feinster 
Durchbildung in Form und Farbe (Abb. S. 67). 
Aus der Zeit seines reifsten Schaffens stam- 
men dann die großen Kompositionen zu zwei 
Glasfenstern in der Votivkirche in Wien. Das 
eine, von Kardinal Haynald gestiftet, stellt 
den heiligen Stephan dar, wie er die ihm vom 
Papste Sylvester II. übersandte Königskrone 
empfängt und auf welchem der Kardinal selbst 
sowie seine Eltern porträtgetren dargestellt 
sind (Abb. S. 68). Das zweite Fenster ward 
von dem bekannten Wiener Kunstmäzen Baron 
Sina gestiftet und stellt im Hauptbilde den 
heiligen Hieronymus dar (Abb. S. 69). Der 
Oberteil des Fensters enthält eine Himmel- 
fahrt Maria und die Namenspatrone des Stif- 
ters und seiner Gemahlin. Diese beiden Ar- 
beiten fallen in die Jahre 1875 — 1876. 

Nach dem Tode des Prälaten des Schotten- 
stiftes in Wien, des humanen Priesters Hei- 
ferstorfer (j 1881), wurde von seinem Nach- 
folger, dem Prälaten Hauswirth, der Beschluß 
gefaßt, zur Erinnerung an ersteren und zu- 
gleich zum Andenken an die Errettung aus 
der Türkennot im Jahre 1683 einen neuen 
Hochaltar zu errichten. Die Ausführung des 
Hochaltars wurde Heinrich Ferstel übertragen, 
der Jahre hindurch Bewohner des »Schotten- 
hofes«, eines dem Kloster gehörigen Wohn- 
hauses war. Ferstel hat mit diesem Hochaltar 
ein Meisterwerk der Renaissance-Dekoration 




MICHAEL RIESER ST. JOSEPH 

Karton von lS/6 für ein Ginsgeniciltle in St. Epure zu Nancy 

Text S. yo 



72 



e^ MICHAEL RIESER ^ 



geschaffen, an \yelchem alle Kunsitecliniken, 
die damals in Österreich durch den Einfluß 
des Osterreichischen Museums und der großen 
Architekten jener Zeit zu neuer Blüte gelangten, 
in Verwendung gekommen sind. Die Kom- 
position des Hochaltarbildes übertrug Ferstel 
dem ihm von gemeinsamem Studienaufent- 
halte in Rom her befreundeten Michael 
Rieser (Abb. S. 66). 

Mit noch gesteigertem künstlerischem Emp- 
finden hat Rieser mit diesem Bilde ein Werk 
geschaffen, welches den besten Schöpfungen 
moderner Kirchenmalerei an die Seite gestellt 
werden kann. Das Bild stellt die thronende 
Madonna mit dem Kinde dar, welcher Herzog 
Jasomirgott, umgeben von Heiligen, das Mo- 
dell des Schottenklosters als Opfer darbringt. 
Es wurde von Neuhauser in Innsbruck in 
Glasmosaik, ausgeführt. 

Für die Gedenktafel am Grabe Marco 
d'Avianos in der Kapuzinerkirche in Wien 
malte er das Brustbild dieses Ordensbruders, 
welcher bekanntlich einen so bedeutenden 
Einfluß auf die Befreiung Wiens von der 
Türkennot im Jahre 1683 genommen hat. 

Außer diesen bereits genannten Werken 
schul Rieser mit nie rastender Arbeitskraft 



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PT»" , m' 


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1 fr. 


^K^K^W'-^i.^iää^»^' 1 


P^H^H 



eine große Zahl von Kartons zu Glasfenstern, 
welche von der Kunstanstalt Geyling in Wien 
und von der Tiroler Glasmalereianstalt in 
Innsbruck ausgeführt wurden. So für das 
Kloster der Barmherzigen Schwestern in Kra- 
kau drei Glasgemälde mit Begebenheiten aus 
dem Leben des heiligen Vinzenz von Paula, 
ferner für die Franziskanerkirche in Wien 
und für die Stiftskirche in Zwettl und andere. 

Auch für das Ausland war er tätig; von 
ihm rühren eine »Heilige Familie« und einige 
Heiligenbilder der Spitalkirche in Trier sowie 
31 lebensgroße und 14 halblebensgroße Hei- 
ligengestalten in der Kirche Sainte-Epure in 
Nancy her. Es war einer der größten Kunst- 
aufträge, der je einem österreichischen Meister 
aus dem Auslande zugekommen war. Wir 
bieten davon zwei Proben: »Der hl. Joseph 
mit dem Christkind :< und xTod des hl. Joseph« 
auf S. 70—71. 

Schließlich seien noch zwei Werke seiner 
Hand erwähnt, welche er schon hochbetagt 
mit ungetrübtem koloristischen Empfinden ge- 
schaffen hat, die größeren Ölgemälde -Hei- 
lige Familie X und »Tod der hl. Anna«. Das 
erstere fand durch eine Reproduktion der : Pho- 
tographischen Union« in München weitere 
Verbreitung (Abb. S. 65). 

All diese reiche künstlerische Arbeit leistete 
Rieser im Kampfe mit einem schweren, schon 
während seiner Studienzeit in Rom begonne- 
nen Leiden, einer Nervosität der Hände als 
Folge einer Malariaerkrankung, die ihn Zeit 
seines Lebens nicht losließ. Nur seine tiefe 
Religiosität, sein starker Wille, zur Verherr- 
lichung der Kirche und ihrer Glaubenshelden 
das Seinige beizutragen, ließ ihn dieses Hemm- 
nis überwinden. 

Allsommerlich suchte er mit seiner Familie 
Erholung in den Bergen und an den Seen der 
Steiermark oder des Salzkammerguts. Aber 
auch diese Mußezeit wurde mit Anfertigung 
zahlreicher landschaftlicher Studienblätter aus- 
gefüllt. 

Rieser besaß neben der größten Sicherheit 
in der Darstellung der menschlichen Figur 
ein feines Gefühl für landschaftliches Beiwerk 
und edelgeformte landschaftliche Hintergründe. 
Hietür hat ersieh in Italien geschult, wie seine 
zahlreichen Skizzenbücher dartun, die die ein- 
fach edlen Landschaftszüge aus der Umgebung 
Roms, aus Umbrien und aus Toskana enthalten. 

Mit Rieser starb ein ausgezeichneter Künstler 
und ein edler Mensch, man wird ihn in der 
Geschichte österreichischer Kunst stets mit 
Ehren nennen. 



ALTE PFARRKIRCHH IN GARMISCU 
7<:xl S. 73 




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WANDMALEREIEN IN DER ALTEN KIRCHE ZU GARMISCH 



73 



DIE WANDMALEREIEN IN DER 
«ALTEN KIRCHE« ZU GARMISCH 

Von FRANZ X. BOGENRIEDER, Garmisch 

Mit 12 Originalaufnahmen von Adalb. Mayer, 

Kaplan in München-Neuhausen 

i'Abb. S. 72—82^ 

Beschattet vom waldreichen Kramergebirge, 
Hegt an der nördlichen Peripherie des 
Marktes Garmisch am linken Ufer der Loisach 
die sog. »alte Kirche« (Abb. S. 72U.73). In ihrem 
ältesten Teile, dem als Kampanile erbauten 
Turme, in die romanische Zeit zurückblickend 
und in der Gotik von 1300 — 1522 mehrfachen 
baulichen Umwandlungen und Vergrößerun- 
gen') unterworfen, mußte sie im Jahre 1733, 
neuerdings zu klein, einer geräumigeren Spät- 
barockkirche inmitten des Marktes Platz machen. 
• Seit dieser Zeit stand die Mutler der Werden- 
felser Kirchen ziemlich unbeachtet beiseite 
und konnte noch froh sein, daß sie der zwei- 
maligen drohenden Gefahr des Abbruches 
entging. Da kam sie im Sommer des heu- 
rigen Jahres durch die unschätzbaren Werte 
für die Kunstgeschichte speziell Altbayerns, 
die sie unter etwa 16 Tünchschichten verbor- 
gen einer verständigeren Zeit bewahrte, bei 
den Einheimischen und mehr noch bei den 
kunstkennenden Fremden wiederum zu hohen 
Ehren. 

Schon im Jahre 1878 waren im Chore der 
Kirche verschiedene Gemälde bloßgelegt, mit 
Ausnahme eines einzigen aber (s. u.) im sel- 
ben Jahre noch zugetüncht worden. 

Gelegentlich der Innenrestauration der Kir- 
che im Jahre 19 11 wurden nun auch an der 
Nordwand des Langhauses Spuren von Ge- 
mälden aus der gotischen Zeit gefunden. 
Probeweise Schürfungen ergaben eine fast 
vollständige Bemalung dieser Seite, deren Frei- 
legung und Konservierung mit Hilfe und im 
Einverständnis des K. Generalkonservatoriums 
der Münchner Kunstmaler Franz Haggenmiller 
übertragen erhielt und zur vollsten Zufrieden- 
heit zur Ausführung brachte. Was dabei an 
Bildern zutage gefördert wurde, zählt nach 
dem einstimmigen Urteile erster Kenner in 
der bayerischen Kunstgeschichte mit zu den 
gediegensten und besterhaltenen Gemälden 
ihrer Zeit. 

Gleich beim Eintritt in die Kirche grüßt 
uns zunächst der Türe die gewaltige Figur 
des hl. Christophorus (Abb. S. 74). Mit ihren 
sieben Metern beansprucht sie fast die ganze 
Höhe der Kirche. Ihr Gewand ist die Für- 

") Die hübschen, in ihrem Aufbau wirl<ungsvollen 
Barockaltäre tragen die Jahreszahl 1671 (.\bb. S. 75). 




ALTE I lARRKIRCHE IN GARMISCH 
Innenansicht — Text nebenan 

stentracht (keine Frauenkleider!) des begin- 
nenden Mittelalters. Ein schweres Brokat- 
untergewand, das uns mit seiner kreisförmigen 
Damastierung fast noch zur romanischen Zeit 
zurückführen möchte, in der Mitte von einem 
schmalen Gürtel (charakteristisch ist das Fünf- 
blatt) zusammengehalten, umfließt die ganze 
Gestalt von oben bis unten. Über dieses 
Untergewand ist ein schwerer Purpurmantel 
geworfen, während Schultern und Brust von 
dem verbrämten Fürstenkragen bedeckt sind. 
Der Beachtung wert sind die beiden Schließen 
an Gürtel und Kragen. Auf dem linken 
Arm trägt Christophorus das in sitzender 
Stellung zwei Meter große, segnende Christus- 
kind, das hier noch mit langem Gewände an- 
getan ist. Die Rechte stützt sich auf einen 
mächtigen Stamm, ein sicheres Argument 
gegen jene Kunstfreunde, deren irommer Sinn, 
irregeleitet durch das bartlose Gesicht und 
das reiche, wallende Haar, in dem Bilde ein 
Madonnenbild erblicken wollte. »Dieses Chri- 
stophorusbild dürfte«, meint Dr. Rieh. Hoff- 
mann, »von den monumentalen Kunstobjekten 
Bayerns am weitesten zurückgehen und dann 
den Reigen anlühren der in der späteren Zeit 
häufig gewordenenChristophorusdarstellun gen 



Die dmstliche Kunst. X. 



74 ^ WANDMALEREIEN IN DER ALTEN KIRCHE ZU GARMISCH ^ 



sowolil im Innern wie am Äußern der 
Kirciie.« 

Die genauere Datierung dieser Kolossal- 
figur ist freilich nicht leicht, immerhin dürfte 
es den angegebenen Merkmalen am ehesten 
entsprechen, ihre Entstehung in die Zeit von 
1330 — 1350 zu verlegen. Ein Vergleich mit 
den übrigen Gemälden läßt uns sofort eine 
große Verschiedenheit in der Darstellung des 
Figürlichen erkennen und gemahnt uns, zwi- 
schen die Christophorusdarstellung und die 
an Alter ihr zunächst stehende Bilderserie 
eine Malpause von 60 — 70 Jahren einzu- 
schieben. 

Um diese Zeit (1390 — 1410) sind die sechs 
kleinen und acht großen Darstellungen aus 
der Leidensgeschichte des Herrn anzusetzen 




ST. CHRISTOPHQRUS, WANDGEMÄLDE IN DER ALTEN PFARRKIRCHE ZU GARMISCH 

Text S. 73 



(Abb. S. 75), die unter geschickter Mitbenüt- 
zung der kleinen frühgotischen Fensterleibun- 
gen trefflich zwischen und unter diese ein- 
komponiert wurden. 

In diesen Leibungen sind miniaturartig und 
in sinnig, manchmal naiv gehaltener Weise 
im Rahmen eigentümlicher Vierpässe unter- 
gebracht: Der Einzug in Jerusalem, die Fuß- 
waschung, das letzte Abendmahl (erstes Fenster), 
die Erscheinung an Maria Magdalena am Oster- 
morgen, die Himmelfahrt, die Geistessendung 
(zweites Fenster). 

Die starke Seite des Künstlers, der mit 
diesen Stationsbildern eine einheitliche, um- 
fangreiche Arbeit geschaffen hat, liegt auf dem 
Gebiete der dargestellten Architektur. Archi- 
tektonisch teilt er sich seinen Raum ein, in 
dem er dann die einzelnen 
figürlichen Darstellungen, 

durch zierlich gewundene Säul- 
chen und Pilaster von stilisier- 
tem Marmor räumlich getrennt 
und mit spitzbogigen, goti- 
schen Friesen bekrönt unter- 
bringt. 

Das erste größere Bild zeigt 
uns Christus am Olberg und die 
Heilung des Malchus. Der 
Maler kann es sich nicht ver- 
sagen, etwas Humor in die 
ernste Szene zu bringen. Lei- 
der aber hat dieses Bild eben- 
so wie auch die Christophorus- 
darstellung (und in ähnlicher 
Weise das Kreuzwegbild durch 
den Kanzeleinbau, s. u.) gele- 
gentlich der Einwölbung im 
Jahre 1522 durch das Aufset- 
zen der Gewölbekonsolen und 
die aus ihnen strebenden Ge- 
wölberippen etwas stark gelit- 
ten. Dieser Umstand veran- 
laßt mich auch entgegen an- 
deren Behauptungen daran fest- 
zuhalten, daß im genannten 
Jahre bereits die erste Llber- 
tünchung stattgefunden habe. 
Instruktiver sind die folgen- 
den Bilder, die sämtlich zwei, 
ja sogar vier Darstellungen 
unter einem Rahmen vereini- 
gen. So sehen wir auf dem 
Bilde von der Dornenkrönung 
(Abb. S. 76), das sich übrigens 
durch besonders zarte Archi- 
tektur hervortut, nicht nur den 
Heiland, der gemäß Luk.22, 64 
einen Schleier vor dem Ange- 



caa WANDMALEREIEN IX DER ALTEN KIRCHE ZU GARMISCH 



75 




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XEUAUFGEDECKTE WANDGEMÄLDE IN' DER ALTEN" PFARRKIRCHE ZU GARMISCH IN OBERBAYERN 

Text S. 73-76 



sichte trägt und von den Henkersknechten ge- 
krönt und verhöhnt wird, sondern gleichzeitig, 
wenn auch unhistorisch, den Hohenpriester, der 
sich die Kleider zerreißt, neben einem weiteren 
Vertreter des Hohen Rates. Überdies können 
wir durch zwei gedeckte Aufgänge in den 
Gerichtshof hinuntersteigen, wo eben der 
hl. Petrus gegen den Meister die Hand zum 
Schwur erhebt, während sich über dem Wacht- 
feuer der Hahn krähend streckt. Ebenso kön- 
nen wir bei Abbildung S. 77 oben den Heiland 
von der Geißelstube durch eine enge Pforte 
über eine Stiege hinabbegleiten zum Ecce- 
homo-Bild. Ein Wappen über der Pforte ist 
hier vielleicht der einzige Hinweis auf den 
sonst unbekannten Künstler. Das Kreuzwegbild 
(Abb. S. 77 unten) führt uns in mittelalterliches 
Leben: Fliegende Banner, starrende Lanzen, 
Kriegsknechte mit Schweizerhelmen, im Hin- 
tergrunde eine mittelalterliche Stadtbefesti- 
gung, von deren Haupttor der hl. Martin, der 
Patron der Kirche, friedlich niederschaut. Auf 
die Kreuzigungsgruppe, die von der im Mittel- 
alter so beliebten gewöhnlichen Darstellung 
nicht viel abweicht, folgen Kreuzabnahme, 
Beweinung (Abb. S. 78) und Auferstehung 
(Abb. S. 79) mit interessant gelösten perspek- 
tivischen Überschneidungen. 

Überhaupt scheint mir der Künstler für 
seine Zeit zeichnerisch nicht übel gearbeitet 
zu haben'). Im Gegenteil sind Komposition 



und Darstellung bei einem ziemlichen Reich- 
tum an Figuren frisch und flott. Auch manchen 
individuellen Zug in der Zeichnung werden 
wir entdecken können. 

Maltechnisch heben sich aus dem offenbar 
mit Absicht gewählten und heute noch ebenso 
frischen dunklen Hintergrunde die in abwechs- 
lungsreichen, aber zarten Farben gehaltenen 
Gewandstücke wie die der Zeit entsprechend 
karg bemessenen Fleischteile weich und mild 
ab. Gewandung und Haltung der Personen, 
beispielsweise bei Kreuztragung und Kreuzab- 
nahme, verweisen notwendig in die oben an- 
gegebene Zeit beginnender guter Hochgotik. 
Die Malschulen von Tirol und München, die 
eben zu ihrer Blüte autstiegen, reichen sich 
hier die Hand wie auch der Einfluß der großen 
Heeresstraße unverkennbar ist, die an Garmisch 
vorbei über Mittenwald und Bozen nach dem 
sonnigen Italien zog und von dort her manchen 
fremdartigen Gedanken mitbrachte. 

Zeitlich von den geschilderten Gemälden 
wenig verschieden — man kann an 10 — 15 
Jahre denken — sind die Darstellungen, welche 
den freien Raum zwischen St. Christophorus 
und den Stationsbildern füllen mußten: Der 
hl. Bischof Erhard in reicher kirchlicher Ge- 
wandung (Abb. S. 80) und für das Studium 



') Vergleiche dagegen den .'\ufsatz in dem tägl. Ur.ter- 
haltungsblatt z. Fränkischen Kurier Nr. 248. 



76 



WANDMALEREIEN IN DER ALTEN KIRCHE ZU GARMISCH 




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DOKNENKKOXaNG ÜXD PETRI VERLEUGNUNG 
Text S. 74 

der liturgischen Kleidung von hohem Inter- 
esse; eine alleinstehende Kreuzigungsgruppe 
(Abb. S. 8i) über den thronenden Päpsten 
UrbanV.(i362 — 7o)und Gregor (X? 127 1 — 76), 
welche dem Volke die Heiligtümer von La- 
teran und St. Peter zur Verehrung darbieten. 
Noch später, vielleicht um 1450 — 60, ist 
die Ausmalung des Chores anzusetzen, die 
wohl gleichzeitig mit dessen Einwölbung (das 
Langhaus hatte bis 1522 Flachdecke) vorge- 
nommen wurde. Das noch erhaltene Bild ist 
im Jahre 1S93 von L. v. Kramer in ziemlich 
freier und subjektiver Weise, wie mir scheint, 
restauriert worden. Über dem Sakraments- 
häuschen erhebt sich ein Gnadenstuhl (in den 
oberen Partien manches ergänzt), zu dessen 
Seite wir die beiden Freisinger Patrone: 



St. KorbinianundSt. Sigismund 
finden. Den oberen Teil des 
Schildbogens füllt ein gut auf- 
gefaßtes und tüchtig zur Dar- 
stellung gebrachtes Schutzman- 
telbild (Abb. S. 82). 

Indes brach allmählich die 
neue Geschmacksrichtung an. 
Zwar zeigt das Gewölbe von 
1522 noch gotische Rippen- 
figuration, doch besitzt es nicht 
mehr die Strebekraft der Hoch- 
gotik. Es ist schwach und 
gedrückt. Für Zeichnung und 
Farbe des beginnenden 15. Jahr- 
hunderts mangelt jetzt bereits 
das Verständnis und so ist es 
möglich, daß von den herrlichen 
Bildern im ersten Viertel des 
16. Jahrhunderts schon große 
Stücke dem rohen Hammerzum 
Opfer fallen, während sich der 
übrige größere Teil unter schüt- 
zende Tünche flüchten muß. 
Eine Anna selbdritt im öst- 
lichen Scheidebogen des Lang- 
hauses muß nun der Kirche 
und dem Volke einen Ersatz 
für die vergangene Herrlich- 
keit bieten. Sie steht bereits 
im Zeichen der einsetzenden 
Frührenaissance, zeigt aber, 
wenn auch etwas realistisch 
und breit gehalten, doch man- 
chen Sinn für Körperschönheit. 
Datiert ist sie: 1523. Paulus 
Traber (Täber?), vermutlich 
der Name des sonst nicht her- 
vortretenden Künstlers. 

Noch immer liegen große 
Felder unbearbeitet da; denn 
auch die Flächen seitwärts des Triumphbogens 
zeigen reiche Bemalung (vermutlich handelt 
es sich um Christus und die zwölf Apostel ; 
Jüngstes Gericht?) und es ist nicht einzusehen, 
daß ihr Wert für die bayerische Kunstgeschichte 
ein geringerer sein soll als die bereits auf- 
gedeckten, die in Fachkreisen so bedeutendes 
Aufsehen verursacht haben. Möge darum auch 
diesen Schätzen alsbald der Tag kommen, daß 
sie aus ihrem mehrhundertjährigen Dorn- 
röschenschlaf geweckt werden! Das beklem- 
mende Gefühl legt sich auf die Brust pietät- 
voller Besucher unseres Gotteshauses, so ehr- 
würdige Zeugen einer glaubensinnigen und 
kunstliebenden Vergangenheit unter eintöniger 
Hülle grausam verborgen und der Gefahr end- 
gültigen Untergangs ausgesetzt zu wissen. 



77 




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CHRISTCS VOR PILATUS. GEISSELUNG, EGGE HOMO 
Text S. 7J 



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KREUZTRAGUXG. JESUS AM KREUZE 
Text S. js 



78 



ZU DÜRERS MELANCHOLIE« 




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KREUZABNAHME UND BEWEINUNG IN DER ALTEN KIRCHE ZU GAR.MISCH 

Text S. 7S 



ZU DÜRERS »MELANCHOLIE« 

Von Dr. J. A. ENDRES 

Dürer war selbst nicht Philosoph. Er hat 
in der Schule nur »schreiben und lesen« 
gelernt, und mit seinem Latein war es herzlich 
schlecht bestellt. Des ungeachtet hat der große 
und tief veranlagte Künstler in seiner »Melan- 
cholie« ein Werk geschaffen, das auch Philo- 
sophen zu denken gibt und die Zunft der 
Kunsthistoriker zwingt, auch einmal ihre philo- 
sophische Ader springen zu lassen. Denn, daß 
es sich hier um eine Art philosophischen Be- 
kenntnisses handeln muß und sei es auch 
nur um die skeptische Resignation, »daß wir 
nichts wissen können«, kann kaum bestritten 
werden. Bei der Erklärung und geschichtlichen 
Würdigung des Stiches besteht nun aber, ge- 



rade weil Dürer selbst nicht 
Philosoph war, die Aufgabe, in 
der Gedankenwelt seines Be- 
kanntenkreises, in der Literatur 
seiner Zeit und wenn notwen- 
dig in einem speziellen Lite- 
raturprodukt jene ideellen Mo- 
tive autzuweisen, als deren wahr- 
scheinlicher Ausdruck der be- 
rühmte Stich vom Jahre 15 14 
sich darstellt. In meiner Ab- 
handlung »Albrecht Dürer und 
Nikolaus von Kusa« (Die christl. 
Kunst, 9. Jahrg. 1912/13, Heft 2 
bis 4) habe ich das versucht und 
zu erkennen gegeben, daß es 
möglich ist, aufweine gute Strecke 
Weges der Erklärung Paul We- 
bers zu folgen, sofern er näm- 
lich Dürer ein vor ihm schon 
lange bekanntes Thema, die frei- 
en und mechanischen Künste, 
bearbeiten läßt. Dann aberbleibe 
in dem Stiche ein unaufgelöster 
Rest von Sj-mbolen übrig, zu 
dessen Interpretation die Speku- 
lationsweise des Nikolaus von 
Kues — • auf ihn hatte meines 
Wissens in diesem Zusammen- 
hanoe noch niemand hingewie- 
sen — frappante Analogien dar- 
biete. Überhaupt aber gewinne 
die ganze Darstellung im Lichte 

4- .^•*-. dieser Spekulation nicht wenig 

.._.'■ ', an Verständlichkeit. 

Mein Deutungsversuch hat in 
interessierten Kreisen nicht nur 
Aufmerksamkeit, sondern — es 
kann das vielleicht ohne Selbst- 
überhebung gesagt werden — 
vielfach auch Anklang gefunden. Besonders 
erfreulich war mir in diesem Falle die Zu- 
stimmung philosophisch orientierter Beurteiler. 
Eine derartige Zustimmung, und zwar unbeab- 
sichtigter und daher um so wertvollerer Art, 
liegt auch in einem Werk der neuesten philo- 
sophischen Literatur vor. Auf die einschlägige, 
leicht zu übersehende Stelle aufmerksam zu 
machen, ist der Zweck dieser Zeilen. Ich glaube 
durch diese Mitteilung Freunden der Dürer- 
schen Kunst und vielleicht auch Kunstliisto- 
rikern einen kleinen Dienst zu erweisen. 

Es soll indes nicht verschwiegen werden, 
daß meine Deutung auch kritischen Bedenken 
begegnete. Solche äußerte der nicht genannte 
Verfasser von »Dürers schriftlichem Nachlaß« 
in den Historisch politischen Blättern (Mün- 
chen 19 13, Bd. 152, S. 288). Zwar lehnt er 



'LM DURERS MELANCHOLIE« ^© 



79 



meinen Erklärungsversuch 
nicht gänzlich ab. Ein wich- 
tiger Gedanke, der gerade 
durch meine Deutung kräf- 
tiges Relief erhält und der sich 
gegen die Trilogie- und Tem- 
peramentshypothese wendet, 
wird auch von ihm anerkannt, 
nämlich, daß die beiden Stiche 
Melancholie und Hieronvmus 
im Gehäus — der hl. Hiero- 
nvmus wird von der Kunst 
immer als Kardinal charakte- 
risiert — auf die weltliche und 
geistliche Wissenschaft gehen. 
Er erhebt aber das Bedenken, 
daß die Werke von Nikolaus 
von Kues 1514 zu Paris er- 
schienen und nun Dürer in 
dem gleichen Jahre auch schon 
die beiden Kupfer fertiggestellt 
haben soll, und er vermißt 
den Beweis dafür, daß in der 
Bibliothek des Humanisten 
Pirkheimer, des bevorzugten 
Freundes von Dürer, die Werke 
des Kusaners sich tatsächlich 
landen. Das mögen Schwierig- 
keiten sein, die meiner Hypo- 
these entgegengehalten wer- 
den. Aber wie man mit Rück- 
sicht hieraufvon »bedeutenden 
inneren \\"idersprüchen« in 
meinen Ausführungen reden 
kann, ist mir nicht einleuch- 
tend. An einer Umfrage bei 
Forschern über die Bibliothek 
von Pirkheimer und ihren Be- 
stand iiabe ich es nicht fehlen al 
lassen. Übrigens kann auch 
irgend ein anderer Freund 
Dürer zu den beiden Blättern veranlaßt haben. 
Die andere Schwierigkeit, wie Dürer in dem- 
selben Jahre bereits seine Stiche vollenden 
konnte, in welchem die neue Ausgabe der 
Kusanischen Werke zu Paris erfolgte, habe 
ich ebenfalls erwogen. Aber anbetrachts der 
großen Produktivität Dürers in der frag- 
lichen Zeit erscheint die Möglichkeit einer 
solchen Leistung nicht ausgeschlossen, auch 
wenn die Werke Kusas erst im Spätjahr 15 14 
von Paris nach Nürnberg kamen. Dann ein 
letzter und, wie es scheinen soll, gewich- 
tigster Grund: >< Endlich hat es in jedem Zeit- 
alter Vorstellungen gegeben, welche die schrift- 
stellerische oder künstlerische Einbildungskraft 
in gleicher oder doch ähnlicher Weise erregen, 
ohne daß notwendig eine Wechselwirkung 




USTEHUKG IX DER .-. 1 MV. 
Text S. 7j 



IRCHE ZU GARMISCn 



zwischen beiden gefolgert werden müßte.« 
Allein hiemit bewegt sich mein Kritiker nicht 
nur auf dem Boden allgemeiner Wendungen, 
sondern er dürfte auch die wesentliche Aufgabe 
jeder ikonographischen Deutung verkennen, 
aus den sonstigen geistigen Produkten der 
Zeit den Inhalt eines Erzeugnisses der Kunst 
herauszustellen. Es hätte eine positive und 
dankenswerte Kritik bedeutet, wenn der Ver- 
fasser es unternommen hätte, ausden Literatur- 
denkmälern der Humanistenzeit Dinge wie den 
Kreisel oder den Block mit den Polygonen, bes- 
ser, als von mir geschehen, zu erklären. Gerade 
dafür finden sich eben wie überhaupt für die Auf- 
hellung des spezifischen Sinnes der ganzen Dar- 
stellung bei Nikolaus von Kues die von mir her- 
vorgehobenen merkwürdigen Anhaltspunkte 



8o 



^ ZU DURERS >; MELANCHOLIE« ^ 








DER HL. ERHARD. 



WANDGEMÄLDE IN GARMISCH 
Text S. yb 



Daß jemand, der mit der Geschichte der 
Philosophie und mit der Denkweise des be- 
rühmten Kardinals von Kues vertraut ist, durch 
die Dürersche Melancholie sich unwillkürlich 
an die eigenartige Spekulation dieses Philo- 
sophen aus der Humanistenzeit erinnert fühlen 
kann, dafür ist ein überraschender Beweis das 
im Sommer dieses Jahres erschienene Werk 
des Greifswalder Philosophen Hermann 
Schwarz, »Der Gottesgedanke in der Geschichte 
der Philosophie ., Heidelberg, 1913- Der Ver- 
fasser, welcher von meiner Abhandlung in der 
Christlichen Kunst, als er sein Werk schrieb, 
noch keine Kenntnis hatte, äußert sich auf 
Seite 464 in folgender Weise: 

»Von Albrecht Dürer gibt es ein Bild »Me- 
lancholie«. Ein schöner Engel sinnt mit 
düsterem, schwermütigem Antlitz, zu Füßen 



das abgehetzte Windspiel des 
Gedankens. Mit dem großen 
Geheimnisse der Welt hat er 
sich abgequält, nach frucht- 
loser Mühe scheint sein Den- 
ken zu ermatten. Und doch 
ist er schon, ohne es zu wis- 
sen, auf der Spur des Geheim- 
nisses. Wie verloren spielt seine 
Hand mit einem Zirkel, und 
neben ihm, unter einer Wage, 
sitzt ganz vertieft ein kleiner 
Genius, der auf seiner Tafel 
eifrig zählt und rechnet. Das 
paßt auf die Philosophie des 
Kusaners. Der melancholische 
Engel ist seine »docta igno- 
rantia« , die negative Lehre 
des Pseudodionysius, die sich 
aller bejahenden Urteile über 
Gott begeben will. Der kleine 
in Zählen und Messen versun- 
kene Genius ist das Symbol 
der Mathematik, der geome- 
trischen Methode, die bald in 
raschem Siegeszuge den Men- 
schen zum Herrscher der Natur 
und Meister ihrer Rätsel ma- 
chen sollte. Halb noch wie 
im Traume faßt auch des Ku- 
saners Hand nach dem Zirkel. 
In ihm blitzt zum ersten Male 
die Idee auf, daß Mathematik 
der Stein der Weisen, der ge- 
waltige Kristall sein könne, 
über dem in Dürers Bild die 
Zeichen des Himmels erschei- 
nen. Nikolaus will sich das 
Wesen Gottes, in das er so- 
eben blinzelnd geschaut, mit 
Mathematik verdeutlichen. Er richtet das Ziel 
arithmetischer und geometrischer Betrach- 
tungen ohne weiteres, unmittelbar auf das 
höchste, unendliche Geheimnis. Nach ihm 
grift" man mit Mathematik zunächst den end- 
lichen Dingen ins Herz und schuf die neuen 
Wissenszweige der mechanischen Physik, bis, 
mit reicheren Denkmitteln ausgerüstet, dann 
wieder Spinoza das Thema des genialen Kusa- 
ners, die Anwendung mathematischer Er- 
kenntnis auf Gott, aufnimmt. — Was unser 
Denker dialektisch über Gott gefunden, wirkte 
wohl auf ihn selbst mehr überraschend als 
überzeugend. Es geistig zu durchdringen, 
bediente er sich des Schlüssels mathema- 
tischer Symbole.. Und nun geht der 
Verfasser im einzelnen auf jene mathemati- 
schen Symbole ein, die ich im Umkreise der 



^ WALDMULLER-DENKMAL 



8i 



Hauptfigur auf dem Dürerschen 
Sticlie nachzuweisen versucht 
habe. H. Schwarz Zeugnis von 
dem Dürerschen Blatt: »Das paßt 
auf die Philosophie des Kusa- 
ners« decl^t sich mit dem Grund- 
gedanken meiner Erklärung. Ich 
schlage diese von einem Philo- 
sophen stammende Äußerung 
hoch an. Aber nicht minder 
das von anderer hochgeschätz- 
ter philosophischer Seite kom- 
mende Urteil über meine Deu- 
tung, sie sei geeignet, den bis- 
herigen Fragen und Zweifeln ein 
Ende ;!u machen; denn es sei 
mir gelungen, sowohl in den 
Schriften als namentlich auch 
in dem \'orwort zu den Schrif- 
ten des Kardinals von Kues so 
zahlreiche Beziehungen zu den 
beiden in Betracht kommenden 
Stichen Dürers, insbesondere 
zur Melancholie, aufzuweisen, 
daß diese sich als eine zusam- 
mengedrängte Illustration der 
Kusanischen Gedanken darstellt 
(»Bayer. Staatszeitung« 191 5, 
Nr. 45). Ein weiterer Fachge- 
nosse urteilt im »Archiv für 
christliche Kunst« (19 13, Nr. 7): 
»Der Schlüssel des Verständ- 
nisses der beiden Dürerschen 
Stiche Melancholie und Hiero- 
nymus im Gehäuse ist gefun- 
den . Daraus darf ich wohl 
die Hoffnung ableiten, daß trotz 
der geltend gemachten Schwie- 
rigkeiten eine gütige Zukunft 
meine Deutung nicht gänzlich 
ad acta ]eä.en werde. 




CHRISTUS AM KREUZ. — DIE P.\PSTE URB.'\N UND GREGOR 
Tfjct S. 76 



WALDMÜLLER-DENKMAL 

(Abb. S. S5) 

NJun hat Wien eine alte Ehrenschuld getilgt. Im Rat- 
hauspark, den bereits das Doppeldenkmal Strauß- 
Lanner ziert und der auch im nächsten Jahre das Lessing- 
Denkmal erhalten soll, ist soeben das Monument für 
den großen Wiener Maler, den genialen Natur- und 
Sittenschilderer Ferdinand Waldmüller enthüllt 
worden. Von all den Malern, denen man bisher in 
Wien Denkmäler gesetzt hat — Makart, Canon, Schindler, 
Alt — , so hoch man diese Künstler auch bewerten mag, 
hat keiner die überragende Bedeutung für die Entwick- 
lung der bodenständigen Wiener Kunst, wie Ferdinand 
Waldmüller, dieser in sich gefestigte .Meister, war keiner 
von so tiefgreifendem und nachwirkendem Einflüsse wie 
er, der im Vormärz wurzelnd, auch heute noch von 
bahnbrechender Frische ist. Waldmüller war es, der 
beispielsweise die große Erfindung der Freilichtmalerei, 



auf die sich unsere Tage so viel zugute tun, vor mehr 
als einem halben Jahrhundert schon gleichsam als etwas 
Selbstverständliches zu seinem Kunstprinzip erhoben, 
er ist ein mächtiger Anreger für alle späteren Rich- 
tungen gewesen und ist es auch für die neuesten ge- 
blieben. Es war also sicherhch hohe Zeit, daß man 
sich dieser Dankespflicht entledigte. Die Stadt Wien 
hatte den als Maler wie als Plastiker bereits vielfach be- 
währten Künstler Josef Engel hart mit der Aus- 
führung des Denkmals betraut, der seine Aufgabe mit 
der liebevollsten Versenkung in das Thema und mit 
hoher technischer Vollendung gelöst hat. Wer Engel- 
harts Denkmal für Ferdinand Waldmüller genau be- 
trachtet hat, der kennt den Mann und sein Wesen er- 
schöpfender, als wenn er dreißig Monographien über 
ihn gelesen hätte. Der künstlerische wie der mensch- 
liche Charakter scheinen rein und deutlich ausgeprägt. 
Man sieht Waldmüller aus schneeig w-eißem Laaser 
Marmor herausgeholt, bei seiner .■\rbeit, wie er eben in 
ein Studienbuch skizziert, das er gegen das linke Knie 
gestützt hält. Die rechte Hand mit dem Stift ist in 



Die christliche Kunst. X. 



82 



^ ARCHITEKT FRANZ BAUMANN ^ 



einer glücklidi der Natur abgelauschten Zeichnerbe- 
wegung zurückgezogen. Mit prüfendem Auge betrachtet 
er das begonnene Werk. Er ist etwa rünfzigj.ihrig portrat- 
getreu dargestellt. Sein scharf profiliertes bartloses Ant- 
litz sprüht von Geist, Willen und Leben. Neben dem 
Künstler lehnt ein junges Bauernmädchen, ein reizendes 
Geschöpf, das ihm forsclienden und neugierigen Blickes, 
fast ein wenig kritiscli prüfend, bei seiner Arbeit zu- 
sieht. In den Armen halt es ein zappelndes Kind, das 
mit echt wienerischer Charme empfunden ist. Die Ge- 
samtgruppe ist von einer köstlichen, natürlichen Unge- 
zwungenheit und von großem, überaus sympathisch an- 
mutendem Reiz. In den Gesichtszügen der Hauptfigur 
und des Mädchens geht Engelhart den feinsten Details 
nach, während die Gewandung und die Nebendinge 
mit aller Einfachheit behandelt sind. Der Künstler hat 
das Denkmal auf einen hübsch gearbeiteten zvlindrischcn 
Sockel gestellt, der wieder auf einer quadratischen Plinthe 
aus hellem italienischem Granit aufruht. Als Inschrift 
trägt der Sockel lediglich die Worte: Johann Ferdinand 
Waldmüller 1793 — ilS6j. Die Aufstellung des Denk- 



mals in einem Rondell alter Bäume, die aus dem Busch- 
werk aufragen, ist eine sehr glückliche und löst eine 
prächtige Wirkung aus. Der Wiener Rathauspark, eine 
der schönsten Gartenanlagen Wiens, hat mit Engelharls 
^\'aldmüllel-Denkmal eine ebenso wertvolle, wie künst- 
lerisch vornehme Zierde erhalten. Rieh. Riejl 



ARCHITEKT FRANZ BAUMANN 

Von Konservator Dr. RICH. HOFFMANN 



WL 




W.WDGEMALDE IN DER ALTEN KIRCHE ZU GARMISCH 
Trjct S. 76 



uns Werke vergangener kirchlicher 
Kunst so anziehend macht und auf unser 
ganzes Empfinden eine nachhahige Wirkung 
ausübt, das sind der Sinn für das Zweck- 
mäßige, der feine Takt in dem Einhalten der 
gebotenen Grenzen, die Sicherheit in der Aus- 
wahl der Mittel zur künstlerischen Gestaltung 
in der Gesamtheit wie in den 
Details. Diese Richtpunkte im 
Schäften vergangener Kunst 
haben von selbst die hauptsäch- 
lichsten Mängel ferngehalten, 
die moderner Kunsttätigkeit bis 
in unsere Tage herein anhaf- 
teten und teilweise heute noch 
anhaften. 

Ein Hauptfehler war bis in 
die jüngste Zeit herein die 
Schablone, das Wort in seinem 
weitesten Sinne aufgefaßt. 
Schablone in architektonischen 
Gestalten: eine einfache Dorf- 
kirche entpuppte sich nicht sel- 
ten als eine Miniaturausgabe 
einer großen romanischen oder 
gotischen Kathedral- oder Klo- 
sterkirche, also keine Spur von 
Anpassung an die gegebenen 
Verhältnisse, an den Zweck des 
Baues, an den Ort und die land- 
schaftliche Umgebung. Schab- 
lone in der Dekorations- und 
Ausstattungskunst: kein fein 
berechnetes Abwägen in der 
Verteilung farbiger Effekte bei 
dakorativen Malereien, Härte, 
Gleichmäßigkeit und Monoto- 
nie der Schablonierungen bei 
Bildhauerarbeiten, verletzende 
Scharfkantigkeit in den Kon- 
turen, nirgends die malerische 
Unregelmäßigkeit und weiche 
Fülle der Handarbeit in Form 
und Farbe. 

Dieses für die lebende Kunst 
eine Stagnation bedeutende Ge- 
baren hatte naturgemäß Ideen- 
armut und Phantasielosigkeit 



83 




JOSEF ENGELHART (WIEN) FERDINAND ^\•ALDMÜLLER 

Denkmal im Wiener Rathauspark, auf gestellt iq :3. — Text S. Sl 



84 



e^ ARCHITEKT FRANZ BAUMANN ^ 



im künstlerischen Gestalten zur Folge. Es be- 
rührt daher doppelt angenehm, wenn in unse- 
ren Tagen da und dort kirchliche Neuschöp- 
fungen sich zeigen, die in leiser Anlehnung 
an die Werke vergangener Kunst und in dank- 
barem Aufgreifen jener eben geschilderten 
großen Momente alter Kunst als selbständige 
Leistungen sich behaupten. 

Nach jener üblen Zeit, die unsere Städte 
und vor allem unsere Dörfer mit öden, skla- 
vischen und noch dazu eingebildeten Nach- 
ahmungen früherer Stilperioden beglückte, 
begrüßen wir solch frei und selbständig 
durchgelührte Leistungen besonders freudig. 
Und das um so mehr, als sowohl bei kirch- 
lichen Neubauten, als auch bei Restaurationen 
schon vorhandener Kirchen leider Gottes 



jenes gekünstelte Gebaren im pseudo- roma- 
nischen und pseudo-gotischen Sinne, oder auch 
in nicht selten mißverstandener Renaissance 
selbst jetzt noch nicht vollständig überwun- 
den ist. Wenn auch in denjenigen Stilarten, 
die uns zeitlich und unserem Emptinden nach 
näher liegen, wie Barock und Rokoko, die 
in diesem Charakter schaffende Gegenwarts- 
kunst im allgemeinen glücklicher gestaltet hat, 
so wird das künstlerisch geübte und des- 
wegen auch scharte und empfindliche Auge doch 
auch bei solchen neuen Barock- und Rokoko- 
kirchen da und dort auf Motive stoßen, die 
dem Wesen des Barock- oder Rokoko in dieser 
oder jener Nuancierung völlig fremd sind 
und daher auch den harmonischen Gleich- 
klang stören. 




FRANZ BAU.MANX 



Siidiüestansicht. Vgl. Abb. utitc' 



KATH. PFARRKIRCHE IN LUDWIGSMOOS 
iitui nächste Seite. — Text S. Sj 



ARCHITEKT FRANZ BAUMANN 



85 




FRANZ BAÜMANN 

Text ituteti 

In der hübschen katholischen Pfarrkirche zu 



KATH. PFARRKIRCHE IX LUDWIGSMOOS 



Ludwigsmoos hat Architekt Franz Bau- 
mann-München einen einfachen Bau im 
engen Anschluß an die schlichten, landschaft- 
lichen Reize der Umgebung erstehen lassen 
(Abb. S. 84 — 87). Das flache Donaumoos 
verfügt über nur bescheidene 
Naturschönheiten. Sie liegen 
vor allem in dem zarten Grün 
der Birkenbestände, in dem 
Saftgrün der von Kanälen 
durchzogenen Wiesen, in 
den Licht- und Lufteff"ekten, 
die durch Nebel und Sonne 
in so eigenartiger Weise 
hervorgerufen werden. Auf 
grünem Plan, umgeben von 
einem Birkenhain, erhebt sich 
das blendweiße Mauerwerk 
unsrer Kirche, überragt von 
dem kuppelbekrönten West- 
turm. So schlicht wie die Ge- 
gend, so schlicht die bauliche 
Anlage. Auch im Innern ist 
die architektonische Gestal- 
tung denkbarst einfach. Es 
ist ein glücklicher Gedanke 
des Baumeisters gewesen, von 
allem irgendwie reicheren. 




PFARRKIRCHE IS" LUDWIGSMOOS 
Querschnitt gegen das Presbyterium 



architektonischen Beiwerk, wie Pilastern, Gurt- 
bögen usw. abzusehen. Dafür belebte er aber 
in Zusammenarbeit mit dem Münchener Kunst- 
maler Karl Troll das sogar nüchterne Raum- 
gerüste mit reich-spielender, dekorativer Ma- 
lerei. Aber auch hier kein Übermaß. Gerade 
die stärkere Betonung ge- 
wisser Teile des Raumes mit 
farbiger Kraft, wie die ßroka- 
tierungen im Chor- und Altar- 
bogen, bei sonst kalkweißem 
Grundton großer Flächen 
wirkt künstlerisch fein und 
stimmt anmutig. Die For- 
menwelt des dekorativen De- 
tails folgt am ehesten der Ma- 
nier des späten Barock mit 
Übergang zum früheren Ro- 
koko, behauptet sich aber in 
manchen Zügen selbständig 
und bringt sogar zuweilen 
ganz neu erfundene Motive. 
So wirken das laubenartige 
Ineinandergreifen der Ran- 
ken und Blumengewinde am 
Gewölbe des Altarraumes 
und das sorglose, kecke Ein- 
greifen der Strahlengloriole 
am Gewölbescheitel mitten 



86 



^S ARCHITEKT FRANZ BAUMANN S^ 




S. 88). Der Bau 
stammt in seinem 
Entwurf von Emil 
Leyk;aut und wur- 
de dann durch Ar- 
chitekt Baumann 
und 
Die 



fertiggestellt 



FRANZ BAUMAKN 



Ostänsichi. 



KATH. 

Text S. Sj 



in die luftige Laube ganz besonders eigenartig 
und originell. Die Kirche, die 425 Sitzplätze 
aufweist, erforderte nur eine Bausumme von 
42000 Mark. 

Eine andere Kirche ländlicher Art ist die 
im heurigen Frühjahr ausgeführte Kapelle 
Brück bei Neuburg an der Donau (Abb. 




emgerichtet. 
Ausführung der In- 
nenausstattung lag 
in den Händen von 
Kunstmaler Karl 
Troll und Schrei- 
nermeister Scheid 
ausNeuburga.d. Do- 
nau. Auch hier wie- 
derum eine archi- 
tektonisch äußerst 
bescheidene bauli- 
che Anlage, deren 
Inneres in ihrem 
lustigen Dekor so- 
gar festlichen Reich- 
tum aufweist. Ist 
hier auch die Art 
des Rokoko stark 
zu leihen genom- 
men, so macht sich 
doch in vielen Ein- 
zelheiten ein frei 
und selbständig sich 
betätigender De- 
korationsgeist be- 
merkbar, der vor allem durch phantasievolle 
Keckheit frisch und ursprünglich wirkt. 

Nach dem Entwurf von Bau mann wurde 
für die iürsterzbischöfliche Seminar-Kapelle in 
Kre msier (Mähren) ein A^ltar gefertigt. Die 
Ausführung der verschiedenen Arbeiten von 
ihm lag in den Händen der Münchener 

Schreiner werkstäts 
ten, des Bildhauer- 
Fischerund Kunst- 
malers Karl Troll 
(Abb. nach 5.88)'). 

Der verfügbare 
Raum ist in bezug 
auf seine Dimen- 
sionen bescheiden, 
namentlich ist seine 



PFARRKIRCHE IX LUDWIGSMOOS 



GRUNDRISS DER KATH. PFARRKIRCHE IK LUDWIGSMOOS. Vgl. oben 



') Als Altarbild ist der 
hl. Stanislaus Koska an- 
gebracht, nicht das Bild 
iCacilia von Schleib- 
ner, welches dieser Mei- 
ster dem Kirchenbau- 
verein Hallstadt schenkte 
und das verkäuflich ist. 
D.R. 



87 




Itiitenansicht nach voritf 
o o Text S. Ss 'ttid Sä oo 



»a <a /a <a (S FRANZ BAUMANN 'S <a o «> (a 
KATH. PFARRKIRCHE IN LUDWIGSMOOS 



88 



^ ARCHITEEvT FRANZ BAUMANN 




FRAXZ BAUMANN 



KAPELLE IN BRÜCK BEI NEUBURG 



Gesamtansicht des Ijnierii. — Text S. So 



Höhe sehr gering. Diesen Verhältnissen 
mußte Rechnung getragen werden. Der Auf- 
bau des Altars erweist sich als ein liebens- 
würdiges, im Charakter des späteren Barock 
um 1700 gehaltenes, aber doch frei durch- 
geführtes Werk. Ein großer Reiz liegt auch 
in der originell behandelten Marmorierung 
seines Aufbaues, deren Leuchtkraft in V'er- 
bindung mit dem Glanzgold der Schnitzereien 
eine vorzügliche Wirkung erzielt. 

Die Lösung des großen Konkurrenzprojek- 
tes der katholischen Pfarrkirche St. Johann in 
Saarbrücken durch Architekt Bauniann 
repräsentiert zweifellos auf dem Gebiete des 
m odernen Kirch enbaues eine tüchtige Leistung. 
Das Preisgericht erkannte dem Entwürfe einen 
ersten Preis zu. Zweckmäßigkeit des Baues und 
Befriedigung der kirchlichen Bedürfnisse, — 
die ersten und vorzüglichsten Voraussetzungen 
eines Kirchenneubaues — vereinen sich mit 
künstlerischen Qualitäten, die zunächst in der 
geschickten Ausnützung des Bauterrains wie 
in der guten Eingliederung in das Stadtbild 
Saarbrücken zutage treten (Abb. S. 89 — 92). 
Eine Fülle baulicher Details verleiht dem 
gesamten Architekturbilde Leben und Kraft. Die 
architektonische Geschlossenheit der eigent- 
lichen Kirche — Chor, Langhaus und Turm — 
erhält durch die Anbauten der Sakristeien, 
der Marien- und Taufkapelle, dann durch die 
Anlage einer Art Paradies, das zur Kriegerge- 
dächtniskapelle hinüberführt, von sonstigen 



Nebenräumen reiche Abwechslung. Manche 
reizvolle bauliche Motive sind dadurch erzielt 
worden. Die ganze Anlage überragt dominie- 
rend der südlich vom Chorbau aufsteigende 
Turm. Derselbe erfährt durch den Figuren- 
kranz, der auf hohen, den Hauptbau wirkungs- 
voll gliedernden lisenenartigen Streben ange- 
ordnet ist, eine eigenartige dekorative Lösung. 

In dem Entwürfe zu einem Restaurant 
■■Waldheim Mühltal« tritt uns ein anmu- 
tiges Landhaus entgegen, das sich hübsch in 
die Landschaft einfügt (Abb. S. 94). 

Auch Entwürfe zu kunstgewerblichen 
Arbeiten stammen aus der Hand Baumanns. 
Die kirchlichen Geräte, die in Abbildungen 
vorliegen, zeichnen sich durch Einfachheit 
und Würde in der Form aus. Im Dekor 
herrschen Freiheit und Selbständigkeit. Die 
Ausführung besorgte der Münchener Gold- 
schmied Hans Igl (Abb. S. 95). 

An weiteren Arbeiten Baumanns seien 
nur kurz noch genannt der Entwurf zum 
Umbau der Pfarrkirche Großmehring, der 
bereits in der heurigen Jahresmappe der Deut- 
schen Gesellschaft für christliche Kunst publi- 
ziert ist, ferner die Renovierung der Pfarrkirche 
in Eber fing bei Weilheim, eines sehr wir- 
kungsvollen, im Geiste des Stuckdekors der 
Münchener St. Michaelskirche gehaltenen 
Kircheninterieurs mit feinen klassizistischen 
Stuckmarmoraltären, sowie eine Reihe von 
kirchlichen und profanen Inneneinrichtungen. 




J^ -J^'^r ^^ Jp^ 



In der fUrsterzbischöfl. Seminarkapelle 
zu Kremsier in l\/lähren. — Text S. BS 



FRANZ BAUMANN 
® HOCHALTAR ® 



e^ GROSSE BERLINER KÜNSTAUSSTELLUNG 191 3 ^3 



89 



GROSSE 

BERLINER KUNSTAUSSTELLUNG 19 13 

Von Dr. Hans Schmidkunz (BerlinHalensee) 

ps ist auch diesmal im Grunde wie früher. Nur hat 
das Regierungsjuhilium des Kaisers eine ein wenig 
andere Verteilung der Massen veranlaßt. Die durch das 
Jubiläum bezeiclineteti 25 Jahre sollten rückschauend 
zusammengefaßt werden. Ist aber eine solche Zusammen- 
stellungso unsystematisch wie diese, die »nur gute Werke, 
wie sie zu haben w-aren nach den Orten ihrer Entstehung, 
vorführen« soll, so verwirrt sie mehr, als sie klärt. Daß 
von den deutschen Secessionen die Berliner sich aus- 
schloß, fällt freilich dieser zur Last. Störender ist, daß 
von den rückschauenden Teilen der Ausstellung die 
übrigen äußerlich getrennt und zeithch wie auch innerlich 
doch nicht sehr verschieden sind, ausgenommen etliche 
alte Bekannte, die man dort findet. Man hätte ruhig 
Früheres und Gegenwärtiges nach Städten zusammen- 
hängen können. Dazu kommt noch eine große Un- 
zulänglichkeit und Unverläßlichkeit des schon bisher 
nicht gut angelegten Kataloges, die seinen Benutzer zu 
fortwährenden Nacharbeiten zwingt. 

Jede der hier vertretenen vier Künste ist in mehreren 
.\bteilungen gruppiert. Die >Archi t ek tur« in vier: 
in eine Sammlung von Modellen, Photographien und 
Plänen hervorragender profaner und kirchlicher Bauten, 



an denen der Kaiser besonderes Interesse genommen ; 
sodann eine sehr breite »Deutsch-Nationale Architektur- 
Abteilung« (nämHch allerlei Aheres und Neueres); 
endlich zwei Einer Kollektionen. An der Auswahl der 
Werke haben zahlreiche Ortsvertreter teilgenommen 
(für München R. Berndl). 

Die Kaiserbauten sind in einem neuen von B. Ebhardt 
ausgestatteten Saal untergebracht. Kaum etwas tritt aus 
ihnen als bedeutend hervor. .\m ehesten noch Kirch- 
liches : so neben dem wiederhergestellten Aachener 
Münster (vergl. »Die christl, Kunst« VIII. 11. über 
H. Schaper) die Stiftungskirche auf dem Ölberge 
bei Jerusalem von L. Hoffmann und von den Werken 
F. Schwechtens zwei Erlöserkirchen in der Rhein- 
gegend sowie die in altchristlichen Formen gehaltene 
»Erste deutsche evangelische Kirche nebst Pfarr- und 
Gemeindehaus in Rom«. Glasfenster für den Dom zu 
Münster von C. de Bouche lohnen ein Verweilen. 
Im Weltlichen ragt doch noch das Berliner Schloß trotz 
einigen unruhigen Prunkes über Neues empor. Das 
in Posen zeigt in der von .\. Oetken ausgearbeiteten 
Kapelle wenigstens gute Traditionsarbeit. Die Museums- 
Neubauten in Berlin lassen nach den jetzigen Proben 
Leidliches erwarten. Von den vielen in Kegierungsregie 
gearbeiteten Bauten, wie sie frühere .-\usstellungen reich- 
lich füllten, kommt hier wieder etliches, verantwortet 
von der Reichs-Post und Telegraphen-Verwaltung, ohne 
Nennung der Architekten. Was aber ist das für eine 




FR.^XZ B.\UM.^K.\-. GRUNDRISS DER KATH. PF.^RRKIRCHE ST. JOHANN' IN SAARBRÜCKEN 

Text S. SS 



Die christliche Kunst. X. 3. 



90 



GROSSE BERLINER KUNSTAUSSTELLUNG 191 3 




FRANZ BAUMANN 



PROJEKT FÜR DIE PFARRKIRCHE ST. JOHANN IN SAARBRÜCKEN 
Ldngiuscimitt. — Text S. SS 



Kunstpflege, die den Schaffenden im Bureau verschwinden 
laßt ' Was hat etwa W. R e c h e n h e r g. der Architekt 
des hübschen Postamtes im westpreußischen Marien- 
werder, verbrochen, daß man seinen Namen nur eben 
von der Abbildung mühsam ablesen muß? Überdies 
sieht man in allen Architel<turgruppen wieder, wie ge- 
recht und zweckmäßig es sein würde, wenn jedes Bau- 
werk den Namen seines Künstlers ganz deutlich ver- 




FRANÜ BAUMANN 



KIRCHENPROJ 
Querschnitt gegen das Preslyteriiitn. — 



zeichnet trüge. Dem obengenannten Ausstatter des Kaiser- 
saales ist ein eigener Raum zur Verfügung gestellt, etwas 
unklar in der Anreihung der Werke. Man hat dort und hier 
auch Gelegenheit, die Wiederherstellung der Hohkönigs- 
burg kennen zu lernen. An ihr läßt sich das Restau- 
rierungsproblem besonders gut verstehen. Zwar fehlen 
hier die Materialien, die das korrekte Vorgehen des 
Restaurators beweisen ; doch der gute Emdruck, den 
jetzt die Details machen, und die Evidenz des Rech- 
tes für den Bauherrn, sich einen Privatsitz nach 
einer gegebenen Konsequenz zu gestalten, von dem 
Vorzug und Vorteil der Pflege des nationalen 
Interesses gar nicht zu sprechen, lassen alles mit 
rechten Dingen zugehen. Kommt man aber dann 
nach dem Elsaß selbst und beweist den Bewohnern 
unwiderleglich, daß tadellos vorgegangen wurde, so 
fehlt's an nichts als daran, daß dem Lande sein lieb- 
ster landschaftshistorischer Besitz totgemacht ist, 
daß »niemand< mehr hingeht. — Die andere Sonder- 
ausstellung, die von L. Hoffmann, einem der 
getreuesten Arbeiter im Dienste mannigfaltigsten 
Bedarfes, zeigt in Formen von Gotik bis zu Barock, 
daß die Stadt Berlin mit ihrem neuen Stadthaus 
u. a. wenigstens mehr 
Vernunft als Prunk auf- 
bietet. 

Die »Deutsch-Natio- 
nale«, in fünf ausgedehn- 
ten Räumen so durch- 
einander und uninteres- 
sant wie möglich unter- 
gebracht, wurde von O. 
M a r c h und nach seinem 
Tode von W. Brurein 
hergestellt. Eins tritt bald 
hervor: auch die Bau- 
kunst ist aus dem »Ate- 
lier« hinausgegangen an 
die > Freiluft«. In den 
Kunstformen ist das 
Meiste allerdings ent- 
EKT ST. JOHANN, SAARBRÜCKEN weder ein Fortspinnen 
Text S. SS alter Fäden oder jene 



^9 GROSSE BERLINER KUNSTAUSSTELLUNG 1913 e^ 



91 




FRANZ BAUMANN 



PROJEKT FÜR DIE PFARKKIRCHE ST. JOHANN IN SAARBRÜCKEN 
Perspektivische Außenattsiciit. — Text S. SS 



Forcierung moderner Liebhabereien, die ein Baumotiv, 
zumal ein möglichst dünnliniges, bis zur Erschöpfung 
des Beschauers gleichförmig fortlaufend wiederholt. 
Warenhäuser und ähnliche Xutzbauten verleiten dazu 
besonders, obwohl da W. Kreis und A. Messel 
die Möglichkeit einiger Abwechslung zeigen. Aber 
auch sonst gibt es diesen Wiederholungswahn : so 
in H. Sexauers Studie zum Ausbau des Marktplat- 
zes zu Karlsruhe und in Entwürfen für eine Umge- 
staltung des seelenlos breiten Königsplatzes zu Berln. 
Daß er einer Verengerung bedarf, zeigen wohl alle 
ausgestellten Entwürfe; nicht jeder kommt über eine 
Zerrissenheit hinaus; am geschlossensten und am wenig- 
sten einförmig ist der von Brurein. Auch die viel- 
berufenen Projekte fürs Berliner Opernhaus zeigen 
Wiederholungsforce. — Nicht immer lassen die Dar- 
stellungen erkennen, ob es sich um Entwurf oder um 
Ausfuhrung handelt, und nicht immer kann diese Lücke 
der Beschauer aus eigenen Kenntnissen erg.mzen ; ebenso 
fehlt manchmal Aufschluß, ob Neues oder Erneuertes 
vorliegt. 

Versuchen wir trotz allem, aus der dargebotenen 
Fülle einiges herauszugreifen, so zeigen kirchliche 
Bauten wenigstens eine große Spannweite von ältesten 
bis zu neuesten Formen. Der gotische Dom zu Meißen 
wird uns mit der interessanten Ergänzungsarbeit des 
verstorbenen K. Schäfer vorgeführt; über die weiteren 
Arbeiten an ihm (ich glaube, von H. Härtung und 
C. Diestel) erfahren wir nichts. Bemühungen wie die 
von G. Kutzke, die Turmformen der Provinz Sachsen 
zusammenzustellen, verdienen jedenfalls Beachtung. Die 



Leistung H. v. S c h m i d ts an Notre Dame im belgisclien 
Laeken (1903 — 1906) ist wohl eine Fortsetzung der 
Poelart sehen Erneuerungsarbeit. Wenn wir unter 
den mehr historiscli schaffenden .\rchitekten den t C. H e h 1 
mit seiner evangelischen Garnisonskirche zu Hannover 
hervorheben dürlen, so gebührt unter den modern 
Schaffenden eine ernste Rühmung wohl H. Poelzig 
mit seiner eigenartigen Pfarrkirche in Maltsch. Für 
Dresden wurde viel Gutes geleistet von Schilling 
und Gräbner und von P. Bender (Andreaskirche 
mit ruhig massigen Barockformen:. Ebenso für Köln 
von E. Endler und von S. Mattar (vergl. >Die 
christl. Kunst« IX, 7), für Darmstadt von F. Pützer, 
für Stuttgart von M. Elsaesser, für Jerusalem von 
H. Renard '.Marienkirche). Lange könnten wir dabei 
verweilen, daß Altbewährte wie G. v. Seidl sich vor 
anderen mannigfach bewähren. 

Dies gilt auch von O. March, und zugleich gilt es 
von ihm in den weltlichen Bauten, wo neben dem 
neuen >Deutschen Stadion« im Berliner Grunewald 
besonders seine hübschen Dielen von Villen hervor- 
treten, während sonst Innenarchitektur nur dürftig und 
alles, was Wohnungsreform und dergleichen ist, an- 
sclieinend gar nicht kommt. Im übrigen zeichnet sich 
auch da H. Poelzig aus, weniger durch sein Breslauer 
.\u5stellungswerk als durch verschiedene Bauten für 
Technisches :;z B. Chemische Fabrik in Posen;, durch 
sein in der Tradition doch wieder eigenartiges Rathaus 
in Loewenberg ^wahrscheinlich dem schlesischen, dessen 
altes Rathaus jetzt anderem dient) und durch seine be- 
kannte trauliche Dachform an einem Landhaus. Villen 



92 




FRANZ BAUMANN, PROJEKT FÜR DIE PFARRKIRCHE ST. JOHANN IN SAARBRÜCKEN 
Aufnahmen nach dem Modell, — Text S, SS. — Oben Ostansicht, unten Siidansicht 



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93 




FRANZ BACMANK, BAUERXZIMMER (oben) ÜKD SCHLAFZIMMER (unten) 
IM SCHLOSS NIEDERNFELS 




94 



^ GROSSE BERLINER KUNSTAUSSTELLUNG 191 3 ^ 




FRANZ BAUMANN' 



RESTAURATION WALDHEIM 



In Mühltal bei München. — Text S. SS 



u. dgl. sind begreiflicherweise überhaupt begünstigt. 
Als Verstorbene mögen hier voranstehen William 
Müller mit Jagdliausern usw. und C. Walter mit 
ninem Restaurant Tucherhaus ; doch auch A. Geßner, 
A. Keller, C. Moritz (neben seinem eigenen Haus 
ein Banlivereinsbau in Düsseldorf) verdienen Notiz. Im 
staatlichen und gemeindlichen Bauwesen blicken wir 
ebenfalls einigen Verstorbenen mit Interesse nach. Von 
J. Habicht wurden nicht nur in der >Großen?., sondern 
auch in einer Sonderausstellung des Kunstgewerbe- 
museums zalilreiche Reichsbankbauten vorgeführt ; sie 
zeigen meist im ganzen eine ruhige Vornehmheit, mit 
etwas viel großen antiken Säulen, leisen Barock-, etli- 
chen Empire- und im übrigen modernen Formen. Da- 
hingeschieden sind nun auch, auf Schaft'enshöhe, die 
Berliner P. Schmalz und R. Kiel, deren verschiedene 
öffentliche Bauten ihre Rühmung wohl rechtfertigen. .\n 
Stelle des zur .\usfülirung bestimmten, ziemlich allgemein 
enttäuschenden Rathausprojektes für Berlin-Wilmersdorf 
erscheint diesmal ein wertvoller Entwurf (auch zu einer 
Höheren Töchterschule,! des um Berliner Stadtebau- 
mühen besonders verdienten H. Jansen. Für Picheis- 
werder bei Berlin entwarf .A. Hartmann einen National- 
park (der den Ehrenpreis der Stadt Berlin erhielt». Für 
Dresden machte einen Viehhof H. Erlwein. Ins Tech- 
nischeste führen mehrere Brücken von T. Fischer, 
von F. v. Thiersch, von B. Möhring mit viel 
Wucht und eine gegen diese viel schönere von A. G re- 
nander. Der Kanal Ems-Hannover interessiert besonders 
durch seine Schleusen und Brücken sowie durch seine 
Ueberführung über die Weser. Ein Brunnen in Hannover 
von O. Lüer, die sogenannte Gönneranlage in Baden- 
Baden von M Läuger, Neubauten des niedergebrannten 
Stadtteiles in Duderstadt (Eichsfeld) von W. v. Tettau, 



ein hübsch geschlossener Bau zur Erweiterung der 
Universität Breslau von K. Grosser, die Universitäts- 
bibliothek Tübingen von P. Bonatz und — wenn auch 
niclit erst zu rühmen — das Münchener Waisenhaus von 
H. Gras sei fesseln den durch die Objektmassen sich 
Hindurchwindenden. Was das > Landesmuseum .München « 
(Hannover:-! von H. Schädtler sein soll, erfährt man 
nicht. — In Glasfenstern stellt R. Boehland die sechs 
Sommermonate durch Tierkreisliguren dar. 

Mit Grabmälern u. dgl. nähern wir uns wieder kirch- 
licher Kunst. Kirchenbauten finden sich neben viel 
Weltlichem auch bei den — in der .\rchitekturabteilung 
nebeneinander gruppierten — Oesterreichern. Dabei tritt 
wohl am günstigsten F. Ohmann hervor. Wer sich 
an den bekannten duadratln, Brettln und Bandln freut, 
hat dazu vor J. Hofmann, O. Wagner u. A. Ge- 
legenheit. Von slawischen N'amen aus Prag erscheinen, 
und zwar alle mit stark modernen Linienformen: J.Ko t^ra 
(Rektor der Prager Kunstakademie) mit Museum in 
Königgrätz u. a., J. Gocär mit Geschäftshäusern usw. 
und O. Novotny mit Kirchenstudien u. a. 

Die heutige enge Verbindung der Architektur mit 
der Plastik tritt diesmal wenig hervor, ausgenommen 
etwa daran erinnernde Werke F. Metzners mit ihrer 
künstlich flächigen Art; oder man kann sie aus den aus- 
gestellten Objekten nicht sicher entnehmen. Ueberdies 
kommt deutsches Land außerhalb Berlins erst recht 
wenig zur Geltung. Das Rückschauende spielt als 
solches eine so geringe Rolle, daß wir es besser mit 
dem zahlreichen Übrigen zusammen behandeln. 

In jenem findet sich allerdings ein so bedeutendes 
und von Spezialfreunden so sehr gescliätztes Werk wie 
P. Breuers »Lasset die Kindlein zu mir kommen« 
An neuerem Religiösen reiht sich nur weniges an. 



GROSSE BERLINER KUNSTAUSSTELLUNG 191 3 eSiS 



95 




ZWEI KELCHE, ENTWORFEN VON FRANZ BAUMANN, AUSGEFÜHRT VON GOLDSCHMIED IGL IN MÜNCHEN. 

Text S. SS. 



J. Hart mann bringt ein sinniges keramisches Altar- 
relief, darstellend einen Kruzifixus mit einem Arbeiter 
und einer Arbeiterin zur Seite. Der »Betende Knabe< 
von H. Engel macht einen künstlerisch ernsteren Ein- 
druck als O. Meyers »Betendes Kinde; damit und 
mit J. Tibors »Madonna« stehen wir bereits dem 
nahe, was man als Gebetskitsch bezeichnen könnte. 
Anders hinwieder die Grabreliefs von W. Haver- 
kamp »Abschied« und »Wiedersehen«. 

Die Holzplastik, im Vorjahr und jetzt in einer Künst- 
lerhaus-Ausslellung reichlich vertreten, erscheint dies- 
mal nur nebenbei. Religiös zeigt sie sich in A. 
Dahlkes »Christophorus«, welches Werk der Wucht 
des Themas durch ein Streben nach ruhiger Flächen- 
größe gerecht zu werden sucht. Weltlich erscheint sie 
vor allem in Portratbüsten usw. dell' Antonios, in 
(etwas gar primitiven) Porträtplaketten J. Senoners, 
in Charakterstückchen u.dgl. von A. Cassmann und 
J. Drexler (zu dem Typus gehörend, der für die 
Holzbildkunst leicht gefährlich werden kann) und einem 
„Kater" von A. Puchegger mit dem modernen 
Zuge nach Konzentration auf wenige glatte Flächen. 

Beim Versuch, die durch tiefergehenden Ausdruck 
hervortretenden Plastikwetke zu notieren, fallen uns be- 
sonders Darstellungen von Mutter und Kind auf. So 
von J. Boese und G. Elster sowie die »Arbeiter- 
mutter« von H.J. Pageis. Die fröhlichen »Geschwister« 
von E. Wenck mögen hier angereiht sein. Besondere 
Seelenzustände stellen dar: A. Jürgens mit »Ver- 
lassen«; G. Schreyögg mit »Sieger« und H. Arn- 
heim mit »Besiegt«; C. Riemann mit einem als 
»Das Weib« bezeichneten Hochmutsausdruck. Kind- 
liche Lust erscheint in E. Bernardins Knaben- und 



Mädchengruppe für eine Brunnenanlage, betitelt »Jung 
Holland« und in dem »Schnecktnreiterbrunnen« von 
G. Janensch. Historisches kommt durch M. Wolffs 
»Brutus«; Symbolisches durch H. Hosaeus' »Justi- 
tia« ; Mythologisches durch den »Meertyrann« von E. 
Herter (der auch ein Plakettenmodell bringt); Genre- 
haftes durch M. Baumbachs »Der Bildhauer«, F. 
Heinemanns »Brandenburger Kaufmann« und G. 
v. Bochmanns »Der Schiffsjunge«. Themata wie 
»Jugend« V. H. Haase-Ilsenburg und die »Last 
des Lebens« (abermals das Zweimenschenmotiv) von 

E. R einker kehren immer wieder; ebenso Akte ; unter 
diesen erscheint uns P. G. Hüttigs »Weibliche Figur« 
besonders gut gemacht. 

An den »Weiblichen Studienkopf« von C. Klinge 
schliefen wir endlich noch bessere Porträtleistungen an. 
So den Kardinal RampoUa von W. Lobach, den C. 

F. Meyer von A. Bermann, einen Männerkopf von 
J. Genthe, die Großmutterbüste von S. Kevsser 
und eine unbezeichnete Frau in einem Thronsessel 
(592 a, nicht im Katalog). In dem Porträtrelief von 
P. Schulz vereinigen sich eine melir plastische und 
eine mehr malerische Richtung. M. Wies es Porträt- 
plaketten sind in Porzellan ausgeführt. Eigenartige 
keramische Figuren in der Weimarer Gruppe sind weder 
bezeichnet noch katalogisiert. 

In der Graphik scheint uns noch mehr als bei den 
vorangehenden Ausstellungen das Bedeutendste geleistet 
zu sein. Auch hier rechtfertigt sich kaum die Scheidung 
des Rückschauenden vom Sonstigen, wohl aber dies, 
daß einem der Meisterhaftesten, F. Schmutzer, ein 
eigener Saal eingeräumt wurde. 

Um die notgedrungene Länge dieses Berichtes etwas 



96 



^S GROSSE BERLINER KUNSTAUSSTELLUNG 1913 ^ 




HANS HEIDER (MÜNCHEN) 



XI. htter}tatioftale KunstaitssicUtatg im Glmpalast München ig 13 



ZU mildern, begnügen wir uns hier mit der Versicherung, 
daß sich die Ergebnisse der Vorjahre fortsetzen und 
wohl noch steigern, zumal im Kupferstich, sowie mit 
einem Hinweis auf einiges Religiöse. Abgesehen etwa 
von einer Schmutzerschen Zeichnung »Madonn.i< liommt 
dafür besonders die Radierung in Betracht. Voran steht 
(anscheinend aus dem Jahre 1890) ein wenn auch 
in den Gesichtern noch wenig durchgearbeitetes, so 
doch sonst überrascliend reichhaltiges Blatt von C.Paczka 
»Vision Maria Mater consolatrixt. Das >VerIorene Para- 
diese von G. Jahn zeigt, daß auch Akte mit tiefer- 
gehendem Ausdruck dargestellt werden können. Hell- 
dunkelstimmung herrscht in M. van Eykens »Rückkehr 
des verlorenen Sohnes«, viel Körper- und Gesichts- 
bewegung in M. Coschells »Christus in Galiläa«; 
L. Wallners »Predigt« und G. Vowes »Nonne« 
schließen sich an. Fast wie Schabkunst sieht. G. Spittas 
»Marienbild« aus. 

Ein besonderer Meister der Lithographie, C. Kapp- 
stein, stellt u.a. unter dem Titel »Vergänglichkeit« 
die Kapuzinerkatakomben Palermos in eindringlicher 
Weise dar. (Seinen wiederum erfreuenden »Monotypien« 
schließt sich anscheinend das an, was der Katalog von 
A. Roegels unter dem merkwürdigen Namen »Monoty- 
prägungi anführt.) 

Inmitten der graphischen Stücke finden sich auch 
Malereien eingereiht. So der dekorativ und fast nur 
ornamental gehaltene »Christus« in Kaseinfarbe von 
A. Trieb, wozu gleich berichtet sei, daß in der all- 
gemeinen Gemäldeabteilung S. Lucius einen »Paulus 



auf dem Areopag« mit derselben, neuerdings immer 
vielseitiger gerühmten Technik bringt, und ebenso in 
der Weimarer Abteilung A. Egger- Lienz ein wuch- 
tiges Bild »Das Leben«. Nicht nur Tempera scheint 
jeczt wieder beliebter zu werden (F. Desclabissac mit 
gut farbigen »Bäuerinnen« >, sondern auch die Oeltempera 
(in der graphischen Abteilung von F. Winkelmann). 
In der eigentlichen Malerei treten die rückschauenden 
Gruppen geschlossener und reichlicher hervor, so daß 
sie besser eigens überblickt werden können. So besonders 
die Sammlungen G. Schönleber und F.Stuck. Im 
ganzen handelt sich's um bekannte Dinge, allerdings 
mit einem nun besonders stark hervortretenden Gegen- 
satze zwischen den beiden Künstlern. Erwähnen wir 
noch, daß unter den religiöse Stoffe behandelnden 
Bildern Stucks zwar nicht die Pietä, wohl aber »Am 
Kreuze«, »Kreuzigung«, »Das verlorene Paradies« und 
»Inferno« zu sehen sind, so haben wir neben dem 
großen Landschafter auch dem üppigen Szeniker ge- 
nuggetan. 

(Schluß folgt.) 



DER PIONIER 

Illustrierte Monatsblälter für christliche Kunst, praktische 
Kunstfragen und kirchliches Kunsthandwerk. Verlag 
der Gesellschaft für christliche Kunst, München. Preis 
des Jahrgangs inkl. Frankozustellung M. 5. — . Format 
der vorliegenden Zeitschrift. Redaktion: S. Staudhamer. 



BEILAGE 



DÜSSELDORFER KUNSTBERICHT. — VERMISCHTE NACHRICHTEN 



17 



DÜSSELDORFER KUNSTBERICHT 

■P)ie Kunstausstellungen bilden im Rahmen unseres 
heutigen Kunstlebens einen unentbehrlichen Faktor. 
Die Künstler bedürfen solcher Einrichtungen, die ihnen 
einigermaßen Gelegenheit bieten, ihre Fähigkeiten zu 
verwerten und sie dem kaufkräftigen Publikum auch des 
öfteren vorzuführen. Deshalb gilt es neben dem künst- 
lerischen Fazit, das man bei einer Ausstellung zieht, 
nicht auch das materielle, wirtschaftliche Ergebnis außer 
acht zu lassen. Wir haben schon in unseren Berichten 
über die :> Große Kunstausstellung« feststellen müssen, 
daß das erstere kein sonderlich hervorragendes ist. Nach- 
dem nun diesen Monat die Kunstschau endgültig ihre 
Pforten geschlossen hat, läßt sich übersehen, wieweit 
sie den Ausstellern einen wirtschaftlichen Nutzen ge- 
bracht hat. Leider entspricht derselbe nicht den gehegten 
Erwartungen, indem von den 2099 ausgestellten Kunst- 
werken bisher nur zirka 196 Ölgemälde und Aquarelle, 
15 Plastiken und 96 graphische Arbeiten in Galerie- 
bzw. Privatbesitz übergegangen sind. Dieses nicht sehr 
günstige Ergebnis ist zweifellos durch die Depression 
beeinflußt worden, die augenblicklich unser Wirtschafts- 
leben kennzeichnet und die Kaufkraft und Kauffreudig- 
keit des Publikums beeinträchtigt. Es ist nicht gerade 
zu besorgen, daß ein erwachendes Talent durch Nicht- 
beachtung seitens der Öffentlichkeit dauernd zu Schaden 
kommen könnte, aber man muß sich vor dem Glauben 
hüten, als ob ein großes Können auch in einem großen 
materiellen Erfolg eine seines Wertes würdige Aner- 
kennung finden müßte. 

Aus den hiesigen Kunstausstellungen ist ein Versuch 
erwähnenswert, für eine größere Zahl von Werken der 
Barbizon-Schule Interesse zu erwecken. Wir lassen dahin- 
gestellt, ob dieses Experiment gelungen ist. Jedenfalls 
wäre es wunderbar genug, denn in der Hauptsache 
rekrutierte sich die Kollektion aus Ramschware, %lDn 
Milletschen Zeichnungen und einigen kleineren Sachen 
von Isabey, .Monticelli, Poyon abgesehen. 

Problematisch ist das jüngste Kunstdenkmal, das die 
Stadt Düsseldorf in Gestalt des Industriebrunnens 
erhalten hat. Die Lage an einem breiten Strome bietet für 
einen Architekten, Bildhauer, Denkmalskünsiler immer 
eine dankbare Aufgabe. Es gilt hier einen Kampf mit 
der Wirkung aufzunehmen, die eine große L^mgebung 
immer ausübt. Niclit daß es sich darum handelte, diese 
Wirkung aufzuheben oder niederzuringen ; der Sieg ge- 
hört vielmehr dem Künstler dann, wenn es ihm gelingt, 
diese Wirkung zu steigern, indem er Natur und Kunst 
im besten Sinne des Wortes einander verbindet und 
durchdringt. Diese Aufgabe haben die Schöpfer des 
Industriebrunnens nicht vollgültig gelöst. Der an und 
für sich glückhche Entwurf ist in der flachen Umgebung 
durch seine zu kleinen Ausmaße um seine große Wir- 
kung gekommen und wirkt keineswegs als eine Ver- 
körperung des industriellen Lebens der Stadt, als welche 
der Brunnen doch sicherlich gedacht war. Die einzelnen 
Figuren allerdings, aus denen sich das Werk zusammen- 
setzt, sind von großer Schönheit durch die kraftvolle 
Behandlung der menschlichen Leiber und ihrer Gebärde- 
sprache. — Ein dankbareres Objekt findet der künstlerisch 
empfindende Beschauer in der neuen St. Pauluskirche, 
mit deren Erbauung ihr .Architekt Prof. J. Kleesattel 
(Düsseldorf) seinen bisherigen Düsseldorfer Kirchen- 
schöpfungen eine wertvolle Bereicherung hinzugefügt 
hat. Wenn Düsseldorf auch kaum eine Kirche sein Eigen 
nennt, der ein besonderes kunsthistorisches Interesse 
anhaftet, so kann es sich dafür rühmen, in den letzten 
Jahren eine Reihe von neuen Kirchen erhalten zu haben, 
die als Schöpfungen eines gesunden konservativen Kunst- 
fortschritts angesprochen werden dürfen. Wir verstehen 
hierunter die solide, verständnisvolle Durchbildung eines 



der großen Baustile, wo ein solcher gewählt ist, und 
\yeiterhin den Versuch, in Zusammenklang mit den alten 
Überlieferungen neue, moderne Stilempfindungen zu 
Worte kommen zu lassen. Man kann diesen Fortschritt, 
den die Düsseldorfer Kirchenneubauten unverkennbar 
aufweisen, nur begrüßen. Bei der Pauluskirche handelt es 
sich darum, den weniger gepflegten Basihkenstil wieder 
einmal zu Ehren kommen zu lassen. Die hier gestellte 
Aufgabe hat Prof. Kleesattel sehr glücklich gelöst. Sein 
sicheres, das Wesen eines Stils erfassendes Kunstempfinden, 
das er in seinen bisherigen Schöpfungen schon viel- 
fach darzutun Gelegenheit hatte, ließ ihn auch diese 
Aufgabe mit großem Geschick lösen. Ganz besonders 
möchten wir die Wirkung hervorheben, die die Längs- 
seiten und die Behandlung der Chorpartie von außen 
dem Beschauer bietet. Störend wirkt nur die wenig stil- 
volle Umgebung der kasernenartig gebautenWohnhäuser, 
deren unglückhche Wirkung besonders lebhaft zur Gel- 
, tung kommt bei einem Vergleich mit der im romani- 
schen Stil erbauten Pastorat, die wenigstens auf der einen 
Seite die harmonische Stilwirkung wahrt. Hp. 

VERMISCHTE NACHRICHTEN 

Denkmal-Pflege und Erhaltung in Öster- 
reich. Auf .■\nregung des Erzherzogs-Thronfolgers 
Franz Ferdinand hat die Zentraldirektion für Denkmals- 
pflege in Österreich, deren Präsident der regierende 
Fürst Liechtenstein ist, einen Erlaß an ihre Korrespon- 
denten und Konservatoren geschickt mit dem Inhalt, 
daß, wenn der Verkauf von Kunstwerken aus Privatbe- 
sitz unvermeidlich sei, die Besitzer sich an die Konser- 
vatoren und Korrespondenten wenden möchten, damit 
diese den Verkauf an ein öffentliches Museum des Lan- 
des vermitteln. Die Konservatoren sollen verpflichtet 
werden, bei allen ihnen bekannt werdenden Fällen 
drohenden Verkaufes der Behörde entsprechende Mit- 
teilung zu machen. 

Das Bismarck - Denkm al in Nürnberg, das 
nach dem Entwurf Professor Dr. Theodor Fischers 
am Prinzregenten-Ufer errichtet wird, geht seiner Voll- 
endung entgegen. Professor Josef Flossmann hat 
das Reiterstandbild des eisernen Kanzlers, das die groß- 
artige Anlage krönen wird, fertiggestellt. Das Denk- 
mal ist in einer Höhe von 5 Meter aus 15 Blöcken in 
Kirchheimer Muschelkalk aufgebaut und kommt auf 
einen 20 Meter hohen Sockel, aus dem gleichen Material, 
errichtet von der Firma Dyckerhoff & Widmann, zu 
stehen. Das Denkmal war in der zweiten Hälfte des 
Oktober der allgemeinen Besichtigung zugängig gemacht. 

Die Eröffnung neuer Säle in der Kaiser- 
lichen Gemäldegalerie in Wien. — Nachdem 
bereits Anfang Juli dieses Jahres die Säle III und IV 
und das anschließende Kabinett VI, welche jetzt die 
italienischen Gemälde der Barockzeit enthalten, eröffnet 
wurden, sind nunmehr wieder eine ganze Reihe von 
neu ausgestatteten Sälen dem Publikum zugänglich ge- 
macht worden, womit die Aufstellung der einen Hälfte 
der Sammlung beendet ist. Der mit grauem Stoff be- 
spannte Saal V enthält Gemälde des 16. Jahrhunderts 
aus verschiedenen Schulen und repräsentiert hauptsäch- 
lich die Kunst unter der Kaiserin Maria Theresia. Den 
größten Reiz des Saales machen die berühmten öster- 
reichischen Ansichten von Canaletto aus, wozu noch 
einige andere größere Gemälde kommen, darunter das 
prächtige Repräsentationsbildnis der Familie des Groß- 
herzogs von Toskana von Zoffani. Das nahegelegene 
Kabinett VII wie die folgenden Kabinette VIII und IX, 
gleichfalls grau bespannt, enthahen Werke des spani- 



i8 



BUCHERSCHAU 



sehen Schule des i6. und 17. Jahrhunderts. Der erste 
anschließende Raum des Kabinetts VIII vereinigt eine 
kleine Zahl der hervorragendsten Meisterwerke von Ve- 
lasquez. \'on den nächsten beiden kleineren Ab- 
teilungen füllen die eine kleinere, meist skizzenhaft be- 
handelte italienische Bilder der Barockzeit, die andere 
italienische und französische Gemälde des 18. Jahrhun- 
derts, darunter Werke von Tiepolo, Guardi, Du- 
plessis. Der eine Teil des Kabinetts IX enthält eine 
kleine Sammlung von Werken der englischen Schule, 
die fast alle erst in jüngster Zeit erworben worden sind. 
Bilder von Reynolds, Gainsborough, Raeburn, 
Hogarth. In den beiden folgenden Abteilungen sind 
Werke der österreichischen Schule des 18. Jahrhunderts 
aufgestellt, darunter eine Reihe von ausgezeichneten 
Skizzen heimatlicher Barockmaler. Im anstoßenden 
tiefroten Saale haben die dekorativ sehr wirksamen 
deutschen und österreichischen Gemälde des 17. und 
18. Jahrhunderts Platz gefunden. Im Saal VII, der grün _ 
ausgeschmückt ist, schheßen die deutschen und öster- ' 
reichischen Schulen des 15. und 16. Jahrhunderts an. 
Bilder von Burgkmair, Strigel, Cranach, einige 
neuangekaufte Altarvverke der Tiroler Schule aus dem 
Kreise Michael Fächers, die mächtigen Altarflügel 
des österreichischen Meisters Rueland Frueaut und 
andere. Das Kabinett X enthält außer einer Abteilung 
mit deutschen Bildern des 17. Jahrhunderts je einen 
kleineren Raum mit den Meisterwerken Holbeins und 
Dürers. Besonders des letzteren herrliches Aller- 
heiligenbild hat eine sehr günstige Beleuchtung erhalten, 
bei der die frühere Beschattung eines großen Teiles des 
Bildes durch die Rahmen verschwunden ist. Den Wiener 
Kunstfreunden ist durch die Eröffnung dieser neuen 
Säle ein außerordentlich großer Genuß und ein überaus 
umfangreiches Material zu Spezialstudien unserer her- 
vorragendsten alten Meister und ihrer Malweisen be- 
schieden worden. R. 

Die Jur\'freien haben im Münchener Palmenhaus gegen- 
über dem' Glaspalast heuer sicherlich einen schweren 
Standpunkt, wollen sie nicht als >quantit^ negligeablec 
behandelt sein. Den hypermodernen Charakter haben die 
Münchener jurvfreien Ausstellungen als Tummelfelder 
ultraradikalet Problematiker extravaganter oder imitieren- 
der Sorte verloren; statt dessen macht sich vielfach ein 
mählich vertrocknender, einzig noch braver naturalisieren- 
der Dilettantismus breit. Die Quintessenz: wie vorher, 
so muß man auch jetzt die brauchbaren Werke, hinter 
denen noch Talentchen oder Persönlichkeiten stecken, 
aus dem Ganzen heraussuchen ; und wie ehedem, so 
wird es uns auch heuer gelingen, diese zu finden und 
ihnen vor allem seien folgende Zeilen gewidmet; jedoch 
dürfen wir im Interesse des Geschmackes auch diesmal 
die bedenklichen Erscheinungen nicht verschweigen. Be- 
ginnen wir mit den nennenswerten figürlichen Dar- 
stellungen, so fallen uns die Bilder von Eugenie Bau- 
dell, Herda Carre, Fritz Gartz; der impressioni- 
stische Lösungen anstrebt, ferner Else Nixdorff, Si- 
donie Pich 1er und auch Blanch(i Willner. Kompo- 
sitionskünstler, die sich mit den Problemen der Moderne 
unserer Tage abgeben, sind vertreten zum Teil durch 
Werke beträchtlichen Formates, wenn wir auch nicht 
sagen können, daß es sich um hnear oder farbig Gereiftes 
handelt; ich nenne die Namen der in Frage kommenden 
Künstler: Joseph Hegenbarth -El hielten, Anton 
Massa und Herrn. Stenner. Unzulänglich möchten 
wir die Figurenmalereien von Mich. Braun, Johann 
Greve, M. v. Seydewitz (>Kreuzigung«) oder gar 
Anto n Siebner nennen, dessen Bild »wegen Ketzerei« 
inhaltlich wie auch darstellerisch unter das Kapitel »Ge- 
schmacklosigkeiten« zu zählen ist. Von den Bildnis- 
malern leisten Marg. Rudorff, Hans Schadow und 



besonders in malerisch-farbiger Hinsicht Hugo Schim- 
mel ganz Tüchtiges. An Landschaften fehlt es ge- 
wiß auch in dieser Ausstellung nicht; führen wir kurz 
die Arbeiten von Rieh. Braun, Heinr. Carhen, Willi 
Eh ring hausen, der in der Art der Worps weder 
schafft, ferner Ad. Glatte, Else v. Havemann- 
Schönfeldt, Wilh. Hely-Kronen bitter, Hedwig 
Klemm- Jäger, Konstantin Kusnetzoff, Ida 
Paulin, Walter Röstel und Karl Steiner an. Das 
vielbeliebte Stilleben vertreten teils auf altliergebrachte 
teils auf modernste Weise Franziska Bleicher, Kurt 
Hensel, Helene Schattenmann und Berta Zar- 
neck ow. Nicht übersehen werden dürfen die Radie- 
rungen von Anna Siebert. Was die Plastik anlangt, 
so ragt sie weder numerisch noch hinsichthch der 
künstlerischen Güte in besonderem Maße auf dieser Aus- 
stellung hervor ; wir führen höchstens Ernst Frischs 
»Schmuggler«, die Arbeiten von Mania Kacer und 
das »Porträtrelief« von Fr. Gg. Nusser an. (Die Aus- 
stellung ist inzwischen geschlossen. D. R.) Oscar Gehrig 

BÜCHERSCHAU 

Handbuch der Kunstwissenschaft. Heraus- 
gegeben von Dr. Fritz Burger-München in Verbin- 
dung mit den Professoren Curtius-Erlangen, Egger-Graz, 
Hartmann-Straßburg, Herzfeld und Wulff-Berlin, Neu- 
wirlh-Wien, Pinder-Darmstadt, Singer-Dresden, Graf 
Vitzthum - Kiel, Wackernagel - Leipzig, Weese - Bern, 
Willich und Überbibliothekar LeidingerMünchen. Mit 
zirka 2000 Abbildungen. Lieferung 4 und 7. 

Professor Dr. Wulff begann in Lieferung 3 die Ein- 
leitung zu seiner sehr anregenden Behandlung der Ge- 
schichte der altchristlichen Kunst von ihren Anfängen 
bis zur Mitte des ersten Jahrtausends mit der Feststellung, 
daß von der gesamten Kunstentwicklung des christ- 
lichen Zeitalters die erste noch mit der Antike zusam- 
menhängende Stilphase niclit nur dem allgemeinen, 
sondern auch dem wissenschaftlichen Verständnis bis 
jetzt noch am wenigsten erschlossen worden ist. Und 
doch ist diese Zeit grundlegend fiir das tiefere Verständ- 
nis dessen, was nach ihr kam. Über den ersten Teil 
der gediegenen Arbeit Wulffs: »Wesen und Werden 
der ahchr'istlichen Kunst« haben wir bereits in Nr. i 
(Beil. S. 7) berichtet. Der II. Abschnitt behandelt die 
Kunst der altchristlichen Grabstätten und zwar 1. Grüfte 
und oberirdische Anlagen, 2. die sepulkrale Malerei und 
Symbolik (Lieferung 3, 4, 7). In Lieferung 8 beginnt 
der III. Abschnitt, die altchristliche Plastik. Ein reiches 
und musterhaftes Abbildungsmaterial macht den ge- 
lehrten Text anschaulich und fruclitbar. — Wie schon 
erwähnt, vertritt Wulff die Ergebnisse der neuesten 
Forschung, wonach die Grundgedanken der Katakom- 
benmalerei auf jüdisch-hellenistischem Boden erwachsen 
sind und die römische Kunst die verschiedenen Phasen 
einer reicheren Kunstblüte des Ostens nur bruchstück- 
weise und in lokaler Färbung widerspiegelt. Allerdings, 
das dekorative System der römischen Katakombenfresken, 
in das die neu hinzukommenden Darstellungen und 
Symbole aufgenommen wurden, ist in der Tat in Rom 
ausgebildet oder doch zum mindesten fortgebildet, und 
zwar in engem Zusammenhang mit den Wandlungen 
der malerischen Dekoration der Häuser. Die Entstehung 
und Entwicklung der symbolisclien Darstellungen, wie 
der Bilder des Guten Hirten und der Oranten, des 
Fischsymbols, wird ausführlich untersucht unter Berück- 
sichtigung ihres Zusammenhangs mit dem schon ge- 
gebenen Bilderkreis, mit der Heiligen Schrift, den Ge- 
betsforraularen und den Schriften der Väter. Seit der 
Mitte des 3. Jahrhunderts erweitert sich der Bilderstoff 
der lömischen Katakomben in verschiedener Richtung. 



BÜCHERSCHAU 



19 



Es tauchen die Darstellungen des »Pädagogen«, des 
lehrenden Christus unter den Aposteln und Szenen aus 
der Jugendgeschichte Jesu auf. Der Ursprung dieses 
jüngeren Bilderkreises wird in der antiochenischen Kunst 
gefunden, unter deren Einfluß in der Katalionibenmalerei 
gegen Ausgang des 3. Jahrhunderts eine erzählende Auf- 
fassung über die Sinnbilder die Oberhand gewinnt. Die 
konstantinische Zeit erweitert den Bilderkreis und führt 
die antitvpische Auffassung ein. In der nachkonstanti- 
nischen Zeit bricht neben der zeremoniellen Feierlich- 
keit der repräsentativen Kompositionen ein starker Rea- 
lismus durch. Auf die Deutung der Bilder in ihrem 
Verhältnis zur Kirchenlehre haben wir noch zurückzu- 
kommen. Staudharaer 

G. Anton Weber, Til Riemenschneider. 
Dritte, sehr vermehrte und verbesserte Auflage. Mit 
70 Abbildungen, VIII und 286 Seiten. Regensburg, 
Habbel 191 1. Broschiert Mark 8. — , in Originalband 
Mark 10. — . 

Wieder ein Rieraenschneider, aber noch nicht »der« 
Riemenschneider, der uns längst fehlt. Eine fleißige 
Arbeit, die nach archivahscher Seite viel Neues und 
viele Berichtigungen älterer falscher Lesarten bietet, aber 
uns die H.iuptsache schuldig bleibt, eine großzügige 
Entwicklungsgeschichte, die Einordnung des Meisters 
in seine Zeit und deren Kunst, wie dies Toennies ver- 
sucht und im großen Ganzen erreicht hat. Weber 
spricht wohl von einer vermutlichen Lehrzeit Riemen- 
schneiders im westlichen Xorddeutschland — nach der 
Lage seines Geburtsortes — aber er gedenkt nicht mit 
einer einzigen Silbe des starken schwäbischen Einschlags 
in seiner Kunst zumal seiner Frühwerke- Worin die 
nahe Verwandtschaft Riemenschneiders mit Krafft zu 
erblicken ist, bleibt mir unerfindlich. Den größten Nach- 
teil des ganzen Buches aber erkenne ich in der Ein- 
teilung der Werke des Meisters nach Orten. Wohin 
diese Methode führen muß, erhellt aus dem flüchtigsten 
Hinweis auf den Münnerstädter Hochaltar, dessen ein- 
zelne Teile an fünf verschiedenen Stellen sich befinden. 
Irgend welchen Vorteil bietet eine derartige Gruppierung 
keinesfalls. Dazu kommt, daß sich in das »Werk« 
Riemenschneiders eine Anzahl von Arbeiten verirrt 
haben, die der strengere Forscher kaum anders als 
»unterfränkische Schule«, »Schule oder Werkstatt Rie- 
menschneidersi bezeichnen würde. Hieher zählen, um 
nur einige wenige bekanntere herauszugreifen: das 
Vesperbild in der Franziskanerkirche zu Würzburg und 
die Verkündigung in der ehemaligen Sammlung Lein- 
saas, die Madonna aus Hariheim bei Ingolstadt (nicht 
in Baden) und die heilige Walburg und Magdalena im 
Bayerischen Nationalmuseum. Mit Toennies und Adel- 
mann lehne ich ferner das Relief der vierzehn Not- 
helfer in der Hofspitalkirche in Würzburg als Arbeit 
Riemenschneiders ab. Es ist nach der ganzen Anlage 
des Werks überhaupt nicht recht einzusehen, auf Grund 
welcher Kriterien der Autor das eine Werk dem Meister 
zuschreiben oder das andere Werk ihm entziehen will. 
Auch das ist eine natürliche Folge der nicht ganz glück- 
lichen Gruppierung. Eine einigermaßen klare Sichtung 
der eigenhändigen Arbeiten und der Schul- und Werk- 
stattarbeiten ist nur an Hand der authentischen Werke 
in ihrer chronologischen Reihenfolge möglich. Es ist 
gerade bei dem reichen, archivalischen Material, das 
Weber zusammengetragen hat, lebhaft zu bedauern, 
daß er unterließ, durch entsprechende Konzentration 
und An- und Einordnung das Bild des Meisters — 
wenn auch nur versuchsweise — in seiner künstlerischen 
Entwicklung zu gestalten. Trotz mancher Bedenken 
stehe ich aber doch nicht an, Webers »Riemenschneider« 
Künstlern, Historikern und Kunstfreunden zu empfehlen, 
da er zu Toennies" wissenschaftlicherem, aber keineswegs 



erschöpfendem Werke ähnlich wie Adelmanns Abhand- 
lung eine willkommene Ergänzung bietet und zwar nicht 
nur allein wie diese wegen des reicheren Materials an 
einschlägigen W'erken des Künstlers selbst und seines 
Kreises, sondern wie schon mehrfach hervorgehoben, 
wegen des umfassenden Quellenmaterials. Gerade nach 
dieser Richtung hin seien Webers Verdienste um die 
Rieraenschneiderforschung betont. Siebzig großenteils 
gute -Abbildungen werden besonders dankbar empfunden 
werden. Werke wie die Münnerstädter Magdalena, die 
Deckplatte des Bamberger Kaisergrabes, die Maidbrunner 
und Heidingsfelder Beweinung hätten aber doch wohl 
größere Klischees verdient. — Zur Ergänzung sei be- 
merkt, daß das Bayerische Nationalmuseum zahlreiche 
Reste des Sakramentshäuschens aus dem Würzburger 
Dom, meist Architekturteile (Siehe Katalog VI, Num- 
mer 154— -iSi) besitzt, daß sich ferner wichtige ein- 
schlägige Werke Riemenschneiders, so zwei Engel vom 
Münnerstädter Altar und ein heiliger Bischof in der 
Sammlung Julius Böhler in München und im Städtischen 
Kunstgewerbemuseum in Leipzig befunden. H. 

Bernardus Schurr, das alte und neue Münster 
in Zwiefalten. Rottenburg a. N., W. Bader. 225 Seiten 
mit I j .Abbildungen. 

Die zur Erinnerung an das Soo jährige Jubiläum der 
Einweihung des ehemaligen alten Münsters (15. Sep- 
tembers 1109) erschienene Schrift hat vor allem die 
Aufgabe, bei der Besichtigung der Kirche als ein bisher 
vielfach vermißter Führer durch das neue Münster zu 
dienen, das bekanntlich zu den ausgezeichnetsten Kirch- 
bauten des 18. Jahrhunderts gehört. Doch hat sich 
der Verfasser seine Aufgabe dahin erweitert, auch die 
Geschichte und kunstgeschichtliche Bedeutung des ver- 
schwundenen alten Münsters klar zu legen. Nach der 
Schilderung des alten Grundrisses, sowie der Unter- 
suchung über die Persönlichkeit des Baumeisters, als 
welchen er Wilhelm von Hirsau nicht ohne weiteres 
gelten läßt, folgt die Beschreibung des Innern und eine 
Aufzählung des Kirchenschatzes vom Jahre 11 58 nach 
dem Berichte Bertholds. Vom 15. bis 1 8. Jahrhundert 
erlebte das Münster mancherlei Erneuerung, Verschöne- 
rung, Vergrößerung. Die Kapellen schmückten prächtige 
Flügelaltäre mit Zeitblooraschen Gemälden und Schnitze- 
reien des jüngeren Syrlin, dem vermutlichen Verbleib 
wird nach Möglichkeit nachgeforscht. Die weitere Ge- 
schichte des alten Münsters berichtet von dessen Schick- 
salen im 16. und 17. Jahrhundert, seiner wiederholten 
Vergrößerung, die schließlich doch nicht mehr genügte, 
um den beständig waclisenden Strom der Besucher auf- 
nehmen zu können. Im Frühjahr 1738 faßte man den 
Beschluß des völligen Abbruches und der Erbauung 
einer neuen Kirche. Diese erstand bis 1753 fast genau 
auf der Stelle des alten Münsters. Baumeister war der 
Münchener Architekt Johann Michael Fischer. Die 
Schilderungen der Schurrschen Schrift beschäftigen sich 
eingehend mit den einzelnen Teilen des neuen Ge- 
bäudes und dessen Ausschmückung. Ungemein genau 
werden u. a. die acht Kapellen am Langhause be- 
schrieben, desgleichen die Kanzel unter Erläuterung 
ihrer, auf den Worten des Propheten Ezechiel be- 
ruhenden Symbolik. Es würde zu weit führen, hier 
allen Einzelheiten nachzugehen. Besonders hingewiesen 
sei noch u. a auf die Kapitel über das Chorgestühl, 
über den Hochaltar, die drei Reliquien: das romanische 
Prozessionskreuz mit einem Splitter vom Kreuze Christi , 
die Kreuzpartikel, die Hand des hl. Stephanus. Ein 
Anhang enthält die Chronik des Neubaus. Das als 
wertvolle Arbeit zu begrüßende Buch bietet als Beilagen 
eine Reihe von gut ausgeführten Abbildungen der Archi- 
tektur, einzelner wichtigster Ausstattungsgegenstände und 
Kunstwerke, sowie die drei Reliquien. Oskar Döriog 



20 



BUCHERSCHAU 



Handbuch der Paramentik. Von Joseph Braun 
S. J. Mit 1 50 Abbildungen. Verlag von Herder in Frei- 
burg i. B. — Preis M. 6.50 (Kr. 7.80), in Leinwand geb. 
M. 7.60. 

Es braucht wohl nicht bewiesen zu werden, daß es 
sich für die Kleriker geziemt, über das, was zum Gottes- 
dienst gehört, also auch über die Paramente Bescheid 
zu wissen, und zwar in liturgischer, geschichtlicher und 
künstlerischer Richtung. Einem zuverlässigeren Führer 
in dieses bis in die neueste Zeit zum Teil dunkle Gebiet 
kann man sich nicht anvertrauen, als dem Verlasser des 
im Jahre 1907 bei Herder erschienenen hochbedeutsamen 
Werkes: »Die liturgische Gewandung im Okzident und 
Orient nach Ursprung und Entwicklung, Verwendung 
und Symbolik«, das seinerzeit in dieser Zeitschrift ge- 
würdigt wurde. Die Herausgabe des Handbuches der 
Paramentik ist neben diesem großen Werk ein Verdienst, 
weil Studierende und Seelsorger nicht immer Zeit haben, 
ein umfassendes Buch durchzuarbeiten, hier aber in 
möglichster Kürze alles für die Praxis Wünschenswerte 
nach den Ergebnissen der neuesten wissenschaftlichen 
Forschung erfahren. Eine Anleitung zur Herstellung 
der Paramente ist mit gutem Grund nicht in das Buch 
aufgenommen ; wer eine solche wünscht, den verweisen 
wir auf die 1904 bei Herder erschienene, vom gleichen 
Verfasser stammende Publikation: »Winke für die An- 
fertigung und Verzierung der Paramente«. Aigner. 

Franz Paul Zauner, Münchens Umgebung in 
Kunst und Geschichte. München, Verlag Nähr & Funk. 
Gebd. 3.50 M. 

Das vorliegende Buch behandelt innerhalb eines Kreises 
um die Hauptstadt herum, dessen Radius annähernd 
gleich der Luftlinie nach Starnberg ist, die Geologie, 
Geschichte und Kunst dieser Gegend unter dem Ge- 
sichtspunkte, dem Leser die Möglichkeit zu selbständiger 
Orientierung auf diesen Gebieten zu verschaffen. Hier- 
mit verbindet es die Zwecke eines Denkmälerinventars 
von 362 Ortschaften. Mit einer Genauigkeit, die die 
offiziellen Inventare nicht haben können, sind in diesem 
(dem zweiten, speziellen) Teile des Buches die allent- 
halben betindlichen Reste älterer Kunst und Kultur auf- 
gezählt und die notwendigsten Angaben zu ihrem Ver- 
ständnis und ihrer Würdigung gemacht. Der erste Teil 
faßt in allgemeiner Bearbeitung zunächst zusammen, 
was über die geologische Beschaffenheit des behandelten 
Bezirkes zu sagen ist, betrachtet dann die Geschichte 
von den ersten Anfängen her, über die römische zur 
bajuvarischen Zeit hin, widmet auch den so w'ichtigen 
Namen der Orte, Wälder, Fluren und Gewässer ein- 
gehende Beachtung. Das dritte, kunstgeschichtliche 
Kapitel könnte manchem vielleicht etwas weit ausgeholt 
erscheinen, da es sich sogar damit abgibt, die Entwick- 
lung der klassischen Stile, sowie des altchristlichen 
Kirchenbaues auseinanderzusetzen, doch darf man nicht 
vergessen, daß das Buch dazu da ist, das Interesse ge- 
rade auch solcher Kreise zu erwecken, denen bisher der- 
artige grundlegende Kenntnisse nicht zu Gebote standen. 
Bei der Betraclitung der Baukunst der gotischen Zeit war 
das Eingehen auf die Denkmäler der Stadt München 
von selbst gegeben, ebenso bei denen aller Epochen 
bis zum ig. Jahrhundert. Daß eine Glockenkunde bei- 
gefügt ist, darf speziell vom historischen Standpunkte 
begrüßt werden. Dankenswert ist auch das vierte Ka- 
pitel, worin von der Dorl'kirche, dem ländhchen Fried- 
hofe und dem Bauernhause die Rede ist. Die Ab- 
trennung dieses Spezialabschniites von dem, welches 
der Kunst gilt, ist zwar nicht recht logisch, aber immer- 
hin gerechtfertigt, weil das, gerade im Zusammenhange 



dieses Buches so wichtige Thema dadurch um so besser 
zur Geltung kommt. Das Werk im ganzen hat das 
Verdienst, mit Hilfe eines außerordentlichen Fleißes alles 
das zusammengetragen und aus eigenen Anschauungen 
des Verfassers vermehrt zu haben, was in vielen Schriften 
bisher nur zerstreut zu finden war. Auch der illustrative 
Teil ist zu loben. Es darf als eine Bereicherung der 
heimatlichen Literatur begrüßt werden. 

Dr. O. Docring-Dacliau 

Willy Pastor, Die Kunst der Wälder. Witten- 
berg, A. Ziemsen, 1912. Geb. M. 5.60. 

Eine merkwürdige Auffassung von Architekturentwick- 
lung spricht aus diesem Büchlein. Lassen wir den Ver- 
fasser selbst reden, wenn wir ihre Grundzüge kennen 
lernen wollen: »Die Dome ragen empor über breite 
Stadtsiedelungen. Wo aber Städte sich lagern, da 
wurden weit hinaus die Wälder niedergelegt. Ist es ein 
Zufall, oder ist es Wille, daß Nordeuropa, wo es so 
grausam Wälder roden mußte, in seiner mächtigsten 
Kunst dem Wald eine Auferstehung gab, eine Aufer- 
stehung in neuer Gestalt? Wir, die wir den Norden 
kennen und seine beherrschende Menschenait, die Ger- 
manenrasse, wir wissen, daß hier ein Wille am Werke 
war, und daß wir an Kunst nur wiederzugewinnen 
trachteten, was wir an Natur preisgeben mußten«. Der 
»Wille zur Senkrechten« sei es, der, im Gegensatze zu 
dem südlichen Willen zur Horizontalen, den Grundzug 
nordischer Architektur bestimmt habe. Wir sind nüch- 
terner in unserer Meinung von den für unsere Archi- 
tekturentwicklung maßgebenden Faktoren. Enthält das 
Büchlein, gestützt auf wissenschaftliche Werke über 
diesen Gegenstand, auch viel Richtiges, so ist seine Dar- 
stellung eher poetisch als wissenschaftlich zu nennen. 
Dafür noch einige Proben: »Als ein Dysangelium der 
Rache war das Christentum zum Norden gekommen, 
noch voll des Dumpfen und Gemeinen (!), das die Ka- 
takomben ihm gegeben. Aber die Sonne der nordi- 
schen Wälder zog darüber hin, und das Gemeine hielt 
nicht stand. Christlich sind sie ganz gewiß nicht, die 
Gedanken und Gefühle unseres uralten Sonnenkultus, 
dem die gottgeweihten Kirchen ihr Bestes danken. Für 
den, der sehen kann und hören, sind sie voll von 
Ketzerei und Heidentum. Aber nur deshalb, weil sie 
so gut heidnisch blieben, konnte auch so gute Kunst 
aus ihnen werden.« Dann im letzten Kapitel »des 
Liedes Abgesang«: »Das Epos der Wälder — was ist 
dagegen das Epos der Menschheit ! . . . Erbärmlich ge- 
nug mochte es sein, wie das Menschenungeziefer sich 
einnistete am Heiderand . . . Sie mag ein Nichts sein, 
unsere Artgeschichte im großen Buch der Welten: sie 
ist darum doch unsere Geschichte, für unseren be- 
schränkten Sinn so groß und stark, wie die des Wal- 
des . . .« Was sollen solche Schreibereien über Kunst? 
Der Fachmann legt sie kopfschüttelnd beiseite, das Pub- 
likum wird irregeführt. Ö si tacuissesi 

Dr. A. Huppertz, Köln 

Carl Lud wig Jessen. Friesische Heimatkunst. Mit 
Text von Momme Nissen. — Unter diesem Titel er- 
scheint soeben ein Prachtwerk über den friesischen Ma- 
ler Jessen, der am 22. Februar seinen 80. Geburtstag 
feierte. Das Mappenwerk enthält 12 Farbendrucke, 12 
Kupfertiefdrucke, 1 2 Autotypien in großem Format. Der 
Subskriptionspreis beträgt 20 M. ; später wird der Preis 
50 M. betragen. Der Verfasser des Textes ist ein Lands- 
mann Jessens, selbst ein feinsinniger Künstler und in 
dieser Doppeleigenschaft zu dieser Aufgabe besonders 
geeignet. 



Für die RedalctioQ verantwortlich: S. Staudhamer (Promeoadeplatz 3); Verlag der Gesellschaft für christUcbe Kunst, G. m. h. H. 
Druck von F. Bruckmann A. G. — Sämtliche in München. 




Matlh,^iis Schiei,ll 



Ges. für Christi. Kunst, München 



Die Hl. Drei Könige 



iifliiliiPSB^iP' -^ 



^ 




LEO VON KLENZE 



KONIGSBAU 



Südlicher Fliigel der Kgh Residenz itt Miinchen, unter Köni^ Ludwig I. erbaut, — Text unten 



DER KÖNIGSBAU IN MÜNCHEN 

die künftige Residenz König Ludwigs III. 
Mit 9 Originalaufnahmen. (Abb, S. 97 — 105.) 



König Ludwig III. von Bayern wird voraus- 
sichtlich in einiger Zeit mit seiner hohen 
Gemahlin den am Max Josephsplatz liegenden 
»Königsbau« als dauernde Residenz beziehen. 
Dieser Palast ist eine Schöpfung König Lud- 
wigs I., der ihn in den dreißiger Jahren des 
letzten Jahrhunderts als Wohnsitz für den 
jeweiligen Träger der Krone Bayern er- 
richten ließ. Der Königsbau hat diese Be- 
stimmung längere Zeit erfüllt, da König 
Ludwig L selbst bis zu seinem Rücktritt von 
der Regierung und nach ihm sein Sohn, König 
Ma.\ II , hier residierten. Zuletzt bewohnte 
ihn Königin Marie, die Witwe des Königs 
Max II. Da König Ludwig IL es vorzog, 
die von ihm selbst erbauten Schlösser zu 
bewohnen und Prinzregent Luitpold die »Stein- 
zimmer« der Kgl. Residenz bezog, so stand 
der Königsbau fast ein halbes Jahrhundert 
hindurch verwaist; nur gelegentlich, bei fürst- 
lichen Besuchen, wurde er vorübergehend in 
Benützung genommen. König Alfons XIII. von 
Spanien hat einmal, Kaiser Wilhelm IL dreimal 
kurzen Aufenthalt im Königsbau genommen. 



König Ludwig L fand bei seinem Regie- 
rungsantritt im Jahre 1825 die -Alte Resi- 
denz , das Schloß, das seine Vorfahren seit 
mehr als einem halben Jahrtausend bewohnt 
hatten, in einem wenig erfreulichen Zustand 
vor. Zwar bestanden der prächtige Renais- 
sancebau Kurfürst Max I., die prunkvollen 
Barockbauten Ferdinand Marias und die von 
dem genialen Baumeister Cuvillies im voll- 
endetsten Rokokostil geschaffenen a Reichen 
Zimmer« noch in ihrer alten, vielbewunderten 
Schönheit. Abersieentsprachennichtden neuen 
Bedürfnissen und den Intentionen des großen 
Kunstmäzens. Auch störten im Norden der 
Residenz die nur notdürftig gedeckten Ruinen 
der in einer Schreckensnacht des Jahres 1753 
abgebrannten sogen. -Neuen Veste i das künst- 
lerisch fein empfindende Auge des Königs und 
der südliche Teil des Schlosses, der nur durch 
ein niedriges Bibliothekgebäude und durch die 
Mauer des Residenzgartens« von dem Max 
Josephsplatz getrennt war, bot doch gegen die 
stolzen Monumentalbauten dieses Platzes, 
der erst kurz vorher durch Abbruch des 



Die christliche Kunst. X, 4. i. Januar 1914. 



98 



DER KONIGSBAU IN MÜNCHEN 




AUS DEN NIBELUNGENSALEN IM KONIGSBAU DER KGL. RESIDENZ ZU MÜKXHEN: SAAL DER RACHE 

Text S. too 



sogen. : Riedler Regelhauses-: entstanden war, 
ein zu wenig imponierendes Bild. 

Der König entschloß sich daher, auf den 
Trümmern der >Burg« und auf dem Areal 
des Residenzgartens zwei große Palastbauten 
zu errichten: im Norden den »Festsaalbau«, 
im Süden den »Königsbau«. Hatte der 
Monarch im Festsaalbau durch Entfaltung 
größter, durch die Kunst veredelter Pracht, 
seinem hochgesteigerten Gefühl für die Würde 
des Königtums Ausdruck gegeben, so sollte 
ihm der Königsbau nach den Mühen des 
Regierungsgeschäfts eine vornehme Erho- 
lungs- und Heimstätte bieten. Diese aber 
auch zugleich zu einer Weihestätte für die 
Poesie zu machen, war des Königs ideales 
Ziel. War er doch selbst Dichter und ein 
begeisterter Verehrer der Dichtkunst. Am 
höchsten schätzte er die griechischen Klas- 
siker, am meisten liebte er die deutschen 
Dichter. Ihre unsterblichen Werke sollten 
hier von großen Künstlern in Gemälden und 
Plastiken verherrlicht und so dieser Palast 
zu einemTempel für die vereinigten Schwester- 



künste, die Dichtkunst, die Malerei und die 
Bildhauerkunst werden. Dieser Plan bot die 
erwünschteste Gelegenheit, den um den 
König versammelten Künstlern geradezu 
ideale Aufgaben zuzuweisen. Die Bildhauer 
Thorwaldsen und sein Schüler Schwanthaler, 
die Maler Wilhelm von Kaulbach, der erst 
kurz vorher von Düsseldorf berufen war, 
Schnorr von Carolsfeld, Moriz von Schwind, 
Neureuther, Hiltensperger, Volz und viele 
andere bedeutende Meister wetteiferten darin, 
dem König zu dem genannten Zweck ihre 
Kunst zur Verfügung zu stellen. Peter von 
Cornelius, der geniale Schöpfer der Fresken 
in der Glyptothek, hat zwar selbst im Königs- 
bau wenig geschaffen; sein Geist aber und 
sein anfeuerndes Beispiel wirkten befruchtend 
ein auf die Ideen der Künstler dieses Pa- 
lastes. Eine der hervorragendsten Persön- 
lichkeiten dieses Künstlerkreises war der 
Architekt, den der König berief, um seinem 
großartigen Baugedanken greifbare Gestalt 
zu geben: Leo von Klenze, der Schöpfer der 
griechischen Bauten am Königsplatz, der 



DER KONIGSBAU IN MÜNCHEN ©^ 



99 




AUS DEN NIBELUNGENSÄLEN IM KÖNIGSBAU DER KGL. RESIDENZ IN MÜNCHEN : SAAL DER KLAGE 

Ti-xt 5. loo 



»Alten Pinakothek«, des Festsaalbaues, der 
Allerheiligen HoiTvirche und vieler anderer 
Monumentalbauten, die München zu einer 
Kunststadt ersten Ranges und zu einer der 
schönsten Städte Deutschlands machten. Kö- 
nig Ludwig hatte diesen Künstler, der vor- 
her als Hofbaumeister in den Diensten Kö- 
nig Jeromes von Westfalen gestanden war, 
in Rom kennen gelernt und ihn in dem 
Augenblick dauernd an sich gefesselt, als er 
im Begriffe stand, einem ehrenvollen Ruf 
als Architekt an einer nordischen Residenz 
Folge zu leisten. Es war eine schwierige 
Aufgabe, die der König seinem Baumeister 
mit dem Auftrag zur Errichtung des Königs- 
baues stellte und nicht leicht wurde es ihm 
gemacht, die vielseitigen, sich oft scheinbar 
widersprechenden Wünsche des königlichen 
Bauherrn zu erfüllen. Der Königsbau sollte 
in seinem Äußeren einem vornehmen Palast 
gleichen und durfte doch die am Max josefs- 
platz schon bestehenden Monumentalbauten 
nicht verdunkeln; er sollte eine große Zahl 
ausgedehnter Säle und Gemächer enthalten 



und doch war der zur Verfügung stehende 
Bauplatz durch des Königs Verbot, die Be- 
stände der »Alten Residenz« anzutasten, 
äußerst beschränkt; das Hauptgeschoß sollte 
die königliche Wohnung bilden und doch 
zugleich eine Weihestätte der Dichtkunst 
werden, in der Maler und Bildhauer die 
Werke der Dichter zweier um zwei Jahr- 
tausende auseinander liegenden Kultur- 
perioden zu verherrlichen hatten. Die Wohn- 
räume sollten nach des Königs eigenen Wor- 
ten »festlich heiter: und zugleich behaglich 
sein und doch durften, nach des Bauherrn 
strengem Befehl, lür die Innenausstattung 
keinerlei gewebte Stoße, weder als Tapeten 
noch zur Drapierung der Türen, noch als 
Bodenbelag verwendet werden. Allen diesen 
schwierigen und oft gegensätzlichen Anfor- 
derungen gerecht zu werden, konnte nur 
einem so genialen Architekten wie Klenze 
gelingen. Er löste die gestellte Aufgabe 
glänzend. 

Der an der Nordseite des Max Josefsplatzes 
liegende, mit seiner Hauptfront der Sonne 



u* 



100 



DER KÖNIGSBAU IN MÜNCHEN 




SPEISESAAL IM KONIGSBAU DER KGL. RESIDENZ IN MÜNCHEN 
Text S. I02 



zugewendete Königsbau, ist ein im Verhält- 
nis zu seiner Höhe außergewöhnlich lang- 
gestrecktes Gebäude, das aus einem Erd- 
geschoß und einem Obergeschoß besteht; 
nur über dem mittleren Teil erhebt sich 
noch ein drittes Stockwerk; dadurch erhielt 
der Bau eine entfernte Ähnlichkeit mit dem 
berühmten Palazzo Piiti in Florenz, was zu der 
weitverbreiteten, aber unzutreffenden Meinung 
Anlaß gab, daß der Königsbau eine Nachbil- 
dung dieses Palastes sei (Abb. S. 97). Die in 
rustikaler Bossage ausgeführte Fassade ist 
durch fein profilierte Pilaster — im ersten 
Stock ionischer, im zweiten Geschoß korin- 
thischer Ordnung — ferner durch Rundbogen- 
fensier und durch drei mächtige Portale ge- 
gliedert. Diese einfache Architektur erzielt 
eine glückliche Kontrastwirkung gegenüber 
der pompösen, mit einer mächtigen Säulen- 
stellung geschmückten Fassade des benach- 
barten Hof- und Nationaltheaters. Betritt 
man durch die erwähnten Portale das Innere 
des Königsbaus, so befindet man sich in 
einem weiten und hohen tonnengewölbten 



Vestibül, von dem aus eine monumentale 
Marmortreppe zum Hauptgeschoß empor- 
führt. Im Erdgeschoß liegen westlich der 
Treppe die berühmten Nibelungensäle«. 
In meisterhaften Kolossalgemälden, die fünf 
Säle füllen, hat hier Schnorr von Carolsfeld das 
große Epos von dem Streit der Königinnen 
Kriemhild und Brunhild ergreitend dargestellt. 
Mehr als dreißigjährige Arbeit erforderte die 
Vollendung dieses großen Gemäldezyklus! 
(Abb. S. 98 u. 99). Im Hauptgeschoß liegt die 
Königswohnung, die jetzt König Ludwig III. 
beziehen wird. Sie wurde im Laufe dieses 
Sommers mit allen Errungenschaften einer 
modernen Wohnungstechnik und Hygiene 
ausgestattet. Kanalisation, Wasserleitung, 
Zentralheizung, elektrische Beleuchtung, Lift 
usw. wurden unter Aufwendung erheblicher 
Mittel angelegt und in mustergültiger Weise 
von Münchener Handwerksmeistern ausge- 
führt. Merkwürdigerweise zeigt der Grundriß 
dieser Etage keinerlei Korridore; auch bilden 
die Gemächer keine fortlaufende Flucht, denn 
die Königswohnung besteht eigentlich aus 



DER KÖNIGSBAU IN MÜNCHEN 



lOI 




AUDIEKZSAAL DES KÖNIGS IM KOS'IGSBAU DER KCL. RESIDENZ IN MÜNCHEN 

Tixt S. I02 



zwei gesonderten Wohnungen, die in der 
Mitte aneinander grenzen und von denen 
die östliche die Appartements des Königs, 
die westliche diejenigen der Königin enthält. 
In der Mitte stellen einige kleinere Gemächer 
die Verbindung zwischen beiden Wohnungen 
her. Der Aufgang zu den Appartements 
des Königs liegt am östlichen Ende des 
Königsbaus. Über eine Treppe aus Luma- 
chello-Marmor, die von dem sog. Schwarzen 
Saal« der Alten Residenz ausgeht und durch 
ein mit den Statuen der Gerechtigkeit und 
der Beharrlichkeit von Schwanthaler und mit 
den Symbolen der acht Kreise Bayerns ge- 
schmücktes Vestibül, gelangt man zu den 
Gelassen des Königs. Sie sind in ihrer Aus- 
stattung ganz der Verherrlichung der griechi- 
schen Dichter gewidmet; auch der dekorative 
Schmuck, dessen Entwürfe durchweg von 
Klenze selbst angefertigt wurden, ist in einer 
dem griechischen Stil sich nähernden Formen- 
sprache gehalten. Die Ausführung der Ge- 
mälde und der Dekoration geschah hier und 
in den Appartements der Königin in einer 



von Klenze nach langen Versuchen erprobten 
Technik, die den Kunstwerken höchste Halt- 
barkeit sichert : sie ist der enkaustischen Ma- 
nier ähnlich; die Wachsfarben werden aber 
nicht wie bei dieser eingebrannt, sondern 
auf kaltem Wege mit der Wandfläche un- 
löslich verbunden. In der Tat hat sich diese 
Technik trefflich bewährt, denn noch heute, 
nach mehr als achtzig Jahren, leuchten die 
Farben in demselben frischen Glänze wie 
zur Zeit der Herstellung. 

Der Zyklus der Darstellungen aus den 
griechischen Dichtungen beginnt in dem 
ersten V'orzimmer mit einem im griechischen 
Vasenstil gehaltenen Fries mit Szenen aus 
dem Argonautenzug des Orpheus; auch das 
zweite Vorzimmer zeigt einen ähnlichen 
Fries; er erzählt die Vorgänge der Theo- 
gonie des Hesiod. Von hier an beginnt die 
Reihenfolge der Gemächer, in denen alle 
Mittel der Kunst zu Hilfe gerufen wurden, 
um den idealen Absichten des königlichen 
Bauherrn gerecht zu werden. Die Pracht 
der Ausstattung steigert sich von Raum zu 



102 



DER KÖNIGSBAU IN MÜNCHEN 




DER THRONSAAL DES KÖNIGS IM KÜNIGSBAO DER KCL. RESIDENZ IN MÜNCHEN 

Tejct unten 



Raum, bis sie im Thronsaal den höchsten 
Glanz erreicht (Abb. oben). In dem Au- 
dienzsaal des Königs (Abb. S. loi) ist die 
Grundfarbe der Wände himmelblau ; in den 
von farbenreichen Arabesken umgebenen 
Feldern sind, nach Entwürfen von Schnorr 
von Carolsfeld, die Hymnen Homers an die 
Götter versinnbildlicht. Ein im pompejani- 
schen Stil gehaltenes, reizendes Bufettzimmer 
leitet zu dem ganz in Weiß gehaltenen 
Speisesaal, von dessen Wänden und Decke 
Szenen aus den heiteren Liedern Anakreons 
herableuchten (Abb. S. loo). Der majestäti- 
sche Thronsaal (Abb. oben) enthält keine 
Gemälde, sondern ausschließlich Reliefs von 
der Meisterhand Schwanthalers. Sie ver- 
herrlichen die Siegesgesänge des Pindar. 
Mit dem Weiß und Gold der Wände und 
der Decke bildet die Purpurfarbe des reich- 
gestickten Thronhimmels und der Fenster- 
vorhänge eine Farbenharmonie von seltener 
Schönheit. Das darauf folgende Empfangs- 
und das Arbeitszimmer des Königs enthalten 
in trefilichen Gemälden von Schiigen und 



Röckel nach Schwanthalers Entwürfen Szenen 
aus den Tragödien des Aeschylos und des 
Sophokles. Letzteres zeigt noch an den 
Zwickeln der gewölbten Decke Sprüche grie- 
chischer Weisen, z. B. : Erkenne dich selbst.« 
Die Gemälde dieser beiden Räume wurden 
von den Malern Schiigen und Röckel nach 
Schwanthalerschen Entwürfen gemalt. Das 
die Flucht der Gemächer des Königs ab- 
schließende Schlafzimmer besitzt zwei kost- 
bare Kunstwerke: die berühmten Reliefs von 
Thorwaldsen »Die Nacht« und » Der Morgen . 
Die gewölbte Decke enthält idyllisch an- 
mutige Darstellungen aus den Gedichten des 
Theokrit nach Entwürl'en des Professors 
H. V. Heß. 

Die Wohnung der Königin wird von der 
Residenzstraße aus über eine Marmortreppe 
erreicht, die ein kleines architektonisches 
Meisterstück ist, da sie aufseht beschränktem 
Raum in zweimaliger Wiederholung auf sich 
selbst ruhend, erbaut werden mußte. Durch 
ein von vier ionischen Säulen flankiertes 
Vestibül gelangt man in die Gemächer der 



DER KONIGSBAU IN MÜNCHEN 



103 




THRON- UND EMPFANGSSAAL DER KÖNIGIN IM KÖNIGSBAU DER KCL. RESIDENZ IN MÜNCHEN 

Text unien 



Königin, in denen sich, wie in der Wohnung 
des Königs, die Pracht der Ausstattung von 
Raum zu Raum steigert. Die bildlichen 
Darstellungen sind hier ausschließlich deut- 
schen Dichtern gewidmet. Die beiden Vor- 
zimmer führen in die Zeit der Minnesänger 
zurück. Das erste zeigt an Wänden und 
Decke Episoden aus dem Leben Walthers 
von der Vogel weide ; das zweite die Legende 
des Heiligen Grals und die Irrungen, sowie 
die Bekehrung Parzifals nach dem großen 
Epos von Wolfram von Eschenbach. Der 
»Salon de Service der Königin, der eine 
besonders reiche Ausstattung erhielt, ist mit 
Szenen aus den Dichtungen Bürgers ge- 
schmückt, unter denen der von Professor 
Volz gemalte »Leonorenritt« durch seine 
dramatische Leidenschaftlichkeit auffällt. An 
diesen Saal stößt der Thron- und Empfangs- 
saal der Königin (Abb. oben); er ist mit 
ausgesuchter Eleganz und höchster Pracht 
in vollendetem Geschmack dekoriert. Die 
Mosaik des Fußbodens zeigt in den edelsten 
Holzarten wunderbar feine geometrische 



Ornamente; die Wände ruhen auf einem 
Sockel aus imitiertem Lapislazuli und sind 
ganz mit einem überaus feinen Stuckornament 
überzogen, das nur wenige Millimeter die 
Wandfläche überragt; die Wände sind durch- 
aus vergoldet; bei Kerzenschimmer strahlen 
sie einen magischen Glanz aus. Ein breiter 
Fries bildet den Übergang zu der reich 
kassettierten Decke. Er ist durch karyatiden- 
artige Putten in Felder geteilt. Wilhelm von 
Kaulbach hat in ihnen mit möglichst ge- 
ringen Mitteln, immer nur mit zwei oder 
drei Gestalten, die Hermannschlacht von 
Klopstock meisterhaft wiedergegeben. Die 
Deckenfelder zeigen Allegorien auf die Tu- 
genden der Königinnen und Porträts einiger 
berühmter Herrscherinnen. Einer der rei- 
zendsten Räume ist der »Salon der Königin« ; 
seine Wände sind mit Arabesken im herku- 
lanischen Stil geschmückt; auf dem fort- 
laufenden Fries hat Professor Neureuther 
die Abenteuer Hüons und des Rezia aus 
Wielands Oberon verewigt. Die feinfühlig 
eingeteilte kassettierte Decke paßt sich der 



104 



DER KÜNIGSBAU IN MÜNCHEN ^^ 




WOHNZIMMER DER KÖXIGIN IM KÖVIGSBAU DER KGL RESIDENZ IN MÜNCHEN 
Text S. 103 unten 



Malerei an den Wänden glücklich an (Abb. 
oben). Das sogen. Schlafzimmer der Königin, 
das voraussichtlich jetzt eine andere Bestim- 
mung erhalten wird, ist dem Genius Goethes 
geweiht. Kaulbach hat hier Goethes »Faust«, 
die Iphigenie, mehrere Balladen und Elegien 
in Meisterwerken verherrlicht. In Überein- 
stimmung mit den Wänden ist auch die ge- 
wölbte Decke mit Malereien geschmückt, die 
geschmackvoll verteilt und von reichlichem 
Ornament umsponnen sind. Das überaus 
fein ausgestattete Arbeitszimmer der Königin 
enthält lebendig von Volz und Lindenschmit 
gemalte Szenen aus den Dramen und den lyri- 
schen Gedichten von Schiller, während das 
den Schluß der Gemächer der Königin bil- 
dende Bibliothekzimmer, dessen Wände ganz 
von kunstvoll gearbeiteten Bücherschränken 
ausgefüllt sind, an der Decke Motive aus den 
Gedichten Ludwig Tiecks aufweist. 

An die Königsvvohnung grenzt ein ge- 
räumiger Wintergarten (Abb. S. 105) mit 



herrlichen exotischen Gewächsen, kunstvollen 
Marmorstatuen, plätschernden Brunnen und 
einladenden Ruheplätzen. Der Wintergarten 
liegt über den Arkaden des Residenztheaters; 
an ihm entlang zieht sich ein gedeckter 
Gang, durch den die hohen Herrschaften in 
dieses reizende Rokokotheater und in das 
Hof- und Nationaltheater gelangen können. 
Das zweite Obergeschoß enthält eine 
Flucht von Sälen und Gemächern für intimere 
Hoftestlichkeiten: einen Emptangssaal, meh- 
rere Spiel- und Konversationszimmer, einen 
Tanzsaal und einen Speisesaal. Auch diese 
Räume sind mit ausgesuchter Eleganz ausge- 
stattet und mit bedeutenden Kunstwerken ge- 
schmückt. Den Glanzpunkt bildet der ovale 
Tanzsaal und in diesem den Höhepunkt eine 
Reihenfolge wunderbar fein ausgeführter Re- 
liefs, deren graziöse Tanzfiguren vielleicht das 
bedeutendste Werk Schwanthalers in diesem 
der Kunst geweihten Palaste sind. 

G. Leverino; 



^3 IN TIEFENBRONN e^ 



105 




WINTERGARTEN' DER KGL. RESIDENZ IN MÜNCHEN 
Text S 104 



IN TIEFENBRONN 

Von FRITZ KRAUSS 

Wenige kennen es, noch weniger besuchen 
es, aber die es kennen und besucht haben, 
sie lieben es, dieses trauüche Schwarzwald- 
dörfchen Tiefenbronn, das da zwischen Pforz- 
heim und Stuttgart weltabgeschieden im Ver- 
borgenen träumt. Es liegt fernab von Handel 
und Verkehr. Zwei Stunden Weges geht 
man bis zur nächsten Bahnstation, und man 
muß schon gleichsam etwas wie eine kleine 
Wallfahrt unternehmen, um zu diesem ehr- 
würdigen Hort altdeutscher Kunst zu gelan- 
gen. Denn das ist Tiefenbronn, all seiner 
äußeren Bescheidenheit zu Trotz. Man kann 
von Stuttgart her, von der Bahnstation Weil 
der Stadt, dem altverschwiegenen Flecken 
mit seinen mittelalterlichen Mauern und Tür- 
men, aus in zweieinhalb Stunden über die 
Hügel hin nach Tiefenbronn wandern. Aber 
das ist vielleicht zu umständlich. Gehen wir 
lieber von Pforzheim aus, aber nicht durch 
das anmutis trewundene muntere Würmtal, 



sondern über Seehaus durch den hohen Wald. 
Man ist froh, wenn man das trostlos schale, 
industriehafte Pforzheim hinter sich hat und 
atmet ordentlich auf, wenn man droben in 
den stillen, hehren Waldesdom tritt. Labende, 
tiefe Ruhe und Kühle umfängt uns. Wir 
wandern und wandern , mehr denn zwei 
Stunden, den weichen Weg, vorbei an stehen- 
den Tümpeln, an leisen Rinnsalen, die unter 
Fichten- und Föhrendunkel rieseln. Stets 
begleitet von dem schwellenden, ruckweisen 
Gezwitscher der Vögel. Und immer diese 
selbe kühle Ruhe. 

Der Wald öffnet sich, ein lichtes Wiesen- 
grün äugt uns entgegen, und vorbei an brachen 
Feldern, wo wenig Menschen nur arbeiten, 
kommt man in den schier ausgestorbenen 
Flecken. Es begegnet einem auch gar nichts 
Merkwürdiges, wenn man durch die spärlichen 
Straßen des Dorfes wandelt. Vor allen Häusern 
fast lagern breite Holzhaufen, welche trag auf 
das flinke Beil des Holzhackers warten. Hier 
unter der Dachtraufe windet sich ein weiß- 
getünchter holzgeschnitzter Sebastian, zu dem 



Die christliche Kunst. X. 4. 



io6 



^3 IN TIEFNBRONN 




HANS SCHÜCHLIN (am i44o-i;os) MARIA 

l'on dem 146g voUcndeien Hochaltar in Tief^ttbroiiii. Teji 
Phot. Fritz Hofle, Attgsöitrg 

sich eine baufällige Laterne hilflos hinneigt; 
da tränken Kühe am steinernen Troge; das 
helle Hämmern des Klempners gellt sirrend . . . 
Aber das alles ist doch noch nichts Beson- 
deres. — Halt, hier über dem geduckten, 
dumpfigen Kaufmannslädchen prangt eine 
Bronzetafel, welche uns kündet, daß in diesem 
niederen, biederen Häuslein der berühmte 
Phrenologe F. J. Gall, der Begründer der 
Schädellehre, 1758 geboren wurde, welcher 
damals mit seinen frappierenden, heute aber 
kaum mehr ernst zu nehmenden Ideen die 
Leute in Erstaunen setzte. Auch Goethe und 
Wieland haben sich von ihm den Schädel ab- 
klopfen lassen. Also doch! — Aber weit selt- 
samer rührte mich an : die schier quälende 
Stille, die träge Verschlafen heit gähnend leerer 
Straßen. Man merkt, es ist ein Ort, wo das 
Leben stillsteht, ja vielleicht zurückgeht, ein 
Ort, der seine hohe Zeit hinter sich hat. 
Dieser Gedanke stimmt uns tiefergeben und 
nachdenklich. Er leitet unsern inneren Sinn 



in altvergangene Zeiten zurück. 
Und das ist gut so, wenn wir 
jetzt in die Kirche treten. Von 
außen ist sie eine gotische Dorf- 
kirche, wie man sie öfter sehen 
kann; das hochfirstige Langhaus 
ist eine einfache gotische Basilika; 
A ^ und zwischen ihm und dem steilen 

fl <f . Chor ist der dicke gedrungene 

™iwlh ' Turm mit seinem hohen spitzen 
Helm eingeklemmt. Außen am 
Chor stehen an den Strebepfeilern, 
als Überreste, zwei steinerne Hei- 
lige unter Baldachinen. — Durch 
ein niederes Pförtlein am Turme 
tritt man in das düstere Gewölbe, 
wo schlaft die Glockenstränge 
herabhängen. Knarrend öft'net sich 
die innere Tür mit dem einge- 
rosteten Riegel — und Licht und 
Helle flutet uns entgegen. Wir 
sind in dem spitz und steil ge- 
wölbten Chor des Kirchleins mit 
seinen hohen, schlanken, teilweise 
althunten Fenstern. Lichtumgossen 
thront vor uns in trühlinglicher 
Herrlichkeit der Hochaltar. Durch 
lauter heiter helle blaugrüne Land- 
schatten, die mit zarten Bäumchen 
und putzigen Hecken auf kantigem 
Fels oder wohligen Hügeln be- 
setzt sind, wandelt gleichsam Ma- 
riens knospende Gestalt, lilien- 
gleich rein und rank, angetan mit 
dem weißen Mantel der Unschuld 
(Abb. nebenan). Oben in der »Ver- 
kniet sie in einer offenen Halle 
(Abb. S. 107). Sie hat voll versunkener Andacht 
in einem Buche Gebete gelesen, da triftet, wie von 
fernen Weiten, ein seltsames himmlisches Klin- 
gen an ihr Ohr: die Stimme des nahenden En- 
gels spricht die hehreren Worte: > Sei gegrüßt, 
du Gnadenvolle, Gott ist mit Dir«. Während 
Mariens rechte Hand willenlos noch im Buche 
blättert, neigt sich ihr Haupt leicht über die 
Schulter zurück, aufdaß ihr Ohr jene kost- 
baren Gottesworte voll auftrinke und ihr Sinn 
und Seele fülle. Im Bilde daneben besucht 
Maria Elisabeth und legt in deren Hand be- 
deutsam die ihre. Links unten kniet sie mit 
Joseph und Englein andächtig vor dem neu- 
geborenen Knäblein. Und rechts hält sie es 
mit befriedigtem Mutterstolze auf dem Schoß, 
während drei Könige aus dem Morgenlande 
es anbeten und ihm reiche Geschenke dar- 
bringen. Friedsame Freundlichkeit und lyri- 
scher Wohllautsingt ausdiesem »Marienleben«. 
Wir lassen die Blicke nach oben steigen. 



HEIMSUCHUNG 
V tiebenan 



kündigung« 



loy 




HANS SCHÜCHLIN (Ulm, um 1440— 1505) MARIA VERKÜNDIGUNG 

l'on dem im Jahre /46g vollendeten Hochaltar in Tie/enbronn hei P/orzhrim. Text S. 106 
Photogr. Fritz Hö/le, Augsburg 



■4' 



loS 



IN TIEFENBRONN 



wo spitze, krausgeschnitzte Türmchen und 
Baldachinclien sich hastig strecken bis ans 
Gewölbenetz. Aber dazwischen blickt ernst 
auf uns herab die Gestalt des gekreuzigten 
Erlösers zwischen zwei betenden Heiligen. 
Über des Alltags friedfertiger Freude thront 
des Leidens herbe Bitternis. — Wir lassen 
den Altar öffnen, und sein Feiertagsantlitz 
tut sich auf. Was im Kruzihxus oben an- 
geklungen, jetzt soll es in harten, nieder- 
schmetternden Akkorden über uns herein- 
brechen. Christi Leidensgang stellt sich uns 
dar in dumptbraunen Bildern vor goldenem 
Himmel und in buntprangend bemaltem 
Schnitzwerk. Es predigt da jene Mystik späten 
Mittelalters, welche schmerzlichste Pein mit 
festlichstem Prunke verquickt, herbsten Wein 
in güldenstem Becher reicht. — Die Verur- 
teilung Christi durch Pilatus und die Kreuz- 
schleppung enthält der linke Altarflügel; den 
Gekreuzigten, die Kreuzabnahme und die Be- 
weinung bilden die geschnitzten Teile des 
Schreins; die Grablegung und die Aufersteh- 
ung des Erlösers kündet die Innenseite des 
rechten Flügels. Das Lichte und Leichte, in 
dem die Gestalten der Außengemälde sich 
geben, wird hier, auf den Bildern der Innen- 
seiten, von einer eckigen Gedrungenheit und 
biederem Ernste verdrängt. 

Diese Tatsache hat manche Forscher dazu 
veranlaßt, für die Innenseiten eine andere 
Malerhand anzunehmen, als für die äußeren 
Bilder. Wie die Umschrift sagt, die zwischen 
Staffel und Schrein läuft, ist der Altar 1469 
»gemacht ze Ulm von Hannßen Schüchlin 
Malern«. Es ist das einzig beglaubigte Werk 
des Künstlers. Dieser war ein ruhiger Mann, 
welcher in einer auf- und ausbauenden Zeit, 
vielleicht ähnlich der unsrigen, gelebt hat. 
Die Stürme der naturalistischen Bewegung, 
welche in den vierzehnhundertvierziger Jahren 
durch Konrad Witz und Hans Multscher 
angefacht worden, waren vorübergerauscht, 
und es kam nun über die Zeit jenes stille, 
sanfte Sausen, das aus beruhigtem Herzen 
kommt. Daher lebt, bei aller Ungelenkheit 
der Erscheinung, bei aller Armseligkeit der 
Auffassung, diese gehaltene Stetigkeit, welche 
nichts mehr von der brutalen, elementaren 
Stoßkraft der Draufgänger der vorangehenden 
Generation an sich hat, und diese abgeklärte 
Innigkeit in dem Hochaltar zu Tiefenbronn. 

Aus dem lichtertüllten Chore treten wir in 
das schmale rechte Seitenschiff. Da lagert 
allezeit sanfte Dämmerung, wie anderswo nur 
zur Schummerstunde. Die engbrüstigen Ba- 
silikenfenster spenden eben nur spärlich Licht. 
Hier nun, von der Ostecke her, schimmert 



warm und mild der Magdalenenaltar (Abb. 
S. 109). Er hat eine seltsame Form; die Um- 
rahmung bildet ein spitzbogiges Dreieck. Die 
Tafeln erzählen uns in vier Bildern die trau- 
liche, nach mittelalterlicher Weise etwas wirr 
verwobene Legende von Maria Magdalena. 
In dem oberen Zwickel sieht man das Gastmahl 
im Hause des Lazarus dargestellt (Matth. 26, 6; 
Joh. 12, 3). Vor einer Laube sitzen an mit 
Broten belegtem Tisch Christus neben dem 
reichgekleideten Pharisäer Simon und Petrus mit 
dem jungen, schmächtigen, auferstandenen La- 
zarus, alle in eifriges Gespräch vertieft. Martha 
trägt, geschäftig vorgebeugt, die Speisen auf, 
während ihre Schwester Magdalena mit ihrem 
vollen, langen Haar des Herrn Füße wäscht. 
In den Ecken liegt links ein weißes schmieg- 
sames Hündchen, rechts steht, als genrehafte 
Zutat, ein Kübel mit Krügen Weins und ein 
Geräte. — Ein heidnischer König hat Mag- 
dalena nebst der heiligen Martha und dem 
heiligen Lazarus, Maximin und Cedonius in 
einem segel- und steuerlosen Schiff aufs Meer 
aussetzen lassen, damit sie dort eines unge- 
fähren, peinlichen Todes stürben. Und nun 
treiben sie, in frommen Betrachtungen ganz 
versunken, in der kleinen Schaluppe auf dem 
weiten Weltmeer umher. Aber Gott ist mit 
ihnen. Er leitet das Schifflein in den Hafen 
der Stadt Marseille, deren Ufer wir es auf der 
linken Tafel nahen sehen. Aber weil niemand 
die frommen Fremden aufnehmen wall, so 
müssen sie auf der Straße übernachten. Wir 
finden sie in dem Mittelbild, neben der Treppe, 
unter ein Dächlein geduckt, schlafend. Lazarus' 
Haupt ruht in seiner Schwester Martha Schoß. 
Nur Magdalena wacht. Wir bemerken sie 
oben in des Königs Kammer, wo sie der 
Königin im Traum erscheint und ihr auf- 
trägt, ihren Gatten zu bewegen, daß er sich 
der Heiligen annehme und ihnen Unterkunft 
gebe. Und das geschieht denn auch alsbald. 
Der rechte Zwickel zeigt, wie Magdalena, 
nachdem sie nun in der Einöde Buße getan, 
in ihr langes Haar gehüllt, von Englein ge- 
tragen, durch den Bischof Maximin in der 
Kathedrale von Aix die heilige Kommunion 
empfängt. Offnet man die beiden schmalen 
Flügel, so sieht man auf dem linken Martha, 
in ihrem Angesicht den »Ausdruck heiterer 
Milde und stiller Frömmigkeit« , auf dem rechten 
den heiligen Lazarus als Bischof Aus der 
Mitte des Schreins strahlt uns in blendend 
vergoldeter Holzschnitzerei, aus späterer Zeit, 
Magdalena entgegen, welche die Engel zum 
HinmTel tragen. Ganz unten, in der gemalten 
Staflel, steht Christus, der himmlische Bräuti- 
gam, mit fließenden Wundenmalen, abgekehrt 



109 




LUCAS MOSER 

Seitenaltar 



LEBEN DER HL. MAGDALENA 

;/// Gemdlden von 1431 in der Dorfkirche zu Tie/enbrcnn bei Pforzheim. — Text S. 108 
Phot. Fritz Hofle, Augsburg 



HO 



IN TIEFENBRONN ^S 




SEBASTIAN OSTERRIEDER 



KRIPPE FÜR PAPST PIUS X. 



Vgl. Abb. im VlII. Jg. Beil. S. jo und Text ebenda S. n. 



von den törichten, den klugen Jungfrauen sich 
zuwendend. 

Die Gemälde sind auf edel goldenen und 
silbernen Malgrund aufgetragen, darum geht 
auch dieses stille, warme, unversiegliche Leuch- 
ten von ihnen aus. Schüchterne Verschwiegen- 
heit und zugleich gehalten vornehmes Wesen 
wohnt in den Gestalten allen. Wie sitzen 
die Heiligen allesamt so traut und gottesselig 
in dem schwanken Schifflein beisammen ! 
Mit welch zaghaft rührender Gebärde langt 
Marthas linke Hand fragend nach ihrem 
Bruder Lazarus! Diese Meerfahrt der Hei- 
ligen enthält die erste reine Landschatt in 
der deutschen Kunst. Wie ist es dem Manne 
noch weidlich schwer geworden, das weite 
große Meer — das er wohl nie gesehen — 
mit seinen »berüchtigten« Wellen, seinen 
Schiffen und bergigen Inseln und fernen Küsten 
zu malen! Er hat den Horizont ganz hinauf- 
geschoben, daß er ja alles in seine Landschaft 
hineinbrächte, was er in seinem Sinn hatte. 
Wie merkwürdig wunderlich ist nicht schon 
diese kastenartige Schaluppe, in welcher die 
Heiligen zusammengedrängt sitzen ! Dann die 
anderen Schiffe, die da mit vollen Segeln 
fahren. Und auf dem vordersten steht sogar, 
ganz winzig, ein frohgemut spielender Laute- 



niste. Gar die zerhackten braunen Landmassen 
und Inseln mit den brockigen, ausgestopften 
Bergformen und gar so steil ansteigenden 
Ufern. Und erst die vielen dünnen Plätscher- 
weilchen, mit denen der Maler das ganze 
Meer angefüllt hat. Mit wieviel Sinnigkeit, 
mit welch köstlich kindlicher Phantasie ist 
das alles geschaut! . . Aber seltsam, schon 
jene Zeit wollte von der Kunst nicht Sinnig- 
keit sondern Sinnlichkeit, nicht Phantasie, 
nein Wirklichkeit. Es ist dieses schon vorhin 
erwähnte junge, eifernde, heraufdrängende Ge- 
schlecht eines Multscher und Witz, gegen 
welches sich der Spruch wendet, den Lucas 
Moser, der »Meister des Werx« 143 1 zum 
Schluß an die eine Randleiste der Altartafeln 
in orientalisch verschnörkelten Buchstaben 
schrieb: 

Schri (schrei) kunst schri und klag dich ser 
Dein begert jecz niemen mer. 
So o we. 
Der gealterte Künstler sieht, wie die Jugend 
forsch alle ehrwürdige, fromme Überlieferung 
über den Haufen wirft und der kraftspenden- 
den Natur und urwüchsigen Leidenschaft in 
die Arme stürzt. Er muß seine eigenen hei- 
ligen Ideale erbleichen sehen. So o weh! . . 
Aber uns von heute leuchten sie aus diesen 



^ IN TIEFENBRONN ^3 



I II 



Tafeln immer noch in dem milden 
Glänze reifer Frömmigkeit und lau 
teren Seelenfriedens. 

Noch manches weitere Stück alt- 
deutscher Kunst birgt das Kirchlein 
zu Tiefenbronn. (Es ist das an Schät- 
zen alter Kunst reichste Gotteshaus 
des ganzen Badner Landes!) So wäre 
zu erwähnen der Kreuzaltar aus dem 
Jahre 1524 mit einem, merkwürdiger- 
weise, bekleideten heiligen Sebastian, 
was recht selten vorkommt. Das 
Ganze hat aber eine ziemHch spießige, 
unselbständige malerische Ausfüh- 
rung. Unten, auf der Staffel, ist auf 
einem Wappen ein tiefer Brunnen 
gemalt, als eine Verbildlichung des 
Ortsnamens: »Tiefenbronn <, wie des 
beweglichen Küsters sprudelndes Wis- 
sen behauptete. 

Im Altarschrein von 15 17, links 
vom Chor, steht Maria mit dem Kinde 
zwischen Petrus und Paulus. Mütter- 
liche Kümmernis sieht aus ihren 
langen Zügen, frauliche Würde webt 
um ihre Gestalt. — Rings die Wände 
bekleiden viele Grabmäler. Es sind 
die Schirmherrn der Kirche, die Frei- 
herrn von Gemmingen, welche da, in 
Stein gemeißelt, verewigt sind: steif- 
gewandete Frauengestalten voll ma- 
tronenhafter Ehrbarkeit, betende got- 
testürchtige Ritter, die auf Löwen 
oder Hunden, Sinnbildern der Stärke 
und Vasallentreue, knien. 

Ein Prachtstück ist die hohe schwere 
gotische Monstranz aus dem 15. Jahr- 
hundert. Sie ist ganz aus gediegenem 
Silber gearbeitet und übersät mit 
vielen manchmal vergoldeten Figür- 
lein, die sich teils zu historischen 
Darstellungen, wie zum Abendmahl, 
zusammenschließen, teils als einzelne 
Heilige das viel durchbrochene Türm- 
chen flankieren. Diese Monstranz hat 
eine bewegte Geschichte hinter sich. 
Oftmals mußte sie, wenn schwere 
Kriegszeiten ins Land gingen, in 
sichere Klöster und Städte geflüchtet 
werden, aufdaß sie nicht von Soldaten- 
horden geraubt, eingeschmolzen und 
zu Geld gemünzt wurde. Und es hielt 
meist recht seh wer, wenn der Krieg vor- 
bei war, bis die Tiefenbronner wieder 
ihre Monstranz hatten, denn die mäch- 
tigen Schutzherren, denen man das 
hohe Kleinod anvertraut, wollten es 
gewöhnlich nicht mehr herausgeben. 







I 12 



IN TIEFENBRONN. — NEUE KIRCHE VON C. MORITZ 



• KATUHlRCUE-FORUagiNOiHOBST 




CARL MORITZ (KÖLN-DÜSSELDORF) 



KATH. KIRCHE IN HABINGHORST 



l'^l. Grundriß S. tlj. Text miien 



Solchen Zeiten arger Kriegsgefahr soll die 
sagenumwobene Waldkapelle, welche in der 
Nähe der Ruine Steinegg, dem einstigen Wohn- 
sitz eben jener Freiherrn von Gemmingen, 
liegt, ihre Entstehung verdanken. In schlim- 
men Kriegsnöten, so berichtet die Sage, habe 
ein Fräulein von Gemmingen, aus Furcht vor 
den herannahenden Feinden, sich unter einem 
nahen überhängenden Felsen versteckt und in 
ihrer Todesangst gelobt, wenn Gott sie den 
Händen der Feinde fernhalte, so wolle sie 
auf dem Fels, der sie verborgen, eine Kapelle 
stiften. Und so geschah's. 

Wir sind wieder zurückgewandert durchs 
Würmtal. Tage vergingen. Inzwischen war 
ich bei Meister Grünewald in Colmar ge- 
wesen. — An einem lachenden Sonntag- 
morgen war es, als ich aus dem Fenster 
unseres Gasthofes hinaussah, wo dicht davor 
das flache Bächlein der Oos vorbeischaukelte. 
Der Sonnenschein spielte auf dem Wasser. 
Und da entstanden, aus den ReHexen der 
Wellen und des glatten Bachbodens unten, 
lauter eckige Lichtkringel auf der Wasserfläche. 
»Lucas Moser«, sagte ich; »die MeereswelJen 
Lucas Mosers.« — Der zünftige Malersmann 
ist wohl wenig aus den Mauern seiner Hei- 



mat Weil der Stadt herausgekommen. Das 
Meer konnte er sicherlich nie sehen. So 
betrachtete er an einem lichten Sommertage 
die Wellen eines lustigen Bächleins seiner Hei- 
mat, und die malte er dann unbekümmert 
als hehre« Meereswogen in seine goldene 
Tafel hinein. O glückliche Einfalt eines engen 
aber friedfertigen Daseins. — Lange mußte 
ich noch an diese ruhsame, milde, goldig 
warmschimmernde Welt des Magdalenen- 
schreines denken. Es ist, als ob sein stilles, 
tiefes Leuchten sich einem ins Blut lege und 
man es mitnähme in Tag und Traum. 

EINE NEUE KIRCHE VON 
C. MORITZ 

\'on Rechtsanwalt Dr. B.\RTM.\NN (Dortmund) 

Wenn irgendwo, so zeigt sich vornehmlich 
in den großen Industriegebieten, wie 
dem rheinisch-westfälischen Kohlenrevier, die 
künstlerische Unmöglichkeit, neue Kirchen in 
den historischen Stilarten zu bauen. Eine 
gotische Kathedrale zwischen rauchenden 
Schloten, Fördergerüsten und Bergarbeiter- 
wohnungen muß auch einem begeisterten 
Neugotiker als ein Unding erscheinen. So 



^ EINE NEUE KIRCHE VON CARL MORITZ es^ 



113 



hat denn die katholische Gemeinde in H a- 
bingshorst wohl darangetan, einen mo- 
dernen Meister der Kirclienbaukunst, den 
kgl. Baurat Carl Moritz in Köhi, mit dem Bau 
eines neuen Gotteshauses zu betrauen. Hatte 
er doch schon für Langendreer und Stoppen- 
berg bei Essen, zwei ausgesprochene Indu- 
strieorte, sowie für Münster i. W.') und Biele- 
feld prächtige Kirchen errichtet, die sämt- 
lich ein zielbewußtes, künstlerisches Weiter- 
streben verraten 2). 

Habinghorst ist ein kleines Nest unweit 
der Strecke Wanne-Dortmund, mit teils noch 
ländlicher, überwiegender Bergarbeiterbevöl- 
kerung. Dem entsprechend mußte die Kirche 
einfach und nicht zu teuer werden. Gleich- 
wohl hat Moritz sie sehr schön und würdig 
zu gestalten gewußt. Die 
Außenwände sind mit 
einem Kalkzementputz 
versehen, welcher grob 
abgerieben und durch Be- 
handlung mit einem Reib- 
brett interessant geformt 
wurde. Nur der Sok- 
kel erhielt Werksteinver- 
blendung. Der einzige 
Schmuck besteht in einer 
monumental aufgefaßten 
Kreuzigungsgruppe von 
Bildhauer Jos. Most in 
Köln-Königsforst, welche 
im Giebelfelde angebracht 
ist. Die ganze Silhouette 
der Kirche ist fest und 
klar (Abb. S. 112). Der 
schlanke Turm liegt 
neben dem Hauptgiebel, 
gerade im Sehfelde meh- 
rerer Straßen. Die Vor- 
halle , in welche man 
durch drei mächtige Bö- 
gen gelangt, ist nach in- 
nen gezogen. Der Grund- 
riß ist ausgezeichnet 
durchgearbeitet (vgl. die 
Abb. nebenan), dasHaupt- 
schiff ist sehr geräumig, 
von einem Tonnenge- 



wölbe überspannt. Die Seitenschiffe sind, wie 
bei fast allen modernen Kirchen, bloße Gänge, 
erbreitern sich aber dort, wo bei alten Kirchen 
das Querschiff liegt, zu hübschen Räumen. 
Diese können, da sie ja einen Seitenaltar 
enthalten, für sich allein benutzt werden, 
bieten aber auch, da sie nur durch weitge- 
stellte Säulen von dem Hauptschiff getrennt 
sind, einen guten Blick auf den Hauptaltar. 
Dazwischen in einer Ecke, wo das Tonnen- 
gewölbe anhebt, ist sehr geschickt, mit direk- 
tem Zugang von der Sakristei, die Kanzel 
angebracht. Der Hochaltar ist im Halbkreis 
von Säulen und Gebälk umstellt, zwischen 
denen Teppiche hängen. Aut den Säulen 
knien in tiefer Anbetung vergoldete Engel, 
modelliert vom Frater Reinhold in Maria- 



') Vgl i Die christliche Kunst c, 
November 1908, Beil. S.u. 

^) Vgl. 7. Sonderh. igioder 
>Architektur des 20. Jahrhun- 
derts«, Kirchliche Bauten und 
Klöster, Erziehungsanstalten 
und Krankenhäuser von Carl 
Moritz, Verlag lirnst Wasmuth 
A. G., Berlin. 




CARL MORITZ (KÖLN) 



Grundriß. 



KATH. KIRCHE IN HABINGHORST 
l^gl. Abb. S. 112. — Text nebenan 



Die christliche Kunst. X. 



114 



DIE BEWl-INUNG CHRISTI VON M. GRUNEWALD es^ 




WILtlELM HAVERKAMP (BEKLIX) 

Kreuz^Vfgsttitioft in der Bonifatiitskirche zu Berlin. Klip/erJiohlgahiano 



KREUZTRAGUNG 



Laach. Ihr Gold und das verschiedene Gelb 
der Teppiche und des Baumberger Sandsteins 
geben einen feierliciien Farbenakkord. Für 
die Nische in der Apsis ist ein segnender 
Christus vorgesehen, der den ganzen Altar 
bekrönen soll. Dieser selbst, sowie die 
Kommunionbank, die ewige Lampe, die 
Beleuchtungskörper, die Beichtstühle und 
Bänke sind von dem Architekten entworfen. 
Ebenso auch die eigenartigen und prakti- 
schen Weihwasserbecken aus hellgelbem ge- 
branntem Ton. 

Zu beiden Seiten des Chores liegen die 
Sakristei und Borromäusbibliothek. Mit erste- 
rer ist das Pfarrhaus durch einen überdeckten 
Gang verbunden. Auch dieses ist einfach, 
gediegen und sicher im Geschmack. Das 
Fassungsvermögen derKirche beträgt 2000 Per- 
sonen; eine größere Zahl Plätze ist auf der 
Orgelbühne vorgesehen, da diese wegen der 
darunter liegenden Vorhalle besonders ge- 
räumig werden konnte. Die Baukosten be- 
trugen einschließlich Zentralheizung und elek- 
trische Anlage, jedoch ohne die innere Ein- 
richtung, 169000 M. für die Kirche und 
28000 M. für das Pfarrhaus. 



DIE BEWEINUNG CHRISTI VON 
MATTHIAS GRÜNEWALD 

Von Dr. O. DOERING-Dachau 
(Abb. S. 121) 

r^er Name des Matthias Grünewald ist schon 
'-^ bald nach dem Tode des Meisters mehr 
und mehr in Vergessenheit geraten ; mit der 
kunstgeschichtlichen Würdigung dieser viel- 
leicht merkwürdigsten Künstlerpersönlichkeit 
aus der Epoche der beginnenden Neuzeit 
beschäftigt man sich erst seit kurzem. Was 
Grünewalds Werke betrifft, so ist das be- 
kannteste davon der sogenannte Isen heimer 
Altar, welcher sich in zerstückeltem Zustande 
im Museum zu Colmar im Elsaß befindet. 
Das großartige Werk gehört zu den wenigen, 
deren Authentizität feststeht. Das Gleiche ist 
der Fall mit der herrlichen Unterredung 
zwischen St. Erasmus und Mauritius, einer 
Hauptzierde der deutschen Abteilung in der 
Münchener K. Alten Pinakothek. Dies letztere 
Werk hat Grünewald im Auftrage des aus der 
Reformationsgeschichte bekannten Albrecht 
von Brandenburg gemalt, welcher Erzbischof 
von Magdeburg und Administrator von Hal- 
berstadt war und 1518 Kardinal wurde, nach- 
dem er seit 15 14 die erzbischöfliche Würde 
von Mainz mit inne hatte. Sein Streben, 
der andringenden Reformation in Halle ein 



DIE BEWEINUNG CHRISTI VON M. GRÜNEWALD 



"5 




WILHELM HAVERKAMP (BERLIN) 

Kreitzivegstaiton in dei 



KREUZABNAHME 



Bonifaiiuskirchf zit Berlin. Kiipferholtlgalvano 



festes Bollwerk entgegenzuzetzen, führte ihn 
zur Begründung eines Collegiatstiftes daselbst. 
Als ein im höchsten Grade prachtliebender 
Fürst stattete er auch dieses »Neue Stift« in 
verschwenderischer Weise aus. Man mag 
den Kardinal Albrecht sonst beurteilen wie 
man will, so muß man ihm doch das lassen, 
daß er den bedeutendsten Malern, Bild- 
hauern und Kunstgewerblern deutscher Na- 
tion Beschäftigung gegeben hat. Er erwarb 
sich das Verdienst, unserer heimischen Kunst 
Hilfe und Förderung zu gewähren zu einer 
Zeit, wo italienische und niederländische Ein- 
flüsse an anderen Orten und Holen anfingen 
sich maßgeblicher fühlbar zu machen und 
wo z. B. ein verhältnismäßig wenig bedeu- 
tender Maler wie der Venezianer lacopo de' 
Barbari, genannt Jacob Walch, bedeutende 
Aufträge erhielt, während deutsche Meister 
im Hmtergrunde stehen mußten. Zu den 
Künstlern, welche Albrecht heranzog, gehörten 
Männer wie der alte Cranach, Hans Baidung 
Grien, Albrecht Dürer, Peter Vischer. DaB 
Matthias Grünewald ihnen zur Seite gestellt 
wurde, zeigt, wie hoher Wertschätzung seine 
Kunst sich bei Albrecht erfreute, gleichzeitig, 
über welchen Feinsinn selbständigen Kunst- 
urteils jener Kirchenfürst verfügte. 

Über die Person und den Lebensgang 
Grunewalds ist nur äußerst wenig und fast 
gar nichts Festgesichertes bekannt. Nach den 



Untersuchungen von H. A. Schmid ist er 
wahrscheinlich gegen 1485 geboren; ob in 
Aschatfenburg oder in Nürnberg ist unsicher. 
Um die neunziger Jahre scheint er in Straß- 
burg und Basel gearbeitet, glaublich auch zum 
Kreise Martin Schongauers gehört zu haben. 
1501 war er vermutlich als Schüler des 
älteren Holbein in Frankfurt a. M. Ober- und 
minelrheinische Einflüsse sind in Grüne- 
walds Kunst erkennbar; über sie hinaus aber 
hat er sich zu völlig persönlicher Eigenart 
durchgerungen. Das früheste von ihm er- 
halten gebliebene Bild ist nach Braunes An- 
nahme die 1503 gemalte Verspottung Christi 
in München. Daran schließt sich um 1505 
eine kleine Kreuzigung des Baseler Museums. 
Der schon erwähnte Altar des Antoniter- 
klosters Isenheim ist vor 15 16 entstanden. 
Nach 15 17 folgte ein Altar für Aschaffen- 
burg, sowie vermutlich jene reizende Ma- 
donna im Rosenhag, welche 1907 in der 
Kirche des Dorfes Stuppach bei Mergentheim 
entdeckt oder richtiger gesagt als Werk 
Grünewalds erkannt wurde. (Abb. im IV. Jahrg. 
nachS. 192, mit Text von Dr. Max Schermann.) 
Sie entstammt demselben Jahrzehnt, an dessen 
Ende unser Künstler zum erstenmal im Zu- 
sammenhange mit dem Kardinal Albrecht 
erscheint. Von den Bildern, welche er im 
Auftrage dieses Fürsten schuf und zu denen 
auch das Münchener Mauritius-Gemälde ge- 



ii6 



e^ DIE BEWEINUNG CHRISTI VON M. GRUNEWALD 




WILHELM HAVERKAMP (BERLIN) DAS WUNDER DER BROTVERMEHRUNG 

Im Hochaltar der Pfarrkirche zu Stadtlohn in li'est/atcn. Kup/crholilgalvano 



hört, welches einst der Mittelteil eines Altars 
war, dessen Flügel nicht von Grunewald her- 
stammen — von diesen Bildern möchte ich 
die Aschaffenburger Pieta, über die hier weiter 
zu reden sein wird, für eins der letzten 
halten. Daß das Bild sich in Aschaffenburg 
befindet, erklärt sich daraus, daß Albrecht, 
nachdem seine Stellung in Sachsen unhaltbar 
geworden, bei seiner Übersiedelung nach 
Mainz sehr viele der für ihn angefertig- 
ten Kostbarkeiten dort und in Aschaffenburg 
unterbrachte. — Von den übrigen Werken 
Grünewalds, zu denen u.a. ein um 1522 ge- 
maltes, dämonisch wirkendes Kreuzigungs- 
bild gehört (jetzt in der Kunsthalle zu Karls- 
ruhe) kann an dieser Stelle nicht näher be- 
sprochen werden ; wer sich damit zu be- 



schäftigen wünscht, sei auf die einschlägigen 
Werke u. a. von Schmid, Bock, Friedlaender 
hingewiesen. Gestorben ist der Künstler um 
15 30. Es ist charakteristisch, daß nicht ein- 
mal dies Datum für uns feststeht. Zur Er- 
klärung wird man mit Fug annehmen dürfen, 
daß die Zeitgenossen die Art dieses Künstlers 
nicht mehr verstanden, der sich von jeglicher 
fremden Richtung so völlig fern hielt, be- 
sonders keinerlei italienische Einflüsse Herr 
über sich werden ließ, denen doch sogar ein 
Dürer sich nicht entziehen konnte. Grüne- 
wald hat dem Zeitgeschmack niemals Kon- 
zessionen gemacht, ist in seinem Empfinden 
und Scharten dem Deutschtum unbeirrt treu 
geblieben, ist auch sonst seine eigenen Wege 
gegangen, die von jedem einschmeichelnden 



^3 DIE BEVVEINUNG CHRISTI VON M. GRUNEWALD 



117 




WILHELM HAVERKAMP (BERLIN) 



DIE VERWANDLUNG VON WASSER IN WEIN 



Int Hochaltar der P/arrkirche zu Stadtlohit in IVesifalen. KtipferIioklgah>a»o 



Wesen weitab fülirten. So mag er als ein 
Mann gegolten haben, den der große Haufe 
nicht beachtete als einen, der es nicht ver- 
stand, mit der Zeit mitzugehen. 

Die Pieta, welche wir hier besprechen und 
mit dankenswerter Genehmigung des K. Stif- 
tungsamtes, sowie der Stiftskirchenverwaltung 
zu Aschaftenburg abbilden, ist für einige 
Monate als Leihgabe an die K. Alte Pina- 
kothek zu München gekommen, wo sie im 
Dürer-Kabinett untergebracht ist, leider in 
etwas ungünstiger Stellung, weil das seitlich 
einfallende Licht in der das Bild bedecken- 
den Glasscheibe reflektiert. Das Gemälde ist 
nicht zum erstenmal auf Reisen. Im Jahre 
1903 bildete es eine der größten Zierden der 
von mir in Verbindung mit den Konser- 



vatoren der an die Provinz Sachsen grenzen- 
den Bezirke ins Werk gesetzten Kunstge- 
schichtlichen Ausstellung zu Erfurt ; es ist 
auch in der daraus hervorgegangenen großen 
Publikation (Doering und Voß, Meisterwerke 
der Kunst aus Sachsen und Thüringen, 
Magdeburg, E. Baensch jun., 1904) abgebildet 
worden. Der Grund, dieses Bild damals 
mit heranzuziehen, lag teils in seiner ein- 
stigen Bestimmung für ein sächsisches Stift, 
teils darin, daß es darauf ankam, einer Reihe 
von in Erfurt ausgestellten Gemälden des 
sogenannten Pseudo-Grünewald einunantecht- 
bares Werk des wirklichen zum Vergleich 
an die Seite zu stellen. In die Erörterung 
der daraus hervorgegangenen wichtigen Re- 
sultate, um die sich speziell Max Friedländer 



ii8 



DIE BEWEINUNG CHRISTI VON M. GRUNEWALD 




WILHELM HAVERKAMP (BERLIN) 



L SELIGPREISUNG 



Kanzel/iiUuitg in der Pfarrkirche zu Stadllohn in Westfalen, Hoiilgalvauo 



verdient gemacht hat, kann ich hier nicht ein- 
gehen ; es sei dafür auf den Text im ge- 
nannten WerlvC hingewiesen. 
p ; Grünewalds Beweinung Christi ist auf 
Fichtenholz mit Ölfarbe gemalt und besitzt, 
aus dem Rahmen genommen, eine Höhe von 
0,48 bei einer Breite von 1,50 m. Ein Gefühl, 
welches in dem Beschauer alsbald entsteht, 
ist das der Verwunderung darüber, daß von 
der trauernden Muttergottes nichts zu sehen 
ist als die Unterpartie und die leicht inein- 
ander gefalteten Hände. Da auch vom Körper 
Christi Teile seiner rechten Seite fehlen, 
endlich die Figur links und das Wappen 
rechts unvollständig sind, so drängt sich die 
Vermutung auf, daß das Bild verstümmelt 
und ursprünglich, namentlich in der Höhe 
größer gewesen sei. Was die Ausdehnung 
in die Breite betriflt, so halte ich aber die 
jetzige für die ursprüngliche, und zwar darum, 
weil die Zehen des rechten Fußes Christi 
fast gewaltsam an den Bildrand angepreßt 
sind, was doch nicht nötig wäre, wenn das 



Bild einst dort breiter war. Ist aber die rechte 
Seite unverändert, so muß es wegen des 
kompositioneilen Gleichgewichts auch die 
linke sein. Weniger einfach steht die Sache 
mit der Höhenausdehnung. An sich möchte 
ich es angesichts der ungewöhnlich stark 
ausgeprägten Eigenart Grünewalds keineswegs 
vorweg in Abrede stellen, daß er nicht eine 
derartig fragmentarische Darstellung hätte 
beabsichtigen mögen. Zur Erklärung des 
Vorganges im Bilde ist auch jetzt alles Not- 
wendige vorhanden, ja die tiefe Erregtheit 
religiösen Empfindens zeigt sich nach meinem 
Gefühl bei der jetzigen Fassung sogar viel 
konzentrierter, als wenn alles breit ausge- 
führt ist. Ein modernes Werk, Gabriel Max' 
,,Es ist vollbracht", deutet den Schmerz der 
Freunde des Heilandes auch nur durch einige 
gerungene Hände an und erreicht dadurch 
eine Verallgemeinerung auf die gesamte 
heilsbedürftige Menschheit. Als Gegengründe, 
welche die Annahme rechtfertigen sollen, 
daß mindestens die Figur Maria ehemals 



DIE BEVVEINUNG CHRISTI VON M. GRÜNEWALD ^ 



119 




WILHELM HAVERKAMP (BERLIN) 



ST. BON'IFATIUS 



Kanzel/iillung in der Pfarrkirche zu StaiitloJui in Westfalen. Galvano 



vollständig, das Bild also um zwei Drittel 
höher gewesen sei, kann man anführen : 
erstens, da(i es aus jenen Zeiten an jedem 
Analogon fehlt; zweitens, daß der links be- 
findliche Mann, Kardmal Aibrecht, (nicht 
aber die klagende Frau gegenüber) den Bhck 
derartig emporrichtet, daß man glauben 
könnte, er wolle in das Antlitz Maria blicken. 
Diesen beiden bereits von anderer Seite an- 
geführten Gründen möchte ich als dritten 
noch hinzufügen, daß es auffallend ist, auf 
diesem Bilde nicht weniger als drei Stifter 
zu sehen, während doch die Kosten für ein 
verhältnismäßig so wenig umfangreiches Werk 
unmöglich sehr hoch gewesen sein können. 
Auch dies würde den Schluß auf ein größeres 
Gemälde zulassen. Mir scheint aber, daß keiner 
der angeführten Gründe wirklich stichhaltig 
ist. So lange nicht durch Urkunden oder 
zeichnerische Vorstudien das Gegenteil be- 
wiesen wird, braucht man von der Vermu- 
tung, der vorliegende Zustand sei der ur- 



sprüngliche, noch nicht abzulassen. Das Em- 
porblicken des Kardinals kann ebenso gut der 
darüber betindlich gewesenen Darstellung eines 
größeren Altarmittelteils gegolten haben, von 
dem unser Bild nur die Predella gewesen wäre, 
und dann hätte es sich um ein Werk wirklich 
bedeutenden Umfanges gehandelt, bei welchem 
auch die Beteiligung von drei Stiftern erklärlich 
wäre. Schließlich scheint mir auch der Be- 
achtung wert, daß die Ränder der Maltläche 
scharfe Kanten und Grate zeigen, die nicht 
darnach aussehen, als sei die Farbe ehemals 
über sie hinweggegangen. 

Sei dem nun wie ihm wolle, so läßt sich 
nichts daran ändern, daß dies Gemälde jetzt 
so und nicht anders aussieht, und mir scheint, 
daß es in jedem Falle eins der kostbarsten 
Werke ist, welche die ausgehende Gotik uns 
hinterlassen hat, vielleicht ein Beweis, daß 
diese noch reichlich genug Lebenskraft besaß, 
um noch weiterhin Großartiges zu leisten, 
wäre ihr die Renaissance nicht übermächtig 



I20 



DIE BEWEINUNG CHRISTI VON M. GRUNEWALD ^ 




WILHELM HAVERKAMP (BERLIN) 

hn Antepentiium des Hochallars der Ffarrkirclte zu Stadtloltn in Wfstfalen 



FUSSWASCHUNG 



entgegengetreten. Wundervoll ist die bewegte 
Linie des hingestreckten Christusaktes. Der 
Kopf erinnert an jenen beim Kruzifi.xus des 
Isenheimer Altares, doch ist dieser hier edler 
in der Form und namentlich die Nase nicht 
so hakenförmig. Auch der Mund ist ruhiger 
und feiner, der Hals allerdings erscheint etwas 
massiv. Die Zeichnung der Füße ist nicht 
unbedenklich. Die eine große Zehe zeigt die 
bei Grünewald charakteristische starke Zurück- 
biegung. Dasselbe tut der rechte Daumen 
Marias. Daß die zugehörige Hand hart recht- 



winklig umgebogen ist. 



wird 



ausgeglichen 



durch die weiche Bewegung der linken Hand, 
auch durch die Milde der Zeichnung und 
Färbung im ganzen, welche diesen Händen 
etwas schier Überirdisches gibt. Ihr zartes 
Leben bildet einen prachtvollen Kontrast gegen 
die Herbigkeit des toten Christuskopfes. Die 
Gewänder fließen in weichen, sanften Falten 
und Linien. Neben Marias rechtem Arm 
scheint sich, freilich sehr undeutlich, der Unter- 
teil eines weiter rückwärts befindlichen, daher 



perspektivisch kleineren Gesichtes bemerkbar 
zu machen. — Von den beiden Stifterfiguren 
rechts ist das Antlitz des Mannes nur schwer 
zu erkennen, da es in tiefem Schatten liegt. 
Der Kopf ist mit einem dunkelroten Hute 
mit hellroten Verzierungen und weißem Futter 
bedeckt. Die Frau ist sicher keine hl. Magda- 
lena, wie Bock gemeint hat, sondern wegen 
des gleichen Reduktionsmaßstabes die Gattin 
des Mannes, der durch seine Wappen als ein 
Mitglied der Familie Schenk von Erbach ge- 
kennzeichnet wird. Höchst bezeichnend für 
Grünewalds Leidenschaftlichkeit ist es, daß er 
diese Stifterin an der Marienklagc lebhaften 
persönlichen Anteil nehmen läßt. — Die Figur 
in der Ecke links ist Albrecht von Branden- 
burg, welcher sein eigenes Wappen mit den 
Händen oben und unten gefaßt hält. Er ist 
in einen dunkeln Rock mit rotem Aufschlag 
gekleidet und trägt auf dem Kopfe eine gold- 
gestickte Haube. Das Wappen zeigt die Kar- 
dinalsinsignien. Wird hierdurch bewiesen, 
daß das Bild nicht vor 15 18 gemalt sein kann, 




WILHELM HAVERKAMP (BERLIN) 



HEILIGE FAMILIE 



Gruppe auf dem Hochaltar der Kirche des St. MarUnistifts 
(kath. Lehr- und Erziehungsanstalt) Appelhülsen i. Westf. 



^ DIE BEWEINUNG CHRISTI VON M. GRUNEWALD 



121 



SO halte ich doch diesen Zeitpunkt für erheblich 
zu früh. Als Albrecht Kardinal wurde, war er 
erst 28 Jahre alt. Der Mann aber, welchen wir 
hier gemalt sehen, und der wegen des Wappens 
doch kein anderer sein kann als eben Albrecht, 
ist grauhaarig. Vergleicht man dies Bildnis mit 
denen, welche Cranach und Dürer von dem Kar- 
dinal angefertigt haben, so bemerkt man, daß er 
bei Grünewald iilter ist als bei jenen ; besonders 
trifft das auch auf den in der Figur des hl. Eras- 
mus porträtierten dunkelhaarigen Albrecht des 
Münchener Mauritiusbildes zu. Sonach ist das 
Aschaft'enburger Bild in späteren Lebenstagen des 
Kardinals gemalt, allerdings, falls der Zeitpunkt 
um 1530 für Grunewalds Tod richtig ist, auch 
nicht in sehr vorgerücktem Alter. Albrecht ist aber 
überhaupt nur 55 Jahre alt geworden (f 1545), also 
kann es wohl sein, daß er schon in seinen vier- 
ziger Jahren grau und alt aussah. Ich glaube auch 
noch aus einem andern Grunde, daß dies Bild in 
Grünewald's Lebenswerk aus späten Zeiten stammt, 
und zwar wegen der Beschaffenheit der Helldunkel- 
Malerei. Wir sehen sie zwar beim Isen heimer 
Altar und einigen anderen Werken bereits sehr 
schön entwickelt, aber doch nicht zu so reiner 
Abklärung gelangt wie hier. Auch schaltet der 
Maler dort mit den Formen und Farben in einer 
Weise, welche zwar die Vorzüge, aber auch die 
Mängel der eigenwilligen Kraftgenialität besitzt, 
während hier offenbar größere Ruhe herrscht, ohne 
daß doch das dramatische Leben darum weniger 
tiefe Erregung zeigte. Koloristisch ist die Aschaf- 
fenburger Pieta von höchster Feinheit, in der 
Hauptsache auf kalte graugrüne, blaue und weiße 
Töne gestellt, die in etlichem Braun (in den Schat- 
ten, am Sarkophage usw.) ihr Komplement fin- 
den. Die Wappen aber bringen mit ihrem reich- 
lichen Rot und Weiß, auch etwas Gold leuchten- 
des Leben in das Bild und sichern ihm eine 
dekorative Fernwirkung. — Im Interesse wissen- 
schaftlicher Untersuchung und auch um die Genia- 
lität dieses immer noch zu wenig gewürdigten 
Künstlers weiten Kreisen vor Augen zu führen, ist 
es lebhaft zu begrüßen, daß das Bild jetzt zeitweise 
nach München gekommen ist. Der Fall liefert einen 
Beitrag zur Erwägung der Frage, die sich freilich nur 
von Fall zu Fall entscheiden läßt, ob es besser ist, 
wertvolle Kunstwerke an ihren gelegentlich versteck- 
ten, wenig besuchten Aufenthaltsorten zu belassen 
oder sie den großen Zentralpunkten zuzuführen. 

GROSSE 
BERLINER KUNSTAUSSTELLUNG 191 3 

Von Dr. Hans Schmidkunz (Berlin-Halensee) 

(Schluß) 

Codann erschienen sieben deutsche Städte, unter ihnen 13 e r i i n 

samt anderen Städten Preußens. Religiöses tritt hier wenig 

her\'or: zwei von den Hamburger Rathaus-Hntwürfcn F. Gesel- 




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Die cbiistJiche Kunst. X. 4. 



122 



^ GROSSE BERLINER KUNSTAUSSTELLUNG 191 3 



schaps, ein paar E. v. Gebhardt, eine der lieblichen 
Szenen von J. Scheurenberg (> Maria mit den Engeln <}. 
Entrernter schließen sich an: L. Detlmanns »Fischer- 
hochzeit<, O. Heicherts »Seclengebet der Heilsarmee«: 
(der dann neu einen »Geburtstag der Genesenden < bringt) 
und H. Looschens »Sonntagsruhe«. Von diesem sei 
gleich auch seine neue del;orative Malerei »Northusia« ge- 
nannt, eine der Stadt Xordhausen gewidmete, sagen wir: 
»profana conversazone«. Im übrigen gibt es hier ein Aache- 
ner Historienbild von A. Kampf, Genre von G.Janssen 
und C. Mever, Landschaften von H. Herrmann ^ein 
Werftbild von ihm zeigt Einheitlichkeit verbunden mit 
guter Durcharbeitung), von M.Ludwig leine an Licht- 
strahlung reiche schwäbische Landschaft ist anscheinend 
eine Fertigstellung nach t C. Lud wi gl, von H.Liese- 
gang. Ein »Pierrot« von L. v. König erscheint wie 
ein Exklave aus der Secession. Das Potträt ist vielleicht 
am besten vertreten : von F. v. Harrach, von H. L.Meyn, 
von t I*^- Stauffer-Bern (»Ludwig Löwe«). 

Aus München ijiergestellt von C. Bios) sind als 
Religiöses C. Marrs »Jüngling zu Naim« und eines 
der Franziskusbilder von F. Kunz (die Heimkehr von 
der Stigmatisation) zu sehen; A. Langhammers 
»Prozession« mag sich hier anreihen. Im übrigen 
tritt auch da das Porträt hervor, zumal von F. Kirch- 
bach und L. Samberger. Was sonst noch auffallt, 
sind Landschaften von F. Baer, F. Grässel und 
O. Strützel sowie Genre von W. Firle, A A.Ober- 
länder und E. Liebermann (eine Atelier-.^ktszene 
»Parisurieil« von 191 5). 

Aus Dresden (hergestellt von G Kuehl) kam 
M. Klingers »Pietä« von 1890, allerdings unter Protest 
des Künstlers. Hier seien erwähnt der »Rumänische 
.-Vrchimandrit« von G. Lührig, die »Trauernden Wit- 
wen« von .A. \\'ilckens (mit denen etwa C. Bantzers 
»Hessische Bäuerin« zusammengestellt werden kann) 



und besonders von dem Zeichnungskünsiler R. Müller 
die hier als »Die Nonne« bezeichnete »Barmherzige 
Schwester« von 1S99 i»Was ihr getan habt einem 
unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr 
mir getan«). Außerdem fallt eine »Die drei Lebens- 
alter« darstellende Pferdegruppe von E. Hegenbarth 
auf. H. Ungers weiblicher Idealkopf wiederholt sich 
in »Mutter und Kind«, F. Dorschs Ballgenre in »Der 
blöde Pierrot«, W. Claudius' Interieurkunst in einem 
»Hellen Stübchen«. 

Karlsruhe (hergestellt von J. Bergmann) befriedigt 
religiöses Interesse durch L. Schmid-Reuttes in 
geometrischen Formen und in braunen Tönen gehal- 
tenen »Christus am Kreuz und die beiden Schacher« 
sowie durch f W. Volz, »Cäcilie«. Neben den Ver- 
storbenen C. H. H o ff (»Hirtenbubi) und H. Baisch 
(»Maimorgen«) stellt sich wie immer G. Kampmann 
ein: sein »Spätabends« ist eines von den Bildern, die 
durch wenige etwas gar umfangreiche Flächen wirken. 

Stuttgart (von R. Weise, dessen »Städterin« 
ein Gegensatzthema charakteristisch, doch in einer un- 
nötigen Formalgröße bringt) stellt seine Verstorbenen 
H. PI euer und 1". Reiniger voran. Neben ihnen 
sind noch bemerkbar C. Grethe und C. Schmoll 
V. Eisenwerth. 

Weimar (von F. Mackensen, dessen »Gottes- 
dienst« gekommen ist) läßt das Szenenhild hervortreten. 
So besonders in der »Fischerfamilie« O. Högers, in 
den Silhouettenhaften »l'lößern« des Dachauer Graphi- 
kers W. Klemm. »Birkenstämme im Herbst« ver- 
treten den vor kurzem verstorbenen C. Arp. 

Wien (von J. Q.. Adams, der durch ein an Farben- 
spiel reiches Portrat vertreten ist) kam relativ viel zu 
dürftig, um einigermaßen ein Bild von sich darzubieten. 
An farbig markanten Porträts fehlt es hier am wenigsten; 
doch auch Landschaften wie H. Toniecs »Oktober« 




CH.\RLES TOOBY 



STILLEBEN 



A7. hitertiationaU Kintstausstcthitig München tgtj 



^ GROSSE BERLIiNER KUNSTAUSSTELLUNG J915 ^3 



123 




CHARLES TOOBY 



LANDSCHAFT MIT PFERDEN 



X!. hiternnttonale KtttisttiTisstellung I^Iihtchfii igtj 



heben sich koloristisch hervor. J. Epstein zeigt 
seine >Vorbereitungen für das Fest«. K. Hucl;s 
Alpenlandschaft mit Adlern »Erwachen«, A. Zdrasilas 
in guter Tradition gearbeitete »Untergehende Sonne« 
(ein Volkstanz im Freien) und besonders R. Bachers 
»Zwei Frauen« geben Proben von der Erwerbungs- 
auswahl der Osterreichischen Staatsgalerie (die auch 
etwas von dem Dresdener E. Hegenbarth gibt). 

Die neben der Rückschau übrigbleibende, also prin- 
zipiell neueste Malerei ist wieder in solcher Fülle und 
in einem so steten »besseren Mittelgut« vorhanden, 
daß wir da erst recht wenig über Aufzählungen hinaus- 
kommen. 

Religiöse Kunst ist hier wiederum nicht spärlich 
vertreten ; doch man merkt, daß es ihren Vertretern 
wohl weniger um kirchliche Interessen zu tun ist als 
um malerische, etwa auch dekorative und besonders 
»rhythmische«. Dieser letztere Gesichtspunkt erscheint 
in P. Plontkes »Madonna«, und zwar durch die zu 
beiden Seiten von Mutter und Kind musizierenden 
Jünglinge. Jedenfalls ragt dieses Werk (von der Stadt 
Berlin angekauft) hinaus über äußerlichere Versuche, 
solchen Themen gerecht zu werden, wie sie etwas 
süßlich, aber innig M. Block -Ni end orff in einem 
Aquarell »Madonna«, mit etwas skizzenhaft-wunderlichem 
Ernst X. Schubert in seiner hellfarbigen »Verkündi- 



gung Maria« und F. Stassen in seinem »Mittags- 
zauber« bringt. F. Müller-Münsters ^Golgatha« 
ist selbständiger und tiefergehend als die wieder sehr 
an Gebhardt weisende »Grablegung Christi« und die 
stilisiert dekorative »Auferstehung« (1912) von E. Pfann- 
schmidt. »Petri Fischzug« von H. Vogel ist ein 
Seestück; »Der verlorene Sohn« von C Wiederhold 
nur eben thematisch tiefergehend, doch allzu skizzen- 
haft; »Christus und die Sünderin« von M. Coschell 
hauptsächlich ein interessantes Aktstück. Sozusagen 
trocken sind „Andacht" und »Unser täglich Brot gib 
uns heute« von O. Roloff. Mehr noch als die 
Themen, die z. B. in A. Bertrands als »Dämmerung« 
bezeichneten gehenden Mönchen erscheinen, sind er- 
sichtlich Landschaften u dgl. beliebt, die sich durch 
irgend eine Bezieliung auf einen religiösen Ton stim- 
men. Als »Sonntagmorgen« bezeiclmet H. Köcke 
seine gut farbige Darstellung eines weiten Kirchganges, 
als »Das ist der Tag des Herrn« E. John seine Schafe 
in der Haide, als »Abendsonne im Wald« A. Müller- 
Cassel ein Stimmungsbild mit einem Mädchen vor 
einem Kruzifix. Natürlich sind auch wieder, wenn- 
gleich wenig bemerkenswert, zahlreiche Kircheninterieurs 
u. dgl. zu sehen: so von R. Possin und A. Wil- 
ckens; (dessen »Frauen auf der Düne« übrigens ein- 
dringlicher sind als C. Salt zman ns sOstseefischer«); 



124 



6S^ GROSSE BERLINER KUNSTAUSSTELLUNG 191 3 E^ 



Südländisches von R. v. Hagn, Nordländisches von 
A. Antoine und von L. Katli; eine Behandlung des 
»Prozessionst-Thenias von W. BlanUe. 

Der frühe Tod eines HofFnungs%'ollen läßt uns 
weiterhin die Bilder von H. Bruch voranstellen. Es 
sind von ihm hauptsächlich Landschaften mit einem 
gut flächenhaften Zuge, zum Teil von Schafen und 
Ziegen belebt, zu sehen. Aber seine bisherigen Bilder 
von Märchen u. dgl. sowie jetzt sein >Schneewittchen» 
würden vielleicht der Anfang einer eigenen Märchen- 
erzählerkunst geworden sein (die diesmal sonst kaum ver- 
treten ist). Als einen — anscheinend frühe — Ver- 
storbenen nennen wir auch G. S ehr eckh aase, mit 
>Fischerhäusern auf Hiddensee«. 

Die »Große« würde ihre künstlerische Überlegenheit 
über die Secession wohl noch besser zur Geltung 
bringen, wenn sie die räumliche Verteilung ihrer Ob- 
jekte weniger nach deren Effekt als nach deren geistiger 
Bedeutung einrichtete. Fast sind Innigkeit und Abge- 
legenheit eines Ausstellungswerkes einander proportional. 
Warum hängt z. B. >Die Einsame^ von W. Winck 
irgendwo im Hintergrund einer sogenannten Toten 
kammer? Auch W. Thielmanns »Trauernde« könn- 
ten bevorzugt werden, und selbst M. Rabes (wohl 
verspäteter und nicht mehr katalogisierter) »Winter in 
Moskau« verdient in diesem Zusammenhange Beachtung. 




CHRISTIAN LANDENBERGER (STUTTGART) 

XI. Internationale Kunstausstellung Müncheit igi3 



Zum Innigeren gehören auch wieder Werke von dem 
altangesehenen R. Eichstaedt (»Großmutters Stube«) 
und von dem mit ihm nicht nur dem Namen nach 
leicht zu verwechselnden, allerdings malerisch frischeren 
jungreifen F. Eichhorst (»Spinnstube«, »Die Grof!- 
mutter«, »Mittagsmahl ). 

Umgekehrt könnte manches Vorangestellte in jene 
Kammern abgeschoben werden. So namentlich Por- 
träts effektvoller Personen von effektvollen Malern. 
Doch fehlt es nicht an intimeren Bildnissen. Zur Not 
könnte man selbst W. Papes »Letzte Sitzung« (der 
Berliner Akademie der Wissenschaften^! hierherrechnen. 
Jedenfalls aber die »Mutter des Künstlers- von A. F. 
Seligmann und das »Selbstporträt« von F. Krause. 
Den Generalsuperintendenten Schöttler malte R. Thien- 
haus, einen Pastor in Hamburg R. P. Junghans, 
den Pater Dr. Hartmann vin Pasiell F. Harnisch, den 
Bildhauer J. Taschner E. Heile mann. »Der alte 
Lotse« von A. Mohrbutter kann seine Würdigung 
hier finden. 

Historisches Theater wird uns trotz naher Gelegen- 
heitsverführung nur wenig dargeboten. Um so lieber 
verweilt man bei zwei Behandlungen des Themas 
»Todesreiter von 1813«, die H. Arnold und A. Ro- 
loff gegeben haben. In die auch sonst hie und da 
vertretene Werkarbeiterwelt führen die i Arbeiter« von 
F. Keller und »Der Torfschie- 
ber« von A. W es tphalen. Dem 
Monumental-Dekorativen gehören 
mehr oder weniger an: »Herkules 
erlegt die Stymphaliden« von B. 
Jettmar und das als »Herbst- 
stutm« bezeichnete Wilde Heer 
von H. Koberstein, dem ge- 
genüber J. Kl ein-C he valiers 
»Meeresbrausen« doch nur eine 
farbenglänzende Akt- und Wasser- 
darstellung ist. Das Temperabild 
»Tanzprobe« von S. Reicke 
könnte hervorragen, wäre nicht 
die Absicht so merkbar. 

Am Interesse für das, was man 
»spezifisch malerische Qualitäten« 
nennt, fehlt es nicht. Aber sie 
finden sich nicht einmal bei Ak- 
ten immer genügend oder gehen 
da ins Derbe oder Willkürliche. 
Um so eher kann man bei der 
reichen Farbigkeit in P. Paedes 
»Auf dem Kanapee« und beson- 
ders bei der Studie von W. 
Christens verweilen. In Land- 
schaften ergeht sich die eigent- 
liche Pinselkunst wohl am viel- 
seitigsten. Luft, Licht, Farbe und 
besonders das, was man Heimats- 
und Scliollengeruch nennen könn- 
te, sind nicht bloii der Secession 
eigen, obschon die eigentlichen 
impressionistischen und verwand- 
ten Spezialkünste hier l'elilen, 
etwa ausgenommen Farbenkraft- 
meiereien wie M. Uths »Stadt- 
kirche in Dinkelsbühl«, womit 
etwa die sympathische Farben- 
kraft des Blau und Grün in L. 
Bartnings »Oberengadin« ver- 
glichen werden möge. Die Ma- 
nier, den Landschaften zu viel 
Vordergrund, meist mit überhohem 
Horizont, oder zu viel eintönigen 
Luftgrund, meist mit unterniedri- 



BETENDES KIND 



125 




JOSEF TAUTHXH.WX 0\'IHX} 



ANTON BRÜCKNER 



Denkmal für den Komponisten in der Wiener Universität. Errichtet lQt2 



126 



ZWEI AUSSTELLUNGEN IN MANNHEIM 




WILLY ENGEL (HAYINGEN) 



AN DER HOBELBANK 



gern Horizont zu geben, tritt hier und diesmal kaum 
hervor. 

Natürlich sind bei den Vertretern des »Malerischen« 
besonders Stinimungsthemen beliebt wie »Nach dem 
Regen« (C. K ay se r-Eich b erg) und »Regenstimmung 
über dem Harz« i'E. Kolbe) oder »Nach der Kartoft'el- 
ernte« (F. Kiedrich). Ebenso sind, wie schon an Bei- 
spielen gezeigt, zum Beleben der Landschaftstimmung 
Tiere beliebt. So entsteht etwa, mit Schalen, der» Herbst- 
tag bei Angermünde« von O. Jernberg, der »Vor- 
frühling im Moor (Heidschnucken)« von W. Brandes 
und der aufs Hirtenlied gestimmte »Abend» von A. Wec- 
z e r z i c k- Sozusagen als Tierkünstler, neben den bekannten 
graphischen Verdiensten, entfaltet sich C. Kappstein. 
Dem See wird P. Vorgang in seinem, durch leuch- 
tende Kiefernstämme markanten »Abend am Heidereuter 
See«, der See O Heinrich in seinem »Es will 
Abend werden« gerecht — bekannter Seemaler nicht 
erst zu gedenken. 

Südliche Landschaften scheinen ihre Beliebtheit zu 
verlieren; doch erinnert an den f '■^- Hertel in be- 
deutender Weise sein »Sarazenenturm bei Rapallo \ Was 
H. Darnaut (»Waldteich«), W. terHell (»Herbst«), 
F. Kall morgen (> Sommerwolken«) und Andere malen, 
ist vorwiegend deutsches Land; und topographischen 
Interessen kann der Liebhaber nachgehen z. B. vor 
F. Wildhagens »Frühling in Thüringen«, das die 
eigentümliche thüringische Mischung von Düsterem und 
Heiterem gut trifi't, oder vor K. Heffner, der eine 
Heidelandschaft bei Lutterloh und eine bei Unterlüß 
malt, oder vor C. Hessmerts »Märzsonne, Schloß 
des deutschen Ritterordens bei Schivelbein i. P.«. 

Endlich ergeht sicli das sozusagen mal-malerische 
Interesse in Interieurs. Man mag schwanken, ob man 
den Preis des besten Innenstücks zu geben denken soll 



an M. Volkhart (».^us einem alten Patrizier- 
haus«) oder an M. Schaefer (»Der goldene 
.Spiegel« und — mit feinen mattbraunen, grün 
ergänzten — Tönen »Sakristei der Abteikirche 
zu Corvey«). Schließen wir daran R. v Hagns 
»Norddeutsche Diele« und K. Weises »Rügensche 
Bauernstube« an, so haben wir das Bewußtsein, 
daß unser Ausstellungsbericht sich bemüht hat, 
einem vielseitigen künstlerischen Streben entgegen- 
zukommen und gerade einiges mit gutem Grund 
übergangen zu haben, nach welchem eine große 
Zahl der Besucher in erster Linie fragen möchte. 

ZWEI AUSSTELLUNGEN IN 
MANNHEIM 

T Tnter den künstlerischen Veranstaltungen des 
Jahres 191 ^ in hiesiger Stadt sind neben der 
großen Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes 
vor allem die Ausstellungen des »Freien Bundes 
zur Einbürgerung der bildenden Kunst« in der 
Mannheimer Kunsihalle zu nennen. Es handelt 
sich einmal um die zu Anfang des Jahres statt- 
gehabte »Ausstellung moderner Theater- 
kunst«, die sich auf die äußere wie innere Ge- 
stallung des heutigen Theatergebäudes, die De- 
korationen und die Kostüme bezog. Vor allem 
machte die äußerst reichhaltige, künstlerisch her- 
vorragende und instruktive Ausstellung klar, wie 
notwendig die Arbeitsbez'ehungen von Dichter, 
Maler und Architekt zueinander sind, soll ein 
künstlerisches Ganzes entstehen und auf uns ein- 
wirken. Die Abteilung Tlieaterar chit ektur 
gab in Bild und Modell einen Rückblick auf die 
Stufenentwicklung des Theaterbaues von ehedem 
bis auf unsere Tage, die Lösungen des Fassa- 
den- und Raumproblems (Schraitz-Brurein, Dülfer, Litt- 
mann, Schumacher, Kauffmann). Weiter Spielraum 
warder Bü hnendekoration und dem Bühnenbild 
gewährt; interessieren mußten da die verschiedenartigsten 
Auffassungen, die aber doch auf dem einen idealen 
Gedanken der künstlerischen Gesamtgestaltung beruhen, 
angefangen von dem Reformator Gordon Craig über 
Wilkinson, A. Appia zu Ottomar Starke, Rein- 
hardts Künstlern Ernst Stern und Karl Walser oder 
zu Max Liebermanns, Fritz Erlers, Olaf Gul- 
branssons und Karl Mosers Ausstattungen; Rob. 
Engels, iMax Slevogt und E. Orlik dürfen nicht 
vergessen werden. Welch eminente Bedeutung die 
Kostüme für die Darsteller haben, ersehen wir aus 
den Figurinen eines L. Bakst, Roller, Pirchan und 
auch Stern, Walser, Weih oder Craig, Wilkinson usw. 
Auch die Mannheimer Theaterausstellung bewies im 
Zusammenhang, wie die modernen Bühnenkünstler sich 
mit besonderer Vorliebe der Ausstattung klassischer 
Werke wie Shakespeares Dramen, Schillers und Goethes 
Dichtungen zuwenden. Das Puppenspiel, das doch 
seine große Geschichte und Bedeutung im Leben der 
Zeiten und Völker hat, war durch die Marionetten 
Ivo Puhonnys (Baden-Baden) und des Kehler- 
Kasperl-Theaters glücklich vertreten. Das theater- 
historische Gebiet war, da die Veranstaltung vor 
allem die gegenwärtigen Strömungen und Leistungen 
veranschaulichen sollie, in der Hauptsache nur durch 
eine vom Mannheimer Altertumsvereine zur Verfügung 
gestellte Sammlung von Erinnerungen an die Ver- 
gangenheit des so bedeutsamen Mannheimer Hof- und 
Nationaltheaters berücksichtigt; es liandelt sich dabei 
um Proben alter Mannheimer Dekorationen und Kostü- 
mierungen. Alles in allem genommen sollten hier die 
Worte Craigs als Leitstern dienen: »Die Kunst des 



ZWEI AUSSTELLUNGEN IN MANNHEIM ^^ 



[27 




MICHAEL FEURER (MERZWEILER i. ESL.) SINGENDE ENGEL 

Au der Orgelempore der neuen Kirche in Kirr7veiler, Kreis Hngenait i. Elsaß 



Theaters ist weder die Schauspiellcunst noch das Spiel. 
Es ist nicht Ausstattung und nicht Tanz, aber es ist 
alles zusammen, was diese Elemente in sich hat....« 
Die Erreichung dieses Zieles würde aber zugleich auch 
die glücliliche Überwindung eines Standpunktes be- 
deuten, den ein anderer vor einigen Jahrzehnten folgen- 
dermaßen charakterisiert hat: >lch hasse das moderne 
Theater, weil ich scharfe Augen habe und über Papp- 
deckel und Schminke nicht hinwegkommen kann. Ich 



hasse den Dekorationsunfug vom Grund der Seele. Er 
verdirbt das Publikum, verscheucht den letzten Rest ge- 
sunden Gefühls und erzeugt den Barbarismus des Ge- 
schmacks, von dem die Kunst sicli wendet und den 
Staub von ihren Füßen schütteh. « (Anselm Feuerbach). — 
Eine weitere Darbietung des »Freien Bundes<, 
die aber noch geeignet ist, die Reform des Alltags be- 
werkstelligen zu helfen, persönliche und künstleiische 
Beziehungen in uns anzubahnen zu allem was uns um- 




MICHAEL FEUREK{MF.RZWE1LER i. ELS ) 
An der Orgelempore der neuen Kirche in Kirrweiler, Kreis Hagenau i. 



DAVID 
Elsaß 



128 



^ DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST E^ 




HANS HEIDER (MÜNCHEN) 

XL Internationale Ausstellung im Glasfialast Mitttchen rgij 



SONNIGER TAG 



gibt, sei es für den Gebrauch oder den Genuß berech- 
net, wurde in den unteren Räumen der Kunsthalle nach 
Schluß der KünstlerbunJausstellung eröffnet in der 
Kollektion >Gut und Böse«. Hier sind Geschmack- 
losigkeiten, wie wir sie etwa in Pazaureks Stuttgarter- 
Geschmacklosigkeitenkabinetten — und außerdem im 
Leben auf Schritt und Tritt, in jedem Hause fast — 
finden, unmittelbar neben gut gelösten Dingen, Un- 
echtes neben Echtem zumal bezüglich des Materials 
ausgestellt, die Cuivre-poliperiode und die Zeit des 
Atrappenstils neben dem Kunstgewerbe unserer Tage, 
dem Ornamentierten wie dem rein funktionell Gelösten, 
■wo die Konstruktion einzig die Form gibt. Am deut- 
lichsten wird der Unterschied und der Fortschritt klar, 
wenn wir ein farblos muffiges >böses< Zimmer, die 
»gute Stube« mit den staubigen Makartsträußen und 
zahllosen Nippes vergleichen mit dem wirklich >guten« 
Zimmer, das Platz, Licht, Luft und helle, frohe Farbe 
gewährt. Aber im Detail bezieht sich die Ausstellung 
noch auf alle möglichen Einzelheiten und Gegenstände 
immer gleich instruktiv und anschaulich; ich nenne 
Uhren, Bestecke. Geschirre, Schmuck, ferner Bücher, 
Plakate u.a.m. Im Interesse der Kultur und der inneren 
Wahrhaftigkeit des-en, was sie erzeugt, sind solche 
Unternehmen überall zu begrüßen; ob ihrer leicht faß- 
lichen Anschaulichkeit wiiken sie, wenn nur kurzer, 
führender Text sie begleitet, noch mehr Gutes als 
viele, viele Vorträge. 

Oscar Gehrig 



DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR 
CHRISTLICHE KUNST 

P)ie i6. Mitglicderversamtiilung der Deutschen Gesell- 
schaft für christliche Kunst wurde auf Donnerstag, 
den 8. Dezember, anberaumt. Beginn der Beratungen : 
4 Uhr nachmittags im großen Saal des Hotel Union in 
München, Barerstraße 7. — Tagesordnung; I.Begrüßung; 
2. Rechnungsablage; 3. Vorlage des Haushaltungsplanes 
für 1914; 4. Neuwahl; 5. Bericht über die Behandlung 
der von der letzten Mitgliederversammlung ausgespro- 
chenen Wünsche. 

Mitte Dezember erfolgte die Versendung eines Mit- 
gliederverzeichnisses. Die Namen sind nach Diözesen 
geordnet. 

Anläßlich der Ausstellung der D. G. f. ehr. K. in 
Münster kaufte der Westfälisclie Kunstverein eine Kreuzi- 
gungsgruppe in Bronze von Bildhauer Franz Schild- 
horn (München! und eine Madonnenbüste in Majolika 
von Georg Grasegger in Köln an. 

Von der ständigen Ausstellung der D. G. f. ehr. K. 
in München, Kailstr. 6, (freier Eintritt) ist zu berichten, 
daß zu dem bislierigen Raum ein anstoßendes Zimmer 
hinzukam. Die gegenwärtige Ausstellung enthält sehr 
viele schöne Originalwerke. Vertreten sind unter anderen 
die Bildhauer Schober undZehentbauer mit schönen 
Krippen. 



BEILAGE 



DENKMALPFLEGE UND HELMATSCHUTZ 



DIE ZWEITE GEMEINSAME TAGUNG 
FÜR DENKMALPFLEGE UND HEIMAT- 
SCHUTZ 

Vum zweiten Male seit Einführung der neuen Satzungen 
haben die beiden großen Verbände der Denkmalpflege 
und des Heimatschutzes sich zu gemeinsamer Arbeit 
vereinigt — ■ heuer in Dresden, wo im Jahre 1900 die 
Denkmalpfiegetagungen begründet worden sind — und 
die bisher noch nirgends erreichte ZilTer von gegen 900 
Teilnehmern hat gezeigt, in welchem Umfange sich 
diese Kongresse des Beifalls aller maßgeblichen und ge- 
bildeten Kreise erfreuen. Ist es doch ein Gedanke, der 
sich immer weiter Bahn bricht, und welchem auch der 
sächsische Minister Graf Vitzthum bei seiner sehr be- 
merkenswerten Ansprache auf dem Begrüßungsabend 
am 24. September Ausdruck verlieh, der nämlich, daß 
alle Errungenschaften moderner Zivilisation, Eisenbahn, 
Automobil und FlugschifT, Mikroskop und Telephon und 
auch das Kino, uns keine neue Kultur zu geben, noch 
weniger die vergangene zu ersetzen vermögen. Das 
Problem unserer modernen Kultur spitzt sich immer 
mehr auf die Aufgabe zu, einen Ausgleich zwischen 
Individualismus und Sozialismus zu finden, und gleich- 
zeitig wird die Erkenntnis immer deutlicher, daß aus 
den Steinen der modernen Zivilisation ein neues Kultur- 
gebäude nur entstehen kann, wenn es auf den von den 
Vorfahren hinterlassenen Fundamenten erbaut wird. Aus 
diesem Grunde ist die Denkmalpflege eine so wichtige 
moderne Aufgabe. Zu ihr gehört aber auch der Heimat- 
.schutz. Denn auch das lernen wir von den Vorfahren, 
daß das Leben, wenn es einen Wert haben soll, zwi- 
schen Kultur und Natur eine Brücke schlagen muß, und 
daß wir den Ausgleich zwischen diesen Gegensätzen 
finden müssen. Die Aufgaben der Denkmalpflege und 
des Heimatschutzes genießen gerade in Sachsen beson- 
deres Interesse und werden eifrigst betrieben. Unter 
anderm verdient das dortige, von Professor Brück unter 
Schwierigkeiten geschaffene Denkmälerarchiv entschie- 
dene Anerkennung. Von ihm wird weiterhin noch die 
Rede sein. 

Die \'erliandlungen betrafen überwiegend Angelegen- 
heiten des Heimatschutzes. Schon in Salzburg 191 1 
war die Rede davon gewesen, mit welchen Mitteln man 
den .Auswüchsen des Reklame wesens entgegenwirken 
könne. Darüber hat sich seitdem ein Verkehr mit den 
Handelskammern entsponnen, die Vertreter des Reklame- 
wesens haben gleichfalls nicht gefeiert, dabei aber be- 
wiesen, daß sie das V/esen und die Absichten des Hei- 
matschutzes überhaupt nicht verstehen. Dieser wendet 
sich natürlich nicht gegen Zeitungsreklamen und der- 
gleichen, sondern gegen die Verunstaltungen der Land- 
schaft, zumal längs den Eisenbahnstrecken. Ein Unter- 
schied im Werte der Landschaftsbilder, wie ihn das preu- 
ßische Gesetz seltsamerweise konstruiert hat, erkennt er 
mit Recht nicht an, sondern schließt die Streckenreklame 
grundsätzlich überall und auch dann aus, wenn sie sich 
hin und wieder wirklicli künstlerischer Formen bedient. 
Prof. Dr. von Oechelhäuser-Karlsruhe, welcher 
über diesen Gegenstand sprach und allgemeine Zustim- 
mung fand, erörterte in einem zweiten Vortrage die Not- 
wendigkeit, dafür zu sorgen, daß auch in unseren Kolo 
nien der Heimatschutz in rechter Weise betrieben werde; 
die daselbst errichteten Neubauten müßten sich dem 
Landschaftsbilde harmonisch einfügen. Der Vortragende 
konnte feststellen, daß dieser Gedanke im Reichskolo- 
nialamt voll gebilligt wird, und daß die berufenen Ver- 
einigungen, nämhch der Bund deutscher Architekten, 
der Architektenverband und der Werkbund zu tätiger 
Teilnahme herangezogen werden sollen. — Prof. Dr. 
Bestelmeyer-Dresden erörterte die Stellung des 



Heimatschutzes zu der Frage, wie den Industriebauten 
innerhalb der Landschaft und dem gegebenen architek- 
tonischen Milieu zu ästhetisch befriedigender Gestaltung 
verholfen werden kann. Es kam darüber, besonders in- 
folge der gegen die Surrogatstofl'e geäußerten Bedenken 
zu Erörterungen mit dem Vertreter des WerdandiBundes, 
Prof. Seesselberg Berlin, der, w-ie bekannt sein dürfte, 
auf dem Standpunkte steht, daß ein Material so viel 
Recht habe wie das andere, also Kunststein so viel wie 
echter, Wellblech so viel wie Ziegeldeckung usw., eine 
.\uffassung, welcher der Werdandi-Bund auch auf der 
Leipziger Baufachausstellung Gehung zu schaffen ver- 
sucht. — Auf den Vortrag von Dr. Bonne- K lein fl Ott- 
beck über die Verunreinigung der deutschen Gewässer 
kann hier nur hingewiesen werden. Ebensowenig ist 
es möglich, von dem ausgezeichneten Berichte des Mün- 
chener Oherregierungsrates Dr. Cassimir hier mehr 
zu melden als die von ihm festgestellte, gewiß begrü- 
ßenswerte Tatsache, daß in Bayern bei den Flußkor- 
rektionen und bei der Ausnützung der Wasserkräfte 
neuerdings nicht mehr der Zirkel und das Lineal, son- 
dern Ästhetik und Naturgefühl die entscheidende Rolle 
spielen. Mit großem Rechte verlangt Dr. Cassimir, daß 
die Ausbildung der Ingenieure auch nach diesen Seiten 
erfolge, statt daß man die Leute einseitig mit einem 
Übermaß mathematischer Kenntnisse belaste. Zu dem 
gleichen Thema sprach der Frankfurter Stadtbaurat 
Sc hau mann. Er kritisierte namentlich die beim Was- 
serbau notwendigen Hoch- und Brückenbauten. Stahl 
und Eisen sind die gefährlichsten Feinde der Stadtbilder. 
Um diese letzteren zu schützen, ist es notwendig, daß 
der Brückenbau nicht dem Ingenieur anvertraut wird, 
der darauf ausgeht, die modernen >Errungenschaften« 
zu verwerten, sondern dem Architekten, der imstande 
ist, mit ausgebildetem künstlerischem Gefühl steinerne 
Brücken zu errichten. Keine alte Brücke sollte zerstört 
werden, ehe nicht jede Möglichkeit für ihre Erhaltung 
erwogen ist. Viele von ihnen haben einen schweren 
Stand, weil sie dem Blicke und Urteile der ÖffentUch- 
keit zu sehr entzogen sind. Neuere Beispiele an ex- 
ponierten Punkten sind zum Teil recht verschieden aus- 
gefallen; als ein solches im Sinne der Denkmalpflege 
darf die Friedrich-August-Brücke in Dresden anerkannt 
werden, als ein verfehltes die neue Rheinbrücke zu 
Köln. Notwendig ist es, daß nach bayerischem Vor- 
bilde jedes Projekt eines Brückenbaues, bei dem Inter- 
essen der Denkmalpflege auf dem Spiele stehen, den 
berufenen Organen zur Begutachtung vorgelegt wer- 
den ; in Preußen und Sachsen fehlen dergleichen Be- 
stimmungen, daher die zahlreichen schlechten Erfah- 
rungen. Die Cassimirschen und Schaumannschen Vor- 
träge werden nach Beschluß der Versammlung als Flug- 
blätter verbreitet werden. — Dasselbe soll mit dem 
Referate geschehen, welches der Hamburger Baudirektor 
Prof. Fritz Schumacher über die Baupflege des Ham- 
burger Staates hielt. Gerade für die Großstadt ist es 
besonders schwer, die richtigen Maßregeln für ihre har- 
monische Entwicklung zu treffen und sie vor Verunstal- 
tungen zu behüten. Die Anforderungen des modernen 
Lebens sind vielfach so neuartig, daß die vom Heimat- 
schutz entwickelten Grundsätze mit ihren oft antiqua- 
rischen Rücksichten dabei versagen. Das Problem >Groß- 
stadt und Heimatschutz« ist etwas Besonderes. Das 
Hamburger Baupflegegesetz verfolgt daher zwei Ziele, 
nämhch den Denkmalschutz, der einer Kommission an- 
vertraut ist, und die Sorge für die Neubauten und zwar 
sämtliche privaten wie staatlichen. Hierfür ist ein Bureau 
eingesetzt, welches vermöge seiner Kompetenzen sich 
als eine höchst bedeutsame Bauberatungsstelle darstellt. 
Für die Verhältnisse der Großstadt kommen besonders 
wichtige Gesichtspunkte in Betracht; es ist das Streben 
nach gesunder Massenverteilung, nach konsequenter 



VERMISCHTK NACHRICHTEN 



Dachausbildung, nach der VereinheitHchung von Bau- 
koraplexen, nach der Natürlichkeit der Übergänge zwi- 
schen verschiedenen Architekturen , endlich nach der 
sohden Materialbehandlung. Wenn die moderne Groß- 
stadt nicht wie bisher ein unbestimmtes, sondern ein 
bestimmtes Gesamtbild bieten soll, so gibt es dafür nur 
das eine Mittel, daß die gesamte Architektenschaft unter 
Benützung eines für die Gegend charakteristischen Bau- 
stoffes einen örtlichen Materialstil entwickelt. So hat 
München bereits seinen Putzstil, für Hamburg käme die 
Kultur des Backsteinmaterials in Frage. Zu warnen ist 
aber dabei vor der Nacliahmung eines vermeintliclien 
alten Baucharakters — das Heimathehe liegt in der kon- 
sequenten Behandlung der Erfordernisse von Ort und 
Material. Aus den Rücksichten auf die Anforderungen 
des Zweckes ergibt sich dann bei dem architektonischen 
Schaffen ganz von selbst die eigene Weiterbildung 
des Überlieferten. — Dresdener städtebauliche Fragen, 
behandelnd den Schutz der Straßenbilder vor zerstö- 
renden Neubauten, behandelte der dortige Stadtbaurat 
Prof. Erlwein. — Eine in hohem Grade wichtige 
Frage erörterte Geh Hofrat Prof. Dr. Gurlitt-Dresden 
in seinen Untersuchungen über das Verhältnis zwischen 
Kunsthandel und Denkmalpflege. Ist der Kunsthandel 
schon für die Produktion unserer modernen Zeit viel- 
fach unentbehrlich, um die Vermittlung mit dem Konsum 
herzustellen, so ist dies noch mehr beim Antiquariat der 
Fall. Auf dieses und die Kunstauktion sehen die Sammler 
und Museen sich fast ausschließlich angewiesen. Nun 
aber nimmt der Kunsthandel keine Rüclisicht darauf, ob 
die Gegenstände in ihrem ürsprungslande bleiben oder 
dies verlassen, und dies hat vielfach zu Ausfuhrverboten 
geführt. Der Nutzen dieser Verordnungen ist nicht grund- 
sätzlich anzuerkennen. Vielmehr ist gewili, daß z. B. 
Spanien, die Niederlande, ja auch Italien ihr gewaltiges 
Kunstansehen in der Welt nicht in dem jetzigen Um 
fange besäßen, wenn sämtliche Werke von Velasquez, 
Rembrandt, Raffael noch in Madrid, .\msterdam und 
Rom sich befänden. Die nationale Kunst ist im Aus- 
lande eine Vorkämpferin für das Ansehen ilner Heimat. 
Gerade auf das unmittelbar Bodenständige ist der Kunst- 
handel am meisten erpicht, weil dabei der Nachweis 
der Echtheit am leichtesten möglich ist. Die stärkste 
Kauflust zeigt Amerika, und dieses ist den alten Kultur- 
nationen gegenüber im Vorteil vermöge seiner starken 
Zahlungskraft, mittelst deren es Europa ausl;aufen kann, 
ohne daß es genötigt, ja überhaupt in der Lage ist. 
Gleichwertiges dafür zu bieten. Eingehend besprach 
Gurlitt das Museumswesen. Leider setzt sich dieses 
in unserer Zeit allzuoft mit den Interessen der Denk 
malpflege in Widerspruch, darum, weil es zu spät be- 
merkt hat, daß die von der Denkmalpflege geschützten 
Gegenstände auch einen Sammelwert besitzen; es sucht 
sie jetzt an sich zu bringen, wo bereits die Abneigung 
dagegen ausgebildet ist, Kunstgegenstände in Museen 
zu überführen. In welchen Fällen dieses letztere emp- 
fehlenswert ist, also ob der Gegenstand an seiner ur- 
sprünglichen Stelle weder erhalten noch restauriert wer- 
den kann, die Beantwoitung dieser Frage muß ebenso 
dem Staate überlassen werden, wie die Entscheidung 
darüber, ob das betreffende Kunstwerk einen nur orts- 
geschichtlichen oder für die Geschichte der vaterlän- 
dischen Kunst wesentlichen Wert besitzt, oder ob es 
als ein Stück der Kunst im allgemeinen zu würdigen 
ist, also in das Lokal-, das Landes- oder das Staats- 
museum überführt werden soll. Auch gehört zu dieser 
Entscheidung, daß sie sich in voller Öffentlichkeit voll- 
zieht, nicht minder, daß die entscheidende Instanz der 
Denkmalpflege wie dem Museumswesen gleich unpar- 
teilich gegenüberstehe. Wer einigermaßen die Verhält- 
nisse kennt, wird aus diesen Gurliltschen ."Xuslührungen 
die sehr deutliche Anspielung auf gewisse Verhältnisse 



und J^ersönliclrkeiten heraushören; ein Tadel kann ihm 
daraus nicht gemacht werden, da die von ihm ange- 
griffenen Zustände gleich dem Vorgehen einzelner etwas 
allgemein Programmatisches besitzt. Es ist daher kein 
Wunder, wenn die Vertreter des Museumswesens jedes- 
mal, wenn, wie dies auf den letzten Denkmalpflegetagen 
wiederholt geschehen ist, die Rede auf diese Dinge 
kommt, nervös werden und mündhch und schriftlich 
dagegen auftreten. Die Gurlittschen Ausführungen über 
den Kunsthandel und dessen Nachteile veranlaßten den 
Wiener Prälaten Prof. S wob o da, ein kräl'tiges und nur 
zu berechtigtes Wort der Beschwerde darüber zu sprechen, 
daß so oft aus den Kirchen die kostbarsten Gegenstände 
entführt werden, und an deren Stelle dann minderwertige, 
gefälschte, künstlich alt gemachte treten. Darin liegt 
ein ebenso grober Verstoß gegen die Denkmalpflege, 
wie ein Unrecht gegen die kirchliche Kunst, deren Niveau 
dadurch bedenklich herabgesetzt wird. 

Mit dem Denkmalpflege- und Heimatschutztage war 
eine Ausstellung des Königl. Sächsischen Denkmalarchives 
verbunden. Ins Leben gerufen ist dieses Institut durch 
den Dresdener Professor Dr. Robert Brück. Das Archiv 
bezweckt die Sammlung von Zeichnungen, Photographien 
usw. aller im Lande vorliandenen, nicht durchweg günstig 
aufbewahrten älteren Kunstwerke; es tnthält ferner Ent- 
würfe, Aufmessungen, Umbauprojekte, sowie die Lite- 
ratur über die sächsischen Denkmäler im breitesten Um- 
fange. So ist es eine vorzügliche Zentr.ilstelle für alle 
die Denkmäler betreffenden wissenschaftlichen und prak- 
tischen Arbeiten. Überaus reichlich ist die Zahl der 
Nummern, welche kirchliche Denkmäler betreffen. Eine 
ganze Reihe von Gegenständen erläutert die Phasen der 
Wiederherstellungsarbeiten geschnitzter Altarfiguren, auch 
Wandmalereien. So war ein Schweißtuch Christi aus der 
Marienkirche zu Zwickau zur Schau gebracht, dessen 
eine Hälfte gereinigt und wiederhergestellt ist, während 
die andere sich im alten Zustande befindet. Dazu kommen 
Probestücke von Krankheiten und Verwitterungen des 
Baumaterials, Muster von Wiederherstellungsbauten kirch- 
licher wie profaner Art. Auf Weiteres einzugehen ist 
unmöglich ; ein Wort lebhafter Anerkennung gebührt 
aber doch noch der ausgezeichneten Organisation der 
Katalogisierung und Aufstellung. Dr. o. Dooiing-Dachau 

VERMISCHTE NACHRICHTEN 

Der angesehene Maler Leonhard Thema begeht am 
6. Januar 1914 seinen 50. Geburtstag, zu dem wir ihn 
herzlich beglückwünschen. Er ist zu Fischach (Ba\-ern), 
nicht weit von Augsburg, geboren. Eine Würdigung 
seines bisherigen Schaffens werden wir in Bälde ver- 
öffentlichen. 

Eine Flatz-Biographie. Der Gedanke, dem vor- 
arlbergischen Meister und Freunde Overbecks, Gebhard 
Flatz (1800 — 1881) ein literarisches Gedächtniszeichen 
zu setzen, ist schon vor Jahren ventiliert worden und 
soll nunmehr zur Tat umgesetzt werden. Auf Anregung 
des »Vereines für christliche Kunst und Wissenschaft 
in Vorarlberg« hat Schriftsteller Heinrich v. W'örndle 
(Innsbruck, Kaiser-Joseph-Straße 1) mit dem Sammeln 
des weitzerstreuten Materiales hierfür begonnen und wird 
gebeten, dieses LTnternehmen durch zweckdienliche Mit- 
teilungen (an genannte Adresse) freundlichst fördern 
zu helfen. 

Große Kunstausstellung Stuttgart 1915. — 
Die Ausstellung war von mehr als 100000 Personen 
besucht, besonders haben die Kreise des Mittelstandes 
und der Arbeiter sich rege eingestellt. An Kunstwei'ken 
wurden für mehr als 300000 M. verkauft oder bestellt. 



VERMISCHTE NACHRICHTEN — BUCHERSCHAU 



25 



Die Abrechnung wird mit einem nicht unerheblichen 
Ueberschuß abschheßen, der als Ausstellungsfonds für 
künstlerische, insbesondere Ausstellungszwecke anzulegen 
und zu verwalten ist. 

Bildhauer Professor Ignatius Taschner ist 
am 2 5. November auf seinem Landgut bei Dachau (nächst 
München) gestorben. Er war am 9. April 1S71 in Bad 
Kissingen geboren. Seine künstlerische Ausbildung ge- 
noß er 1889 — 1895 an der Münchener Akademie. Einige 
Zeit, von 1903 an, war er an der Kunst- und Kuust- 
gewerbescliule in Breslau tätig; 1903 siedelte er unter 
Aufgabe seiner Lehrtätigkeit von dort nacli Berlin über. 

Architekt Professor August Thiersch in 
München beging am 28. November den 70. Geburtstag. 
Seit 1877 wirkt er an der Technischen Hochschule. 
Unter anderen Kirchen erbaute er die St. Ursulakirche 
in München Schwabing. 

Münchener Secession. In der diesjährigen Winter- 
ausstellung im K. Kunstausstellungsgebäude am Königs 
platz veranstaltet die Münchener Secession in sämtHchen 
Räumen eine große Ausstellung von Zeich- 
nungen, Graphik, Aquarellen und Pastellen 
etc., die von München, von ganz Deutschland und auch 
Vom Auslande überaus zahlreich und interessant be- 
schickt worden ist. Es ist dies die erste große Schwarz- 
Weiß-Ausstellung, welche in dieser Art in München 
stattfindet. 

Darmstadt. Der Bildhauer Professor Bernhard 
Hoetger hat vom Großherzog von Hessen, dessen 
förderndes Interesse für die Künste genügend bekannt 
ist, den ehrenvollen, großen Auftrag erhalten, den 
Platanen hain in Darmstadt mit Figurenschmuck zu 
versehen. Der Künstler hat dem Ganzen nun eine 
großzügige, fortlaufende ßrunnenidee zugrunde gelegt, 
die nach ihrer \'erwirklichung imstande ist, die Bedeu- 
tung von Darmstadt als hervorragende Kunststätte noch 
in größerem Maße als bisher zu sichern. g. 

München. Franz von Stuck hat das Modell 
seiner für Köln bestimmten speerwerfenden Amazone 
fertiggestellt und Ende November dem Publikum -zu- 
gänglich gemacht. 

Ein künstlerisches neues .Mtarkreuz erhielt 
die Kapelle der Krankenanstalt des III. Ordens in Mün- 
chen-Nymphenburg. Hofsilberarbeiter Rudolf Harrach 
(Firma Harrach & Söhne) führte es unter Zugrundlegung 
einer Skizze von Professor Franz Rank (München) aus. 

Aus dem Atelier Carl de Bouchi sen. in 
München. — S. M. der Kaiser hat Entwurf und Aus- 
führung des von ihm für die Marienkirche in Lübeck 
gestifteten Fensters dem Professor Carl de Bouche über- 
tragen. Zur Darstellung soll kommen: Kaiser Barbarossa 
bestätigt im Jahre 1181 Lübecks Privilegien. Im Atelier 
des genannten Künstlers wurde kürzlich ein von Professor 
E.\ter entworfenes und auf Glas geraaltes großes Kreu- 
zigungsbild für die Kirche in Lindenberg aufgestellt. 

Ein neues .Altargemälde des hl. Martin von Prof 
Gebhard Fugel wurde im November in der Pfarrkirche 
St. Martin zu Eystetten aufgestellt. 

Baron Voith von Voithenberg ließ durch Archi- 
tekt Anton Bachmann in der Nähe seines Schlosses 
bei Fürth im bayerischen Wald ein Mausoleum errichten. 
Der Hauptausstaltungsgegenstand des Innern ist der 
Altaraufsatz aus vergoldetem Messing, der von A. Bach- 



mann entworfen und von J. Winhart & Cie., Werk- 
stätte für kunstgewerbliche Metallarbeiten tadellos aus- 
geführt wurde. 

Die Ausstellung für Wohnungs- und Siede- 
lungswesen, welche vom i ;. Oktober bis zum 1 5. No- 
vember in Münster (Westfalen) stattfand, hat auch an 
christhcher Kunst manches Wertvolle gebracht. Dies 
gilt vor allem von der Abteilung des Regierungsbau- 
meisters Alfred Hensen D. W. B. in Münster. Hensen 
ist ausgesprochener Heimatkünstler. Er versteht es aus- 
gezeichnet, die feinen Wirkungen des heimischen Bau- 
materials, des Backsteins, herauszubringen. Überall knüpft 
er mit sicherer Haud an die Fäden der althergebrachten 
Bauweise an, ohne dadurch seine Selbständigkeit als 
moderner Baukünstler aufzugeben. Dies gilt vor allem 
von dem Säuglingsheim in Münster, dem Vincenzwaisen- 
haus in Handorf, dem St. Josefskrankenhaus in Radhod 
und dem St. Antoniusheim in Vreden. Die Häuser in 
Handorf und Vieden haben größere Kapellenanbauten, 
die in der Formengebung die Tradition des edlen west- 
fälischen Barocks weiterführen. Bemerkenswert sind auch 
die hübschen Inneuwirkungen beider Kapellen, die auf 
edler Raumbildung und geschmackvoller, sparsamer Aus- 
malung beruhen. RechtsanwaU Dr. Battmann, Dortmund 

Neue Meisterbilder religiöser Kunst. Den 
vom Verlag > Glaube und Kunst« bisher herausgegebenen 
Melstcrbildern hat sich neuerdings wieder eine .'Anzahl 
von Blättern angereiht, die wohl einen empfehlenden 
Hinweis verdienen. Die Nummern 6 und 7 zeigen die 
beiden gewaltigen Michelangelo werke » Moses < und 
"Pietä<, deren grandiose Art in den Tondrucken vor- 
züglich zur Geltung kommt. Besonders bei der Pietä 
ist die Bestimmtheit, Klarheit und doch wieder Weich- 
heit des Tones schlechthin mustergültig. Blatt 8 bietet 
in Farbendruck ein Meisterwerk der Malerei, Tizians 
berühmten >Zinsgroschen«. Auch hier, wo sowohl der 
Charakter der Einzeltöne, als auch die prachtvolle Tizi- 
anische Gesamtharmonie gut getroffen erscheint, verdient 
die Wiedergabe alles Lob. Die Erläuterungen zu den 
genannten Blättern rühren von Professor K. Kuhn (Ein- 
siedeln), Dr. Ulrich Schmid (dem Herausgeber) und 
Dr. O. Döring her und geben eine tüchtige Einführung 
in Idee und Foim des Kunstwerks. Besondere An- 
erkennung gebührt Dr. Dörings feinsinniger Analyse des 
•Zinsgroschens«. 

Die Blätter der Sammlung »Glaube und Kunst«, von 
denen sich nnmenthch die farbigen in ganz hervorragen- 
dem Maße als Zimmerschmuck eignen, werden — zu- 
mal bei dem billigen Preise (ä i M.) — sich verdienter- 
maßen viele Freunde gewinnen. Damrich 



BÜCHERSCHAU 

MichaelPacher und die Seinen. Eine Tiroler 
Künstlergruppe am Ende des Mittelalters. Von Oskar 
Doering. Mit Titelbild in Lichtdruck und 82 Auto- 
typien. Lex.-8° (XII u. 170). M.-Gladbach 1913, B. Kühlen. 
M. 5. — , geb. M. 6.— 

Die großen Schwierigkeiten, den vielen Fragen be- 
züglich der Tiroler Künstler Fächer .-Vufhellung und 
möglichste Beantwortung zu sichern, scheinen Dr. Doe- 
ring Anreiz geboten zu haben, eine gründliche Erörterung 
dieses für süddeutsche Kunstgeschichte wichtigen Themas 
vorzunehmen. Konstatieren wir gleich, daß diese Auf- 
gabe, so weit es bei dem auffälligen Mangel archiva- 
lischen Materials möglich, eine sehr bedeutende Klärung 
gefunden hat, daß die gewonnenen Forschungsresultate 
sehr vorteilhaft von den bisher üblichen schwankenden 
Vermutungen abstechen und somit als verlässig und 



24 



BUCHERSCHAU — VERMITTLUNGSSTELLE 



glaubwürdig gelten dürfen. Vor einzelnen Irrungen ist 
da, wo man zumeist nur auf stilkritische Basis gewiesen 
ist, freilich kein Kunstgelehrter gefeit, indem aber Doering 
viel vorsichtiger und auch scharfsichtiger als die meisten 
seiner Kollegen hierin vorgegangen, bleiben wohl nur 
wenige Punkte übrig, welche Meinungsverschiedenheiten 
zulassen. So ziemlich als ausgemacht erachten wir die 
Feststellung, daß der Chef der berühmten Brunecker 
Werkstäue, Michael Fächer, nicht Maler, sondern Bild- 
hauer, und ob der Entwürfe zu den bestellten großen 
Altarwerken ein gediegener Architekt gewesen ist, unter 
dessen strammer Leitung in Architektur und Skulptur 
Werke von großer und einheitlicher Wirkung erstehen 
konnten. Weniger einheitlich ist der Charakter der vielen 
Tafelbilder der Pacherschen Werkstätte ; selbst in den 
Bildern ein und desselben Altares zeigen sich solche 
Unterschiede, daß Doering mit Recht annimmt, auch 
hier seien häufig verschiedene Hände tätig gewesen, die 
genau begrenzte Formensparten beherrschten. Daß die 
Maler mehr unter Leitung Friedrich Fächers, der als 
Maler ohnehin urkundlich verbürgt ist, gestanden, gilt 
als wahrscheinlich. Wenn aus der großen Malergruppe, 
die, soweit sie hodenständig, auf der Brixner-Neustifter 
Schule fußte, keinerlei verbürgte Namen auftauchen, so 
liegt dies schon zum Teil in dem Kunstanstalt-Charakter 
der Facherschen Werkstätte — analoge Wahrnehmungen 
können ja selbst heute noch, wo die Individualität mehr 
Rechte genießt als im 15. Jahrhundert, zur Genüge ge- 
macht werden. 

Daß in Tirol im Mittelalter schon auswärtige Kunst- 
einflüsse sich kennbar machen, ist wolil selbstverständ- 
lich. Ein derartiges Durchzugsland für Nord, West und 
Süd, wie Tirol, konnte sich doch unmöglich vor italieni- 
schen, oberdeutschen und flandrischen Einwirkungen 
abschließen ; manch fremdländischer Malergeselle, der 
eben seine gesetzlichen Wanderjahre zu absolvieren hatte, 
wird auch in der Brunecker Kunstwerkstätte Arbeit ge- 
funden und genommen haben. Die Verbindungsfäden 
liegen doch .Vllzu deutlich, um sie, wie es bis in jüngste 
Zeit häufig geschehen, mit kunstgelehrter Lupe suchen 
zu wollen. Anderseits werden aber hierbei oft Sitten und 
Erscheinungen für spezifisch völkische Eigenart ausge- 
geben, was nicht immer zutrifft. Es befremdet uns, daß 
der doch sonst von den Eierschalen sentimentaler älterer 
Kunstforschung freie Doering bei Wahrnehmung von 
gemahen Tränen auf den Wangen heiliger Männer und 
Frauen in Pacherschen Bildern auf Regier van der Wey- 
den exemplifiziert, weil dieser bei seiner Mater dolorosa 
und dem Ecce Homo-Bild auch Tränen gemalt habe. 
Bei der in jener Zeit allgemein üblichen naiven Formen- 
verwendung brauchen die im Pustertal vergossenen 
Farben-Tränen doch nicht aus Flandern geflossen zu 
seih' — Abgesehen von solch nur vereinzelten anfecht- 
baren Punkten in vorliegender Publikation zählt dieselbe 
sicherlich zu den wettvollsten kunstgeschichtlichen Mono- 
graphien der neueren Zeit und speziell lür Kenntnis des 
Pacherschen Künstlerkreises ist sie von hervorragender 
Bedeutung. Wir erhalten klaren Einblick in die geschäft- 
liche Leitung, in die Arbeitsteilung einer der größten 
süddeutschen Kunstwerkstätten und sehen hier Werke 
erstehen, in denen die frommen Strahlen des Idealismus 
der scheidenden Gotik mit den kraftvoll keimenden rea- 
listischen Formen der Renaissance eigenartig sich amal- 
gamieren. Gleich einer kunstgeschichtlichen Marke an 
der Grenze zweier großer Kulturabschnitte tritt uns die 
Werkstätte der Fächer entgegen; eine so eingehende 
Untersuchung derselben, wie sie Doering zu bieten 
wußte, ist daher doppelt begrüßenswert. m. f. 

»Auf dem Friedhof.< So ist eine kürzlich im Ober- 
pfalz-Verlag in Kallmünz erschienene und zum Preise 
von 60 Pfg. erhältliche Schrift genannt, in welcher Herr 



Stadtkaplan .-Vnton Geitner seine Gedanken über 
Friedhofkunst niedergelegt hat. In dem \'orwort zu 
dieserSchrift sagt >Otto von Tegernsee«: >Des\'erlassers 
höchstes Ziel ist es, Interesse und Liebe für alte und neue 
Friedhofkunst und ihre Gescliichte sowie für Dorfkunst 
zu wecken. Mit klarem Blick für die \'ergangenheit und 
ihre Beziehungen zur Gegenwart, mit feinem Verständnis 
für die zahlreichen Kunstwerke auf diesem Gebiete hat 
er seine Aufgabe gelöst und mit warmen Worten tritt 
er für die alten Friedhöfe ein, welche häufig sehr viel 
des Ehrwürdigen und Kunsthistorischen aufweisen und 
deshalb um jeden Preis aufrecht erhalten bleiben sollen.« 
Die Darlegungen des Vei fassers werden in seiner Schrift 
durch zahlreiche .\bbildungen erläutert von einfachen 
und reichen Grabdenkmalen aus bemaltem Eichenholz, 
aus Schmiedeisen und aus Stein, aus älterer und neuerer 
Zeit, Herr Stadtkaplan Geitner regt dabei ganz richtig 
an, es möchten anschließend an das verdienstvolle 
Vorgehen des Herrn Seminarlehrers Brunner in Cham 
auch in anderen Bezirken alle aus früherer Zeit erhal- 
tenen charakteristischen Grabdenkmale aufgezeichnet 
werden, damit zunächst das Charakteristische der, Grab- 
denkmäler der einzelnen Landstriche genügend bekannt 
und gleichzeitig den Interessenten eine Auswahl davon 
dargeboten wird. Wir fügen hinzu, daß die auf diese 
Weise tätigen Herren am besten auch gleich die Auf- 
klärungsarbeit mit übernehmen sollten, welche sowohl" 
nach der Seite des Publikuins wie nach Seite der Grab- 
steinlieferanten der betreffenden Gegend wesentlich 
dabei notwendig ist. Es müßten in geeigneten Versamm- 
lungen unter Beiziehung aller Interessenten möglichst 
oft von den berufenen und unterrichteten Herren über 
die Materie Vorträge gehalten werden, denn Geschrie- 
benes wird von den hauptsächlich hier in Betracht kom- 
menden Kreisen nicht immer gelesen, auch wenn es 
noch so gut ist. Ferner müßte dafür gesorgt werden, 
daß die anzustrebenden neuen Grabdenkmale auch wirk- 
lich ohne Umstände rasch und zu angemessenen Preisen 
käuflich zu haben sind, so, wie es jetzt bei den schlechten 
Denkmalen der Fall ist, denn alle LTmständlichkeiten 
werden der allgemeinen Verwendung der vorbildlichen 
Grabdenkmale hinderlich sein. Möchte das gute Beispiel, 
das Herr Stadtkaplan Geitner mit der Herausgabe seiner 
Schritt gegeben hat, auch in anderen Gegenden unserer 
lieben Heimat und namentlich bei seinen Standesgenossen 
recht viele Nachfolger finden. Dr. H. Grässcl 

VERMITTLUNGSSTELLE 

Auf der zweiten gemeinsamen Tagung für Denkmals- 
pflege und Heimatschutz, die vom 24. — 26. September 
zu Dresden tagte, äußerte ein Redner, für die Kirche 
sei nur die beste Qualität der Kunstwerke zu fordern, 
eine in diesem Sinne tadellos arbeitende Vermittlungs- 
stelle wäre zum Besten der Kunst, der Kirche und der 
Denkmalspflege. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet die 
»Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst« tadellos in 
diesem Sinne. Die Einrichtung ihrer Vermittlungsstelle 
ist die denkbar glücklichste: sie sieht von Landesgrenzen 
und Bureaukratie ab, steht in innigster Fühlung mit 
dem Klerus und wird von jährlich neu durch die Künst- 
lerschaft gewählten christlichen Künstlern im Verein 
mit Geistlichen versehen. Nach der Bedeutung und 
langjährigen öflentlichen Wirksamkeit der Deutschen 
Gesellschaft iür christliche Kunst, die späteren Bestre- 
bungen erst den Boden bereitete, darf man annehmen, 
daß sie jedem bekannt ist, der sich mit christlicher 
Kunst befaßt, und daß die christlichen Kunstfreunde 
sie bei jedem Anlaß fördern. 



Redaktionsschluß: 13. Dezember 191 5 



Für die Redaktion vcrantworllicb : S. Staudhamer (Promenadeplatz 3): Verlag der Gesellschaft für christliche Kunst, G. m. b. H. 
Druck von F. Bruckmann A. G. — Sämtliche in München. 




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REMBRANDT VAN RIJX 



JAKOBS SEGEX 



Gentahiegalerie in Kassel. — Text ufiien ; vgl. bes. S. t^öff 
Nach Originalaufnahvie von Franz Hanfstaevgl ( Miiiichett) 



JAKOBS SEGEN 

Skizze von M. HERBERT 



r^as schwere Novemberlicht des Jahres 1657 
*-^scheint durch das breite Nordfenster eines 
weiten, leeren und heute seltsam nüchternen 
Gelasses, einer Malerwerkstatt. Trostlos düster 
ist der Saal in der braungrauen, stumpf-schmut- 
zigen Beleuchtung, die durch den nußfarbenen, 
brütenden Nebel entsteht, der aus den Ka- 
nälen der altberühmten Kornscheuer Europas, 
der mächtigen Handelsstadt Amsterdam, auf- 
steigt und alles wie mit unsauberen Händen 
anrührt. Boshaft tötet er die Farbe und zeigt 
höhnisch lachend den Verfall. — Es ist, als 



hätten Krieg und Plünderung in der Werk- 
statt Heimsuchung gehalten: der zu feiner 
Tönung abgeblaßte einst frischgrüne Seiden- 
behang der hohen Wände ist an manchen 
Stellen herabgerissen und zu rostigen Fetzen 
geworden, an anderen zeigt er verblichene 
mit Spinnweben und Staub bedeckte Qua- 
drate und Ovale — letzte Andenken an große 
und kleine Gemälde, die jahrelang hier ge- 
hangen haben und der Stolz des großen Meisters 
und Kunstkenners Rembrandt Harmensz van 
Rijn gewesen sind. 



Die christliche Kunst. -\. 



I. Februar 1914. 



no 



^ JAKOBS SEGEN S^ 




PAUL ONDRUSCH (LEUi;b(_llL 1 Z) 



Vir. KRLLZWEi.brAllON 



Georgenberg /« Obcrscltlesien 



Ach, wohin sind antike Waffen, gleißende, 
ziselierte Harnische, goldene Helme? Wo blie- 
ben indische Schleiertücher, chinesische Man- 
darinenkleider, jüdische Geräte, Sabbatlampen 
und siebenarmige Leuchter? Hier sind nur 
Postamente ohne Statuen und Büsten. Die 
Simse für italienische Majoliken, köstliche 
Bronzen und schimmernde Venetianer Gläser 
sind leer. Fort sind auch die opalisierenden 
Muscheln, verschwunden die Kronleuchter mit 
den Märchenblüten aus Murano und den re- 
genbogenschimmernden Prismen, die golde- 
nen Baldachine, die eingelegten Koranständer. 
Hölzerne Gestelle zeigen, daß hier flandrische 
Tapeten hingen. Selbst von dem großen Bette 



in der Ecke ist der Brokathimmel gehoben. 
Sie hätten auch das Lager genommen, legte 
nicht das Gesetz sein Veto ein, selbst dem 
Ärmsten muß man die Stätte lassen, wo er 
nachts die todmüden Glieder streckt. Außer 
dem Bette sind ein paar leere Kästen geblie- 
ben, Malerstaff"eleien, Paletten, Pinsel, Farben- 
töpfe, Tische und Stühle. Die Gant ist durch 
das Haus des fünfzigjährigen Rembrandt ge- 
gangen und hat so ziemlich reine Bahn ge- 
macht. Zu der Zeit, da zu anderen, Mittel- 
mäßigen, die Ernte kommt, ward ihm das 
Nichts. Die von Teppichen und Fellen ent- 
blößten Dielen zeigen die häßlichen, groben 
Fußspuren der Schätzer und Auktionare, der 



^ JAKOBS SEGEN ^äs 



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PAUL ONDRUSCH (LEOBSCHL TZ) 



XIV. KREVZWEGSTATION 



Georgttiherg in Oberschlesiett 



Käufer und Trödler, der Kunstliebhaber und 
gierigen, zornigen Gläubiger. Sie haben Rem- 
brandts Kostbarkeiten betastet und entweiht. 
Handelsjuden und -Jüdinnen haben sich hier 
um seine geliebten Seltenheiten gestritten. 
Einst in goldenen Liebestagen waren sie seine 
Wonne und die der schönen Saskia van Uylen- 
burg gewesen — des Weibes seiner Jugend. 

Welchen Frauennacken werden nun die 
Perlenschnüre der schönen Saskia zieren ? Wel- 
chem anderen werden sie Tränen um tote 
Liebe bringen? 

Während die häßliche Menschenhorde der 
Wucherer und Altertumshändler sich überbot, 
solange man hier feilschte, handelte, das Schöne 



häßlich und das Gute schlecht machte, hat 
Rembrandt van Rijn, der Mann mit dem 
derben holländischen Gesicht und den tiefen, 
verträumten, allwissenden Augen, mit seinem 
alten Hochmut dagestanden und getan, als 
ginge die demütigende Komödie ihn von Haut 
und Haar nichts an. Er ist nur ein einziges 
Mal zusammengezuckt, das ist gewesen, als 
man seine Sammlung erlesen feiner Stiche 
nach Lukas van Leiden versteigert hat — um 
Spottpreise sind die treugehegten Blätter, die 
ersten Anfänge seiner Sammlung in alle Winde 
gegangen. Lukas van Leiden hat ihm zuerst 
die Fackel der Kunst angesteckt und empor- 
gehalten, er ist des jungen Rembrandt Pfad- 



>7' 



I?2 



®23 lAKOBS SEGEN ©^ 




JAN BROM (UTRECHT) 



Afa 



riiior iitit 



i Kupfer, Iti dtr Katlwdrale 3// Haarlcm. — Text S, fjg 



KOMMÜNIONBANK 



finder, sein Erzieher zum Schauen und Be- 
greifen gewesen. Ihm dankt er das Glück, 
ein Schaffender geworden zu sein — , das 
höchste, das schmerzhchste und vielleicht ein- 
zige Glück der Welt. Er möchte wie weiland 
Jesus Christus die Tempelschänder — die ganze 
Meute mit Peitschenhieben seine Treppen 
hinabfegen. Für einen Augenblick bäumt das 
wilde Roß des Temperamentes seiner Jugend 
sich hoch auf. Röte und Blässe wechseln in 
seinem Antlitz. Aber er bezwingt sich. Das 
Schicksal ist über ihm — auch der Gewaltigste 
lernt stillehalten. Er hat sich sogar mit über- 
menschlicher Selbstbeherrschung soweit ge- 
bracht, die chaotisch durcheinander wirbeln- 



den Menschen, die seine Habe auseinander- 
reißen, zu skizzieren. 

Aber dann hat er die Blätter wieder ver- 
nichtet. Nein, — nicht so: diese Rache ist 
seiner nicht würdig, die Rache eines großen 
Künstlers reicht in Ewigkeit, aber dieses sind 
keine der stillen, tiefen, reifen Bilder, wie sie 
jetzt in allem Tumult und Kampf seine Seele 
wie durch ein Wunder füllen — Visionen als 
himmlische Tröstungen geschenkt, die er stille 
an die kommende Menschheit weitergeben 
will, als ein Vermächtnis, das nicht vergäng- 
lich ist. Er denkt mit einer Art heimlichen 
Triumphes daran, daß er doch verstohlener 
Art die unschätzbare Tafel von Matthias Grüne- 




JAN BROM (UTRECHT) 



In der Katliedrale zu Haiirlein. 



Text 5. ijg 



^S3 JAKOBS SEGEN ^ 



133 




JAK BROM (UTRECHT) 



CHORGITTER 



In dt-y Kaihetirale zu Haarletn. 



Text S. I3q 



wald gerettet hat. Diese Tafel voll glühenden 
innerlichen Lebens, aus der eine Giganten- 
seele in unerhörten Farben und Formen ihr 
Künstlerbekenntnis ausschreit. Grünewald hat 
Rembrandt stets mehr zu sagen gehabt als all 
die großen Italiener zusammengenommen — 
er hat mit diesem Deutschen dasselbe Herz, 



dieselbe Heimat. Die Tafel Grünewalds zu mis- 
sen, geht über seine Kraft. 

Rembrandt steht inmitten des ausgeraubten 
Atehers. Es ist der erste Morgen nach der 
Versteigerung, er muß sich erst an diesen 
Zustand gewöhnen. Sein Blick geht mit halb- 
erstauntem, langsamem Suchen an den nackten 



134 



e^ JAKOBS SEGEN ^ 




JAN BROM (UTRECHT) MONSTRANZ (VORDERSEITE 

Gold tnit Email und Steinen. Itt dt-r Kathedrale zu Haarlem. — Text S. tjQ 



Wänden hin. Nun ist alles fort, das 
er geglaubt hatte zum Leben, zum 
Schaffen zu bedürfen und der große 
Meister fühlt doch im tietsten Innern 
keine Verarmung und Vernichtung. 
Welche Schicksale könnten denn wohl 
die Menschen denen bereiten, die 
in den Händen Gottes sind; die das 
Unsichtbare erschauen, das Unsagbare 
sagen, das Unfaßbare erfassen und 
wissen, daß hinter jeder großen Trauer 
eine große Freude steht! Hinter jeder 
Demütigung der Erde eine himmlische 
Erhöhung! Wahrlich, sie haben, was 
ihnen nicht genommen werden kann 
und doch — es gibt für Rembrandt 
jetzt manches Vermissen und Ent- 
behren. Seit Jahren ist er nicht von 
seinem Bette aufgestanden, ohne den 
erwachenden Blick, der aus dem Dun- 
kel des Schlafes auftaucht, an dem 
leuchtenden Gemälde von Peter Paul 
Rubens zu erholen. Es ist eine Venus 
gewesen, auf silberweißes Linnen in 
Rosen und große Tulipanen gebettet, 
rings um die Gestalt lachende Amo- 
retten — eine Inkarnation von Freude, 
Lebenslust und Üppigkeit, voll un- 
erhörter Farbenschwelgerei. Dem 
Rubens hing eine Santa Conversa- 
zione von Giorgione gegenüber. Ruhe, 
Sanftheit, Heiligkeit — hat sie aus- 
gestrahlt, wie überirdische Musik ging 
es von dem Bilde aus. — Es ist Rem- 
brandt sehr nahe ans Herz gewachsen 
gewesen. Welten verborgenen Lebens 
lagen dahinter. Aber er wird es ent- 
behren lernen. Er, der alles besitzen 
wollte, geht nun in die Schule der 
Armut. Dahin sind auch die Hand- 
zeichnungen von Bellini, Lionardo 
da Vinci und Dürer, deren zarte Li- 
nien er inbrünstig geliebt hat. Ver- 
schwunden ist die Kopie nach der 
Erschaffung des Menschen von Michel 
Angelo , diesem Bilde aller Bilder! 
Unsummen hatte der Meister für seine 
Schätze auf Kunstversteigerungen aus- 
gegeben. Er wollte seinen Mitleben- 
den zeigen, wie man große Kunst 
bewertet. Lachend, übermütig hat er 
ihnen die Lektion gegeben. Aber 
sie haben nicht davon profitiert — 
kaum ein Zehntel des ausgegebenen 
Geldes ist wieder eingegangen. Auch 
das geliebte Bild der bräutlich jungen 
Saskia, die den Rosmarinzweig in der 
Hand trägt und deren feines Profil vom 



e^ JAKOBS SEGEN ®:^ 



'35 



großen roten Hut beschattet wird, ist 
dahin und die badende Frau nach 
Hendrickje Stoffels, auch das kerzen- 
tragende Mädchen aus seiner frühe- 
sten Zeit selbst das schöne Kinderbild 
seines goldlockigen Titus. Ebenso die 
Porträts von Vater, Mutter und Bruder 

— diese geheiligten Lebensreliquien 

— alles um Spottpreise verschleudert 

— verschwunden wie ein Traum. An 
die Wand gelehnt stehen noch Ge- 
mälde Rembrandts, die keiner kaufen 
wollte. Bilder, die anders waren, als 
jene, die er früher gemalt hatte, welt- 
fremdere, einsamere Werke und des- 
halb unverstanden und unbegehrt — 
geringgeschätzt vom Tage. Bilder 
für die Unsterblichkeit aus heimlichen 
Seelentiefen ins Dasein gebannt. Land- 
schaften, auf die das Licht aus zer- 
rissenem Gewölk mit all seinen Wun- 
dern und Kaprizen niederbricht, 
trotzige, einsame Baumriesen, an de- 
nen der Sturm sein Ärgstes tut. Wei- 
denufer in Duft und Verschwiegenheit 
getaucht, endlose Ebenen, auf denen 
das Große, Gewaltige lebt, das hinter 
den Stummheiten der Natur ist, und 
das immer vernehmbarer wird , je 
länger eine einsame Seele ihm nach- 
spürt. Es befinden sich zwischen 
diesen unverstandenen Bildern auch 
Studien zu Selbstporträts. Hier ist 
Rembrandt nicht mehr der sinnen- 
glühende, der einst Saskia auf das 
Knie hob und dabei den goldenen 
Römer im Sonnenschein blinken ließ. 
Er ist hier einer geworden, der weiß, 
daß die meisten Dinge des Lebens 
Dinge der Tränen sind — einer, der 
knietief in Erfahrung stand. Ja, nun 
begriff und schuf Rembrandt stille 
Menschengesichter, entsagende und 
resignierte, ergebene und wissende, 
hinter denen dieselbe Ewigkeit tagt, 
die hinter den Landschaften ist und 
deren ganzes Wesen und Sein er bis 
auf den Grund erschöpft. Rembrandt 
muß jetzt so malen, denn seine Ma- 
lerei, das ist er selbst. Er kennt jetzt 
Sorge und Qual, Buße und Reue, 
Verzweifeln, Versinken und die Flucht 
ins Gebet. Nun verkehrt er auch 
mit dem Gedanken an den Tod. Die 
Angst vor dem Tode, das Erwachen 
vom Tode, das Besiegen und über- 
winden des Todes, die erschütternd- 
sten Probleme, vor welche die Seele 




J.\S lii.O.M ^CIKECHT; MONSTRANZ (RUCKSEITE) 

Kathedrale hi Haarlem. Vgl. S. 134 die Vorderseite. — Text S. fjg 



136 



JAKOBS SEGEN ^ 




JAN- 



IRÜM (UTKECHT) 

In der Hauskap.lU des H. Herrn Biselw/s 



mächtig ge- 



gestellt wird, löst er mit seiner a 

wordenen Kunst. Er ist in die Tore des 

ewigen Lebens eingetreten. 

Er malt das einsame Heilandkreuz auf Gol- 
gatha, er malt den Magier Faust, der die 
Rätsel alles Lebens lösen wollte, in seiner 
Studierstube und gebeugte Ritter, die 
weltverlassen auf verlorenen Posten ste- 
hen, er, der Shakespeare nicht kannte, 
hat die Gedanken Hamlets, der wußte, 
daß Reifsein alles ist und der Rest 
von allem das Schweigen. 

Was ist Ruhm? fragt sich Rembrandt. 
Ruhm ist nichts. Aber das Schöpfen 
aus ewigen Quellen, die liebende Er- 
kenntnis, das große Verstehen, das die 
große Liebe ist — das Finden des ewigen 
Inhalts, der in allem Irdischen lebt, das 
ist etwas. 

Rembrandt beachtet die beraubten 
Mauern nicht mehr. Seine Seele kann 
sich beim Verlust nicht aufhalten, ihn 
rufen Stimmen, die nicht von dieser 
Welt sind. Tausend Kränze hängen noch 
in den Wolken. Er muß sie herabholen. 
Auf der Staffelei steht das große Bild, 
an dem er malt. — Trotz aller Bedräng- 
nis, die seine Gläubiger ihm bereiten, 
ist es stetig in ihm gereift, der Gedanke 
an das Gemälde hat sich wie eine hohe 
Wand zwischen ihn und die Gemeinheit 
der Sorge s:estellt. Er hüllte ihn wie in 



eine Wolke und entzog 
ihn seinen X'ertolgern. Er 
kämpfte um die herrliche 
Vision, die vor ihm auf- 
tauchte und schwand, die 
in Fernen rückte und wie- 
der nahe kam; ihre Um- 
risse veränderte, ihm ge- 
zeigt und entrissen ward 
und endlich deutlich greif- 
bar aus dem Nebel des Un- 
bewußten aufgetaucht ist. 
O wie hat er gerungen, 
inbrünstig, ehrfürchtig und 
verlangend wie um eine 
Braut. 

Es war eine der alttesia- 
mentarischen Erzählungen 
voll schlichter Größe — den 
greisen Jakob wollte er ma- 
len, den sterbenden Hirten- 
könig und Patriarchen wie er 
seine Enkelkinder Ephraim 
und Manasse, die jungen 
Söhne Josephs segnet. Da 
empfand Rembrandt den 
Jakob in sich. Jenen Jakob, der aus einem 
Unvollkommenen und Strauchelnden ein Die- 
ner Gottes ward. Der den Segen seines Va- 
ters Isaak stahl und doch des Segens wert ward; 
den Jakob, der in dunkler Nacht auf freiem 



ALI AKLEUCHTER (SILBER) 
'n Haarlem 




JAN BRO.M [UTRECHT) 

Kupfer vergoldet. 



TABERNAKELTURE 
hl der Kathedrale tu Schevettingen 



^ JAKOBS SEGEN e^ 



137 




JAK BROM (UTRECHT) 



Text S, 13g. — Xachahii 



KANNE MIT SCHCSSEL 



der abgebildeten M'erke verboten 



Felde mit Gott rang und sprach: »Herr, ich 
lasse dich nicht, du segnest mich denn! »Rem- 
brandt fühlte in sich den Jakob, in dessen 
Träumen die Engel des Himmels nieder- 
steigen, den Jakob, der es in sich hatte, vier- 
zehn Jahre lang um 
Rachel zu dienen 
und dessen ganzes 
Herz am Sohne des 
geliebten Weibes 
hing. Diesen Mann, 
der so ganz ein 
Diener Gottes und 
so ganz ein Mensch 
war, den hohes Al- 
ter und die Nähe 
des Todes mit gro- 
ßen Würden be- 
kleideten und mit 
starker Feierlich- 
keit umfingen, wel- 
che Gedanken 
mußte der haben, 
wenn er den Trä- 
gern seines Ge- 
schlechtes die zit- 
ternden Hände aufs 
Hauptlegte! Welch 
ein Augenblick pa- 
triarchalischer Hei- 
ligkeit und schau- 
ender Ehrfurcht! 
(Abb. S. 129). 

Rembrandt tritt 
vor sein Gemälde jan brom 

und hebt das hül- /« der HauskapelU des H. 



lende Tuch. Wann hat er doch zuletzt daran 
gemaltr Gestern — nein — vorgestern? Er 
weiß es nicht mehr. Aber es muß eine be- 
gnadete Stunde gewesen sein. 

Nahe einer wundervollen Vollendung grüßt 

ihn sein edlesWerk, 
das auch ein letzter 
Pinselstrich nicht 
mehr verbessern 
könnte. Gedämpf- 
tes, doch leucht- 
kräftiges Licht — 
purpurn geheim- 
nisvollerSchimmer 
über der Gruppe: 
das Greisenantlitz 
des segnenden Pa- 
triarchen voll fürst- 
licher Hoheit und 
Güte ; sein Blick 
scheint aus allen 
Abgründen des Da- 
seins zu kommen. 

Unbewußt und 
doch gebannt von 

der Weihe der 
Handlung beugen 
die schönen Kinder 
die Häupter unter 
dieerhobenen Hän- 
de. Still, würdigund 
gefaßt ist Joseph, 
der daneben steht 
und den Alten 

ALTARI.EUCHTER StÜtZt. Et trägt dcU 

Herrn Bischofs zu Ctreelit TjpUS deS feinen 




Die christliche Kunst. 



13« 



JAN BROM 




JAN BROM (UTRECHT) 

SilSer vergoldet. 



NachaJimuttg verboten 



Menschenkenners, aber auch den des Starken, 
der in der Stunde der Versuchung bestand und 
sich in Weisheit und Klugheit die hohe Stel- 
lung erwarb. 

Stille — wie in ihr eigenes Leben voll- 
kommen eingehüllt, wohnt Asnath, die Mutter 
der gesegneten Kinder, der heiligen Handlung 
bei. Ihre Seele ist bei Gott. Sie kniet im 
Geiste vor dem Herren alles Zukünftigen. 



»Auf dich o Herr 

Laß meine Hoffnung nicht zuschanden 



hoffe ich! 

ai 
werden.« 



Starker, allmächtiger Zukunftsglauben, ein 
heiliges Schauen in glückliche Zeit beseelt 
das Werk. — Allen kommenden Geschlechtern 
wird er das Versprechen kraftvollen Eltern- 
segens geben. Rembrandt fühlt die Größe seiner 
Schöpfung, fühlt sie in stummer Demut als 
übernatürliche Gottesgabe. Daß er dieses Bild 
gerade jetzt schaffen konnte — welch über- 
irdischerTrost, welche Erlösung und Befreiung, 
welche unermeßliche Gnade! Ja — das ist 
eine der ewigen Tröstungen, wie sie nur dem 
Genie zuteil wird, dem Genie, das aus dem 
Borne seines Leides die unvergänglichen Er- 
hebungen für alle kommenden Geschlechter 
schöpft. 



JAN BROM 

Von J. V.\N BERGEN 
St. Katharina-Waver (Belgien) 

Die lebbhafte Betätigung auf dem Gebiete 
des kirchlichen Kunstgewerbes ist ein 
erfreuliches Zeichen einer Neubelebung und 
Neugestaltung der alten christlichen Wahr- 
heit — auch in Holland. 

Als das kleine Land, das in früheren 
Zeiten seine Kunst eine gewaltige Höhe 
erreichen sah, endlich 1815 aus einer fast 
zweijahrhundertlanger Periode politischen 
und sozialen Elends erwachte, bot die christ- 
liche Kunst einen recht traurigen Anblick. 
Und dieser Zustand dauerte fort bis um 
die Mitte des 19. Jahrhunderts, als die 
Wiederherstellung der kirchlichen Hier- 
archie im Jahre 1853 der Ausgangspunkt 
eines neuen Aufschwungs des kirchlichen 
Lebens ward. Kein Wunder, daß die Wir- 
kung auch auf das politische und soziale 
sowie auf das künstlerische Gebiet übergriff 
und die neuerweckte geistige Regsamkeit 
der holländischen Katholiken den Wieder- 
anschluß des kirchlichen Lebens an das 
zeitgenössische Kulturleben erstrebte. 

In der kirchlichen Kunst machten sich 
manche Geschmacksverirrungen breit: not- 
gezwungen gab man sich mit den vorliegen- 
den Gebrauchsgegenständen zufrieden ; das 
Neue war meistenteils aus Frankreich und 
Deutschland importiertes Machwerk »im Stile 
des Rückblicks«, vor allem des Rückblicks in 
die Stilperiode der Gotik, oder kunstloses, ober- 
flächliches Fabrikwerk. 

Eine ganze Reihe tüchtiger Künstler ar- 
beitete seitdem an der Verwirklichung neuer 
Kunstideale, und namentlich der Utrechter 
Edelschmied Jan Brom nimmt auf kunstge- 
Nverblichem Gebiet den Kampf gegen die geist- 
lose Fabrikware auf und, wie es scheint, 
mit gutem Erfolge. Einer der ersten, welche 
die christliche Gebrauchskunst auf bessere 
Bahnen lenkten, war G. B.Brom (183 1 — 1882), 
der verdienstvolle Vater unseres Künstlers. 
Jan Brom (geb. 1860) lernte die Goldschmiede- 
kunst in der Werkstätte seines Vaters. In 
dieser Schule hat er technische Erfahrungen 
gemacht, Fachkenntnisse und die Bekanntschaft 
mit dem zu verarbeitenden Material erworben, 
was durch akademische Bildung allein nicht 
zu ersetzen ist. Zur Erringung seiner künstle- 
rischen Durchbildung besuchte er die Museen 
Frankreichs und Italiens und ließ die große 
Tradition der künstlerischen Vergangenheit 
auf sein Künstlertalent einwirken. 

Was Wunder, daß J. Brom zu Anfang seiner 



^^ JAN BROM 6^ 



139 




JAN BROM (UTRECHT) 

Silber vergoldet, — Nachahmung verdaten 



KELCH 



Künstlerlaufbahn die Abhängigkeit von den 
alten Meistern verriet, aber er wäre »kein 
echter Künstler, kein warmfühlender Mensch 
gewesen, wenn er nicht das Verlangen in 
sich verspürt hätte, etwas anderes, etwas 
Neues zu bieten, nach frischen Ornamenten 
und Verhältnissen zu suchen und mit den 
überlieferten, veralteten Formen von Mon- 
stranzen und Altarlampen, Chorgittern und 
Taufsteinen endgültig aufzuräumen«'). 

Die Arbeiten, welche wir in Abbildungen 
bringen, entsprechen vorzüglich den Grund- 
sätzen, die im heutigen Kunstgewerbe herr- 
schend sind. Es sind Muster schöner Zweck- 
mäßigkeit, würdiger Einfachheit und bisweilen 
tiefer Symbolik: der Merkmale Bromscher 
Kunst. 

Den Stil der silbernen Schenkkanne fAbb. 
S. 137) charakterisierend, sagte der Hochw. 
Benediktinerabt zu Oosterhout, Brom sei zur 
Einfalt und Schönheit der Alten zurückge- 
kehrt. Bestandteile des Wappens des Hochw. 
Abtes — ein Leopard und eine geharnischte 
Faust — formen den Seitenhenkel der Kanne 
und den Knopf des Deckels; das ganze Wap- 
pen steht mitten im Teller in Relief ge- 



') Etha Fies in »Elsevier's Maandschrift«, Juli 1904. 



schnitten. Das sinnreiche Ornament be- 
steht aus Bibeltexten auf Kanne und Teller. 
Überaus schön und sinnreich ist die 
Prachtmonstranz für den Dom in Haarlem, 
die auf S. 134 und 135 abgebildet wurde. 
Der Kreis für die hl. Hostie, welcher den 
geistigen Mittelpunkt der Komposition für 
eine Monstranz bildet, verstand der Künst- 
ler auch zum Mittelpunkt für das Auge zu 
gestalten. Darüber thront auf der Vorder- 
seite Gott -Vater; rings herum sehen wir 
die 24 Ältesten der Apokalypse in An- 
betung. 

Die Kelche von J.Brom hat der bekannte 
Kunstkritiker Dom. Bruno Destrce O. S. B. 
gelobt, daß sie die besten seien, welche er 
bis heute zu sehen bekam. Der Kelch 
»Wurzel Jesse« (Abb. S. 141), der sich im 
Besitze des Schreibers dieser Zeilen be- 
findet, ist Silber vergoldet mit der Isaiasstelle 
in Email am Fuße: .Und es wird ein Zv/eig 
aufgehen von der Wurzel Jesse«. Das 
prophetische Bild hat der Künstler, indem 
er den Charakter des Kelches als Behälter 
desBlutes unseres Erlösers(Christi sanguinis 
portator) nach Optatus symbolisch aus- 
drückte, in einer stihsierten Rose veran- 
schaulicht. 

Aus der Reihe der hervorragenden Er- 
zeugnisse des Schmiedehandwerks, die aus 
den Werkstätten des Utrechter Meisters hervor- 
gingen, seien noch die Kanzel (Abb. S. 152) 
und das Chorgitter der Kathedrale zu Haar- 
lem genannt. Reichen Schmuck entfaltete 
der Künstler an der Brüstung und am Auf- 
gang der Kanzel, die das Gleichnis des Senf- 
körnleins darstellt. Sieben Granitsäulen — 
die sieben Gaben des Hl. Geistes bedeutend 
— tragen eine schwere Granitplatte mit 
bronzener Brüstung und bronzenem Aufgang, 
derenStäbe stilisierte Senfpflanzen mitBlättern, 
Blumen und Früchten sind Der noch un- 
vollendete Schalldeckel wird die Idee des hoch- 
aufgewachsenen Baumes, in dessen dichtem 
Laubwerk die Vögel wohnen, weiter ausge- 
stalten. 

Eine sehr bedeutende Arbeit ist ebenfalls 
das Chorgitter in derselben Haarlemer Kathe- 
drale. Als zur Darstellung zu bringende Idee 
wurde vom Hochw. Herrn Mgr. Gallier, Bischof 
von Haarlem, eine alttestamentliche Stelle ge- 
wählt im Buche Exod XXX, 34: Das Gebet 
des Christen steigt zum Himmel empor wie 
die süßen Düfte der Balsam- und Gewürz- 
pflanzen, den Israeliten zum kultischen Zwecke 
vom Allerhöchsten verordnet (Abb. S. 133). 
Das Gitter ist eine Prachtleistung guten 
Geschmacks und großer Kunstfertigkeit. Die 



140 



PARAMENTE VOX AUGUSTIN FÄCHER 



Leitlinien entwickeln sich stark nach der 
Höhe; die vorherrschenden senkrechten Stäbe 
sind die im alttestanientlichen Texte genannten 
Weihrauch und Galbanum, die zwei schweren 
Pfeiler sind Myrrhenstauden. Im unteren Teile 
wird die Reihe der senkrechten Stabe glück- 
lich durch die 
Windungen der 
Schlangen 

unterbrochen ; 
diese sind die 

Höllengeister, 
fliehend vor dem 
Gebet. 

Wie man sieht, 
ist der Künstler 
J.Brom nicht ge- 
willt, in einem 
schon abgewan- 
delten Stile zu 
schaffen. Es ist 
übrigens durch- 
aus verfehlt, bei 
einem Kunst- 
werk zu fragen, 
welchen Stil es 
hat, man soll 
fragen, ob es 
Stil hat. Denn 
Stil ist, wie der 
österreichische 

Kunstkritiker 
R. V. Kraliksagt, 
nichts anderes 
als die charakte- 
ristische Weise, 
die Form, die der 
Künstler jedem 

Kunstwerk je nach seiner Natur, nach seinem 
Zweck, nach seiner Bedeutung zu geben weiß. 
Stilgerecht ist das Werk, das natürlich und 
eigentümlich aus dem Geist des Künstlers, 
seiner Zeit, aus allen Bedingungen des Zweckes 
und des Stofi"es heraus geprägt ist. 

Seinem selbständigen Schöpferdrang fol- 
gend, hat J. Brom die christliche Kunst mit 
einer stattlichen Reihe Frachtleistungen be- 
reichert, welche ihm im In- und Auslande 
Ansehen und Auszeichnung erwarben. 

PARAMENTE VON A. FÄCHER 

r^ie Wirksamkeit Augustin Pachers wurde 
*-^ schon im VI. Jahrgang dieser Zeitschrift 
(S. 145 — 176) gewürdigt. Dort findet sich 
von ihm u. a. auch ein moderner kirchlicher 
Ornat abgebildet. In Ausführung einer längst 
gehegten Absicht fügen wir dem damaligen 







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JAN BROM (ITRECHT) 

Silber vergoldet. 



Künstlerbild einige Züge bei, indem wir meh- 
rere Paramente aus der letzteren Schaffens- 
periode Pachers veröff'entlichen. 

Bei den liturgischen Gewändern, deren vor- 
nehmstes das Meßkleid ist, kommt für die 
Kunst in Betracht: der Stoff, die Farbe, der 

Schnitt, der 
Schmuck. Über 

die Entwick- 
lungsgeschichte 
der Paramente 
gibt Jos. Braun 
S. J. in seinem 
gelehrten Werke 
»Die liturgische 
Gewandung im 
Okzident und 
Orient« ') er- 
schöpfenden 
Aufschluß. Die 
Leistungen der 
Vergangenheit 
berühren die 
Kunst der Ge- 
genwart auf dem 
Gebiete der Pa- 
ramentik inso- 
fern, als sie uns 
die Gegenwart 
verstehen leh- 
ren, das Wesent- 
liche und des- 
halb Festzuhal- 
tende von dem 
zeitlich Beding- 
ten und Neben- 
sächlichen zu 
scheiden ermög- 
lichen, zum Wetteifer mit den Vorfahren um 
das Beste anspornen und Winke für eine wür- 
dige Herstellung der neuen Paramente geben. 
Für die Paramente im engeren Sinne: Ka- 
sula, Dalmatik, Tuniceila und Pluviale, darf 
nur Seide, Gold- und Silberstofl^ mit Seide 
(-Brokat) und Seidensamt verwendet werden; 
auch Halbseide ist als Ausnahme gestattet. 
Verboten sind Leinen, Wolle und Baumwolle. 
Als Farben dieser Gewänder sind erlaubt: 
Weiß, Rot, Grün, Violett, Schwarz, in ihren 
verschiedenen Tonsiufen. Für Weiß, Rot und 
Grün dürfen Gewebe aus Gold, nicht aber 
solche aus gelber Seide, getragen werden. 

') Herder i. Br., 1907, M. 30, gebd. M. 3 5, 50. — 
Siehe auch: Handbuch der Paramentik von Jos. Braun 
S. J., mit 150 Abb., Herder i. Br. Preis M- 6.50, 
gebd. M. 7.60. — Vgl.: Praktische Ratschlage über kirch- 
liche Geb.iude, Kirclicnger.ite und Paramente von Job. 
Gerhardy. Preis M. 4,50. Ferdinand Schüningh, Pader- 
born, II. Aufl. 



Xachahm7tjtg verboten 



^ PARAMENTE VON AUGUSTIN FÄCHER e^ 



141 



Die schmückenden Teile können alle beliebi- 
gen Farben zeigen; nur muß die jeweilige 
liturgische Farbe leicht erkennbar sein, was 
ganz besonders bei Violett und noch mehr 
bei Schwarz zu beachten ist, das einen bunten 
Schmuck nicht erträgt. Aus der antiken 
Piinula hervorge- 
gangen, war die 
Kasula ursprüng- 
lich ein ärmelloses 
sich glockenför- 
mig in gleicher 
Länge um den 
ganzen Körper le- 
gendes Gewand, 
das nur in der 
Mitte eine Öff- 
nung für den Kopf 
besaßTm 15. Jahr- 
hundert fing man 
an, die Kasel an 
den beiden Seiten 
zu kürzen, um die 
Arme, auf denen 
die Schwere vieler 
Gewandfalten lag, 
zu entlasten und 
schließlich ganz 
frei zu machen. 
Allmählich wurde 
auch der vordere 
und rückwärtige 
Teil gekürzt. Die 
heutige Form des 

Meßgewandes 
geht im wesent- 
lichen auf das 
Ende des 16. Jahr- 
hunderts zurück; die Vorderseite begann man 
an den Armen in der ersten Hälfte des 
16. Jahrhunderts auszuschneiden. Die kleinen 
Ausmaße, auf die man öfters trifft, gehen auf 
das 18. Jahrhundert zurück und waren für 
kleine Träger berechnet. Der Grund, die ur- 
sprüngliche Form zu verlassen, lag in dem 
Streben nach größerer Bewegungsfreiheit. 
Die weitere Entwicklung läßt sich gut aus 
ästhetischen Gründen im Zusammenhang mit 
dem Wandel des Zeitgeschmackes erklären 
und vollzog sich in ruhiger Folgerichtigkeit. 
Seit einem halben Jahrhundert vertraten 
manche, von spätromantischen Gefühlen ge- 
tragen, die Rückkehr zur Kaselform des späten 
Mittelalters. Wo dieser Schnitt gewählt wird, 
muß man mit der Ornamentierung sehr zu- 
rückhalten und ist der Schmuck so anzu- 
bringen, daß er eine freie und großzügige 
Faltenbildung nicht verhindert. Beispiele hier- 




JAN BRO.M (UTRECHr) 

Silber vergoldet. — Text S. 



für boten wir u. a, im VIII. Jahrgang, S. 214 
und 215 und vorigen Jahrgang, S. 50, 31, iii 
und 113 und auch Fächer zeigt hier auf 
S. 147 u. folg. vorbildlich geschmückte Kasein 
mit weitem Schnitt. Aus dem 18. Jahrhundert 
finden sich allerwärts zahlreiche Meßgewänder, 

deren Stoff und 
Stickerei auserle- 
senen Geschmack 
und unübertreff- 
liche Solidität zei- 
gen und von 
denen sich nicht 
behaupten läßt, 
daß sie des hei- 
ligen Dienstes am 

Altar weniger 
würdig wären, als 
die besten Erzeug- 
nisse der letzten 
50 Jahre und der 
Gegenwart. Bei 
neuen Kasein hält 
sich das Ausmaß 
wohl am richtig- 
sten an die durch- 
schnittliche Grö- 
ße der Träger, 
eine Rücksicht, 
die ja auch sonst, 
z. B. bezüglich der 
Höhe der Altar- 
mensa, geübt 
wird. In derFara- 
mentik sogut wie 
in allem werden 
wir uns hüten, 



JSg. — Nachahmung verboteyt 



bloße Fragen des 
Geschmackes, des Taktes und der Zeitent- 
wicklung als Fragen der Religion hinzustellen 
und Eigentümlichkeiten einer willkürlich her- 
ausgegriffenen Periode oder einseitige subjek- 
tive Anschauungen zur einzig berechtigten 
Norm, wenn nicht zum Gesetz zu stempeln. 
— Bezüglich der Verzierung der heiligen Ge- 
wänder mit Ornament besteht die größte Be- 
wegungsfreiheit, die nur die besondere Be- 
stimmung, der gute Geschmack und vor allem 
die Kostenfrage regelt. Für gewöhnlich wird 
man sich auf reine Ornamentmotive be- 
schränken. Figürliche Darstellungen dürfen 
nur kleine Ausmaße besitzen und sollen nie 
aus dem Gesamtschmuck als etwas Selbst- 
ständiges heraustreten. Es läßt sich an Meß- 
gewändern und Pluvialien kein gröberer Ver- 
stoß denken, als wenn einen vom Rücken des 
Priesters herab halblebensgroße Gesichter an- 
schauen und sich am Kleide wie an einer 



142 





AUGUSTIN FÄCHER, FAHNE DER 



CORPUS CHRISTI-BRUDERSCHAFT IN DILLINGEN 



Text S. 146. 



143 




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PARAMENTE VON AUGUSTIN FÄCHER ^^ 




AUGUSTIN FÄCHER 



ZOPF-MESSGEWAND 



St0[a, Kasula, Matii/>el. Bursa, J'eluwa. DuiikL-l- und Heihot »tit Gold. — Text S. 14b 



wandelnden Reklamefigur weithin sichtbare 
Einzelgestalten bewegen. So war auch im 
späten Mittelalter die Anbringung eines großen, 
in Hochrelief gestickten Kruzifixus auf dem 
Rückenteil der Kasula ein Mißgriff"; der Hin- 
weis auf das Kreuzesopfer Christi ist ohne- 
hin geziemend durch das Altarkreuz gegeben. 
Bei reich ornamentierten Kasein und Pluvia- 
lien läßt sich richtig behandelterBilderschmuck 
beliebig und aufs sinnreichste beiziehen; der- 
artige wundervolle Prunkgewänder sind uns 
aus den besten Zeiten der Stickkunst erhalten 
(vgl. Abb. einer Kasel aus dem 13. Jahrh. im 
VIII. Jahrgang, S. 84 und 85). 

Den Standpunkt, welchen Pacher bei seinen 
Paramenten einnahm, kann man billigen. Der 
Künstler geht von der Tradition aus. In 
einigen Fällen hält er sich aus praktischen 
und ästhetischen Erwägungen mit Rücksicht 
auf die Kirchenarchitektur enger an überlieferte 
Motive, die er zu neuer Wirkung bringt; wo 
er sich nicht durch Gegebenes gebunden weiß, 
schaltet er frei. In der Paramentik ist wie 
bei allen kunstgewerblichen Arbeiten die 
Ausführung ein wesentlicher Teil der Wer- 
tung und deshalb läßt sich Pacher beim Ent- 
wurf von der Rücksicht auf die Ausführung 



leiten und dehnt seine Tätigkeit auch aut 
letztere aus. 

Das reichgestickte Meßgewand Seite 14^ 
schließt sich dem Zopfstil an. Der Grundstoff 
ist weiß, mit Gold durchwoben. Die Grund- 
farbe des Kreuzes ist hellrot; die Sträußchen 
darauf in Weiß mit violettgestickten Blumen. 
Die das Kreuz bildenden großen Laubformen 
sind in dreifach schattiertem Graugrün ge- 
halten, der Pelikan in Silber. Die Strahlen 
des weißen Hauptgrundes sind Goldbouillon, 
die Sträußchen hellgrün mit hellblauen Ver- 
gißmeinnicht. 

Bei der dunkelroten modernen Kasula auf 
Seite 145 hat der Kreuzfond helles Grüngrau 
mit altgelbem Dreiecksmuster in Tamburier- 
arbeit. Die Borten, das Herz Jesu, die Stola- 
kreuze usw. sind in Silber. 

Die auf Seite 147 abgebildete inoderne 
Kasula wurde schon oben erwähnt. Sie be- 
steht aus rotem Samt, ist mit Goldborten 
eingefaßt und mit Schneckenlinien in Gold- 
litzen verziert. Der Seideneinsatz um den 
Halsausschnitt ist hell Silbergrau. Das darauf 
befindliche Muster (Irrgang) um den in Gold 
angelegten Namenszug Jesu ist weißseiden 
tamburiert. Das am unteren Ende des Orna- 



^S PARAMENTE VON AUGUSTIN FÄCHER ^as 



145 




AUGUSTIN FÄCHER 



MODERNES MESSGEWAND 



Stola, Kasula, Bursa, P'elmn, Diiiikelroi; Kreuzfond griingrau. Text S. 144 



ments befindliche Schildchen mit dem Cherub 
hat einen in Gold angelegten Nimbus und 
schattiert von hellem Grauviolett in schwärz- 
liches Violett aus; die feinen Trennungslinien 
sind in Gold und Weiß. Die Kasel wurde in 
der Seiden-Kunstweberei und Kunststickerei 
von Georg Gerdeißen jun. in München aus- 
geführt. 

Reich gestickt ist die große Kasula Seite 148, 
die der Künstlerin romanisierender Art frei be- 
handelt hat. Den Grund bildet weißer Moire, 
die darauf befindlichen Volutenranken wurden 
in Goldlitzen mit Flittern, die begleitenden 
Sträußchen in hellem Graugrün hergestellt. 
Der Fond des Kreuzes besteht aus Goldstoft 
mit goldgesprengten Ähren und blauvioletten 
Trauben. Die Ausläufer des Querbalkens zieren 
Alpha und Omega in Schiingenornament. Im 
Mittelpunkt des Kreuzes sieht man Maria mit 
dem Jesuskind in Weiß auf blauem, gold- 
besterntem Grund, eingeschlossen von der 
silbergesprengten Mondsichel, darüber das 
Symbol des Hl. Geistes. Ein grüner, weißge- 
blumter Kranz umgibt die Mondsichel. In 



den Winkeln des Kreuzes befinden sich je 
drei Cherubim mit Goldnimben und rotviolett 
schattierten Flügeln. Den Übergang zum wei- 
ßen Grund bilden Wolkenbogen in verschie- 
denem Grau. Den untersten Teil des Kreuzes 
flankieren die vier Zeichen der Evangelisten 
in Rot-Gold, von Wolkenbogen umschlossen. 
Die drei Wappenschilder weisen den Wahl- 
spruch der Cluniacenser, jenen der Benedik- 
tiner und das allgemeine Benediktinerwappen 
auf Das zugehörige Velum enthält in rotem, 
weißgeblümtem Kreuz das Haupt Jesu in grü- 
nem Dornenkranz; die Palla ist auf weißem 
Grund mit grauer Seide und Gold bestickt 
(Abb. Seite 148). Ausgeführt wurde das Meß- 
gewand in der Taubstummenanstalt Hohen- 
wart bei Schrobenhausen (Bayern) unter 
Leitung und Mitwirkung der Franziskane- 
rinnen. 

Auf Seite 150 und 15 1 (vgl. auch S. 149) fin- 
den wir eine Zopfkasula in farbig und silber- 
geblumtem altem Stoff, mit neuen gestickten 
Mittelbahnen. Letztere sind Silbersprengarbeit 
und Silberstickerei mit farbigen Blumen und 



Die cliristliche Kunst. X. 5. 



146 



!^9 DER HOLZ- UND BOHRWURM ^ 




AUGUSTIN FÄCHER 

Dunkel' und Helh'iolett . 



ZOPFKASULA 
'it Silber. Text unten 



farbigem Marienbild (Ettaler Mutter-Gottesbild) 
auf altgelbem Samt. 

Aus der allerjüngsten Zeit stammt der Or- 
nat für die Stadtpfarrkirche in Wasserburg 
am Inn (Oberbayern), der an die Architektur 
des Gotteshauses anklingend in Formen ita- 
lienischer Gotik gehalten ist. Der Grundstoff 
ist weiß mit Gold, die Stäbe sind hellgrün, 
die Borten rot und Gold mit weißen Blümchen, 
die Ornamente blau und rot gebrochen. (Abb. 
S. 152-154.) 

Für den hochwürdigen Herrn Professor 
Dr. Oskar Freiherr Lochner von Hüttenbach 
in Eichstätt entwarf Fächer die auf Seite 155 
reproduzierte weiße Kasula. Der Stab ist rot 
in Rot, die Strahlen und Borten in Gold. Die 
um den Kernpunkt des Gabelkreuzes laufenden 
Voluten sind Gold auf grüngrauem Grunde. 

Die Ausführung der Meßgewänder auf Seite 
143 — 146, 150 und 152 — 154 sowie derauf 
Seite 142 abgebildeten Fahne wurde von den 
Franziskanerinnen in der Taubstummenanstalt 
zu Dillingen (Schwaben) besorgt. Die Metall- 
teile der Fahne wurden von Gürtler Anton 
Huber in München ausgeführt. 




AUGUSTIN FÄCHER ZOPFKASULA 

Dunkel- und Hellgrün tnit Silber. Text unten 

Seit vielen Jahren bemüht sich die Deutsche 
Gesellschaft für christliche Kunst in ihrer ge- 
räuschlosen Art, die hochwürdigen Besteller 
von kirchlichen Gewändern zu gewinnen, daß 
sie den Künstlern Gelegenheit geben möchten, 
auch dieses ehrwürdige Gebiet wieder zu be- 
fruchten. Nicht viele Paramentengeschäfte 
werden aus sich heraus und ohne Anweisung 
und Unterstützung der Auftraggeber sich zur 
Übernahme künstlerischer Entwürfe ent- 
schließen. Die Bewegung zum Bessern ist im 
Gange, getragen von dem allgemeinen Auf- 
schwung der christlichen Kunst und der gün- 
stigen Entwicklung des gesamten Kunstge- 
werbes. Sache des Klerus ist es, sie nicht 
mehr stille stehen zu lassen. Nicht Neuartiges 
um jeden Preis, wohl aber unter allen Um- 
ständen nur Gediegenes und Künstlerisches 



muß das Ziel sein. 



S. St.iudliamer 



DER HOLZ- UND BOHRWURM 

Einer der gefürchtetsten Feinde der Bau- und 
Kunstwerke aus Holz ist der sogenannte 
Holzwurm, welcher das Holz direkt zerfrißt 



DER HOLZ- UND BOHRWURM 



H/ 



und wenn diesem gefähr- 
lichen Schädhng in sei- 
nem Zerstörungswerke 
nicht Einhalt getan wird, 
bricht das mit unzähligen 
Gängen durchbohrte ge- 
schwächte Holzwerk 
schließlich zusammen. 

Die schädlichen Bohr- 
würmer treten in den 
Häusern auf, durchfres- 
sen das Holzwerk der 
Balken und des Dachstuh- 
les, weiterhin nisten sie 
sich vor allem gern in 
unseren Hausmöbeln ein, 
die sie nach und nach 
ganz zu zerstören im- 
stande sind. Ihre Arbeits- 
tätigkeit ist so stark, daß 
man den unheimlichen 
Gast nicht nur durch Ab- 
stoßen der Späne ver- 
spürt , sondern auch 
durch sein Pochen ar- 
beiten hört. Die alten 
Holzaltäre in den Kir- 
chen, deren Tafelwerk 
künstlerisch hervorra- 
gende Malereien früherer 
Jahrhunderte aufweist, 
sind oft von den Wür- 
mern derartig zerfressen, 
daß die auf das Holz ge- 
malten Bilder bis zur Un- 
kenntlichkeit verwüstet 
wurden. 

Aber nicht nur zu 
Lande wütet dieses sehr gefährliche kleine 
Untier, sondern auch im Wasser, wo es an 
den Meeresküsten bzw. in den Häfen un- 
geheuren Schaden anrichtet und die stärksten 
Holzpfähle sowie Uferbauten in kurzer Zeit 
zerfrißt. 

Das Kiefernholz mit seinen großen Ringen 
ist für diesen Wurm eines der größten An- 
griffsobjekte; es leidet namentlich außerordent- 
lich unter ihm, wenn es auf fettem Boden ge- 
wachsen ist und im Saft gefällt wurde. Zu 
vermeiden ist überhaupt Holz im Safte zu 
fällen, weil seine Tragfähigkeit darunter leidet. 

^'erschiedene rechtzeitig angewendete Mittel 
haben mit Erfolg dem Holzwurm den Garaus 
gemacht. So ist ein Radikalmittel Schwefel- 
kohlenstoff, der in einer Schale in dem be- 
treffenden Möbelstück oder in einer festver- 
schlossenen Kiste unter dem Bildwerke auf- 
gestellt wird. Dessen Dämpfe vernichten in 




AUGUSTIN P.\CHER 



MODERNE KASULA 



Rottr Samt mit Goldtorten. — Text S. 144 



einem Tage den Holzwurm vollständig. Selbst- 
verständlich kann wegen der Feuersgefahr die 
Prozedur nur im Freien vorgenommen wer- 
den. Bei einem alten Gemälde auf Holz hat 
freilich diese Vertilgung des Wurmes eine 
Schattenseite, weil die Wachs- bzw. Ölfarben 
dabei etwas in Mitleidenschaft gezogen wer- 
den. Wird das Kunstwerk in einem festver- 
schlossenen Behälter luftdicht verpackt, ist 
Chloroform ein gutes Mittel zur Tötung des 
Wurmes. Unbemalte Holzflächen sind mit 
Terpentinspiritus zu waschen, während bei 
bemalten Teilen Einspritzungen in die Bohr- 
löcher zu machen sind, namentlich in die fri- 
schen, die sich durch Bohrmehl kennzeichnen. 
Zur Vertreibung des schädlichen Wurmes 
aus altem Holze ist auch ein Anstrich mit 
Karbolineum Avenarius, ebenso ein solcher 
mit Petroleum anzuwenden. Zwecks größeren 
und dauernden Erfolges ist jedoch ersteres 



148 



DER HOLZ- UND BOHRWURM 



vorzuziehen, zu- 
mal bei Fußbö- 
den eine bestimm- 
te Hilfe erzielt 
wurde. 

Einen inter- 
essanten Fall hat- 
te ein Baumeister 
in Potsdam Ge- 
legenheit zu be- 
obachten. In ei- 
nem bezogenen 
Neubau zeigte 
sich, daß in zwei 
Zimmern derFuß- 
boden, welcher 
auf eichenen La- 
gerhölzern auf 
gewölbter Decke 
liegt, von Wür- 
mern zerfressen 
war. Zur Aus- 
füllung war aus- 
gebrannte Kessel- 
asche verwendet 
worden. Die Eier 

des Holzwurmes lagen in der den Lager- 
hölzern anhaftenden Rinde. Der Besitzer 
wollte nun durch eine Manipulation den Fuß- 
boden retten und die Tiere vernichten, falls 
sich dies aber als eine Unmöglichkeit erweisen 
sollte, eventuell den Fußboden entfernen und 
durch einen Betonboden mit Linoleumbelag 
ersetzen. Zu diesem interessanten Fall rät 
ein bekannter Ingenieur in Bremen folgen- 
des: Die Schädlinge in den Fußboden-Lager- 



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AUGUSTIN FÄCHER 

Weißer Moire, der Kreuzfond Goldstoff. 



hölzern dürften 
die Larven von 
Holzwespen oder 
Holzböcken sein 
und man kann 
rechnen, daß die 
erstere Art nach 

dem Ausfluge 
nicht mehr zu- 
rückkehrt, um 
neuerlich Eier ab- 
zulegen. Einsprit- 
zungen von Ben- 
zin oder Schwefel- 
kohlenstort" in die 
Brettfugen zu- 
nächst der Lager- 
hölzer und falls 
die Bretter gefalzt, 
in kleine Bohr- 
löcher daselbst, 

welche später 
durch Holznägel 
geschlossen wer- 
den, dürften Lar- 
ven und Eier tö- 
ten. Voraussetzung ist, daß im ganzen Hause 
vorher sich keine Spur von Feuer befindet 
und ein solches erst nach vollständiger Durch- 
lüftung der 48 Stunden nach geschehener 
Einspritzung vollständig geschlossenen Räu- 
me angemacht werden darf. 

Im allgemeinen ist das rationellste, freilich 
oftmals recht umständliche Verfahren, sei es 
nun um Möbelstücke oder Bauholz zu retten, 
wenn man in die gebohrten Löcher mehrere 



GROSSE KASULA 
Teit S. t4s 





BURSA ZU OBIGER KASEL S. 148 VON A. PACHER 



PALLA ZU OBIGER KASEL VON A. TACHER 



DER HOLZ- UND BÜHRWURM 



M9 




KELCHVELUM ZUM MESSKLEID S. ijo UND .;[. ALTER STOFL. DAS HERZ JESU KEU 

Text S. 145 



Tropfen von einer zehnprozentigen Kreolin- 
lösung bringt und die Offnungen mit Leim 
zuschmiert. Die Holzwürmer werden durch 
die Medikamente und Entziehung der Luft 
vollständig vernichtet. 

In vorstehendem sind Mittel und Wege 
zur Beseitigung des Holzwurmes im Hause 
und in Möbeln vorgeschlagen. Ein anderer 
Fall tritt bei jenem Holzwurm ein, der wie 
eingangs erwähnt, in der nassen Erde und 
im Wasser sein Zerstörungswerk an Hölzern 
vollzieht, vornehmlich in unseren Häfen. Na- 
mentlich aber die auf Pfahlrosten erbauten 
Kirchen, Paläste und Häuser in Holland, ^'e- 
nedig usw. sind durch das Zerfressen der Fun- 
damentpfahlroste in noch viel größerer Ge- 
fahr, so daß wiederholt alte Kirchen in Hol- 
land, die noch Jahrhunderte überdauert hät- 
ten, vollständig abgetragen werden muß- 
ten. Diese Bohrwürmer sind von den Holz- 
würmern, die in den Häusern und Möbeln 
nisten, wesentlich verschieden und es gibt bis 



jetzt, trotz Aufbringung aller Mittel keine Hilfe, 
dieser Wurmplage entgegenzusteuern. Eine 
ganze Reihe englische und amerikanische For- 
scher und Gelehrte haben sich seit mehr denn 
loojahren damit beschäftigt, aber zu einem Re- 
sultate ist man nicht gekommen. Eingehende 
Studien darüber hat in neuerer Zeit der Ma- 
rine-Oberbaurat Tröschel in Berlin gemacht, 
der über das Wesen der Bohrwürmer und 
ihre Bedeutung für den Hafenbau usw. höchst 
interessante Aufschlüsse gibt, desgleichen der 
englische Ingenieur Devats. Ersterer hat die 
Wahrnehmung gemacht, daß es nicht weniger 
denn 30 verschiedene Arten von diesen Wür- 
mern gibt. Die Bohrwürmer, sagt er, sind 
von den Holzwürmern wesentlich verschieden; 
gemeinsam ist ihnen, daß beide im zoologi- 
schen Sinne keine Würmer sind. Die Holz- 
würmer sind Käferlarven und die Bohrwür- 
mer wären Muscheln. Tröschel hat solche 
Wesen gesammelt und diese in größerem Maß- 
stabe photographieren lassen. Als Muscheln 



150 



^ DER HOLZ- UND BOHRWURM CE^ 




AUGUSTIN FÄCHER 

Seitenttile farMg und silbcrgtllunitir aller Stoff; MHIrhtiick neu. 

Text S. i^s 

sollen sie auf das Wasser angewiesen sein 
und greifen auch nur die Hölzer unter Was- 
ser an. Die kaulquappenartigen Larven schwär- 
men einige Zeit im Wasser herum und setzen 
sich, wenn sie etwa Stecknadelkopfgröße er- 
reicht haben, am Holze fest, um sich einzu- 
bohren, und ihr Leben als Einsiedler in dem 
selbstgearbeiteten Bohrgang zu beschließen. 
Der in das Holz eingedrungene Bohrwurm 
kommt niemals mehr heraus. 



Tausende sollen an 
einem Pfahl beisammen 
sein und denselben ganz 
zerfressen. Der Pfahl 
wird nur in der Zone 
vom Teredo angegrif- 
fen, die vom freien Was- 
ser umspült ist. Soweit 
der Pfahl im Boden 
steckt, desgleichen ober- 
halb des Mittelwassers 
bleibt er vom Bohr- 
wurm verschont. Fri- 
sches Wasser ist ihm 

Lebensbedingung. 
Wenn man einen vom 
Teredo befallenen Pfahl 
in Sand einbettet oder 
auf andere Weise das 
Wasser von ihm fern- 
hält, soll der Wurm ab- 
sterben. In der Nord- 
see ist der Bohrwurm 
erst Mitte des 17. Jahr- 
hunderts durch die aus 
den Tropen kommen- 
den Schiffe einge- 
schleppt. 

Für Holland hat der 
Bohrwurm durch sein 
dem Meere abgewonne- 
nes Land größere Be- 
deutung und im Jahre 
173 1 befand man sich 
in größter Aufregung, 
weil die Tiere unge- 
heure Zerstörung in 
den Pfahlwerken ange- 
richtet hatten, daß es 
schien, als wenn die 
Dämme einstürzen woll- 
ten. Mit ungeheuren 
Kosten wurden letztere 
noch erhalten. Aus 
Venedig weiß man, daß 
seinerzeit der Doge 
Gesandte nach China 
schickte, um ein Mittel 
gegen den Holzfraß zu studieren, doch alle Mühe 
war umsonst. 

Tröschel hat in Tsingtau wie in Wilhelms- 
hafen bei Beobachtung von ungestrichenen, 
gestrichenen und imprägnierten Pfählen aus 
Weich- und Harthölzern das Verhalten des 
Bohrwurmes hinreichend kennen gelernt. Das 
Ergebnis war, daß die ungestrichenen und ge- 
strichenen Hart- und Weichhölzer spätestens 
nach zwei Jahren vom Bohrwurm angefallen 



ZOPFKASULA 
Vgl. Abb. S. Ijt und 14g 



PROFESSOR JULIUS ADAM 



•51 



wurden; von den im- 
prägnierten Hölzern blie- 
ben allein die mit Teer- 
öl behandelten verschont. 
Die günstige Wirkung 
des Teeröls, auf die vor 
50 Jahren schon der fran- 
zösische IngenieurForce- 
stier aufmerksam machte, 
ist in Deutschland erst 
in jüngster Zeit anerkannt 
worden. 

In einem Hafen wur- 
den sehr starke Pfähle in 
einer Freßperiode von 
drei Monaten so zerfres- 
sen, daß sie von klei- 
nen, sie anfahrenden 
Segelbooten abgebro- 
chen werden konnten. 



PROFESSOR JULIUS 

ADAM t 

[m Mai dieses Jahres hatten 
wir Veranlassung, auf einen 
Freudentag in der .•khmünche- 
ner Künstlerfamilie Adam an 
dieser Stelle aufmerksam zu 
machen anläßlich des 70. Ge- 
burtstages des hochangesehe- 
nen Pferdemalers Prof. Emil 
Adam (vgl. die November- 
nummer dieses Jahrg.). Dies- 
mal obliegt dem Chronisten 
die traurige Pflicht von einem 
Trauerfall zu berichten, den 
neben der genannten Familie 
das künstlerische München 
erlitt. 

Prof Julius Adam, der 
anerkannte, mit dem Epithe- 
ton ornans >Katzenraftael« 
nicht mit Unrecht bezeichnete 
Tiermaler starb am 25. Sep- 
tember nach einer schweren 
Erkrankung, der auch ein letz- 
ter operativer Eingriff in ihrem 
Lauf kein Halt gebieten konnte. 
Die künstlerische Veranlagung 
bekam der leider allzufrüh Ver- 
storbene bei seiner Geburt am 
18. Mai 1852 mit. Sein Groß- 
vater war der berühmte Hof-, 

Schlachten- und Pferdemaler Albrecht Adam, der Begrün- 
der der künstlerischen Tradition, sein Vater Julius Adam, 
der zuerst als Landschaftsmaler, dann als Photograph er- 
folgreich tätig war. Er gilt neben Josef Albert als Erfinder 
der Albertotypie. Bereits während der Schulzeit zeichnete 
Julius Adam nach der Natur, widmete sich aber dann 
unter Anleitung seines Vaters ganz der Photographie. 
Als Landschaftsmaler finden wir ihn von 1866 bis 1871 
in Brasilien, wohin ihn das im Unterbewußtsein schlum- 
mernde künstlerische Empfinden, der Schwärm für die 
südliche Farbenpracht derTropen trieb. Die künstlerische 
Überlieferung konnte aber bei dieser Tätigkeit ihre Be- 




AUGIISTIN P.^CHER 

Seitenteitf farbig und silbergeblumter alter Stoff; \Mittehtück tieu. 



ZOPFKASULA 
l'gU Abb. S. Ijo und 14g 



friedigung nicht finden. Kaum nach München zurück- 
gekehrt, widmete er sich intensiv dem Kunststudium. 
Prof. Echter an der damaligen Kunstgewerbeschule, wo 
er nach der Antike, und Prof. Raab an der Akademie 
der bildenden Künste, wo er nach erfolgreich bestan- 
dener .Aufnahmeprüfung nach der Natur zeichnete, legten 
die Grundlagen für eine Seite des künftigen Schaffens: 
Das immense zeichnerische Können bei strengster Natur- 
beobachtung. Der Zug, der allen Vertretern der Künstler- 
familie vom Urahnen angefangen gemein ist, die beste 
künstlerische Leistung bei strengem .'\nscbluO an die 
beste Lehrmeisterin, an die Natur ofi'enbarte sich auch 



152 




AÜGUSTIN FÄCHER 



TLUVIALE 



Zu einem Ornat für M'eiRserhurg gehörig. — Text S. 146 




AUGUSTIK FÄCHER 



Text S. 14O 



6^ PROFESSOR JULIUS ADAM ^ 



153 




AL"GUSTIN' FÄCHER 



KASULA 



Zit einem Ornat /ür Wassey-l'ltrg gehörig. 



Text S. 146 



bei ihm. Ein Gang durch die diesjährige internationale 
Ausstellung, wo drei von der gesamten Kritik beifällig 
aufgenommene Katzenbilder in kleinerem Format hingen, 
von denen wir nicht glaubten, daß sie die letzten aus 
des Meisters Werkstatt waren, und durch die Neue Pina- 
kothek, die seit einer Reihe von Jahren ein Selbstporträt 
des »Katzenraffael«, umgeben von seinen Lieblingen, 
besitzt, gibt uns recht. 

Für zwei weitere Eigenschaften, die uns das Scharten 
Adams sympathisch machten, die leine koloristische 
Wiedergabe und malerische Gestaltung seiner Motive 



bei einer nie versagenden Phantasie darf man die beiden 
folgenden Lelirer, die Professoren Alex. v. Wagner und 
Wilh. Diez, aus dessen Mal- und Komponierschule so 
viele heute angesehene Künstler hervorgingen, verant- 
wortlich machen, um so mehr, als der junge Akademiker 
bereits damals mit der bronzenen und zwei silbernen 
Medaillen ausgezeichnet wurde. Auf der Akademie ent- 
standen ganz itn Sinne des romantischeti Lehrers Diez, 
der einst mit seiner Schule als Ritter, Reisige, Knechte, 
begleitet von Marketenderinnen, Munitions- und Bagage- 
wagen, Kanonen durch die Stadt zur Belagerung und 



Die christliche Kunst. 



154 




AUGUSTIN FÄCHER 



PARAMENTE 



Zu einem Ornat für Wtxsserhurg gehörig. — Text S. 146 



^ DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST e^ 155 




AUGUSTIN FÄCHER KASULA 

Pur Professor Dr. O. Frhr. Lochner v. Hüttenbach, 

ausgeführt im Benediktinerinnenkloster St. U^al&urg, Eichstdtt. — Text S. 146 



Erstürmung der Burg Schwaneck gezogen war, die ersten 
Bilder. Die Motive zu diesen großen, figurenreichen 
Gemälden lieferte vornehmlich die deutsche Märchen- 
und Sagenwelt: Mittelalterlicher Maitanz, Märchenerzäh- 
lerin, Der getreue Eckart u. a. m. Die in der »AUgem. 
Zeitung« anläßlich der Ausstellung der Diezschule 1907 
von A. Heilme\'er angegebenen Charakteristika: Ma- 
lerische Ausdrucksweise, tiefe, satte, warme und leuch- 
tende Farben treffen auch auf Jul. Adam zu. Trotz 
schöner Erfolge konnte ihn aber diese Kunstrichtung 
nicht befriedigen. Das vom Großvater gepflegte Fach 
der Tiermalerei in eigener SpeziaHsierung kam schon 
neben der Porträtkunst in dieser Zeit zum Durchbruch. 
Ein Katzenbildchen, das in seinen kleinen Verhältnissen 
im größten Gegensatz zu den erwähnten großen Bildern 
stand, fand bei seiner Ausstellung im Kunstverein all- 
seitige Beachtung. Was lag näher, zumal sich Bestellungen 
häuften, als in diesem Genre weiterzuarbeiten? Und in 
der Tat brachte es Adam im Laufe der Zeit zu einer 
solchen Virtuosität auf seinem Spezialgebiet, daß man 
ihn des oben angegebenen Beinamens für würdig hielt. 
Die Anerkennung, die ihm die Kritik zollte, versagten 
ihm seine Beruf>genossen und ein kunstsinniger türst 
nicht. Auf der Weltausstellung in St. Louis, auf der 
IX. Internationalen in München und bei anderen An- 
lässen erhielt er verschiedentlich Medaillenauszeichnungen. 



Prinzregent Luitpold verlieh ihm bald nach dem Staats- 
ankauf für die Pinakothek den Rang und Titel eines 
kgl. Professors und den Verdienstorden vom hl. Michael. 
Dies und die häufigen Atelierbesuche des hohen Herrn 
mögen nicht in letzter Linie heute der Gattin, einer 
Tochter des vortreiflichen Tiermalers Benno Adam, mit 
der er seit 1886 in glücklicher Ehe in seinem eigenen 
Heim in Gern lebte, einen kleinen Trost bieten. 

W. Zils, München 



DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR 
CHRISTLICHE KUNST 

Wie wir in der vorigen Nummer (S. 128) 
mitteilten, fand die ordentliche Mitglieder- 
versammlung der D. G. f. ehr. K. für das 
Jahr 191 3 am 18. Dezember statt. Der Vor- 
sitzende, Herr Oberregierungsrat Alois 
Frank, drückte in der Eröffnungsansprache 
dem früheren I. Präsidenten, Herrn Amts- 
gerichtsrat Franz Xaver Riß, der unterm 
7. Oktober zurückgetreten war, den wärmsten 



156 



^3 EIN NEUES KRUZIFIX — HUGO HUBER i ^ 



Dank für die Arbeiten aus, welciie er im 
Interesse der Gesellschaft unternommen hat. 
Namens der Vorstandschaft ersuchte er die 
Versammlung, sich diesem Dank durch Er- 
heben von den Sitzen anzuschließen, was ge- 
schah. Der Rechenschaftsbericht des Schrift- 
führers enthielt die Mitteilung, daß die von 
der Mitgliederversammlung 19 12 angenom- 
menen neuen Satzungen die Billigung des 
Hochwürdigsten Episkopates erhielten und 
die preußischen Bischöfe sich im Ehrenvor- 
stand durch den hochw. Herrn Bischof von 
Rottenburg Dr. Paul Wilhelm von Keppler 
vertreten lassen. Der Bericht gedachte des 
schmerzlichen Verlustes, den die Gesellschaft 
durch das Ableben Sr. Kgl. Hoheit des Prinz- 
regenten Luitpold von Bayern erlitt, dann 
des erfreulichen Beitrittes des Hochwürdigsten 
Herrn Päpstlichen Nuntius Dr. Andreas Früh- 
wirth als lebenslängliches Mitglied. Anläßlich 
des 20. Gedenktages der Gründung der Ge- 




.'\UGUSTIN PACKER PLUVI.\LE SCHLIESSE 

TeilMtd Z7I Abb. S. iji oben 



Seilschaft (4. Januar 1893) wurde der um sie 
hochverdiente langjährige I. Präsident, Staats- 
minister Exzellenz Graf von Hertling, 
zum Ehrenmitglied ernannt. Aus der Vereins- 
tätigkeit hob der Bericht den i.J. 19 13 erledigten 
Wettbewerb betreffsErweiterung der St. Agatha- 
kirche in Aschatfenburg und die Ausstellungen 
der Mitglieder in Paderborn und Münster 
hervor. Der Kassabericht für 1912 und der 
Haushaltungsplan für 1914 wurde genehmigt. 
Dann erfolgten die Neuwahlen. Die Behand- 
lung des letzten Punktes der Tagesordnung, 
zu welchem eine gedruckte Uebersicht über 
die Vorschläge der Kommission von 19 10, 11 
und über die Stellungnahme der Vorstand- 
schaft zu den im Kommissionsbericht berühr- 
ten Angelegenheiten vorlag, wurde auf eine 
außerordentliche Mitgliederversammlung ver- 
schoben, die binnen 4 Monaten stattfinden soll. 
An die Mitglieder wird demnächst ein ge- 
druckter Versammlungsbericht mit anderen 
Drucksachen versendet. S. St. 

EIN NEUES KRUZIFIX 

Nebenstehend ist ein in Holz geschnitztes 
überlebensgroßes Bild des gekreuzigten 
Heilandes abgebildet, für welches dem Ver- 
fertiger, dem Kunststudierenden Bernhard 
Morisse im Jahre 19 13 die silberne Medaille 
zuerkannt wurde. Das Direktorium der Kgl. 
Akademie der bildenden Künste in München 
schrieb in bezug auf dieses Werk unterm 
I. November 1913: »Das Direktorium würde 
sich sehr freuen, wenn es Herrn Morisse ge- 
länge, für seine vortreffliche Arbeit eine wür- 
dige Verwendung in einer Kirche oder in 
einem sonstigen öffentlichen Gebäude (Kran- 
kenhaus, Schule usw.) zu finden.« 

Wir schließen uns diesem Wunsche leb- 
haft an. Wie sehr müßte ein solcher be- 
scheidener Erfolg den Künstler und manche 
Mitstrebende ermuntern! Bernhard Morisse 
ist 1883 zu Ölde in Westfalen geboren. Er 
machte zunächst eine praktische Lehrzeit 
durch. Dann studierte er an der Kunstge- 
werbeschule in Düsseldorf und zuletzt an der 
Kai- Akademie zu München bei Professor 
Balthasar Schmitt. S. St. 

KUNSTMALER HUGO HUBER t 

Am Morgen des Vortages von Weihnach- 
ten schied in München Maler Hugo Huber 
unerwartet aus dem Leben. Seine letzte Ar- 
beit war eine Geburt Christi: wir hoffen, daß 
die Weihnachtsfreude, die er in diese Schöp- 



e^ HUGO HUBER f ^^ 



'57 




BERNHARD MORISSE (MÜNCHEN) 



KRUZIFIXUS 



Holz, voUctdet rgrs- — Trxt S. is6 



fung legte, nun sein unverlierbarer beseligen- 
der Anteil sei. 

Hugo Huber war im Jahre 1852 zu Dur- 
bach in Baden geboren. Seine Studien für 
die Künstlerlaut bahn begann er 1869 — 71 zu 
Freiburg i. B. Hierauf bezog er die Akade- 
mie zu München, wo er bis 1875 unter Strä- 
huber, dann unter Anschütz und Ferdinand 
Barth studierte. Nach eineinhalbjähriger Pause, 
welche er zu Studien im Bayerischen Natio- 
nalmuseum verwendete, trat er in die Schule 



von Wilhelm Diez ein. 1878 kehrte er aut 
einige Jahre in die Heimat zurück und restau- 
rierte daselbst die St. Wendelinskapelle bei 
Nußbach fast nur aus eigenen Mitteln. Er 
schmückte sie (1879 — 80) mit Darstellungen 
aus dem Leben des hl. Wendelin und ande- 
ren Bildern. Dann siedelte er wieder nach 
München über. Er siegte 1883 in einem 
Wettbewerb für Glasfenster im Dom zu Bre- 
men mit seinen Fenstern: »Bergpredigt«, 
'Der verlorene Sohn«, »Christus und Mag- 



158 



^ HUGO HUBER j ^^ 




MAX HÄRTUNG 



Text S. Ijg 



dalena im Hause Simons«, »Der Pharisäer 
und der Zöllner;. Seit 1886 malte er in der 
Barockkirche zu Schutterwald bei Offenburg 
Deckenbilder der »Berufung der Apostel«, 
»Verklärung Christi«, »Maria Himmelfahrt«. 
Im Jahre 1891 entstanden die Bilder der 
Liebfrauenkirche zu Osnabrück: »Berg- 
predigt« und »Auferstehung«. 1892 — 95 
fertigte Huber die vier Kartons zu den 
Aposteln Matthäus und Thomas und 
den Heiligen Sigismund und Christo- 
phorus für Glasgemälde in der St. Peters- 
kirche zu München. Aus dem Jahre 1894 
stammt der prächtige Karton zu einem 
Glasgemälde in der Peterskirche zu Frank- 
furt a. M. und 1896 malte der Künstler 
die Patrone Bayerns und Münchens am 
alten Rathausturm zu München. Zwei 
Jahre später schmückte er die Eingangs- 
halle des neuen Friedhofs zu Freiburg i. B. 
mit Kuppelmalereien. In die Jahre 1904 
und 1905 fällt die Ausmalung der fürst- 
lichen Schloßkapelle zu Sigmaringen. 
Der Erfolg eines Wettbewerbes war die 
Ausmalung der Decke der Klosterkirche 
Obermediingen bei Lauingen a. D. Hugo 
Huber wurde mit mehreren Staatsauf- 
trägen ausgezeichnet. Der erste vom 
Jahre 1908 betraf das Altargemälde »St. 
Mauritius« für die Filialkirche in Ober- 
hausen (Bayern). Beim zweiten (19 10) 



handelte es sich um das 
Altarbild »St. Jakobus mit 
Maria und Engeln« für die 
Pfarrkirche in Buchbach bei 
Schwindegg (Oberbayern). 
Dann folgte der Staatsauf- 
trag für ein Altargemälde 
der Pfarrkirche in Kiefers- 
felden (Oberbayern). Im Auf- 
trag S. K. H. des Prinz- 
regenten Luitpold von Bay- 
ern endhch führte der Künst- 
ler in der Filialkirche zu 
Hinterstein bei Hindelang 
(Algäu) ein Deckengemälde 
»Gott Vater mit Engeln« 
aus. 

Zahlreiche Buchillustra- 
tionen fertigte Huber für den 
bei Herder in Freiburg er- 
schienenen Goffine und für 
den von Benziger in Ein- 
siedeln verlegten Hauskate- 
chismus. Mannigfache Ent- 
würfe für Paramente ent- 
standen unter seiner Hand. 
Eine Menge Blätter, Ent- 
würfe der verschiedensten Art, ruhen ver- 
borgen in seinen Mappen, in die er nicht 
gerade leicht jemand einen Blick gestattete. 
Hugo Huber war ein eminenter Zeichner, 
mit erstaunlicher Treffsicherheit vor der Natur 



GARTENPAVILLON 




,MAX HARTÜKG 



GARTENPAVILLON 



Schnitt. — Text S. rjq 



ENTWÜRFE FÜR EINEN GARTENPAVILLON 



159 





KARL MLGGENHOl-ER 



GARTEXPAVILLON 



und mit lebendiger Vorstellungskraft bei freien 
Entwürfen ausgestattet. Sein Kompositions- 
talent und die Leichtigkeit, mit der er die kom- 
positioneilen und koloristischen Eigenheiten 
früherer Stile erfaßte, war höchst entwickelt, 
aber beruhtedurchaus nicht auf äußerer Routine, 
sondern sprudelte, genährt durch gründliche 
Kenntnis der Vergangenheit, aus innerem Mit- 
erleben. Die Erfolge des etwas weltfremden 
Meisters vor der VVelt aber entsprachen sei- 
ner Bedeutung nicht. 

Fast das ganze Lebenswerk 
Hugo Hubers ist der christ- 
lichen Kunst gewidmet. Einer 
derbeiden Vertreter der Deut- 
schen Gesellschaft für christ- 
liche Kunst, welche ihm zur 
Ruhestätte seines Leibes im 
Münchner Waldfriedhof das 
Geleite gaben, brachte am 
Grabe den Dank der Gesell- 
schaft und die Wertschätzung 
seinesWirkens zum Ausdruck 
und legte an demselben einen 
Kranz nieder. s. Staudhamer 

ENTWÜRFE FÜR EINEN 
GARTENPAVILLON 

(^eheimrat Dr. Friedrich Ritter 

von Thiersch, Professor an der 

Technischen Hochschule in Mün- 



chen, der in opferwilliger Weise während der letzten Se- 
mester im Albrecht Dürerverein bei dessen Komponier- 
abenden für Architektur die Besprechung der eingereich- 
ten Arbeiten übernahm, stellte im Februar 1915 lür 
einen Komponierabend am 30. April folgendes lehr- 
reiche Thema: 

»Auf der rechtwinklichen Ecke einer ehemahgen 
Bastion, welche zu einem Privatgarten mit altem Baum- 
bestand umgewandelt ist, will der Besitzer einen monu- 
mentalen Pavillon errichten. Der Pavillon soll nach allen 
Seiten offen sein. Seine Pfeiler und Außenseiten sind 
in demselben roten Werkstein durchgeführt, aus dem 
auch die Festungsmauer besteht. Die Überwölbung wird 
in Backstein hergestellt und soll in 
Stuck und Farbe verziert werden. 
Der Pavillon, welcher ganz auf die 
Ecke hinausgerückt ist, erhalte ein 
Zeltdach mit Ziegeleindeckung. Da 
sein Fußboden i m über den Gar- 
ten erhöht liegt, so ist eine Treppe 
von 1,5 m Breite erforderlich. Die 
Steinschranken mit denen die Öff- 
nungen abgeschlossen sind, sollen 
teilweise als nach innen gekehrte 
Sitzbänke ausgebildet werden. Der 
überbaute Raum soll höchstens 50qm 
betragen. Ansicht und Schnitt mit 
besonderer Gewölbedarstellung 
resp. Modelle sind i. M. i : 20 er- 
wünscht. Perspektivische Zeichnun- 
gen sind ebenfalls willkommen. < 

Herr Geheimrat von Thiersch 
setzte hierfür drei namhafte Preise 
aus eigenem aus und als die Ent- 
scheidung getroffen werden sollte, 
verdoppelte er angesichts der guten 
Arbeiten den ursprünglichen Betrag. 
GARTENPAVILLON Fünf der reizvollsten Projekte und 

' nebenan ein Detail zu einem derselben ver- 




i6o 



WIRTSCHAFTLICHER VERBAND BILDENDER KÜNSTLER ©^ 



öffentlichen wir nebenan auf Seite 158 — 160. 
An der Hand der Situation (Mauerdurchschnilt 
und Bodentläche, Abb. Beil. S. 25) und vor- 
stehender Bedingungen werden unsere Leser 
mit Vergnügen die verschiedenen Lösungen 
nachprüfen und sich überlegen, was sie wäh- 
len würden. S. St. 

DER WIRTSCHAFTLICHE VER- 
BAND BILDENDER KÜNSTLER 
WESTDEUTSCHLANDS 

P)er \'erband, der am 51. Mai 1915 zu Frank- 
furt a. M. gegründet wurde, hielt am 5. De- 
zember vor. Jahres im Rosengarten zu Mann- 
heim seine erste Generalversammlung ab unter 
dem Vorsitze des Herrn Professors Karl Ule 
aus Karlsruhe. Eine große Zahl älterer und 
jüngerer Künstler sowie Kunstfreunde und 
Pressevertreter hatte sich eingefunden; als Ver- 
treter der Stadt Mannheim war Bürgermeister 
Dr. Finter anwesend; so bemerkte man unter 
den Erschienenen die Karlsruher Professoren 
Ritter, Kampmann , Volz, Volckmann ; ferner aus Mannheim 
Dr. Beringer, aus Darmstadt Prof. Beyer, aus Frankfurt 
Prof. Körner usw. Die Ziele des Verbandes, die in den 
letzten Monaten vielfach in der Presse erörtert wurden, 
sind ungeachtet der Namen und Erfolge der Künstler 
oder ihren Richtungen sozialer Art; bezweckt werden 
soll die Hebung und Sicherstellung des Standes, soweit 
er sich im Verbände organisiert. Nach der Gründung 
wurde alsbald im Juni der Vorstand gewählt und die 
Ausschüsse gebildet; Sitz des Bundes sollte Karlsruhe 
sein. Erstrebenswert ist die möglichste Angliederung 
an die bereits recht leistungsfähigen Schwesterorgani- 
sationen in München, Berlin und Dresden und die völ- 
lige Interessengemeinschaft mit diesen. Nach langen 




GEORG HILDEBRANDT 



GARTENPAVILLON 




JAKOB RUDOLPH 



GARTENPAVILLON 



Text S. ijg 



Text S. Ijq — Vgl. Abb. Beil. S. 2J 



und schwierigen Vorbereitungen begann nun in Mann- 
heim die eigentliche Arbeit des Bundes mit der Bericht- 
erstattung über die geleistete und geplante Arbeit, die 
Aufnahme der Mitglieder und die Genehmigung der 
Statuten, die in den allermeisten Punkten natürlich mit 
den Münchener oder Berliner Vereinigungen sich decken 
und die zusammen mit den gleichen Zielen wohl die 
Unterlage für die Schafiung eines Reichsverbandes bilden 
sollen. Nach einer wohldurchdachten Programmrede 
des Vorsitzenden, die auf eine zielsichere Arbeit schließen 
läßt, erstatteten die Referenten der einzelnen Kommis- 
sionen, deren es bis jetzt sechs sind, Bericht; dadurch 
erschienen die Vorteile, die die wirtschaftliche Organi- 
sation dem Einzelnen bieten kann, erst in schärferem 
Lichte. Greifen wir das Referat über Verlagsrecht und Ver- 
öft'entlichung von Kunstwerken heraus, dann jenes über 
die Wichtigkeit der statistischen Abteilung, die Aufgaben 
der Wohlfahitskommission, die eine Pensions- und 
Sterbekasse plant, zumteil wohl im Anschluß an die 
Renten- und Pensionsanstalt in Weimar, oder zuletzt 
noch den Bericht der Finanzkommission, die Mittel und 
Wege zur Herbeischaffung des nötigen Geldes aufzu- 
finden hat; aber auch der wirksamen Mithille der ge- 
samten Presse wurde gedacht. Danach galt es, die Sta- 
tuten des Verbandes, der aufgrund dieser kein Erwerbs- 
unternehmen sein darf, zu beulten und genehmigen, nach- 
dem sich schon zuvor fast sämtliche Anwesende als 
ordentliche oder fördernde Mitglieder hatten aufnehmen 
lassen. Der jährliche Mindestbeitrag beläuft sich auf 
i M. Der derzeitige Vorstand, mit Professor Ule an 
der Sphze, wurde auch für die weitere Zeit bestätigt. 
Fraglos kann durch solche wirtschaftliche Organisation 
lieute, wo sich alle Stände in \'erbänden fest zusammen- 
schließen, auch für die losere Künstlerschaft als solcher 
wie aber auch für den Einzelnen viel erreicht werden, 
wenn zähe zielbewußte Arbeit bei nicht zu weit gehen- 
den Anforderungen der Allgemeinheit gegenüber ge- 
leistet wird und wenn außerdem viele oder alle kommen, 
sich einreihen, wirkliche, ehrliche Künstler und begei- 
sterte Förderer. G. 

DER PIONIER 

lährlich M. 3. — . Aus dem Inhalt von Heft i — 4: Tauf- 
steinentwürfe. — Bei wem soll ein Kunstwerk bestellt 
werden? — Gnadenkapelle Erlach. — Anlage eines 
Blitzableiters. — Entwürfe für Kelche. — Kirchenbau- 
gruppen. — Preiswert. — Bischöfliche Kundgebung. — 
Vermischtes. — Viele Abbildungen. 



BEILAGE 



BERLINER HERBSTAUSSTELLUNG 191 5 



25 



G. HILDEBRAKD 
(MÜKCHEN) 




BERLINER HERBSTAUSSTELLUNG 191 3 

Von Dr. Hans Schmidkunz (Berlin-Halensee) 



D 



ie Räume der Berliner Secession beherbergten 
im Sommer 1913 deren 26. Ausstellung. Dann kam 
die Spaltung, und in die Räume zog die Juryfreie ein. 
Während nun die in jenem Verbände Zurückgebliebenen 
anscheinend erst noch zu Weiterem ausholen, benützten 
jetzt die Ausgetretenen die Räume zu einer ohne Zusatz 
so bezeichneten »Herbstausstellung 1915«. Vorworts- 
Idee: »einen Sammelplatz für alle augenblicklichen 
künstlerischen Bestrebungen bis zu den allerjüngsten zu 
schaffen und ringenden Talenten Gelegenheit zur Öffent- 
lichkeit in weitgehendem Maße zu geben <. 

Die Ausstellung zeigt kein Fortschreiten weder auf 
alten noch auf neuen Wegen, ist aber für die Kenntnis 
eines Teiles des jetzigen Kunststandes wenigstens als 
Fortsetzung jener vorhergehenden Ausstellungen inter- 
essant. Besondere Feinschmecker wollen einen neuen 
Einfluß Italiens herausfinden. Jedenfalls nimmt das Ar- 
chaisieren seinen Fortgang in der von uns mehrmals 
angedeuteten Weise. So in Landschaften, die sich mit 
kleinen Figurengruppen schichtweise aufbauen, wie na- 
mentlich bei H. Heuser in einer Weimarer Landschaft 
und in seiner nicht sehr klar überzeugenden, aber doch 
eigenartigen »Bekehrung des Paulus«. So in dem Wand- 
stück >AlJiendmahl< von M. Pechstein, das — mit fast 
farblosen Figuren — wieder an frühmittelalterliche Dar- 
stellungen erinnert. 

Die uns bekannten Hampelrhythmen schwingen sich 
weiter. So: H. Ben gen; 
O. Hettner mit einem 
Triptychon, das den Fres- 
koschmuck einer Halle 
entwirft; L. v. Hof- 
mann mit einer >Ado- 
nisklage« ; E. L. Kirch- 
ner; M. L a u r e n c i n ; G. 
Stüdemann mit einem 
»Toten Christus«, einem 
»Christus auf dem Meer« 
GRUNDRISS DER ECKE (Zu S. 1S9) und anderem. Der alt- 



I 3oo 




bekannte Menschensalat taucht in einer »Komposition« 
von E. Waske auf und wird zu einem Totensalat in 
F. Mesecks »Erlösung«. 

Bei der Formgebung herrschen einerseits die moder- 
nen Kraftkonturen; zu einem Pflanzenspiel — sozusagen 
— werden sie in der »Vertreibung aus dem Paradies« 
von H. Dornbach (der auch eine lebhaft bewegte 
Gruppe »Zuschauer« bringt); auch G. Kars' »Stilleben« 
u. dgl. kennzeichnen sich durch sie. Andererseits gibt 
es die längst üblichen Fleckstreifen, in der Berliner Thoraas- 
kirche von Richter-Berlin, und die den Kubismus vor- 
bereitenden Mereckkleckse bei W. A. Rosam. Keil- 
schriften und Fleckschriften helfen an den eigenartig 
bündigen Porträts von O. Kokoschka mit. Silhouetten- 
formtn sind nicht mehr so beliebt wie anno Worps- 
wede; doch wirkt mit ihnen vor feuerrotem Himmel 
Th. Th. Heine in einem »Achtzehnlmndertdreizehn«, 
und in Landschaften u. dgl. von K. Schmidt-Rottluff 
kehren sie wieder. Die ebenf.ills bekannte Spielschachtel, 
aus der Bausteine zu Landschaften und Stadtansichten 
genommen werden, ist merklich in einer »Ruine« von 
A. Kanoldt, einem »Dorf in der Bretagne« von 
H.Kinzinger, in Landschaften von M. Pechstein. 

Die Farben sind meist so pappig aufgetragen und so 
saucig in der Wirkung, wie man dies gleichfalls schon 
kennt. Letzteres namentlich in einem mehrlachen Rot, 
das glühen will; so bei E. Haß, bei dem vorher er- 
wähnten Schmidt-Rottluff und in einem »Abend 
am Meer« des ebenfalls schon genannten E. Waske. In 
zwei Freskostudien von 
Pechstein verbindet 
sich dieses Rot mit 
einer wohl schon seit 
Jahren hervortretenden 
modernen Lieblingsfar- 
be: einem grünlichen 
Gelb, das jetzt nament- 
lich in Frauenakten an «^ /■ , 
zahlreichen Wänden - "^ f^'' 
man möchte sagen: 

klebt. Beachtenswerter ^^^ 7"^ 

dürften die dumpfen y ;::.■■■■■:• ■ 

Farben sein, die in SCHNITT D. D. BASTIONSMAUER 



t:^00 




26 



WETTBEWERB FÜR EIN BISCHOFSDENKMAL 



W. Heusers »Kreuzigung« und >Der Kardinal« ein Aus- 
druck von Ergebung zu sein scheinen und wohl auch 
in Mehreren! von M, Berkmann eine Rolle spielen. 
(Begeisternd wirkt dieser gerade nicht; doch seih »Liebes- 
paar am Strande« ist trefflich gestellt und bewegt.)) 

Manches lockt, indem es wie ein Spaßrätsel zu fragen 
scheint, was es bedeute, und dann in der Benennung 
enttäuscht. Das heißt im Jargon: malerische dualitäten. 
Da wird z. B. ein Exercilium von Leibern »Legende« 
benannt; und wenn A. Erbslöh seine sechs Grüngelben 
»Abend« nennt, so begnügt sich L. v. Hofmann bei 
seinen fünf schlichter mit dem Titel »Fünf Frauen«. 

Unter den vertretenen Gattungen scheinen uns Inte- 
rieurs und Stilleben noch am ehesten eine Erholung 
vom Trompetenton zu sein; so bei W. Bondys licht- 
reichem »Möblierten Zimmer«, bei C. Herrmanns 
»Früchten« usw. sowie bei Blumenstücken von E. Orlik. 
Die Porträts smd Belanglosigkeiten oder Mutwilligkeiten 
— ausgenommen die schon erwähnten und etliche von 
Einem, der hier überhaupt wohl am mannigfachsten zu 
tun gibt. 

P. Picasso nämlich, ein Vielgenannter, zeigt diesmal 
nahezu eine gedrängte Jahres- oder Jahrzehntsübersicht, 
von zarten seelischen Porträts an durch impressionistische 
oder sonstwie -istische Akte hindurch bis zum Hampel- 
salat, zuin Baukasten-Kubismus, zu einem Triangulisirius 
und zu einem Futurismus, bei dem Musiknoten an den 
Wänden (oder Wände an den Musiknoten) hinauf- 
klettern, daß es einem ganz wunderlich wird. 

Neben dem Stilwandler geben ein paar andere Steige- 
rungen von sich selbst. E. Munch füllt den Haupt- 
saal mit großen (noch vierfach zu vergrößernden) Ent- 
würfen für Wandgemälde in der Aula einer Universität. 
Eine Art Epos von Mutter Natur, zeigen sie Natürlicheres 
und Geistigeres als seine früher bekannten Einzelgemälde. 
»Die Sonne» grellt, der blinde Sänger erzählt »Die Ge- 
schichte«; es ist ringsum ein »Werden«, daß man sich 
solcher Anläufe freuen kann. Th. v. Brockhusen ver- 
wendet jetzt die Formen seiner bisher enger umgrenzten 
Landschaften zu großformatigen Kombinationen von 
Landschatten mit Stilleben (»Früchte« und »Blick auf 
Florenz«) oder mit biblischen Szenen in Hampelformen; 
einen Christus am Kreuz mit den Schachern nennt er 
»Untergehende Sonne« und eine Kreuzabnahme »Fi- 
gurenbild«, wozu noch eine »Flucht« (nach Ägj'pten) 
kommt. Namenthch letztere strebt nach landschaftlicher 
Größe; und so weit nicht alles durch Einförmigkeiten 
und Äußerlichkeiten gestört ist, läßt sich dieser Kombi- 
nationsmethode noch eine Zukunft geben. Und wenn 
H. Meid nicht so sehr an Theaterszene erinnerte, so 
könnte man seinen, aus Wirrnissen heraus doch wieder 
gestaltungskräftigen und lebendig- bewegten Kompo- 
sitionen — »Zecher in der Morgendämmerung« und 
»Heimkehr des verlorenen Sohnes« (vor einem neuzeit- 
lichen Schloß) — ebenfalls etwas Größeres vorhersagen. 

Immer wieder drängen sich noch einzelne zur Er- 
wähnung auf Die aus der »Jury freien« erinnerlichen 
Leichengesichter von O. Gawell kehren hier als »Die 
Spieler« wieder. E. Heckeis »Zwei Männer« sitzen an 
einem von A. Derain her bekannten perspektivisch ver- 
kehrten Tisch. C. Kleins Stilleben sind nicht ohne 
Wert; das von L. Thieme dürfte sie aber doch über- 
treffen. Die neulich erwähnten monotypen Linoleum- 
schnitte M. Melzers kehren u. a. in seiner, allerdings 
nur formenspielenden »Madonna« wieder. Der aus der 
vorigen Secession bekannte Revolutions-Breughel Klaus 
Richter bringt einen scharf gestalteten »Don duichote« 
und hat an M. Zeller (»Maskenball«) einen Formver- 
wandten. W. Röslers Landschaften schwelgen meist 
in Kohlblätterfarben, G. Tapperts Frauenakte in VarietiJ- 
Charakteristik. In E. R.Weiß und in dem als »Neu- 
römer« gerühmten K. Hofer sehen andere Beurteiler 



Erwähnenswerteres; an A. Degner mögen Verehrer 
Corinths Gefallen finden. 

Graphik und Kunstgewerbe fehlen. Die Plastik ist 
so dürftig vertreten, daß zwei jetzt anscheinend Beliebte: 
W. Gerstel (u.a. Kleinplastik »Prophet«) und H. Hal- 
ler (u. a. »Stehendes Mädchen«) wohl noch mehr be- 
deuten würden, wenn nicht Altbewährte zu Hilfe kämen: 
A. Gaul mit Schafen usw., Fr. Klimsch mit Porträts, 
L. Tuaillon mit »Reiter mit Stier« (soll fürs Krefelder 
Museum sein) — und nicht am wenigsten H. Engel- 
hard t mit einer hübschen Holzplastik »Mädchen mit 
Muschel«. 

WETTBEWERB FÜR EIN DENKMAL IM 
PADERBORNER DOM 

P)er Plan der Paderborner Diözese, ihrem in der Fremde 

gestrobenen und im heimischen Dom begrabenen Be- 
kennerbischof Konrad Martin als äußeres Zeichen nicht 
gestorbener Liebe und Verehrung ein Grabdenkmal in 
einer Seitenkapelle des Domes (der sog. »Engelkapelle«) 
zu errichten, geht seiner Verwirklichung entgegen. 

Das Paderborner Domkapitel hatte seinerzeit einen 
engeren Wettbewerb zur Erlangung geeigneter Entwürfe 
für das Denkmal ausgeschrieben. Die Entscheidung dar- 
über ist nunmehr getroffen, und die eingegangenen 12 
bezw. 13 Entwürfe (einer in zweifacher Ausführung) 
sind für das Publikum im Diözesan-Museum ausgestellt. 
Das Ergebnis ist folgendes. 

Prof. Georg Busch -München, den wir ja als den 
Schöpfer hervorragender BischofsGrabdenkmäler kennen 
und hochschätzen, hat zwei Modelle ausgestellt und 
mit beiden die ersten Stellen besetzt. 

Als das künstlerisch wertvollste Modell wurde das 
mit dem Motto »Bischof Konrad Martin« versehene be- 
zeichnet. Es mußte freilich von der Prämiierung aus- 
geschlossen werden, weil seine Ausführung in anderem 
Material gedacht ist, als vorgesehen war. Trotzdem 
wurde es in erster Linie zur Ausführung empfohlen. 
Dieses sowie auch das zweite Modell Buschs ist in den 
barocken Formen gehalten, in denen die Seitenkapellen 
des Paderborner Domes ausgeführt sind, und zeigt ver- 
ständnisvolles Eingehen und Anklänge an dieselben. Das 
erwähnte Modell zeigt den verstorbenen Bischof im Chor- 
mantel kniend auf einem Sarkophage. (Im Kreuzgange 
des Domes begegnen wir solchen Sarkophag -Darstel- 
lungen auf Grabdenkmälern mehrfach.) 

Das zweite Modell Buschs »Obiit exul I« wurde mit 
dem I. Preis ausgezeichnet. Es zeigt uns die Halbfigur 
des Bischofs in barocker Altarumrahmung in die Kapellen 
wand eingelassen. 

Den zweiten Preis erhielt das Modell »Variation«, al • 
dessen Schöpfer sich Bildhauer Joseph Schneider (Düssel- 
dorf) erwies. Auch dieser Entwurf zeigt die Halbfigui 
des Bischofs in einem Altarbau, der uns jedoch in dei 
Komposition dem Standort gar nicht angepaßt erscheint; 
auch möchten wir diesen Umbau für zu schwer halten, 
wenn wir auch seine gesamtkompositionellen Vorzüge 
nicht verkennen wollen. 

Die mit dem dritten und vierten Preis ausgezeich- 
neten Modelle »Episcopus« von Anton Mündelein (Pader- 
born) und »Gebet« von Gebrüder A. Mormann (Wieden- 
brücit) zeigen ebenfalls ein Wanddenkmal, in schlichterer 
Weise, aber in kompositionell vornehmer, künstlerisch 
feiner Ausführung. 

Auch unter den nicht ausgezeichneten Werken be- 
findet sich manches Schöne, doch darf man dem Preis- 
gericht zugeben, daß es die rechte Auswahl getroffen hat. 

Wir möchten nur den dringenden Wunsch aussprechen, 
daß das vorgeschlagene Modell zur Ausführung gelangte, 
und zwar bald. Unser Dom, für dessen Renovierung 



VERMISCHTE NACHRICHTEN 



27 



und Ausstattung in letzter Zeit so erfreulich viel getan 
worden ist (noch jüngst hat Fritz Geiges-Freiburg sehr 
gut ausgefallene Glasgemälde gehefert, welche die Ge- 
heimnisse des hl. Rosenliranzes schildern), würde damit 
um einen neuen Schmuck bereichert werden. 

Dr. A. Trampe (Paderborn) 

VERMISCHTE NACHRICHTEN 

Der Gold seh muck der Kaiserin Gisela. Dank 
der Beihilfe hochherziger Spender ist Kaiser Wilhelm 
jüngst in den Besitz einer der bedeutendsten Schöpfungen 
mittelalterlicher Goldschmiedekunst gelangt, des Gold- 
Schmucks der deutschen Kaiserin Gisela. Derselbe be- 
steht aus einer Halskette, einem Brustgehange, einer 
großen und kleinen Adlerfibel, Ohrringen, Filigranfür- 
spanen (Stangen) mit Zellenschraelz, hochgebuckelten 
Manteltassen in Broschenform, Stecknadeln und neun 
Fingerringen, alles aus Feingold. Später kam noch ein 
goldenes Ohrgehänge mit Steinen nebst einer Goldmünze 
des byzantinischen Kaisers Romanos III, Argyros (1028 
bis 1039) dazu. Die Ausführungen des Schmuckes, die 
Fassung der Steine und Perlen zeigen, daß zwei ver- 
schiedene aber gleichzeitige Werkstätten zu unterscheiden 
sind, die beide in Deutschland in der ersten Hälfte des 
elften Jahrhunderts gearbeitet haben müssen. Denn von 
den sonst erhaltenen Goldschmiedearbeiten steht der 
Schmuck technisch am nächsten den Regensburger Ar- 
beiten aus der Zeit Kaiser Heinrichs IL, dem Essener 
Münsterschatz und besonders der in Wien befindlichen 
alten deutschen Kaiserkrone, dem Hauptschaustück der 
kaiserlichen Schatzkammer in der Hofburg. Wegen der 
großen technischen Übereinstimmung mit dieser letzteren, 
wird denn auch von autoritativer Seite ein Teil des 
Schmuckes dem Meister der Kaiserkrone zugeschrieben. 
So gelangt z. B. Geheimrat von Falke, der Direktor des 
Berliner Kunstgewerbemuseums, zu dem Ergebnis, daß 
das Geschmeide der Gemahlin Kaiser Konrads IL, der 
Prinzessin Gisela, gehört habe. Der kostbare Schatz, 
den Kaiser Wilhelm den Berliner Königlichen Museen 
überwiesen hat, wurde in Mainz bei Vornahme von Bau- 
arbeiten in verschiedenen Kellerräumen vergraben vor- 
gefunden und dürfte während der trüben und stürmi- 
schen Zeiten der damahgen Periode dort versteckt worden 
sein. 

Versteigerung einerSammlungalterMe ister 
in Wien. In einer großen Ausstellung hatte der Öster- 
reichische Kunstverein eine erlesene Auswahl von 
hervorragenden Werken alter Meister vereint, die in den 
ersten Tagen des Dezember zur Versteigerung gelangten. 
Einige Namen aus der italienischen Schule, und 
zwar solche, deren Schätzung in der letzten Zeit beson- 
ders gestiegen ist, seien zunächst angeführt. So ein vir- 
tuoses, vielfiguriges Frühwerk des großen Venezianers 
Tintoretto: »Christus heilt die Kranken«. Ein großes 
Tafelwerk von edelster Zeichnung und strenger Farben- 
gebung, das bisher wohl mit Unrecht dem Mainardi 
zugeschrieben wurde, vermutlich weil man die Kraft 
des Ausdrucks in der Nähe des Botticelli suchte, wird 
von der neueren Forschung als ein Werk des gerade 
in]Wien so beliebten Parraegianino bezeichnet. Zwei 
recht gute Bassano dürften gleichfalls hoch bewertet 
sein. Von dem seit mehreren Jahren neben dem grö- 
ßeren Greco in den Vordergrund des Interesses gerücliten 
Magnasco enthält die Sammlung nicht weniger als 
drei Bilder, darunter ein Hauptwerk, das durch Ton- 
schönheit und Gefühlsintensität derart besticht, daß es 
den Ruf des Meisters vollauf rechtfertigt. Außerdem 
weist die Ausstellung einige weitere bedeutende W'erke 
auf, die in Kunstkreisen großes Aufsehen hervorgerufen 



haben, so Van Dycks lebensgroßes Mädchenporträt, 
ein Gemälde von überaus anmutigem Reiz; ein blond- 
lockiges Kind in hellblauem Seidenkleid ist in ganzer 
Figur in einer Halle stehend dargestellt, wie es sein auf 
einem Sessel liegendes Schoßhündchen liebkost. Auch 
ein kleineres Damenbildnis des Nikolaus Maes, ein 
Werk von diskretester Abtönung der Farben, sowie ein 
vorzügliches männhches Porträt von P h i 1 i p p d e C h a m- 
paigne und ein recht gutes besonders im Ausdruck 
charakteristisches Mädchen bildnis von Miereveld. Her- 
vorragend sind die großen englischen Meister ver- 
treten, ein Kinderbild von Reynolds und ein farben- 
kräftiger Raeburn, Porträt des Staatsmanns Campbell. 
Von Morland sieht man ein Stellinterieur, von Land- 
see r eine Parforcejagd und ein überaus feines »Motiv 
aus Venedig« von Bonington. Auch die Niederlande 
ist mit einer sehr hübschen Auswahl heimischer Meister 
auf dem Platze: Ein sehr bedeutendes, monogrammiertes 
Landschaftsbild von Jakob Ruysdael, mit Figuren 
von Wouverman, vorbildlich gut erhalten, dann eine 
Reihe Genrebilder von Adrian Brouwer, Braken- 
burg, Dirk, Franz Hals, Saftleven. Ein präch- 
tiger Paelenburg, ein Hühnerhof von Hondecoeter 
und ein gediegenes Stilleben des seltenen Barent van 
der Meer, signiert, endlich eine bedeutende farben- 
prächtige eigenhändige Skizze von Peter Paul Rubens; 
eine allegorische Darstellung von dem Rubens-Schüler 
Diepenbeek schließen die Reihe. Von sonstigen 
Werken fallen noch eine besonders schöne »Klassische 
Landschaft« von Dughet in großem Format, ein weites 
Gebirgstal mit antiken Bauten, Poussin ebenbürtig, end- 
hch ein ausgezeichnetes klares Landschaftsbild des seltenen 
Wiener Malers Rauch in die Augen. Auch unter den 
namentlich hier nicht aufgeführten Werken der recht sorg- 
fältig veranstalteten Ausstellung findet sich noch eine 
Fülle anregenden und guten Materials. Das berechtigte 
Interesse, welches diese Ausstellung erregte, zeigte sich 
nicht allein durch einen über alles Erwarten zahlreichen 
Besuch, sondern auch durch den erfreulichen Umstand, 
daß bereits wenige Tage nach ihrer Eröffnung mehr 
als ein Drittel sämtlicher Bilder verkauft worden ist. r. 

Karlsruhe. Seit einer Reihe von Jahren besitzen 
die hiesigen Künstler einen wohlbegründeten Ruf als 
flotte tüchtige Graphiker; ich erinnere nur an die Tätig- 
Keit des Grafen Kalckreuth oder Thomas in hiesiger 
Stadt; im ganzen Reiche ist die segensvolle und kultur- 
fördernde Tätigkeit der »Kunstdruckerei Künstlerbund« 
bekannt; man denke dabei an die »Karlsruher Land- 
schafslithographien «, deren Herstellung und Verbreitung 
eine nennenswerte Tat war und ist. Aber auch die 
Radierkunst kann, zumal seit Professor Walter Conz 
seine Lehrtätigkeit mit dem Ende der neunziger Jahre 
an der hiesigen Akademie aufgenommen hat, eine große 
Schar von Künstlern, trefflichen Radierern zu ihren 
Vertretern zählen. Aus der hiesigen Schule sind bei- 
spielsweise Leute wie Meid, E. R. Weiß, Babberger, 
Schinnerer u. a. m. hervorgegangen. Und unter den 
Jüngsten ragen schon wiederum einige außerordentlich 
begabte Graphiker aus der Allgemeinheit hervor. Ein 
gutes Zeugnis von der Qualität des im Durchschnitt 
Gebotenen legen alljährlich die kostbaren Mappen des 
Vereins für Originalradielung (50 Mk.) ab, die 
gleichfalls die Kunstdruckerei Künstlerbund herstelh. 
Um eine selten anmutige, in den Linien so reine und 
abgeklärte Schöpfung von Hans Thoma gruppieren 
sich in der diesjährigen Mappe (191 5) die lyrisch gehalt- 
vollen Arbeiten von Conz, Riedel, die schlichte 
Naturschilderung H. v. Volkmanns oder die im mo- 
derneren Sinne und in freieier Technik durchgeführten 
Blätter und Impressionen von Kupferschmid, Sig- 
rist, Egier, Haueisen, ferner Schinnerer und 



28 



VERMISCHTE NACHRICHTEN — BÜCHERSCHAU 



Greve. Als Beilage erwähnen wir die eminent leben- 
dige, kapriziöse Schwarz- Weiß-Lithographie von Schlich- 
ter. Fast alle Genannten sind mit ähnlich guten Ar- 
beiten in der vorjährigen Mappe ebenfalls vertreten; wir 
greifen vielleicht deswegen nur die zwei lithographi- 
schen Beilagen von Haueisen heraus. Das Ganze 
jeweils eine feinsinnige Blütenlese, die den Fachmann 
wie Kunstfreund gleichermaßen erfreut. Geiirig 

Düsseldorf. Was der rheinischen Kunstmetropole 
schon seit langem gefehlt hat und in gewisser Weise 
not tut, scheint sie in der Ende Dezember 191 2 eröft- 
neten Galerie A. Flechtheim nun erhalten zu haben, 
nämlich eine Stätte, die dem Künstler wie Laien durch 
Veranstaltung hervorragender Sonderausstellungen Ge- 
nuß und Anregung bietet. Es ist zu hoffen, daß die 
neue Vertreterin vornehmen Kunsthandels den in iliren 
Programm gezeichneten Richtlinien treu bleibt. Die Er- 
öffnungsausstellung versprach in dieser Beziehung durch- 
aus Gutes. Qualitativ zeigte sie eine bedeutsame Höhe 
und besonders gerne nimmt man in den Kreisen der 
niederrheinischen Kunst davon Kenntnis, daß die neue 
Galerie ihre Aufmerksamkeit der zeitgenössischen wie 
auch der vergangenen, noch wenig bekannten Malerei 
niederrheinischer Künstler ganz besonders widmen will. 
Es ist das um so bemerkenswerter, als die Berliner Jahr- 
hundertausstellung, die in mancher Richtung hin bahn- 
brechend gewirkt hat, seinerzeit gerade den Niederrhein 
sehr vernachlässigt hat. Zur Charakteristik der A», mit 
dem Herr Flechtheim seine Aufgabe zu lösen gedenkt, 
möge eine Liste der Veranstaltung hier Platz finden, die 
er in der ersten Hälfte des neuen Jahres plant. Wir 
finden da an Sonder- und Kollektivausstellungen; H.Nauen 
(Brüggen), Paul Gauguin, Max Schulze -Solde (Düssel- 
dorf), Odilon Redon (Paris), Otto Th. W. Stein (Mün- 
chen), finnische Malerei und Architektur, Otto Sohn- 
Rethel (Anacapri), Karl Seibels, Paul Baum (St. Ann), 
Werner Geuser (Rom), William Degouve, de Nunques 
(La Hulpe), Georges Minne (Gent), Marie Laurencin, 
Nils von Dardel, de Fiori (Paris), Sommerausstellung 
Düsseldorfer Künstler. 

Kunstgewerbe- und Handwerkerschule dei 
Stadt Köln. Dem Lehrer Bildhauer Georg Grasegger 
ist der Charakter »Professor« verliehen worden. 

Bildhauer A. Klem wurde zum Dombildhauer in 
Straßburg ernannt. 

Kunstverein München. Am 25. Dezember wurde 
eine Kollektion von Porträts Papst Pius X., des Kardi- 
nal-Staatssekretärs Merry del Val und des jüngst ver- 
storbenen Kardinals Rampolla von Prof. Hierl-Deronco 
eröffnet. Gleichzeitig war eine größere Anzahl von Ge- 
mälden Hans von Bartels zu sehen, der bekanntlich 
ein glänzendes Können besaß. 

Berlin. Holzbildhauer Paul Kastner in Sackisch 
(Grafschaft Glatz), der einige Zeit an der Kunstgewerbe- 
schule zu München unter Prof. Pruska studierte, hat 
kürzlich im Auftrag der Barmherzigen Brüder vom hl. 
Johann von Gott in Breslau einen Hochaltar ausgeführt. 

We ttbewerb Vohwinkel Immaculatakirche. 
Das Ergebnis des vom Kunstverein für Rheinland 
und Westfalen ausgeschriebenen Wettbewerbes ist fol- 
gendes: Das Preisgericht trat am 19. November 191 3 zu- 
sammen, der Ausschuß des Kunstvereins hat darauf in 
seiner Sitzung am 30. November der Entscheidung des 



Preisgerichts entsprechend, folgendes beschlossen : i . Aus- 
führung Alb. Diemke, Maler, Düsseldorf; 2. Maler 
B. Gauer, Düsseldorf und Bildhauer Föhr, Trier; 3. Ma- 
ler Frz. Schulung, Düsseldorf; 4. Architekt Karl Co- 
lombo, Köln, und Maler Nitsche & Krön, Köln; 5. Jos. 
Giesmann, Cleve und Bildhauer Brüx, Cleve. Diese 
Nachricht erhielten die Preisträger am 19. Dezember zu- 
gestellt. Es handelt sich um künstlerische Ausgestaltung 
von Hochaltar und Chor usw. 

Ziseleur und Goldschmied Joseph Seitz in 
München erhielt den Auftrag, für die Pfarrkirche in 
Graund am Tegernsee vier Kronleuchter zur elektrischen 
Beleuchtung des Schiffes herzustellen. Zwei derselben 
befinden sich bereits an Ort und Stelle. Es liegt ihnen 
das Kronenniotiv zugrunde; die Ausführung ist Treib- 
arbeit. 

Preise alter Bilder. Ein Porträt des Königs Phi- 
lipp II. von Spanien von der Hand Tizians wurde kürz- 
lich in London von einer Sammlerin in Cincinnati um 
nahezu i '/^ Millionen Mark verkauft. 



BÜCHERSCHAU 

Hildes heims kostbare Kunstschätze mit 
Begleit wort von Dr. Adolf Bertram, Bischof von 
Hildesheim. 35 Kunsttafeln in Lichtdruck. (For- 
mat 24x32 cm). Preis M. 18.—. Kühlen, M.-Gladbach. 

Unter den berühmten Dom- und Kirchenschätzen 
Deutschlands nitnmt bekanntlich jener zu Hildesheim 
eine besonders beachtenswerte Stelle ein, da die frühe- 
sten dortigen Wertgegenstände mit dem Namen eines 
großen Bischofes verknüpft sind, der auch als ausübender 
Künstler dauernden ruhmvollen Andenkens sich erfreut: 
St. Bernward. Die vorliegende Publikation — ein Pracht- 
werk in jeder Hinsicht — bringt daher in erster Reihe 
die vielen Kleinodien der Bernwardschen Zeit, von den 
ehernen Domtüren und. der Christus-Säule bis zu den 
kleineren Metallarbeiten in Reliquiarien, Kruzifixen, Hir- 
tenstäben und dergleichen zur Anschauung; Werke, die 
nicht ausschließlich im Dom, sondern auch in anderen 
Kirchen Hildesheims, so bei St. Magdalena, Hl. Kreuz 
und St. Godehard verwahrt werden. Mit ehrfurchts- 
vollem Interesse schaut nicht nur der Kunstkundige, 
sondern wohl auch jeder empfängliche Laie die ge- 
diegenen Abbildungen all der mannigfachen kirchlichen 
Geräte, mit Staunen betrachtet er die eigenartig ernste, 
häufig höchst phantasievolle Formengestaltung, welche 
den Gebilden der romanischen Kunstperiode eigen 
ist. Nachdem nur eine Auslese aus den vielen Kuqst- 
schätzen geboten werden sollte, war es gut getan, 
vor allem die Werke der Frühzeit, der romanischen und 
gotischen Kunst besonders zu berücksichtigen, da ja 
spätere Stilerzeugnisse auch an anderen Orten reichlicher 
vorhanden und beachtet werden können. Besonders 
wichtige Objekte, wie z. B. das prächtige silberne Rokoko- 
Antependium aus der St. Magdalenenkirche vom Jahre 
1771 fehlen jedoch auch der vorliegenden Sammlung 
nicht ; man hat hierbei volle Gelegenheit, die riesigen 
Kontraste, welche sich im Wandel der Formen und 
Stile ergeben, reclit ins Auge zu fassen. — Daß die 
klar und präzis gegebenen Erläuterungen zu all den 
vorgeführten Werken aus der kundigen Feder eines 
Nachfolgers des großen Heil. Bernward geflossen sind, 
steigert in erfreulicher Weise den Wert der hervorragen- 
den Publikation, der es daher an dankbarer Aufnahme 
in kunstfreundlichen Kreisen nicht fehlen dürfte. M. F. 



Für die Redaktion verantworllich: S. Staudhamer (Promenadcplatz 5): Verlag der Gesellschaft für christliche Kunst, G. m. b. H. 
Druck von F. Bruckmann A. G. — Sämtliche in München. 




Zeichnung für eine Heiiigen- 
legende. Verlag von Habbel 
in Regensburg. Text S. 177 



GEORG KAU (MÜNCHEN) 
DIE HEILIGE HILDEGARD 



FERDINAND NOCKHER 



ZIERLEISTE 




esteht in unserem kulturellen 
Leben eine alltäglichere Er- 
scheinung als die Schrift? 
Sie begegnet uns ebenso 
selbstverständlich, unver- 
meidlich wie hilfsbereit. Als 
der bedeutsamste Faktor im 
privaten wie im ötfentlichen 
Leben, haben wir sie schon 
von Kindheit an anerkannt, erlernt, geachtet, 
mitunter auch bewundert, je nach dem Grade 
unserer eigenen Veranlagung und dem Cha- 
rakter individueller Formen, die wir zu sehen 
bekamen. Im Hause wie in den Straßen ist 
stets unser Augenmerk von neuem auf die 
Schrift gelenkt, sie verfügt ja über eine eigen- 
tümliche Zaubermacht, die es vermag, das natür- 
liche Interesse bis zum Zeichen höchster Neu- 
gierde zu steigern, ohne Unterschied auf Alter 
und Geschlecht, auf Talent und Temperament. 
Die Praxis des Verkehrs, die Existenzen jeg- 
licher Gattung erheischen fortgesetzt ebenso- 
viel schriftliche Produkte wie die Poesie des 
Alltags, der Fortschritt und die Bildung. Zeit- 
schritten, Zeitungen und Büchern verdanken 
wir unsere geistige Fühlung mit den Errungen- 
schaften der großen Außenwelt, die Post ver- 
mittelt und erhält in mannigfacher Form inti- 
mere, persönliche Beziehungen. Kirchliche wie 
profane Bauwerke trugen von jeher Inschriften, 
und zahllos müssen uns die Firmenschilder, 
Plakate und Orientierungen in der Moderne 
anmuten. Daraus ergeben sich nun aller- 
hand bemerkenswerte Beziehungen zwischen 
dem Schreiber, dem Leser und der Schrift, 
die zwar immer vorhanden waren, erfreu- 
licherweise jedoch in neuerer Zeit wieder 
wesentlich an Beachtung und Studium ge- 
wonnen haben. 

Um nun diesem Kapitel neuzeitlicher Be- 
strebungen einigermaßen gerecht werden zu 
können, ist es unumgänglich notwendig, sich 
retrospektiv, an Hand der Paläographie, Ent- 
stehung und Entwicklung der Schrift zu ver- 
gegenwärtigen. Wir erkennen dabei nicht 
allein die rein praktischen Werte auf dem 
Gebiete der Tradition, Forschung, Wissen- 
schaft, der Pietät und Liebe, wir gelangen 



vielmehr gleichzeitig zu einer seltsamen Kritik 
von Zeitgeist, Stil und Charakterveranlagung 
sowohl bei einzelnen Personen wie auch ganzen 
Nationalitäten. In der Folge werden wir aul 
eine Reihe von Spezialitäten verwiesen, die 
sich nach ästhetischen, technischen, geogra- 
phischen, nach praktischen, graphologischen, 
ja selbst nach hygienischen Gesichtspunkten 
zu richten haben (Auge und Sehnerven). 

Bei aller Hochachtung vor industriellen, 
maschinellen Erfindungen kann doch dem 
charakteristischsten Zeichen unseres Zeitalters 
ein schwerer Vorwurf nicht erspart bleiben, 
denn die Maschine, in diesem Falle die 
»Schreibmaschine«, hat sicherlich viel dazu 
beigetragen die Kultur und Pflege der Hand- 
Schrift zu schädigen. Es verhält sich hier ähn- 
lich, wie wir es bei der bedauerlichen Wir- 
kung des Grammophons in der Musik- und 
Gesangskunst beobachten. Der Apparat ist 
jeweils die Ursache, daß die persönliche Ver- 
anlagung, manuelle Fertigkeit, insbesondere 
aber, daß das Streben nach Vergeistigung 
des Handwerks vernachlässigt und gelähmt 
wird. 

Beim Gebrauche der Schrift wechselt unsere 
Abhängigkeit von den Schriftzeichen im Prin- 
zipe wie im Effekte, indem wir bald konsu- 
mieren, bald produzieren, letzteres leider heut- 
zutage bereits stark im Übermaße. 

Die Zahl der Analphabeten wurde zwar 
mit dem obligatorischen Schulzwange ganz 
verschwindend, aber wenige unserer Schrei- 
benden haben sich je darum bemüht, zu er- 
fahren, welche Entwicklung ihre Schrift- 
zeichen im Laufe der Jahrhunderte durch- 
machen mußten. Der offizielle Schreibunter- 
richt will auch nichts von Erziehung zu in- 
dividueller Schrift wissen und erstickt die 
originellsten Schrifttalente. 

Nach den verallgemeinerten Wahrneh- 
mungen sehen wir uns zunächst zweierlei 
gegenüber, der Handschrift und der Buch- 
schrift. Die erstere bildete jedoch nicht allein 
die Grundlage und Vorbedingung, sondern 
ersetzte letztere auch bis zur Erfindung der 
Buchdruckerpresse. 

Wir wollen aber für kurze Zeit die Feder 



Die christliche Kunst. X. 



I. März 1914. 



l62 

FERDINAND KOCKHKR 



®5^ DIE SCHRIFT ^ 



ZIERLEISTE 




TfJ 



als Schreibzeug und das Papier als Beschreib- 
stoff vergessen, und uns in der längst ent- 
schwundenen Zeit umschauen, da der Ton des 
Bodens am Euphrat und Tigris die ersten 
Schriftzeichen vermittels eines Bambusrohrs 
entgegennahm. Da kann es uns nicht abson- 
derlich überraschen, daß die hohe Entwick- 
lung geistiger Kultur und Reife Indiens das 
natürlichste, das Palmblatt, speziell in Hinter- 
indien schon früh benutzte, um Gedanken 
und Wissen mit dem Metallgritiel zu fixieren. 
Die Buchform dieser Blätter in Streifen von 
je etwa 3 cm Breite und 30 cm Länge ist 
sicherlich sehr originell. Zwei kreisrunde 
Löcher in einigem Abstände sind dazu be- 
stimmt, das Ganze mit einer Schnur zusammen- 
zuhalten, und die längeren Enden derselben 
wurden ringsherum gewickelt. Die Schrift- 
zeichen wie die fortlaufenden Zeilen in hori- 
zontaler Richtung sind ausnehmend anmutig 
und mit gleichmäßiger Sorgfalt geritzt. 

Wenden wir uns weiter nach Westen, nach 
Ägypten, so finden wir mit dem Papyrus- 
strauch bereits den Vorläufer unseres eigenen 
Beschreibstoffes. Die Schrift trug den Namen 
Hieroglyphen und verdankte ihre Entstehung 
einer Art Pinsel, die aus ausgefaserten Stengeln 
bestanden. Dieses geschmeidige Material ver- 
mochte naturgemäß am leichtesten die pflanz- 
liche Struktur zu überwinden; 
charakteristisch sind beispiels- 
weise die uns erhaltenen Tüten- 
briefe. 

Weit zurück datiert die Pa- 
pierfabrikation von China und 
Japan, auch auf Korea entstand 
ein dünnes Seidenpapier, das 
mittels der Schreibpinsel be- 
schriftet wurde. Dekorativ 
wirksam, man möchte wohl 
sagen, ganz modern, mutet 
uns heute ein Codex Tibeta- 
nus an ; der Grund schwarz, 
die Buchstaben silberweiß un- 
terbrochen von goldgelb. 
Dünnseschälte Baumrinde hat 




VIGN'ETTE VOM lERDlNAKD NOCKHER 



zur Aufnahme der mongolischen Handschrift 
Verwendung gefunden ; bei einer Höhe von 
etwa 17 cm zu 22 cm Breite sind wir erstaunt, 
ein Buch in derbem Holzdeckel aus einem 
Streifen zu finden, der in gleichmäßigen Ab- 
ständen gefaltet wurde. Eine sehr ernste ein- 
drucksvolle Prägung erhielt das Sanskrit, weiß 
ausgesparte Schrift in schwarzem Grund auf ge- 
wobenem Zeug, das ursprünglich fälschlicher- 
weise auch für Papier gehalten wurde. Für 
die Schiefertafel weist die Paläographie einen 
Urahnen in Slam auf, wo ein kreidestift- 
ähnliches Werkzeug auf Speckstein Verwen- 
dung gefunden hat. Die Heimat der Feder 
ist Nord- und Westafrika, auch in Westasien 
wurde Rohr geschnitten und damit Kalli- 
graphie geübt. Wem die Priorität der Schreib- 
kunst im Abendlande gebührt, ist wohl eine 
ebenso strittige wie müßige Frage. Jeden- 
falls stand Griechenland an der Spitze der 
ganzen geistigen und künstlerischen Bewegung 
und können wir erkennen, daß die Römer 
die Schrift von den Griechen erhalten haben. 
Wachstafeln sind uns noch als Belege für 
die Schreibkunst des klassischen Altertums 
erhalten; es sind dünne, schwarz eingefärbte 
Schriften in einer Holzfassung. Die zier- 
lichen Schriftzeichen erscheinen im Goldgelb 
des Bienenwachses mit einem schartgespitzten 
Stäbchen graviert. Überbleib- 
sel von Runen zeugen ebenso 
von der Einfachheit des Ma- 
terials, wie von den mannig- 
faltigen Anlässen zur Mittei- 
lung und der Beharrlichkeit 
der schreibenden Gallier und 
Germanen. Einen ganz wesent- 
lichen Fortschritt repräsentiert 
dagegen die Verwendung von 
Pergament mit dem Vogelkiel 
als Schreibzeug, und wir sind 
überrascht, welche Perspekti- 
ven sich dadurch für das Mit- 
telalter bis zur Neuzeit und 
der Erfindung der Stahlfedern 
eröffnen. 



1 



FAMILTENANZEIGEN UND SIGNETS VON FERDINAND NOCKHER 163 




KCKST- UXD HAKDEl.S. 
IIRLCKEREI WITTELSBACH 




KÜNSTLER-BILDERBÜCHER 




SCHLLE FÜR BUCHSCHMLXK 




GEMZSCH & HEYSE 




IST 

VERLAGSSIGNIiT 




GENZSCH S; HEYSE 




VERSCHUNERUKGS- 
VEREIM PÜLLACH 





HOCHZEITSANZEIGE GENZSCH & HEYSE 



VERLOBLNGSAXZEIGE GENZSCH & HEYSE 








SCHLUSSTUCK AUS LICHT UND SCHATTEN 



164 




Cin^uchvon 
TJlätfnldpf!Fuss 




BUCHMARKEN VON FERDINAND NOCKHER 





'*''^m^ß^' 



im} 



^ DIE SCHRIFT ^S9 



i6s 



Die Entstehung unseres Alphabetes verweist 
uns unmittelbar auf antike Architektur, und 
nachdem die Römer die griechischen Zeichen 
für ihre Sprachlaute umgebildet hatten, be- 
gegnen wir den charakteristischen Formen 
der sogenannten Lateinschrift auf Tempeln, 
Triumphbögen und in der Epigraphik. Es 
lassen sich dann weiterhin fünf Perioden kenn- 
zeichnen, die wir unschwer in fünf Gruppen 
teilen können, beginnend mit den Schriften 
der römischen Zeit, denen die National- 
schriften folgten; mit der karolingischen 
Minuskel schritt die Entwicklung weiter zur 
gotischen Minuskel, bis schließlich die soge- 
nannte humanistische und die moderne 
gotische Schrift (Fraktur) uns täglich be- 



ammer und Meißel haben das 
lineare Gefüge der aus den 
Handschritten auf Papyrus 
hervorgegangenen, der Farb- 
schrift nachgebildeten Kapi- 
talschrift ■) in der römischen 
Epoche für Inschriften be- 
dingt, und ihr wurde die 
Handschrift auch als Kapital- 
schrift nachgebildet. Wie durch zwei Pa- 
rallellinien begrenzt, in gleicher Höhe er- 
scheint die capitalis quadrata, während die 
capitalis rustica im ganzen einen schwungvol- 
leren Charakter zeigt; sie formt die einzelnen 
Buchstaben mehr hoch als breit und die je- 
weiligen Striche leicht gebogen. Die beiden 
Arten der Kapitalschrift fanden Verwendung 
für sorgfältig geschriebene Bücher, doch er- 
freute sich die rustica sichtlich einer Bevor- 
zugung. Eine römische Inschrift auf einer 
Stele von Tuifstein am Forum Romanum 
wird bis ins 6. oder 5. Jahrhundert vor Chri- 
stus zurückdatiert; auf Münzen aus dem 4. 
oder 3. Jahrhundert vor Christus findet sich 
gleichfalls häutig Kapitalschrift. (Abb. S. 166.) 
In der älteren römischen Kursive (Bezeich- 
nung nach ihrer Form) lernen wir eine 
Schrift kennen, die dem geschäftlichen Verkehr 
diente. Sowohl Wandkritzeleien wie Wachs- 



Oim OerSiirbprpi 





ponQlu^uft^pu^ 



Fcrd. Nockher 



Der Tor und der Tod 



tafeln und Papyrus- 



geben 



fragmente 
uns Aufschluß über 
Kaufakte, Quittun- 
gen und briefliche 
Mitteilungen. Diese 
Geschäfts- oder\'ul- 
gärschrift hatte in 

') Die allbekann- 
ten großen lateinischen 
Buchstaben. 




FERDINAKD NOCKHER 



der älteren Zeit eine andere Gestaltung wie 
im 5. und 6. Jahrhundert. Bezeichnend für 
die früheste römische Kursive ist der Majus- 
kelcharakter bei ungleicher Höhe der Buch- 
staben; nächst der Flüchtigkeit der Darstel- 
lung findet sich auch ein Abkürzungsver- 
tahren, die sogenannten Ligaturen, womit die 
Verschmelzung mehrerer Buchstaben zu einem 
Zeichen am Ende der Zeilen gemeint ist. Als 
Beispiele seien Papyrusfragmente aus Hercula- 
num etwa zv^-ischen 31 vor und 79 nach 
Christus genannt, mit einem Gedicht auf die 
Schlacht von Actium. Auch Wachstafeln aus 
Pompeji, die perscriptiones, sind typische Er- 
scheinungen und beurkunden in Buchform, 
aus drei zusammengelegten Holztafeln, die 
Eintragungen über geleistete Zahlungen. In 
vereinzelten Exemplaren fanden sich Metall- 
platten, die als rö- 
mische Militärab- 
schiede l'ür Solda- 
ten zu betrachten 
sind (tabula honesta 
missionis), datiert 
aus dem Jahre 94 
nach Christus, \'ete- 
ranendiplome und 
Erlasse des Kaisers 
VIGNETTE Domitian. 






^4t>' 



i66 



^ DIE SCHRIFT S^ 



Eine freiere Bewegung 
eriiielt die Hand durch 
den Gebrauch der Feder 
mit der Unzialschrift, die 
unter dem Einfluß der 
älteren Kursive aus der 
Kapitalschrift entstand 
und eine größere Run- 
dung der Buciistaben 
brachte. Die Kapitale 
blieb, zumal aus tech- 
nischen Rücksichten, für 
die Inschriften, während 
die Unziale die Schrift 
der Codices wurde. Die 
erste Ausbildung fällt ins 
3. und 4. Jahrhundert 
und bis ins 9. hat sich 
dieser Typus als lebens- 
kräftig erwiesen. 

Eine weitere bedeu- 
tungsvolle Stufe erken- 
nen wir in der jüngeren römischen Kursiv- 
schrift, der wir die Nationalschrilten sowie 
die karolingische Minuskel verdanken. Ihre 
allmähliche Entwicklung vollzog sich im \'er- 







B.ib\loiiisclics Keilschriftstück, c.i. 2000 vor Christus 

(natürliche Größe) 

Atts (fem Schriftmuseulli von Heintze df Btanckertz^ Berlin 

Text S. 162 



angelangt. Nach dem 
Untergange des römi- 
schen Reiches fanden 
die einzelnen römischen 
Schriftarten in den Län- 
dern Westeuropas ihre 
\'erwendung, naturge- 
mäß in der jeweiligen 
Prägung nationaler Ei- 
gentümlichkeiten. 

In Irland ist der Be- 
ginn der Schrift mit der 
Einführung des Christen- 
tums vermutlich in das 
5. oder 6. Jahrhundert 
zu verlegen. Mit der 
Ansiedelung irischer Mis- 
sionäre auf dem Festlan- 
de kam auch ihre Schrift 
zur Verbreitung. Die 
Klöster, als Mittelpunkte 



lauf des 



und 



Jahrhunderts und ihre 
Buchstaben ergaben weiterhin die Grund- 
formen unserer heutigen Druck- und Kursiv- 
schrift. Als charakteristische Merkmale sei 
das Flüchtige, Abgerundete der Schriftzüge 
erwähnt, insbesondere aber die Konsequenz 
in der Durchführung von kurzen und langen 
Buchstaben. Hier setzt auch das Minuskel- 
Alphabet zum ersten Male ein. 

Noch emen Schritt weiter tührt uns die 
Halbunziale, die auf römischer Kursive be- 
ruhte, und kalligraphisch mit schönen, festen, 
wohlproportionierten Formen die Buchstaben 
durchbildete, sie ist Minuskel, im Gegensatz 
zur Unziale, die wir als 
Majuskelschrift kennen 
lernten. Von der Kur- 
sive beeinflußt, ent- 
sprechen die Buchsta- 
ben der Unziale denen 
der Kapitale. Genannt 
sei, dem 5. Jahrhundert 
zugeschrieben, eine Bi- 
belübersetzung der so- 
genannten Itala in 
Unziale. (S. 167.) 

Damit hätten wir 
den Abschluß der 
spezifisch römi- 
schen Zeit erreicht 
und wären bei den 
Nationalschriften 



den \'^ord ergrund 



MA ATpT-oV 6Tnep oy 
TTÄisr-rb eNMA./<eA\UJTnu 
AOVAi6NON- 

Griechische Schnü auf Papyrus 

Aus »Das Sckri/tmiiseuiU' t Verlag Heintze u. Blanckcrtz, Berlin 
Text S. 162 



Mt\i N ff 1 1 X-0-5 E M H .VO Vi 5-r \ 

Lateinische Kapit.ilschrift 

Aus »Das SJiri/tmuseum« , Verlaz Heintze &f Blanckcrtz, Berlin 

Text S löj 



geistiger wie künstleri- 
scher Kultur, wurden zur Pflegestätte und 
zum Stapelplatze von Handschriiten und Ko- 
pien, so in St. Gallen in der Schweiz, in 
Würzburg, sowie in Boblio bei Piazenza. 
Bei den Mönchen dieses Klosters finden wir 
auch die Palimpseste oder Codices rescripti, 
die aus Mangel an Schreibmaterial zweimal 
beschriebenen Pergamentblätter, auf denen 
die erste Beschrikung ausradiert worden 
war. Von den Missionaren, die im 7. und 
8. Jahrhundert England verließen und auf 
dem Kontinente Ansiedlungen begründeten, 
treten der hl. Willibrord und der hl. Boni- 
fatius besonders hervor, ganz speziell auch 
durch ihre Klosterschreibschule in Fulda, 

Am Ende des 8. Jahrhunderts gelangt die 
karolingische, auch fränkische Minuskel in 
mit ihr werden wir an die 
Pflege der Kunst sowie 
des religiösen Lebens 
unter Karl dem Großen 
und seine Hofschule in 
Aachen erinnert. Als 
vulgäre, merowingische 
setzte die Bewegung ein 
und ergab eine neue 
Minuskel, in der Fort- 
setzung unsere heutige 
Lateinschritt. 

Um die Mitte des 
12. Jahrhunderts 
wurde die karolin- 
gische Minuskel die 
herrschende Schrift 
im ganzen Abend- 
lande. Inzwischen 



DIE SCHRIFT 



167 



ocDNiiucnuiuoRa 
Tiacr> exisizxbeL 



Ans " Da s Seh ri/tni 11 s eu «/ ■ 



S 



5 eo-Sci- 



gewann auch die 
Buchkunst in den 
Codices eine Reihe 
von künstlerischen 
Formen und techni- 
schen Ausdrucksmit- 
teln. 

Aus den mannig- 
faltigen dekorativen 

Elementen sei wenigstens eine Spezialität 
hervorgehoben, die Purpurhandschrift. An 
Exemplaren aus dem 9. Jahrhundert können 
wir ersehen, wie das Pergament mit Purpur 
gefärbt einen grauvioletten, kräftigen Ton er- 
hielt, während das 
einzelne Blatt ge- 
gen das Licht ge- 
halten, von köst- 
lichem Rot erfüllt 
ist. Die Beschrif- 
tung, z. B. die 
vier Evangelien, 
steht darauf sehr 
vornehm in Sil- 
ber mit Unterbre- 
chungen in Gold. 

Als der Spitz- 
bogen der Gotik 
in der Baukunst 
den Rundbogen 
ablöste, da voll- 
zog sich auch im 
Schriftwesen all- 
gemach, fast un- 
bemerkt ein Wan- 
del. An Stelle 
der runden, brei- 
ten Buchstaben- 
formen der karo- 
lingischen Minus- 
kel, erfreute sich 
die gotische Mi- 
nuskel allmählich 
einer Bevorzu- 
gung mit ihren 
geraden Strichen, 
spitzen Winkeln 
und scharfen Ek- 
ken. Auch hier 
machte sich das 



Unzialsclirifl 

, Ve7-iag Heintze <3r Blajickertz, Berlin 

Text S. 166 









I 



DIX 




D I L I C^l t M e I 




is3i5 r-"Tis ii fcii2ii ■■■>., liisE ii 



:^i^^-i^-->- 



..uyj!. 



STAATSBIBL. MCNCHEN', COD. LAT. 4452. PERIKOPENBUCH HEIN'RICHS II 
1014 AN DIE GEORGSKIRCHE IN BAMBERG GESCHENKT 



wir Proben fortlau- 
fender Schrift, die 
dem Schreiber das 
Absetzen der Feder 
ersparte. (S. 170-17 2.) 
Zwei Gruppen 
vonSchriftgattungen 
sind uns schließlich 
vom 15. Jahrhundert 
ab geblieben, unsere heutige sogenannte Anti- 
qua, die humanistische Schrift, die den Werken 
der lateinischen Schriitsteller entstammt und 
von den Paläographen »Renaissance-Schrift« 
betitelt wurde; und zweitens die gotische 

Minuskel, die von 
den Buchdruckern 
den Namen -Frak- 
tur« erhielt. Die 
Kopie der run- 
den, karolingi- 
schen Minuskel 

verdrängte in 
Frankreich Mitte 
des 16. Jahrhun- 
derts die anderen 
Druckschriften, 
während wir in 
Deutschland mit 
der gotischen Mi- 
nuskel gewisser- 
maßen eine natio- 
nale Ausbildung 
vorgenommen ha- 
ben. Wer sich 
einigermaßen in 
die Formen un- 
serer Fraktur zu 
vertiefen vermag, 
der wird auch zu- 
gestehen, daß hie- 
rin Geist, Poesie 
und Beschaulich- 
keit von germa- 
nischem Geiste 
ausgeprägt liegt, 
während die La- 
teinschrift uns re- 



CUNor 

Hanne 

|lL LO 

,PORe 



CIPV 
SUIS- 



au IS 



Aufstreben in die Höhe 
gegenüber der Breite geltend. Die Grund- 
und Haarstriche erhielten stärkere Betonung, 
die Zwischenräume wurden kleiner und die 
Verbindung enger. Eine prinzipielle Art der 
Trennung zwischen Kursive und Bücherschrift 
fällt uns bei der gotischen Minuskel beson- 
ders auf, auch der Ansatz und Schlußstrich 
bei den flüchtigen Schriftzügen. So sehen 



prasentativ, reser- 
viert erscheint. 
Und trotzdem hat sich neuerdings eine Partei 
gebildet, die bezweckt, uns unserer typischen 
Art in der Schrift zu berauben. 

Besehen wir uns die Frage vom ästheti- 
schen Standpunkt aus, so werden wir kaum 
verkennen, daß wir mit derVerallgemeinerung 
der Lateinschril't einen Verlust erleiden wür- 
den. Zum Beweise dessen sei die Betrachtung 
von Werken echter deutscher Buchdrucker- 



i6S 



DIE SCHRIFT 



I NCIPIT^ 

e U/i NGeLu 

SeC UN DU 
MARCUa^ 




SICUT 

scRinü 

[ST luiSMX 
^X— (CC'£ MITTO AK(;£LV 

Am (|ui pp.u:iurr via 



STAATSBIBL. MÜN'CHEN, COD. lAT. 6204. EVAKGEUAR AUS 
FREISING, II. JAHRHUNDERT 

kunst aus ihrer Blütezeit im Geiste Guten- 
bergs emptolilen. Es ist, als ob die voraus- 
gegangenen Jahrhunderte mit ihrer Summe 
an Arbeit, Mühen, Schulung und Ehr- 
geiz ihre Bekrönung in der Handpresse 
finden sollten. Prüfen wir die Bibel- 
drucke, die aus Gutenbergs Offizin selbst 
hervorgegangen sind, die ihren köstli- 
chen, künstlerischen Gehalt dem edlen 



Schnitt der Type, dem feinsinnigen Satzarran- 
gement und Verwendung eines kernigen, sta- 
bilen Materials m Papier und Einband ver- 
danken. Alles mutet uns an diesen typo- 
graphischen Meisterwerken so selbstverständ- 
lich und natürlich, so ursprünglich und doch 
so stilvoll an. Die Einzeltormen wohlpropor- 
tioniert wie die Verteilung der Massen, in 
der richtigen Abwägung von Schwarz und 
Weiß, übersichtlich und klar trotz der lücken- 
losen Geschlossenheit. Ein wahrer Hochge- 
nuß für jeden Bibliophilen. Auch in dem 
Gebetbuche Kaiser Maximilians mit den Rand- 
zeichnungen von Dürer tritt die Schrift in 
ihrer vornehmen und doch so poetischen 
Haltung uns traut und unserem Wesen ver- 



wandt entgegen. 



gleicht einer 



Der Glanzperiode war leider keine lange 
Dauer beschieden; aus dem Standesbewußt- 
sein der Druckerzunft schied verhältnismäßig 
bald der künstlerische Geist des Handwerks, 
und der spekulative Sinn des Gewerbes trat 
nüchtern an seine Stelle. Mit der Sucht 
nach quantitativer Produktion kamen auch 
die unvermeidlichen Begleiterscheinungen der 
Billigkeit und sie brachten zwar technisch 
geistvolle Erfindungen für Typenherstellung, 
Schnelldruck, Verfeinerungen in der Papier- 
bereitung und deren \'erarbeitung, aber leider 
auch eine Verschlechterung der Schrifterzeug- 
nisse und zahllose Verstöße gegen den guten 
Geschmack. Insbesondere die letzte Hälfte 
des vergangenen Jahrhunderts 
vollkommenen Verödung. 

Es bedurfte eines gründlichen Umschwun- 
ges, als es galt, der entgleisten Typographie 
wieder zum alten Ansehen zu verhelfen ; doch 
hat unsere Gegenwart nicht vergeblich dar- 
nach gerungen und keine Opfer gescheut. 
Bevor wir unser Augenmerk diesem erfreu- 
lichen Neulande zuwenden, wollen wir zu- 
nächst noch der Fabrikation des Schriftma- 
terials und seiner Behandlung im Druck, 
einige Aufmerksamkeit schenken. 

Die Herstellung der Typen ist Aufgabe der 
Schriftgießereien, deren wir in Deutschland 
allein zurzeit annähernd 50 besitzen. Einge- 
richtet mit hochvollkommenen Präzisions- 
maschinen für die Bearbeitung von Metall- 
und Formgießerei, erwerben die einzelnen 
Firmen die ihnen zusagenden Entwürfe für 
Alphabete, Initialen, Zierleisten, Embleme usw. 



iA 






SOG. GEBETBUCH DER HL. HILDEGARD (STAATSBIBL, MÜNCHEN, COD. 
LAT. 955) MITTELRHEIXISCH, ij.- 1 5. JAHRHUNDERT 



DIE SCHRIFT 



169 



omiHv^fte'gJ^. 




5tfM.?^^ti|Unudn?»c: 



roUocauitJBttjei*A^_ 
itftdumt^ dttctturtnc/mttmÄttt we 



am (mmerflr,i)Qlct!imr itte ü^ ct* fcntt 



COD. LAT. 5900, 



STAATSBIBL. MÜNCHEN. PSALTERIU.M AL'S AUGSBURG 
II. HÄLFTE DES 15. lAHRHUNDERTS 



Bei der Auswahl dieser Originalzeichnungen 
entscheiden teils ästhetische Geschmacks- 
fragen, teils rein praktische und technische 
Gesichtspunkte. Unter die praktischen ist in 
erster Linie auch die des mutmaßlichen ge- 
schäftlichen Umsatzes zu rechnen, der ange- 
sichts des enorm gesteigerten Angebots schwer 
zu kämpfen hat. Die Erscheinung einer neuen 
Type ist mit ganz beträchtlichen Geldopfern 
verknüpft und beginnt schon mit dem ersten 
Stadium, dem Stempelschnitt, da jede Type 
des Alphabets in Versalien wie in Minuskeln, 
zuerst in Messing hergestellt werden muß. 
Dazu kommt noch, daß sich die Fabrikation 
nicht mit einer Größe begnügen kann; es 
werden vielmehr eine ganze Reihe von unter- 
schiedlichen, sogenannten Graden benötigt, 
sehr häufig auch in zweierlei Stärke, in 
magerer und fetter Form. Die Gußform der 
Drucktype hat hinsichtlich der praktischen 
Verwendbarkeit gar verschiedenerlei zu be- 
achten. In erster Linie muß der Buchstabe 
durchaus klar und bestimmt herauskommen, 
mit scharf ausgeprägten Rändern. Dann soll 
er auf einem Sockel erhaben aufsitzen, der 
es ermöglicht, vom Setzer bequem und rasch 
erfaßt, und für den Druck in eine Rahme 
gepreßt zu werden. Der Sockel enthält an 
der einen Seite eine sichtbare Einbuchtung, 
die dem Setzer die Kontrolle über die rich- 
tige Stellung seines Satzes erleichtert, auf 
daß nicht schließlich ein Teil der Typen aut 
den Kopf zu stehen kommt. Nach mancherlei 
Abweichungen hat man sich allmählich auch 
zu einer Xormalhöhe innerhalb der Gießereien 
geeinigt, wodurch viel Unbequemlichkeit und 
Schwierigkeiten aus der Welt geschafft werden. 
Die meisten Gießereien sind auch mit den 



Einrichtungen für Galvanoplastik 
versehen, die es ermöglichen, 
jA- durch einen Metallniederschlag ein 

^ Zink- oder Kupferklischee beliebig 

zu vervielfältigen. Von den Schrift- 
gießereien erhalten die Drucker 
ihr Typenmaterial, das seinen 
Platz im Setzerkasten findet. Der- 
selbe enthält eine Anzahl von 
Schubladen, wovon eine jede wie- 
derum eingeteilt ist in eine Menge 
von kleinen Fächern. In der Regel 
umfaßt je eine Schublade einen 
bestimmten Schriftgrad in Versa- 
lien, Minuskeln oder Gemeinen, 
nebst den dazu gehörigen Inter- 
punktionen und Spatien. Die letz- 
teren spielen im Typensatz eine 
große Rolle, es sind kleine Metall- 
plättchen von unterschiedlicher 
Stärke und dazu bestimmt, den Abstand von 
einem Buchstaben zum andern zu regeln. 

Der Setzer nimmt das Manuskript mit dem 
gewünschten Texte als Vorlage und wählt 




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STAATSBIBL. MÜNCHEN, COD. GERM. 5 
WELTCHRONIK R. VON EMS, 14. J 'VHRHUNDERT 



Die christliche Kunst. X. 



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^3 DIE SCHRIFT eSKS 




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GOTISCHE PERGAMEXTSCHRIFT 



.JAUCHZET GOTT LNSERM HELFER- 



Alts: Pateogntphical Society, Lotidojt tgog 



die Schublade seines Kastens, die den ver- 
langten Tvpencharakter in der entsprechenden 
Größe enthält. Jeder Schriftgrad hat seine 
Bezeichnung wie Perl (kleinstes Format), 
Corpus, Cicero usf. Das Maß einzelner Ent- 
fernungen innerhalb der Zeilen, Ränder und 
Zwischenräume wird mit Vorliebe nach 
Konkordanzen bestimmt, gleichfalls eine 
Metallzwischenlage von normaler Stärke. 
Behufs freien Hantierens beim Reihen der 
Typen bedient sich der Setzer des Winkel- 
hakens, einer rechtwinkligen Leiste aus Me- 
tall, die durch einen Mechanismus mittels 
Schieber enger oder weiter eingestellt werden 
kann. In der Linken den Winkelhaken, 
greift der Setzer mit der Rechten in die ein- 
zelnen Vorräte seines Kastens, entsprechend 
längerer Praxis mit erstaunlicher Raschheit 
und großer Sicherheit. Die Anordnung der 
Buchstaben in den Setzkästen geschieht nach 
einheitlichem System, so daß beim Wechsel 
der Offizin die Arbeit des Neulings keine 
zeitraubende Störung erfährt. So entsteht 
Zeile um Zeile im Winkelhaken; ist derselbe 
mit mehreren Reihen gefüllt, so wird der 
vorhandene Satz mit Wasser besprengt, da- 
mit er nicht so leicht auseinanderfällt und 
mit einer Schnur umwunden. Je nach Um- 
fang und Zweck des Textes muß früher oder 



später ein Probeabzug auf einer einfachen 
Flandpresse mit Hebelvorrichtung gefertigt und 
danach die Korrektur gelesen werden Früher 
erfolgte dieser Probeabzug auf primitivere 
Art, indem ein Blatt Papier auf die einge- 
schwärzten Typen gelegt wurde, und dann 
ein notdürftiger Abklatsch durch Reiben mit 
einer Bürste zustande kam; daher noch heute 
die Bezeichnung Bürstenabzug. Der Korrektor 
einer großen Othzin hat einen anstrengenden 
und verantwortungsreichen Posten, und dar- 
um kommt es auch nicht selten vor, daß 
ihm der »Druckfehlerteufel« einen bösen 
Schabernack spielt, eine dankbare Fundgrube 
für die Witzblätter. Natürlich finden sich 
auch in der Setzerei verschiedene Speziali- 
täten, entsprechend den mancherlei Gattungen 
von Drucksachen, wobei wir den sogenannten 
Akzidenzdruck noch besonders erwähnen 
wollen. Dahin gehören alle jene Gelegen- 
heitserzeugnisse, wie sie der momentane 
Bedarf erfordert, als da sind: Familienan- 
zeigen, Reklameausstattungen, Broschüren, 
Briefköpfe, Inserate für privaten und geschäft- 
lichen Bedarf usw. usw. 

In den modernen, insbesondere in den Groß- 
betrieben ist Satz und Druck, sowohl räum- 
lich wie auch im Personal getrennt. Nur 
ganz kleine Geschäfte mit unzulänglichen Auf- 



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STAATSBIBLIOTHEK MÜNCHEN; HANDSCHRIFT. COD. LAl. 4501. TSALIHRIUM AUS ST. ULRICH 

IN AUGSBURG, 1495 



^'72 



^3 DIE SCHRIFT ^ 



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AUS DEM SELLHNGAKTLEIN'. IIOFBIBLIOTHEK IX' WIEN, HANDSCHRIFT, COD. 2706 
GESCHRIEBEN ZWISCHEN 1J17 UND 1525. NIEDERLÄNDISCHE BUCHMALEREI 



trägen behelfen sich mit dem > Schweizer- 
degen« (die Etymologie der Bezeichnung 
wird sehr verschieden gedeutet), einem Manne, 
der die Funktion des Setzers und Druckers 
in einer Person zu vereinigen vermng. Auch 
für den Setzer hat sich neuerdings bereits 
bis zu einem gewissen Grad ein Ersatz ge- 
funden in der modernen Setzmaschine. Nach- 
dem uns die Poesie der Handpresse nur noch 
in der Erinnerung lebendig bleiben durfte, 



wandert derzeit der, 
in eiserne Rahmen ge- 
schlossene Typensatz 
in Schnellpressen, wo 
er in etwa 1400 Exem- 
plaren pro Stunde ab- 
gequetscht wird. \'iel 
größer ist natürlich 
die Leistungsfähigkeit 
der Rotationsmaschi- 
nen fürZeitungsdruck, 
die den einzelnen Bo- 
gen auf fortlaufenden 
Streifen drucken, be- 
schneiden und falzen. 
Auch der verdienst- 
vollen Stereotypie sei 
noch gedacht, die es 
uns ermöglicht, einer- 
seits das Typenmate- 
rial sehr zu schonen, 
anderseits ein und den- 
selbenText zu gleicher 
Zeit auf mehrere Ma- 
schinen zum Drucke 
zu verteilen. Von 
dem fertigen Typen- 
satz wird zunächst in 
eine Art Papiermachi§ 
ein Abdruck angefer- 
tigt, der eine Negativ- 
form, die Matrize, er- 
gibt. Diese füllt der 
Stereotypeur mit flüs- 
sigem Zink oder Blei 
und gewinnt daraus 
ein Positiv, die Mater, 
einen Ersatz für das 
Original. 

\'on Originalhand- 
schriften oder Schrift- 
zeichnungen erhalten 
wir die besten Repro- 
duktionen auf demWe- 
ge des photomecha- 
nischen Verfahrens 
mittels eines Zinkkli- 
schees (siehe Abhand- 
lung im Pionier, i. Jahrgang, 2. Heft). 

Welche Bedeutung und Pflege die moderne 
Schriftkultur unserer Tage erfreulicherweise 
seit einigen Jahren wiedererlangte, ersehen 
•wir mit stolzer Genugtuung aus den eifrigen 
Bestrebungen unserer typographischen Ver- 
einigungen, den Lehrplänen künstlerischer 
Bildungsstätten, der Kunstgewerbe- und Fach- 
schulen. Die Mitarbeiterschaft erstklassiger 
Buchkünstler förderte die Hauptsache, vor- 



DIE SCHRIFT 



173 



trefFliche Leistungen, muster- 
gültige Publikationen in der 
Praxis und auf allerhand re- 
formatorischen Ausstellun- 
gen. Auch diesmal kam 
mit dem Ansporn zur jüng- 
sten kunstgewerblichen Be- 
wegung die Anregung von 
England. William Morris 
zeigte uns vorbildlich, wo 
den Hebel bei der vernach- 
lässigten Schrift angesetzt 
werden müsse in Gestalt 
seiner eigensten Schöpfun- 
gen, und zwar sowohl in 
geschriebenen wie in ge- 
druckten Blättern. Strange, 
Day und Edward Johnston 
verfolgten gleichfalls gesun- 
de Prinzipien, auf Grund 
der Errungenschaften aber 
Schreibmeister und den Er- 
gebnissen der Paläographie. 
Bei uns in Deutschland gebührt Otto Eck- 
mann ein hervorragendes Verdienst für seine 
einschlägigen Bestrebungen. Sein Prinzip, die 
Eckmanntype, stellt eine konsequent durch- 
geführte Vereinigung von Antiqua und Fraktur 
dar, und fand seinerzeit ob ihrer originellen, 
dekorativen Wirkung rasch Aufnahme und 
Verbreitung. Insbesondere für Propaganda- 
zwecke, Titelblätter, Überschriften und ähn- 
liches hatte sie sich bewährt und bis heute 
erhalten, bei Herstellung ganzer Bücher war 
ihr jedoch der Bastardcharakter von jeher 
hinderlich. Etwas später schuf Peter Behrens 
seine vornehme Drucktype auf der Basis der 
Antiqua, die wieder einen wesentlichen Schritt 
nach vorwärts bedeutet und auch jetzt noch 
eine wirkliche Bereicherung unseres Schriit- 

schatzes darstellt. 



abrdefflbijKlmnajiqrötuii 

<Dattörtie6clnWraircln*fipilfl^fömTtrtim 

aihTJfT utdötimrae Irilit dir Sdmfr 
demötummmiöeclanKm.diml) clrr 
Jabrlmndntr ötrom trägt ilm tim 
redmrieölött: ödiiUrr 

SI.IIRIFTRKISPIEL .'VUS .DIE SCHRIFT IM HANDWERK. VON PROF. BORNEMANX U\D 
P. HAMPEL, VEFTLAG HEINTZE & BLANCKERTZ, BERLIN 



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aj Rohrfeder des 1 J, Jahrhunderts 
ij Vogelkiel des 17, Jahrhunderts 
cj Ly-Feder von Heinuc & Blanckerl?, 
Berlin 



Eckmanntype: 

„Das fllfe stürzt, es 
ändert sidi die Zeit, 
und neues Leben 
blühtaufdenRuinen." 

Behrenstvpe: 

"Das nite ftürzt, es 
änbert fidl Me 3eit, 
unö neues Ceben 
blüht auf ben Rui= 
nen." 

Rudolf Blanckertz 
hat die alten Werk- 
zeuge und Materia- 
lien für die Schrift in 



seinem Museum in Berlin zusammengebracht 
und dann kopiert. Rudolph von Larisch in 
Wien, der sich mit voller Hingebung der Ver- 
edlung und Neubelebung des Schriftwesens 
widmete, bekam für seine Versuche solche 
Schreibgeräte. Die der neuzeitlichen Schrift- 
bewegung dienenden Werkzeuge sind in eng- 
stem freundschaftlichem Zusammenarbeiten 
zwischen R. Blanckertz, R. von Larisch, Lud- 
wig Sutterlin und anderen Lehrern und Künst- 
lern entstanden. Auch die Schriftkurse F. H. 
Ehmckes in München erfreuen sich großer 
Wertschätzung. So sehen wir alsbald in 
Deutschland die beiden Tendenzen: eine 
ernste, strenge, fast schulmeisterliche Eng- 
lands in Verschmelzung mit einer freien, 
heiteren Österreichs; weiterhin läßt sich er- 
warten, daß auch diesmal die Verwertung 
der Grundprinzipien zu Schriften nationalen 
Charakters führen wird, wie ehemals nach 
der römischen Zeit. 

Eine kurze Erörterung einzelner Schreib- 
zeuge dürfte auch an dieser Stelle erwünscht 
sein, sollen doch dieselben nicht allein den 
Fachmann, den Schriftzeichner fördern. Es 
scheint vielmehr, als ob jeder Laie ein ge- 
wisses Interesse, und zum Teil auch eine 
schlummernde Begabung habe, die ihn in 
die Lage setzen, seiner Handschrift jenes in- 
dividuelle Gepräge nachträglich zu verleihen, 
das ihm durch die Manier seines Schreib- 
lehrers versagt bleiben mußte. 

Ein einfaches, rundes, weiches Holz, etwa 
in der Stärke eines dünnen Bleistiftes mit 
einer mäßigen Spitze möge den Beginn der 



174 



^S DIE SCHRIFT ^3 



Versuche eröffnen; als Papier empfiehlt sich 
das eng, meist hiau Icarrierte. Nachdem die 
Holzspitze in Tinte getaucht, etwas angesaugt 
hat, versuche man unter Benützung der qua- 
dratischen Hilfslinien den Charakter der An- 
tiqua-Typen ohne Bleistiftvor- 
zeichnung in fortlaufendem 
Text. Dabei möge beachtet 
werden, daß sowohl die einzel- 
nen Buchstaben in gewisser Re- 
gelmäßigkeit gelingen, senk- 
recht in mäßigem Abstand, als 
auch, daß das ganze Schriftbild 
eine gewisse Gliederung erfahre. 
Dies ist leicht zu erreichen, 
wenn derselbe Strich der Linie- 
rung genau zum Beginn, und 
ebenso ein und derselbe am 
Schlüsse jeder Zeile benützt 
wird. Einen erhöhten Reiz er- 
halten diese Übungen jeweils 
dann, wenn sie nach Erlangung 
einiger Fertigkeit, z. B. zur Er- 
ledigung von Privatkorrespon- 
denzen, bei Tagebuchaufzeich- 
nungen und ähnlichen Anlässen benützt wer- 
den. Vollere, rundere, dekorativ wirksamere 
Formen als der Holzstift gibt der Quellstift 
aus Kork. Beide wurden schnell durch die 
von R. Blanckertz erdachten Redisquellstifie 
verdrängt; doch werden sie 
für Liebhaber weiterhin fa- 
briziert. Diese sowohl wie 
die Kelemi und eine Anzahl 
verschiedenartiger Schreibge- 
räte für Kunstschi ift, liefert 
fertig zum Gebrauch die 
Stahlfederfabrik Heintze & 
Blanckertz in Berlin, Spe- 
zialhaus für Herstellung ein- 
schlägiger Artikel. 

Eine einfache Methode zur 
Erzeugung von Grund- und 
Haarstrichen, mit wesentli- 
chem Unterschiede in den 
Balkenstärken, finden wir im 
Gebrauche der sogenannten 
genannter Firma. Sie ist die getreue Kopie 
der antiken Rohrfeder, aus Holz, mit einer 
Zunge aus Metall, die zum Aufenthalte für 
die Tinte oder flüssige Tusche eingerichtet 
ist. Die senkrechte Führung der breitge- 
schnittenen Spitze in Breitstellung bewirkt 
den massiven Grundstrich, die schräge Quer- 
stellung, von links unten nach rechts oben, 
mit Benützung der schmalen Schnittkante, 
den aufsteigenden Haarstrich. Auch für diese 
Schreibtechnik empfiehlt sich der Gebrauch 




VIGNETTE VON I ERD. KOCKIIER 




FERD. 
NOCKHER 



»Kelemi« oben- 



von quadratisch liniertem Papier für den 
Anfang, um mit Hilfe der Karos eine reguläre 
Struktur, gute Proportionen und ausgeglichene 
Spatien zu erzielen, die der Totalwirkung Ruhe 
und Haltung sichern. 

Aus der mannigfachen Aus- 
wahl von ähnlichen Geräten 
seien noch Spachteln aus Kork 
und verschieden gestaltete Rohr- 
federn erwähnt. Während sich 
nun die obigen Werkzeuge aus- 
gesprochen dem Charakter und 
Wesen der Antiqua-Schrift an- 
passen, wurde für die Fraktur 
und die Bandzüge der Unziale 
spezielle Typen von biegsamen 
Stahlfedern geschaffen, die unter 
dem Titel Ly- und Ato im Han- 
del erhältlich sind. Das charak- 
teristisch Notv^-endige an der 
Schnittform ist die Abschrä- 
gung der breiten Spitze, nach 
Bedarf gegen links oder rechts. 
Ein vielumstrittenes Gebiet 
bildete begreiflicherweise von 
jeher die Frage der Leserlichkeit, bei solchen, 
die lesen und jenen, die schlecht lesen können. 
Viele künstlerische Bestrebungen scheiterten 
insbesondere auch in jüngerer Zeit immer 
wieder an dieser Klippe, vorherrschend da, 
wo es sich nicht um wirk- 
lich unbegreifliche »Buch- 
stabenrätsel« handelt. Es ist 
ja selbstredend ein bedeuten- 
der Unterschied, welchem 
Zweck ein Buchstabengefüge 
dient, ob es eine wichtige 
Mitteilung, eine Belehrung, 
erläuternde Erklärung, eine 
suggestive Wirkung oder nur 
eine untergeordnete Begleit- 
erscheinung darstellt. Dem 
Inhalte, seiner Mission und 
Bedeutung muß von Fall zu 
Fall, in sachdienlicher Weise 
ebenso Rechnung getragen 
werden, wie vonseiten der Ästhetik. Wir be- 
gegneten deshalb auch bisher tagtäglich mehr 
falschen oder minderwertigen Lösungen, als 
wirklich guten oder befriedigenden ; und doch, 
wie viel hängt oft von der richtigen Wahl der 
Type und ihrer stilvollen Anwendung ab. Sie 
kann uns ebenso eine Steigerung des literari- 
schen Genusses wie eine Erschwerung, ja selbst 
eine Verekelung bereiten. Jedenfalls hat uns 
die Erfahrung hinreichend' gelehrt, daß eine 
Wiederkehr von ungezählten gleichen Detail- 
formen, wie sie uns fortgesetzt in der Druck- 



VIG 
NETTE 



^ DIE SCHRIFT €^ 



175 



Schrift begegnet, zwar eine absolut klare, 
leicht erfaßhche und schnell übersehbare Grund- 
form beibehalten muß, daß aber trotzdem 
keine Eintönigkeit, Stillstand und Verarmung 
der Gestaltung eintreten darf Im Gegenteil, 
das Auge mag sich an Schriftzeichen nie 
müde sehen, es verlangt nach einer gewissen 
Abwechslung, die es stets von neuem erfassen 
und bewundern will; man denke an die Hand- 
schrift. In dieser Hinsicht gehen auch die 
Ansichten bezüglich der gotischen Minuskel, 
der nachmaligen Fraktur und der Antiqua aus- 
einander; die Wirkung dürfte wohl individuell 
verschieden sein. 

Was die Vereinigung verschiedener Schrift- 
charaktere auf einer Seite anlangt, so ist 
jene barbarische Zeit glücklicherweise über- 
standen, da die Drucker, für einen Titel bei- 
spielsweise, nicht allein ein Dutzend ver- 
schiedener Grade, sondern fast ebensoviele 
Gattungen verwendeten. Es mutet diese 
Verirrung an wie eine Überschau über die 
vorhandenen Garnituren, in der Wirkung 
einer überladenen Musterkarte. Wenn es 
wohl im Prinzipe angängig und durchführ- 
bar ist, verschiedene Stile zu einer Ge- 
samterscheinung zusammenzubringen , so 
bleibt es doch immer eine heikle Sache, 
die den allerwenigsten in erfreulicher Weise 
gelingen will. 

Ein Gebiet selbständiger Erfin- 
dung war von jeher das Mono- 
gramm und die Unzahl schlechter 
Lösungen läßt gleichzeitig die be- 
stehenden Schwierigkeiten erken- 
nen. Die Zusammenstellung, mit- 
unter auch V'erschmelzung von zwei 
und mehreren Buchstaben führt zum Neben- 
einander-, Ineinander- und Aufeinanderstel- 
len. Schon an obigem kleinen Beispiel zeigt 
sich die unbestreitbare Bedeutung der Schrift 
für kompositionelles Empfinden und Schu- 
lung in Raumgestaltung. Es handelt sich 
dabei um ein ganz natürliches Fühlen für 
organischen Aufbau, Rhythmus und Har- 
monie in Linie, Fläche und graphischen 
Ausdruck. Dafür bieten sich allerdings auch 
eine Reihe von konstruktiven Hilfen, die 
in erster Linie in der geometrischen Grund- 
form zu suchen sind, und die sehr häufig 
mit Quadrat, Rechteck, Kreis, Ellipse, Drei- 
eck als Bestandteil der Darstellung beibe- 
halten werden. Es bleibt dann noch hinsicht- 
lich der Gleichberechtigung der verlangten 
Buchstaben, deren Gestaltung in Zusammen- 
gehörigkeit vieles zu beachten, soll das Ganze 
leserlich und doch gleichzeitig ornamental 
wirken. 





Isein weiteres, wichtiges Glied 
reizvoller Schrifterscheinun- 
gen war immer die Initiale 
zu betrachten, sie vermochte 
es zu aller Zeit, dem Typen- 
satz ein charakteristisches Ge- 
präge zu geben. Wir erken- 
nen in ihr einen hervorste- 
chenden Eckstein, dessen 
Eigenart uns schon allein mit dem Gepräge 
einer Stilperiode vertraut zu machen imstande 
ist. Es ist deshalb auch leicht ersichtlich, daß 
die ganze Freude am dekorativen Gestalten 
die alten Schreibmeister zu reicher Betätigung 
und Entfaltung ihrer Phantasie, oft im Über- 
maße begeisterte. Wir sehen da nicht selten, 
was an Linien, Figur, Pflanze, Landschaft 
menschenmöglich ist, in barocker Vielgestal- 
tigkeit versammelt, so daß auch der eindrucks- 
vollste Tvpensatz nicht mehr standzuhalten 
vermochte. Demgegenüber finden sich jedoch 
häufige Beispiele vollendeter Kompositions- 
kunst, in wundervoller Abwägung der Haupt- 
und Nebensachen, Miniaturen, die sich Meister- 
werken der Tafelmalerei ebenbürtig an die 
Seite stellen dürfen. Von ihnen hat unsere 
Moderne wieder vieles gewonnen, und wenn 
wir auch auf die köstliche Weichheit der 
alten Holzschnitte leider in unseren Of- 
fizinen verzichten müssen, so können wir 
trotzdem schon auf wertvolle Zierden unserer 
metallschweren Setzkästen verweisen. •) 

Emsige Vorbereitungen einer großzügigen 
Organisation lenken zurzeit die Aufmerk- 
samkeit aller Freunde der Buchkunst nach 
Leipzig, denn die Metropole deutschen 
Buchhandels rüstet sich zu einer internatio- 
nalen Ausstellung für Buchgewerbe und 
Graphik. In allen Kulturländern wird für 
die Idee des bedeutungsvollen Unternehmens 
mobil gemacht, und die Einladung zur Be- 
schickung wird von einem umfangreichen 
Programm begleitet, das alle wesentlichen 
Sparten der Druckerzeugung wie des Papier- 
verbrauchs berücksichtigt. Eine ganz hervor- 
ragende Stellung wird auch die Schwarz- 
Weiß-Kunst und die zeitgenössige Graphik 
einnehmen, jene beliebten künstlerischen Ge- 
biete, deren Pflege auf unserem heimischen 
Boden eine stets wachsende Bedeutung ge- 
wonnen hat. Alle Aussteller, Künstler und 
Praktiker wollen ihr Bestes einsetzen, um 
Deutschland einen bevorzugten Platz inner- 
halb des allgemeinen Wettbewerbs zu sichern. 



') Sämtliche OriginaLzeidinungen von Zierleisten, 
Vignetten, Exlibris, Monogrammen und Initialen, welche 
diesem Aufsatz beigegeben sind, stammen vom Ver- 
fasser desselben, Herrn Kunstmaler F. N'ockher. d. Red. 



GEORG KAU 



GEORG KAU 

und die Ausschmückung der Ludwigs- 
hafener Dreifaltigkeitskirche 

Im nördlichen Stadtteile von Ludwigshafen 
erhebt sich innerhalb einfacher Umgebung 
der ruhige würdige Bau der Kirche zur allerh. 
Dreifaltigkeit. Sie ist 1902 durch den Archi- 
tekten Schulte aus Neustadt a. d. Hardt im 
Stile moderner Gotik erbaut worden. Infolge 
der Situation des Geländes ist sie nicht genau 
orientiert. Das Portal der Giebelfront liegt 
nach Nordwest, zur Linken neben ihm steht 
der Turm. Im Innern zeigt sich der Bau als 
der einer vier Joche langen Hallenkirche mit 
Säulen; die Kreuzgewölbe haben einfach profi- 
lierte Rippen. An das breite Mittelschiff" schließt 
sich der halbachteckige Chor, auf welchen 
der Blick vom Eingänge her ungehindert frei 
liegt. Beim linken Seitenschiff' ist das dem 
Eingange zunächst liegende Gewölbejoch von 
den übrigen abgetrennt, weil hierüber der 
Turm aufsteigt, und die Rücksicht auf dessen 
Standfestigkeit zur Errichtung von Wänden 
nötigte. Auf die Art ist ein kleiner kapellen- 
artiger Raum daselbst entstanden ; er erhält 
durch ein bemaltes Fenster (mit Darstellung 
der Passionsinstrumente) ein zerstreutes Licht 
und wirkt ungemein stimmungsvoll. Auf der 




GEORG KAU AUS NAGO 

ßleisti/tzeichtuug vom Jahre IQ04. — Text S. lyS 



entgegengesetzten Seite, neben dem Chore, 
endigt dies Seitenschiff' in einem prächtig er- 
fundenen Chörlein, das mit seinen drei Acht- 
eckseiten zwanglos aus der Regelmäßigkeit 
des sonstigen Grundrisses schräg heraustritt 
und mit der Selbständigkeit seiner Erfindung 
und Existenz die Autmerksamkeit des Be- 
schauers unwillkürlich auf sich zieht. An der 
rechten Seite des Hauptchores führt eine Tür 
in die Sakristei, nahe dabei im rechten Seiten- 
schiff' eine andere in die Taufkapelle. 

Die Beleuchtung der Kirche ist infolge der 
dunkelfarbigen Fensterverglasung nicht eben 
günstig zu nennen, doch wird man für diesen 
Mangel bei den Fenstern des Haupt- und Seiten- 
chores durch ihren künstlerischen Wert ent- 
schädigt; sie stammen aus der Mayerschen 
Glasmalereianstalt in München. 

Die Farbenwirkung des Kircheninnern war 
bislang wesentlich auf den einfachen, freilich 
wirksamen Kontrast des Rotbraun der Säulen, 
Rippen u. dgl. gegen das Weiß der großen 
Wand- und Gewölbeflächen gestellt. Belebung 
brachten die vielfarbigen Schnitzaltäre, Ar- 
beiten des Bildhauers Port, von welchen jener 
des Hochaltares eine Stiftung Sr. Kgl. H. des 
verstorbenen Prinzregenten Luitpold ist. Doch 
vermochten diese Werke allein nicht für das 
dekorative Bedürfnis dieses geräumigen In-, 
terieurs zu genügen. Der Wunsch nach rei- 
cherer farbiger Ausschmückung ist jetzt 
erfüllt, seitdem die Kirche ihre polychro- 
mierten Schnitzwerke der vierzehn Sta- 
tionen des hl. Kreuzweges und ihre 
Wandmalereien erhalten hat. Alles das 
ist erst unlängst fertig geworden. 

Die Malereien stammen von dem Mün- 
chener Künstler Georg Kau. Er wurde 
1870 in Neuß geboren, besuchte die 
Schule in Aachen, studierte eine Zeit- 
lang am Kunstgewerbemuseum zu Ber- 
lin und kehrte dann nach Aachen zu- 
rück, um dort Dekorationsmalerei zu 
betreiben. Erst im Alter von 27 Jahren 
kam er dazu, sich dem Studium der 
hohen Kunst widmen zu können. Erfüllt 
von diesem Wunsche gelangte er nach 
München und fühlte sich daselbst durch 
den Anblick des von M. Feuerstein ge- 
malten Antonius-Altares in der St. Anna- 
kirche so lebhaft angeregt, daß er den 
Plan faßte und auch durchsetzte, Feuer- 
steins Schüler zu werden. Er fand an 
diesem großen Meister der kirchlichen 
Kunst nicht bloß einen Lehrer, sondern 
auch einen warmen Freund und För- 
derer, der, nachdem das Talent des Schü- 
lers erwiesen war, es sich getreulich hat 




Zeichnung für eine Heiligen- 
legende. Verlag von Habbel 
in Regensburg. Text S. 177 



® GEORG KAU (MÜNCHEN) ® 
DER HL. EINSIEDLER ANTONIUS 



^ GEORG KAU ^ 



177 







GEORG KAU 



BleistiftsUtdie v. J. igo^. 



ÖLBAUME IN TORBOL 
Text S. 17S 



angelegen sein lassen, ihm Aufträge zu ver- 
schaften und dadurch über manche Schwierig- 
keit fortzuhelfen. Als Feuersteins Gehilfe ist 
Kau bei dem Kreuzweg der Münchener St. 
Annakirche und dann noch wiederholt, zuletzt 
in Padua, tätig gewesen. Außerdem schuf er 
einen St. Antonius für Erlangen, eine Madonna 
mit Heiligen für die Kirche 
zu Rixheim, zwei Flügelal- 
täre für Neuwied, einen hl. 
Kreuzweg, eine Reihe von 
Bildern für die Spitalkirche 
zu Straßburg i. Eis. (Abb. 
S. 179 unten), für die Mag- 
dalenenkirche daselbst einen 
Flügelaltar — beim Brande 
des Gotteshauses ist dieser 
leider mit zugrunde gegan- 
gen (Abb. S. 180). Größere 
dekorative Aufgaben löste 
Kau bei der Wiederherstel- 
lung der Kirche von Brixen 
im Tal und bei der Ausma- 
lung der katholischen Kirche 
zu Anklam. Jedes Werk von 
Bedeutung, welches Kau aus- 
führt, entsteht auf Grund ein- 
gehendster Studien und Vor- 



arbeiten; jegliche Einzelheit wird für sich 
studiert, entworfen und ausgeprobt, bis 
sie den hochgespannten Forderungen 
entspricht, welche der Künstler an sich 
selbst stellt. Dennoch darf man dies nicht 
so auffassen, als ob ihm die Arbeit 
schwer würde; man braucht nur seine 
schnell entstandenen lebensvollen Bild- 
nisse und prächtigen Interieurs anzu- 
schauen, um sich eines Besseren zu 
überzeugen. 

Ein 1907 entstandenes stimmungs- 
volles Ölbild nennt sich-» Das Begräbnis 
des Kameraden«. Es zeigt einen alten 
Veteranen, dem seine Gebrechlichkeit 
nicht mehr erlaubt, die Straße zu betre- 
ten. So sitzt er am Fenster seines Stüb- 
chens und schaut kummervoll zu, wie 
draußen durch die Gasse des altertüm- 
lichen Städtchens sein Freund zu Grabe 
getragen wird. Anmutig sind zwei Kin- 
derstudien (Abb. S. 178 und 190), eins mit 
einem Mädchen, das eine Kerze in der 
Hand hält, das andere mit seinem Töch- 
terchen, das in seinem Stühlchen einge- 
schlafen ist, beides reizende Werke voll 
feinster Beobachtung, delikat in der Farbe 
und flott im Vortrage. Als Illustrator 
hat Kau neuerdings eine Anzahl von 
Bildern zu der im Habbelschen Verlage 
zu Regensburg erschienenen Beerschen Hei- 
ligenlegende geliefert, Blätter voller Leben 
und einfacher Begreiflichkeit. Sie zeigen 
die hl. Hildegard, St. Severin, Augustinus 
und ein besonders hübsches den hl. Ein- 
siedler Paulus in der Wüste (Abb. I. Sonder- 
beilage und 11. Sonderbeilage nach S. 176). 




GEORG KAU 



ANSICHT AUS TORBOLE 
Bleiiti/tstiidif V. J. igo4. — Text S. 17S 



Die chri.stliche Kunst. X. 6. 



178 



fK^ GEORG KAU e^ 




GEORG KAU 



MARIA VERKCNDIGUXG 



Olgcmiildf^ im Besitz des Kiiusilers. Cent. igi2 

Die kleinen Schwarz-Weiß-Werke sind keines- 
wegs von dem sie begleitenden Texte abhängig, 
sondern stehen selbständig neben ihm, und ge- 
währen schon für sich allein künstlerisches Ge- 
nüge, wie es auch bei den buchschmückenden 
Bildschöpfungen älterer maßgeblicher Kunst 
1er stets der Fall gewesen ist. Mit Vorliebe wid- 
met sich unser Maler dem Studium von Land 
schai'ten und Architekturen. Viele dieser Beob- 
achtungen hat er in Bleistiftskizzen festge- 
halten; sie beweisen bei aller Großzügigkeit 
der Auffassung doch auch eine erfreuliche 
Sorgfalt in der Wiedergabe der Einzelheiten, 
und vernachlässigen so über der Freude an 
der Technik den Gegenstand nicht. Der Süden 
hat Kau dabei vielerlei Anregung gegeben; 
man siehtGebäudegruppen ausTorbole, Nago, 
Padua, auch Felsen- und Baumstudien aus den 
gleichen Gegenden (Abb. S. 176, 177 u. 192). 
Ein Blatt mit zwei alten Ölbäumen sei als 
besonders fein erwähnt. Zu Kaus Liebhabe- 
reien gehört auch, die Landschaft mittels Aus- 
blickes aus einem Interieur zu zeigen, wo- 
durch sie eine kraftvoll abstechende Ein- 
rahmung erhält und in ihrer Wirkung ge- 
steigert wird. Als Beispiel nenne ich die 
neuerdings entstandene Studie einer alten 
Schmiede, gegen deren dunkle Töne das 
Grün draußen besonders schön kontrastiert; 
fein gelungen ist dabei das Lichlspiel auf der 
offenen Tür (Abb. S. 189). Eine Reihe von 
Interieurs bot sich für Kau vor kurzem in 



der Kirche, dem Kloster und Schlosse 
VW Höglwörth. Das hier gezeigte 
Zimmer mit dem mächtigen runden 
Tisch und dem Blick ins Freie, und 
das Innere der Rokoko-Kirche sind 
überaus feintönige Werke (Abb. S. 1 88 
und 191). Sie mögen als Beispiele 
für eine besonders interessante Seite 
der Kauschen Kunst dienen. — Seine 
hauptsächliche Tätigkeit aber gilt der 
kirchlichen Malerei. Zu den vorher 
erwähnten Stücken und den noch 
zu besprechenden Ludwigshafener 
Arbeiten gesellt sich neuerdings ein hl. 
Kreuzweg; fertig sind davon die erste 
und die letzte Station (Abb. S. 186 
und 187). Der \'ortrag beiderPilatus- 
szene ist lebhaft, dabei die Hauptsache 
auls knappste beschränkt, die Figur 
des stehenden Heilandes von großer 
Schlichtheit, im Ausdrucke des Ant- 
litzes die Gottmenschlichkeit schön 
durchgeführt, das Gewand mit den 
wenigen, glatt niederfließenden Fal- 
ten monumental stilisiert. Die letzte 
Station zeigt die neue Auffassung, 
daß Jesus bereits in der Grabkammer aufge- 
bahrt ist, die Freunde des Heilandes sich zu- 
rückgezogen haben — man sieht sie an und 




GEORG KAU 



MAIICIIEN MIT KERZE 



Ohtudle V. y. igtl. — Text S. 177 



179 




GEORG KAU 



ANBETUNG DER KONIGE 



IVandl'ild in Ludivigsha/en. Gemalt iqii. — Teit S. iSo 




GEORG KAU 



AUFERWECKUNG DES JÜNGLINGS ZU NAIM 



Wandbild fur die SpitalkirJie in StriijUur^, gemalt igoQ. — Text S. ijy 



i8o 



^ GEORG KAU e^ 




GEORG KAU 

Allarbildtr (Ol) für ,Ue A/agJalei 



DIE HL. 
ukirche in Straßburg, 



vor der Tür — und der Mutter Gelegenheit 
geben noch einige Augenblicke allein bei dem 
Leichnam zu verweilen. Die l'arbenstimmung 
und die Auffassung der beiden Hauptfiguren 
ist feierlich und ergreifend. Die Ausführung 
der Kreuzwegbilder ist in Wachslarben be- 
absichtigt, welche den Bildern etwas Stilles 
und Ruhiges geben. Für einige der andern 
Stationen liegen bis jetzt nur erste Skizzen 
vor; sie zeigen gleichfalls Reichtum an Nuan- 
cen und Gedanken. — Ein ebenfalls ganz 
neues KauschesWerk ist die Darstellung Christi 
mit den Jüngern zu Emmaus. Von den 
früheren Arbeiten sei nur noch der 1910 ent- 
standene preisgekrönte, aber nicht ausgeführte 
Konkurrenzentwurf für die Ausmalung der 
Kirche von Pfersee bei Augsburg erwähnt. 
Für Kaus dekoratives Talent hilft er vorzüg- 
liches Zeugnis ablegen (Abb. S. 181 und 183). 
In erster Linie tun dies aber seine Malereien 
in der Dreifaltigkeitskirche zu Ludwigshafen, 
welcher wir uns nunmehr wieder zuwenden. 
Als Kau vor drei Jahren den Auftrag er- 
hielt, dies Gotteshaus mit Wandmalereien zu 



schmücken, sah er sich vor 
eine Aufgabe gestellt, welche 
sehr individuelle Anforde- 
rungen erhob. Die großen 
Wandflächen lagen nicht in 
üblicher Regelmäßigkeit, wa- 
ren im Langhause überdies 
mittels eines horizontal 
durchlaufenden, mattfarbi- 
gen Frieses in eine obere 
und eine untere Partie zer- 
schnitten; die Beleuchtungs- 
verhältnisse waren ungün- 
stig, die Farben der Chor- 
wie besonders der Lang- 
hausfenster verlangten Be- 
rücksichtigung und beein- 
flußten vorweg das Kolorit 
der künftigen Ausschmük- 
kung. Zweierlei war mög- 
lich und berechtigt: entwe- 
der eine sanfte, zarte Farben- 
gebung, die mit derjenigen 
der Langhausfenster zusam- 
mengincT, oder eine durch- 
aus abstechende in starken 
Tönen, welche die Ergän- 
zung und gleichzeitig den 
erwünschten Kontrast zu je- 
nen bildeten. Mit richtigem 
künstlerischem Takte hat 
Kau das volltönige Kolorit 
gewählt. Das Innenbild der 
Kirche ist dadurch vor Ein- 
tönigkeit bewahrt worden. Machen die Kau- 
schen Malereien schon hierdurch den Kirchen- 
raum interessant, so gelingt ihnen dies in er- 
höhtem Maße durch ihre geschickte Verteilung. 
Sie beruht auf der feinen Absicht, nicht alles 
auf einmal vor Augen zu führen, sondern ge- 
rade die bedeutendsten Teile gewissermaßen 
vom Beschauer entdecken zu lassen. 

Infolgedessen sieht der Besucher der Kirche 
zunächst nach seinem Eintritte nur die deko- 
rative Ausmalung des Apsissockels im Haupt- 
chore. Die Fläche ist von einem mild-roten 
Teppich mit Musterung stilisierter Hirsche 
gedeckt, oben sieht man die friesartig ange- 
ordneten Halbfiguren anbetender Engel. Ahn- 
lich ist die Sockelbemalung im Seitenchörlein, 
nur daß der Teppich hier eine blaugrüne 
Färbung hat. Schauen wir uns im Hauptchore 
um, so sehen wir rechts über der Sakristei- 
tür eine große Darstellung der Anbetung der 
Weisen (Abb. S. 179). Maria sitzt auf einem 
steinernen Throne, wirkungsvoll hebt sich ihre 
weiße Gestalt von einem roten Dorsale ab, 
neben ihr steht St. Joseph, gelb gekleidet; die 



JOACHIM UKD ANXA 

— Tixt s. irr 



GEORG KAU esäs 



löi 




GEORG KAU 



Entwurf für den II 'flUieiutrj rf erste. Erster Geldpreis. 



BKMALUX'G VON APSIS UND CHORWAND 
Gemalt [gto. — Text S. t8o 



drei Weisen, imposante Erscheinungen, und 
ihr durcii wenige Figuren angedeutetes reiches 
Gefolge geben mit ihren prächtigen Gewändern 
in blauen, roten, goldigen und anderen Tönen 
dem Bilde einen vollen und ruhigen Farben- 



zusammenklang; die Gestalten sind edel und 
vornehm gezeichnet. — An der angrenzenden 
Stirnwand des rechten Seitenschiffes befindet 
sich die Darstellung, wie St. Joseph durch 
Papst Leo XIH. als Schutzpatron der Kirche 



l82 



GEORG KAU 



proklamiert wir J. Eindrucksvoll ist die bildnis- 
ähnliche Gestalt des Papstes, trefflich auch 
die Charakterisierung der unten sitzenden 
Theologen und des Volkes. Als bedeutsamer 
Hintergrund dient der Dom St. Peters. Oben er- 
blickt man den verklärten Heiligen im Himmel, 
umgeben von Wolken und Sternen. — Neben 
dem Chörlein des linken Seitenschiffes hat 
Kau eine Darstellung des ersten Tempelganges 
Maria geschaffen. Der Tempel ist mittels 
eines von Säulen eingefaßten Portales nur 
angedeutet; davor steht der Hohepriester in 




GEORG K.\U 



KartoHZeUhnung von igoS 



weißem Gewände. Die vollsaftigen Farben 
und die innige, dabei doch kraftvolle Schilde- 
rung der Personen macht das Bild ungemein 
erfreulich; ein gut Teil trägt auch der Hin- 
tergrund dazu bei, welcher eine rechte und 
echte alte deutche Stadt zeigt — den Typus 
einer solchen, denn eine bestimmte ist nicht 
gemeint (vgl. Abb. S. 190). An der Turm wand 
dieses Seitenschiffes fand sich Gelegenheit, eine 
spitzbogige Nische mit einer Malerei zu füllen. 
Der Künstler wählte dazu die Darstellung der 
Maris Stella. Als eine Erscheinung von wahrer 
Erhabenheit schwebt die Him- 
melskönigin auf dem Halb- 
monde über den Wassern, rot 
ist ihr Kleid und blau der 
Mantel, tief goldig leuchtet 
der Nimbus, den der Ster- 
nenkranz umstrahlt. Die Fär- 
bung ist dunkel und schwer, 
belebend wirkt ein Streifen 
Abendrot. Wendet man sich 
wieder zum gegenüberliegen- 
den Seitenschiffe, so wird 
unterhalb des Orgelchores der 
Blick gefesselt durch das Ge- 
mälde einer Pietä. Auch hier 
sind ähnliche tiefe Farbtöne 
angeschlagen, besonders in 
dem dunkelblauen Mantel 
Maria, ihrem roten Unterge- 
wande und der Landschaft, 
welche im schon dämmern- 
den Nebel liegt, während noch 
ein Rest goldroten Abendlich- 
tes am Horizonte verglimmt. 
Starken Kontrast schafft der 
mit weißem Hüftentuche um- 
gürtete Körper Christi. Sehr 
tüchtig ist der Akt, wie denn 
die Zeichnung bei Kau über- 
haupt hervorragend ausge- 
bildet ist. Was aber dem 
Bilde seine schönste Wir- 
kung gibt und die Beach- 
tung aller Kirchenbesucher 
sichert, das ist die ergreifende 
Schilderung des seelischen Ge- 
haltes dieser Szene, welche 
von jeher in bildender Kunst 
und Dichtung größte Volks- 
tümlichkeit genossen hat. Die 
Piet.'i ist auf Leinwand gemalt, 
während die übrigen Kauschen 
Gemälde unmittelbar auf die 
Wand aufgetragen sind. Vor 
der Pietä steht ein kunstvoll 

ANBETENDER ENGEL , . U • J • 

gearbeiteter schmiedeeiserner 



GEORG KAU 



183 



Leuchterhalter, eine treffliche, in 
dieser Zeitschrift bereits abgebil- 
dete Arbeit der Münchener Firma 
Frohnsbeck. — Der Pietä unmittel- 
bar benachbart ist die große Schil 
derung des Weltgerichtes (Abb. 
S. 184 und III. Sonderbeilage nach 
S. 184). Das gewaltige Gemälde ist 
so angebracht, daß es den Blick 
auf sich ziehen muß, wenn man 
durch das rechte Seitenschiff die 
Kirche verläßt. Dann schwebt es in 
der Höhe über den Häuptern, die 
sich unwillkürlich heben, und gibt 
seine erschütternde Mahnung den 
Scheidenden mit auf den Weg. Die 
in den großen Spitzbogen der Stirn- 
wand komponierte Darstellung be- 
steht dem Gegenstande entspre- 
chend aus zwei Hauptteilen. Der 
untere zeigt den Vorgang der Auf- 
erstehung der Toten, welche als- 
bald in die Gruppen der Auser- 
wählten und der Verdammten sich 
sonderr. Eine größere Menge von 
Aktgestalten ist hier vereinigt, 
was befremdlich scheinen könnte, 
doch hat der Künstler mit großem 
Geschick verstanden, dem Ein- 
drucke seiner Figuren alles zu 
nehmen, was auch nur entfernt 
Anstoß erregen könnte; schon die 
weite Entfernung vom Beschauer 
hilft dazu, besonders aber die 
Leichenfarbe der Personen, zumal 
endlich die Anbringung einer noch 
im Übergänge vom Skelett zum 
lebenden Menschen befindlichen Figur ganz 
im Vordergrunde. Die Zeichnung ist durch- 
weg vorzüglich, auch schwierige Verkür- 
zungen sind bestens gelungen, die Charakte- 
ristik ist scharf und vielseitig. Schönheit und 
Häßlichkeit, Tugend und mannigfaches Laster 
bilden packende Gegensätze. Die obere Gruppe 
zeigt rot gekleidete Engel, welche Posaunen 
erschallen lassen, darüber Jesus auf der Welt- 
kugel. Im Zorne springt er auf, während 
doch sein Grimm bereits sich sänftigt durch 
die Fürbitte Maria und Johannis des Täufers. 
Erstere stehend, letzterer knieend bilden mit 
der Figur des Weltrichters zusammen eine mo- 
numentale Gruppe, der vielleicht größere Leich- 
tigkeit der Farbe zu wünschen gewesen wäre. 
Sie hebt sich nicht ohne eine gewisse Schärfe 
sowohl gegen die untere Partie des Bildes, wie 
gegen die unmittelbar benachbarte ab. Hier 
sieht man Scharen von Heiligen in ganz 
luftigen Tönen; etwas kräftiger treten zwei 




GEORG KAU 



Farbiges L^etail zu Ablnlditftg S. iSl . 



WETTBEWERB PFERSEE 
Gevialt tgro 



hellrot gekleidete Gestalten hervor, welche 
die Dornenkrone und das Kreuz herbeibringen. 
Den Hintergrund bildet der in goldigem Gelb 
leuchtende Himmel. Kau hat mit diesem Ge- 
mälde des Letzten Gerichtes seiner Begabung 
als Charakterschilderer wie als Meister der 
Raumdekoration vorzügliches Zeugnis ausge- 
stellt. — Ganz besonders nach letzterer Seite 
hin kommen auch seine Figuren der Hl. vier- 
zehn Nothelfer in Betracht. Infolge der Ein- 
beziehung des Turmes in das Kircheninnere 
hat das linke Seitenschiff' scheinbar nur drei 
Gewölbejoche, oder richtig gesagt, es besitzt 
nur drei off^ene Wandflächen zwischen den 
Fenstern, während das rechte deren vier hat. 
Über diesen sieben vereinigen sich und enden 
die Rippen der Gewölbe in Bündeln, die von 
je einer Konsole gestützt werden. Indem Kau 
nun unter jedem dieser Endpunkte ein 
Paar der hl. Nothelfer darstellte, gab er der 
Konstruktion den Schein einer noch größeren 



184 




G. KAU, FARBENSKIZZE V. J. 1913 ZUM JÜNGSTEN GERICHT IN KAISERSLAUTERN 

Text S. 1S3 



m^m 




Gemalt 1913. 
Text S. 182 f. 



■a) GEORG KAU ® 

JÜNGSTES GERICHT IN KAISERS- 
LAUTERN (OBERER TEIL, KARTON) 



GEORG KAU 



185 



Festigkeit und belebte gleichzeitig die großen 
Wandflächen in erfreulicher und sinnvoller 
Art. Das Terrain ist bei sämtlichen Gruppen 
nur als schmaler Sockel angedeutet, welcher 
die Figuren trägt, so daß diese gegen den 
weißen Fond des Wandputzes stehen. Die 
Farben kommen auf die Art kräftig zur Gel- 
tung; sie sind durchweg so gewählt, daß sie 
als charaktervolle Gegensätze wirken, und 
dabei sich zu vollen Harmonien ergänzen. 
Die Auffassung der Personen ist mannigfaltig, 
naturwahr, feierlich, und entspricht dem Emp- 
finden des Volkes. — Endlich darf die von 
Kau gemalte kraftvolle Figur des Täufers 
St. Johannes nicht unerwähnt bleiben. Er 
hat sie neben der Tür der Taufkapelle an- 
gebracht. Es ist ein feiner Gedanke, daß er 
den Heiligen mit der erhobenen rechten Hand 
auf diese Tür und gleichzeitig auch auf die 
jenseits davon beginnende Reihe der Stationen 
des hl. Kreuzweges hindeuten läßt. 

Diese Stationen sind Schnitzwerke des 
Münchener Bildhauers Professor Georg Busch. 
Abgeklärt und einfach in der Komposition, 
lassen sie die in ihnen liegende religiöse 
Empfindung stark zum Ausdrucke kommen. 
Ungemein glücklich sind die Gegensätze 
zwischen den Vertretern des guten und bösen 
Prinzips, zwischen dem verblendeten Hasse 
der Juden und der ahnungsvollen Ruhe der 
Vertreter des Römertums herausgearbeitet; 
herrlich kommt der Charakter Christi zur 
Geltung in seiner Opferwilligkeit und Maje- 
stät, welche über den irdischen Schmerz trium- 
phiert. Die Wirkung der schönen, an neuen 
Einzelzügen reichen Gruppen wird durch die 





GEORG K.\U 



Zum yUngsien Gericlti in Lltii^vlgshn/ett. Vgl. S. 1S4 itntt'Jt 



GEORG KAU 

STUDIE ZUM CHRISTUSKOPF DES JÜNGSTEN GERICHTES 

Vgl. III. Sonderbeilage und S. 1S4 

Feinheit der Polychromierung gehoben. Busch 
hat sich für zarte weiche Farben entschieden, 
deren Stimmung mit derjenigen der Lang- 
hausfenster zusammengeht. Dasselbe tut seine 
Herz Jesu-Statue — gleichfalls eine bemalte 
Schnitzfigur. Sie zeichnet sich durch schönen 
Linienfluß und durch hohe Ruhe aus, welche 
besonders im Ausdrucke des ernsten, von jeder 
Hmpfindelei freien, fast herben Antlitzes wal- 
tet. So steht die Figur mit erbarmend aus- 
gebreiteten Armen an dem Pfeiler, welcher 
den Haupt- vom Seitenchor trennt und ist 
recht eigentlich der Mittelpunkt dieses Kir- 
cheninnern, welches hierbei als Sinnbild der 
Kirche im allgemeinen auf- 
zufassen ist. Der erhabene 
Gedanke würde bei etwas 
größerem Maßstabe der Sta- 
tue noch gewaltiger zum Aus- 
drucke kommen. Der Sockel 
der Herz Jesu-Figur ist mit 
eucharistischen Symbolen in 
zartem Relief geschmückt. — 
So ist die Ludwigshafener 
Kirche zur AUerhl. Dreifaltig- 
keit die Heimstätte einer 
großen Reihe von ausge- 
zeichneten Denkmälern mo- 
derner christlicher Malerei 
und Plastik geworden; ein 
Beispiel feinsinniger Raum- 
ausschmückung, welches we- 
gen seiner Vorbildlichkeit 
diese etwas eingehendere 
Besprechung rechtfertigen 
dürfte. Dr. O. Doering-Dachau 



AKTSTUDIEN' 



Die cluistlicbe Kunst. X. 



24 



i8r> 



ec^ DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST e^ 




GEORG KAU 



Für eine rheinische Kirche, li'ac/ts/arden; gent. igij. — Text S. iSo 



I. KREUZWEGSTATION 



DEUTSCHE GESELLSCHAFT 
FÜR CHRISTLICHE KUNST 

pur das Jahr 19 14 wurden folgende Künst- 
^ ler als Juroren gewählt. Die Architekten 
Bau mann Franz und Prof. Fuchsenberger 
Fritz; — die Bildhauer Hemmesdorfer 
Hans und Sand C. Ludwig; die Maler Prof. 
Martin v. Feuerstein und Hofstötter 
Franz. Als Ersatzmänner wurden gewählt: 
die Architekten Schurr Hans und Rupert 
V. Miller; — die Bildhauer Buscher Tho- 
mas und Kraus Valentin; die Maler Prof 
Schleibner Kaspar und Reiter Franz. 
HerrPrqfessorMartin von Feuerstein kann 
wegen Überbürdung mit anderen Pflichten 
die Wahl nicht annehmen und tritt an seine 
Stelle Herr Professor Kaspar Schleibner, 
und für diesen wird Herr Professor Matthäus 
Schiestl als Ersatzmann fungieren. 

Von zwei Seiten waren Wahlvorschläge 
eingereicht worden (§ 14 der Satzungen). 



DREI WETTBEWERBE FÜR MALER. 

I. AUSSCHREIBEN" 
eines Wettbewerbs für ein Deckengemälde 
im Schiffe der katholischen Pfarrkirclie zu 

Blieskastel (Pfalz). 

Vur Erlangung von Entwürfen für ein ca. 17 m lan- 
ges und ca. 8 m breites Deckengemälde im Schitfe 
der katholisclien Pfarrkirche zu Blieskastel wird hiermit 
ein Wettbewerb unter den in Bayern lebenden Künstlern 
eröffnet mit nachstehenden Bestimmungen: i. Als Thema 
des Deckengemäldes ist bestimmt eine Darstellung der 
Stellen im Matthäus- Evangehum Kap. 24,\'ers 50 und 51 : 
>Und dann wird das Zeichen des Menscliensohnes am 
Himmel erscheinen. Und dann werden alle Geschlech- 
ter der Erde wehklagen und sie werden den Menschen- 
sohn kommen sehen in den Wolken des Himmels mit 
großer Kraft und Herrlichkeit. Und er wird seine Engel 
mit der Posaune senden, mit großem Schalle: und sie 
werden seine Auserwählten von den vier Winden, von 
einem Ende des Himmels bis zum andern, zusammen- 
bringen.« 2. Die Ausführung des Deckengemäldes ist 
in Casein oder Tempera gedacht. Die Verwendung der 
Fresko-Technik ist nicht ausgeschlossen. 3. Die Kirchen- 
verwaltung Blieskastel wird jedem Bewerber auf An- 
suchen eine zeichnerische, rot eingeränderte Darstellung 
der zu bemalenden Deckenfläche, einen Längsschnitt 



DREI WETTBEWERBE PUR MALER 



187 




GEORG KAU 



\IV. KREUZWIiGSTATION 



Für eine rheinische Kirclie. Waclis/arbe ; 



Text S. iSo 



des Schiffes der Kirche und eine photographische An- 
sicht des Äußern der Kirche zugehenlassen. Es wird 
empfohlen, die Kirche zu besichtigen. 4. Für 
die Auslührung des Deckengemäldes steht aus dem 
staatlichen Kunstfonds eine Summe von 12000 M. zur 
Verfügung, über die hinaus dem ausführenden Künstler 
eine Entschädigung nicht gewährt wird. 5. Die erfor- 
derlichen Gerüste werden von der Kirchenverwaltung 
Blieskastel gestellt; die gewöhnlichen Maurerarbeiten 
werden von dieser Kirchenverwaltung bestritten. Im 
Falle der Ausführung des Deckengemäldes in Fresko 
hat der Künstler die Kosten des Fresko-Untergrundes 
selbst zu tragen. 6. Die an dem Wettbewerb teilneh- 
menden Künstler haben eine farbige Skizze im Maß- 
stabe I : IG und das gemalte Detail einer lialben Figur 
in natürlicher Größe einzusenden. Die mit einem Kenn- 
wort versehenen Entwürfe, denen ein das gleiche Kenn- 
wort tragender, den Namen des Verfassers enthaltender 
verschlossener Umschlag beizufügen ist, müssen bis 
spätestens i. April 1914, abends 6 Ulir, im Stu- 
diengebäude des Bayerischen N'ationalmuseums in Mün- 
chen, Prinzregentenstraße Nr. 3, abgeliefert werden. 
Die Ein- und Rücksendung der Entwürfe erfolgt auf 
Kosten und Gefahr der Bewerber. 7. Das Preisgericht, 
das die einlaufenden .-arbeiten zu prüfen und über die 
Ergebnisse des Wettbewerbs gutachtlichen Beschluß zu 
fassen hat, besteht aus den von Staatsregierung ernann- 
ten Mitgliedern: Akademieprofessor Martin von Feuer- 



stein, Maler Professor Albert von Keller, Konser- 
vator Professor Alois Müller, .Architekt Hofoberbau- 
rat Eugen Drollinger, Domkapitular Lorenz Gal- 
linger, sämtliche in München, und aus dem von der 
Kirchenverwaltung Blieskastel bestimmten Mitglied Geist- 
lichen Rat Pfarrer Adam Langhauser in Blieskastel. 
k\s Ersatzmänner im Preisgericht sind aufgestellt: .\ka- 
demieprofessor Gabriel von HackI und Architekt Pro- 
fessor der Technischen Hochschule Heinrich Freiherr 
von Schmidt in München. Im Falle der Verhinde- 
rung oder des .Ausscheidens des einen oder anderen 
Ersatzmannes bleibt die Bestellung von weiteren Ersatz- 
männern vorbeh.ilten. >S. Für Geldpreise steht ein Be- 
trag von 800 M. zur \'erfügung. Das Preisgericht hat 
nach Maßgabe der Qiialität der eingelaufenen Entwürfe 
gutachtlich darüber zu beschließen, in welchem Maße 
und in welcher Weise diese Summe verteilt werden 
soll. Der zur Ausführung vorgeschlagene Entwurf ist 
von der Zuerkennung eines Geldpreises ausgeschlossen. 

9. Das Programm für den Wettbewerb ist verbindlich, 
soweit es nicht ausdrücklich dem Ermessen der Bewer- 
ber freien Spielraum läßt. Wesentliche Verstöße gegen 
verbindliche Bestimmungen des Programms haben die 
Ausschließung der treffenden Entwürfe von dem Wett- 
bewerb zur Folge. Darüber, ob ein wesentlicher Ver- 
stoß vorliegt, beschließt endgültig das Preisgericht. 

10. Etwaige .Anregungen auf Abänderungen des Pro- 
granimes wären binnen 14 Tagen nach Erlaß dieses 



i88 



DREI WETTBEWERBE FÜR MALER 




2. Die AusführuDo; des Gemäldes ist in Öl- 
larbe gedacht. 5. Die Kirchenverwaltung Gries- 
bach wird jedem Bewerber auf Ansuchen eine 
zeichnerische Ansicht des Hochaltariintwurfs 
mit eingeschriebenen Maßen zugehen lassen. 
4. Für die Ausführung des Gemäldes steht 
aus dem staatlichen Kunstfonds eine Summe 
von 6000 Mark zur Verfügung, über die 
hinaus dem ausführenden Künstler eine Ent- 



schädigung nicht gewährt wird. 



Die an 



GEORG KAU 



Ölstiidie, gem. igij. — Text S. lyS 



Ausschreibens beim Kgl. Staatsministerium des Innern 
für Kirchen- und Schulangelegenheiten einzureichen und 
entsprechend zu begründen. Über solche Anregungen 
wird das Preisgericht alsbald nach Ablauf der Frist be- 
schließen. II. Die endgültige Entsclieidung über den 
Wettbewerb wird das K. Staatsministerium des Innern 
für Kirchen- und Schulangelegenheiten lierbeiführen, 
das insbesondere auch berechtigt ist, an dem vom 
Preisgerichte zur Ausführung begutachteten Entwürfe 
Abänderungen zu verlangen oder für die Art der Aus- 
führung besondere Bedingungen zu stellen. 12. Der 
für die Ausführung bestimmte Entwurf wird Eigentum 
des Staates. Im übrigen bleiben die eingelieferten Ar- 
beiten Eigentum ihrer Urheber. 

II. AUSSCHREIBEN 

eines Wettbewerbs für ein Altargemälde am Hochaltar 

der neuen kathoUschen Pfarrkirche in Griesbach (Roltal, 

Niederbayern). 

Zur Erlangung von Entwürfen für ein zirka 4,40 m 
hohes und 2,40 m breites Altargemälde am Hoch- 
altar der neuen katholischen Pfarrkirche in Griesbach 
wird hiermit ein Wettbewerb unter den in Bayern leben- 
den Künstlern eröflnet unter nachstehenden Bestim- 
mungen: I. Dem Gemälde ist als Thema die Geburt 
Christi zugrunde zu legen. In der Darstellung sind Jesus, 
Maria und Joseph als Hauptpersonen zu behandeln. 



dem Wettbewerb teilnehmenden Künstler 
haben eine farbige Skizze im Maßstab i : 5 
einzusenden. Die mit einem Kennwort ver- 
sehenen Entwürfe, denen ein das gleiche 
Kennwort tragender, den Namen des Ver- 
fassers enthaltender verschlossener Umschlag 
beizufügen ist, müssen bis spätestens i. April 
1914, abends 6 Uhr, im Studiengebäude des 
Bayerischen Nationalmuseums in München, 
Prinzregentenstraße Nr. 5, abgeliefert werden. 
Die Ein- und Rücksendung der Entwürfe er- 
folgt auf Kosten und Gefähr der Bewerber. 

6. Das Preisgericht, das die einlaufenden 
Arbeiten zu prüfen und über die Ergebnisse 
des Wettbewerbs gutachtlichen Beschluß zu 
fassen hat, besteht aus den von der Staats- 
regierung ernannten Mitgliedern : Akademie- 
professor M a r t i n v o n F e u e r s t e i n, Maler Pro- 
fessor Albert von Keller, Konservator 
Professor Alois Müller, Architekt Hofober- 
baurat Eugen Drollinger, Domkapitular 
Lorenz Gallin ger, dann Architekt Pro- 
fessor Franz Rank als Bevollmächtigter der 
Kirchenverwaltung Griesbach, sämtliche in 
München. Als Ersatzmänner im Preisgericht 
sind aufgestellt: Akademieprofessor Gabriel 
von Hackl und Architekt Professor der Tech- 
nischen Hochschule Heinrich Freiherr von 
Schmidt in München. Im Falle der Verhin- 
derung oder des Ausscheidens des einen 

ZfMMER oder anderen Ersatzmannes bleibt die Bestel- 
lung von weiteren Ersatzmännern vorbehalten. 

7. Für Geldpreise steht ein Betrag von 400 M. 
zur Verfügung. Das Preisgericht hat nach 

Maßgabe der Qiialität der eingelaufenen Entwürfe 
gutachtlich darüber zu beschließen, in welchem Maße 
und in welcher Weise diese Summe verteilt werden 
soll. Der zur Ausführung vorgeschlagene Entwurf ist 
von der Zuerkennung eines Geldpreises ausgeschlossen. 
8. Das Programm für den Wettbewerb ist verbindlich, 
soweit es nicht ausdrücklich dem Ermessen der Be- 
werber freien Spielraum läßt. Wesentliche \'erstöße 
gegen verbindliche Bestimmungen des Programms haben 
die Ausschließung der betreffenden Entwürfe von dem 
Wettbewerbe zur Folge. Darüber, ob ein wesentlicher 
Verstoß vorliegt, beschließt endgültig das Preisgericht, 
g. Etwaige Anregungen auf .Abänderung des Programms 
wären binnen 14 Tagen nach Erlaß dieses Ausschrei- 
bens beim Kgl. Staatsministerium des Innern für Kir- 
chen- und Schulangelegenheiten einzureichen und ent- 
sprechend zu begründen. Über solche Anregungen 
wird das Preisgericht nach Ablauf der Frist beschließen. 
10. Die endgültige Entscheidung über den Wettbewerb 
wird das Kgl. Staatsministerium des Innern für Kirchen- 
und Schulangelegenheiten herbeiführen, das insbeson- 
dere auch bereclitigt ist, an dem vom Preisgerichte zur 
Ausführung begutachteten Entwürfe Abänderungen zu 
verlaegen oder für die Art der Ausführung besondere 
Bedingungen zu stellen. 11. Der für die Ausführung 
bestimmte Entwurf wird Eigentum des Staates. Im 
übrigen bleiben die eingelieferten Arbeiten Eigentum 
ihrer Urheber. Die Katholische Kirchenver- 



DREI WETTBEWERBE FÜR MALER 



189 



waltung. Philipp, Pfarrer. Ostermünchner, 
Pfleger. Xemnier. HartI ■ \ 

111. PROGRAMM 

für den Wettbewerb zurErlangung von 
Skizzen für die Ausmalung der Kirche 
und die Erstellung der Stationenbilder 
für den Neubau der Heiliggeistkirche 
a. d. Thiersteinerallee in Basel. 

Die Vorsteherschaft der Römisch-katholi- 
schen Gemeinde Basel eröfinet hiemit zur Er- 
langung von Skizzen für die Ausmalung der 
Kirche und die Erstellung der Kreuzwegsta- 
tionen mit zwei entsprechenden Ergänzungs- 
bildern für die Neubauten der Heiliggeist- 
kirche a. d. Thiersteinerallee in Basel einen 
öffentlichen Wettbewerb. 

I. Bedingungen. — i. Die Konkurrenz- 
eingaben sind solide verpackt mit einem Kenn- 
worte versehen, spätestens bis 16. Mai 
191 4, abends 6 Uhr, gebührenfrei an den 
Präsidenten der Römisch katholischen Ge- 
meinde Basel, Hr. Otto Wenger Kissling, Hol- 
beinstraße 67, einzureiclien. Die von auswärts 
eingelieferten Arbeiten gelten als rechtzeitig 
eingereicht, wenn sie nach dem Autgabestem- 
pel vor dem festgesetzten Termin aufgegeben 
waren. Jedem Projekt ist ein mit dem glei- 
chen Kennwort versehenes verschlossenes 
Kuvert beizulegen, das Namen und Adresse 
des Verfassers enthalten soll. 2. Für die Be 
urteilung der Konkurrenzeingaben ist ein 
Preisgericht von fünf Mitgliedern bestellt wor- 
den. Dasselbe besteht aus zwei Vertretern 
des Faches, einem Vertreter der Architekten 
der Kirche, einetii Vertreter der Geistlichkeit 
und einem Vertreter der Kirchenbaukommis- 
sion nämhch den Herren: i. Herr Prolessor 
Kunstmaler Fritz Geiges in Freiburg i. Breisg., 
2. Herr Robert Strudel, Kunstmaler und Leh- 
rer an der Allg. Gewerbeschule, Basel, 5. Herr 
C. A. Meckel, Archhekt, Freiburg i. Breisg., 
4. Herr Hochw. Jos. Kaefer, Pfarrektor, Basel, 
Fried. Soll, Bauverwalter, Präs. der 




GEORG 



Herr 

Kirchenbaukora- 

mission. Die Preisrichter haben das Programm geprüft 



und gutgeheißen. 



Zur Prämiierung der 5 bis 4 



besten Konkurrenz - Eingaben steht dem Preisgericht 
eine Summe von Fr. ijoo. — zur \'erfügung. 4. Samt' 
liehe Konkurrenz-Eingaben werden nach erfolgter Be- 
urteilung und Prämiierung öfientlich ausgestellt. 5. Der 
von der Vorsteherschaft der Römisch-katholischen Ge- 
meinde Basel zur Ausführung bestimmte Entwurf bleibt 
Eigentum der Römisch-katholischen Gemeinde Basel; die 
übrigen Entwürfe werden nach Schluß der Ausstellung, 
d.h. spätestens innerhalb 4 Wochen nach der 
Beurteilung den Verlassern kostenfrei zurückgesandt. 6. Be- 
züglich der Ausführung der Bemalung der Kirche und 
der Erstellung der Stationenbilder behält sich die aus- 
schreibende Behörde vollständig freie Hand vor und 
bestimmt dieselbe unter den vom Preisgericht prämiierten 
Entwürfen den zur Ausführung kommenden Entwurf 
7. Die ausschreibende Behörde behält sich vor, je nach 
Eingang der Mittel und innerhalb unbestimmtem Zeit- 
punkt einen Teil, d. h. die Stationenbilder in Arbeit zu 
geben und soll die Erstellung dieser 14 Stationen- und 
der zwei Ergänzungsbilder unbedingt dem Verfasser des 
zur Ausführung bestimmten Entwurfes übertragen wer- 
den. Sollten die nötigen Mittel für die Ausmalung der 
Kirche und des Chores nicht erhältlich sein und diese 



I) Die zwei vorstehenden Ausschreiben sind uns leider erst kiira- 
lich zugegangen, D, Red. 



KAU ALTE UÜRl-bCH-\lIEDE 

Olstudie, gem. igij. — Text S. ijS 

Arbeit überhaupt nicht zur Ausführung gelangen, stehen 
dem Verfasser des zur Ausführung bestimmten Ent- 
wurfes keinerlei Entschädigungsforderungen zu. 

II. Arbeitsprogramm, i. Die Bewerber haben 
an Hand der ihnen zur Verfügung gestellten Längen- 
und Querschnitte im Maßstabe i : 100 generelle Skizzen 
für die Ausmalung der Seiten- und des Hochschiffes 
mit den zugehörigen Deckengewölben wie auch für die 
Ausmalung der Chorwände und des zugehörigen Decken- 
gewölbes unter spezieller Berücksichtigung der an den 
Seitenschiffmauern anzubringenden Stationenbilder einzu- 
reichen. Die Stationenbilder, einschließlich deren nicht zu 
breit gehaltenen Rahmen, sollen in Freskomalerei 
erstellt werden, und müssen die Bilder wie auch die 
zu projektierende Ausmalung der Kirche, 
die sich in möglichst einfachen Rahmen 
halten soll, dem Charakter der Kirche, welch letz- 
tere in den Formen des ausgehenden 15. Jahrhunderts 
erbaut ist, in harmonischer, stimmungsvoller Weise an- 
gepaßt werden. Die Umgehung der Altäre und der 
Stationen ist so zu projektieren, daß die Altäre und die 
Stationenbilder dominierend wirken. Die Gewölbedecken 
sollen in der Hauptsache hell bleiben und soll sich die 
Bemalung mehr nur auf die Gewölbeanfänger (Wand- 
anschlüsse) beschränken. Die Entwürfe für die Statio- 
nenbilder sollen als Kanon in natürlicher Größe ge- 
liefert werden und so ausgeführt sein, wie sich der 
Künstler dieselben in ihrer Vollendung vorstellt und soll 
der Entwurf den ersten Fall Jesu unter dem Kreuz darstellen. 



190 



G^ DRRI WETTBEWERBE FÜR MALER e^ 




GEORG KAU 

Farbigfr Karton zu 



MARIA TEMPELGAXG 
M'afidl'itd in Luiiwigsha/eji , Gfimtlt iqii . — Text S. iSs 



Wölbedecke." ^. Eine hinJende 
Offerte für die Ausnialuno; der 
Kirche mit sämtlichen Wänden 
und Gewölben der Seiten- und 
Hochschiffen und der mit densel- 
ben in Verbindung stehenden Vor- 
hallen. 4. Einen möolichst kurz 
gefaßten Erläuterungsbericht, Als 
Unteilagen sind erhältlich: ein 
ErdgeschoßgrundriÜ M i : 100, ein 
Längenschnitt des Seitenschiffes 
I : 100, ein Längensclinitt des 
Hochschiffes i : 100, ein Quer- 
schnitt mit Chotansicht 1 : 100, 
eine Kopie der Gewölbe des Sei- 
ten- und Hochschiffes M 1:20, 
eine Kopie des Projektes für den 
Hoch- und die zwei Seitenaltäre 
M I : 20, ein Festbericht. 



DIE SCHWARZ- 

WEISS-AUSSTELLUNG 

DER MUNCHENER 

SECESSION 1913/14 

Von Oscar Gehrig 



Die Herren Bewerber erhalten zu ihrer weiteren Orien- 
tierung betreffend architektonischer Ausführung der 
Neubauten eine Kopie der Zeichnung der projektierten 
Altäre wie auch den Festbericht, welcher anläßlich der 
Einweihung der Kirche zusammengestellt wurde und 
mit verschiedenen äußeren und inneren arcliitektoni- 
schen Details versehen ist. Für die Ausmalung der 
Kirche und des Chores exklusive Erstellung der Stationen- 
bilder ist ein Betrag von Fr. 15000 — 20000 vorge- 
sehen, es dürfen jedoch die Kosten von Fr. 20000 
nicht überschritten werden. Für die Erstellung der 14 
Stationenbilder mit den zwei Stück Ergänzungsbildern 
ist ein Betrag von ca. Fr. 6000. — in Aussiclit genom- 
men einschließlich des vom Ersteller der Bilder auszu- 
führenden erforderlichen Grundputzes. Die Erstellung 
der nötigen Gerüste für die .Ausführung der Stationen- 
bilder und der Ausmalung der Kirclie werden von der 
Bauherrschaft besorgt. Das Abschlagen des vorhandenen 
Verputzes an den Wandflächen, wo die Stationsbilder 
angebracht werden sollen, ist ebenfalls Sache der Bau- 
herrschaft. 

III. Skizzen und Offerte. — Die Konkurrenten 
haben folgende Skizzen und Berechnungen einzureichen : 
I.Skizzen, i. Eine Skizze der Bemalung der Seitenschi fi'- 
wände mit .Anordnung der einzufügenden Stationenbilder 
und Angabe der Bemalung der Gewölbe auf eine Länge 
von zwei Jochen , im Maßstab i : 20. 2. Eine Skizze der 
Bemalung der Hochschifl'wände mit Angabe der Be- 
malung der Gewölbe auf eine Länge von zwei Jochen, 
im Maßstab i : 20. 5. Eine Skizze für die Bemalung 
der drei Chorwände und des Chorgewölbes im Maß- 
stab I : 20. 4. Einen Entwurf als Karton in natürlicher 
Größe für ein Stationenbild und zwar soll dasselbe 
Jesu erster Fall unter dem Kreuze darstellen und soll 
dasselbe so ausgeführt sein , wie sich der Künstler 
die Stationenbilder in ihrer Vollendung vorstellt. 
5. Ein charakteristisches Detail (Ornament oder derglei- 
chen) der Bemalung im Maßstab i : 10. 2. Berech- 
nungen. I. Eine bindende feste Offerte für die .-Vus- 
führung der 14 Stück Stationenbilder und der zwei Stück 
Ergänzungsbilder. 2. Eine bindende Offerte für die 
Ausmalung des Chores d. h. der Wände und der Ge- 



pinem Zuge der Zeit folgend, hat 
München in diesem Winter 
erstmals eine umfassende, fast ausschließliche Schwarz- 
Weißausstellung in den gesamten Räumen der Secession 




GEORG KAU DES KUNSTLERS TOCHTERCHEN 

OUtutiie V. 7. /909. — Text S, 177 



SCHWARZ-WEISSAUSSTELLUNG DER MÜNCHENER SECESSION 



191 



veranstaltet. Es war dabei auch ein glück- 
licher Griff, nicht bloß besondere Sparten, 
sondern eher alle Spielarten der graphischen 
Künste, so weit sie noch das Erzeugnis der 
Künstlerhand darstellen, vorzuführen; infolge- 
dessen hat die Schwarz-Weißausstellung auch 
farbige Zeichnungen, Aquarelle usw. in sich 
aufgenommen. 

Als die Berliner Schwarz-Weißausstellung 
1909/ ig IG eröffnet wurde, da sagte noch 
Max Liebermann in seiner Vorrede: »Wenn 
wir trotz des geringen Interesses, welches 
das Publikum den zeichnenden Künsten ent- 
gegenbringt, wiederum eine graphische Aus- 
stellung veranstaltet haben, so hat uns die 
Überzeugung geleitet, daß die Zeichnung die 
Grundlage aller bildenden Kunst ist. Von hier 
aus muß die Pflege beginnen.« Diese Worte 
treffen heute, nach so wenigen Jahren, schon 
nicht mehr ganz zu; denn das Interesse an 
der Graphik ist, nachdem von Seiten der 
Künstlerschaft und auch des Kunstmarktes seit 
über einem Jahrzehnte energische Vorberei- 
tungen getroffen worden sind, stetig und 
merklich gestiegen. Die »kleinen« Sammler 
sind in weiten Kreisen nunmehr schon zu 
finden; und das ist sicherlich gut so. Man 
kann sich mit guter Originalgraphik kleine Be- 
sitztümer schaffen, die genug Reize intimer 
Art an sich tragen. Freilich wendet sich ein 
großer Teil des Interesses auch älterer Graphik 
zu, und auf diese Blätter sind die Sammler 
jeder Gattung natürlich von jeher stolz ge- 
wesen; aber es macht trotzdem Freude, zu 
sehen, wie sich das Moderne neben dem Alten 
behauptet. Wer heute eine Schwarz- Weiß- 
ausstellung besichtigt, kann sich davon wohl 
überzeugen; wer mit der Zeit geht und in 
ihr steht, wird die Grenzen, die auch auf 
diesem Gebiete zu ziehen sind, nicht über- 
schreiten. 

Noch einiges Prinzipielle. Fraglos sind die 
graphischen Künste neben der Architektur und 
dem Kunstgewerbe am ehesten dazu berufen, kulturelle 
Wirkungen im Sinne der Erziehung zum Geschmack und 
künstlerischen Verständnis hervorzubringen. Freilich, wer 
Graphik ausschließlich und in großer Menge sehen und 
wirklich auch verstehen will, der muß ein feines Auge, 
manchmal auch schon ein geübtes, besitzen, muß im- 
stande sein, den innersten künstlerischen Regungen, dem 
absolut Gegebenen verständnisinnig zu folgen. Hier 
scheint ein Gegensatz zu bestehen. Gehen wir aber 
vom Tatsächlichen aus, von dem, was uns das Leben 
selber zeigt, so läßt sich nicht leugnen, daß in vielen 
Einzelfällen beispielsweise die Lithographie, zumal die 
farbige heute, im Bunde mit dem Holzschnitt und auch 
der Radierung, die aber meist schon wieder künstlerisch 
absoluter gewertet werden will, viel Ersprießliches ge- 
wirkt hat, sei es als Bild an der Wand oder als Blatt 
in der Mappe. Der älteren Zeit gegenüber nun hat in 
unserer Zeit die reine Zeichnung, sei es in Stift, Kohle 
oder Feder, große Bedeutung erlangt, ja sie hat inin- 
destens den gleichen Bildwert schon erlangt wie ihre 
graphischen Schwestern; in dem unmittelbaren Original- 
charakter übersteigt sie diesen schlechthin. Man hat 
eingesehen, daß echte wahre, ungetrübte und unver- 
kümmerte Werte in der Graphik sich offen unsern 
Augen zeigen, am allermeisten in der Zeichnung im 
weitesten Sinne, in der eigentlichen Radierung, vor 
allem auch — zum Unterschied vom Kupferstich — in dem 
Holzschnitt und in der Lithographie. Fast jeder Schaf- 
fende kann hier frei, ungehindert, unbeeinflußt gestalten, 




GEORG KAU 



Öhtttdie, geim fg/J. 



Text S. IJS 



KIRCHEKIXNERES 



und sobald er die Technik beherrscht, reizt sie ihn 
mehr wie in jeder andern Kunstgattung zum frohen 
Spiel des Stiftes oder Stichels. Nicht nur daß die 
Technik die Ausdruckskraft oder die Stoßkraft, die Un- 
mittelbarkeit nicht hemmte, in vielen Fällen läßt sie er- 
höhte Reize miteinspielen. So finden wir bei relativ 
schlichten Mitteln größte Klarheit, stärksten Ausdruck 
und fast immer einen Gewinn an Qualität. Wir wollen 
aber, wohlgesagt, bei all diesen Werturteilen innerhalb 
unseres gesteckten Grenzgebietes bleiben, nicht die nahe- 
liegenden Vergleiche anstellen mit der Malerei, wenn 
auch feststeht, daß viele Meister — ältere wie neuere — 
auf graphischem Gebiete ihr Letztes und Höchstes ge- 
geben haben, und wenn uns somit auch ferner viele Künst- 
ler als Graphiker höher stehen wie als Maler. Das Zeichnen 
an sich, ohne daß es sich immer um Studien zu abge- 
rundeten Bildern handelt, macht dem Künstler von 
heute mindestens ebensoviel Freude als wie die Her- 
stellung eines Gemäldes, in dem er sein Innerstes geben 
will; die Zeichnung ist sich Selbstzweck geworden, 
genau wie die Radierung und der Holzschnitt es schon 
lange sind; somit haben wir heute eine vielverzweigte, 
geschlossene und in allen Punkten sich selbst bezwek- 
kende Graphik. Und daher die erstaunliche Produkti- 
vität, die .Notwendigkeit aber auch besonderer, ein 
Ganzes gebender Ausstellungen, in denen nicht Studien, 
sondern restlose, in sich fertige Kunstschöpfungen der 
Öffentlichkeit überantwortet werden. Und man wird 
heutigentags wieder und gerade bei der Erwägung, ob 



192 ^ SCHWARZ-WEISSAUSSTELLUNG DER MUNCHENER SECESSION ^SS 



Original oder Reproduktion, sich vielfach für 
die erste Gattung entscheiden, da hier bei 
gleich mobilem Material oft wenig mehr imter- 
schiedlicliem Aufwand d. i. den Ausgaben 
fraglos größere Werte gegenüberstehen, eben 
in den Originalen, da wohl niemand den 
mittelbaren technischen Entstehungsprozeß der 
vervielfältigenden künstlerisclien Graphik als 
ungünstiges Moment bei der Beurteilung und 
Wertschätzung zu sehr in Betracht zieht. 

Die Müncliener Schwarzweiß Ausstellung, 
deren Beständen wir uns im folgenden zu- 
wenden wollen, ist im ganzen internationalen 
Charaklers, \vei:n auch das Ausland gegen- 
über dem Einheimischen nicht stark vertreten 
ist. Als geschlossene Gruppe trefl'en wir nur 
die Franzosen an; eine kleine historische Aus- 
stellung zeigt uns fein ausgewählte Blätter 
ihrer besten Meister des gesamten 19. Jahr- 
hunderts. Gerade durch ihre Nachbarschaft 
mit dem modernen Deutschland tritt klar zu- 
tage, in wie hohem Maße sie uns halfen bei 
dem Streben nach Befreiung von der starren, 
festen Form, indem sie auch bei ihrer zeich- 
nerischen und graphischen Tätigkeit die Na- 
tur auf malerisch-farbige Qualitäten hin sahen, 
verarbeiteten und den Fluß der Linie sowie 
den farbigen Wert der Fläche an Stelle der 
allzu körperlichen Konsistenz des Gegenstan- 
des und zeichnerischen Gebundenheit setzten 

(Schkil! lol^t) 



KRONUNGSAUSSTELLUNG 
AACHEN 1915 

Anläßlich der loojährigen Vereinigung der 
Rheinlande mit der Krone Preußen veran- 
staltet die Stadt Aachen im Jahre 1015 eine 
große historische Ausstellung, welche ent- 
sprechend der geschichtlichen Bedeutung der 
Stadt als der Krönungsstätte von 32 deutschen 
Königen als Krönungsausstellung ge- 
dacht ist. 

Seine Majestät der Kaiser hat huldvollst ge- 
ruht, die Schirmherrschaft über die Ausstellung zu über- 
nehmen. Die Krönungsausstellung will alle bildlichen 
Darstellungen von deutschen Kaiser- und 
Königskrönungen und alle Monumente und Doku- 
mente, die sich auf Wahl und Krönung der deutschen 
Könige beziehen, vereinigen. Den Hauptanziehungspunkt 
werden dabei die ehrwürdigen Krönungsinsignien 
aus dem Schatze der Hofburg in Wien bilden, welche 
für die Stadt Aachen in echtem Material nachgebildet 
werden. 

Besonders aber wird eine vollständige Sammlung 
der Porträts und Bildnisse aller deutschen 
Könige und Kaiser von Karl dem Großen bis Franz II. 
zur Ausstellung gelangen, so daß zum erstenmal 
eine lückenlose Ikonographie aller deutschen Könige 
und Kaiser gegeben wird. 

Mit dieser historischen Schau werden in einer kunst- 
historischen Abteilung alle wertvollen Kunst- 
gegenstände aus dem Besitze oder aus Stiftun- 
gen deutscher Kaiser, kostbare Miniaturen, Gold- 
schmiedearbeiten, Prunkwaffen und Rüstungen ver- 
einigt werden. Mit dieser großartigen Schausammlung 
werden eine Reihe von Sonderausstellungen verbun- 
den sein: Sammlung von Kaiser- und Königsur- 
kunden, Siegel und Münzen, Pläne, Abbil- 
dungen und Modelle der Kaiser pfalzen, Ab- 
bildungen der Wahl- und Krönungsstätten, der 




GEORG K.\D 



BltistiftsUidie v. 7. igoi. - Text S. i-jS 



FELSEXPARTIE 



Grabstätten und Grabdenkmäler der deutschen 
Kaiser und Könige. 

Als Ort derAusstellung ist das alte Königshaus, 
das jetzige Rathaus bestimmt, dessen Krönungssaal 
als der historische Schauplatz zahlreicher Krönungsfeier- 
lichkeiten besonders geeignet erscheint. 

In Anbetracht der wertvollen Denkmäler, welche 
hier erstmals an einem Ort vereinigt werden, verspricht 
die Aachener Krönungsausstellung an historischer, kunst- 
historischer und nationaler Bedeutung hervorragend zu 
werden. 

Die Leitung der Ausstellung liegt in Händen des 
Direktors der Städtischen Museen, Dr. H. Schweitzer. 



NOCHMAL ENTWURFE FUR;;EINEN 
GARTENPAVILLON 

In der vorigen Nummer veröffentlichten wir auf 
S. 1 58 rt. mehrere Entwürfe für einen Gartenpavillon. Der 
auf S. 158 unten abgebildete Entwurf trug irrtümlich 
die Bezeichnung: Max Härtung, während er von Wil- 
helm Lechner stammt. Um auch die Außenansicht 
dieses Projektes zu zeigen und den Vergleich desselben 
mit den übrigen zu erleichtern, reproduzieren wir nun 
auf S. 29 der Beilage eine .\bbildung des .-Vußern. 



BEILAGE 



WIENER AUSSTELLUNGEN 



29 



WIENER AUSSTELLUNGEN 

Künstler haus — Secession — Albrecht Dü- 
rer-Bund — Österreichischer Künstlerbund 
— Vereinigung bildender Künstlerinnen 
Österreichs — Schwarz -Weiß-Ausstellung 
— Kleinere Lokalausstellungen 

Deich, fast allzureich war die Ernte, die uns der dies- 
jälirige Herbst im Bereiche der Kunst hier in Wien 
gebracht hat. Sechs größere Ausstellungen von mehr 
oder minder einschneidender Bedeutung für das Kunst- 
leben in der Kaiserstadt an der Donau, neben einer 
ebenso großen Zahl kleinerer Spezialausstellungen, die 
natürlich nur kurz gestreift werden können ! Wahrlich 
keine leichte Aufgabe für den ernsten Kunstfreund, eine 
noch schwierigere für den Kritiker, sich in dieser Über- 
fülle auch nur das Wertvollste herauszuholen. 

Ungewöhnlich spät eröffnete dieses Mal die größte 
Vereinigung bildender Künstler Wiens, die »Kün stier- 
genossen sc ha ft« ihre Herbstausstellung, sie bringt 
uns aber gleich beim Eintritt eine angenehme Über- 
raschung, den fertiggestellten, von den Architekten Theisz 
und Jaksch erbauten »Zentralmittelsaal«, der von Licht 
überflutet, der Plastik eingeräumt wurde und den aus- 
gestellten Arbeiten reichen Spielraum gewährt. Wir 
wollen deshalb auch mit der Würdigung der bildhaue- 
rischen Schöpfungen den Anfang machen. Gleich beim 
Eintritt in den Saal wirkt mit erdrückender Macht die fast 
die ganze Mittelwand beherrschende Kolossal-Gruppe für 
den Hochaltar der Kirche in WienFloridsdorf: »Madonna 
mit dem Jesuskinde«. Zu deren Füßen der fromme Mark- 
grrf Leopold und dessen Gattm Agnes, die Stiftung der 
Kirche auf dem Leopoldsberg vollziehend. Ein Kunst- 
werk von hervorragender Schönheit. Von religiösen 
Plastiken ragen noch hervor: die nunmehr in weißem 
Marmor ausgeführte »Arbeitende Maria« von Pro- 
fessor Wilhelm Seib, die in unserer Zeitschrift 
schon früher eine eingehende Schilderung erfuhr, 
ein stimmungsvolles Grabdenkmal von Josef 
Kassin und ein großes Grabrelief von Hans 
Schaefer »Trauernder Jüngling«. »Cliristus der 
Kinderfreund« von Adolf Wagner, eine das 
göttliche Kind küssende Madonna von W. Ruß; 
die letzteren beiden Werke der Kleinplastik. Ste- 
phan Schwartz bringt eine lebensvolle Büste 
des Kanonikus Johannes Reider, Canciani eine 
vortreffliche Wiedergabe des Fechtmeisters Bar- 
basetti, Hofner »Pallas Athene« und »Salome«, 
C. M. Schwerdtner ein prächtiges Hebbelpor- 
trät. Ein großes in Kupfer getriebenes Relief von 
Michael Six stellt den Heiligen Klemens Marie 
Hofbauer dar. Von den profanen Plastiken seien 
nocli die Riesenfigur des Adolf-Picliler-Denkmal.s 
von dem Schöpfer der großen Madonnen-Gruppe, 
Bildhauer Ed. Klotz und der Jäger aus dem 
Jahre 181 5 (eine Detailfigur des Kriegerdenkmals in 
Hermagor) von Josef Kassin erwähnt; eine überaus 
feine und anmutige Arbeit ist auch das »Elisabeth- 
Denkmal« von Professor Stephan Schwartz. »Fied- 
lers »Vertröstung«, eine sorgfältig durchdachte 
und durchgearbeitete Frauengruppe soll nicht 
übersehen werden, ebensowenig eine Jünglings- 
figur in Marmor von Albert Schloß, die eine 
recht vornehme Wirkung auslöst. Mit der überaus 
getreuen Büste des Erzherzogs Franz Ferdinand 
von Enianuel Pendl, einer ebenso fleißigen wie 
wolilgelungenen Arbeit möcliten wir den Bericht 
über diesen Teil der Ausstellung schließen. Nun 
zu den Malern. 

Das »olfizielle« Bild der Ausstellung, ein Gemälde 
von reicher Bewegtheit und hohem .^del der Gesin- 
nung ist Julius von Blaas umfangreiches Prozes- 



sionsbild des Eucharistischen Kongresses. Das Bild ist im 
Auftrage des Thronfolgers gemalt und ein repräsentatives 
Dokument. Blaas hat den ihm erteilten ehrenvollen 
Auftrag mit einem höchster Anerkennung würdigen Takt 
und besonderem künstlerischem Feingefühl ausgeführt. 
Es war nicht leicht, einem Gemälde malerische Wirkung 
zu verleihen, bei dem jede der porträtähnlich wieder- 
gegebenen Persönhchkeiten, jedes Kostüm, jede Tracht, 
die Szene und alles Beiwerk ebenso unabänderlich ge- 
geben war wie die Anordnung der ganzen Komposi- 
tion. Ein Bild von eigenartiger Schönheit ist des Un- 
garn Karl von Ferenczys »Piet.A«, das zwar mehr- 
fach Widerspruch hervorruft, da der Künstler aller Kon- 
vention anscheinend mit Absicht aus dem Wege geht, 
aber auf alle Fälle bleibt es eine sehr tüchtige Leistung. 
Auch Ferdinand Hodler, der grolle Schweizer, wie 
ihn viele nennen, ist mit einem seiner Bilder vertreten, 
dem »Mäher«. Holders Bilder haben bekanntlich alle 
etwas Übermenschliches, fiist möchte man sagen Un- 
natürliches an sich, daran werden auch seine begei- 
stertsten Verehrer nichts ändern können und seine Art 
zu malen ruft viele Bedenken wach. In seiner Heimat 
wird die Opposition gegen ihn eine immer größere. 
Von großer koloristischer Wirkung ist des Münchners 
Walter Schnackenberg Gemälde »Die Revolution«; 
das Ganze hat einen fühlbaren Blutgeschmack. Als 
Pendant zu diesem Bilde könnte man Fischer-Köy- 
strands »Dubarry« nennen, das fast als eine Persiflage 
zu ersterem bezeichnet oder empfunden werden kann. 
Fischer-Köystrand hat ferner einige recht hübsche Tem- 
perabildchen ausgesteUt, die teils von Ijehaglichem Hu- 
mor, teils von leichterer Ironie durchweht sind. Baschny 
hat ein anmutiges Kind, das vom Verandalenster aus 
in die sonnige Landschaft blickt, gemah, Delitz und 
Janesch »Kleine Mädchen inmitten von Blumen«, 




WILHELM LECHNHR 



■ GARTENPAVILLON 



Der Schnitt hierzu ist abgebildet S. JJS der vorigen Nittttmery aber irr- 
tümlich mit Max Hartnng bezeichnet. Vgl. Text S. /gz 



,0 



VERMISCHTE NACHRICHTEN 



Ruzicka ein >Gänsemädel«, Korsinsky einen »Som- 
mertag«, Epstein bringt außer einem realistischen Por- 
trat ein liübsclies Interieur »Bei der Toilette«. Außer- 
ordentlich zahlreich wie stets sind die »Landschaften« 
vertreten, bunter denn je ihr Gesamtbild. Die Zeit der 
Gärung, des Überganges hat auch manchen von ihnen 
ein vielfarbiges Siegel aufgedrückt. Von den großen 
Meistern ist es Darnaut, der in seinem »Sommer« 
wieder durch glänzende Technik wie Farbengebung 
fesselt. Suppancic zeigt stimmungsvolle Wachau- 
landschaften, Kasparides einen überaus efTektvollen 
Vorwurf » Vor Sonnenuntergang « , L e i t n e r Bilder von der 
Ostseeküste, Eichorn eine Adria-Studie, Urban ein 
nordisches Seestück. In der Heimat bleibt Baschny tnit 
einem prächtigen »Herbst in Grinzing«, Prinz bringt 
nicht alltägliche Ansichten aus den Alpen, Ad. Kauf- 
mann belgische (flämische) Städtebilder, Glotz einen 
wunderbaren Bergsee, Zoff Motive aus dem Tyrrhe- 
nischen Meer, Anton Schmidt die von einem Sonnen- 
strahl beleuchtete Rio del Teatro in Venedig. Ran- 
ge ny hat in seiner starken, koloristisch brillanten Tech- 
nik malerische Partien aus altdeutschen Städten gebracht, 
Böhm gefälhge Architekturstücke, ebensolche Nasta- 
Roic, sehr sorgfältig durchgearbeitet. Graners Wiener 
Bilder zeichnen sich durch einen brillanten Lokalton 
aus. Gsur, Hamza und Legier haben recht hübsche 
Interieurbilder ausgestellt, besonders interessieren aber 
die leinen Kirchen -Interieurs Pflugs, die wie immer 
gründliches Studium und ein sicheres Auge verraten. 
Bei den Tierstücken dominiert Julius von Blaas mit 
einem Pferdemarkt, der ganz ausgezeichnet gemalt ist ; 
Fahringers Papageistudien und Ludwig Kochs Un- 
garisches Gestüt seien hier gleichfalls mit Berechtigung 
lobend hervorgehoben. Stilleben sind in reicher Zahl 
vertreten, besonders Bluraenstücke von Czech, Marie 
Lasus, Marie Egner, Therese Schach ner, Scholz, 
Z et sc he usw. Besonders zwei Bilder der Münchnerin 
Helene Petraschek-Lange, ein prächtiger Rosen 
Strauß und Azaleen vor dem Spiegel finden viel Be- 
wunderung; diese zwei Bilder zeigen, was sicheres und 
ehrliches Können ist und wie eine malerische und zeich- 
nerische Harmonie entsteht. Von den Porträtisten sind 
auch diesmal die führenden Wiener Meister reich und 
gut vertreten. Heinrich von Angeli, John duincy 
Adams, Nikolaus Schattenstein, Krauß, Rau- 
chinger, Veith, Scharf, Epstein, Torggler, 
Schiff, Temple, Karl Gsur, Ivanowitsch, Ajdu- 
kiewicz,Pochwalsky,Me hoffer, Windhager u.a. 
Jeden einzelnen dieser Künstler von Ruf zu würdigen, 
ist unmöglich, wohl auch nicht unbedingt notwendig, 
da die dargestellten Persönlichkeiten fast ausnahmslos 
der Wiener Gesellschaft angehören, Spezial-KoUektionen 
sind vorhanden von Max von Poosch, Hans Lar- 
win und W. V. Krauß. Poosch bringt Genre- und 
Landschaftsbilder, Larwin köstliche Früchte seiner dal- 
matinischen Sommerfahrten, Krauß Bilder aus seiner 
ganzen Künstlerlaufbahn. Im ersten Stockwerk befinden 
sich noch zwei Gedächtnis-Ausstellungen nachgelassener 
Werke von Eduard von Lichtenfels und Fritz 
von Pontini. Lichtenfels, der hochbetagt, fern von 
Wien gestorben ist, war ein Meister der Landschaft und 
gehörte jener heute viel verlästerten Schule an, die man 
die alte zu nennen gewohnt ist. Im Mittelpunkt der 
ihm geltenden Gedächtnisausstellung stehen die Ge- 
mälde »Donauufer im unteren Prater« (im Besitz Kaiser 
Franz Josefs) und die vorzügliche Berglandschaft aus 
der Gemäldegalerie der Wiener Kunstakademie. Lichten- 
fels verstand es meisterhaft, die verträumte Poesie, die 
an den Ufern der Donau sich kundgibt, mit feinstem 
Empfinden wiederzugeben. Pontinis Kunst trägt ein 
heiteres Gepräge, speziell war er auch als Radierer sehr 
geschätzt. Die Radierung »Weidende Kühe« und die 



Gemälde »Geteilte Meinung« (ein Storchenpaar), 
»Schwäne im Eis« und »Streitende Elstern« lassen seine 
Begabung im besten Lichte erscheinen. Schade für die 
Kunst, daß sie ihn so l'rüh verlieren mußte. 

Ehe wir uns von der diesjährigen Ausstellung im 
Künstlerhause verabschieden, sei auch noch kurz der 
»Miniaturen und Radierungen« gedacht, erstere durch 
Ipold, Albert Richter und Johanna Freund durch- 
weg recht würdig vertreten. Bei den Radierungen sind 
es vor allem die hervorragend schönen Blätter Luigi 
Kasimirs »Die Paulskirche in London«, »Burghof Dürn- 
stein«, die die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich 
lenken. Recht hübsche Motive aus Sarajevo bringt der 
Bosnier H e ß h a i m e r, ferner E c k a r d t eine Ansicht von 
»Stift Melk«, weiter schließen sich mit durchweg guten 
Leistungen an Gold, Edlbacher, Emma Hrnczyrek, 
Krzak, Woernle usw. Bei dem großen Umfang der 
Ausstellung mußte natürlich manches unerwähnt bleiben, 
das gleichwohl in künstlerischer Q.ualität hinter dem 
Besprochenen durchaus nicht zurückbleibt, es ist aber 
— schon des Raumes wegen — eine Unmöglichkeit, 
allem und allen gerecht zu werden. 

(Schluß folgt.) 




FERD. NOCKHER 



TR 



SCHLUSSVIGNETTE 



VERMISCHTE NACHRICHTEN 

Deutsche Werkbund- Ausstellung Köln 1914. 
Die Haupt-Ausstellungshalle auf der Deutschen Werk- 
bund-Ausstellung Köln 1914 erfiihrt eine beträchtliche 
Erweiterung. Die über Erwarten zahlreich eingegange- 
nen Anmeldungen hatten schon längst zur Über- 
dachung der ursprünglich vom Erbauer der Halle, 
Prof. Theodor Fischer -München — vorgesehenen 
großen Innenhöfe geführt. Es fehlten jedoch noch 
der Raum für wichtige Teile' des Ausstellungspro- 
grarams, die nun in dem neuen Anbau Platz finden 
werden. Die mächtige, repräsentativ ausgestaltete Mittel- 
halle entsendet rechtwinklig zu beiden Seiten je 5 un- 
mittelbar nebeneinanderliegende Ausstellungshallen. Den 
Übergang von der Mittelhalle zu den Querhallen ver- 
mittelt auf jeder Seite eine der Mittelhalle parallel laufende 
schmale Seitenhalle. Dieser reichgegliederte innere Kern 
der Hauptlialle ist ganz von einem Gang umzogen, an 
dessen Außenseite rechts und links je 4 Ausbauten für 
geschlossene Raurakunstgruppen mit dazwischen liegen- 
den Gartenteilen sich anschließen. Auf der Hintersehe 
hegen jenseits des Umganges noch einige Raumkunst- 
trakte und die jetzt neu geschaft'enen Ausstellungsräume 
mit den 3 kirchlichen Räumen als letztem Abschluß. 
Zu der Haupthalle kommen noch viele Ausstellungs- 
hallen. Die kirchliche Kunst wird in drei Abteilungen 
zu sehen sein: im Kirchenraum der Haupthalle, im 
»Kölner Haus« und in der »Dorfkirche«. 



VERMISCHTE NACHRICHTEN 



31 



Ludwig Glötzle (München) malte kürzlich in der 
Stadtpfarrkirche St. Andreas zu Trostberg (Oberbayern) 
ein Freskobild >Der Leichnam Jesu im Schöße Mariens«. 
Für diese Kirche schuf er im Jahre 1902 auch zwei 
Seitenaltarbilder, ferner im Jahre 1904 ein Freskoge- 
niälde mit dem Tode des HI. Andreas. 

Bildhauer Heinrich Scholz (Wien) schuf für die 
Stadt Mildenau ein Denkmal Kaiser Josefs IL, ein Por- 
trät in Relief Scholz trat in den letzten Jahren mit 
mehreren größeren Arbeiten hervor, so mit dem Denk- 
mal für Walter von der Vogelweide in Dux, einem 
Grabmonument für den Großindustriellen Schicht, dem 
Hartel-Denkmal in der Wiener Universität. Jüngst wurde 
er anläßlich eines Wettbewerbes für das Adalbert Stifter- 
Denkmal mit einem Ehrenpreis bedacht. R. R. 

Für den verstorbenen Pfarrer der evang. Gemeinde 
in Wien wurde durch Bildhauer Hans Schäfer (Wien) 
ein Grabdenkmal mit einer Bronzegruppe in Relief 
errichtet. 

Eine offizielle Medaille für die österreichische 
Jahrhundertfeier der Befreiungskämpfe fertigte Medailleur 
Josef Tautenhayn. 

München. Die'Konkurrenz- Arbeiten der Stu- 
dierenden der Akademie der bildendenKünste 
für das Wintersemester 191 5/14 wiesen eine sehr große 
Anzahl von Arbeiten auf, unter denen sich manch viel- 
versprechendes Ersthngswerk befand. Namentlich die 
Malerarbeiten enthielten eine Reihe tüchtiger und ernster 
Arbeiten. Das als Preisaufgabe gestellte Thema > Sünd- 
flut« war naturgemäß dazu geeignet, eine große Mannig- 
faltigkeit in der Darstellung zu garantieren. Von der 
Prüfungskommission wurden folgenden Studierenden 
Preise zuerkannt, und zwar je ein Preis von 100 Mark 
den Malern Ludwig Angerer (v. Marr-Schule), Thomas 
Baumgartner aus München (Jank-Schule), Otto Dill (v. 
Zügel-Schule), Walter Ditz aus Elbungen (v. Marr-Schule), 
Franz Potocki (v. Marr-Schule) und August Wanner aus 
Basel (Becker-Gundahl-Schule), der zweimal einen Preis 
erhielt. L^nter den Bildhauern wurde der gleiche Preis 
zuerkannt: den Studierenden August Bachraann (Hahn- 
Schule), Ludwig Eberle (Hahn-Schule), Michael Gradl 
aus München (Schmitt-Schule), Karl May aus Erlangen 
(Kurz-Schule) und Negretti aus Italien (Schmitt-Schule). 
Außerdem erhielten 21 Maler und 14 Bildhauer Be- 
lobungen. 

Prof Wilhelm Hasemann wurde am 16. Sep- 
tember 1850 zu Mühlberg a. E. geboren, erhielt seine 
künstlerische Ausbildung an der Kunstschule zu Wei- 
mar und an der Karlsruher .\kademie. Seine etwas 
schwache Gesundheit veranlaßte ihn, seine Arbeitsstätte 
in Gutach, einem Schwarzwaldstädtchen, aufzuschlagen. 
Des Meisters Genrebilder und Landschaften aus dem 
Schwarzwald waren überall gern gesehen. Es seien 
hier nur einige aufgeführt, wie »Das Tischgebet«, »Die 
Kindstaufe in Lehengericht«, »Vor der Wallfahrtskirche« 
und »Der Uhrenhändler«. Als Illustrator zeigt er sich 
uns in Hansjakobs »Vogt von Mühlstein«. Am 28. No- 
vember dieses Jahres wurde der Künstler, der sich über- 
all großer Beliebtheit erfreute, von einem langen und 
schweren Leiden erlöst. G. b. 

Bildhauer Joseph Breitkopf-Cosel in Berlin 
erhielt den Aultrag, für die Königin Luise -Gedächtnis- 
kirche in BerHn-Weidmannslust die Portalstatue der 
Königin Luise zu fertigen. Von ihn stammen auch die 
Figuren des neuen Hochahars der St. Antoniuskirche zu 
Berhn- Oberschönweide. Im Berliner Lessing- Museum 



befindet sich von ihm ein Relief Arndts und für das 
Cecilienhaus zum Roten Kreuz daselbst schuf er ein 
Porträtrehef der deutschen Kronprinzessin. 

Maler Ferdinand Andri der Nachfolger Pro- 
fessor LWllemands an der Akademie der bil- 
denden Künste in Wien. Die bereits seit drei 
Jahren vakante Lehrkanzel des berühmten Meisters soll 
nunmehr in allernächster Zeit wieder besetzt werden, 
und zwar soll der bekannte Maler Andri berufen 
werden, der vom Professorenkollegium der Akademie 
zwar nicht primo loco, immerhin aber neben anderen 
hervorragenden Wiener Künstlern vorgeschlagen wurde. 
Maler Andri, der der Klimtschen Gruppe angehört, 
war früher Ehrenpräsident der Secession, ist aber vor 
einigen Jahren aus dieser Künstler-Vereinigung ausge- 
schieden. Die Uuterrichtsverwaltung hat im Ausland, 
vornehmlich in Deutschland, wiederholt große Aus- 
stellungen der Werke dieses Künstlers veranstaltet. An 
Stelle Otto Wagners ist bekanntlich erst jüngst ein 
Architekt berufen worden, der als Gegner der moder- 
nen Richtung gilt. Durch die Wahl eines Mitgliedes 
der Ivlimt-Gruppe für die Lehrkanzel L'AUemands sollen 
nun auch die »Modernen« zufriedengestellt werden. 

R. 

Ehrungen. Professor Otto Hupp in München 
und Goldschmied Rudolf Harrach in München 
wurden vom Deutschen Kaiser mit Orden ausgezeichnet. 
— ■ Die akademische Körperschaft der Kgl. Akademie 
der schönen Künste zu Antwerpen ernannte den Histo- 
rienmaler Max Fürst (München) und den kgl. geistl. 
Rat Kanonikus S. Staudhamer (München) zu Ehren- 
mitgliedern. — Dem Professor der Kgl. Akademie der 
bildenden Künste in München Martin Feuerstein 
wurde das Ritterkreuz des Verdienstordens der Baye- 
rischen Krone verliehen, womit der persönliche Adel 
verbunden ist. Ordensverleihungen erfolgten ferner an 
die Künstler Prof Erwin Kurz, Prof. Jos. Floß- 
mann, Prof. G. Barth (München). Den Titel und 
Rang eines kgl. Professors erhielten der kgl. Konser- 
vator Architekt Jakob Angermair (München), Bild- 
hauer Knut Akerberg, der städt. Baurat, Ehrenmit- 
glied der Kgl. Akademie der bildenden Künste in Mün- 
chen, Dr. Hans Grässel, Maler Karl Thoma Höfele. 

München. Die Bildhauerin Frau von Bary-Dous- 
sin veranstaltete eine Atelierausstellung. Sie erhielt den 
Auftrag, Ihre Majestäten den König und die Königin 
zu porträtieren. 

München. Professor Pruska an der Kgl. Kunst- 
gewerbeschule tritt mit i. Februar zurück, an seine 
Stelle kommt Professor J o s e p h Floß mann. 

Die alte Basilika in Münstereifel (Rheinland) er- 
hielt im Jahre 1912 durch die Bemühungen des Oberpfarrers 
Hochscheid einen in mittelalterhchen Formen gehaltenen 
Metallschrein als Altaraufsatz, der vergoldet und mit 
Email, Fihgran und Edelsteinen geziert ist. Die Kosten 
brachten die Pfarrangehörigen auf Der Schrein wurde 
von Juwelier Mors in Aachen-Burtscheid gefertigt und 
von Goldschmid Wüsten in Köln vergoldet. 

Maler Willy Stucke-Bonn (s. Jahresmappe 1913, 
S. 24) ist mit der Ausmalung des Chores der Pfarrkirche zur 
hl. Familie in Kassel beauftragt worden. Die Kirche ist 
im altchristlichen Basilikenstil erbaut und bietet besonders 
im Chor und im Transept große Wandflächen für Fres- 
komalerei. Die Apsis wird in der Mitte der Wölbung 
Christus auf Wolken thronend zeigen. Zu seinen Seiten 
sitzen Maria und Joseph. Unter Christus schwebt ein 



huciii:rs(:iiau 



Engel, welcher ein Spruchband mit den Worten : »Wachet, 
denn ihr wisset weder den Tag noch die Stunde« trägt. 
Er stellt die Verbindung zu den unter der Glorie stehenden 
Aposteln dar. Kniende Engel neigen sich zum Tabernakel 
nieder. Auf den Chorwänden wird rechts die Verehrung 
der Gottesmutter, links die des hl. Joseph in großen 
Hreskobildern dargestellt. Das Seitenschiff soll später 
mit acht Bildern, welche Hauptereignisse aus dem Leben 
der hl. Familie schildern, geschmückt werden. Die Fi- 
guren der Apsis überschreiten um ein Beträchtliches die 
Lebensgröße, die der Seitenwände erreichen dieselbe, 
jedenfalls wird Stucke, der ein Schüler Feuersteins ist 
und eine Anzahl rheinischer Kirchen mit Bildern 
schmückte, wenn man nach diesen und den Kartons 
zu dieser Ausmalung urteilen darf, etwas Hervorragendes 
leisten. Im Jahre 1913 vollendete er zwei große Wand- 
bilder für die Dominikanerkirche in Düsseldorf. Krämer 

BÜCHERSCHAU 

Handbuch der Kunstwissenschaft. Heraus- 
gegeben von Dr. Fritz Burger-München in Verbin- 
dung mit den UniversitätsProfessoren Curtius Erlangen, 
Hgger-Graz, Hartmann- Straßburg, Herzfeld und Wulff- 
Berlin, Neuwirth-Wien, Pinder-Darmstadt, Singer.Dresden, 
Graf Vitzthum Kiel, Wackernagel Leipzig, Weese-Bern, 
Willich und Oberbibliothekar Leidinger-München. Mit 
ca. 5000 Abbildungen. In Lieferungen ä M. 1.50 (Aka- 
demische Verlagsgesellschalt, Neubabelsberg). Lieferung 
8 und 9: Wulff, Altchristliche und byzantinische Kunst, 
Heft 4 und 5. 

Ohne Zweifel übte auf die Auswahl der Darstellungen, 
in denen während der ersten Jahrhunderte christliche 
Gedanken zum Ausdruck kamen und speziell der Typen, 
welche den Heiland verkörperten, die Scheu der Juden- 
christen vor Bildern der Gottheit ihren Einfluß. Dieser 
Umstand mußte sich bei der Rundplastik stärker und 
länger geltend machen als bei der Malerei und der mit 
letzterer enger verwandten Reliefbildnerei. Allmählich 
gewöhnten sich die Judenchristen an die unverschleierte 
Darstellung religiöser Stoffe und konnte mit dem Über- 
wiegen griechisch römischen und orientalischen Volks- 
tums die Rundplastik Boden gewinnen. Die plastische 
Kunstbetätigung der ersten (Christen entwickelte sich im 
Gefolge der malerischen und beginnt mit der bildne- 
rischen Ausschmückung der Sarkophage. Der Schilde- 
rung des Entwicklungsganges, welchen die Sarkophag- 
plastik nahm, stellen sich deshalb besondere Schwierig- 
keiten entgegen, weil der Standort der erhaltenen Sarko- 
phage keineswegs aucli ihr Entstehungsort zu sein braucht, 
in der 8. Lieferung des »Handbuclies der Kunstwissen- 
scliaft« beginnt O. Wulff die Besprechung der altclirist- 
lichen Plastik und entrollt an den Denkmälern des Abend- 
landes ein Bild der Entwicklung der Sarkophagplastik. 
Aus der Gruppierung des Studienmaterials ergeben sich 
zwei große Entwicklungslinien, die ihrerseits wieder 
verschiedene Klassen von Sarkophagen aufweisen. Als 
die altertümlichste läßt sich die alexandrinische Ricinung 
erkennen, von der sich deutlich eine jüngere kleinasia- 
tisch antiochenische abgrenzt. In Rom bildet sich ein 
gewisser Werkstatt Typus aus. In GaUien und ander- 
wärts sind lokale Spielarten entstanden. Seit Mitte des 
4. Jahrhundert übernahm Syrien in der Entwicklung der 
christlichen Kunst mehr und mehr die Führung. Sodann 
bildet das hl. Land seit Konstantin einen Mittelpunkt kirch- 
licher Kunstbetätigung. Der monumentalen Skulptur 
dieser Länder gehören die vier Säulen des Altarbal- 
dachins von S. Marco in Venedig an, die ein überaus 
reichhaltiges Beispiel der palästinensischen Redaktion des 



neutestamentlichen Bilderkreises um die Mitte des 5. Jahr- 
hunderts darstellen. Hierher sind auch einige Skulp- 
turen an S. Giovanni e Paolo und S. Marco und die 
Schnitzereien der Holztüre von S. Ambrogio in Mailand 
wie jene der Holztüre der Basilika von S. Sabina in 
Rom zu rechnen. In der koptischen Kunst treten mehr- 
fach Beziehungen zur syrischen zutage. Spärlich sind 
die Denkmäler altchristlicher Freiplastik. Am verbreitet- 
sten war die Gestalt des guten Hirten, in Statuetten in 
halber Lebensgröße, deren schönste ein hellenistisches 
Werk aus der Mitte des 5. Jahrhunderts sein dürfte. 
Zweifellos in Rom gearbeitet sind die Statuen des hl. 
Hippolytus und des hl. Petrus (in den vatikanischen 
Gärten), an denen nur Kopf und Hände später ergänzt 
sind. — Durch dieses ganze weite und schwierige Ge- 
biet erweist sich Wulff als besonnener und kundiger 

Führer. S Slaudhamcr 

Danziger Kunstkalender 191 4. Unter Mit- 
arbeit usw. herausgegeben von Kurt Liebenfreund. 
Danzig, W. F. Burau. 

Mit dem im vorigen Jahre erstmalig unternommenen 
Versuch hat der Herausgeber (zugleich Inhaber der Ver- 
lagsfirma) einen glücklichen Wurf getan. Wenn an dem 
I. Jahrgang noch die unzweckmäßige Anordnung zu 
bemängeln war, so hat der vorliegende 2. Jahrgang sich 
schon die entsprechende Form gefunden. Es ist ein 
Wandkalender, der einen Abreißblock für die einzelnen 
Tage mit Daten aus der Danziger Geschichte und dar- 
unter einen Bilderblock mit abreißbaren Bildern je für 
eine Woche enthält. Vielfach hat das Bild Bezug auf 
ein Datum seiner Woche. Da das Format der Abbil- 
dungen nicht allzu klein werden sollte und der obere 
Tagesblock nicht schmäler sein durfte, ist er groß ge- 
nug, um Zitaten aus Danziger Dichtern, Kunstschrift- 
stellern und Geschichsschreibern Raum zu bieten. Häu- 
figer finden sich darunter köstliche Gedichte des Roman- 
tikers Robert Reinick und Aphorismen von Schopen- 
hauer, die freilich, wie bei ihm nicht anders zu erwarten, 
manchmal gewagt und paradox sind. Die Auswahl der 
Bilder ist eine recht gute; freilich haben sie — dem 
Namen des Kalenders nicht ganz entsprechend — nicht 
nur auf Kunst und Kunstgeschichte Bezug, sondern be- 
rücksichtigen in weitem Maße die Kulturgeschichte, was 
den Danzigern im Interesse der Kenntnis ihrer heimat- 
lichen Vergangenheit allerdings nur willkommen sein 
kann. Neben Architekturdarstellungen, wofür Danzig 
die reichste Ausbeute gewährt, hnden sich Bilder nach 
Gemälden, bezw. Radierungen und Stichen von be- 
rühmteren und bekannteren Künstlern (in zeitlicher Folge; 
Möller, Hondius, Falck, Stech, Chodowiecki, Joh. Karl 
Schultz, Bendrat u. a.). Die Reproduktionen sind ge- 
lungen, außer einigen wenigen, die augenscheinlich nach 
anderweitigen Reproduktionen, nicht nach Original- 
photographien hergestellt sind (S. 2, 23, 37). Der Ka- 
lender präsentiert sich in guter Ausstattung, das mehr- 
farbige Titelbild ist von F. A. Pfuhle. — Im ganzen 
eine anerkennenswerte Erscheinung, die bei mäßigem 
Preise (M. 3.—) eine Fülle von Anregungen und eine 
erhebliche Bereicherung des Wissens zu bieten vermag. 
Es soll dies, wie behauptet wird, der einzige Kalender 
seiner Art in Deutschland sein. Wenn das der Fall ist, 
dann sollten auch andere kunstgeschichtlich bedeutsame 
Städte dem Beispiel Danzigs in dieser Art Pietät gegen 
die eigene Vergangenlieit folgen. B. M.ikowski 

Berichtigung. DieaufS. iii abgebildete Krippe 
ist nicht jene für den Dom zu Linz, sondern für die 
Stadtpfarrkirche St. Ludwig in München. 



Für die Redaktion verantwortlich; S. Staudbamer (Promenadeplatz 3}; Verlag der Gesellschaft für christliche Kunst, G. m. b. 
Druck von F. Brnckmann A. G. — Sämtliche in München. 



H. 




HERZ MARIA 

VON 

FRITZ KUNZ 



VERLAG DER GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST, G.M.B.H., MÜNCHEN 




ALBERT BOSSLET 



KIRCHE IN RHEINGOKHEIM 
htt Bau begriffen. — Text Seite ig^ 



ARCHITEKT ALBERT BOSSLET 

Landau i. Pf. 
^'on Dr. RICH. HOl-'FMAXN, Kgl. Konservator am Generalkonservatorium in München 



ps ist ein aufrichtiges Bekenntnis, wenn wir 
'— sagen, daß erst das Vertiefen in die anfäng- 
licii verborgenen Schönheiten an Werken ver- 
gangener Kunst — mögen sie nun monu- 
mental oder bescheiden sein — die Gegen- 
wartskunst zu neuem Aufschwung erweckte. 
Betrachten wir kirchliche oder profane Bau- 
ten der neuesten Zeit, so wirken Anlage wie 
Detaildurchbildung wie eine Art quellfrischen 
Einschlages, der in die Baukunst gekommen. 
Wie ganz anders ist der Geist, der erst seit 
kurzem die Kunst der Gegenwart beherrscht, 
gegenüber den Ideen, denen kirchliche und 
profane Architektur viele Dezennien des ver- 
gangenen Jahrhunderts hindurch huldigten, 
beginnend bei jener großen Bauperiode unter 
der Ägide des kunstsinnigen ersten Ludwig 
von Bayern. Hier und in der Folgezeit er- 
bückte man das Höchste in dem Wiederer- 
wachen der großen historischen Stile der Ver- 
gangenheit. Das schöne Bayerland, voran die 
bayerische Residenzstadt, wurde beglückt mit 
herrlichen Bauten kirchlicher und profaner 
Kunst. Ein Hauch der Begeisterung entfachte 
die Kunst zu hochidealer Entfaltung. Dieses 
edle Schwärmen für die Größe der Kunst der 
Vorzeit sah seine Hauptbefriedigung vor allem 



in der Nachahmung der großen und schönen 
Formen, welche das klassische Altertum, das 
Mittelalter, die Renaissance in ihren Wunder- 
werken dem staunenden Auge darbieten. Es 
war ein Schwelgen in den Schönheiten dieser 
Weltepochen der Kunst. In der kirchlichen 
wie in der profanen Bautätigkeit trug der 
Geist der Romantik seine allerdings sich immer 
mehr abflachenden Wellen bis an das Ende 
des Jahrhunderts. So sehr wir die große Bau- 
tätigkeit unter Ludwig I. als eine Periode 
edelster Kunstpflege bewundern, umso unbe- 
friedigter stehen wir nach unseren heutigen 
Anschauungen der darauffolgenden Zeit im 
allgemeinen wenigstens gegenüber. In der 
kirchlichen Kunst zumeist ist ohne Zweifel 
eine Stagnation zu beklagen gewesen. Erst der 
jüngsten Zeit ist es vorbehalten, mit anderen 
Augen die Kunst der Vergangenheit sich zu 
besehen. Die Wertschätzung der alten Kunst 
nimmt einen größeren Umfang an; mit dem 
gleichen liebevollen Interessse betrachtet man 
den bescheidensten Bau auf dem platten Lande 
wie ein monumentales Denkmal. Eine Schär- 
fung des Blickes für scheinbar untergeordnete 
und verborgene Schönheiten setzt ein. Eine 
Fülle von Momenten, an deren hohe, künstle- 



Die chriitliclte Kunst. X, 7. i. ,'\pril 1914. 



194 




ALBERT BOSSLET 



KATH. KIRCHE ZU INSHEIM 



Ert>aut iQf2 — ig tj — Text S. igq 




:hi^£^b;s^ 



ALBERT BOSSLET 



KATH, KIRCHE ZU INSHEIM 



Grundriß, l'gl. AH. oben «. S. igs 



^9 ARCHITEKT ALBERT BOSSLET ^ 



195 




ALBERT BOSSLET 



KATH. KIRCHE ZU INSHEIM (PFALZ) 



Erbaut tqi2 — igt j. l'gl. Aüi. S. ig4. — Text S. /gg. 



rische Bedeutung man früher nicht dachte, ent- 
zücktuns jetzt beim Vertiefen in Objekte der ver- 
schiedensten Geschmacksrichtungen früherer 
Stilperioden: sicheres, gesundes Formenge- 
fühi, verständnisvolles Anpassen an den Zweck, 
dem der Bau dienen soll, malerische Ein- 
gliederung in die nächste Umgebung, treff- 
liche Einfügung in das weitere Landschafts- 
bild. Die Würdigung vergangener Kunst nach 
dieser Seite hin verhalf nach langem, bedenk- 
lichem Stillstand der Kunst unserer Tage zu 
frischer, selbständiger Gestaltung. 

Architekt Albert Bosslet in Landau in 
der Pfalz führt uns eine Reihe von Arbeiten 
vor, die eine stark ausgeprägte Künstlerindivi- 
dualität verraten. Zunächst eine stattliche An- 
zahl von Kirchenneubauten. 

Die katholische Kirche in Rheingön- 
heim — zurzeit im Bau — vereinigt Kirche 
und Pfarrhaus in einheitlicher Gebäudegruppe, 
welche in der im Schaubild dargestellten 
Lösung ein treffliches Straßenbild ergibt und 
nach dem obertechnischen Gutachten sowohl 
in künstlerischer als auch in technischer Hin- 



sicht als eine wohlgelungene Arbeit bezeich- 
net worden ist (Abb. S. 193). Wohltuend be- 
rührt das sichere Abwägen in den Größen- 
verhältnissen: der massive, die Gesamtanlage 
überragende Turm verbindet sich mit dem 
hohen Bau des Kirchenschiffes zur macht- 
vollen Hauptgruppe, die innerhalb der sie 
umgebendenArchitekturen beherrschend wirkt. 
Der Gedanke der baulichen Verbindung von 
Kirche und Pfarrhaus bietet dem Künstler 
eine willkommene Gelegenheit zur Schaffung 
von lauschigen Bauidyllen. Reizvoll ist der 
über einem Tor sich hinziehendeVerbindungs- 
trakt von Kirche und Pt'arrhaus; eine anmu- 
tige Gliederung bringt der an der Westfas- 
sade des Langhauses vorspringende Vorbau 
mit dem Haupteingang, während eine Art »Pa- 
radies« geschickt die monotonen Rückfronten 
an den Langseiten des Kirchenplatzes ver- 
deckt. \'on einfacher, architektonisch ge- 
winnender Wirkung ist die Lösung des Innen- 
raumes. Der tonnengewölbte Hauptraum, der 
von quertonnig gewölbten , zwischen den 
eingezogenen Pfeilern angeordneten Nischen 



196 



ARCHITEKT ALBERT BOSSLET 5S^ 




ALBER r KObiLhl 



Süd' und Ostßügeh 



KURHAUS L[EBKRAüE!\BERl, DES ST. PAULL bS 111 I Li (BI.Ko/ABLKN', 
Erbaut jgit — igtS- — Text S. 201 — 203 



begleitet wird, zielit sich in ruhig-vornehmer schrift 

Wirkung iiin zu den drei halbrunden Altar- veröfte 

nischen. Der Backsteinputzbau umfaßt 800 Sitz- suchet 

platze. Die Gesamtkosten der Anlage mit Pfarr- Gesam 

haus betragen 125000 Mark. anläge 

Wieder eine ganz andere Lösung bringt 78500 

der Kirchenneubau in Ramsen (Abb. S. 198 Kirche 

und 199. Drei andere Abb. sind in der Zeit- undPö 



Der Pionier«, VL Jahrgang, Heft 3, 
ntlicht). Sie ist für 1500 Kirchenbe- 
hergestellt mit 550 Sitzplätzen. Die 
tkosten mit Planierungsarbeiten, Weg- 
und Heizungsanlage betragen nur 
M. Gegenwärtig wird das Innere der 
durch Mittel aus dem Fonds »der Pflege 
rderung der Kunst durch den Staat« aus- 




ALBERT BOSSLET 



GESAMTANSICHT VON LIEBFRAUENBERG (BERGZABERN) 
Erbfini tgri— JQIJ. — Text S. 2or~2oj 



197 




ALBERT BOSSLET 



KURHAUS LIEBFRAUEKBERG (BERGZABERN) 
Ansicht der Kapelle rem Hcf. Vgl. Abb, Seite igö 




ALBERT BOSSLET 



KLEINES SPEISEZIMMER 



Liebfrauenberg. l gl. Abi. S ig6 und oben 



198 



ARCHITEKT ALBERT BOSSLET e^ 




ALBERT BOSSLET 



KATH. KIRCHE I!^ RAMSEN 



Sciteiiaiisicht. V^l. Abb. der niichsteit Seite 



gemalt. Das seit einigen Jahren zu einem belieb- 
ten Kurort aufgeblühte Eistaldorf Ramsen ist 
hübsch in einem von ansehnlichen Höhen- 
zügen umsäumten Tale gelegen. Gegen Nor- 
den steigt das Dorfterrain an und auf mäßi- 
gen Erhöhungen erheben sich wirkungsvoll 
gegen den dunklen Hintergrund der Wald- 
berge kontrastierend die beiden Kirchen des 
Ortes. Eine besonders schöne Lage hat der 
Kirchenneubau. Er grüßt weit hinein ins lieb- 
liche Eistal, hinüber zu der alten Klosterruine 
Rosenthal, die märchengleich in herrlicher 
Waldlandschaft schlummert. Er beherrscht 
nicht bloß das Dorfbild, sondern auch die 
ganze Tallandschaft. Mit künstlerischer Be- 
rechnung sind den weichen Linien der Hügel- 
gegend die Formen des Baues angepaßt, für 
das Auge sehr wohltuend. Die Geschlossen- 
heit der Baugruppe mit den milden Konturen 
der Turmkuppel, dem ungezwungenen An- 
satz des halbrund schließenden Presbyteriums 
wie des westlichen Vorbaus an das von stei- 
lem Dache überdeckte Langhaus und der An- 
gliederung der Seitenschiffe gibt ein malerisch 
empfundenes Bild. Eine entschiedene Freiheit 
und Selbständigkeit im Aufgreifen der Stil- 
formen charakterisieren den Bau als eine 
Schöpfung der Gegenwartskunst. Mit der 
ruhigen Formenführung am Äußern steht die 



schlichte architektonische Lösung des Innen- 
raunies in Einklang. Im Halbrund des Chor- 
raumes erhebt sich der vornehm-schlichte 
Hochaltar aus weißem und rotem Sandstein 
mit Marmoreinlagen (Abb. s. Sonderbeil, nach 
S. 200). Seine Anlage ist als Retabel gedacht, 
deren Mittelstück zu einer architektonischen 
Betonung des Tabernakels ansteigt. Der Ta- 
bernakelbau selbst ist in seiner klaren Schei- 
dung von Repositorium und eigentlichem 
Thronos eine den liturgischen Forderungen 
trefflich gerecht werdende Komposition, wie 
andererseits eine künstlerisch gute Lösung. 
Die farbige Kraft des Materials in dem Metall 
der kupfervergoldeten Türchen des Unter- 
baues, der in gleichem Material hergestellten, 
von Bildhauer Bernl in Kaiserslautern mo- 
dellierten Engel, wie im glänzenden Marmor 
der Säulen des Baldachins für die Monstranz 
belebt den sonst in Farbe und Form mehr 
zurückhaltenden Aufbau des Altares. Die 
Kupfertreibaibeiten sind von Ziseleur Klop- 
fer, Lehrer an dem Gewerbemuseum in 
Kaiserslautern, die Steinmetzarbeiten von 
Ch. Hocke in Kaiserslautern ausgeführt. 
Von gleichergediegener Einfachheitund Würde 
in der Form sind die übrigen Einrichtungs- 
gegenstände, wie z. B. Taufstein und 
Beichtstühle. 



e^ ARCHITEKT ALBERT BOSSLET ^2S 



199 




ALBERT BOSSLET 



KATH. KIRCHE IN RAMSEN 



Choraltsicht. Erbaul igit — igi2. — Text S. tgö — tgS 



Der Kirchenneubau St. Josef in Friesen- 
heim-Ludwigshafen (Abb. S. 203) verfolgt 
wiederum die Idee von Rheingönheim, aber in 
bedeutend erweitertem Maßstabe, nämlich den 
Zusammenschluß von Kirche und Pfarrhaus, 
Kaplan Wohnungen, Katechetensaal, Küster- 
haus mit Volksbibliothek und Devotionalien- 
laden zu einereinheitlichen Baugruppe. Inbezug 
auf die architektonische Verbindung von Pfarr- 
hof und Kirchenbau ist der gleiche Gedanke 
zum Ausdruck gekommen. Die Kirche selbst 
bringt jedoch wieder neue bauliche Motive. Hier 
ist der Anschluß an vergangene Kunst unver- 
kennbar; trotzdem hat unser Meister es ver- 
standen, daß die Kirche als ein Werk des 
20. Jahrhunderts sich behauptet. Der acht- 
eckige, massive Turmbau mit seiner lebhaft- 
silhouettierten Kuppelbekrönung betont im 
Zusammenhang mit der Lisenengliederung an 
der steil ansteigenden Dreiecksform der Lang- 
hausfassade die vertikale Richtung, wozu die 
langgezogene Horizontale des Pfarrhauses, 
der Eingangslösung zur Kirche mit den drei 
nebeneinander gelegenen Portalen und der 
rechts an die Kirche sich schließenden Ge- 
bäulichkeiten in künstlerisch feinen Gegen- 
satz tritt. Das Projekt Friesen heim stellt 
sicher das neuzeitlichste Problem von Kirchen- 
bauten in rasch sich entwickelnden Industrie- 



städten dar. Die Vereinigung von so vielen 
Gebäulichkeiten zu einer Bauanlage und 
ihre Gruppierung zueinander nach den Be- 
dürfnissen und Wünschen ist geradezu einzig- 
artig. Die Gesamtkosten sind auf ca. 230000 
Mark berechnet, wobei die Kirche 2000 Per- 
sonen Platz bieten wird. Unser Bild stellt 
die Wirkung der Gesamtbaugruppe von dem 
Verkehrszentrum aus dar. Im Innern ähnlich 
wie bei Rheingönheim freier Ausblick nach 
den drei in Nischen angeordneten Altären. 
Die Spannweite im Mittelschiff beträgt 17,20 
Meter. Mit dem Bau wird alsbald begonnen. 
Ein weiterer Neubau ist die Kirche in Ins- 
heim (Abb. 194 — 195). Das Äußere ist cha- 
rakterisiert durch kraftvollen Aufbau mit do- 
minierendem Turm, aus der Baugruppe heraus- 
wachsend. Malerische Gruppierung der Bau- 
massen. Der Bau ist in gelb-weißem Sand- 
stein aus den nahen Steinbrüchen aufgeführt 
und mit rotem Ziegeldach gedeckt. Er be- 
herrscht auf leichter Anhöhe die ganze Ge- 
gend. Das helle und luttige Innere weist 
neben künstlerisch gelöster Raumwirkung eine 
Menge von Details auf, die der Meister im 
Interesse der Liturgie, einer zweckmäßigen 
Ausübung des Kultus und nicht zum we- 
nigsten auch im Interesse der Kirchendisziplin 
in geschickter und verständnisvoller Weise 



200 



ARCHITEKT ALBERT BOSSLET 




ALBERT BOSSLET HOCHALTAR-ENTW 

Kath. Kirche in InsJuim. — Text uttten 



schuf. So ist die Kanzel derart angeordnet, 
daß keine Gläubigen im Rücken des Redners 
sich befinden. Für eigene Beichtnischen ist 
gesorgt. Im Kircheninnern ist weiter die Mög- 
lichkeit eines Prozessionsumganges vorge- 
sehen. Auf speziellen Wunsch des Bauherrn 
sind besondere Kapellen geschaffen zur He- 
bung des Gebetes im stillen Winkel. Der 
Sandsteinhochaltar mit Marmorsäulen und 
Einlagen mit kupfervergoldeter Arbeit von 
Steinbrück in Speyer ist ein Beispiel, wie 
auch mit sehr geringen Mitteln (2500 M.) 
eine massive, dauerhafte und zugleich ge- 
schmackvolle Arbeit hergestellt werden kann 
(Abb. oben). Die fachmännische Kritik sprach 
sich über den Kirchenneubau dahin aus, daß 
die Kirche ein schönes, deutliches, abgeklärtes 
Bild eines ländlichen Gotteshauses von indi- 
viduellem, aber keineswegs gesuchtem Ge- 
präge bietet. Die Gesamtkosten des Rohbaues 
einschließlich Einfriedigungsmauer und Pla- 
nierung betragen 68000 M. Die Kirche nimmt 
ca. 1000 Besucher auf und hat ca. 400 Sitz- 
plätze. 

Von Kirchenprojekten ist weiterhin hervor- 



zuheben das aus dem Wettbewerb der 
D. Ges. i. ehr. Kunst hervorgegangene 
Projekt Wriezen. Wir sehen eine in- 
teressante Baugruppe vor uns, die sich 
an norddeutschen Typus anlehnt. Auch 
hier wieder Verbindung von Kirche und 
Pfarrhaus (Abb. S. 201). 

Das Dorf Ebernburg, am Fuße der 
gleichnamigen berühmten SickingerBurg 
malerisch gelegen, soll Kirche und Pfarr- 
haus erhalten und zwar in gotisieren- 
dem Charakter mit Rücksicht auf die 
alte gotische Einrichtung (Abb. S. 202). 
Bei Ausarbeitung des reizvollen Projek- 
tes waren für den Architekten neben 
besonderen Wünschen des Bauherren 
vor allem die Bauweise und die Ge- 
wohnheiten des anmutigen Nahetales 
bestimmend. 

Ein Gegenstück hierzu dürfte die wir- 
kungsvolle Gruppe der Kirche für die 
Westpfalz in steiniger Gegend darstel- 
len (Abb. S. 212). Die Ausbildung der 
westlichen Einganshalle mit Aufgang zur 
Westempore, die Anfügung von Seiten- 
schiffen, die Angliederung eines quer- 
schiffiartigen Ausbaues bringen reichste 
Abwechslung in die Baugruppe, aus der 
der Turm in seiner so natürlichen Ver- 
wachsung mit dem westlichen Langhaus- 
bau wirkungsvoll aufsteigt. Der dem 
Typus der Landschaft trefflich angepaßte 
Bau gehört mit zu den gelungensten Ar- 
beiten unseres Künstlers. 

Zu den bisher betrachteten Kirchenbauten, 
die sich als vollständige Neuschöpfungen re- 
präsentierten, gesellt sich eine ganze Reihe 
von Gotteshäusern, die unter mehr oder min- 
der umfangreicher Verwendung des alten Be- 
standes von Architekt Boßlet geschaffen wor- 
den sind. So der Kirchenumbau in Mörl- 
heim (Abb. S. 204). Es galt hier den Turm- 
bau unter Verwendung des alten Dachreiters 
in den Neubau geschickt einzubeziehen. Die 
Schvv'ierigkeit lag vor allem in dem Über- 
gang von dem breiter angelegten Turmunter- 
bau zu dem schmalen Dachreiterkopf. Die 
Lösung der Aufgabe ist gut gelungen. Die 
hübsch im Grün gelegene Kirche bietet ein 
harmonisch geschlossenes Ganzes. 

In dem reizend gelegenen Walddorfe Tripp- 
stadt, in schönster Lage des Pfälzer Waldes, 
soll ein altes Kirchlein erweitert und das viel 
zu kleine Pfarrhaus vergrößert werden (Abb. 
S. 205). Diese Aufgabe ist auf dem vor uns 
in Abbildung liegenden Projekt vorzüglich 
gelöst worden. Der Künstler ging mit pietät- 
vollster Schonung gegen den alten Bestand 



URF 




In der kath. Pfarrkirche 
o in Ramsen (Pfalz) o 



ALBERT BOSSLET 
® HOCHALTAR ® 



^S ARCHITEKT ALBERT BOSSLET ^ 



201 



vor. Die Neubauten unv 
schließen dezent den alten 
Kern des lieben Kirchleins, 
gleichsam in zärtlicher Um- 
armung den altehrwürdigen 
kleinen Bau hegend und 
schützend. Der Architekt 
hat es verstanden, frei von 
jeder erdrückenden Auf- 
dringlichkeit dem Neubau 
ein einfaches schlichtes An- 
sehen zu geben, das eben 
zu dem Typus der stillen, 
entlegenen Waldlandschatt 
mit ihren eigenen, für sich 
abgeschlossenen Verhält- 
nissen stimmt. Mit welchem 
Geschick nach der techni- 
schen Seite hin der Meister 
in bezug auf die Vereinigung 
von altem Bestand und Neubau verfahren ist, 
ist am deutlichsten aus dem unseren Abbil- 
dungen beigegebenen Grundriß ersichtlich. 
Gehen wir von den rein kirchlichen Bauten 
zu den mit profanem Charakter gemischten, 




ALBERT BOSSLET 

^us dent Wettbewerb der D. G./. ehr 



K.fiir Wriezett. 



KIRCHENPRO|EKT 
Text S. ZOO 




rst:i:zdo 



ALBERT BOSSLET 



PROJEKT FÜR KIRCHE UMD PFARRHAUS IN WRIEZEN 
Lageplayl jind Grundr/ß. l'ffl. obti;e Abb. 



bezw. ausschließlich profanen Bauten Boßlets 
über. Da steht obenan die große, umfangreiche 
Anlage des KurhausesLiebfrauenberg- Berg- 
zabern (Abb. S. 196 u. 197). Durchdieam2 5.Juni 
vergangenen Jahres erfolgte Konsekration der 
Liebfrauenkapelle bei Bergzabern durch den 
Hoch würdigsten Herrn Bischof von Speyer, Dr. 
von Faulhaber erhielt der Bau seine Vollendung. 
Die Presse berichtete damals in eingehenden 
Artikeln, daß »dieser Bau stets ein Denkmal 
bleiben wird, einerseits für das einzigartige 
Verständnis und die heroische Hingabe, mit 
der ein Vertreter des Pfälzer Klerus, Monsg. 
Bussereau, ein gar hartes Stück der sozialen 
Frage glücklich zu lösen begann, anderer- 
seits für das originelle künstlerische Talent 
eines pfälzischen Architek- 
ten, Albert Boßlet in Lan- 
dau i. P.« Unter Wahrung 
der alten Gebäulichkeiten 
wurde durch die Neuanlage 
der »Liebfrauenberg« zu 
einem wahren Paradies um- 
gewandelt. Der Gebäude- 
komplex, der trotz aller 
Schlichtheit, wie es der 
Zweck gebot, machtvolle, 
harmonische Formen auf- 
weist, thront inmitten einer 
ringsum verschwenderisch 
ausgestreuten Naturherr- 
lichkeit. Eine besondere 
Weihe verleiht dem schö- 
nen Bau der edle Zweck, 
der das Ganze ins Leben ge- 
rufen hat. Die Ärmsten 
der Menschheit, Blöde, 
Schwachsinnige, Krüppel 



Die christliche Kunst. X. 



202 



e^ ARCHITEKT ALBERT BOSSLET 6^ä 




<fe,^/ 



ALBERT BOSSLET 



PROJEKT FÜR DIE KAI H KIRCHE FÜR EBERN'BUKG 
Text S. ZOO 



und Epileptiker, sollen hier eine Heimstätte 
finden. Zu diesem alten erhabenen Zwecke 
gesellt sich nun noch ein neuer: In Zukunft 
werden auch sonnige und wonnige Rilume« 
den Kurgast begrüßen. 

Mit dem Ernste der Grundstimmung, die 
dem Gesamtbau anhaftet, sind vom ausfüh- 
renden Architekten heitere und frohe Baumo- 
tive bald da, bald dort in dem umfangreichen 
Gebäudekomplex verbunden worden. Der 
Bau komponiert sich förmlich der ihn um- 
gebenden näheren Natur, wie der weiteren 
Landschaft ein. Der Rest der alten Gebäu- 
lichkeiten wird vom Neubau umschlungen, 
und diese gefühlvolle Akkomodation des 
schlichten alten Bestandes an die künstlerisch 
weit reicher bedachten Neubauten erhöht den 




ALBERT BOSSLET 



PROJEKT FÜR DIE KATH. KIRCHE IN EBERNBURG 
LageplaJi und Grundriß. Vgl. obige .Abb. 



l^eiz der Gesamtanlage und 
steigert das Interesse an 
dem Bau. Wir können uns 
beim Betreten der Höfe 
kaum desselben Gefühles 
erwehren, das uns jedes- 
mal beherrscht, wenn wir 
eine alte Klosteranlage be- 
treten; EindrucksvolleStim- 
mungsbilder da und dort! 
Über allem aber die Emp- 
findung, daß wir in einer 
Welt für sich weilen. Wir 
können mitfühlen mit dem 
armen Bedrängten, wie 
auch mit dem bloß vor- 
übergehend hier sich auf- 
haltenden Kurgast, wenn 
dem einen wie dem an- 
dern auf dem Liebfrauen- 
berg eine Heimat sich 
erschlossen hat. Und all 
das ist dem Künstler zu 
danken, der eben diese 
unvergleichliche Wohltat, dieses für jedes 
Menschenherz beruhigendste Gefühl, das Ge- 
fühl des in der Heimat Geborgenseins, ver- 
möge seiner Begabung und seines feinempfin- 
denden Taktes den Mitmenschen durch Schöp- 
fung dieses Baues zum Geschenke machte. 
Kann es für den Architekten eine höhere 
Befriedigung geben r 

Ein Vertiefen in die Einzelheiten läßt uns 
ebensosehr die Zweckmäßigkeit und un- 
gemein praktische Ausstattung mit allen 
Mitteln modernen Komforts vom Großen 
bis ins Kleinste, wie auch die künstlerisch 
treffliche, architektonische und dekorative 
Durchführung bewundern. Besonders schön 
ist das Aussichtsplateau auf dem Mittelbau, 
eine baulich reizvoll gelöste Schöpfung Boßlets, 
von der aus man ein wun- 
dersames Schauen genießt, 
tief hinein in den Zauber 
des Pfälzerwaldes, hinüber 
sogar zu den Ufern des 
Rheines und bis zu den dunk- 
len Höhen des Schwarz- 
waldes und Odenwaldes. 
Dann auch ist die Ausfüh- 
rung der Anstaltskirche 
bemerkenswert. Sie bietet 
für ca. 500 Personen Platz, 
mit 250 Sitzplätzen. Es 
ist die praktische Einrich- 
tung getroffen, daß die auf 
den Fluren des Erd- und 
Obergeschosses befindli- 



^ ARCHITEKT ALBERT BOSSLET e^ 



203 



^A. (Sf, i'ti jiV, Wie 




ALBERT BOSSLET 



KATH. KIRCHE IN' FRIESEXHEIM 



Int Bau begriffest. — Text S. tgg 



chen Personen ebenfalls durch Offnen der 
Fenster dem Gottesdienste beiwohnen können. 
Die Kosten der Kapelle beziffern sich auf 
3 I 000 M. 

Der Liebfrauenberg . kann als ein architek- 
tonisches Meisterwerk bezeichnet werden. 

Dieser großen Aufgabe schließt sich würdig 
an der Bau der Haus wirtschaftsschule mit Haus- 
wirtschaftslehrerinnen-Seminar im Marien- 



heim zu Speyer (Abb. S. 207). Das drei- 
stöckige Gebäude bietet eine treffliche Gesamt- 
wirkung: Großzügig gelöste Durchbildung 
der Fassaden und vor allem sehr glückliche 
Silhouettierung der mächtigen Dachanlagen. 
Sehr vorteilhaft ist die innere Herstellung 
und Ausstattung. Die Arbeiten am Bau sind 
fast durchwegs von einheimischen Firmen 
ausgeführt worden. Die Lage des Anstalts- 







JJiiiäaf,^i/e>!ierM» 



ALBERT BOSSLET 



Sf<tSU Jf.rux 



KATH. KIRCHE IN FRIESENHEIM 
Lageplan itrtd Grttittfriß zu ohettstehertder Abb. 



26« 



204 



^9 ARCHITEKT ALBERT BOSSLET e^ 



gehäudes ist in dem gesündesten Stadtteil 
an einem freien Platze mit Anlagen. Für 
Schulzwecke sind drei große mustergültige 
Küchen und fünf Lehr- und Speisesäle nach 
den neuesten Vorbildern erbaut, ebenso Schlaf- 
säle und Einzelzimmer. Im iMarienheim können 
außerdem Damen, die Ruhe suchen oder sich 
sozial betätigen wollen, sehr schöne Zimmer 
mit guter Pension finden. 

Eine weitere Schöpfung Boßlets größeren 
Stiles ist dann das Exerzitien haus der 
Minoriten in Oggersheim (Abb. S. 210 
und 211). Das Gebäude erhebt sich in der 
Nähe des etwas nüchternen, nach dem Ge- 
schmacke des Klassizismus erbauten, aber in 
seiner Wirkung vornehm imposanten Kirchen- 
baues. Die Südseite des Exerzitienhauses zieht 
in monumentaler Ruhe parallel der Kirche hin 
und fügt sich dem Gesamtbilde des nunmehr 
mit Gebäuden (Pfarrhaus, Klosterneubau) reich 
bedachten Platzes trefflich ein. Die Haupt- 
fassade an der Kapellenstraße tritt etwas von 
der Straße zurück und läßt Raum für einen 
hübsch angelegten Vorgarten. Im Innern 
beansprucht das Hauptinteresse der Exer- 
zitiensaal. Er zeigt die Form eines Kreuzes, 



Krim- kir^hezu- niRLHEin 




ALBERT BOSSLET KATH. KIRCHE ZU MORLHEIM 

Turm unter Verivmdiitig des alleu Dachrtittrs, Chor und Sakrisitieu, Dach 

und Ge7völl>e neu. Erlaut rgiz—ig/J. — Tejct S. 200 



dessen Motiv immer wiederkehrt, so bei den 
Türen, Beleuchtungskörpern usw. Es mußte 
ein neuer Typ geschaffen werden, da der 
Raum einerseits keine Kapelle sein soll, an- 
dererseits aber auch zur Sammlung und inneren 
Einkehr stimmen soll. So hat unser Künstler 
den Saal sich gedacht ähnlich dem, wo die 
Jünger sich versammelten, als der Herr ihnen 
erschien. Dieses Motiv wurde auch testge- 
halten beim Altare, hinter dem Christus er- 
scheint. Die Wirkung ist eine eindringliche, 
ernste. Der Raum ist mit dunkelblauem Rupfen 
bespannt, von dem sich das braune Holzwerk 
leicht abhebt. Decke und Wände sind in 
rauhem Spritzwurf in Grau und Blau mit 
weißen Ornamenten gehalten. Die Fenster 
sind goldgelb abgeblendet. Das Rednerpult 
stellt sich als ein Mittelding zwischen Kanzel 
und Ambon mit verstellbarem Sitz und 
Pult dar. 

Boßlet ist auch der Schöpfer einer Reihe 
von Pfarrhäusern. Unsere Bilder führen 
die Pfarrhausneubauten in Hornbach und 
Landau i. Pfalz vor. Während uns in Horn- 
bach auf der Anhöhe des alten bei Zwei- 
brücken gelegenen Städtchens hart an der 
pfälzisch-lothringischen Grenze ein 
ländliches Pfarrhaus voll anheimeln- 
der Trautheit entgegentritt (Abb. 
S. 208), stellt der Pfarrhausbau in 
Landau i. Pfalz eine große städti- 
sche Anlage dar mit modernster, vor- 
nehmer, aber einfacher Innenausstat- 
tung (Abb. S. 213), welche im Ein- 
klang mit der von Architekt Boßlet 
nach den Plänen von Cades-Stutt- 
gart erbauten großen Landauer Ma- 
rienkirche steht. Die Diele vereinigt 
behagliche Eleganz mit Zweckmäßig- 
^-: keit und Wohnlichkeit, weit entfernt 

von übertriebenem nutzlosem Luxus. 
Eine vorzüglich gelungene architek- 
tonische Lösung ist der Einbau des 
Treppenhauses in das Vestibül des 
Pfarrhauses. Hier und in den Zim- 
mern zeigen die Details ansprechen- 
den Geschmack in den warmen Ver- 
täfelungen, die zum blendenden 
Weiß der oberen Wandpartien und 
Decken in malerischen Kontrast tre- 
ten, dann in den dekorativen Fries- 
malereien, in den kaminartig gelösten 
künstlerisch besonders feinen Heiz- 
körperverkleidungen, den Türkon- 
struktionen usw. 

Ein beachtenswerter Bau ist weiter- 
hin noch das Schulhaus in Biesin gen, 
eine moderne Anlage im Bliesgau 



■'M/ 



^ ARCHITEKT ALBERT BOSSLET e^ 



205 




ALBERT BOSSLET 



PROJEKT ZUR ERWEITERUNG VOK KIRCHE UND PFARRHAUS IN TRIPPSTADT 
Gesamtansicht, — Text S. Zoo 



(Abb. S. 206). Das Gebäude umfaßt zwei 
Schulsäle, zwei Lehrerwohnungen mit je vier 

Zimmern, 
Küche, Zu- 
behör und 
Giebelzim- 
mern, Ge- 
meinderats- 




G R ÜXDRISS ZUM PROJ EKT 
rCR ERWEITERUNG DER 
KIRCHE IN TRIPPSTADT 

Vgl. obensteheiide Ahl>. 
Text S. 200 

Die altert Teile sind 

schwarz gezeichnet, 

die neuen grau. 



saal, Turnsaal usw. Die Baukosten betragen 
42000 Mark. Der Bau ist dem Charakter 
der Gegend in trefflicher Weise angepaßt, 
solid und dauerhaft ausgeführt. 

Für den Fernerstehenden neu und deshalb 
doppelt interessant ist die Aufgabe, die dem 
Architekten durch die Ausführung eines Wein- 
gutes zutiel. Es ist das Weingut im »Forst- 
gäril« zu St. Martin, einer wohl- 
bekanntenWeingegend(Abb S.209). 
Mit der Anlage tritt uns ein echtes, 
typisches Weingut vor Augen, das 
sich voll und ganz in die Eigenart 
der Gegend einschmiegt und den 
Gewohnheiten der dortigen Be- 
wohner gerecht wird. An der 
Straße liegt das Kelterhaus mit gro- 
ßem Hof, Küferei usw., im Hinter- 
grund über Weinkelleranlagen er- 
hebt sich das behäbige und gemüt- 
liche Wohnhaus mit herrlichem 
Blick in die Ebene nach dem Rheinstrom. 
Das an alten, charakteristischen Bauten reiche 
St. Martin hat durch diesen Bau im Forst- 
gärtl, der sich als Kind seiner Zeit behauptet, 
eine weitere Bereicherung erfahren. Der Neu- 
bau fügt sich in seiner ganzen Anlage famos 
der Unregelmäßigkeit des Terrains ein, und 
erscheint förmlich wurzelnd in der Land- 
schaft. Das Gut ist ein sprechendes Beispiel 



206 



^ ARCHITEKT ALBERT BOSSLET ^3 




ALBERT BOSSLET 



KATH. SCHULHAUS IN BIESINGEN 



Erbaut iqog — igio. — Text S. 204 — 20J 



dafür, wie ein geschickter Architekt auch das 
einfachste, nüchternste und rein praktischen 
Zwecken dienende Objekt durch geschmack- 
volle und verständnisvolle Ausführung gleich- 
sam zu adeln weiß. Kein Wunder, wenn 
diese anziehende Schöpfung weit und breit 
große Anerkennung gefunden hat, und wenn 
dem Bauherrn für seinen guten Geschmack 
zur Förderung der Heimatkunst die Anerken- 
nung der Behörde ausgesprochen worden ist. 

Wie Boßlet auch bei kirchlichen Ein- 
richtungsgegenständen Irei und selbstän- 
dig zu gestalten trachtet, haben wir bereits an 
dem Hochaltar, den Beichtstühlen und dem 
Taufstein der Pfarrkirche zu Ramsen ge- 
sehen. Künstlerischen Geschmack vereinen mit 
Zweckmäßigkeit nach den Anforderungen der 
Liturgie verschiedene, für das Innere der großen 
katholischen Marien Stadtpfarrkirche zu 
Landau i. Pf. gefertigte Einrichtungsstücke, 
wie Weihwasserbecken, Ankleidetisch 
und Opferstock. Mit feinem Blick hat der 
Künstler diesen Gegenständen bei aller Frei- 
heit in der Form den kirchlichen Charakter 
aufgeprägt, im Gegensatz zu der Einrichtung 
des Pfarrhauses daneben, die zwar die gleiche 
künstlerische Art verrät, dabei aber ihrer 
Bestimmung sich voll und ganz bewußt bleibt. 
Ein Vergleich zwischen diesen beiden an und 
für sich in den gleichen künstlerischen Bahnen 
sich bewegenden und von der nämlichen 
Idee beherrschten kirchlichen und profanen 
Einrichtungen ist in vieler Beziehung instruk- 
tiv und vorbildlich. 

Als weitere Bauten Boßlets können noch 



angeführt werden die für das Industriegebiet 
der Vorderpfalz projektierte Kirche in Fran- 
ke ntbal, eine engere Konkurrenz. Das Projekt 
hat unser Architekt in drei Varianten ausgear- 
beitet. In allen dreien ist das Bestreben, durch 
eine kraftvolle entwickelte Fassade der Kirche 
gegenüber den Mietshäusern Geltung zu ver- 
schaffen. Ferner das Pfarrhaus in Ramberg, 
ein ansprechender Fachwerkbau, die Schul- 
häuser in Wolfe rsheim, Hördt und Clan- 
sen, das Schwesternhaus Godramstein, das 
Offizierskasino des 23. Infanterie-Regi- 
ments in Landau i. Pf. mit künstlerisch ge- 
lösten Innenräumen, verschiedene Neubauten 
in Landau und Ludwigshafen, endlich 
noch die unter der Leitung Boßlets durchge- 
führte umfangreiche Restaurierung der Schloß- 
kirche Blieskastel und andere mehr. 

Wir sind am Schlüsse unserer Betrachtung 
dieser stattlichen Reihen von Bauten kirch- 
licher und profaner Natur angelangt. Es ist 
ein Bild ungewöhnlich reicher Produktivität. 
Ein Zug frischen, selbständigen Gestaltens 
geht durch sämtliche Schöpfungen. Und ge- 
rade in dem Bestreben, zweckmäßige, der 
heimischen Bauweise entsprungene Werke der 
Architektur zu schaffen, liegt ein Hauptver- 
dienst von Boßlet. Länger und zäher noch 
als in dem rechtsrheinischen Bayern ist in 
der sonnigen Pfalz am Rhein an der Anschau- 
ung festgehalten worden, daß nur romani- 
scher und gotischer Stil oder noch besser 
gesagt, pseudoromanischer und pseudogotischer 
Charakter allein die echte Baukunst bedeu- 
ten. Man hatte vergessen, daß die Baukunst 



^3 ARCHITEKT ALBERT BOSSLET ^ 



207 




ALBERT BOSSLET 



Hattsivirtscha/tssckiiU mit Lehreriiiticnsetrhiar. Erbaut jgog— jg/o. 



MARIENHEIM IK SPEIER A. RH. 
Text S. 203 



eine Sprache ist, die aus dem tiefsten In- 
nern des Menschen heraus zum Ausdruck 
kommt, und daß die Ausdrucksmittel je nach 
Zeit und Art verschiedene sind. Ganz rich- 
tig bemerkte Architekt Boßlet in intimem 
Gespräche mit dem Schreiher dieser Zeilen, 
daß wir die herrlichen Formen an Werken 
vergangener Kunst zwar erhalten, aber nicht 



reproduzieren sollen. Sobald wir ihre Formen- 
weh in sklavischer Nachahmung in unsere Zeit 
übertragen, werden wir stets Werke gestal- 
ten, denen der Geist fehlt — jener Geist, der 
eben monumentale, wie bescheidene Denk- 
mäler der vergangenen Kunst aller Stilrich- 
tungen zu Kunstdenkmälern macht. 

Erfreulicherweise hat nun die Entwicklung 




ALBERT BOSSLET 



MARIENHEIM IN SPEIER A, RH. 



Vgl. obcnstehendf Abb. 



208 



ARCHITEKT ALBERT BOSSLET ^ 




ALBERT BOSSLET 



Erbaut igt/. — Text S. 204 



KATH. PFARRHAUS IM HORNBACH 




ALBERT BOSSLET 



KATH, PFARRHAUS IS" HORNBACH 



l'gl- obige Abb. 



EIN BISHER UNBEKANNTES DURERWERK? 



209 




ALBERT BOSSLET (LANDAU L PF.) WEINGUT .LM FORSTGARTL- 

Links die alten Wirtscliaftsgeb'dude, rechts der Vvolinliaus-Neubaii. Erbaut Jgi3. — Text S. 20J 



in der Baukunst, namentlich in der kirchli- 
chen, in den letzten Jahren auch in der Rhein- 
pfalz einen Aufschwung genommen, jedoch 
nicht ohne Kampf gegen die Nachbarschaft 
von Hessen, Baden, teilweise auch Württem- 
berg, vor allem aber der Rheinprovinz, wo 
man letzterer gerade in der kirchlichen Bau- 
kunst noch Ideen huldigt und verwirklicht, 
die im rechtsrheinischen Bayern schon längere 
Zeit als überwundener Standpunkt betrachtet 
werden. 

An der Hand zahlreicher Abbildungen haben 
wir ein klares Bild von der Tätigkeit unse- 
res Künstlers bekommen. Was uns in diesen 
seinen Werken erfreut, was sie uns auf den 
ersten Blick schon lieb und vertraut macht, 
das ist nichts anderes als die Liebe zur Hei- 
mat, die aus dem Schaffen Boßlets spricht. 
Wenn zum künstlerischen Talente auch in- 
neres Herzensempfinden sich gesellt, das hier 
in der Heimatliebe seinen hauptsächlichsten 
Ausdruck findet, dann ersteht eine Kunst, in 
der Wahrheit, Echtheit und Zweckmäßigkeit 
liegt, eine Kunst, die sich neben den schönen 
Werken vergangener Kunst in ihrer schier 
unerschöpflichen Mannigfaltigkeit als Gegen- 
wartskunst behaupten kann. 

So mögen denn Boßlets künstlerisches Kön- 



nen und tiefinnerliche Begeisterung seiner schö- 
nen sonnigen Heimat, dergottbegnadeten,fröh- 
lichen Pfalz, noch recht viele Werke schen- 
ken, Werke, die kein Schema kennen, von 
denen jedes einzelne sein eigenes Gepräge 
aufweist, die sich den jeweiligen Verhält- 
nissen anpassen, die aus den Bedürfnissen 
herausgewachsen erscheinen in geistiger Ver- 
bindung mit dem Endzweck des Gegenstandes. 

EIN BISHER UNBEKANNTES 
DÜRERWERK? 

Von Dr. DAMRICH, DiUishausen 

Keine Bemerkung ist weniger zutreffend, 
als jene, wonach zu Ende des Mittelalters 
Christus, seine Persönhchkeit und seine Er- 
lösungstat vergessen gewesen, oder doch 
hinter dem freilich üppig genug entfalteten 
Heiligenkult zurückgetreten sei. Wer die Kunst 
jener Zeit auch nur einigermaßen kennt, wird 
zugeben müssen, daß besonders der leidende 
Heiland geradezu ihr Lieblingsthema ge- 
wesen ist. Da ist keine Szene, keine Phase 
der Passion vom Ölberg bis zur Grablegung, 
die nicht tausendmal geschnitzt, gemalt, in 
Stein gehauen, in Kupfer gestochen worden 



Die christliche Kunst. X. 7« 



210 



^ EIN BISHER UNBEKANNTES DURERWERK? ^ 



wäre, ja, »selbst solche Vorgänge, die nicht 
in der Hl. Schrift verzeichnet sind, gleichwohl 
aber mit Recht von der gesamten christlichen 
Tradition als geschehen angenommen werden, 
hat jene Kunst oft ins einzelnste ausgemalt 
und ausgemeißelt.« (Detzel, Christi. Ikono- 
graphie I, 452.) 

Daneben hat sich die ungemein originelle 
und fruchtbare, aus tiefgläubiger Betrachtung 
heraus gestaltende Phantasie des mittelalter- 
lichen Künstlers noch zwei Darstellungsformen 
geschaffen, in denen die lange epische Folge 
der Passionsszenen wie in einen wuchtigen 
lyrischen Akkord zusammengefaßt erscheint. 
Die eine, das »Mis eriko rdien - oder Er- 
bärmdebild, zeigt die Vollgestalt des Heilandes 
mit all seinen Wundmalen, meist umgeben 
von den Marterwerkzeugen, eine Auffassung, 
wie sie besonders auch unser Dürer geliebt, 
und die er wiederholt in seiner wundervoll 
gemütstiefen und dabei so schlichten Art ver- 
körpert hat. Ich erinnere an die beiden schönen 
Stiche von 1507 und 15 12, ferner an den 
von 15 15, an die Titelbilder zur Kleinen 
(Kupferstich-) und zur Großen Passion und 
an jene berühmte, tiefergreifende Darstellung 
des sitzenden Schmerzensmannes, welche den 
Titel zur kleinen Holzschnittpassion bildet. 

Noch knapper und innerlicher erfaßt ist 
die Idee der Passion des Herrn in den sog. 



Schweißtuch- oder Veronikabildern, 
auf denen nur das Schmerzensantlitz allein 
erscheint, das Christus der Legende zufolge 
selbst auf seinem Kreuzweg dem dargereich- 
ten Schweißtuch der Veronika aufgeprägt 
hat. Das Schweißtuchbild ist das Produkt 
eines klaren religiösen Denkens, dem es nur 
um die Hauptsache selbst zu tun ist, eines 
hochkultivierten zarten Empfindens, das sich 
von all den brutalen Szenen, von Wunden 
und Blut abwendet und sich lieber in die 
leidende Seele des Heilandes versenkt, deren 
schöner, rührender Spiegel eben sein Antlitz 
ist. Sowohl der Schmerzensmann als das Ve- 
ronikabild finden sich mit \'orliebe gerade 
an Altären, und zwar stets an ganz bevor- 
zugter Stelle, so z. B. das Miserikordienbild 
unzähligemal ') als oberste, abschließende Figur 
des Altarwerkes und das Schweißtuch an der 
Predella. Beides sind eben wunderbar schöne, 
dogmatisch trefflich erfaßte ^'ersinnlichungen 
des Geheimnisses der hl. Messe, in welcher 
uns die Passion gleichsam fortdauert, nicht 
Kreuz und Nägel, Henker und Schacher, aber 
herrlich wie am ersten Tag.;, die Opferliebe 
des Herrn. Auch das Veronikabild sieht von 
allem rein Äußerlichen, -'Zufälligen' im Lei- 
den Jesu ab, um den einen großen Gedanken 



') Z. B. am Blaubeurer ,\!tar. 




ALBERT BOSSLET 



E\ERZn'lEXSA.\L 



Sf. AntottiushtiH 



Oggerslieii 



Erttiut igij — tgjj. 



Text S. 204 



EIN BISHER UNBEKANNTES DURERWERK? ^S 



21 r 




ALBERT BOSSLET 



ST. ANTONIUSHAUS IN OGGERSHEIM 



Erbaut ig 12^ tgrj — Text S. J04 



klar herauszustellen: Christus, Gottes Sohn, 
der Schönste unter den Menschenkindern, 
leidet, und leidet für dich. 

Die Zahl der Veronikabilder des späteren 
Mittelalters ist Legion. Besonders schön ist, 
um nur ein oberdeutsches zu nennen, die 
Predella desEschacher Altars von B. Zeitblom. 
Ein unsäglich weicher Wohllaut von Schön- 
heit, Milde und leiser Klage träumt über 
diesem »Haupt voll Blut und Wunden«. 

Die Palme indes unter allen, die diesen 
Gegenstand behandelt, gebührt wiederum 
Albrecht Dürer. Ihn, den tiefgründigen, 
kontemplativen, männlich-herben Geist, den 
innigen Verehrer der Passion des Herrn, den 
großen Meister der Bildniskunst, der selbst 
in die Züge seiner Nürnberger Ratsherrn 
und Kaufleute Ewigkeitsgedanken hineinzu- 
legen wußte, wie mußte ihn das Problem 
reizen, das Antlitz des Gottmenschen zu bil- 
den, gerade nicht einen Jupiter in ol3'm- 
pischer Götterseligkeit, sondern ein Ideal- 
anthtz, aus welchem nicht bloß göttliche Ma- 



jestät, aus dem auch ^der Menschheit ganzer 
Jammer« uns anspricht. 

Da ist, abgesehen von der phantastisch- 
großartigen Eisenradierung von 1537, wo das 
Schweißtuch mit dem LeidensantHtz wie ein 
Panier über dieser Welt in den Lüften weht, 
das kleine Veronikabildchen von 15 10. Aus 
demselben Jahre stammt der Holzschnitt der 
Kleinen Passion, wo neben der hl. Veronika 
mit ihrem Tuch St. Petrus und Paulus er- 
scheinen, und 15 13 ist der bekannte, mit 
unsäglicher technischer Meisterschaft durch- 
geführte Stich entstanden, der das Veroneikon 
von schwebenden, klagenden Engeln gehalten 
zeigt. Unter den Zeichnungen Dürers ge- 
hört hieher die etwas flüchtige in der Alber- 
tina (Lippmann, Zeichnungen von A. Dürer 
Nr. 530), dann eine (mir leider im übrigen 
unbekannte) in den Uffizien und das von 
klagenden Putti gehaltene Schweißtuchbild 
aus dem Gebetbuch Kaiser Maximilians. 

Endlichexistiertein prachtvoller »Holzschnitt 
des dornengekrönten Hauptes, der unter Dü- 



'7* 



212 



e^ EIN BISHER UNBEKANNTES DÜRERWERK? 6^ 



t^RTM.nmmE 

FüR'WfWESTPFRlZ. 




ALBERT BOSSLET 



KIRCHENPROJEKT 



Für die Westp/ah. 



Text S 200 



rers Namen geht und immer gehen wird, 
auch wenn man jetzt darüber einig ist, daß 
er dem jungen H. S. Beham näher steht als 
Dürer. Bartsch nennt ihn nur im Anfang der 
unechten Holzschnitte (App. 26); schon im 
17. Jahrhundert gab es Kenner, die die Hand 
des Beham erkannten, und neuerdings hat 
ihn Pauli ohne Diskussion in seinen Katalog 
dieses Meisters eingereiht (Pauli 829). Wenn 
Passavant in seinen Nachträgen zu Bartsch 
meinte, kein anderer als Dürer hätte dem 
Blatt diese Größe geben können (Passavant, 
Le peintre-graveur III, 183, Nr. 192), so wird 
man auch das gelten lassen müssen, wenig- 
stens insofern als Erfindung und Zeichnung 
durchaus von Dürer bedingt sind«. So der 
wohl beste Dürerkenner der Gegenwart Hein- 
rich Wöfflin in seiner »Kunst Albrecht Dürers« 
(S. 184). 

Man darf beifügen: nicht nur im allge- 
meinen wäre dieser wundervolle Christuskopf 
ohne Dürer undenkbar, er muß vielmehr auf 
ein ganz bestimmtes, bisher unbekannt ge- 
bliebenes Dürerwerk zurückgehen. 



Das hier Seite 215 zum erstenmal 
reproduzierte spätmittelalterliche Ge- 
mälde befindet sich im Privatbesitz 
(aus welchem es mit der Zeit in eine 
öffentliche Sammlung Süddeutsch- 
lands übergehen wird) und war bis- 
her nur einem engeren Kreis von 
Kunstfreunden bekannt. Das auf Holz 
gemalte, 50/60 cm große, trefflich er- 
haltene Bild zeigt das Schweißtuch 
der Veronika, von dessen durch ganz 
spärliche Falten gebrochenem 131äu- 
lichweiß sich das von der Krone und 
zwei gleichmäßig niederfallenden 
Haarsträhnen umrahmte Leidensant- 
litz des Herrn wie plastisch heraus- 
hebt. Das kunstvolle Geschlinge der 
Dornenkrone ist mit ungewöhnlicher 
Liebe und Ausführlichkeit behandelt, 
auch Haar und Bart sind eine bewun- 
dernswerte Feinarbeit, wobei jedes 
einzelne Härchen mit spitzem Pinsel 
eingezeichnet ist. Dieselbe Sorgfalt 
fürs Detail zeigt sich in den nieder- 
rinnenden Blutstropfen und beson- 
ders in den Tränen, deren klares 
Wasser mit einer Echtheit gegeben 
ist, die einem holländischen Still- 
lebenmaler nicht zur L'nehre gerei- 
chenwürde. Trotzdem treten all diese 
Dinge nicht über ihre Bedeutung 
hervor, man bemerkt sie eigent- 
lich erst nach längerer Betrachtung des 
Bildes; was uns sofort ergreift und mit fast 
magischer Gewalt festhält, ist vielmehr der 
ungeheuer lebendige Ausdruck dieses Ant- 
litzes. Der Mund ist wie zu einem leisen 
Seufzer geöffnet, die Nasenffügel beben, die 
Brauen ziehen sich schmerzlich zusammen, 
jeder Muskel spricht von Leid und Schmerz 
und unvergeßlich ist zumal der Blick dieser 
Augen, der sich wie aus einem Abgrund ent- 
setzlicher, hoff'nungsloser Not auf den Be- 
schauer richtet. Die Farbe der Dornenkrone 
ist gelbbräunlich, Haar und Bart (Schnurrbart 
nur ganz schwach entwickelt) sind von einem 
satten Kastanienbraun, das Inkarnat zart und ge- 
sund. Das Licht fällt von rechts herein, so daß 
die (vom Beschauer aus) linke Gesichtshälfte 
stärker beschattet ist. Die Schatten halten 
sich in mildbräunlichem Ton. Die Modellie- 
rung ist sorgfältig und anatomisch richtig, der 
Nasenrücken etwas auffallend lang. Der farbige 
Gesamteindruck ist ein recht guter, wiewohl 
das Werk mehr zeichnerischen als malerischen 
Charakter trägt. Alles in allem haben wir 
ein zweifellos echtes Werk der — sagen wir 
einmal spätmittelalterlichen Zeit vor uns, das 



e^ EIN BISHER UNBEKANNTES DURERWERK? e^ 



213 



ALBERT BOSSLET 



wir sowohl nach seiner 
Ausführung, als auch 
ganz besonders nach 
seinem seelischen Ge- 
halt unbedenklich als 
das Meisterwerk eines 
hochstehenden Künst- 
lers bezeichnen dürfen. 

Das besprochene Ve- 
roneikon trägt heute 
keinerlei Monogramm 
oder sonstige Signatur. 
Sein deutscher, näher- 
hin oberdeutscher Cha- 
rakter kann indes kaum 
einem Zweifel unter- 
liegen. Und die tiefe 
Innerlichkeit, die herbe 
Kraft und Größe, die lei- 
denschaftlicheSchmerz- 
lichkeit des Ausdruckes 
im Verein mit der nicht 
zu verkennenden unge- 
fähren Entstehungszeit 
des Werkes mag wohl 
jedem, der dasselbe 

zum erstenmal erblickt, unwillkürlich den 
Namen des großen Nürnberger Meisters auf 
die Lippen drängen. In der Tat, je länger 
und gründlicher man sich in dieses Veronika- 
bild vertieft, um so mehr fühlt man sich fast 
gezwungen, dasselbe mindestens in die Nähe 
Albrecht Dürers zu 
rücken. 

Das Bild hat aber 
nach ganz verbürg- 
ten Angaben einstmals 
wirklich eine Signatur 
besessen. Ein Schreiner 
■der guten alten Zeit . 
hat, um das Bild einem 
schadhaft gewordenen 
und darum abgekürz- 
ten Rahmen anzupas- 
sen, sich den brutalen 
Eingriff erlaubt,dasselbe 
einfach unten abzu- 
schneiden, so daß ein 
handbreiter Streif in 
Fortfall kam. Dieser 
Streifen aber enthielt 
eben die Signatur und 
zwar nach den absolut 
glaubwürdigen und zu- 
verlässigen Angaben 
der heutigen Besitzerin 
einerseits das Dürer- 
sche Monogramm, 




ZIMMER L\l KATH. PFARRHAUS ZU LANDAU I. PF. 
Vgl. Abb. unten uiui S, 304 

andrerseits den in lateinischer Sprache gege- 
benen Vermerk: 5 Anno fünfzehnhundert 
von Albrecht Dürer in Venedig eigen- 
händig gemalt«. 

Nun beweist allerdings ein Dürermono- 
gramm oder auch eine Inschrift, wie die er- 




ALBERT BOSSLEl 



DIELE IM KATH. PFARRHAUS ZU LANDAU I. PF. 
Vgl. Abb. oben und S, 204 



214 



EIN BISHER UNBEKANNTES DÜRERWERK? 



wähnte, für die wirkliche Autorschaft Albrecht 
Dürers wenig genug. Nichts läßt sich leichter 
fälschen als ein Monogramm oder eine In- 
schrift, und wie heute, so gab es auch früher 
Gemäldebesitzer, die im besten Glauben, recht 
zu handeln, die aus irgendeinem Grunde 
fehlende Signatur eines berühmten Künstlers 
nachträglich seihst anbringen ließen, und auch 
Kunsthändler, die in betrügerischer Absicht 
Gemälde zweitklassiger Künstler mit der Sig- 
natur erstklassiger Meister versahen. Daß 
die Inschrift im vorliegenden Falle nicht von 
Dürer selbst herrühren kann, ergibt sich sogar 
aus ihrem Wortlaut selbst. -Anno 1500-; war 
Meister Albrecht überhaupt nicht in Venedig, 
sondern wohlbehalten in seinem geliebten 
Nürnberg und hat dort am Jabachschen Altar, 
an der Münchner Beweinung Christi an dem 
großen Herkules (im Germanischen Museum) 
usw. gearbeitet. Seine beiden Aufenthalte in 
der Lagunenstadt fallen bekanntlich in die Jahre 
1490 — 94 und 1505 — 6. Daß die also später 
angebrachte Schrift gerade den Namen Vene- 
digs nennt, ist vielleicht darauf zurückzuführen, 
daß das Bild bis etwa zu Anfang des letzten 
Jahrhunderts sich tatsächlich im Besitze einer 
vornehmen venezianischen Familie (Ungani) 
befunden hat. Um das Rätsel zu lösen, wie 
das offensichtlich deutsche Werk in die Stadt 
des hl. Markus gekommen sei, verfiel man 
wohl auf den Gedanken, Dürer habe es an- 
läßlich seines Aufenthaltes ebendort gemalt, 
Dürer, dessen Name in Italien überhaupt 
lange Zeit als Sammelname für alle Werke 
nordischer Kunst dienen mußte. Möglicher- 
weise indes war es auch eine begründete, 
wiewohl im Detail unsicher gewordene Fa- 
milientradition, die den Namen des großen 
Nürnbergers nannte, jedenfalls: ein raffinierter 
Betrüger war es nicht, der die Inschrift an- 
brachte, und wenn dieselbe für Dürers wirk- 
liche Autorschaft an dem Veronikabilde soviel 
wie nichts beweist, so beweist sie auch nichts 
dagegen. Nur das eine zeigt sie uns, daß 
man schon früher das Werk einem Dürer 
zuschreiben zu dürfen glaubte. 

In Dürers literarischem Nachlasse findet sich 
keine Notiz, die sich auf unser Bild bezieht; 
unter seinen zahlreichen Handzeichnungen ist 
keine, die etwa als Studie zu demselben gelten 
könnte. Dürers oben erwähnte graphische 
Darstellungen dieses Sujets zeigen alle gerade 
in der Hauptsache, im Ausdruck, keine direkte 
Verwandtschaft mit der unsern. Wir sehen uns 
somit, wenn wir die Frage nach dem Meister 
des Veroneikons lösen wollen, einzig auf die 
Untersuchung der stilistischen und künstler- 
ischen Qualitäten des Werkes selberangewiesen. 



Das Heilandsantlitz trägt unverkennbar den 
Stempel der späten, aber von der Renaissance 
noch unberührten Gotik, näherhin der Zeit 
von etwa 1480 — 1500. Es schwingen darin 
niederländische, auch Schongauersche Reminis- 
zenzen, aber der fränkische, nürnbergische 
Zug, der herbe eckige Realismus verbunden 
mit der leidenschaftlich erregten Stimmung 
ist doch die Dominante, hinter der alles übrige 
weit zurückbleibt. Wer ist aber der fränkische 
Meister des ausgehenden 15. Jahrhunderts, 
dem wir dieses Werk zutrauen können.' An 
den frühen Pleydenwurfl" zu denken ist nicht 
möglich. Michel Wolgemut hat kein Antlitz 
geschaffen, das an den Stimmungsgehaltunseres 
Veronikabildes auch nur von ferne heranreicht. 

Immer wieder zwingt sich uns der Gedanke 
auf, Dürer selbst müsse zu dem Werke wenig- 
stens in irgendwelchen Beziehungen stehen. 
^'ielleicht kommt ein Schüler, ein Nachahmer 
des Meisters, in Betracht? Aber abgesehen 
davon, daß zu der Zeit, in welcher unser Bild 
entstanden sein muß, die Nachahmer Dürers 
noch nicht recht zahlreich waren, welchem 
unter den bekannten möchten wir ein Werk 
von solcher Gehaltstiefe zutrauen? Schäuflelin? 
H. V. Kulmbach? Hans Dürer? Keiner von 
diesen wenig tiefgehenden Meistern kann hier 
genannt werden, von anderen, die schon ganz 
der Renaissance angehören, zu schweigen. 

Überhaupt steht hier ein Werk vor uns, 
das sich in seiner Frische und Unmittelbar- 
keit der Empfindung in seiner jungfräulichen 
Sprödigkeit, und unausgeglichenen Herbheit 
von selbst als ein Original legitimiert, als 
Originalwerk eines mindestens in nächster 
Nähe Dürers stehenden bedeutenden Meisters. 

Und will man nicht an einen unbekannten, 
dem jugendlichen Dürer fast gleichwertigen 
Künstler glauben, so wird man nicht umhin 
können, unser Veronikabild AlbrechtDürer 
selbst zuzuweisen. 

Läßt sich für diese Annahme auch kein 
direkter und positiver Beweis erbringen, so 
ist es schon etwas, wenn wir sagen können, 
es ist nichts an dem Werke, was des jugend- 
lichen Dürer unwürdig wäre. Die ungemein 
feine Behandlung des Haares ist ganz Dürerisch 
und wo wäre ein Meister von damals, ab- 
gesehen von Dürer, der gleichzeitig eine so 
hinreißende Kraft und Tiefe des Ausdrucks 
und eine derartig gewissenhafte, auf sorg- 
fältigstes Naturstudium gründende Klein- und 
Feinarbeit geben konnte, wie wir sie etwa 
an den schimmernden Tränentropfen und zu- 
mal an der wunderbar durchgeführten Dornen- 
kröne sehen? Der Typus des Christusanthtzes 
trägt Dürerisches Gepräge. Zwar kann man 



215 




VERONIKABILD 

ZUM AUFSATZ: ErN BISHER UNBEKANNTES DÜRERWERK? 
Tfxt S. zog ff. 



2l6 



e^i EIN BISHER UNBEKANNTES DURERWERK? e^ 



streng genommen, überhaupt von keinem durch- 
gängig festgehahenen Christustypus Meister 
Albrechts sprechen. So unzähhgemal er das 
Anthtz des Herrn gebildet hat, er hat es immer 
wieder anders variiert, nicht nur was den Aus- 
druck, auch was manche Äußerlichkeiten, z.B. 
Gestaltung von Haar und Bart, betrifft. Trotz- 
dem sagt uns das Empfinden, dieser Christus- 
kopf kann nur aus Dürers Vorstellung vom 
leidenden Heiland heraus geboren sein. Man 
sehe etwa den oben erwähnten Schmerzens- 
mann von 1507, den von 1509, die Christus- 
gestalt in dem Holzschnitt der Messe des 
hl. Gregor von 15 11, das Christushaupt im 
Titelbild zur großen Holzschnittpassion oder 
besonders in der »Schaustellung Christi« 
derselben Folge — es ist da überall nicht nur 
eine Ähnlichkeit des Motivs, sondern un- 
verkennbar ein Gleichklang der Auffassung, 
dasselbe längliche, männlich herbe Antlitz mit 
den eckigen Konturen, den eingefallenen 
Wangen, dem scharflinigen langen Nasen- 
rücken, dem weichen Mund. Es ist eine durch 
und durch individuelle Gesichtsbildung, die unser 
Yeroneikon zeigt. Die oft gehörte Behauptung, 
Dürer habe in seine Heilandsbilder viel von 
den Zügen des eigenen, bekanntlich ungemein 
sorgfältig künstlerisch durchstudierten Antlitzes 
hineingelegt, ist durchaus nicht unbegründet, 
und auch unser Christushaupt weist in der 
Tat mit den Einzelheiten der Dürerschen 
Gesichtsbildung, wie sie besonders scharf in dem 
Selbstporträt des Siebenundzwanzigjährigen im 
Prado hervortreten, ganz merkwürdige Ähnlich- 
keit auf Man vergleiche etwa hier und dort 
die Bildung der Nase, der Lippen, die etwas 
kleinen Augen und besonders die Partie um 
die Augen. 

Überhaupt, wie auf unserm Schweißtuch- 
bild der Bau des Schädels gefühlt ist, wie 
die Muskeln des Gesichtes ihn anatomisch 
richtig umschließen, das ist etwas für diese 
Zeit nicht Gewöhnliches. Hier herrscht kein 
Sichgenügenlassen mit hergebrachten Formen 
und Formeln, sondern derselbe leidenschaft- 
liche Sinn für Naturwahrheit, wie in dem 
unsäglich fleißig durchgeführten Gewirre 
der Dornenkrone. Dürerischer Geist ist es, 
der uns auch hier anweht. Dürerische Liebe 
zur Natur, jene Ehrfurcht, für die es in der 
Natur nichts Geringes gab, die auch auf die 
Zeichnung etwa eines Vogelflügels, eines 
Blümchens, eines Rasenstücks die allergrößte 
Sorgfalt verwandte. Und denselben Geist, ja 
sogar Dürers Handschrift glauben wir in dem 
wunderbar weich und fein gemalten Geringel 
des Haares zu erkennen. 

Am schlagendsten freilich sprechen für 



Dürers Urheberschaft an unserem Bilde nicht 
diese formellen Dinge, sondern der Geist, 
der hier die Formen erfüllt, die ganz be- 
sondere Art der Auffassung. Es ist ja allen 
Veronikabildern, wenigstens den mittelalter- 
lichen eigen, daß sie weniger das körperliche, 
als das seelische Leiden zum Andruck bringen. 
Aber das geschieht hier in einer ganz neuen 
Form. In dem bekannten Bilde Meister 
Wilhelms von Köln in der Münchner Pina- 
kothek, oder auch in der oben erwähnten 
Darstellung Zeitbloms ist das Leiden mehr 
als ein Zustand erfaßt, als ein milder Schatten 
müder Wehmut, der sich über die wenig 
bewegten Gesichtszüge lagert, hier ist etwas 
Momentanes, hier ist das Leiden als Affekt 
gegeben. Die ästhetische Grenze zwar, 
welche das feierliche, frontal -symmetrische 
Schema des Veroneikons von selber zieht, ist 
nicht überschritten, aber innerhalb dieses 
Rahmens ist alles gesagt, was in den Zügen 
eines Antlitzes an tiefster seelischer Erregung 
gegeben werden kann. Wie eine jähe Woge 
stürmt auf diese Seele die Vorstellung all 
ihres gegenwärtigen und kommenden grau- 
sigen Leides ein, und droht sie zu über- 
wältigen, es ist ein momentanes Entsetzen, 
Zurückschaudern vor dem bittern Kelch, ein 
verzagtes, hilfeflehendes Fragen, ob es denn 
unabänderlich, ob es denn menschenmöglich 
sei, die schauerliche Last solcher Qual zu 
ertragen, ein sanftes Klagen: hab' ich das ver- 
dient, um dich verdient, und nur ganz leise 
klingt herein die Energie, Sieger bleiben zu 
wollen über das Leid. Also ein wunderbares, 
kompliziertes Widerspiel von Gemütserregun- 
gen. Wie ein offenes Buch liegt diese gott- 
menschliche Seele vor uns, zuckt in jedem Mus- 
kel — man sehe etwa besonders die linke 
Wangenpartie — klagt und bittet in den wei- 
chen Linien des Mundes, zittert in den edel- 
männlichen Formen der feinen Nase und 
spricht am vernehmlichsten aus diesen tränen- 
verschwollenen, von niederrinnenden Bluts- 
tropfen getrübten Augen, deren grelles Weiß 
fast unheimlich aus den dunkeln Höhlen her- 
vorschimmert. Noch einmal: wo ist — von 
Dürer abgesehen — der oberdeutsche Meister 
jener Zeit, der solch ein Antlitz zu bilden 
imstande gewesen wäre? So in die Tiefen 
einer leidenden Heilandsseele hinabzusteigen, 
das war keinem damaligen, vielleicht über- 
haupt keinem deutschen Künstler vergönnt, 
als unserem Dürer. Dieses Christusantlitz be- 
darf keines Dürermonogramms, der Hauch 
Dürerischen Empfindens weht uns daraus so 
vernehmlich an, daß kaum ein ernsthafter 
Zweifel möglich sein wird. 



EIN BISHER UNBEKANNTES DÜRERWERK? 



217 




AUGUST BLAKKEXSTEIN (DÜSSELDORF-OBERKASSEL) 



IV. KREUZWEGSTATION 



Am nächsten steht unser Veronikabild, 
was den Grundton der Empfindung und Auf- 
fassung betrifft, von allen unzweifelhaften 
Dürerwerken dem bekannten Titelbild der 
kleinen Holzschnittpassion, dem sitzenden 
Schmerzensmann. 

Unter den oben erwähnten Dürerischen 
Schweißtuchbildern steht dem unseren am 
nächsten das im Gebetbuch Kaiser Maximilians 
von 15 15. Es handelt sich hier um eine 
leicht und flott hingeworfene Zeichnung, das 
Antlitz ist entwickelter und voller, Haar und 
Bart sind kräftiger ausgebildet, die Dornen- 
krone ist dem Zeichnungsstil entsprechend 
einfacher gestaltet. Allein im Ausdruck klingt 
ein ganz verwandter Ton, das jähe Entsetzen, 
das Angstvolle, und auch hier die geöffneten 
Lippen. Ich möchte diese Zeichnung gerade- 
zu als eine aus der Erinnerung geschaffene 
Replik unseres Bildes ansehen. 

Besonders interessant ist die Vergleichung 
mit dem seelisch so ungemein tief erfaßten 
und technisch so sorgfältig durchgebildeten 
Kupferstich von 15 13, in welchem Dürer 



gewiß nach seiner damaligen Auffassung das 
Beste geben wollte, was er über das Leidens- 
antlitz des Herrn zu sagen wußte. Auch 
hier sehen wir ein Antlitz im vollen Mannes- 
alter, der Bart ist stärker entwickelt, die 
Dornenkrone kräftiger gestaltet. Doch das 
sind Nebendinge. Aber diese Augen blicken 
viel ruhiger und tiefer, die Lippen des 
Mundes sind geschlossen, die Krone ist 
weiter hinaufgerückt, so daß die hoheitsvolle 
Stirn freiliegt, der Schmerz ist hier mehr 
beherrscht, es ist der leidende Gott, der 
hier viel stärker betont ist, als auf unserem 
Veronikabild. Über dem Antlitz von 15 13 
liegt die stille tiefdunkle Nacht der Trauer, 
aus welcher majestätisch die Sterne der Gott- 
heit hervordämmern. 

Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß 
diese Darstellungsweise künstlerisch und re- 
ligiös höher zu bewerten ist, als die unseres 
Bildes, daß sie eine höher entwickelte Stufe 
des Christusideals repräsentiert. Damit ist uns 
zugleich ein Anhalt gegeben für die Einord- 
nung unseres Veroneikons in Dürers Gesamt- 



Die christliche Kunst. X. 7. 



:i8 



EIN BISHER UNBEKANNTES DÜRERWERK? ^iS 




CHRISTEL KUBALL, HAMBURG (ENTWURF UND AUSFÜHRUNG) GEBURT CHRISTI 

Goldene Medaille, Ehren/>reis der Stadt Leipzig anläßlich der Internationalen Bau/aehaitsstellung in Leipzig igfj 



werk. Das Gemälde kann unbedingt nicht 
nach dem Stich von 1513, auch nicht unge- 
fähr gleichzeitig entstanden sein. Schon das 
ziemlich flau durchgearbeitete kleine Blatt 
von 15 IG zeigt im Christusantlitz den Aus- 
druck des stillen Leidens. Es muß ein weiter 
Weg seelischer und künstlerischer Entwick- 
lung liegen zwischen der Auffassung des 
Meisterstiches von 15 13 und der unseres Hei- 
landsbildes. Ganz genau wird sich die Ent- 
stehungszeit des letzteren wohl überhaupt 
nicht feststellen lassen, indes scheint mir, wie 
oben erwähnt, das Werk stilistisch noch ins 
15. Jahrhundert zurückzugehören. Auch die 
Malweise, besonders die Färbung der Schatten 
erinnert unter allen mir bekannten Dürer- 
werken am meisten an die des Krellbildnisses 
von 1^99 in der Alten Pinakothek. Haben 
wir endlich, wie höchst wahrscheinlich ist, 
in unserem Christusantlitz Porträtzüge Dürers 
selbst zu erkennen, so wäre die Entstehungs- 
zeit noch weiter, mindestens vor das Selbst- 
bildnis im Prado von 1498 hinaufzurücken. 
Und da es feststeht, daß das Veroneikon ur- 



sprünglich sich in Venedig befand, so ist im 
Zusammenhang mit den erwähnten Gründen 
wirklich die Wahrscheinlichkeit nicht von der 
Hand zu weisen, daß unser Werk anläßlich 
des ersten Aufenthaltes Meister Albrechts in 
der Lagunenstadt ebendort, etwa um 1494 
entstanden ist. Allerdings zeigt sich darin 
keine Spur italienischen Einflusses, allein wir 
wissen auch, daß jener erste italienische Aufent- 
halt auf Dürers Kunstweise keineswegs völlig 
umgestaltend gewirkt und daß beispielsweise 
der aus Venedig Heimgekehrte das urdeutsche, 
von welschen Anklängen fast ganz unberührte 
Werk des Apokalypsenzyklus geschaffen hat. 
Es ist im Grunde auch derselbe Zug des auf 
die höchste Leidenschaft Gespannten, des 
Stürmisch- Aufgewühlten der in der Apokalypse 
und in unserem Heilandsantlitz spricht. Ein 
Produkt aus Dürers Sturm- und Drangzeit. 
Es ist bereits angedeutet worden, wie sich 
die Spuren unseres Gemäldes in Dürers Werk 
verfolgen lassen. Vertieft und vergeistigt sich 
auch die Christusidee bei Meister Albrecht 
fort und fort. Anklänge an das in früher Ju- 



EIN BISHER UNBEKANNTES DCRERWERK? 



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CHRISTEL KUBALL, HAMBURG (ENTWURF UND AUSFÜHRUNG) CHRISTUS AM KREUZ 

Goldene Medaille^ Ehrenpreis der Stadt Leipzig anläßlich der Internationalen Baufachausstellung in Leipzig IQIJ 



gend geschaffene Werk finden sich in allen 
den späteren Schweißtuchbildern Dürers. 

Und wenn der Meister anno : 1500 . oder, 
wie man jetzt annimmt, etwa um 1506 das 
berühmte ideale Selbstbildnis der Alten Pina- 
kothek schafft, das ihn ganz in reiner Frontal- 
ansicht mit den gleichmäßig um das schöne 
Antlitz herniederfallenden Locken zeigt, so 
stammt dieses Schema gewiß vom Veronika- 
bild, dessen feierliche Wirkung Dürer in un- 
serem Bild wohl zum ersten Male selbst er- 
probt hatte. Daß auch Renaissanceideen an 
diesem einzigartigen Werk mitgearbeitet ha- 
ben, sei deshalb nicht bestritten. Aber die 
rein frontale, symmetrische Auffassung hat 
Dürer unbedingt aus dem Schema des Veron- 
eikons entnommen. 

Endlich der oben erwähnte in der Aus- 
führung dem H. S. Beham zuzuschreibende 
großartige Holzschnitt des dorn engekrön- 
ten Christushauptes. Daß wir hier, was 
Auffassung und Hauptlinien der Gestaltung 



anlangt. Dürerisches Gut vor uns haben, unter- 
liegt keinem Zweifel. Und ich möchte die 
Ansicht vertreten, daß gerade unser Veronika- 
bild, das Meister Beham in irgendeiner Weise 
bekannt sein mußte, die Quelle darstellt, aus 
welcher er in erster Linie geschöpft hat. Er 
hat dieses Werk kombiniert mit dem oft er- 
wähnten Stich von 15 13, er hat es für seine 
rein lineare Komposition und nach den sti- 
listischen Anschauungen seiner Zeit ent- 
sprechend umgestaltet. Das Antlitz ist voller, 
Zeusartiger, vom Leiden wenig berührt. Aber 
Augen und Mund stammen aus unserem Ve- 
roneikon. So ergibt sich ein leidenschaftliches 
und plötzlich gehemmtes Empfinden, eine 
Unausgeglichenheit, die man sofort empfindet, 
die auch ihren eigenen Reiz hat, und die 
Wöltflin als ; kalt« und »fast gorgonenhaft 
schreckend« bezeichnet. 

Aus unserem Veronikabild jedoch weht uns 
an der heiße Atem rein Dürerischen Emp- 
findens. 



28» 



220 



^ SCHWARZ-WEISSAUSSTELLUNG DER MÜNCHENER SECESSION ®5S9 




CHRISTEL KUBALL JGNGLINGSALTER 

Goldene Medaille der Stadt Lei f zig ig 13 

DIE SCHWARZ-WEISSAUSSTELLUNG 

DER MCNCHENER SECESSION 1913/14 

Von Oskar Gehrig 

(Schluß) 

In der Schwarz-Weißlithographie zeigten die Franzosen 
diese jMomente am stärksten; bei Delacroix mag die 
Entwicklungsreihe beginnen, die sich vor uns in jeweils 
eignen, stilistisch auch scharf unterscheidbaren, aberinner- 
lich verbundenen Persönlichkeiten über Daum ier zu De- 
gas, Toulouse-Lautrec vor allem und schheßlichC^- 
zanne auftut; mit Notwendigkeit geht der auflockernde 
Prozeß vor sich. Und bei allem, was Deutschland dem 
Frankreich des 19. Jahrhunderts vielfach verdankt, in der 
Graphik sind wir, gerade weil sie die ursprünglichste 
Gestaltungsart ist, am ehesten noch wir selbst geblie- 
ben; hier" beschränkte sich die Beeinflussung auf prin- 
zipielle innerkünstlerische Gestaltungsfragen, nicht so 
sehr auf die in stilistischen Imponderabilien sich mani- 
festierenden Äußerungen der künstlerischen Grundan- 
schauungen, wie es sich in der Malerei zeigte; die durch 
Rassenunterschiede und soziologische Bedingungen an- 
ders geartete Auflassung ließ auf diesem Gebiete der 
Gestaltung noch reichlich freien Spielraum. War der 
Franzosen Schoßkind die noch neue Lithographie, so fan- 
den die Deutschen, als sie wieder anfingen, systematisch 
mit Graphik sich zu befassen, im Hinblick wohl auch 



auf die alten Meister, im Stich, vornehmlich aber der 
Radierung, und auch in dem zu neuem Leben erweck- 
ten Holzschnitt die Möglichkeit eines adäquaten Aus- 
drucks oder sie warfen sich mit Feuereifer auf die 
Pflege der lebensfrischen Zeichnung. Aber Corot, 
einer deren aus dem \\'ald von Fontainebleau, die sich 
mit Innigkeit und grüblerischem Gemüt in die Schätze 
der Natur vergruben, radiert wie auch Millet seine 
stimmungsstarken Motive, die er malerisch sicher und 
fest im Strich sieht, und van Gogh, in dessen Adern 
germanisches Blut noch geflossen ist, wirkt am stärksten 
und reinsten in seinen Zeichnungen. Hier führen direkte 
Brücken herüber und hinüber, hier liegen wesenhafte 
Berührungspunkte zwischen uns und ihnen. Was Ma- 
n et radierte, verbindet die neue Kunst mit dem Dä- 
mon oder besser gesagt Janus Goya über ein halbes 
lahrhundert hinweg und zeigt die logische Bindung der 
Elemente innerhalb der Entwicklung zum malerischen 
Stil. Wenn wir auf einige Einzelheiten dieser fran- 
zösischen Abteilung eingehen, so wenden wir zuerst 
unseren Blick auf die samtweichen, technisch so voll- 
endeten Tierlithographien von D elacroix , dessen un- 
geheures Können sich hier im besten Lichte zeigt; 
von Daumiers Hand sehen wir eine große Zahl seiner 
blitzartig fast hingefetzten Karikaturen und Illustrationen, 
wie wir ihnen heute leicht und oft auch anderswo 
begegnen; freilich müssen daneben die an und für sich 
recht tüchtigen Blätter seines schon formelhaften Epi- 
gonen Gavarni abfallen; das alte Lied. Und doch 
hat der leichtere Gavarni noch recht viel Gutes und 
Eigenartiges sich bewahrt. Technisch reizen aber seine 
Drucke nicht mehr so sehr wie die Daumiers, wo 
selbst das Schwarz als Fläche noch belebt. Von den 
Radierungen Corots haben wir schon gehandelt; 
Millet singt wieder sein urwüchsig Lied auf die Ar- 
beit des Landmannes, Vorklängen zu heroischen Epen 
gleichen solche Blätter. VonManets Hand sehen wir 
trefl: liehe Ponrätradierungen, meist in ganzer Figur, neu 
im Wesen und in der Erscheinung ist das abstrakte, 
nur auf Bewegung hin gesehene »Wettrennen« (Litho- 
graphie), das auch noch von der Berliner Ausstellung lier 
bekannt ist; Fölicien Rops brilliert vor allem durch 
seinen >Satan als Sämann über Paris« ; sprudelnde Phan- 
tasie und verblüfiende Beherrschung der Stoffe wie Mittel 
zeigen seine übrigen Radierungen, die freihch in manchem 
Punkte nicht den Rops repräsentieren, der sattsam be- 
kannt ist. D e g a s und Toulouse-Lautrec, diesmal 
besonders der letztgenannte, fesseln durch ihre Darstel- 
lung noch mehr wie durch das Dargestellte; hier sind 
wir beim reinen Impressionismus angelangt. Sisley 
wirkt etwas süß in seiner »Flußlandschaft«, noch mehr 
gilt dies aber von einigen Arbeiten Renoirs, seinen 
meisterlichen »weiblichen Akt« wollen wir ausnehmen; 
wie stark ist aber der » Maxim Gorki «Steinlensoder der 
»Bergmann« von Meunier gegen die fast schon nebel- 
haften Porträts von Renoir. Maurice Denis' exotische 
bald, bald altertümelnde stilisierende Weise mag den 
Beschauer doch zu fesseln ob ihrer frühUnghaften Zart- 
heit und der Frische, der Linienmelodie wie der ein- 
schmeichelnden Farbengebung; fast wäre es ein mixtum 
compositum. Cczanne ist durch zwei farbige Litho- 
graphien, »Badende« darstellend, die zu seinen bekann- 
testen Kompositionen gehören, vertreten ; hierin ist der 
Impressionismus bereits überwunden und der Meister 
reicht den Kompositionskünstlern von heute die Hand 
und führt sie in eine weite, reine Welt absoluter Kunst- 
schöpfung. 

Nach dieser historisch orientierten und dem Vergleiche 
dienenden Beigabe gehört unser ganzes Augenmerk dem 
Gros der modernen deutschen Graphiker, um derent- 
willen die jetzige Veranstaltung der Secession ins Leben 
gerufen worden ist : Im ganzen sind über tausend Ar- 



^3 SCHWARZ-WEISSAUSSTELLUNG DER MÜNCHENER SECESSION e^ 221 



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CHRISTEL KUBALL 



MAXNESALTER CHRISTEL KUBALL 

Aussteliuns Leipzig igij; Goldene Medaille der Stadt Leipzig 



GREISEN'ALTER 



beiten in den unteren Räumen des Ausstellungsgebäudes 
vereinigt; vieles mußte refüsiert werden, nicht immer 
wegen Mangels an dualität, sondern wegen des begreif- 
lich großen Interesses seitens der Künstlerschaft, das 
durch die gegebenen Verhältnisse des zu Gebote stehen- 
den Raumes gedämpft wurde. Somit will und kann 
die heurige Ausstellung auch nicht Anspruch auf Voll- 
ständigkeit machen. Was den technischen Charakter 
der ausgestellten Kunstwerke anlangt, so überwiegt 
die Radierung und die Zeichnung bei weitem; ihnen 
folgen an Menge erst in größeren Abständen Luho- 
graphie und Holzschnitt, der relativ schwach vertreten 
ist. Stofflich genommen, gebührt der Landschaft 
wie in jeder modernen Ausstellung ein Hauptplatz, 
aber doch vermag sie hier dem Ganzen als beherr- 
schender Faktor keineswegs mehr das Gepräge zu geben. 
Gerade die Erzeugnisse der freien zeichnenden Künste 
spiegeln die Züge der Zeit am getreulichsten wieder; 
sie zeigen uns auch klar, wohin der Weg geht. Die 
figurale Schöpfung, die durchgeistigte Kompo- 
sition im Gegensatz zur bloßen, zuständlich gegebenen 
Impression ist als Motiv zur Gestaltung immer mehr in 
den Vordergrund gerückt. Fast mag es von sympto- 
matischer Bedeutung sein, daß innerhalb dieser modernen 
Umgebung in ehrwürdiger Größe der Karton »Die He- 
speriden« von Hans von Marees hängt; wie paßt sich 
die Schöpfung dem Rahmen der Ausstellung gleichsam 
als edelste, gereifte Frucht einer zum Problem gewor- 
denen künstlerischen Weltanschauung ein. Herterichs 
»Grablegung«, geboren nur aus modernerem, herberem 
Geiste, reiht sicli ebenbürtig an. Überzeugend ist hier 



die Idee gestaltet, monumental und wuchtig in Auf- 
fassung und Strich. Lichter in der Farbe und froher 
in der Bewegung ist die Welt Becker-Gundahls; 
auch er bildet religiöse Stoffe. Franz Reinhardt 
hat sich im Laufe der letzten Jahre zu einem der 
stärksten Zeichner und Kompositionskünstler unter der 
jüngeren Münchener Generation heraufentwickelt; eine 
meisterliche Probe ist die große »Skizze zur Kreuzauf- 
richtung«, die den Künstler völlig in seinem Elemente 
zeigt; hier hat er mit knapperen Mitteln mehr Wirkung 
erreicht als in dem gleichnamigen, ebenfalls wuchtigen 
Gemälde, das im Vorjahre an dieser Stelle besprochen 
wurde. Die dekorativen Entwürfe von Wilh. Koppen 
zeichnen sich durch Glück im Aufbau, in der Massen- 
verteilung und Geschmack in der Farbengehung aus; 
im Stile entfernen sie sich nicht allzu weit von der 
zum Teil archaisierenden Art, die Stuck und Diez als 
echte Münchener längst angeschlagen haben ; vieles, was 
für Mosaik berechnet ist, fordert sogar technisch zu dem 
genannten Dekorationsstil heraus. Reichlich vertreten 
ist Carl Caspar mit einer Serie alt- und neutestament- 
licher Darstellungen, die alle beweisen, daß der Künstler 
bei seiner Kompositionsarbeit trotz aller freien, scheinbar 
oft willkürlichen Behandlung doch Materie und Form 
in allem beherrscht. Wir wollen hier gleich einige weitere 
Künstler anführen, aus deren Zeichnungen oder Drucken 
figürlichen Inhaltes das moderne Streben nach beseelter 
Monumentahtät, nach reiner künstlerischer Ausdrucks- 
kraft spricht; Schar ff und Schwalbach kämen mit 
ihren Arbeiten in erster Linie in Betracht; des ersten 
Radierungen aus den Zyklen »Träume«, »Tempera- 



222 



SCHWARZ-WEISSAUSSTELLUNG DER MCNCHEKER SECESSION e^ 



mente< oder >Skizzen« usw. sind wirkungsvoll durch 
ihre geniale Abstraktion und in allem zeugen sie von 
raftiniertestem modernem Geschmack ; er wie Schwal- 
bach drücken ihren ganzen nach Stil tendierenden 
Künstlerwillen fast ausschließlich mit der streng diszi- 
plinierten Linie aus. Sie gehören zu den modernsten 
in der Ausstellung, zu den wildesten hier; gegenüber 
den neuesten Richtungen aber, die auf der Schwarz- 
Weißausstellung nicht vertreten sind, obwohl sie gra- 
phisch nicht uninteressant wären, zumal wegen des 
Vergleiches, müßten diese Leute aber doch wieder zahm 
erscheinen. Die Stuttgarter Eberz und Eber hard folgen 
der giottesken Weise Hölzels in ihrem kompositioneilen 
Scharten; ihr Landsmann Gref hat stimmungsvoll mo- 
derne und ausdrucksstarke Lithogiaphien (»Zwei Men- 
schen«) ausgestellt. Otto Greiners scharf zusehende 
Kunst sei hier nicht übersehen, sein »Selbstbildnis« ist 
eine besonders glückliche .-\rbeit. Klemm und Albicker 
leisten Bedeutendes auf figürlichem Gebiete. Einen 
Münchener vor allem vermissen wir, der als großzügiger 
Beherrscher der Komposition gerade in den letzten Jahren 
so stark in den Vordergrund gerückt ist: RobertGenin. 
Dafür erfreuen uns einige andere wieder um so mehr 
mit ihren Zeichnungen und Radierungen, so der eminent 
kühne und sichere Draufgänger Willi Geiger, der 
zeigt, was Beschränkung und völlige Ausnützung der 
Mittel heißt, mit denen er bhtzartig die scliwierigsten 
Bewegungsmotive wiedergibt; ihm reiht sich W.Thöny- 
Graz an mit seinen Arbeiten, inhaltsreich an künst- 
lerischen Werten wie gegenständlicher Materie; er hat 
dabei eine unverkennbare illustrative Begabung. Mit 
farbigen Zeichnungen und Aquarellen sind, wenn wir 
zunäclist noch von modernen Bestrebungen handeln 
wollen, Spiro (»Urteil des Paris«), Bock, Oppler, 
der genannte Eberz, Nymann und Arnold glück- 
lich vertreten ; durch den letztgenannten sind wir schon 
an das Kapitel Karikatur gelangt; was wäre noch viel 
Neues über den unübertroffenen Meister der Karikatur, 
den raffinierten Kultivator der Linie und den psycho- 
logisch tiefdringenden Beobachter Gulbransson zu 
sagen? Wie streng wirktet gegenüber dem gemütlichen, 
heiteren Kirchner, der trotzdem aber einer rechten 
Dosis Geschmackes nicht entbehrt. Auffallend gute 
Massenwirkungen erreicht der noch junge Gg. Pfeil 
in seinen Zeichnungen. Ein Zeichner reinsten Wassers 
ist Hans v. Hayek, dem es sogar gelingt, bei äußerst 
konkreten Motiven nicht stofflich zu wirken; sein ganzes 
Virtuosentum und die spielende Belierrschung verschie- 
denster Techniken zeigt Habermann in abgerundeter 
Weise durch seine mondänen Frauenbilder; Hommel 
leistet ihm Gefolgschaft; Püttners Akte wirken dagegen 
in ihrer derben Klarheit und Kraft viel frischer und un- 
mittelbarer- Was Studium der Natur und künstlerische 
Zucht anlangt, kann man aus den Zeichnungen Gioe- 
bers ersehen; ein Maler muß vor allem zeichnen 
können, möchte man hier bestätigen ; so einer muß ein 
trefflicher Lehrer sein. E ich 1er s f;ist bengalische Akt- 
und Detailstudien (zu seinem Fresko im Neubau der 
Münchener Rückversicherungsanstalt) zeugen sicher- 
lich von großem Können; aber was er hier sagen 
will, sagt er fast schon zu deutlich , zu prononciert 
muß er uns erscheinen. Daß Käthe K o 1 1 w i t z 
auch als Frau zu den bedeutendsten deutschen Zeichnern 
und kraftvollsten Graphikern gerechnet werden muß, 
zeigen uns ihre drei Kohleskizzen; sie hat sich ohne zu 
große Prätention mit Glück und Kraft des vierten Standes 
angenommen. Nicht will sie bloß in rein impressio- 
nistischem Sinne die werktätige Arbeit, das Wogen in 
der Welt von heute schildern, vielmehr heroisiert sie 
die Vertreter der Arbeit durch die ihnen anhaftenden 
Erscheinungen der Dasein.sschwcre; dadurch kommen 
starke psychologische Momente in ihre Kunst. Auf allen 



Ausstellungen kann man feststellen, in wie hohem Maße 
unser soziales Zeitalter im künstlerischen Leben die Bilder 
der Arbeit und der Industrie widerspiegelt, Teile aus 
jener rauhen Welt der rauschenden Wirklichkeit wieder- 
gibt in reiner Zuständlichkeit, erfaßt bei augenblicklicher 
Bewegung; als Vertreter dieses Stoffgebietes müssen wir 
Bach, Baum, Paeschke, Schöllkopf und Wim m er 
anführen, die flotte Zeichnungen ausgestellt haben; mit 
Radierungen desselben Inhaltes zeigen sich Giese, Hay- 
eck, Kley, Paeschke und Voellmy; Einzelheiten 
mögen unterbleiben. Zille als bekannter derb-ernster 
Humorist der Proletarier möge sich hier .inreihen. Bevor 
wir uns noch einer größeren Gruppe von Radierern figür- 
licher Darstellungen zuwenden seien, noch die idealisti- 
schen, säuberlichen Märchenbilder, die fast an die Zeiten der 
deutschen Romantiker (Schnorr v. Carolsfeld ') erinnern, 
von Beckertvon Frank erwähnt neben den legendären, 
geschmackvoll subtilen Aquarellen Wirschings. Die 
lithographischen Blättern des anschaulich dichtenden Kr e i- 
dolf sind fraglos zum Entzücken lieb; seine Poesie ist bei 
aller Romantikdochurpersönlich. Kraftvolle und glänzende 
Kompositionen hat Rössn er auf materialgerechte Weise 
in Holz geschnitten; desgleichen Müller und Hänny 
(Bildnisköpfe). Die große Kohlezeichnung von Kuschel 
(»Grablegung«) zeugt von streng gefitßter Gruppenbewe- 
gung. Weiterhin einige Porträts : Der Russe Mouraschko 
in der Secession bekannt durch farbenglühende Bildnisse, 
hat einige Kartons ausgestellt, die von dem Maler nicht 
viel ahnen lassen. Samberger ist in den fünf weiteren 
Münchener Künstlerporträts bei aller gewahrten Strenge 
und Tiefe zu größerer Ruhe und Einheit gelangt als zu- 
vor, und die farbigen S tückschen Kartons (Tilla Durieux) 
sind bravoureuse Leistungen, die aber trotzdem nicht 
zu überraschen vermögen; Stuck und immer wieder Stuck; 
ein Dekorateur ohnegleichen dabei und doch steckt in 
dem Weltmann noch ein starker ursprünglicher Kern 
fast primitiver Anschauungsweise; Extreme. 

Und nun noch einiges über die Radierungen in 
der Secession. Gleichviel ob es sich um Arbeiten figür- 
licher oder landschaftlicher Art handelt, werden wir 
Radierungen im eigensten Sinne finden, die meist auf 
impressionistischem Wege Ausschnitte des Raumes in 
zuständlicher Weise wiedergeben, wobei das Gegen- 
ständliche unter starker Entstofflichung in der Haupt- 
sache zum Träger von Hell und Dunkel gemacht ist, 
oder wir werden sorgsam vorbereitete, auch aufs Detail 
achtende, dem Stiche sich nähernde Arbeiten antreffen, 
wo kalte Nadel und Grabstichel bisweilen größere Be- 
deutung erlangt haben als Radiernadel und .Atzwasser; 
und doch fassen wir beide unter dem Namen Radierung 
zusammen. Zur ersten Gruppe gehören allermeist ein- 
mal die schon genannten Darstellungen aus dem indu- 
striellen Leben oder figürliche Schöpfungen wie die eines 
Scharff oder auch Geiger. Strenge Scheidungen lassen 
sich hier jedocli olme weiteres nicht trefien, da viele Ar- 
beiten sich in der Mitte zwischen den beiden Erscheinungs- 
arten bewegen; zumal bei den modernen figürlichen 
Schöpfungen fällt beispielsweise das impressionistische 
Moment sclilechthin weg. Greve-Lindaus lebendige 
Motive, die Kompositionen von F. A. Weinzheiraer 
oder die feinsinnigen Blätter Ad. Schinnerers (»Das ge- 
träumtePaar«), E.Oppler, H. Barthelmess, F.Meseck 
oder H.Zeillinger verdienen hervorgehoben zu werden ; 
Thöny-Graz, Zille oder Faure desgleichen; mysti- 
schen Gehalt zeigen die Kompositionen R. Mü llis. Scharf 
erfaßt sind die in bekannter Art siclier hingesetzten Kopf- 
und Bewegungsstudien von Karl Bauer nach Rieh. 
Dehmel. Zwischen der einen und andern Gattung stehen 
die poetisch reichen Bilder aus Welt und Natur des jungen 
Scliweizers Riedel. Einer der sichersten und vor- 
nehmsten Kupferstecher ist unbestreitbar Alois Kolb; er 
hat auch diesmal wieder riesige Formate geschaffen 



g«^ SCHWARZ-WEISSAUSSTELLUNG DER MUNCHENER SECESSION ^3 223 



(»Flieger« und »Weberin«); trotzdem 
wir uns eigentliclie Graphik nicht mehr 
so vorstellen, wie er es hier getan, und 
man eher mitunter an Vergrößerung als 
an Größe des Motivs erinnert wird, zwin 
gen diese Arbeiten Respelit ab. Ganz 
besondere Qualitäten hegen die in Motiv 
und Technik trefflichen Buchdruckradie- 
rungen des unvergeßlichen Welti; Fritz 
Pauli, auch ein Dichter, tut es ihm in 
vielem nach. Zwei in neuerer Zeit viel 
genannte Graphiker, Jos. Uhl und 
Ferd. Staeger, seien am Schlüsse die- 
ser Gruppe nicht vergessen. 

Einige treffliche Ausländer reihen sich 
würdig an. Ed. Vallet, in dessen 
Blättern viel vom Geist eines Courbet 
meinethalben und dagegen auch wieder 
Hodler steckt; der ernste, starke Schwede 
Emil Zoir, dessen Kunst Parallelen zur 
Weise einer Käthe Kollwitz aufweist, 
und zuletzt noch der Norweger Erik We- 
renskjold, der freilich — in Figur und 
Landschaft — von Manier nicht ganz 
frei ist, möge als Repräsentant einer an- 
deren Nation erwähnt sem. 

Was nun die landschaftlichen 
Radierungen anlangt, so wollen wir zu- 
nächst auf die schhchtsoliden, natur- 
wahren Schilderungen Halms, Grafs, 
Hollenbergs hinweisen. Bauriedl, 
Lamm, Legier, Me^'er-Basel, Stei- 
niger oder Fischer mögen folgen. 
Ein außerordentlicli kräftiges und sym- 
patliisches Blatt ist die »Via .\ppia ; von 
Ed. Winkler, ein glücklicher Versuch 
die »Morgensonne« Heinrich Frey tags. 
Moderne Bahnen schlagen dann auch 
BIoos, HelenDahm oder Fei b er ein; 
kubistische Stilisierungen fast schon 
scheint der Holländer Schelfhout an- 
zustreben. Landschaftszeichner von be- 
kannter Art und dualität sind Alten- 
kirch, Piep ho, Pietzsch (sein Bestes 
wohl ist der kleine 'Hafen von Ajaccio ) 
und Rud. Riemerschmid; beson- 
ders lieb und fein sind die kleinen 
Blätter von Kirchner, die derbkräftigen 
Arbeiten von Buchwald-Zinnwald, 
die wundervoll vereinfachten, stimmungs- 
klaren Ansichten aus Florenz von Pelle- 
grini oder die teils in die Bahnen van 
Goghs, teils in die der modernsten Rich- 
tungen einschlagenden Zeichnungen von 
Lange, Modersohn und von E. v. 
Brokhusen hallen sich trotz allem 
würdig im Rahmen des Ganzen. 

Aquarelle, Gouachen und größere Kar- 
tons bringen Jul. Hüther, Benno 
Becker, natürlich auch die lieben Ein- 
heimischen Otto Bauriedl und Carl 
Reiser, der diesmal besonders ge- 
schmackvolle Stücke ausgestellt hat. Der 
schwarz-weiße Holzschnitt wird fast ein- 
zig durch das große, technisch befriedi- 
gende »Lötschental« Max Bucherers 
repräsentiert, während nennenswerte far- 
bige Blätter dieser Art Martha Cunz 
zeigt. Und nun noch zwei Vertreter der 
Landschaftslithographie, die uns eine be- 
sondere Freude zu machen verstehen: 
der impressionistische Berliner Walde- 



GEM.\LDE IM 
HOCHALTAR 



DER DOMIKIKANER. 
KIRCHE ZU KÖLN 




P. LUKAS KNACKFUSS. O. P. 



ERWARTUKG DES HL. KREUZES 



Text S. 224 



224 



^9 zu DEM BILDE AUF SEITE 223 easü 



mar Rossler mit trefflichen Marinen, die gegnüber 
früheren Arbeiten einen starken Zug zur Vereinfachung 
aufweisen, und die großzügige ausdrucksvolle Münchnerin 
Maria Caspar-Filser, die eine reiche Sammlung von 
Wiedergaben der ihrem Wesen entsprechenden italieni- 
schen Landschaft vorführt. 

Auch die Tierwelt hat einer Reihe von Künstlern 
dankenswerte Motive abgegeben; beschränken wir uns 
auf das Wichtigste. Die reahstischen Zeichnungen, die 
sich auf das genaue Erfassen des Formalen beschränken, 
von Aug. Braun oder Rieh. Müller (Dresden) stehen 
den lebendigen, die blitzschnelle Bewegung wiedergeben- 
den Studien von Eug. Wollff und vor allen Hans Mol- 
fenter gegenüber. Holzschnittte zeigen H. Hänny und 
H.Frank(Farbholzschnitt); Aicher, Eimer, Kieseritz- 
ky seien noch hervorgehoben. Und damit verlassen wir 
das Gebiet der reinen Grapliik. Von der materiellen 
Seite aus betrachtet zeigt der rege Verkauf schon die 
Tatsache an, daß die Secession mit dieser Veranstaltung 
einen glücklichen Griff getan hat. 

Eine fast ebenso erfreuliche als notwendige Zugabe 
zur Schwarz-Weißausstellung ist die Sonderkollektion des 
neugegründeten Bundes Münchener Buchkünstler, 
die uns den Buchschmuck als eine Blüte graphischer 
Betätigung erscheinen lälit. Wird hierin der Künstler 
seiner Aufgabe, die zwischen freie und angewandte Kunst 
zu liegen kommt, gerecht, so ist dem Leser und Be- 
schauer jeweils ein voller, intimer Genuß sicher. Es 
handelt sich in dieser Abteilung nicht bloß um den 
illustrativen Teil der Bücher, sondern auch um die ganze 
Ausstattung von innen heraus und um bildgeschmückte 
Einbände sowie geschmackvoll ornamentierte Lederbände. 
Eine Reihe von Prunkstücken, auch kunstvolle Adressen 
und Titelblätter sehen wir hier. Beginnen wir mit den Ar- 
beiten von Otto Hupp, der ein feinsinniger Vertreter 
einer deutschen Renaissance ist derart, daß man sie 
auch heute noch anerkennen und schätzen muß; die 
eigene Note des Künstlers ist bei allem unverkennbar. 
Modern gehalten, aber doch mit sichtlicher Anlehnung 
an die Art vergangener Perioden, vom Rokoko bis zum 
Empire und Biedermeier sind die Illustrationen und Ein- 
bände von Emil Preetorius und Paul Renner. Ig- 
natius Taschner, der jüngst so jäh Verstorbene, ist 
eine starke, urdeutsche Persönlichkeit für sich; seine 
Bilder atmen köstlichen Duft, durchwürzt von echtem 
Humor; auch im Ornamentalen behauptet er sich mit 
seltener Reinheit. Weltmännischer im Humor, kapri- 
ziöser ist Th. Th. Heine; unleugbar die kulturell be- 
deutendste Gestalt in diesem Reigen ist aber F. H.Ehmke, 
dessen abgerundeter klarer Stil den modernen Geist am 
deutlichsten dokumentiert bei unbestreitbarer Selbst- 
ständigkeit im Schaffen neuer Formen und Ausdrucks- 
werte. Über das gewöhnliche Maß des Verdienstes gehen 
allein schon seine Bemühungen um neue künstlerische 
und brauchbare Schriften, sei es Antiqua oder Fraktur, 
hinaus. Betrachten wir die im Prunk selbst gemäßigten 
Adressen oder seine schlicht ausgestatteten Broschüren, 
überall erkennen wir die fest umrissene, in strengster 
Zucht großgewordene Persönlichkeit. 



ZU DEM BILDE AUF SEITE 223 

P)er VL Jahrgang dieser Zeitschrift brachte S. 224 und 
225 die Wiedergabe zweier Gemälde vom Hochaltar 
der Kölner Dominikanerkirche, die Auffindung und 
die Erhöhung des hl. Kreuzes, von P. Lukas Knackfuß, 
O. P. in Köln. Inzwischen vollendete der Künstler 
zwei weitere Bilder für denselben Altar, welche die 



Verherrlichung des Kreuzes am Ende der Welt zum 
Gegenstande haben. Eines derselben ist auf S. 223 ab- 
gebildet; es läßt die gedankliche und künstlerische 
Auffassung auch des anderen erkennen. Das reprodu- 
zierte Bild stellt dar, wie das Kreuz, wenn es am Ende 
der Tage als »Zeichen des Menschensohnes« am Him- 
mel erscheint (Matth. 24, 30), von denen voll Zuversicht 
begrüßt wird, die im Leben unter diesem Zeichen ge- 
stritten haben ; das andere schildert, wie jene von der 
Macht der siegreich erstrahlenden Wahrheit zu Boden 
geworfen werden, welche im Leben Feinde des Kreuzes 
waren. Das erstere Bild atmet darum Ruhe und Frie- 
den, während das andere die Verwirrung und Verzweif- 
lung der Gottlosen schildert. Hören wir den Künstler 
selbst, wie er uns das erste Bild erklärt: Auf einer 
Bergeshöhe versammelt erwarten die Gerechten die 
Ankunft des Herrn. Weit öffnet sich der Ausblick in 
ein von einem Flusse durchzogenes Tal. Zum letzten 
Male ist die Sonne untergegangen und färbt noch mit 
rötlich und goldig schimmerndem Lichte den Äther. 
Aber schon ist finsteres Gewölk heraufgezogen und 
verhüllt, sich ausbreitend, den Himmel. Da bhtzt und 
strahlt es aus dem Gewölk hervor und von Glorien- 
schein umflossen erscheint das von einem Engel ge- 
haltene Kreuz. Nicht Schrecken, sondern Vertrauen und 
Zuversicht weckt die Erscheinung beiden Gerechten. Doch 
sind die vorherrschenden Gefühlsäußerungen verschieden 
bei den einzelnen. Verschieden sind ja die Wege, auf 
denen die Menschen ihr Heil wirken, verschieden auch 
die Abstufungen der Vollkommenheit und Tugend. So 
sehen wir hier als Gegensätze nebeneinandergestellt einen 
jungen Mann, der in der Reue über seine Sünden vor 
Scham und Schmerz das Gesicht in die Hände birgt, 
und ein unschuldiges Knäblein, das harmlos zum Kreuze 
aufblickend die gefalteten Händchen emporhebt. Der 
Ordensgeistliche, der im Ringen nach der Vollkommen- 
heit stets das Kreuz als einziges Mittel des Heiles ge- 
liebt hat, begrüßt es auch jetzt voll Freude, da es zum 
Gerichte ruft, und zu seiner Seite blickt der brave Laien- 
bruder, der lange Jahre in mühevoller Arbeit aus Liebe 
zu Jesus Christus das Kreuz getragen, hoffnungsfreudig 
zu dem strahlenden Kreuze empor. Etwas weiter zurück 
sieht man eine Dame, die im Bewußtsein ihrer Mängel 
zum Kreuze um Barmherzigkeit fleht, während die Hal- 
tung des Herrn zunächst nur den unmittelbaren Eindruck 
der plötzlichen Erscheinung kennzeichnet, indem er von 
dem das Kreuz umgebenden Liclitglanz geblendet zuerst 
die Augen mit der Hand bedeckt und dann, um genau 
die Erscheinung zu sehen, die Hand wieder gehoben hat. 
Auf einer Erhöhung mit seitwärts schroff' abfallender 
Felswand steht der Pfarrer, umgeben von den Frömm- 
sten seiner Gemeinde. Seine Haltung spricht feste Zu- 
versicht aus. Mit Chorrock und Stola angetan breitet 
er segnend seine priesterlichen Hände über die um ihn 
knieende Gemeinde und schaut zu dem Engel auf, der 
das Kreuz hält, als wollte er sagen: >Dies sind meine 
treuen Schäflein, ich habe sie behütet und bewahrt für 
den Tag der Ewigkeit ' c 

Auf dem zweiten Bilde sehen wir die Genußmenschen 
der höheren Stände, verbitterte Arbeiter, die durch 
Religionslosigkeit vom leiblichen auch in das geistige 
Elend geraten sind, hochmütige Gottesleugner, Volks- 
massen, die gedankenlos nur für diese Welt leben. 

In beiden Bildern sind die Gestahen dem modernen 
Leben entnomtnen, weil das Ereignis als bevorstehend 
geschildert wird und der Gegenstand alle angeht. Der 
Künstler glaubte, daß durch ein historisches oder idea- 
les Kostüm die unmittelbare Wirkung auf den Be- 
schauer geschädigt worden wäre. A. 



BEILAGE 



MITGLIEDERVERSAMMLUNG — AUSSTELLUNG IN BERLIN 



55 



DEUTSCHE GESELLSCHAFT 
FÜR CHRISTLICHE KUNST 

Am II. März fand die in der Mitgliederver- 
sammlung vom i8. Dezember vorigen 
Jalires beschlossene außerordentliche Versamm- 
lung in München statt. Ihr Zweck war die 
Beratung und Regelung der Beziehungen zur 
»Gesellschaft für christlicheKunst, G.m.b.H.«, 
Beziehungen, die sowohl materieller als auch 
idealer Natur sind. Das Arbeitsprogramm 
lautete: i. Beratung und Beschlußfassung über 
einen Antrag der Vorstandschatt auf Ände- 
rung der §§ I und 3 der Satzungen. 2. Bera- 
tung und Beschlußfassung über Anträge der 
\'orstandschaft zur Regelung der Beziehungen 
zwischen der Deutschen Gesellschaft für 
christliche Kunst, e. V.«, und der »Gesell- 
schaft für christhche Kunst, G. m. b. H.<. Zu 
beiden Punkten der Tagesordnung waren mit 
der am 28. Februar versendeten Einladung 
-Anträge der Vorstandschaft gedruckt versen- 
det worden. Alle Anträge wurden in vier- 
stündiger Beratung angenommen. Ein ge- 
druckter Bericht wird den Mitgliedern zugleich 
mit dem Bericht über die Verlosung 191 3 
zugehen. 

JANUAR-AUSSTELLUNG IN BERLIN 

Von Dr. Hans Schmidkunz (Berlin-Halensee) 

r~\hne einen besonderen Programmruf ist jetzt in 
der Reichshauptstadt ein neuer Versuch zu einer 
speziellen Art von Ausstellungen gemacht worden. 
Man wollte zweierlei erreichen. Einerseits sollte, wie 
sonst in unserer Zeit den Ferien und Landfreuden des 
Sommers das Gleiche für den Winter, insonderheit der 
Wintersport, gegenübergestellt wird, ebenso der oder 
den großen Ausstellungen vom Sommer eine entspre- 
chende für den Winter an die Seite gestellt werden. 
Andererseits sollte einmal versucht werden, ohne die 
Extreme der Real<tion und des Radilialismus auszu- 
kommen, also weder ur-akademisch noch auch ur-modern 
aufzutreten, sondern sich in dem breiten Spielraum des 
>Mittleren« zu ergehen. 

Der Gedanke an sich ist nicht übel und kann bei 
einer weitgespannten Durchführung lehrreich, sogar 
auch wirtschaftlich fruchtbar werden ; ein eigenes pro- 
duktives Fortschreiten hat er sich allerdings von vorn- 
herein verwehrt. Nun scheint aber diese erste Durch- 
führung Unglück gehabt zu haben. Durchschaut man 
nämlich dasjenige näher, was dargeboten und berichtet 
wird, so scheinen die jetzigen Unternehmer so viel 
Absagen bekommen zu haben, daß sie sich über ihre 
Bemühungen schwerlich sehr freuen können. Es ist 
auch ersichtlich keine Vereinigung oder dergl. als so- 
ziale Grundlage der Ausstellung zustande gekommen, 
sondern es zeichnen nur eben drei Künstler als . Aus- 
stellungsleitung« : der Bildhauer R. Felderhoff, der 
Maler M. Schlicht ing und der .\rchitekt Br. Schmitz. 
So sind lediglich etwas über anderthalb Hundert Num- 
mern zusammengekommen — allerdings mit dem gro- 
ßen Vorteil, daß sie gut >auseiDandergehängt'i werden 
konnten. L'nd das Dargebotene gehört allermeist so- 



wohl seiner Richtung nach wie auch in einigen Stücken 
selbst zu den bekannten Dingen. Trotzdem ist es in- 
teressant, zu sehen, was sich da trotz seiner Bekanntheit 
doch wiederum erfreulich oder unerfreulich ins Be- 
wußtsein des Beschauers einlebt. 

In dieser Beziehung erscheinen besonders sympathisch 
zahlreiche Gemälde von F. Klein- Chevalier. Es sind 
meistens Szenen vom Schifferleben, Akte am Strand u. 
dgl. m., alles in einer natürlichfrischen Bewegung und 
mit dem Eindruck einer natürUchen Duftigkeit. Außer- 
dem sticht ein männliches Porträt hervor, in jedem Sinn 
eindringlich — eines der nicht gerade häufigen Por- 
träts, die sozusagen von innen heraus, nicht von außen 
hinein gemalt sind. 

Einige andere Künstler, die durch Portrats wenig- 
stens einigermaßen hervorragen, sind teils altangesehene 
wie J. Block, O. H. Engel, O. Heichert, teils 
jüngere wie W. Schmurr mit seiner bereits bekann- 
ten Darstellung des in der Kälte des Winters malen- 
den Ciarenbach und der sonst vorwiegend durch Zeich- 
nungen angesehene P. Halke. Von dem vielbeschäf- 
tigten und vielbegehrten H. Vogel ist ein »Junger 
Orgelspieler« da — so wie man's »gut altdeutsch« 
nennt. 

Am Interesse für das selbständige Komponieren fehlt 
es nicht. Das Riesengemälde »Auswanderer« von Frdr. 
Pautsch (Lehrer an der Breslauer Akademie) besitzt 
etwas von wirklicher Größe in der gesamten Zu- 
sammenstellung und in dem Ausdruck der Gesichter ; 
schade nur, daß die Farben etwas gar unnatürlich for- 
. eiert sind. (Im übrigen fehlen diesmal Farbenexperi- 
mente so gut wie ganz ; doch die kräftigen farbigen 
Konturen in den Mädchenszenen u. dgl. des P. Schad- 
Rossa machen einen glaubhaften Eindruck.) Nach 
einem Ivrischen Ausdruck bemüht sich auch der Dres- 
dener Wolfgangmüller sowohl in dem lebhaften 
Schwung seines »Schlittschuhläufers« wie auch in den 
kleinen traumhaften Malereien »Der Einsame am Meere« 
und »Morgenschlaf«. Eine Gruppe von zwei stehenden 
Aktgestalten — die eine mit einer Blume — und von 
zwei sitzenden Bekleideten wird von H. A. Bühl er 
als »Blaue Blume« bezeichnet. Durch ein mit Putten u. 
dgl. belebtes Bild »Die Eiche« bringt sich M. Bran- 
denburg und durch »Singende Mädchen« Sabine 
Reicke in Erinnerung. Auch das leuchtkräftige In- 
terieur »Winterabend« des uns bereits sympathisch be- 
kannten jungen Fr. Eich hörst wirkt mehr als Kom- 
position denn als Interieur. — Für das letztere ist dies- 
mal fast gar nichts getan. Szenische Zusammenstellungen, 
denen man zu sehr die Absicht anmerkt, fehlen wieder- 
um nicht, wie z. B. »Im Garten« von W. Müller- 
Schönfeld. Zum »Modernsten« gehört das allerdings 
wenig eindrucksvolle Durcheinander in L. Vacatkos 
»Kampfspiel« und »Stürmisches Drängen«. 

Für die Interessen einer christhchen Kunst fällt bei- 
nahe gar nichts Positives und wenigstens nichts direkt 
Negatives ab. L. Dettmann variiert seine bekannte 
Hüttenszene mit Christi Geburt diesmal unter dem Titel 
»Das Kind auf Stroh« und K. S trathmann seinen sa- 
tirischen Bildertvpus durch das Gemälde von der Predigt 
an die Fische: ^Der heilige Franz von Assissi«. 

Das landschaftliche Drangen scheint hier einmal ge- 
stoppt zu sein; H. Hartigs, des leider verstorbenen, 
»Nebelmorgen im Odertal« läßt sich in doppeltem Sinn 
als groß angelegt bezeichnen. Ein lebhafterer Eifer 
wendet sich den Stadtbildern zu. Voran steht hier 
M. Sc hlichting mit einem Motiv vom Leipziger Platz 
in Berlin: »Großstadtbild« und einem »Blick auf Paris«; 
der duftige Übergang von einem nahen Weiß in ein 
fernes Bläulich gibt einen interessanten Gegensatz zu 
»Mondnacht (Danzig)« von A. Scherres. 

Bleiben nur noch Plastik und Architektur. In der 



34 



AUSSTELLUNG »NEUES BAUEN« — WIENER AUSSTELLUNGEN 



ersteren bewährt R. Felderhoff den Ruhm, den er 
sich mit Recht in einer der letzten Berliner »Großem 
erworben, durch gute Porträtbüsten. Ein eindrucksvoller 
geistiger Ausdruck zeigt sich in dem Marmortorso »Ele- 
gie« von dem Altmeister G. ] anensch. Die verschie- 
denen Tänzerinnen u. dgl. von A. Lewin -Funcke 
und von \V. Schott sind bekanntlich von anderer Art. 

Eher zur Architektur als zur Plastik möchte man die 
bereits wohl überall bekannten und überall beurteilten 
Leistungen von Fr. Metzner rechnen. Es sind hier 
mehrere ausgeführte Werke und zahlreiche Photogra- 
phien nach denen am Völkerschlachtdenkmal u. dgl. 
zu sehen. Wenn man all das beisammen hat, so kann 
man wenigstens anfangs von einer imponierenden 
Wucht sprechen; und »Der Leidtragende« wird wahr- 
scheinlich auch den Augenbhckseindruck überdauern. 
Allmählich jedoch bekommt man diese stilisierten Mus- 
keln, diese architektonischen Rundflächen, ja selbst die 
zunächst sehr interessante Verwandtschaft mit dem Bild- 
hauer Barlach doch etwas satt. 

Die damit in Verbindung stehenden Architekturen von 
Br. Schmitz sind hier photographisch ebenfalls zu 
sehen — am beachtenswertesten vielleicht die gleich- 
falls schon bekannten sehr eigenartigen Entwürfe zur 
neuen Herstellung des Freiberger Domes. 

Während so einmal den gegenwärtigen Kunsttrieben 
die Spitzen abgebrochen werden sollen, wird gerade an- 
derswo eine neue Spitze geschliffen. Der Typus des 
für Händlerzwecke »entdeckten« und »gemachten« Künst- 
lers setzt sich jetzt fort durch die Hervorziehung des 
in der Kunstgeschichte bisher fast nur den Nachschlage- 
fingern bekannten Alessandro Magnasco. Die 
nahezu siebzig Gemälde usw., die der Berliner Kunst- 
salon P. Cassirer vereinigt ausstellt, zeigen den spät- 
italienischen Barockmaler mit den imposanten Theater- 
szenerien, meist vor einem aufrauschenden Meere, dessen 
anstürmende Wellen hübsch eigenartig die bekannte 
barocke Diagonallinie variieren. Das große Tempera- 
ment, das in alldem hegt, interessiert im Anfang sehr. 
Bald aber findet man doch heraus, daß beispielsweis 
eine »Ekstatische Versammlung« mehr um des Aufbaues 
der Versammlungsszene als um des Ekstatischen willen 
gemalt ist. Und mögen andächtige Pilger sich am 
Strande versammeln, oder mag ein griechischer Gott 
einer Göttin nachlaufen, oder mag es irgend eine reli- 
giöse Szene geben — es ist doch immer wieder »die- 
selbe Couleur in Grüne 



AUSSTELLUNG »NEUES BAUEN« 

I Inter dem programmatischen Titel »Neues Bauen« 
veranstaltet der Mannheimer Freie Bund eine kleine, 
aber durch ihre Zusammenstellung her\-orragende Aus- 
stellung von Modellen und Reproduktionen moderner 
Bauten. Der Titel »Neues Bauen« verspricht sehr viel, 
wenn man daran denkt, was bei der heutigen Bautätig- 
keit und bei der immerhin zahlreichen Schar guter 
und feiner Köpfe unserer modernen Architekten dazu 
gehört, ein Bild zu geben von der zeitgenössischen 
Architektur. Andererseits — das ist der einzige Fehler 
der Ausstellung, ein Fehler, der gerade der pädagogi- 
schen Intention des Freien Bundes nicht hätte unter- 
laufen dürfen — vermißt man sehr einen kurzen Ent- 
wicklungsüberbhck. Was bezweckt man mit dieser 
Architekturschau? »Es fehlt der Allgemeinheit, dem 
Volke, dem Laienpublikum, an einer Methode der Be- 
trachtung, an einer sicheren Art der Einfühlung, mit 
deren Hilfe man nicht nur die Absichten des Künstlers 
richtig zu erkennen und zu erleben vermag, sondern 
durch welche auch das Urteil über die Q.ualität eine 
Schärfung erfahrt.« So Dr. Wiehert in seinem Begleit- 



wort. Darüber kann man große Zweifel hegen, ob 
gerade ein Einfühlen in die modernen Bauprobleme 
herbeigeführt werden kann, ohne die Unterlage der 
letzten Entwicklung. 

Eine derartig vollständige, im Zusammenhang der 
Bauentwicklung der letzten dreißig Jahre stehende Bau- 
ausstellung lag, so lehrreich und erzieherisch wertvoll 
sie auch gewesen wäre, wohl nicht in der Absicht und 
der Kraft der Ausstellungsleitung. So muß man ihr 
schon deshalb Dank wissen, daß sie es dahin gebracht 
hat, die Baukunst der letzten Jahre auf dem Gebiet 
des Waren- und Geschäftshauses, des Bahnhof- und 
Schulbaues in fast lückenloser Darstellung in ihrer 
Ausstellung zu vereinigen. 

Das Warenhaus wird repräsentiert durch drei Haupt- 
typen. Wertheim-Berlin von M es sei, Leonh. Tietz- 
Düsseldorf von Ol brich und Leonh. TietzKöln und 
Knopf-Karlsruhe von Wilhelm Kreis. Darin allein 
liegt Entwicklung. Interessant ist das sich steigernde 
Ornamentikbedürfnis, das bei Messel kaum auf seine 
Kosten kommt, bei Olbrich schon weitgehendem In- 
teresse begegnet, bei Kreis dagegen, — dem letzten 
in der Entwicklung — zu einer Hauptforderung wird. 
In der Gesamterscheinung der moderen industriellen 
und kommerziellen Architektur scheint mir Kreis eben 
wegen der jeder Zweckmäßigkeit widersprechenden 
Ornamentik der unzeitgemäßeste zu sein. 

Ihm möchte ich im Bureauhaus- und Fabrikbau die 
Berliner Hans Bernoulli und Alfred Grenander 
gegenüberstellen. Der Kulturwert der modernen Archi- 
tektur mit ihren neuen Bauaufgaben kann nicht darin 
liegen, daß man den Zweck verhüllt durch Ornament- 
blender, sondern wie Bernoulli und Grenander von innen 
heraus den Ausdruck des Zwecks gestaltet. 

Neben dem Warenhausbau ist es nur die Gestaltung 
unserer Bahnhöfe, die den schaffenden Künstler in 
solchen Gegensätzen zeigt, denn Schulhaus- und andere 
Bauten ' lassen mehr Spielraum für die Wohnhaus- 
architektur. Der Darmstädter Bahnhof von Putzer 
gibt den Beweis dafür, daß die Grundursache der 
Monumentalwirkung in der klugen Verbindung von 
vertikalen und horizontalen Zügen liegt ; die starken und 
plumpen Unterbrechungen der Vertikalen an diesem 
Bahnhof drücken den Bau zumal bei der schlechten 
Dachlösung zusammen. Der Basler Bahnhof von Curjel 
und Moser, wie der erst im Entstehen begriffene 
Stuttgarter der Architekten Bonnatz und Scholer 
sind die besten der modernen Bahnhofproblemlösungen. 
Der Basler Bahnhof zeichnet sich besonders durch eine 
feine Abstimmung der Ornamentik zur Zweckmäßig- 
keit aus. 

Auf die übrigen Objekte der Mannheimer Ausstellung 
näher einzugehen erübrigt sich. Es genügt zu sagen, 
daß nahezu alle Probleme der modernen Architektur 
dort zur Darstellung gekommen sind. Und es bleibt 
das Verdienst des Freien Bundes, gerade durch den 
Hinweis auf diese aktuellen Themata der zeitgenössischen 
Baukunst tiefergehendes Interesse geweckt zu haben. 

Hermann Leopold Mayer 

WIENER AUSSTELLUNGEN 

(Fortsetzung) 

(^änzhch abweichend von den allgemein üblichen Aus- 
stellungen hat diesmal die : Secession« sich präsen- 
tiert, sie hat ausschließlich nur Skizzen und Studien zur 
zur Ausstellung gebracht, was von der einen Seite als 
ein besonderer Vorzug, von der andern Seile als emp- 
findhcher Mangel betrachtet wird. Sei dem, wie es wolle, 
jedenfalls bietet die diesjährige Herbstschau der Secession 
ungemein viel des Interessanten. Die hervorragendsten 



VERMISCHTE NACHRICHTEN 



35 



Künstler sind unzweifelhaft der geniale Graphiker Fer- 
dinand Schmutzer und Rudolf Bacher, der an 
Stelle TAUemands neugewählte Professor an der k. k. 
Akademie der bildenden Künste. Schmutzer bringt außer 
bis fast zur Bildmiißigkeit durchgeführten Vorstudien, zwei 
Porträts, eine holländische Barbierstube und ein Küchen- 
Interieur, Bacher Kopfstudien, Akte und Tierbilder so- 
wie vollendet schöne Aquarellskizzen. Aus diesen kann 
man so recht wieder sehen, mit welcher Gewissenhaftig- 
keit und mit welch umfassendem Können dieser Künst- 
ler ans Werk geht. Von den übrigen Ausstellern seien 
noch genannt Friedrich König mit vorzüglichen Ex- 
libris- und Buchillustrationen, auch ausgezeichnete Baum- 
studien zeugen von dessen großer Vielseitigkeit. Ebenso 
vielseitig ist Grom-Rottmayer in seinen reizenden 
Kinderstudien, seinen Porträtskizzen und Landschafts- 
bildern. Hänisch findet mit den Skizzen zu Alten 
Städtchen in Franken, seinen Dörfern und Maria There- 
sianischen Motiven aus der Umgebung Wiens viel Be- 
wunderung. Lieben w eins Tierbilder, Kolbs Vogel- 
sittiche und eine farbige Fresko-Studie, Jarockis Htau- 
ische Landschaftsstudien, die Aktstudien St Öhrs, die 
äußerst sorgfältig behandelten aquarellierten Zeichnungen 
Stolbas, Müllers figurale Kompositionen aus einem 
Zyklus, benannt »Momente des Schweigens«, Offners 
Bildnisstudien, Stoitzners Landschaften sind ohne Aus- 
nahme recht gute ausstellenswerte Leistungen; auch die 
Studien von Harlfinger, Anton Nowak, Franz 
Tichy, Oswald Roux und Otto Friedrich erregen 
lebhaftes Interesse. Daß eine SecessionsAusstellung 
nicht ohne Josef Engelhart ist, dürfte wohl selbst- 
verständlich sein. Der bekannte Meister zeigt uns zu- 
nächst die zahlreichen zeichnerischen Vorarbeiten zu 
seinem Waldmüller -Denkmal, dann aber auch Reise- 
studien aus dem Orient und prächtige Bleistiftskizzen 
aus seinem eigenen Familienkreise. Damit wollen wir 
schließen. Die ganze Ausstellung umfaßt zirka 400 
Nummern und macht recht gute Stimmung für die 
nächste Kunstschau dieser nach einiger Pause wieder 
kräftig und originell vorwärts strebenden Vereinigung 
Auch der Albrecht-DürerBund macht recht 
anerkennenswerte Anstrengungen, sich immer mehr 
durchzusetzen, nachdem er einige Jahre hindurch ein 
ziemlich unbeachtetes Dasein gefristet. Der Albrecht- 
DürerBund ist die älteste Künstlervereinigung Wiens, 
er muß also besonders darauf bedacht sein, es bei 
seinen Ausstellungen an der pflichtgemäßen Bedacht- 
nahme auf die Anforderungen unserer Zeit nicht fehlen 
zu lassen. Da nun diesem Umstand bei der gegen- 
wärtigen Leistung mehr als früher Rechnung getragen 
wird, erklärt sich wohl die Tatsache, daß eine stets 
größere Zahl von heimischen Kunstfreunden die Dürer- 
bund - Ausstellungen aufsucht, um die Arbeiten von 
Kunstbeflissenen kennen zu lernen, die in den übrigen 
Ausstellungen nicht anzutreffen sind. Auch gegenwär- 
tig sind wieder einige neue Kräfte eingeführt. So Alfred 
Rott manner, der sich als wagemutiger Freilichtbe- 
kenner vorstellt. Seine Bilder >Abschied« und •Sommer« 
sind vortrefflich gemalt nnd erinnern lebhaft an die 
Münchener Tradition der letzten Jahre. Grabwinkler 
bringt eindrucksvolle Landschaftsbilder, W es e mann 
unter anderem ein kräftiges Pastell »Der Unbeugsame — 
der Tod als Ritter< — , das Aufsehen erregt, Götzinger 
hübsche Stadtansichten, Hermann ein Interieur von 
guter Wirkung, Fritz Lachs fein durchgeführte Aqua- 
relle ebensolche auch Th. von Ehrmann, Widlicka 
Kinderbilder von großer Innerlichkeit. Sehr schön und 
von besonders geschmackvoller Farbengebung ist Gustav 
Bitterlichs >Waldwiese«, auch Hermann Schm ids 
»Rathaus in Steyr« ist recht bemerkenswert, nicht minder 
Elise von Kohls »Schulerstraße in Wien«. Dussek 
zeigt ein sehr gut und vornehm gemaltes Herrenporträt 



(Freiherrn von Hübel) Girardi überaus natürliche Blu- 
menstücke. Die Landschaftsbilder von Brunner, Linde- 
mann, Lukacs, Musser, Preuß, Raudnitz und 
Stifler möchten wir nicht unerwähnt lassen. An Radie- 
rungen — nicht der schwächste Teil der Ausstellung — 
sind recht tüchtige und ausdrucksreiche vorhanden, 
besonders diejenigen von Alois Arnsegger, J. F. 
Benesch, Celia Stuewer sind von ausgezeichneter 
Komposition, ferner sind Burrian, E. von Tannen- 
hagen, Havd, Samz, ZI at US eil ka. Feit h (dieser mit 
farbigen Radierungen) durch sehr solide Arbeiten ver- 
treten. Von Zeichnern möchten wir noch Karl Hoef- 
ner nennen sowie Franz W immer, welch letzterer 
einige seiner phantasiereichen Federzeichnungen zur 
Ausstellung gebracht hat. Überaus schwach und dies 
ist sehr zu bedauern, kommt die Plastik zur Geltung, 
sie beschränkt sich auf eine Marmorbüste und eine 
zierliche Holzstatuette von Senoner, Holzfigürchen von 
Saut er und zwei Porträtplaketten Bocks, Liszt und 
Mahler. Ein besonderer Grund der diesmaligen Aus- 
stellung des Albrecht- Dürer Bundes eingehender zu ge- 
denken, ist der, daß derselben auch eine Nachlaß - 
Ausstellung des jüngst verstorbenen Malers Hugo 
Schubert angegliedert ist. Der Künstler zählte noch 
nicht vierzig Jahre, als er, von einer Studienfahrt 
heimkehrend, erkrankte und innerhalb weniger Tage 
vom Tode liinweggerafft wurde, der seinem künstleri- 
schen Aufstieg ein Ziel setzte. Die hier ausgestellte 
Sammlung umfaßt ungefähr vierzig Gemälde, meist 
Porträts, von denen da.s Bild seines Vaters, des bekann- 
ten Illustrators August Schubert, und das Bild eines 
jungen Mädchens in Weiß besonders auffallen. Schu- 
berts Art ist so ungeklügelt und frisch, bedeutet eine 
so unmittelbare Wiedergabe des Geschauten mit den 
einfachsten Mitteln, daß die heitere Arbeit seiner Bilder 
wie etwas Selbstverständliches erscheint. Das gilt haupt- 
sächlich von seinen Landschaftsbildern, aber auch das 
Figürliche ist leicht und flüssig gemalt, so die präch- 
tigen Genrestücke »Die Näherin« »Alte Frau beim 
Kirchgang«, »Vor dem Ausgange usw., die alle einen 
köstlichen Farbenglanz haben. Im ganzen zeigt sich 
der ehrliche, auf sicherer Grundlage auf bauende Künst- 
ler, der niemals einem flüchtigem Tagesgescmack Kon- 
zessionen macht, dem lediglich der innige Anschluß an 
die Natur zum Leitstern seiner künstlerischen Arbeit 
geworden ist. (Schluß folgt.) 



VERMISCHTE NACHRICHTEN 

Ein Studenten haus in Marburg an der Lahn will 
der Thüringer Hausverein bauen. Zur Erlangung von 
Entwürfen hat er einen Wettbewerb veranstaltet, an 
welchem sich solche selbständige Architekten beteihgen 
können, welche dem K.V. (Verband der kath. Studenten- 
vereine Deutschlands) angehören. Es sind drei Preise 
von zusammen 1000 M. ausgesetzt. Dem Empfänger 
des I . Preises wird außerdem die Bauleitung übertragen. 
Entwürfe sind bis zum 15. April 19 14 an Dr. Schild, 
Göttingen, Hainholzweg 50, einzusenden. Von diesem 
sind auch die näheren Wettbewerbsbedingungen zu 
erfahren. 

Wettbewerb für Maler. Die Kgl. Akademie 
der Künste in Berlin schreibt den Wettbewerb um 
den Rauffendorf-Preis für Maler aus. Der Preis 
besteht in einem Stipendium von 4000 M. und wird 
jedes zweite Jahr — abwechselnd für Maler und Bild- 
hauer — ausgeschrieben. Zur Teilnahme werden nur 
unbemittelte Bewerber christlicher Religion beiderlei 
Geschlechts zugelassen, die eine der deutschen Kunst- 
akademien oder der diesen gleichstehenden Kunstschulen 



VERMISCHTE NACHRICHTEN. 



BUCHERSCHAU 



des Deutschen Reichs oder das Staedelsche Kunstinstitut 
zu Frankfurt a. M. besuchen oder zur Zeit der Aus- 
schreibung des Stipendiums nicht länger als ein Jahr 
verlassen haben. Bewerbungen sind bis zum 3. November 
ds. Js. an die Kgl. Aliaderaie der Künste zu Berlin W 8, 
Pariser Platz 4, einzusenden. gijj^ 

Bildhauer Professor Jakob Bradl wird dem- 
nächst München verlassen, um ein neues Wirkungsfeld 
zu betreten. Am i. April wird er nämUch die Direktion 
der Fachschule für Holzschnitzerei in Oberammergau 
übernehmen. Der bisherige Leiter Ludwig Lang 
wird sich nach vierzigjähriger Tätigkeit in den Ruhe- 
stand begeben. Der Kirchenchor-Verein München-Neu- 
hausen, dessen Ehrenvorstand Professor Bradl war, ver- 
anstaltete als Abschiedsfeier am 13. März ein Konzert, 
das namentlich auch von Künstlern stark besucht war. 
Der Gefeierte, der bekanntlich auch für die Schauspiel- 
kunst hohe Begabung besitzt, trug bei demselben zwei 
Dichtungen vor. 

Bamberg. Der Stadtmagistrat erwarb das Gemälde 
>Cäcilia« von Prof K. Schleibner, welches der Künst- 
ler dem Kirchenbauverein seiner Heimatgemeinde Hall- 
stadt gestiftet hat, für das Städtische Gemäldemuseum. 
Es ist ein wesentliches Verdienst des kunstsinnigen 
Bürgermeisters Wächter, die heimatliche Kunst zu pflegen 
und zu fördern; möge dies Nachahmung finden. — Ge- 
nanntes Bild ist eine vortreffliche Jugendarbeit des Künst- 
lers und ist durch die Reproduktionen der G. (. eh. K. 
weithin bekannt. 

Kunst verein München. Der handliche Rechen- 
schaftsbericht für 191 3 zählt 4809 Mitglieder auf. Unter 
den Veranstaltungen des abgelaufenen Jahres sind zwei 
in angenehmster Erinnerung und verdienen durch ihre 
Bedeutung besondere .Anerkennung: Die Ausstellung 
der Gemälde aus der Privatgalerie S. Kgl. H. des Prinz- 
regenten Luitpold von Bayern und die Ausstellung : 
»Bayerische Kunst im 18. Jahrhundert«, die gemeinsam 
mit dem Verein Bayerischer Kunstfreunde durchgeführt 
wurde. Übrigens boten auch die Wochenausstellungen 
und namentlich einige Gedächtnisausstellungen sehr viel 
Wertvolles. Ausgestellt waren 6641 Werke. 

Frühjahrsausstellung der Münchener 
Secession. Die Eröfihung erfolgte am 3. März. 
Über 1700 Werke wurden eingesandt, von denen die 
Jury gegen 570 annahm. Die Säle der Secessions- 
galerie sind auch diesmal der .-Ausstellung angegliedert. 

Für den Wettbewerb um Entwürfe zu Klein- 
möbeln, den der Verein für Deutsches Kunstgewerbe 
zu Berlin auf Anregung seines Mitgliedes, Herrn Carl 
Jacob in Berhn erlassen hat, sind 1586 Wettarbeiten 
eingegangen. Das Preisgericht hat je einen ersten Preis 
von 400 M. dem Architekten Paul Buhrow in Berlin 
und dem Architekten Erich Knüppelholz in Berlin-Frie- 
denau. je einen zweiten Preis von 200 M. dem Archi- 
tekten W. von Nessen in Neukölln, dem Kunstgewerbe- 
zeichner Wilhelm Kienzle in München und dem .Archi- 
tekten Paul Buhrow in Berlin, je einen dritten Preis 
von 100 M. dem Kunstgewerbezeichner Wilhelm Kienzle 
in München, Walter Kostka in Berlin- Südende, dem 
.Architekten W. von Nessen in Neukölln und Max Müller 
in Berlin zugesprochen. Feiner sind auf Vorschlag des 
Preisgerichtes achtzehn und freihändig noch sechs Ent- 
würfe zu je 50 M. angekauft und 30 Entwürfe durch 
eine lobende Erwähnung ausgezeichnet worden. 

Ars Sacra, Verein zur Förderung religiöser 
Kunst, Köln. Am 10. März hielt der Verein eine 



Hauptversammlung ab zum Zwecke der Neuwahl 
des Vorstandes, der Genehmigung der Satzungen und 
der Eintragung des Vereins in das Vereinsregister. Der 
Vorstand blieb im wesentlichen unverändert. Zum I.Vor- 
sitzenden wurde durch Akklamation einstimmig Dr. A. 
Huppertz gewählt, dann in gleicher Weise die übri- 
gen Vorstandsmitglieder : Diözesanbaumeister H. R e n a r d 
(stellvertretender Vorsitzender), Bildhauer S. Kirsch- 
baum (Schriftführer), Hofgoldschmied J. Kleefisch 
(Kassenwart), Bildhauer Prof Gg. Grasegger, Maler 
J. Osten, Stadtverordneter Architekt Th. Roß. Sodann 
wurden die von einem Juristen geprüften Satzungen ge- 
nehmigt und die Eintragung des Vereins in das Vereins- 
register beschlossen. Eine reizende Aufgabe hat der 
Verein für die Deutsche Werkbundausstellung 
Köln 1914 übernommen, nämhch die vollständige .Aus- 
stattung der Kirche im »Niederrheinischen Dorf«. Dieses 
wird am äußersten Ende der .Ausstellung nach den 
Plänen des Architekten Prof G. Metzendort (Essen-Ruhr) 
an dem von Bäumen und Buschwerk gesäumten Ufer 
des Rheines erbaut. In der Mitte erhebt sich, an drei 
Seiten von PLätzen, an der vierten von einer Straße be- 
grenzt, die Kirche nach dem Entwürfe zweier Vereins- 
mhglieder, der Architekten Heinr. Renard und Stephan 
Mattar. .Andere Mitglieder des Vereins liefern die hierzu 
eigens ausgeführten Einrichtungsgegenstände, Malereien, 
Plastiken, Möbel, Fenster, Goldschmiede- und Kunst- 
schlosserarbeiten, Paramente usw. Orgel, Glocken, Uhr 
und Glockenspiel werden von Spezialfirmen geliefert. 
Der Jurv, welche für die Dortkirche besonders gebildet 
wurde, gehören an vonseiten der Ausstellungsleitung 
Prof. Metzendorf und Museumsdirektor Dr. Hagelstange, 
von Seiten des Vereins der Vorsitzende und ^^^ beiden 
erbauenden Architekten. Der Besucher der .Ausstellung 
wird, wenn er sich durch all die monumentalen Bauten 
mit ihrer überreichen Fülle von Ausstellungsgegenständen 
durchgearbeitet hat, überrascht und erleichtert aufatmen, 
wenn er, um eine Ecke biegend, plötzlich die hübsch 
gelegene Bautengruppe des „Niederrheinischen Dorfes" 
vor sich sieht, und in dem schmucken Kirchlein wird 
die für ihren Platz eigens gefertigte .Ausstattung sich 
besonders reizvoll präsentieren. 

Kunstgewerheschule der Stadt Köln. Das 
Sommersemester begann am 10. März. Bedingung für 
die Aufnahme ist im allgemeinen d.is zurückgelegte 
16. Lebensjahr oder der Nachweis einer mindestens 
zweijährigen praktischen Tätigkeit. Die kirchUche Kunst 
wird besonders berücksichtigt. Näheres siehe Inserat 
der vorigen Nummer. 



BÜCHERSCHAU 

Meister der Farbe. Europäische Kunst der Ge- 
genwart. 1914, Heft I. Verlag E. A. Seemann, Leipzig. 
Abonnementpreis für 12 Monatshefte M. 24. — ; Einzel- 
heft M. 3.—. 

Auf obige schöne Publikation wurde an dieser Stelle 
schon oft hingewiesen. In vorliegender Nummer sind 
Claus Meyer, Jef Leempools, Alexander Koester, Hans 
Thoma, Ä. M. Gotter, Otto Greiner mit je einem farbi- 
gen Blatt vertreten. Jedem Bild ist eine kurze Einfüh- 
rung beigegeben ; es liegt nahe, daß es dabei nicht immer 
ohne Überschwenglichkeit abgeht. Mehr komisch als 
geistreich wirkt im Aufsatz über Thomas Bild die Ver- 
sicherung, man fühle in diesem Werke das Deutsche, 
das in notvoller Stunde durch die Formel Luthers; »Hier 
stehe ich, ich kann nicht anders« mit Gelassenheit und 
ruhiger Gebärde auch bei Thoma zum Ausdruck ge- 
kommen sei. .\igner 



Für die RedaktioD vcrantwonlich : S. Staudbaroer (Promenadcplatz j) ; Verlag der Gesellschaft für christliche KuQSt, G. m. b. H. 
Druck von F. Br^ckmann A. G. — Sämtliche in München. 




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EDUARD VAN' ESBROECK 



Im Besitz von M. Armand MercUr i 



JESLS IX CETHSE.MANI (MUNDHELHL CHTCN'G) 
Brüssel 



EDUARD VAN ESBROECK 

Von Dr. LEO MALLIXGER, Löwen 



Fast wie ein Märchen klingt die Lebensge- 
schichte dieses Mannes, viel wunderbarer 
noch als die Schicksale des kleinen Helden 
von Consciences Erzählung ;iWie man Maler 
wird«. 

Steht da — in einer unscheinbaren Ort- 
schaft aus der Umgebung von Brüssel: Lon- 
derzeel — ein neunzehnjähriger Bauernbursche 
in der Werkstatt und arbeitet tüchtig darauf 
los, ein Paar Holzschuhe zu verfertigen. Seine 
Gedanken aber schweifen weit abwärts. Mit 
acht Jahren, als der Vater starb, mußte der 
begabte und strebsame Volksschüler auf die 
ihm so teuren Studien verzichten, und das 
hat er nie verwinden können. Seine Muße- 
stunden füllte er damals regelmäßig mit seiner 
Lieblingsbeschäftigung aus, Zeichnen. Seine 
Schulkameraden, die seine Neigungen und sein 
keimendes Talent kannten, brachten ihm aller- 
lei Bilder mit, die sie nur irgendwo auftreiben 
konnten und mit Staunen sahen sie ihm dann 



zu, wenn er dieselben auf einen Fetzen Papier 
nachzeichnete, und zwar so genau, daß man 
versucht war, seine Blätter für Durchzeich- 
nungen zu halten. Von Methode hatte er 
dabei natürlich nicht die geringste Ahnung. 
Aufs Geratewohl begann er mit einem Ohr 
oder einem Zweig, und schließhch kam doch 
ein ordentlicher Mann oder ein richtiger Baum 
dabei heraus. Ein lebhaftes Naturgefühl, gepaart 
mit zäher Ausdauer, diese beiden Eigen- 
schaften kennzeichneten schon damals sein 
Schaffen und haben sich seither immer mehr 
bei ihm bewahrheitet. 

Eines Tages meldete der Knabe mit Tränen 
in den Augen seinem Schullehrer, daß die be- 
schränkte Lage seiner Familie ihm nicht ge- 
statte, noch ferner die Schule zu besuchen, 
und daß er seinen Brüdern bei ihrem Hand- 
werk helfen müsse; er bat zugleich instän- 
digst um Überlassung einiger Bücher zu seiner 
weiteren Ausbildung, da er sich vorgenommen, 



Die christliche Kunst. X. 



I Mai 1914. 



226 



^ EDUARD VAN ESBROECK ^ 




EDUARD VAN ESBROECK 



DAS ANKLEIDEN DES TÄUFLINGS 



Text S. 234 



nach getanem Tagewerk bis in die Nacht 
hinein zu studieren. Ans Zeichnen durfte 
vorläufig nicht mehr gedacht werden. So 
flössen die Lehrjahre im Holzschuhmachen 
eintönig dahin. 

Da, mit einem Male, kam eine entscheidende 
Wendung. Im Jahre 1888 — Van Esbroeck 
zählte damals 19 Jahre — zogen wandernde 
deutsche Photographen durch den Ort und 
stiegen in der von den Seinen gehaltenen 
Wirtschaft ab. Ein wahres Ereignis für unsern 
zukünftigen Porträtmaler. Diesmal erwachte 
der lange unterdrückte Zeichentrieb wieder 
und drängte gebieterisch zur Betätigung. Der 
junge Handwerker machte sich daran, die 
Photographien seiner Familienangehörigen in 
größerem Maßstab nachzuzeichnen. Da die 
Sache ihm äußerst leicht vorkam, so tat er einen 
weiteren Schritt und begann, nach der Natur 
zu porträtieren. Seine Konterfeien aus dieser 
Zeit entbehren keineswegs des Ausdrucks und 
haben etwas von dem steifen, ungelenken 
Wesen der gotischen Künstler. Wiederum 



ging's eine Stufe höher: bis zur Farbe hinauf. 
In der Dorfkirche hing ein großes Bild, vor 
welchem der junge Mann oft in stummer Be- 
trachtung gestanden. Man hatte ihm gesagt, 
es sei auf Leinwand gemalt, und nun wurde 
der Wunsch in ihm rege, es auch mit der 
Farbe zu versuchen. Die Wahl des Modells 
ist bezeichnend lür seine Herzenseigenschalten : 
er bestimmte seine teure Mutter, ihm zu sitzen. 
Seine kleinen Ersparnisse mußten dazu her- 
halten, ein Stück Kattun zu kaufen, das auf 
ein Brett genagelt wurde; dann machte er sich 
daran, einige Pinsel aus Kuhhaaren herzustellen 
und suchte den Anstreicher des Orts auf, um 
sich von ihm Anweisungen über die Farben 
geben zu lassen und deren für einige Groschen 
zu kaufen. Da die Palette ihm gänzlich un- 
bekannt war, verfertigte er sich mit seinem 
Handwerkszeug einen Kasten mit mehreren 
Fächern, um die verschiedenen Farben unter- 
zubringen. Als es an die Ausführung des 
Bildes ging, stellte es sich heraus, daß die 
selbstgemachten Pinsel den Dienst versagten ; 



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62^ EDUARD VAN ESBROECK 



diesmal mußte der Dorfbote in Anspruch ge- 
nommen werden, um aus einer benachbarten 
Stadt tauglichere Pinsel zu beschaffen: er brachte 
das Beste, das er auftreiben konnte, dünne, auf 
Gänsefedern aufgesteckte Aquarellpinsel. Trotz- 
dem ging es rüstig ans Werk, und es glückte. 
Sehr interessant, dieses erste Olporträt: et- 
was eintönig in der Farbengebung, jedoch 
von rührender Wahrheit und sehr ausdrucks- 
voll, das Seelenleben treu widerspiegelnd. 
Die Anerkennung blieb denn auch dem Erst- 
lingswerk nicht versagt: sämtliche Dorfbe- 
wohner kamen, das Wunder in der väterlichen 
Schenke anzustaunen, und die Angesehensten 
sprachen die Meinung aus, der jungeMaler müsse 
die Akademie besuchen. Und so traf er denn 
einige Tage später vor dem Tor der Zeichen- 
schule eines benachbarten Städtchens, Dender- 
monde, ein, mit seinen bisherigen »Werken« 
unter dem Arm. Doch das Unglück wollte, 
daß der Eintritt ihm versagt blieb: es war eben 
Ferienzeit. Die günstige Stimmung seiner 
Familienangehörigen aber hätte sich auf die 
Dauer verlaufen ktinnen; sie mußte also ohne 
Verzug ausgenutzt werden. 



In dieser schwierigen Lage wandte sich 
der junge Mann um Rat an den Schloßherrn 
von Londerzeel, Vicomte A. de Spoelberch. 
Es war eben eine fremde Dame auf Besuch 
auf dem Schloß, und als diese von dem jungen 
Dorfwunder reden hörte, sprach sie lachend 
den Wunsch aus, von dem interessanten Na- 
turkind, als Probe seiner Kunst, porträtiert 
zu werden. Wie gesagt, so getan. Papier 
und Bleistift waren schnell zur Hand, und die 
Sitzung begann. Der angehende Künstler, et- 
was betroffen und verlegen, ein so aristo- 
kratisches Modell vor sich zu haben, arbeitete 
nichtsdestoweniger gewissenhaft drauflos und 
sein Eifer war so groß, daß die hereinbrechende 
Nacht ihn nicht einmal aufgehalten hätte. 
Die hohen Herrschaften erklärten sich sehr 
zufrieden und baten um die Rechnung. Eine 
heikle Angelegenheit! Konnte man schicklich 
noch etwas für die Arbeit fordern, wenn Papier 
und Bleistift gratis geliefert worden waren? 
Man mußte vielmehr für die große Ehre dank- 
bar sein. Der Schloßherr machte dem Zaudern 
ein Ende, indem er dem jungen Bauern einen 
Zwanzigfrankschein in die Hand drückte. Schon 




EDUARD VAX ESBROECK 



WÄHREXD DER BEICHT DES STERBENDEN 



^ EDUARD VAN ESBROECK ^3 



229 



wollte der Bursche forteilen, 
um die Geldnote zu wech- 
seln, da man augenschein- 
lich Kleingeld brauchte. 
Allein der großmütige Mäzen 
erklarte ihm, daß er die ganze 
Summe als redlichen Lohn 
seiner Arbeit behalten dürfe. 
Dankesstammeln, und darauf 
eine solche Hast, die gute 
Nachricht daheim zu melden, 
daß die Holzschuhe, die er 
beim Eintritt ins Haus an der 
Treppe abgelegt hatte, ver- 
gessen wurden und er auf 
bloßen Strümpfen durch die 
Straße stürmte. 

Herr de Spoelberch tat 
noch mehr für seinen Schütz- 
ling: er empfahl ihn dem 
Leiter der Brüsseler Kunst- 
schule, J. Portaels, welcher 
— es war im Jahre 1889 — 
den talentvollen Schüler 
gleich in den von ihm selbst 
erteilten Malkursus nach der 
Natur aufnahm und sich per- 
sönlich um seine Fortschritte 
kümmerte. Dank den Be- 
mühungen des Vicomte er- 
hielt Van Esbroeck ein Sti- 
pendium, welches ihm auch 
in materieller Hinsicht den 
Aufenthalt in der Hauptstadt 
erleichterte. Außerdem ver- 
schaffte er ihm kleine Aut- 
träge, Porträts von Mitglie- 
dern seiner Familie. 

Es war für den jungen 
Bauern kein leichtes, sich in die für ihn so neu- 
artigen Atelierzustände zu schicken — er, der 
bis dahin geglaubt hatte, daß es zum Ausüben 
derKunst der stillen Sammlung bedürfe, hatte da 
lärmende, singende, rauchende Gesellen um 
sich, von deren Gesprächen er nichts verstand, 
denn er kannte nur seine flämische Mutter- 
sprache. Schüchtern in einen Winkel geduckt, 
sah er dem tollen Treiben zu und hatte 
alle Mühe der Welt, seine Aufmerksamkeit 
nicht zu sehr von seiner Leinwand ab- 
schweifen zu lassen. Nach und nach gewöhnte 
er sich an sein neues Milieu und überflügelte 
bald seine Kameraden in den schnell hinge- 
worfenen Aktstudien. Seine Nächte brachte 
er großenteils damit zu. Französisch zu lernen 
und seine lückenhafte Schulbildung durch 
Lesen zu ergänzen ; so machte er unter anderm 
mit Homer Bekanntschaft, den ihm der Aka- 




EDUARD VAN ESBROECK 



BEIM VORBEIZIEHEN DER PROZESSION 
Text S. 2S4 



demiedirektor geliehen hatte. Kaum einige 
Monate nach seiner Ankunft mußte Van Es- 
broeck, den Traditionen gemäß, einen vom 
Direktor dem Kursus aufgegebenen Stoff": 
Die Rückkehr des verlorenen Sohnes, 
behandeln. Nicht nur waren ihm Geschichte 
und Kostümkunde völlig fremd, sondern er 
wußte noch nicht einmal genug Französisch, 
um den im Saal aufgeschlagenen Text ohne 
Zuhilfenahme des Wörterbuchs zu verstehen. 
Die Ausführung fiel in die Christferien, die 
der junge Mann im trauten Kreise der Seinen 
verbrachte. Das ganze Haus feierte das i'rohe 
Wiedersehen, und als er am andern Tage 
sein Thema in Angriff" nehmen sollte, da war 
es ein Selhsterlebnis geworden: in der histo- 
rischen Szene sah er nur noch das eine, die 
Rückkehr des Sohnes, das Glück der Wieder- 
vereinigung. Er malte bäuerliche Gestalten 



^3 EDUARD VAN ESBROECK ^ 



in einer flämischen Hütte, mit einem damp- 
fenden Freudenmahi auf dem groben Tisch. 
Als er, nach Brüssel zurückgekehrt, die Ar- 
beiten seiner Mitschüler sah, aut denen sicii 
Orientalen in üppigen, faltenreichen Kleidern 
bewegten, da schämte er sich fast seines an- 
spruchslosen Bildes und hielt sich verlegen 
im Hintergrunde, als Portaels die Probestücke 
musterte. Zum Unglück war der Meister an 
dem Tage schlecht gelaunt, so daß er alles 
bekrittelte; nichts fand Gnade in seinen Augen. 
»Wenn man weiter nichts im Leib hat, fuhr 
er die jungen Leute an, dann tut man besser, 
Schuhe zu machen.« Dieser Rat schien ja 
gerade auf den ehemaligen Holzschuhmacher 




EDUARD VAN ESBROECK 



AN DER WIEGE 



Trxt S. 234 



abgemünzt zu sein, und kaum wagte er es, 
seine Leinwand auseinanderzurollen. Schon 
begrüßten die Mitschüler die Leistung mit 
einem spöttischen Lächeln, aber da hellte sich 
das Gesicht des Lehrers auf, er besah die 
Arbeit eingehend und entschied: »Der allein 
hat das Thema gut verstanden. Ihr andern 
habt meilenweit gesucht, statt euch ganz ein- 
fach in eurer Umgebung umzusehen. An 
diesen Bauersleuten ist doch etwas! Fahr nur 
so fort, Freund!« sprach er zu Van Esbroeck, 
>und setz nur deine Unterschrift auf dieses 
Werk; ich werde es zum Angedenken auf- 
heben.« Wer war da am meisten verdutzt. 
Van Esbroeck oder seine Mitschüler? 

Während der zwei folgenden Jahre 
behauptete er beständig den ersten 
Platz in seiner Klasse; er bewies 
mehr Wagemut als die andern und 
trug in der Prüfung für historische 
Anordnung ohne Mühe den Preis 
davon. Allein als Portaels ihm zu 
seinem Erfolg gratulierte, fügte er 
hinzu: »Das Stück steht hinter dem 
Porträt Ihrer Mutter und Ihrem Ver- 
lorenen Sohn zurück. Glauben Sie 
mir, junger Mann, kehren Sie wieder 
zu Ihren Bauern zurück.« Für den 
Augenblick aber war der wohlge- 
meinte Rat schwer zu befolgen, da 
der Wettbewerb für den Rompreis 
(1892) bevorstand. Eine solche Aus- 
zeichnung war ja nur zu wünschens- 
wert, und es lohnte sich schon der 
Mühe, sich durch Übungen im histo- 
rischen Genre darauf vorzubereiten. 
Die Prüfung im verschlossenen Zim- 
mer begann. Um sich über den 
ehemaligen Holzschuhmacher zu be- 
lustigen, hatten es seine fünf Mit- 
bewerber für gut befunden, mit Holz- 
schuhen an den Füßen zu malen. 
Kaum hatten sie mit ihrer Arbeit be- 
gonnen, so gaben sie vor, die Holz- 
schuhe schmerzten ihre nicht daran 
gewöhnten Füße, und ließen Van 
Esbroeck fragen, ob er sie ihnen 
nicht genauer anpassen möge. »War- 
um nicht.''« war die Antwort, »ich 
brauche dazu nur einen kleinen 
Hobel.« Das Handwerkszeug war 
bald gefunden, und mit unerschütter- 
licher Gemütsruhe waltete der Spe- 
zialist seines Amtes, indem er dachte: 
Nur zu, meine Herren, wer zuletzt 
lacht, lacht am besten.« Und das 
war Van Esbroeck. Zwar wurde der 
erste Rompreis in jenem Jahre nicht 



QS^ EDUARD VAN ESBROECK ^ 



231 



zuerkannt, da die beste Arbeit nicht 
allen Einzelheiten der Prüfungs- 
ordnung entsprach; diese Arbeit 
aber, welche mit dem zweiten Preis 
gekrönt wurde, war die unseres 
Malers. 

Das Thema war: Die letzten 
Opfer der Sintflut. Aus der 
unermeßlichen Wasserflut taucht, 
vom strömenden Regen zerfetzt, 
ein letzter Baum hervor. Mit ver- 
zweifelter Anstrengung suchen 
sich die wenigen Überlebenden 
daranzuklammern. An der Spitze 
des unter der ungewohnten Last 
bis ins Wasser gebogenen Astes 
krallt sich ein Raubvogel fest, 
dessen Flügel umgeschlagen sind. 
Daneben hängt sich ein Knabe, 
Entsetzen im Auge, mit beiden 
Händen an das lose Band, welches 
ihn an den Vater knüpft. Ein 
Mann zieht mit Gewalt sein Weib 
zum Stamm hin. Die Widerstre- 
bende streckt vergebens die Hand 
nach dem aus ihrer Umarmung 
gerissenen Kinde aus, das schon 
dem Tod verfallen und ein Spiel 
der Wellen geworden ist. In der 
ganzen, wie Körner einer Traube 
harmonisch zusammenhängenden 
Menschengruppe herrscht Leben 
und Kraft, Einheit und Abwechs- 
lung. Mit verschiedenen Gebär- 
den gehen alle diese Gestalten auf 
dasselbe Ziel los. Da ist keine 
Posse, keine romantische Über- 
treibung. Man hat den Eindruck, 
daß es sich um ein wirkliches 
Ertrinken handelt, man sieht das 
Verderben nahen, man spürt das 
Unerbittliche des Elementes. Wenn 
auch einige Umrisse verschwom- 
men sind, so ist doch das Ganze 
eine wohl angeordnete, ergrei- 
fende Szene. 

Sobald die Nachricht, daß \'an Esbroeck 
als Sieger aus dem Wettstreit hervorgegangen 
sei, in seinem Dorf bekannt wurde, brach ein 
allgemeiner Enthusiasmus aus: die Fahnen 
wurden aufgesteckt, die Glocken geläutet, 
und der junge Maler im feierlichen Aufzuge 
nach dem Gemeindehaus geleitet. Alle Vereine 
der Ortschaft und der Umgegend nahmen 
an dem Festzuge teil, und ein ländlicher, aber 
geschmackvoll hergerichteter Triumphbogen 
trug als eigentümliche, sinnige Verzierung 
ein Paar Holzschuhe mit der Jahreszahl 1889 




EDUARD VAX ESBROECK 



DER SOHN' DES KÜNSTLERS 



und gegenüber eine Palette mit der Jahreszahl 
1892, um die schnelle künstlerische Entwick- 
lung des Jünglings in vier Jahren zu versinn- 
bilden. Das der Regierung gehörende Bild 
wurde dem Geburtsort \'an Esbroecks leih- 
weise überlassen und im Gemeindehaus auf- 
gehängt, wo man es gegen eine geringe 
Vergütung vorzeigt, die der religiös veran- 
lagte Jüngling der Dorfkirche zukommen läßt. 
Ein Jahr später (1893) bewarb sich Van 
Esbroeckmit einem zweiten größeren Gemälde 
um den Godecharle-Preis. Diesmal hatte er ein 



232 



EDUARD VAN ESBROECK 62^ 



selbstgewähltes Thema behandelt, das für seine 
Geistesrichtung charakteristisch ist: Der Trö- 
ster der Sklaven. Um die heiße Mittags- 
stunde haben sich die von der erdrückenden 
Arbeit im Steinbruch erschöpften Sklaven zur 
kurzen und wenig erquicklichen Ruhe nieder- 
gelassen. Die älteren sind, von Müdigkeit 
überwunden, in Schlaf versunken. Ein an- 
derer späht nach dem Aufseher, ob dieser 
das Zeichen zur Wiederaufnahme der Arbeit 
noch nicht gibt. Da tritt ein Greis auf, eine 
fast überirdische Erscheinung für diese Ent- 
erbten, und doch ein Mensch wie sie, denn 
sein weißes Haar, seine durchfurchten Züge, 
sein abgemagerter und gebeugter Körper spre- 
chen von den bittern Erfahrungen und Prü- 
fungen des Lebens. Es ist ein Apostel des 
Evangeliums, und er verkündet diesen armen, 
von aller Welt ^'erlassenen die neue Lehre, 
welche den Bedrückten Linderung und Er- 
lösung bringt. Und sie horchen staunend, und 
schon sind die Jüngeren gewonnen; eine zarte 
Aufregung durchzittert ihr Inneres, die Gnade 
ist über sie gekommen, sie falten die Hände 
und stürzen zu den Füßen des Friedensboten. 
Ein etwas älterer Mann kann sich nicht so 
leicht in die ungewohnten Worte finden; o, 
auch er ersehnt so heiß ein besseres Los, aber 
er kann nicht daran glauben; zu viele Mühselig- 
keiten und Enttäuschungen haben ihm den 
letzten Rest Holfnung geraubt. Ihm wendet 
der Tröster seine ganze liebevolle Aufmerk- 
samkeit zu. Wie beredt sind doch die Blicke 
all dieser Menschenl Das Herz des Künstlers 
war an dem Werk beteiligt, und kaum verraten 
die etwas steifen Linien der Landschaft, daß 
er noch nicht über alle Geheimnisse des 
Handwerks gebietet. 

Das Bild hatte auf der Dreijahrsausstellung 
in Brüssel Platz gefunden. Nach Schluß 
derselben brachte man in einem besonderen 
Räume die Gemälde unter, welche am Wett- 
bewerb für den Godecharle-Preis teilnahmen, 
vergaß aber zufälligerweise \'an Esbroecks 
Werk. Bei der Besichtigung erkannte die 
Jury dem Antwerpener Ernst Wante den 
ersten Preis zu. Auf einmal aber bemerkte 
eines der Mitgheder der Jury, Graf de Lalaing, 
daß Van Esbroecks Bild fehlte. Bestürzt stellte 
man Nachsuchungen an und fand dasselbe 
noch an der Wand der Ausstellung. Es gefiel 
den Preisrichtern so gut, daß sie es ebenfalls 
mit einem ersten Preis bedachten; zufällig 
war ein Jahr vorher der Godecharle-Preis nicht 
vergeben worden, und den erhielt nun Van 
Esbroeck. 

Am Tage der Entscheidung arbeitete der 
junge Mann eben an einem Porträt, das ihm 



60 Fr. eintragen sollte, als an der Haustür ge" 
schellt wurde. Das wird wohl eine Meldung 
über das Ergebnis sein, dachte er und flog 
die Treppe hinab, denn er bewohnte ein 
hochgelegenes, bescheidenes Zimmerchen. 
Enttäuschung I Es war nur ein Bettelweib, 
das flehend die Hand hinhielt. Van Esbroeck 
hatte gerade noch einige Groschen in der 
Tasche, aber die reichten eben nur zu einem 
kargen Mittagsmahl; gefrühstückt hatte er so 
wie so nicht. Allein er zögerte keinen Augen- 
blick, sondern gab der Frau den Rest seiner 
Habe. Er vertraute auf Gott ; der würde ihn 
schon vor dem Hungertode bewahren. Kaum 
war er die Treppe wieder hinaufgestiegen, 
als abermals an der Schelle gezogen wurde. 
Diesmal war es die hochwillkommene Nach- 
richt des erfochtenen Sieges. 

In das darauffolgende Jahr tallen zwei be- 
deutende Porträts: das seines Gönners, Vi- 
comte A. de Spoelberch (im Genter Salon aus- 
gestellt), und das S. E. Goossens, Kardinal-Erz- 
bischofs von Mecheln, welcher durch den Erlolg 
des Trösters der Sklaven auf den jungen 
Künstler aufmerksam geworden war. 

Nunmehr begab sich Van Esbroeck zu seiner 
weiteren Ausbildung auf Studienreisen: nach 
England, Holland, Deutschland, Frankreich, 
Italien, und hielt sich in letzterem Lande 
mehrere Jahre auf. Er besuchte eifrig die 
Museen und erlangte bald eine solche Meister- 
schaft in der Bestimmung der Charaktere der 
verschiedenen Malerschulen, daß ein italie- 
nischer Adeliger ihn mit der Neuordnung 
seiner beträchtlichen Gemäldesammlung be- 
traute. An die Abteilung für schöne Künste 
der belgischen Akademie richtete \'an Esbroeck 
Berichte über seine Reisen und Studien, die 
äußerst wohlgefällig aufgenommen wurden. 
Auch machte er einige Kopien nach italie- 
nischen und flämischen Meistern. 

Im Jahre 1903 beteiligte er sich am bel- 
gischen Salon mit einem in der bekannten 
Zeitschrift Illustration europeenne ab- 
gedruckten größeren Gemälde, welches seit 
kurzem die St. Servals Kirche in Brüssel 
schmückt: Die ungerechte Verurtei- 
lung (Abb. S. 227). Zwischen Barrabas und 
einem römischen Soldaten, der ihm den 
roten Mantel von den Schultern reißt, steht 
Christus in unendlicher Trauer über die Bos- 
heit und den Undank der Menschen, denen 
er sein Herz geschenkt und für die er sein 
Leben hingeben wird. Zwei Schriftgelehrte 
sind eifrig damit beschäftigt, den zögernden 
Pilatus zu überreden. In des letzteren Augen 
liest man Zweifel und wie eine Vorahnung der 
Gewissensbisse, welche den Feigling von dieser 




EDUARD VAN ESBROECK 



SONNTAGSMORGEN 



^ EDUARD VAN ESBROECK ^ 



233 




EDUARD VAN ESBROECK 



JESUS AM KREUZE 



Kreitzvjegstatioii in der Kirche Sninie-Marie in Schaerteck. — Text unten 



Stunde an quälen werden. Die Angesehen- 
sten des jüdischen Volkes strömen die Treppe 
herab zum Gerichtshof, wahrend am andern 
Ende der Szene ein Trompeter des Winkes 
harrt, um die flutende Menge zum Schweigen 
zu bringen. Der Vordergrund ist mit rohen, 
lärmenden , drohenden Gestalten angefüllt, 
welche die Soldaten kaum in Ordnung zu 
halten vermögen. Das Ganze ist weniger 
theatralisch als Munkacsys berühmtes Bild, 
aber darum vielleicht um so wahrhaftiger. 

Im Jahre 1904 veranstaltete Van Esbroeck 
im Cercle artistique et litteraire in Brüssel 
eine Porträtausstellung, worüber die Presse 
sehr günstig urteilte. Energie und Entschie- 
denheit im Aufbau des Antlitzes, Ausdruck 
der Persönlichkeit, ausgeprägtes Seelenleben, 
gewandte Technik, \'ornehmheit im echt 
flämischen Farbenauitrag, solche und ähn- 
liche Eigenschaften kennzeichneten sämtliche 
bei dieser Gelegenheit vereinigten Werke. 
Auch während der folgenden Jahre tat sich 



der Künstler aut den Ausstellungen von 
Lüttich, Antwerpen und Gent mit Bildnissen 
hervor. 

Von 1906 bis J908 arbeitete Van Esbroeck 
an einem monumentalen Werke, welches 
sicherlich zu seinen besten gerechnet werden 
wird. Er hatte den Auftrag erhalten, die 
gegen Mitte des 19. Jahrhunderts im byzan- 
tinisch-romanischen Stil erbaute und erst vor 
etwa 20 Jahren fertiggestellte Kirche von Sainte- 
Marie in der Vorstadt Schaerbeek mit einem 
Kreuzweg zu schmücken (Abb. oben). Es ist 
dies eine der schönsten Kirchen Brüssels; eine 
mit vergoldeten Sternen verzierte, im Sonnen- 
schein blinkende Kuppel läßt sie von weitem 
erkennen. So bot sich dem Künstler eine 
willkommene Gelegenheit, seine aufrichtigen 
religiösen Überzeugungen zu betätigen und 
zugleich seine reichen kunsthistorischen 
Kenntnisse zu verwerten. Er entging glück- 
lich der Gefahr, den zu gestaltenden Kreuz- 
weg als etwas in sich Selbständiges, von 



Die thri-stiiche Kunst. X 



234 



EDUARD VAN ESBROECK 



seiner speziellen Bestimmung Unabhängiges 
zu betrachten. Im Gegenteil ging er von dem 
logischen Grundsatz aus, daß die Malerei 
eine Ergänzung des Gotteshauses, eine Be- 
kleidung der Wände werden müsse und folg- 
lich der Architektur unterzuordnen sei. Es 
durften also nur die freien Flächen verwandt, 
an die Pfeiler aber nicht gerührt werden. 
Demnach handelte es sich um einen deko- 
rativen Wandfries, der in demselben Stil wie 
die Kirche, also im byzantinischen Hieratis- 
mus zu halten war. Nur durfte dabei nicht 
allzu ängstlich verfahren, keine allzu ge- 
naue, knechtische, aufdringliche Wissenschaft- 
lichkeit angestrebt werden, denn sonst hätte 
seinen Zeitgenossen das Verständnis dafür 
gefehlt: die Gestalten wären ihnen zu steif, 
zu konventionell, zu blutlos vorgekommen. 
Kühn wie immer modernisierte Van Esbroeck 
den veralteten Stil, goß Leben und Gefühl 
hinein und erreichte so harmonische Schönheit. 
Von einem den Fresken von San Marco 
in Venedig nachgebildeten Mosaikgoldgrunde 
heben sich in halber Lebensgröße die Figuren, 
etwa hundert an der Zahl, verschieden nach 
ihren Gesichtszügen, nach Haltung und Klei- 
dung, in hellen, leuchtenden, anmutigen Farben 
ab, die an Stellen, wo das Sonnenlicht grell 
auffällt, vom Künstler dunkler getönt sind. 
Obschon von aller Schattierung, von jeder 
modellierenden Andeutung, die Löcher in die 
Wand gebohrt hätte. Abstand genommen 
werden mußte, so sind doch die einzelnen 
Flächen erkennbar, die Umrisse weich, die 
Gestalten, wenn auch notwendigerweise naiv 
und stilisiert, doch lebendig und natürlich in 
ihren Blicken, ihren Gebärden, dem Falten- 
wurf ihrer Kleider. Keine Pose, nichts Ge- 
schraubtes. Die Gruppierungen haben etwas 
von denen der Plastik an sich. Besonders 
ausdrucksvoll ist die jungfräuliche Erscheinung 
der Gottesmutter, besonders erhaben die Ge- 
stalt des Heilandes, die einzige, welche ab- 
sichtlich dem strengeren Hieratismus treu 
bleibt und sich dadurch wirkungsvoll von den 
andern unterscheidet. Wir haben hier weniger 
den vom Leiden abgezehrten Dulder als viel- 
mehr, nach byzantinischer Auffassung, den 
verklärten Gottmenschen vor uns, der selbst 
im Zusammenbrechen und bei der Kreuzab- 
nahme noch voller Adel ist. Zu den rührend- 
sten Stationen gehören Christi Fall unter der 
Last des Kreuzes, seine Begegnung mit seiner 
Mutter, sein Trosteszuspruch an die weinenden 
Frauen, die Beraubung der Kleider, die Kreuz- 
abnahme. Auch scheinbar nebensächliche 
Details tragen zur Abrundung, zur Gesamt- 
wirkung des Kreuzwegs bei: so sind die ein- 



zelnen Stationen oben und unten von einer 
Art Streifen orientalischen Brokats eingefaßt, 
dessen glücklich gewählte, abwechslungsreiche 
Svmbole sehr gut zum majestätischen Stil 
des Baues stimmen. 

So vereinigen sich denn hier die edelsten 
künstlerischen Eigenschaften: Zweckmäßigkeit 
und Gefühl, Wissenschaft und Maß, Technik 
und Leben, Zeichnung und Farbe, Anordnung 
und Anmut, um ein Meisterwerk zu schaffen, 
welches eine wahre Wiedergeburt der Monu- 
mentalmalerei, die auf profanem Gebiete 
bereits tüchtige Vertreter im zeitgenössischen 
Belgien gefunden hatte, wie Ciamberlani, Jean 
Delville, Montald, Colmant u. a. mehr, auch 
in der religiösen Kunst bedeutet. Vielleicht 
kann Van Esbroeck, wenn die äußeren Um- 
stände seinen Bestrebungen günstig sind, für 
sein Vaterland — wenn auch in bescheide- 
nerem Maße — werden, was Maurice Denis 
für Frankreich ist: der Herold einer neuen 
christlichen Kunst. 

Einstweilen aber sind Van Esbroecks An- 
sprüche bescheidener: seine letzten, auf dem 
Antwerpener Salon beifällig aufgenommenen 
Werke gehören zur Genremalerei. Sonntags- 
morgen: eine alte Bauernfrau bringt aus 
der Kirche Frieden und Trost heim, äußer- 
lich durch den in die niedrige Stube fallenden 
Sonnenstrahl symbolisiert (Abb. nach S. 232); 
Landmädchen an der Wiege (Abb. 
S. 230): eine stimmungsvolle, dem Leben abge- 
lauschte Interieurszene; Nach dem Leichen- 
begängnis: eine schwermütige Familien- 
gruppe in einer Dorfschenke; Das Anklei- 
den des Täuflings: ein feierliches Ereignis 
in der bescheidenen Bauernstube (Abb. S. 226); 
Das Herannahen der Prozession: ein 
Mädchen aus dem Volke setzt einen Leuchter 
mit brennender Kerze auf das schon mit einer 
Muttergottesstatuette unter einer Glasglocke 
geschmückte Fensterbrett (Abb. S.229); durch 
das geöffnete Fenster sieht man in eine helle, 
anmutige Landschaft hinaus; in der ganzen 
Auffassung äußert sich ein zartverschwiegenes 
religiöses Gefühl. Mit diesen und ähnlichen 
Thematen ist van Esbroeck zu seinem Aus- 
gangspunkt, seinen lieben Landleuten zurück- 
gekehrt. Auch auf diesem Gebiete wird er 
voraussichtlich jetzt, da er im Vollbesitz der 
künstlerischen Ausdrucksmittel ist, noch fer- 
nere Meisterwerke schaffen. 

Neuestens scheint sich dem Meister eine 
Gelegenheit zu eröflnen, sein gereiftes Können 
an einem der großartigsten Gegenstände kirch- 
licher Kunst zu verwerten. Er arbeitet an 
einem großen Abendmahlsbild; eine bereits 
weitgehend durchgeführte Studie zu diesem 



235 
















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236 



^ DIE GEMÄLDE AUF DER AUSSTELLUNG IN UTRECHT ^ 




DIE GEMÄLDE AUF DER AUS- 
STELLUNG FRÜHHOLLÄNDI- 
SCHER KUNST IN UTRECHT 



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OTTO KRONENBITTER 

Kuß/er, feuervergoldft^ Cttppa Silbe< 



SPÄTGOTISCHER KELCH 
- Text s. Beilage S. 3S 



Werk bilden wir auf S. 235 ah. Der Künstler 
schildert hier, abweicliend von der sonstigen 
Behandlung dieses Themas, den Augenblick, 
da Jesus den Vater bittet, seine Auserwählten 
zu schützen. Die himmlische Gestalt des 
Gottmenschen gießt sichtbar heiligen Schim- 
mer der Verklärung auf die in natürlichen 
Gruppen um ihren Meister gescharten Apostel. 
\'om Menschen ^^^n Esbroeck ist wenig 
zu sagen. Der schlankgewachsene, kräftige 
Mann mit den dunkelblauen Augen, in denen 
das stille Feuer der Begeisterung für seine 
Kunst glimmt, führt ein zurückgezogenes, 
arbeitsames Leben. Seine literarische Bildung 
hat er eifrig nachgeholt, .so daß er die fran- 
zösische Sprache mündlich und schriftlich 
sehr gut handhabt und im Gespräch sehr anre- 
gend ist. Seine einzige Erholung besteht darin, 
Sonntags mit Frau und Kind durch die Natur 
zu Sehweiten. Er schämt sich seiner beschei- 
denen Herkunft nicht und ist Gott dankbar, daß 
er in seinem Leben alles zum Guten gefügt hat. 



le Ausstellung frühholländischer 
Kunst, die im September in Utrecht 
stattfand, sollte keine nordniederländische 
Ergänzung zu der großen Primitivenaus- 
stellung in Brügge bilden; an eine so 
großartige Veranstaltung hatte man schon 
wegen der beschränkten Mittel nicht 
denken können. Nur die wichtigsten 
Künstler aus der Wende und der ersten 
Hälfte des 16. Jahrhunderts, aus der Zeit, 
wo die Kunst in den nördlichen Pro- 
vinzen der burgundischen Monarchie 
zuerst einen ausgesprochenen Charakter 
annahm, der sie neben der flämischen 
Kunst als etwas ganz Selbständiges er- 
scheinen ließ, waren durch einige ty- 
pische Werke vertreten. 

Dies spezifisch Holländische, das all 
den Werken gemeinsam war, zeigte sich 
gegenüber dem Flämischen als eine etwas 
täppischere und plumpere, aber auch ehr- 
lichere und tiefere Art, die Welt und die 
Dinge zu betrachten. Die Holländer 
geben die Wirklichkeit weniger zurecht 
gemacht und aufgeputzt, nüchterner, aber 
zugleich intimer, und ihre Menschen- 
typen, die eines einfachen Bauern- und 
Fischervolkes, im Gegensatz zu den ver- 
feinerten Erscheinungen der flämischen 
Kaufherren, haben alle mehr oder weni- 
ger etwas Derbes, Unbeholfenes, Breit- 
schrötiges. Anmut und Lieblichkeit sucht man 
bei ihren Frauengestalten und Kindern ver- 
gebens; aber diese holländischen Menschen 
scheinen kräftiger, urwüchsiger, ehrlicher und 
natürlicher; sie geben sich in ihrer schlich- 
ten, treuherzigen Art ohne Pose. Was 
ihnen völlig abzugehen scheint, ist die Fähig- 
keit, eine Rolle zu spielen; und wenn sie 
es einmal versuchen, wenn sie unter dem 
Einfluß der italienischen Renaissance sich 
pathetisch gebärden, dramatisch wirken wollen, 
wenn sie sich in ein fremdes, aus dem Süden 
geliehenes Kostüm hüllen wollen, dann steht 
ihnen das nicht, auch wieder im Gegensatz 
zu ihren südlichen anpassungsfähigeren Stam- 
mesbrüdern, die in der fremden Gewandung 
eine bessere Figur machen. 

Ein sehr großer Teil, fast zwei Drittel, dar- 
unter einige der schönsten Gemälde, war von 
namenlosen und unbekannten Meistern; man- 
ches davon ließ sich allerdings zum Teil wieder 
um bekannte Namen gruppieren ; aber vieles 



^3 DIE GEMÄLDE AUF DER AUSSTELLUNG IN UTRECHT 



!37 



spottete doch einer näheren Bestim- 
mung. Beginnen wir mit den be- 
kannten Malern. Zu der frühesten 
vertretenen Generation gehörte der 
aus Hertogenbosch gebürtige Hie- 
ronymus Bosch. Dem Entgegen- 
kommen des Kölner Museums war 
es zu danken, daß man ein Meister- 
werk dieses rätselhaften Künstlers 
auf der Ausstellung bewundern durf- 
te : die Geburt Christi, ein in einer 
hellen Farbenskala ausgeführtes Ge- 
mälde, das in den Köpfen von Joseph 
und Maria ofl'enbar nicht ganz fer- 
tig geworden war; die graue Unter- 
malung war hier noch deutlich sicht- 
bar; in ihren bleichen Tönen bildeten 
die beiden Gesichter einen merkwür- 
digen Gegensatz zu dem roten Ge- 
sicht des über die Mauer blickenden 
Hirten. Dieser Hirte, der grinsend 
die heilige Familie betrachtet, scheint 
überhaupt die Hauptfigur des Bildes 
zu sein und verleiht ihm ein be- 
sonderes Interesse. Kein gläubiges 
Staunen, keine fromme Andacht spre- 
chen aus diesen zynischen Zügen, 
nur ungläubiger Spott, nur hämische 
Überlegenheit. Hier redet ein Künst- 
ler, der der mittelalterlichen Vor- 
stellungswelt entwachsen und sich 
darüber erhaben dünkt; eine neue 
kritische und skeptische Zeit kün- 
digt sich symbolisch in diesem lachen- 
den Zuschauer an. Abgesehen von 
dieser merkwürdigen Erscheinung 
fesselt das schöne Werk durch die reizenden 
Durchblicke nach dem Hintergrund; links 
das Genrebildchen mit den beiden am Herd- 
feuer Hände und Füße wärmenden Hirten 
und rechts die feine Landschaft mit dem 
kahlen Bäumchen, das sich von einem schmut- 
zig-weißen Himmel abhebt; wie gut beobach- 
tet sind ferner die Tiere, wie modern wirkt 
der Vogel, der auf dem Pfosten rechts sitzt. 
— Bosch ist eine ganz isolierte Erschei- 
nung, der seiner Zeit weit voraus war; er 
hat auch im 17. Jahrhundert in Holland 
keine Xachtolger gefunden. Jan Steen, den 
man vielleicht als einen Geistesverwandten 
von Bosch ansprechen könnte, ist doch neben 
ihm platt und phantasielos; sein gutmütiger 
Spott erstreckt sich allein auf die gewöhnliche 
Wirklichkeit, vor den heiligen Geschichten, 
wenn er sich einmal damit abgibt, macht er 
halt; neben dem breiten Lachen von Jan Steen 
hat das Gelächter von Bosch etwas Diabo- 
lisches. 




OTTO KRO-\ENlillT£R 

Silitr, /cuet~i'ergoldt't. 



MübLK.NEi- KELCH 
Text s. Beilage S. jS 



Noch ganz befangen in der traulichen Enge 
der mittelalterlichen Anschauungsweise ist 
Geertgen tot Sint Jans, ein Zeitgenosse 
von Bosch; alles zeugt hier noch von der 
Naivität eines kindlich -gläubigen Gemütes, 
das mit scheuer Ehrfurcht die frommen Ge- 
stalten des christlichen Glaubens auf zierlichen 
Bildern festhält; ein weiches, zartes, fast weib- 
liches Empfinden eignet diesem jung gestor- 
benen Haarlemer Meister; nichts Lautes und 
Grelles, keine Disharmonien stören seine 
idyllischen Szenen; und doch weiß er in der 
Figur des Schmerzensmannes aus dem Utrech- 
ter Erzbischöflichen Museum, der blutüber- 
strömt, mit traurigem Antlitz Johannes und 
den heiligen Frauen erscheint, zu ergreifen; 
aber es ist ein stiller verhaltener Schmerz, 
der aus dem Gemälde spricht. Geertgen ist 
nur Lyriker und Zustandsschilderer; als sol- 
chen repräsentierten ihn trefflich zwei andere 
Werke, die heilige Nacht aus der Sammlung 
Kaufmann in Berlin und die heilige Anna 



238 



^:3 DIE GEMÄLDE AUF DER AUSSTELLUNG IN UTRECHT e^ 





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OTTO KRONENBITTER 



MÜDEKNLR KELC 



Kupfer emailliert (Grubenemail)^ Cuppa Silber (/euervergoldei) 
Text s. BeiInge S. JS 

selbdritt aus dem Museum in Braunschweig; 
in der Farbenskala zeigen die beiden Bilder 
die größte Verschiedenheit, die heilige Nacht 
wirklich ein Nachtstück, das nur von einem 
überirdischen Schein erhellt wird, der Vorder- 
grund von dem Licht, das das Christuskind 
ausstrahlt, die Jungfrau und die bewundernd 
anbetenden Engel taghell beleuchtend, der 
Hintergrund von einem wie Mondenschein 
silbrig-weißen Glanz, der von einem vom 
dunkeln Himmel herabschwebenden Engel 
ausgeht und sich über die kahle Anhöhe mit 
den Hirten und ihren Schafen ergießt; das 
andere Bild dagegen in lichten fröhlichen 
Tönen, von fast miniaturhaft feiner Aus- 
führung. In dem kindlich -liebenswürdigen 
Geist, der beiden Werken gemeinsam ist, 
verrät sich aber der gleiche Künstler; und 
in dem heiligen Bavo auf der Innenseite des 
linken Flügels erkennt man den Johannes- 
typus des Berliner Bildes wieder. Ein wesent- 
lich anderer Charakter tritt uns im Leidener 



Cornelis Engebrechtszen ent- 
gegen ; er gibt zwar auch an Geert- 
gensche Stimmungen anklingende 
ruhige Figurenbilder, so in der Maria 
Magdalena und Johannes, welches 
Werk das Aachener Museum einge- 
sandt hatte, dem Rundbild mit den 
Büsten eines Mannes und einer Frau, 
das dem Budapester Museum ge- 
hörte und dem Christus mit den 
Helden des Alten und Neuen Bundes, 
einem Kniefigurenbild aus dem Be- 
sitze des Herrn Flersheim in Paris. 
Aber in seinem eigentlichen Element 
ist er doch in den dramatischen Schil- 
derungen des Kreuzestodes und der 
Beweinung, wo er zahlreiche Men- 
schen in der Mannigfaltigkeit rei- 
cher Kostüme agieren lassen kann. 
Das Pathetische seiner Figuren artet 
bei ihm oft in Manieriertheit aus, 
wie das die sich um den Kreuzes- 
stamm förmlich windende Magdalena 
auf dem Kalvarienberg aus dem Ut- 
rechter Erzbischöflichen Museum 
zeigte; sein Streben nach »schönen 
Bewegungen und Stellungen« läßt 
seine Figuren oft affektiert erschei- 
nen. Für einen Holländer hat er in 
seinen Typen etwas Elegantes und 
Kokettes, am meisten offenbarte sich 
das in der schönen Kreuzabnahme 
von Kleinberger, in den zierlichen, 
schlanken weiblichen Gestalten mit 
den kleinen Mündchen, der feinen 
dünnen Naschen und den schmalen 
Händen. — Derber und spröder, aber auch 
nüchterner und seelenloser erscheint neben 
Engebrechtszen der einige Jahre spätere 
Jacob Cornelisz, der wie dieser bis 1533 
lebte; seine Mahveise ist weniger lose und 
fein, die reliefartig aufgetragene Farbe ist 
oft hart und von einer unangenehmen Bunt- 
heit, wie besonders auf dem frühen, 1507 
datierten Bilde aus Kassel, der Begegnung 
des Auferstandenen und der Maria Magda- 
lena. Dafür ist seine Zeichnung, beson- 
ders seine Umrißführung meistens energi- 
scher und schärfer; der Meister des Holz- 
schnittes macht sich in den stärker betonten 
Konturen bemerkbar. Sehr bezeichnend für 
diese seine Art waren das eben genannte 
Werk aus Kassel, die Ruhe auf der Flucht 
aus der Aachener Sammlung und das kräftige 
männliche Bildnis aus Rotterdam. Eine grö- 
ßere Rolle als bei Engebrechtsz spielt bei ihm 
das Landschaftliche, und dasselbe ist zuweilen 
sehr reizvoll, wie auf der 15 18 datierten An- 



^3 DIE GEMÄLDE AUF DER AUSSTELLUNG IN UTRECHT e^ 



239 



betung der Könige aus dem Utrech- 
ter Erzbischöflichen Museum der 
im Hintergrund aufwärts steigende 
Weg mit dem hohen dunkeln Baum 
vor weißem Wolkenhimmel; auch 
ein dem Jacob Cornelisz nahestehen- 
des Schulbild, die Heilige Anna 
selbdritt mit einer Waldlandschaft 
im Hintergrunde aus Rotterdamer 
Privatbesitz (Nr. 162) muß in diesem 
Zusammenhang genannt werden. 
Charakteristisch für Jacob Cornelisz 
ist die feste plastische Wiedergabe 
der Baumstämme und des Laubes, 
wie sie die erwähnten Werke in 
Kassel und Aachen zeigen. Ebenso 
wie die Landschaft bei ihm eine 
größere Selbständigkeit einzuneh- 
men beginnt, so ist Jacob Cornelisz 
der erste in der Ausstellung vertre- 
tene Holländer, bei dem das Porträt 
als selbständige Leistung erscheint. 
Bei Geertgen ist das Porträt noch 
ein ganz untergeordneter Bestand- 
teil in einer größeren Komposition, 
wie in dem anbetenden Karthäuser- 
mönch mit dem feinen, klugen, 
rosigen Gesicht auf dem Braunschwei- 
ger Diptychon; bei Engebrechtszen 
nimmt es in der Gestalt eines Stif- 
terbildnisses schon eine freiere Stel- 
lung ein, so in dem einzigen be- 
zeichneten Werke des Künstlers, den 
Flügeln aus dem Besitze des Grafen 
von Limburg-Stirum in Noordwvk. 
Aber erst Jacob Cornelisz malt Por- 
träts um ihrer selbst willen und als Porträt- 
maler ist Jacob Cornelisz vielleicht am sym- 
pathischsten; die beiden Brustbildnisse aus 
Rotterdam, besonders der scharfe Charakter- 
kopf des Mannes mit den lebhaften, über- 
legen blickenden Augen , waren gute Pro- 
ben einer gesunden ehrlichen Porträtkunst. 
In der Auffassung der Passionsszenen steht 
Jacob Cornelisz dem Engebrechtszen noch am 
nächsten; er liebt auch Massenszenen und 
ein Zurschaustellen reicher Kostüme; aber 
diese Sachen sind weniger empfunden als bei 
Engebrechtszen. Das Eindringen der Renais- 
sance zeigt sich bei ihm in der Verwendung 
einzelnen Zierformen, so auf der Anbetung 
von 15 18 und der Maria Magdalena von 15 19 
aus der Sammlung Kaufmann, die übrigens 
für diesen Meisters besonders tonig behandelt 
ist. Besondere Erwähnung verdienen von 
Jacob Cornelisz endlich die ebenfalls ausge- 
stellten Fragmente des mehr monumental 
aufgefaßten Temperagemälde mit der Dar- 




OTTO KRONENBITTER MODERNER KELCH 

Kupfer emailliert (Grubenevtail) , Cuppa und Fitigrntitcile Silber ffeuervergoldei) 



Stellung des Amsterdamer Hostienwunders, 
wo der Künstler seinem älteren Bruder, Cor- 
nelis Buys dem Älteren, dem Maler des 
Jüngsten Gerichtes aus der St. Laurentius- 
kirche in Alkmaar, vor allem in den Gesichts- 
typen bedenklich nahe kommt. 

Zu derselben Generation wie Jacob Cor- 
nelisz gehört auch der Haarlemer Jan Mos- 
taert, von dessen Kunst die in lichten Tönen 
gehaltene kleine Heilige Familie bei der Mahl- 
zeit (aus dem Kölner Museum) eine sehr gute 
Vorstellung gab; die länglichen Gesichter 
blicken blöde und verdrossen, aber die Farben 
sind fein und die Zeichnung sehr sorgfältis;; 
die Auffassung ist echt holländisch; das Still- 
leben auf dem gedeckten Tische, der zwar 
in der Perspektive nicht getroffen ist, da er 
eine schiefe Ebene bildet, würde auch einem 
späteren Holländer Ehre machen. Ein an- 
deres Jan ]\Iostaert zugeschriebenes Gemälde, 
der heilige Christophorus mit dem Christus- 
kind auf dem Arm, aus dem Besitze von Pol 



240 



DIE GEMÄLDE AUF DER AUSSTELLUNG IN UTRECHT eas 




OTTO KROXEXBITTER 



Sil! er feuervirgoldet, — Text s. Beilage S.3S 



de Mont in Antwerpen, zeigte in Auffassung 
und Malweise einen von dem übrigen Werk 
des Meisters abweichenden Charakter; sehr 
modern mutete hier die Landschaft im Hinter- 
grund an, die Felderstreifen, die sich am Fuß 
des Gebirgsabhanges hinziehen. 

Bei dem 20 Jahre späteren Lucas van 
Leyden macht sich wie bei Jacob Cornelisz 
der Einfluß der Renaissance in der wachsen- 
den Vorliebe für gewisse Zierformen dersel- 
ben bemerkbar und in einem Streben nach 
formaler Schönheit; doch bedeutet Lucas 
gegenüber dem noch in gotischer Steifheit 
befangenen Jacob Cornelisz einen enormen 
Fortschritt zu einem freieren Stile und male- 
rischer Behandlung. Welch ein Unterschied 
z. B. zwischen der Magdalena von Jacob Cor- 
nelisz und den Madonnen von Lucas; in 
der äußeren Fassung der Bilder, der Stellung 
einer Halbfigur hinter einer Brüstung, be- 
steht noch eine gewisse Verwandtschaft, aber 
wie anders ist alles gemalt, wieviel loser und 
saftiger, wie plastisch modelliert sind die 
Fleischpartien, die Hände und der nackte 
Kinderkörper und wie gut ist der Stoff schon 
wiedergegeben; im Technischen, als Maler, 
ist der Leidener Meister dem Amsterdamer 
schon weit voraus. Die größere Madonna, 
aus dem Besitze von Frau von Kaufmann 
in Berlin, zeigte sehr kräftige, leuchtende 
Farben, die dem Auge fast wehe taten, die 
kleinere Madonna aus dem Besitze von Frau 



Schloß in Paris war in der Farbe angenehmer 
und ruhiger. Die Kinder auf beiden Bildern 
waren von einer wechselbalgähnlichen Häß- 
lichkeit, die Madonnen selbst konnten trotz 
des Strebens nach italienischer Formenschön- 
heit ihre holländische Herkunft nicht ver- 
leugnen; so haftete ihnen etwas Zwiespäl- 
tiges an. Im übrigen wirkte die Madonna 
Schloß weniger manieriert als die Kaufmann- 
sche, da der ein wenig nachdenkliche Aus- 
druck der Augen ihr etwas mehr Leben verlieh. 
Aber tiefere Empfindungen löste keins der 
beiden Werke aus. Ungleich mehr gab einem 
das Brustbild eines Mannes in mittleren Jahren 
aus der Sammlung van Valkenburg im Haag. 
Dieses in einer schönen Harmonie von dun- 
keln grünen und grauen Tönen gemalte Por- 
trät war durch das geistige Erfassen dieses 
angestrengt nachdenkenden, ernsten Mannes 
eine vortreffliche Probe von der Kunst des 
großen Leidener Meisters. Von seiner Fähig- 
keit, in einer größeren genrebildartigen Kom- 
position eine mit individuellen Zügen aus- 
gestattete Mannigfaltigkeit von Figuren in 
dramatischer Spannung zu geben, redete die 
schöne Kopie der Heilung des Blinden aus 
dem Aachener Museum eine deutliche Sprache; 
in diesem Werke mit seiner psychologischen 
Eindringlichkeit und seiner echt menschlichen 
Auffassung des armen Blinden und des er 
barmungsvollen Heilands kündet sich schon 
Rembrandt an. 



^ DIE GEMÄLDE AUF DER AUSSTELLUNG IN UTRECHT ^ 



241 



Kannten Jakob Cornelisz und Lukas van 
Leyden die Renaissance nur aus zweiter Hand 
oder durcii Stiche, Jan van Score 1, ein fast 
gleichaltriger Landsmann des letzteren, durfte 
in Italien selbst an der Quelle schöpfen. 
Technische Probleme, die perspektivisch rich- 
tige Wiedergabe des Raumes, die Darstel- 
lung des Nackten, der Ausdruck von starken 
Affekten und das Festhalten von Bewegungen 
treten jetzt mehr in den Vordergrund, das 
Streben nach rhythmischer Komposition und 
formaler Schönheit wird ausgesprochener. 
Das hat zur Folge, daß das Bewußte, Ab- 
sichtliche, Konstruierte und Gekünstelte das 
Gefühlsmäßige, Spontane und Natürliche all- 
mählich verdrängt und erstickt; die entlehn- 
ten äußeren Formen lassen oft den Geist 
vermissen, aus dem sie geboren sind, und 
statt eines einheitlichen, großen Stiles ent- 
steht zuletzt nur Stillosigkeit. Diese Ent- 
wicklung war notwendig und sollte später 
im 17. Jahrhundert ihre Früchte zeitigen. 
Aber bei den Romanisten selbst führte sie 



zu einem wohl interessanten, aber vom Stand- 
punkte des Genießenden aus unerfreulichen 
Akademismus. Man kann diesen Künstlern 
die Achtung vor ihrem oft zähen Fleiß und 
ihrem hohen Streben nicht versagen, aber 
sie als künstlerisch wertvoll zu bezeichnen, 
kann nur dem Fachmann in den Sinn kom- 
men, der seine Augen allein auf diese Ȇber- 
gangsperiode« eingestellt hat. Das Klassisch- 
ste von diesen Werken, aus dem der roma- 
nistische Geist am reinsten sprach, war wohl 
das Großfigurenbild von Scorel, »Der barmher- 
zige Samariter«, aus dem Besitze des Professors 
der Kinderen in Amsterdam (Abb. unten). Die 
Hauptgruppe im Vordergrund war trotz des 
michelangelesken Aktes in Haltung und Aus- 
druck der Figuren außerordentlich natürlich 
und lebend; wie sich der Samariter über den 
armen, ausgeplünderten Reisenden beugt, wie 
er ihn mit seinem Knie stützt und mit der 
Hand festhält, und die Vorsicht und Behut- 
samkeit, mit der er zu Werke geht, das zeugte 
von wirklicher Vertiefuno; in den V^orwurf, 




JAN VAX SCOREL ZÜGESCHRIEBEN 



DER B.\K.\111EKZ1GE SAMARITER 



Gevtnlt /jS7 



Die christliche Kunrn. X. 



242 



eaa DIE GEMÄLDE AUF DER AUSSTELLUNG IN UTRECHT 6^ 



von scharfer Beobachtung, von großem Kön- 
nen und zugleich von warmem, mensch- 
Hchem Gefühl. Dies Werk war mehr als 
eine Zurschaustellung von anatomischen und 
perspektivischen Kenntnissen. Schwach und 
schablonenhaft dagegen waren dasTriptychon 
mit dem Christus am Kreuz auf dem Älittel- 
stück aus dem Besitz von Monseigneur Klönne 
in Amsterdam, eine Replik nach einem ver- 
loren gegangenen Original und die in der 
Farbe fahle und flache und in der Einför- 
migkeit der Typen und Stellungen manie- 
rierte Anbetung der Könige aus dem Utrech- 
ter Erzbischöflichen Museum, die im Katalog 
Scorel zugeschrieben wurde, aber mit Com. 
Buys dem Jüngeren größere Verwandtschaft 
zeigte. Scorel sieht aber die Welt nicht 
immer durch seine romanistische Brille. Wenn 
er ein Porträt zu malen hat, legt er alle 
Theorie und Gelehrsamkeit beiseite, gibt sich 
ganz unbefangen dem Eindruck der Personen, 
die er zu konterfeien hat, hin und sucht 
ganz sachlich und scharf ihre äußeren For- 
men und ihr innerstes Wesen zu erhaschen. 
Da leistet er sein Bestes, so in den präch- 
tigen Charakterköpfen der Jerusalempilger 



von 1525 und 1546 aus dem Utrechter Städti- 
schen Museum, in dem wundervollen Por- 
trät seiner Geliebten, der Agatha van Schoon- 
hoven (aus der Galerie Doria in Rom), die 
er malt mit dem schalkhaften, zuversicht- 
lichen Lachen der sich ihrer Macht bewuß- 
ten jungen Frau, in dem fast monumentalen 
Bildnis des Utrechter Bischofs Georg van 
Egmont (aus der Sammlung des Grafen Lim- 
burg - Stirum in Noordwyk) mit dem ernsten, 
in die Ferne gehenden Blick des in schweren 
Zeitläuften an verantwortungsvoller Stelle 
stehenden Kirchenfürsten oder endlich in dem 
in dünnen, fahlen Farben gemalten Porträt 
der alten Frau mit dem von Sorgen gefurch- 
ten Gesicht und dem müden, gezwungenen 
Lächeln (aus dem Palazzo Corsini in Rom). 
Wie die unverstandene Übernahme fremder 
Formen und Bewegungsmotive ein schwäche- 
res Talent zu ungenießbarer Manieriertheit 
führen muß, zeigte eine auf Corn. Buys 
den Jüngeren fragenderweise getaufte Be- 
weinung Christi aus dem Utrechter Erzbi- 
schöflichen Museum; in den ausdruckslosen, 
fast alle nach einer Richtung blickenden Ge- 
sichtern erinnerte das Werk stark an die Be- 




MAERTEN VAN HEEMSKERK (i4!>8-ii74) 



BtWElXLNG CHKISII 



Gemalt isbb. — Trxt S. 243 



^ DIE GEMÄLDE AUF DER AUSSTELLUNG IN UTRECHT 



243 



gegnung von Rebekka und Eleazar im Rijks- 
museum (Nr. 666). Auch ein denselben Ein- 
flüssen unterworfener Maerten van Heems- 
kerck wirkte trotz seines viel größeren Kön- 
nens in seiner großen Beweinung aus dem 
Delfter Rathaus mit den fast lebensgroßen 
Figuren in affektierter Haltung, für die der 
heilige Vorwurf nur ein äußerlicher Vor- 
wand war, wie Theater (Abb. S. 242). 

Den verderblichen Einfluß der italienischen 
Renaissance illustrierten auch die Werke von 
Jan Sanders van Hemessen. Wer würde 
in der Kreuztragung aus dem Besitz der 
Königin -Mutter (Schloß Soestdyk) noch den 
naiven, volkstümlichen Erzähler erkennen, 
von dem die Speisung der 5000 in Braun- 
schweig herrührt mit ihrem Gewimmel mei- 
sterhaft beobachteter und charakterisierter 
kleiner Figuren ? Ein größerer Stilwandel ist 
kaum denkbar. Die Urheberschaft Hemessens 
leidet aber wohl keinen Zweifel. Ein Ver- 
gleich mit dem bezeichneten und 1544 da- 
tierten Werke in Schleißheim, der Verspot- 
tung Christi, dürfte wohl genügen, um die 
Zuschreibung zu rechtfertigen. Ein Jan 
Vermeyen, an den man bei diesem Bild 
auch gedacht hat, steht jedenfalls, wenn man 
die Grablegung in Arras als sein Werk gelten 
läßt, viel weiter von dieser Kreuztragung ab. 
Dem Schleißheimer Bilde kommt dieselbe 
wohl auch zeitlich nahe. In den grimassen- 
haft verzerrten Gesichtern der wilden Kriegs- 
knechte, der lebhaften Gebärdensprache der 
Hände, die man allerdings auch bei Ver- 
meyens Radierung, dem spanischen Bankett, 
findet, in dem übertriebenen Ausdruck der 
Affekte und durch den ganzen fieberhaft er- 
regten Geist zeigt sie mit der Schleißheimer 
Verspottung die größte Verwandschaft. — 
Gegenüber den italienischen Einflüssen wußte 
Pieter Aertsen eine viel größere Selbstän- 
digkeit zu bewahren. In seiner Anbetung 
der Könige aus dem Deutzenhofje in Amster- 
dam ofl^enbart sich entschieden eine viel freiere 
und natürlichere Auffassung. Die Kompo- 
sition, der streng mathematische Aufbau des 
Ganzen, die Architektur, das Kostüm und 
zum Teil das Kolorit sind zwar etwas aus- 
ländisch, aber die Figuren selbst und die Art, 
wie sie sich bewegen, sind holländisch und 
der Ausdruck echt menschlich; typisch hol 
ländisch ist auch das Detail mit dem Korb 
voll Windeln im Vordergrund. Neben dieser 
Anbetung fiel der Christus am Kreuz aus der 
Sammlung Wilhelm Mengelberg in Amster- 
dam sehr ab; dies Werk war in den Figuren 
unempfunden und den schreienden Farben, 
dem vielen Gelb, unerquicklich. Diese Ent- 



artung der italienisierenden Richtung, wie 
der Formenadel der Renaissance, der den 
holländischen Künstlern doch als Ideal vor- 
schwebte, in sein Gegenteil verkehrt wurde, 
wie die übermenschlichen Gestalten Michel- 
angelos als untermenschliche Wesen endeten, 
konnte man an den Werken der Kampener 
Lokalschule, den Abendmahldarstellungen von 
Mechteld toe Boecop und Ernst Maeler 
studieren, deren längliche Gestalten mit der 
eigentümlichen Kopfbildung und dem idioti- 
schen Ausdruck ihre Abstammung von dem 
Romanisten Heemskerck nicht verleugnen 
konnten. Jan Deys, ein anderer Provin- 
ziale, von dem gleichfalls eine Abendmahls- 
darstellung zu sehen war (aus dem Waisen- 
haus aus Culenborg) und der auch von Heems- 
kerck beeinflußt war, hielt sich dagegen so- 
wohl in Auffassung wie Ausführung auf 
einem höheren Niveau. 

Im Zusammenhang mit den Romanisten 
muß auch ein sehr merkwürdiges und be- 
deutsames Werk genannt werden, der Tod 
der Maria, das der Besitzer, Dr. Binder in 
Berlin, dem mysteriösen Aertgen van Ley- 
den zuschreibt. Die Argumente, auf die sich 
diese Zuweisung stützt, eine gewisse Ähn- 
lichkeit mit der Zeichnung der Heilung des 
Lahmen im Kupferstich-Kabinett zu Amster- 
dam, das verballhornte Holländisch der zehn 
Gebote auf der Tafel und der Bericht van 
Manders, lassen diese Taufe mindestens sehr 
gewagt erscheinen, um so mehr als das Werk 
mit andern holländischen Gemälden jener 
Zeit so gar keine Verwandtschaft zeigt; eher 
möchte man den Urheber in der Nähe süd- 
deutscher Meister suchen und ihn mit dem 
sogenannten Donaustil in Zusammenhang 
bringen. Doch ob wir es nun mit einem 
holländischen oder deutschen Werke zu tun 
haben, zweifellos handelt es sich um ein 
Gemälde von ungewöhnlichen Qualitäten. 
Schon die Auffassung, Maria nicht im Bett, 
sondern im Innern einer hohen Renaissance- 
kirche sterben zu lassen, ist ungewöhnlich, 
Altdorfer versetzt allerdings seine Geburt der 
Maria auch in eine Kirche. Was dem Künst- 
ler hier die Hauptsache war, die Darstellung 
des Raumes, und die Wiedergabe des Lich- 
tes, ist ihm in meisterhafter Weise gelun- 
gen. Das helle warme Tageslicht, das durch 
die hohen Scheiben des Chores einfällt, hat 
etwas Stotfliches, das den Raum wirklich er- 
füllt; alles, auch die Figurengruppe im Vor- 
dergrund, die sich um die zusammenbre- 
chende Maria bemüht, sind von einer wun- 
derbaren Leichtigkeit; es ist, als ob sie das 
Licht durchdränge; der Petrus z. B. in luf- 



244 



DIE GEMÄLDE AUF DER AUSSTELLUNG IN UTRECHT e^ 



tigern rosa Gewand scheint von Licht förm- 
lich durchflutet — wie die Gewandung des 
aufwärtsschwebenden Christus von Grüne- 
wald. In farblicher Hinsicht ist das Werk 
weniger bemerkenswert; die hellen, starken 
Lokalfarben ergeben keine Harmonie; das 
Grün der Girlanden wirkt sogar wie eine 
falsche Note. 

Es erübrigt uns nun, die große Menge ano- 
nymer Werke zu besprechen. Den stärksten 
Eindruck machten davon wohl die Tafeln 
des nach einem Werke im Rijksmuseum be- 
nannten Meisters der virgo inter virgi- 
nes. Dieser Namenlose steht durch Auffas- 
sung und Behandlung Geertgen näher als 
Engebertszen; jedenfalls ist er archaistischer 
als Engebertszen und spricht aus seinen Bil- 
dern noch viel mehr jener in der mittelalter- 
lichen Welt lebende klösterliche Geist Geert- 
gens, für den die heiligen Geschichten wirk- 
lich noch etwas Heiliges sind; aber von Geert- 
gen unterscheidet ihn sein leidenschaftlicheres 
Temperament. Das Religiöse ist bei ihm noch 
nicht Vorwand, sondern der Kern seiner 
Kunst. Der Künstler lebt die Geschichten, 
die er schildert, in seinem naiven, beschränk- 
ten Gemüte mit einer solchen Inbrunst mit, 
daß in Ausdruck und Stellung kaum etwas 
unempfunden bleibt. Ja, er erhebt sich in den 
Darstellungen der Passionsszenen durch die 
Stärke seines Gefühles zu dramatischer Höhe, 
wie in der Kreuzigung aus der Sammlung 
Merzenich in Aachen, wo er trotz der etwas 
einfältigen Gesichter in der Maria völliges 
Gebrochensein, in Johannes tiefes Mitgefühl, 
in der Magdalena leidenschaftlichen Schmerz 
und in dem lebhaft gestikulierenden männ- 
lichen Zuschauer rechts seelische Erregtheit 
überzeugend zum Ausdruck zu bringen weiß; 
und in seiner Grablegung, dem herrlichen 
Bild aus der Walker Art Gallery in Liverpool, 
wirkt er direkt tragisch. Weniger dramatisch 
bewegt ist die Darstellung des Lanzenstiches 
aus der Sammlung Glitza in Hamburg. Durch 
ihre dunkle Farbenskala weichen die beiden 
Flügel eines Triptychons mit den großen 
Figuren von seinen andern Werken etwas 
ab, aber in der auffallenden Typenbildung 
verrät sich doch wieder derselbe Künstler. 
Zu manchen Figuren, in denen der Meister 
der heiligen Jungfrauen heftigen Schmerz 
ausdrückt, wie in der Magdalena und der 
Maria aus der Sammlung Sierzenich, bildet 
er einen Übergang zu der Dramatik eines 
Jacob Engebertszen; in verschiedenen zum Teil 
modifizierten Motiven, wie der sich schlangen- 
förmig windenden Magdalena, der Stellung 
des nach dem Kreuze weisenden, gläubigen 



Hauptmannes, und der ganzen Anordnung 
besteht sogar eine nähere Analogie mit dem 
oben erwähnten Kalvarienberg aus dem Ut- 
rechter Erzbischöflichen Museum. Von den 
anonymen Künstlern gibt es neben dem ge- 
nannten Meister der heiligen Jungfrauen noch 
einen Künstler, dem man heute mehrere 
Werke zuschreiben kann und dessen Persön- 
lichkeit dadurch bestimmtere Formen an- 
nimmt, nämlich den von Friedländer eruierten 
Delfter Meister, dessen Tätigkeit in die 
Zeit zwischen 1490 und 1520 fällt. Vertreten 
war er durch das Triptychon der Delfter 
Familie von Beest, dessen Flügel mit den 
Bildnissen der Stifterfamilie von ihm her- 
rühren und dem er seinen Namen verdankt, 
und die Vision des heiligen Bernhard aus 
dem Erzbischöflichen Museum in Utrecht, 
ein feines kleines Werk, das durch die schlichte 
Auffassung des Heiligen und die vorsichtige 
Malweise den Porträts auf dem ersten Werke 
sehr nahe steht, der Heilige ist außerdem 
fast dieselbe Person wie der Kartäusermönch 
auf dem linken Flügel des Triptychons. Auf 
dem letzteren Bild sind besonders natürlich 
die zwei knienden Kinder und das bigotte Ge- 
sicht der Stifterin. 

Bei den übrigen anonymen Werken, aus 
denen sich keine besondere Künstlerpersön- 
lichkeit herauskristallisieren läßt, folgen wir 
der zeitlichen Aufeinanderfolge. Eins der 
frühesten und feinsten war eine Kreuzigung 
von zirka 1450 aus dem Palazzo Corsini in 
Rom (Nr. 46), in der die van Eycksche 
Tradition nachklingt und die besonders 
in der Christusfigur an den Christus am 
Kreuz von Jan van E}ck im Berliner Museum 
erinnert. Später, aus der zweiten Hälfte des 
15. Jahrhunderts, war eine Geburt Christi, 
die der Besitzer, Herr Cardon in Brüssel, auf 
einen sehr berühmten und seltenen Meister, 
Albert van Ou water, getauft hatte; in 
einem zerfallenen Hause kniet Maria vor dem 
am Boden liegenden, Licht ausstrahlenden 
Kinde, umgeben von betenden und musizie- 
renden Engeln. In farblicher Hinsicht war 
das Werk von großer Schönheit; die Farben 
waren so rein und mit großer Feinheit 
nebeneinander gesetzt, auch von einem be- 
wundernswerten Reichtum an Zwischentönen; 
alles war mit Hingebung und Liebe gemalt; 
reizend waren die pausbackigen Engel und 
sehr fein der landschaftliche Hintergrund. 
Das Gemälde war auch auf der Ausstellung 
in Hertogenbosch gewesen und in dem Ka- 
talog dem Meister der virgo inter virgines 
zugeschrieben worden, mit dem es aber nicht 
die geringste Verwandtschaft zeigte; dann war 



^ DIE GEMÄLDE AUF DER AUSSTELLUNG IN UTRECHT KSs 



245 



die Zuschreibung an Ouwater 
annehmbarer. 

Noch etwas später, aus dem 
Ende des 15. Jahrhunderts, war 
die nordniederländische (?) Ma- 
donna vor dem Rosenhage aus 
dem Utrechter Erzbischöflichen 
Museum (Nr. 47); sie sitzt auf 
einer aus Backsteinen peinlich 
regelmäßig, man möchte sagen 
holländisch aufgebauten, mit 
Rasen bedecktenMauerund gibt 
dem Kinde die Brust, von einem 
großen gelbroten Heiligen- 
schein umstrahlt(Abb. nebenan). 
Die großen Augen in dem 
zarten Gesichtchen bhcken 
schmerzÜch. Es ist ein Werk 
von großer Anmut und Lieb 
lichkeit, das, wenn es wirklich 
nordniederländisch ist, in Auf- 
fassung und Kolorit — der 
gelbrote Strahlenkranz bringt 
in das stille, friedvolle Bildchen 
eine fast dramatische Dissonanz 
— ganz isoliert dasteht. 

Mehr ausgesprochen hollän- 
dischen Charakter zeigten das 
kleine Werkchen aus dem 
Erzbischöflichen Museum in 
Utrecht, ein gotisches Kirchen- 
inneres mit zwei Reihen Do- 
minikanern, denen die Jungfrau 
mit dem Kind erscheint, wo 
die warmen, dunkeln Farben- 
töne und das reichlich verwen- 
dete Gold eine vornehme Har- 
monie mit den weißen Mänteln 
der Mönche ergeben (Nr. 49, um 15 10) und 
dann der 1504 datierte Zyklus der sieben 
Werke der Barmherzigkeit aus der St. Lau- 
rentiuskirche in Alkmaar, das durch seinen 
genrebildlichen Charakter, die lebenswahre 
Darstellung und die intime Auffassung von 
Vorgängen aus dem täglichen Leben von 
großem Interesse ist. Wie gut beobachtet 
sind z. B. auf dem ersten Bilde, der Spei- 
sung der Hungrigen, der fahrende Spiel- 
mann im Hintergrund, dem eine Frau eine 
Gabe reicht, sodann vorne der Krüppel mit 
den schrecklichen, nackten Beinstümpfen und 
auf dem zweiten, der Tränkung der Dursti- 
gen, ebenfalls im Hintergrund der blinde 
Mann, der von einem Jungen geführt wird. 
Im übrigen verfügt der Künstler nicht über 
große Verschiedenheit derTypen. Das sechste 
Bild des Zyklus, der Krankenbesuch, zeigte 
ein Interieur mit Balkendecke und fliesenbe- 




NORDMEDERLÄNDISCHEK MEISTER (?) IIADONNA l.\I ROSEN'HAG 

Vo?- l$oo, — Text iietinau 



deckten! Boden, das in der Art des Durch- 
blickes und dem perspektivischen Aufbau 
mit einem Innenraum auf einem andern Ge- 
mälde der Ausstellung, der Heiligen Familie 
aus Dresden, eine gewisse x\hnlichkeit auf- 
wies; man findet hier außerdem denselben 
eigenartigen Lehnstuhl und ähnlichen Fliesen- 
boden; aber in der Ausführung und in der 
Farbe haben die beiden Werke sehr wenig 
gemeinsam. Auf dem Alkmaarer Bild ist die 
Farbe stumpf und trocken, auf dem Dresdner 
dagegen von außerordentlicher Feinheit und 
großer Leuchtkraft; die Ausführung auf dem 
letzteren Bilde ist von einer miniaturhaften 
Sorgfalt und Verliebtheit in das Detail, wäh- 
rend die Behandlung auf dem Alkmaarer 
Z^■klus im Vergleich damit roh und seelen- 
los ist. Die Zuschreibung an Jakob Corne- 
lisz, für die Weissmann auf Grund äußerlicher 
Analogien, so des Christustypus mit dem 



246 



DIE GEMÄLDE AUF DER AUSSTELLUNG IN UTRECHT SSs 



Christus des Kasseler Bildes plädiert, ist wegen 
der großen stilistischen und technischen Diver- 
genzen, von der Hand zu weisen. 

Das Dresdner Bild mit seinem kühlen, 
gleichmäßigen Licht, das alle Gegenstände 
in dem Räume so fein und sauber in ihren 
hellen reinen Farben hervortreten läßt, gibt 
in seiner zwar kleinlichen, analytischen Art 



grund behandelt ist; an Gerard Dous Bild 
im Mauritshuis mit der Korbwiege wird man 
unwillkürlich erinnert. Das kleine Gemälde 
(Nr. 178) stellt die Geburt Christi dar; es 
stammt aus dem Besitze des Freiherrn von 
Bissing in München. Bemerkenswert im Aus- 
druck ist hier ferner der rechte der lobsin- 
genden Engel mit dem zum Singen geöffne- 




HOCIIALTAR DER ST. JOHANNISKIRCHE IN FREISING. Vgl. S. 247 
Entwurf von Jnkoli Angermair, Madonnensttitue von Thomas Biischer, Gfitialde von Matthaus SchUstl, die Statuen zu Seiten der 

Madonna alt 



doch schon die ganze Poesie des Innenrau- 
mes, wie sie im 17. Jahrhundert ein Pieter 
de Hoogh oder Jan Vermeer dann auf einer 
höheren Stufe der synthetischen und rein 
malerischen Behandlung geben sollten. Die 
Akkuratesse, mit der hier das Detail, wie 
z.B. die bunten Kissen hinten auf dem Stuhle, 
und der Korb, den die Heilige Anna hält, 
wiedergegeben ist, leitet uns zu einem an- 
dern späteren, um 1520 angesetzten Werke 
über, auf dem auch die liebevolle Ausführlich- 
keit autfällt, mit der ein Korb im Vorder- 



ten Mund. Das Werkchen wird von Friedlän- 
der mit dem Kalkarer Altar des Jan Joest in 
Verbindung gebracht. Erwähnt sei von bibli- 
schen Darstellungen ferner ein Triptychon 
eines nordniederländischen Meisters um 1525 
mit der Versuchung des Heiligen Antonius 
auf dem Mittelstück (Nr. 69), das in der geist- 
reichen Malweise mit den feinen Schlaglichtern 
auf dem Laub, den Ausbuchtungen des Pokals, 
den Fingerspitzen des Heiligen und der feinen 
Charakterisierung der Figuren, besonders der 
schlanken, nackten weiblichen Gestalt, die in 



DIE GEMÄLDE AUF DER AUSSTELLUNG IN UTRECHT ^ 



247 



koketter Haltung 
vor dem Heiligen 
steht, nicht gewöhn- 
liche Qualitäten 
zeigt. 

Groß war die Zahl 
der Bildnisse, die 
öfters durch Aut- 
schriften oder die 
dargestellten Per- 
sonen zeitlich be- 
stimmt waren. Von 
früheren müssen 
hervorgehoben wer- 
den das Brustbild 
eines Utrechter 
Domherrn , des 
Evert Zondenbalch 
(Nr. 54), ein ener- 
gischer Greisenkopf 
mit offen und ehr- 
Hch bückenden Au- 
gen, eine hollän- 
dische Arbeit von 
zirka 1500 und das 
Bildnis einer Frau 
in einem Binnen- 
raum mit geöffneten 
Fenstern, die einen 
Durchblick in eine 
Landschaft gewäh- 
ren, ein Gesicht, das 
durch den versonne- 
nen, ergebungsvol- 
len Ausdruck und 
durch die schlichte, 
natürliche Auffas- 
sung unwillkürlich 
fesselte (Nr. 45); auf 
der Brüstung, auf 
der sie ihre knöcher- 
nen Finger ruhen 
hat, wird die ganz 
porträtmäßig Darge- 
stellte als die lybi- 
sche Sibylle bezeich- 
net. An der nieder- 
ländischen Herkunft 
des Werkes wird ge- 
zweifelt; die Ent- 
stehungszeit ist die- 
selbe wie bei dem 
vorigen Porträt. 

Aus aem zweiten 
Viertel des 16. Jahr- 
hunderts verdienen 
dann noch Erwäh- 
nung die Bildnisse 




H0CHALT.\R DER ST. JOH.WN-|SKIRCHE IN' FREISING VON' ARCHITEKT]. ANGERMAIR, BILDHAUER 
TH. BUSCHER, MALER M. SCHIESTL. FASSUNG UNTER LEITUNG VON PROF. HAGGENMILLER 



248 



^ ZUR PACHERFRAGE 6S^ 



des Münzmeisters Pieter Bicker und seiner 
Gemahlin aus dem Jahre 1529, die Scorel 
zugeschrieben werden, aber wohl nicht von 
ihm herrühren. Eine scharfe Modellierung 
und die etwas manierierte Behandlung der 
Hände des Mannes mit den geschwollenen 
Adern, die so krampfhaft die Seiten des 
Buches halten und das Geld zwischen die 
Finger klemmen, wird man bei Scorel schwer- 
lich linden; auch die Malweise weicht von 
der Scorels ab. Man vergleiche damit nur 
einmal das Bildnis der Agatha van Schoon- 
hoven, das demselben Jahre, 1529, angehört. 
Trotzdem gehörten die Bildnisse zum Besten, 
was von Porträts auf der Ausstellung zu sehen 
war; besonders die lächelnde Frau, die das 
Spinnrad dreht, berührte durch die natürliche 
Auflassung ungemein sympathisch. Dadurch, 
daß die beiden Personen bei ihrer Tätigkeit, 
der Mann am Schreibtisch mit dem reizenden 
Stilleben und die Frau bei ihrer häuslichen 
Beschäftigung dargestellt sind, wird der intime 
Charakter der Bildnisse noch erhöht. 

Aus demselben |ahre, 1529, war ferner das 
Brustbild eines unbekannten Mannes von mitt- 
leren Jahren (Nr. 171), das flüssig gemalt und 
durch den Ausdruck des Kopfes bemerkens- 
wert war. Das Brustbild eines dreißigjährigen 
Mannes von schüchternem, etwas mädchen- 
haft weichlichem Ausdruck (Nr. 97) aus dem 
Jahre 1532, das sehr schlicht und natürlich 
gehalten war, und Jacob van Utrecht zuge- 
schrieben wurde, — mit dem bezeichneten 
Berliner Bilde dieses Meisters hatte es aber 
nichts zu tun — stand dem vorgenannten 
Werke durch Auflassung und Behandlung 
ziemlich nahe. Dieselbe Profilstellung, in 
Dreiviertelansicht nach rechts, zeigte das 
Brustbild des Nicolaus Cannius (Nr. 58) aus 
demjahre 1534, dessen landschaftlicher Hinter- 
grund mit den grotesken Felsbildungen etwas 
an Scorel erinnerte. Viel unpersönlicher und 
in der Malweise merklich schwächer war 
das 1550 datierte Kniestück eines Pastors 
aus der Familie Merula in weißem Chorhemd 
(Nr. 61). M. D. Henkel 

ZUR PACHERFRAGE 

Von Dr. OSKAR DÖRING 

Mit der Person und Kunst des großen Tiro- 
ler Meisters Michael Fächer beschäftigt 
sich eine an Umfang ständig zunehmende 
Literatur. Neuestens erschienen über ihn die 
auch in diesen Spalten besprochenen Bücher 
von Mannowskv und Hans Semper. Max 
Wolff" ist im Begrifle, ein großes Werk über 
Fächer herauszugeben, von dem bisher nur 



erst ein Band mit Bildertafeln vorliegt, wäh- 
rend der Text noch aussteht, und Stiaßnj' in 
Wien stellt schon seit längerer Zeit eine um- 
fassende Publikation in Aussicht. Auch von 
mir ist ein Buch verfaßt worden, das 19 15 
im Verlage B. Kühlen in M. -Gladbach erschie- 
nen ist und sich betitelt: »Michael Fächer und 
die Seinen, eine tiroler Künstlergruppe am 
Ende des Mittelalters.« Es gehört mit zu der 
Reihe der von P. Beda Kleinschmidt herausge- 
gebenen kunstgeschichtlichen Monographien. 
Somit war ihm von Haus aus zuvörderst ein 
populärer Zweck zugedacht. Aber bei der 
Eigenart gerade dieses Themas konnte es un- 
möglich ausbleiben, daß meine Schrift zu den 
in ihm liegenden großen Zweifelfragen Stel- 
lung nehmen mußte. Die dabei gewonnenen 
Ergebnisse haben andere bewertet; mitkommt 
es in diesen Zeilen darauf an, den von mir ent- 
wickelten Hauptgedanken zu skizzieren. 

Die bisherige Pacherliteratur verzichtet auf 
den Beweis, daß Michael ein Maler gewesen 
sei, und nimmt dies als gegebene Tatsache 
hin. Sie trägt kein Bedenken, seiner Hand so- 
gar bestimmte Gemälde zuzuschreiben. Es sind 
die vier Szenen aus dem Marienleben, die 
sich auf den innersten Flügelflächen des be- 
rühmten Altares von St. Wolfgang befinden, 
sowie der jetzt in der Kgl. Alten Pinakothek be- 
findliche gemalte Flügelaltar mit den Figuren 
der vier heiligen lateinischen Kirchenväter. 
Der Altar von St. Wolfgang ist das einzige 
unbeschädigt erhalten gebliebene Werk, wel- 
ches aus Michael Fächers Werkstatt zu Bruneck 
hervorgegangen, und auch inschriftlich mit 
des Meisters Namen bezeichnet ist. Fragt 
man, warum an diesem Werke gerade die vier 
oben genannten Bilder mit solcher Sicherheit 
als eigenhändig bezeichnet werden, so erfährt 
man, daß Gemälde von so hoher, alle andern 
am gleichen Altare überragender Vollendung, 
und gerade diese vier, welche noch obendrein 
den bevorzugten Platz zu den Seiten der Mittel- 
gruppe einnehmen, schon ehrenhalber nur von 
Meister Michael Fächer selbst herrühren kön- 
nen. Auch bei den (aus Brixen nach Augsburg 
und von da unter Tschudi nach München ge- 
kommenen) Kirchenvätern schließe die Vorzüg- 
lichkeit der Qualität die Herkunft von jeder an- 
deren Hand aus. Ob aber Michael Fächer Maler 
war, ist ein Punkt, wegen dessen Diskussionen 
überhaupt nicht angestellt werden. Wird er 
doch in den Urkunden, gleichviel ob diese 
künstlerische oder andere Dinge behandeln, 
stets »Maler« genannt. Diesen Behauptungen 
gegenüber vertrete ich die Auffassung, daß 
die erwähnten Zuschreibungen des wissen- 
schaftlichen Haltes entbehren, schon deshalb. 



^ ZUR PACHERFRAGE E^ 



249 



r 








SAKRAMENTSALTAR IN DER ST. JOHAKKISKIRCHE ZC FREISING BEI MÜNCHEN 
Entwurf von Architekt Jakob Aiigerntair, die Engel von Thomas Busclter, Malerei von Hnggeinniller, Tabernakeltüre Z'on 

Cosnias Leyrer 



weil sie von einer vorgefaßten Meinung aus- 
gehen, und daß man, um zu einem Urteile 
zu kommen, welches sich rechtfertigen läßt, 
an die Sache mit einer Frage herantreten, 
nicht aber die Antwort schon vorweg fertig 
mitbringen muß. Die Frage aber heißt: War 
Michael Fächer ein Maler in dem Sinne, wel- 
chen wir heute mit diesem Worte verbinden? 
Die Antwort hierauf müssen wir aus den Ur- 
kunden, sowie aus den Merkmalen der mit 
ihm in etwelche Beziehungen zu setzenden 
Denkmäler erholen. Denn aus der Bezeich- 
nung »Maler« in den zeitgenössischen Quellen 
ist nichts Sicheres zu folgern; sie kann eben- 
so gut einen Bildschnitzer bezeichnen, der die 
Erzeugnisse seiner Kunst polychromierte. Im 
mittelalterlichen Sinne genommen braucht 
ein »Malert kein einziges Gemälde ausgeführt 
zu haben, kann lediglich dekorativer Farben- 
künstler und auch Bildschnitzer gewesen sein. 
Es kam also darauf an, zu untersuchen, in 
wieweit dies etwa auch auf Michael Fächer 
zutritft, womit dann weiter der ^'ersuch ver- 
bunden sein mußte, festzustellen, welches 



denn eigentlich seine Stellung und Aufgabe 
bei der ihm angehörigen Werkstatt zu Brun- 
eck gewesen, und welchen Eigenschaften 
und Leistungen sein Ruhm zuzuschreiben sei. 
Es ist mir übrigens noch zweifelhaft, ob dieser 
Ruhm zu Michaels Lebzeiten nicht vor allem 
an der Trefflichkeit der aus seiner Anstalt 
hervorgehenden Werke gehangen habe, sein 
persönlicher Ruhm aber der Bewunderung 
unserer Neuzeit zu verdanken sei. 

Die Schwierigkeit, über die Pacherkunst 
und die sie treibenden Kräfte ein zutreffendes 
Urteil zu erlangen, wird erhöht durch die 
unerläßlich zu beantwortende Frage nach der 
Rolle, welche Friedrich Fächer gespielt hat. 
Dieser, welcher vermutlich Michaels Bruder 
war — an einem strikten Beweise fehlt es 
bisher — ist als Maler wirklich ein Autor 
von Gemälden gewesen. Das ist durch die 
Inschrift auf dem im Erzbischöflichen Klerikal- 
seminar zu Freising befindlichen Gemälde der 
Taufe Christi beglaubigt. Dies Werk signierte 
Friedrich Fächer vor Ostern 1483, woraus der 
berechtigte Schluß zu ziehen ist, daß er zu 



Die christliche Kunst. X. S- 



250 



e^ ZUR PACHERFRAGE SSS 




HAUPT DES HL. JOHANNES BAPTISTA 
Kiinsigewt'rbeniuseuiit zu Frunk/ttri a. M. Zu ttebenstcJiendfnt Artikel 



jenem Zeitpunkte als Meister selbständig war. 
Bis dahin hatte er bei und unter Michael in 
dessen Werkstatt gewirkt. Meine Auffassung, 
die sich betreffs Friedrich bis dahin der bisheri- 
gen Forschung anschließt, weicht nun ferner 
aber weit von ihr ab. Ich bin nämlich der 
Ansicht, daß Friedrich als Maler nur Un- 
bedeutendes geleistet hat, weil sein Talent 
für selbsttätiges künstlerisches Schaffen durch- 
aus geringwertig war. Dagegen erfreute er 
sich eines tüchtigen Kunsturteils, und dies 
befähigte ihn, die Aufsicht über die Arbeiten 
der zahlreichen in Michaels Werkstatt be- 
schäftigten Malgehilfen zu führen, sie anzu- 
leiten und einen jeden nach dessen Besonder- 
heit zu beschäftigen. 

Was Michael Fächer betrifft, so habe ich 
nach Ausweis der Urkunden und der Denk- 
mäler folgende Feststellungen über ihn ge- 
macht. Er war der geschäfthche Leiter seiner 
Kunstanstalt. Als solcher besuchte er regel- 
mäßig die öffentlichen Märkte, vor allem jene 
in Bozen; dabei fand er Gelegenheit zur An- 
knüpfung von Beziehungen. Kam es zu Ver- 
handlungen über irgendeinen Auftrag, so 



führte er diese, nahm die Wünsche der Be- 
steller entgegen und entwarf darauf hin Skizzen 
und Pläne des künftigen Werkes. Er beriet 
diese mit den Auftraggebern persönlich durch, 
worauf er mit ihnen die Verträge abschloß 
und unterzeichnete. Diejenigen für die Altar- 
werke von Gries bei Bozen und (fast gleichzeitig) 
von St. Wolfgang sind im Wortlaute erhalten. 
Nachdem alles soweit geregelt war, wurde an 
die Ausführung der Werke gegangen. Sie zog 
sich oft viele Jahre lang hin, jedenfalls wegen 
Überbürdung der Pacherschen Werkstatt; 
keinen eigentlichen Abschluß fand die 1484 
begonnene Entstehungsgeschichte des Altares 
für die Frauenkirche in Salzburg, weil Michael 
1498 darüber hinstarb. Waren die Arbeiten 
in Bruneck so weit gediehen, daß an die 
Aufstellung des neuen Werkes gedacht wer- 
den konnte, so war es wiederum Michael 
Fächer, der die fertigen Teile an Ort und 
Stelle zu überführen hatte. An der Stätte der 
Bestimmung richtete er sodann eine eigene 
Werkstatt ein, in der namentlich die allzu 
zerbrechlichen Teile, sowie solche Stücke erst 
angefertigt wurden, die auf den Gebirgs- 



^ ZUR PACHERFRAGE S^ 



wegen zu mühselig zu transportieren ge- 
wesen wären. Er leitete diese Arbeiten, be- 
aufsichtigte die Errichtung des Werkes, woran 
zunächst besonders Schreiner und Schlosser 
zu tun hatten, und stellte dann (wie die \'or- 
gänge in St. Wolfgang beweisen) das Kor- 
pus des Altares fertig, erledigte jederlei Schnitz- 
arbeiten und sorgte für deren Bemalung und 
Vergoldung. Die Anfügung der gemalten 
Flügel erfolgte erst später. An diesen wurde 
während seiner Abwesenheit in Bruneck ge- 
arbeitet unter Friedrichs Aufsicht, der also 
während der häutigen und langen Reisen 
Michaels dessen Vertretung zu besorgen hatte. 
Michaels Anteil an den Arbeiten war also 
insofern entscheidend wichtig, als von ihm 
die Gesamtentwürte herstammten. Für die 
eigenhändige Ausführung von Malereien kam 
er kaum in Betracht. Dagegen war er Bild- 
schnitzer von Fach, genialer Meister darin, 
die verschiedenartigen Kunstleistungen, wel- 
che bei der Herstellung größter Altarwerke 
in Betracht kommen, zu herrlicher Harmonie 
zu vereinigen und ihnen Wirkungen zu 
sichern, die im kleinen und einzelnen eben- 
so bewunderungswürdig sind, wie im großen 
und ganzen. 

Die Beweise für diese Behauptungen hoffe 
ich in meinem Buche erbracht zu haben; an 
dieser Stelle kann ich nur das Wichtigste da- 
von kurz skizzieren. Was zunächst Friedrich 
Fächer angeht, so lehrt der Augenschein, daß 
dessen Taufe Christi durch Ubermalungen ge- 
litten hat. \'on diesen abgesehen, bleibt aber 
übrig, daß das Werk schlecht komponiert, 
außerdem nicht durchweg selbständig ist. Die 
Fenstereinrahmung mit den gekrümmten Fialen 
und den Engeln auf den Wandsäulchen ist, 
wie ich gezeigt habe, verständnislos kopiert 
nach dem Kupferstich mit der Halbfigur Christi 
von Meister E. S. Der Maler der Freisinger 
Taufe hat seinem Talent mit dieser Leistung 
ein an sich recht wenig günstiges Denkmal 
gesetzt. Aber lehrreich ist es. Ich muß hierbei 
noch einmal auf jene in Tiberias befindlichen 
Flügelgemälde des Tratzberger Peter-Pauls- 
Altares zurückgreifen, die dank dem Entgegen- 
kommen dieser Zeitschrift (Jahrgang 19 12, 
Augustheft) durch mich überhaupt zum ersten 
Male besprochen und damit von mir in die 
Kunstgeschichte eingeführt werden konnten. 
Sie sind, wie aus einer Reihe von wichtigen 
Gründen anzunehmen, 1475 entstanden oder 
wahrscheinlicher in jenem Jahre vollendet. Ich 
hatte damals nur angedeutet, daß sie für die 
.Autklärung der Friedrich-Pacher Frage Bedeu- 
tunghätten. Ein unentbehrliches Material waren 
sie dafür nicht, weil ich lange ehe ich sie 



kannte, auf anderen Wegen bereits zu meinem 
gleichen Ergebnisse gelangt war. Ph. M. Halm 
hat sie später (im Novemberheft der Zeitschrift 
Kunstund Kunsthandwerk) als Werke Friedrich 
Pachers in Anspruch genommen. Ich bin der 
Meinung, daß dies aus erheblichen inneren 
und äußeren Gründen nicht zutreffen kann. 
Denn erstens wäre sonst aus dem Meister, 
der 1475 den herrlichen Altar von Tratzberg 
und Tiberias geschaffen hatte, in den acht 
Jahren, bis er 14153 die Taufe Christi malte, 
ein unbeholfener Zeichner und Maler gewor- 
den, was doch mindestens außergewöhnlich 
wäre. Nicht unterlassen sei übrigens, auf die 
unverkennbare Verwandtschaft dieser Taufe 
mit dem höchst mittelmäßigen Weltgericht 
an der Rückseite des Peter Pauls-Bildes hinzu- 
weisen. Zweitens: imjahre 1501 wird Friedrich 
nach Innsbruck befohlen, um daselbst eine 
im Auftrage des Kaisers angefertigte Malerei 
zu begutachten, und im April desselben Jahres 
schickt ihn Maximilian nach Rungistein zu 
dem Zwecke, dort den Zustand der in \'er- 
fall geratenen alten Wandmalereien zu unter- 
suchen und \'orschläge für ihre Herstellung 
zu machen; nachdem der Maler Friedrich 
Fächer dies aber getan hat, erhält nicht er 
den Auftrag, sondern erst Jörg Kölderer und 
später Marx Reichlich. Mir scheinen diese 
beiden Vorgänge, zumal der letztere, stark 
dafür zu sprechen, daß man bei ihm Grund 
hatte, größeres Gewicht auf seine Begabung 
als Kritiker zu legen, denn auf jene des aus- 
übenden Künstlers. Dabei muß er doch 14S3 
als Maler der Taufe Christi noch in seinen 
allerbesten Jahren gestanden haben. Daß er 
damals in die Lage kam sich selbständig zu 
machen und einen Grundbesitz zu kaufen, 
dürfte also Ursachen gehabt haben, die nicht 
auf dem Gebiete seiner persönlichen Kunst- 
vollendung lagen. Drittens: alles, was man 
dem Friedrich Fächer zugeschrieben hat, zeigt 
bei genauerer Untersuchung aufs klarste, daß 
es überhaupt nicht von einer und derselben 
Hand herstammt, ja daß nicht ein einziges 
Bild nur von einem Maler ausgeführt worden 
ist. Ich habe versucht, eine ganze Anzahl von 
Händen daran nachzuweisen. Sie haben offen- 
bar nur nach ganz allgemein gehaltenen Wei- 
sungen gearbeitet und sich der weitest gehen- 
den Freiheiten erfreut. Reichlich haben sie 
\'orlageblätter und Skizzen nach tiemden Vor- 
bildern benutzt; ich vermag solche in großer 
Zahl nachzuweisen aus Oberdeutschland, den 
Niederlanden und Italien. Trotzdem aber hielten 
die Maler desPacherkreises an den Traditionen 
der Brixen Neustifter Schule fest; so wahrten 
sie ihren Erzeugnissen das ursprüngliche Ge- 



252 



^ ZUR PACHERFRAGE €C^ 




DHU IlL. LAURH.MIUS BEI IjLU GEl AXGKMXAUMt DLS rATSItS Sl.\ 1 US IL 
Hp/muSi-ittn in ll'icti. — Text S. 2S4 



präge bodenständigen tirolischen Wesens, und 
damit Eigenart und Wert. Aus der gleich- 
zeitigen Tätigkeit so und so vieler Maler an 
einem und demselben Bilde aber erklärt sich 
auch der oft recht fühlbare Mangel an Aus- 
geglichenheit. Er tritt bei den Tiberias-Bil- 
dern hervor, nicht minder bei dem Zyklus 
des Katharinenaltares in Neustift, bei den acht 
Christusszenen des St. Wolfganger Altares, 
überhaupt bei allem, was man bisher glaubte 
dem Friedrich Fächer zuschreiben zu sollen. 
In auffälligster Weise macht sich jene Unaus- 
geglichenheit nun aber auch bei den vier St. 
Wolfganger Bildern aus dem Marienlehen 



geltend, deren Qualität bislang einhellig ge- 
priesen und deren Herkunft von Michael Fächer 
als eine unanfechtbare Tatsache hingestellt 
worden ist. 

Wie es um die bisherige kritische Behand- 
lung der mancherlei Fragen steht, welche das 
Facherthema zu lösen gibt, dafür sei als Bei- 
spiel die von einem Buch ins andere wan- 
dernde Mär von jenem Altare erwähnt, den 
angeblich Michael I-165 für das Kloster Salem 
gemalt haben soll. Mein Buch enthält darüber 
das nähere. Schon dieses eine Exempel lehrt, 
mit welcher Vorsicht und Voraussetzungs- 
losigkeit man hier zu Werke gehen muß. Jene 



^ ZUR PACHERFRAGE ^ 



253 




DER HL. LAUREXTIUS ZEIGT DEM KAISER VALERIAN DEN KIRCHENSCHATZ 
Hofmuscum in Wh-ii. — Text S. 2J4 



vier Marienszenen in St. Wolfgang sind, wo- 
von jeder Unbefangene sich leicht überzeugen 
kann, untereinander verschiedenwertig, in sich 
selbst erweist sich jedes, sogar die Beschnei- 
dung, das schönste unter ihnen, offenbar als 
das Werk mehrerer Mitarbeiter. In ihren Lei- 
stungen hier begegnet sich Originales und Ent- 
lehntes, Neues und Altes, richtige und gröblich 
falsche Zeichnung, Genialität und Philistertum, 
Feinsinn und Verständnislosigkeit. Nur eins 
beherrscht das Ganze, das ist die von den Ein- 
zelheiten unabhängige große harmonische de- 
korative Wirkung. Sie ist der Beweis für die 
Einheit des leitenden Geistes. Aber die Be- 



schaffenheit der vier Bilder im einzelnen offen- 
bart die Vielheit der ausführenden Krätte. — 
Was den Münchener Kirchenväteraltar betrifft, 
so wird niemand im Ernst behaupten, daß 
dessen äußere Flügelbilder mit den St. Wolf- 
gangsszenen derselben Herkunft seien, wie 
die vier inneren Gemälde. Aber auch an diesen 
sind ersichtlich mindestens zwei Maler tätig 
gewesen: der eine schuf in irischer, stark 
naturalistischer Auffassung, großzügig cha- 
rakterisierend und gleichzeitig kleinlicher Sub- 
tilitätnicht abgeneigt, die Gestalten der Kirchen- 
väter; der andere, welcher ihre Symbole malte, 
war in Traditionen befangen, nachahmerisch. 



254 



®C3 ZUR PACHERFRAGE ^ 




MARIE GEVS (MÜNCHEN) VORHAXG AUS LEINEN 

Ansfükrujtg ht Batik (Ornameitt -weiß, G'iind gell'J 

Kltnstge''^t'erbe-Aitsstelhlttg München igt 2 



unfrei. Hierzu kommt, daß sich die orna- 
mentalen und del^orativen Bestandteile als all- 
gemeines Werkstatteigentum erweisen. Ich 
bin der Meinung, daß das Münchener Werk 
die pomphaftere Wiederholung jenes ein- 
facheren, feierlicheren und den Kultzvvecken 
angemesseneren Kirchenväteraltares ist, der 
sich heute im Innsbrucker Ferdinandeum be- 
findet — und bin darin wieder mit dem Her- 
kommen uneins, welche dies letztere Werk 
als jüngere Nachahmung des Münchnerischen 
anzusehen gewöhnt ist. 

Als Werk mindestens zwei verschiedener 
Hände präsentiert sich auch ein St. Laurentius- 
altar, über den infolge neuer Entdeckungen 
einige Worte hier notwendig sind. Von ihm 
hängen zwei Flügelgemälde in der Münche- 
ner Alten Pinakothek (das eine davon galt 



früher als Darstellung aus der Ste- 
phanuslegende und ist seither 
umgenannt worden). Über das 
Werk habe ich in meinem Buche, 
Seite III, die Ansicht ausgespro- 
chen, daß zu jenen Bildern noch 
zwei andere aus der gleichen Le- 
gende gehört haben müssen. Diese 
Vermutung hat eine schnelle Be- 
stätigung erhalten, dadurch, daß 
191 3 auf dem Ansitz Dieteneck 
im Dorfe Dietenheim bei Bruneck 
zwei Bilder entdeckt wurden, die 
nach ihren sämtlichen Eigenschaf- 
ten unzweifelhaft die von mir ver- 
mißten sind. Sie sind in das Wie- 
ner Hotmuseum gekommen, da- 
selbst gereinigt und hergestellt 
worden. Dank der großen Lie- 
benswürdigkeit der Direktion bin 
ich imstande, sie hiermit den Le- 
sern zum Vergleiche mit den in 
meinem Buche (S. 122 und 123) 
abgebildeten beiden andern Tafeln 
darzubieten (Abb. S. 252 und 253). 
Das eine zeigt die Gefangennahme 
des hl. Papstes Sixtus II. Wäh- 
rend die Häscher sich seiner be- 
mächtigen und ihn durch die Vor- 
halle eines steinernen Gebäudes 
zu der ins Innere desselben füh- 
renden Spitzbogentür bringen — 
zwei jüngere Geistliche stehen als 
des Papstes Begleiter im Hinter- 
grunde — wendet der Geflxngene 
noch einmal seinen Blick nach 
dem hl. Laurentius zurück. Dieser 
steht mit kummervollem Ausdrucke 
ruhig da, indem er die Hände 
sehnsuchtsvoll nach Sixtus aus- 
streckt. Links öffnet sich eine spitzbogige 
Pfeilerarkade; durch sie blickt man auf eine 
Straße hinaus. Auf dem andern Bilde sehen 
wir Laurentius, wie er einem thronenden 
Manne, nach der Krone auf seinem Turban 
und dem Szepter in seiner Linken offenbar 
dem Kaiser Valerian, die armen Leute zeigt, 
welche er herbeigebracht hat. Seine Hand- 
bewegung deutet an, was Laurentius nach 
der Legende jenem antwortete , der den 
Kirchenschatz von ihm ausgeliefert haben 
wollte: »Sieh, solches sind die Schätze unse- 
rer heiligen Kirche.« Der Kaiser und der eine 
der neben ihm sitzenden Vornehmen heben, 
ob solchen Anblicks und Ausspruches über- 
rascht, die rechte Hand, während ein Gewapp- 
neter den Laurentius bereits packt. Die Szene 
geht im Innern des Palastes vor sich; durch 



^3 ZUR PACHERFRAGE es^ 



255 



die Tür sieht man die Armen herein- 
kommen, durch das Fenster blickt man 
in eine bergige Landschaft. 

Die Größe der beiden Tafeln (Höhe 
bzw. Breite rund i m), sowie das Ma- 
terial, Zirbelholz, entspricht den Mün- 
chener Laurentius-Bildern. Die Behand- 
lung des Interieurs, die Ausblicke, bei 
der Gefangennahme die in Verkürzung 
gesehene Spitzbogenreihe, alles erin- 
nert aufs lebhafteste an Einzelheiten 
der Münchener Bilder und kehrt auch 
bei andern des Pacherkreises typisch 
wieder. Dasselbe ist der Fall mit den 
Gewändern. Laurentius wie auch der 
thronende Kaiser sind genau so ge- 
kleidet wie auf den Tafeln in München. 
Die Ähnlichkeit des Gesichts bei dem 
hl. Lorenz, welcher von Sixtus Abschied 
nimmt, und dem, welcher Almosen 
verteilt, ist die allerüberraschendste. 
Dasselbe gilt wiederum bei dem Kaiser. 
Auch andere Gesichtstypen kehren auf- 
fallend ähnlich wieder. Bedürfte es 
noch eines weiteren Beweises, um die 
Wiener Bilder zur Kunst des Pacher- 
kreises in Beziehung zu setzen, so 
brauchte man dafür nur auf den Greis 
hinzuweisen, welcher, auf einen Stab 
gestützt, hinter Laurentius in das Ge- 
mach hereinwankt. Sein lockiger Kopt 
zeigt die auffallendste Ähnlichkeit z. B. 
mit verschiedenen beim St. Wolfganger 
Altare : dem des Petrus bei der Hoch- 
zeit zu Kana, des St. Joseph bei der 
Flucht nach Ägypten, wie bei der Dar- 
bringung im Tempel. Es kehren eben 
auf den Bildern dieses Kreises immer 
dieselben Typen wieder. 

Die Anordnung der Lorenzbilder betreffend, 
habe ich im Buche schon die Vermutung aus- 
gesprochen, daß das Almosengeben das untere 
links gewesen sei, und finde dies durch die 
Wiener Bilder bestätigt. Die Reihenfolge war 
also diese: links oben Sixtus' Abschied; unten 
Laurentius Almosen gebend; — rechts oben 
Laurentius vor dem Kaiser, unten die Marter. 
Hiermit hängt nun engstens die Frage nach 
den bisher fehlenden zwei Bildern der Außen- 
seite zusammen. Denn an den Wiener Bildern 
fehlen die Rückseiten. In München gehört 
zum Almosengeben rückwärts die Verkündi- 
gung, zur Marter rückwärts der Marientod. 
Also hat der Altar im zugeklappten Zustande 
vier Marienszenen gezeigt. Da das vierte den 
Tod darstellt, so wird das erste Maria Ge- 
burt gewesen sein. Das zweite prophezeit mit 
der Botschaft des Engels Maria Freude, also 




KELCH. GESCHENK DES KAKTONS ZUG ZUiM GOLDENEN PRIESTER- 
JUBILÄUM DES H. H. BISCHOFS STAMMLER IN BASEL 
Ritt'iuuyf utid Ans/iihrjnig; 7'fii Goltisckttiied Louis Ruckli ht Ltizcrtt 



wird das dritte Maria Schmerz verkündet, das 
heißt die Darbringung im Tempel geschil- 
dert haben (unter Bezug auf Luc. 2, 34—35). 
Diese Gegenüberstellungen geben dem Z}-- 
klus erst die Festigkeit des ikonographischen 
Zusammenhanges, den wir auch sonst schon 
seit dem Mittelalter in ähnlichen Zyklen be- 
obachten können. Ein hervorragendes Bei- 
spiel dieser Art sind u. a. die Marienszenen 
an und in der Apsis von St. Maria in Traste- 
vere. Im Kreise der Pacherkunst findet sich 
ein Beispiel gleich festen inhaltlichen Zusam- 
menhanges bei den erwähnten Peter-Pauls- 
Bildern des Tratzberger Altarwerkes, ^'iel- 
leicht wird es aut Grund meiner hier ge- 
äußerten Vermutung leichter sein, jene feh- 
lenden Marienszenen ausfindig zu machen.") 

') Das Werk: »Michael Fächer und die Seinen« 
von Dr. O. Döring ist besprochen in Heft 4, Beilage 
Seite 23. 



256 



AUS DEM REICHE DES BAROCK UND ROKOKO 




CHRISTIAN' WINK 



Bei llfrrn Bnroji O. v* L'/>/'ert h. 



NEUE FORSCHUNGEN AUS DEM 
REICHE DES BAROCK UND ROKOKO 

Tm Besitze des Herrn Baron O. von Lippert in Wilz- 
hol'en bei Murnau, eines Naclikommen des berülimten 
Kurfürstlich -Bayer. Revisionsliammerrates Job. Kasper 
Lippert, befindet sich ein bisher noch unbekannter 
Christian Wink (Abb. oben). Das Bild hat zur Dar- 
stellung die >Eherne Schlange«. Vermutlich stammt 
das Gemälde aus einer größeren Folge. Es gehört wohl 
in die Zeit um 1760 und dürfte infolgedessen als eine 
der ältesten Schöpfungen in der Reihe der uns bisher 
bekannten Tafelbilder des Meisters anzusprechen sein. 
Das Bild fällt somit in die Frühzeit der Tätigkeit 
Winks und steht an der Schwelle zur eigentlichen und 
reich entfalteten Wirkungskraft des Künstlers während 
der Rokokozeit Die Produktivität Winks ist ira Tafel- 
bilde zwar eine gleich große wie im Fresko, in bezug 
auf die Q.ualität jedoch treten die Tafelbilder an Be- 
deutung zurück. Im Gegensatz zu den großen Kirchen- 
fresken sind unter den Tafelbildern die früheren Werke 
die besten. Auf unserem Gemälde >Die eherne Schlange«, 
ist die Komposition in gut durchdachte einzelne Gruppen 
aufgelöst, die untereinander ohne gezwungen theatra- 
lischen Pathos sich zusammenschließen. 

Christian Wink (1758— 1797) ist ohne Zweifel 
eine der markantesten Persönlichkeiten der südbayeri- 
schen Rokokomaler und figuriert als letzter ihrer glän- 
zenden Reihe. Über seine Tätigkeit liegt eine sehr 
gute Biographie von Dr. Adolf Feulner vor, er- 
schienen als Sonderausgabe aus Jahrgang 11 (1912), 
Heft I und 2 der Ahbayerischen Monatsschrift, Histor. 
Verein von Oberbayern. Die mit vielen Textillustra- 
tionen und verschiedenen Tafeln reich ausgestattete Ab- 
handlung entrollt klar den Werdegang des Meisters. 
Das trefllich verfaßte Kapitel II führt in kurzer, aber doch 
umfassender Schilderung in die kirchliche Rokokomalerei 
Südbayerns ein ; besonders wertvoll ist dieses Kapitel 
gerade deswegen, weil es zum Verständnis der Eigen- 
art und der Stellung Winks im damaligen künstlerischen 



DIE EHERNE SCHLANGE (UM 1760) 
U'ilzJw/en bei Miirttait, Text jtttteii 

Leben wesentUch beiträgt und die ganze Biographie 
belebt. 

Feulner hat sicli vor allem das reiche und dank- 
bare Feld der Barock- und Rokokokunst zu seinem Spezial- 
Studium erwählt. Seine eifrigen Forschungen waren 
schon des öfteren mit Erfolg gekrönt. So brachte er 
in der Abhandlung über »Balthasar Neumanns 
Rotunde in Holzkirchen, Konstruierte Risse in 
der Barockarchitektur«, erschienen in der Zeitschrift für 
Geschichte der Architektur, Jahrgang VI (191 3), interes- 
sante Wahrnehmungen in bezug auf Grundrißgestal- 
tungen, Aufrisse, Flächengliederungen, über die Anwen- 
dungen der Triangulation und des goldenen Schnittes. 

Einen besonders glücklichen Fund machte Feulner 
in der Auffindung von Rissen, die mit einem Schlage 
einen nunmehr genügenden Aufschluß über die bisher 
vielfach dunkle Baugeschichte der herrlichen Kloster- 
kirche zu Ottobeuren geben. Durch Illustrationen 
veranschaulicht ist der Fund publiziert in der Abhand- 
lung »Johann-Michael Fischers Risse für die 
Klosterkirche in Ottobeuren«, erschienen im 
Münchner Jalirbuch der bildenden Kunst 1913, I. Vier- 
teljahrband (W. Callwey in München). Durcli diesen 
Aulsatz ist evident erwiesen, daß Ottobeuren von dem 
genialen Rokokobaumeister Fischer vollständig ausge- 
baut wurde, wenn auch der Grundriß fast fertig über- 
nommen worden ist. Außerdem ist dieser Fund von 
Rissen ein wichtiges Hilfsmittel für die Zuweisung an- 
derer bedeutender Kirchenbauten, so Fürstenzeil bei 
Passau und Damenstift bei Osterhofen. Auf die Bearbei- 
tung dieser Kirchen wird Feulner noch zurückkommen. 

In Bälde wird eine von Dr. Feulner verfaßte große 
Biograpliie über die Künstlerfamilie Zick erscheinen. 

Für Januar nächsten Jahres ist eine Ausstellung 
von Werken aus der Hand des berühmten Rokoko- 
künstlers Januarius Zick in Koblenz projektiert, 
dem Sterbeorte des Meisters. 

Durch die L^nterstützung Feulners wird diese Aus- 
stellung einen vollen Überblick über die Tätigkeit des 
Januarius Zick, von dem über 70 Tafelbilder gezeigt 
werden, gewähren. Dr. Rieh. Hoffmann 



BEILAGE 



WIENER AUSSTELLUNGEN 



57 



WIENER AUSSTELLUNGEN 

(Schluß) 

ÖsterreichischerKünstlerbund. Diese Künstler- 
vereinigung ist nicht mit dem >Bund Österreichischer 
Künstler«, an dessen Spitze Gustav Klimt steht, zu 
verwechseln, wozu ja die Namensähnlichkeit leicht ver- 
führen könnte, sondern so ziemlich als des letztgenann- 
ten Bundes künstlerisch polare Gegenerscheinung zu be- 
trachten. Auswüchse der sogenannten AUermodernsten 
sind ihm — glücklicherweise — fremd. Dieser Umstand 
trägt vielleicht stark dazu bei, daß der »Österreichische 
Künstlerbund< immer größeren Zuspruch findet, da das 
Publikum anfängt, sich von den modernen und über- 
modernen Exzentrics Künstlern mehr und mehr abzu- 
wenden. Die gegenwänige Ausstellung im Kunstsalon 
Pisko zeigt wieder einen soliden Grundton. Es sind 
meist bekannte Namen, die wir in der Ausstellung an- 
treffen, so Hlavacek mit einer ganzen Serie koloristisch 
wie zeichnerisch virtuoser Landschaftsbilder und Natur- 
studien, Jacques Stern feld mit Porträts und recht 
beachtenswerten poetisch anklingenden Genrestücken, 
Erwin Pendl bringt einige seiner in bekannter Gründ- 
lichkeit gemalten Veduten und Stadtbilder, desgleichen 
Karl Weiß, während Hermine Schuch(Graz) eine 
klare, friedvolle »Steyerische Landschaft« ausstellt. 
Stoitzner (Vater) beweist in einem vorzüglichen Chry- 
santhemen-Stilleben große vitale Frische und Technik, 
die sich auch auf seine Landschaftsbilder übertragen 
haben. Gute Landschaftsbilder bringen noch Julius 
Bosse (Abbazia), dessen Spezialität, Porträts, diesmal 
gänzlich fehlen. Luise Bosse, des Künstlers Gattin, 
zeigt hübsch komponierte Papiermosaikbilder, die in das 
Gebiet der Plakattechnik hinüberreichen. Ein eigenartiges 
Gemälde ist Marussigs »Wonniger Fang«, an Böcklin 
erinnernd, voll koloristischen Glanzes und außerordent- 
hch fein nuanciert. Pauline Ebner hat reizende Kinder- 
bildchen von bestrickendem Zauber gemalt. Von K u d e r n a 
und ölpinski sind Porträts von großer Trefl'sicher- 
heit in der Auffassung und im Ausdruck zu sehen. Mit 
eindrucksvollen Landschaften sind noch Boeck, Deutsch, 
Jurkic, Kargl, Stoeckl und Helene Drost vertreten. 
Albert Sallaks (Ried) ägyptische Gouaches finden 
viel Beifall. Bei den plastischen Arbeiten ist es wieder 
Michael Six, der eine Gußmedaille mit einem edlen 
Madonnenbild und eine recht hübsche Fayence >Gänse- 
liesel« benannt, zur Ausstellung bringt; von dem be- 
währten Holzbildhauer Zelezny fällt ein Richard-Wag- 
ner-Kopf auf. Schmuckstücke von Schwarzböck und 
originelle Keramiken von dem Znaimer Möstl dürfen 
nicht unerwähnt bleiben. Die Ausstellung ist ein voll- 
gültiger Beweis für das Können der Bündler. 

Die Vereinigung bildender Künstlerinnen 
Österreichs, die erst jüngst den Schwedischen Künst- 
lerinnen ihr Heim gastfrei zur Verfügung stellte, hat 
nunmehr ihre eigene »Jahresausstellung« eröffnet. Einen 
geschlossenen Gesamteindruck des gemeinsamen Zieles 
dieser Künstlerinnen vermittelt die Ausstellung gerade 
nicht. Zwar stehen alle Mitglieder im Banne des male- 
rischen Fortschritts und jede bemüht sich nach Kräften, 
eine möglichst wuchtige malerische Handschrift zu be- 
kunden, trotzdem geht aber wohl jede ihre eigenen 
Wege. Im übrigen ist die so bedingte individuelle 
Nüancierung der ausgestellten Werke sehr begrüßens- 
wert. Den tiefsten Eindruck machen wohl die in der 
Art Teniers gemalten Bauernszenen der Italienerin 
Rossi-Minzi, speziell das Bild des Pellagrakranken. 
Das Kinderbildnis der Malerin Magyar zeichnet sich 
durch gute Charakterisierung eines Wiener Proletarier- 
kindes aus. Frau Nahowska scheint ans Dekorative 
zu weisen, ihr Gemälde »Mutterliebe« macht einen tief- 
gehenden Eindruck. Das Porträt eines Privatgelehnen 



von Baronin Krauß ist von tiefer Leuchtkraft. Das 
Gartenbild der Frau Brand-Krieghammer zeigt, daß 
deren Vorzüge ebenfalls im Kolorit beruhen. Frau 
Neumann-Pisling gibt ein Stilleben von nicht all- 
täghcher Farbenharmonie, Fräulein Adler ein flottes 
Gebirgsbild. Sehr lobenswert sind die Miniaturen von 
Fräulein J o hannaFreundunddie altwienerischen Zeich- 
nungen von Fräulein Roth e. Feine Emailstücke sehen 
wir von Frau Meier-Michl und Fräulein Neu wir th, 
auch die Zeichnungen von Frau PoUak-Kot^nyi 
sprechen von ungewöhnhcher Begabung. Im graphi- 
schen Teil der Ausstellung sind es hauptsächlich die 
Karikaturen der Frau Berta Czegka und die »Welle« 
von Frau Hitschmann-Steinberger, die bedeu- 
tenden Erfindungsreichtum verraten. Hübsche Leistungen 
bieten ferner die Arbeiten von Fräulein Margarete 
Stall aus München, Frau There se von Mo or, Frau 
Noske-Sander, Frau Paula Guggitz und Fräulein 
Bogdan. Damit dürfte das Wesentlichste der Aus- 
stellung charakterisiert sein. 

Endhch haben wir noch Notiz zu nehmen von der 
Schwarz-Weiß- Ausstellung des »Akademischen 
Verbandes für Literatur und Musik in Wien«. Wieso 
gerade dieser Verband für Literatur und Musik dazu- 
kommt, eine derartige Ausstellung in die Wege zu leiten, 
ist etwas dunkel, doch soll ihm deshalb das Verdienst 
nicht geschmälert werden, daß er uns zu einer recht 
gediegenen Ausstellung, wie wir solche in dieser apar- 
ten Art selten in Wien zu verzeichnen haben, verholten 
hat. Man wird schwerlich bald wieder eine solche Fülle 
ausgezeichneter und auch merkwürdiger Arbeiten auf 
einem so engen Raum zusammengedrängt finden. An 
den verschiedenen Einzelheiten, die zu sehen sind, kann 
man einen großen Teil der Entwicklung der Schwarz- 
Weißkunst eingehend verfolgen. Beteiligt haben sich 
viele der besten modernen Künstler. Von ErnstBar- 
lach gibt es eine Reihe großer, wuchtiger Steinzeich- 
nungen zu »Der tote Tag«. An der Spitze der Wiener 
Aussteller steht Max Klirat mit seinen virtuosen Zeich- 
nungen. Anton Hanak, ein Hellmer Schüler, stellt 
eine Anzahl Tuschzeichnungen aus, legt bewegte Akte 
wie Silhouetten an und erhält so ganz plastisch gesehene 
Motive. Löfflet zeigt hübsche farbige Zeichnungen 
aus der Wachau (Dürnstein). Viel Bewunderung finden 
ErwinLangs Holzschnitte, teils Architekturen (Stephans- 
kirche, Naglergasse), teils Kompositionen zu Dantes Vita 
nuova. Marianne Seeland, ein noch junges Mäd- 
chen, stellt Biblische Szenen von großer Naivität der 
Empfindung aus. Gütersloh, Kokoschka und 
Schiele präsentieren sich in der gewohnten persön- 
lichen Eigenart. Sehr gute Blätter sind auch von 
Adolf Hölzel vorhanden, der sein starkes und kern- 
gesundes Temperament hier bestens zur Geltung bringt. 
Seine Kreide- und Bleistiftzeichnungen zeigen die Vor- 
züge seiner Graphik im hellsten Licht. Der Prager 
S t u r s a bringt Zeichnungen von so verwegener Art in 
der technischen Ausführung, daß wir uns deren Kritik 
erübrigen wollen. Harta beweist sein zeichnerisches 
Können durch vorzüglich ausgeführte Aktstudien. Seine 
Pariser Straßenszenen dagegen reichen schon mehr in 
das futuristische Gebiet hinüber. Auch von Lieber- 
mann, Lovis Corinth, Orlik, Slevogt sind 
Handzeichnungen, Radierungen, Steindrucke und Holz- 
schnitte zu sehen, die alle mehr oder minder in der 
diesen Künstlern persönlich liegenden Art ausgeführt 
sind, viel Geniales neben manchem Unverständlichen. 
Prächtige Blätter zeigen die Engländer Strang, 
Brangwyn und Holroy d, auch die Franzosen Addo 
Wuster, Kogan u.a. muten mit ihren Leistungen 
sympathisch an, dagegen streifen Gianattasio und 
Moritz Melzer schon zu sehr ins Kubistische. Von 
letzterem sieht man leider mehr als genug, für das aber 



38 



NEUE KELCHE. 



WETTBEWERB 



»unsere« Zeit mit ihren künstlerischen Anschauungen 
und Jer Schreiber dieser Zeilen noch nicht reif sind. 
Der reich illustrierte Katalog leitet in wirksamer Weise 
zum \'erständnis dieser so vielseitigen Ausstellung hin. 

Von Ausstellungen mehr lokaler Natur sei genannt 
die Sitten hildaussteUung im Arbeiter -Volks- 
heim, zur Förderung des Kunstverständnisses bei dem 
großen Publikum veranstaltet und äußerst reichhaltig 
beschickt. Dieselbe vereinigt in malerischen Meister- 
werken das gesamte gewaltige Schaffen vom 1 6. Jahr- 
hundert an bis auf unsere Tage. Das Leben der Zeiten 
ist hier in ewig gültigen Kunstwerken festgehahen und 
wie in einem Spiegel erschaut man das Leben und die 
Kunst von Jahrhunderten im Bilde. Bedeutende Sammler 
und die Salons der Reichen haben ihre Schätze der 
Ausstellung für deren Dauer in liberalster Weise zur 
Verfügung gestellt. Und welch ein Erfolg ! Man 
braucht sich nur unter das — besonders Sonn- und 
Feiertags — überaus zahlreiche und ebenso dankbare 
Publikum zu mischen, um sich davon zu überzeugen, 
wie groß bei allen Besuchern die Freude und das Inter- 
esse an den zur Schau gestellten Kunstwerken ist. Auch 
an der geübten Kritik kann man sich vielfach ergötzen. 
Wieviel gesunden Menschenverstand und wieviel ge- 
sundes Empfinden kann man da feststellen; ein Berufs- 
kritiker vermag da sogar viel Lehrreiches zu hören. 
Solche unentgelthchen Ausstellungen sind allen Groß- 
und Weltstädten zu wünschen. Für Wien dürfte dieses 
gemeinnützige Unternehmen verständiger Kunstfreunde 
bereits als dauernde Einrichtung gewonnen sein. 

Von Kollektiv-Ausstellungen seien kurz ge- 
nannt die sehr reichhaltige von Adolf Hölzel in der 
Galerie Miethke, bei Pisko Rega Kreid 1 — M e d o v i c — 
Tom von Dreger, im Österreichischen Kunstverein 
L u i s e M a .\ ■ E h 1 1 e r, in der Galerie Arnot P e n t e 1 e i 
Molnär; das dürfte für »einen« Herbst wohl mehr 
als genug sein. Möge neben dem künstlerischen Er- 
folg der finanzielle hinter den gehegten Hoffnungen 
und Erwartungen nicht zu weit zurückbleiben. 

Richard Riedl 



NEUE KELCHE. 



z 



u den vier auf Seite 236 — 239 abgebildeten neuen 
Kelchen geben wir im folgenden einige sachliche 
Bemerkungen. Der Kelch Seite 2 56 lehnt sich an spätgoti- 
sche Formen an; die Kuppa ist Silber, feuervergoldet, Fuß 
und Schaft sind Kupfer, ieuervergoldet. Der sechsteilige 
Fuß ist aus einem Stücke gehämmert. Sechs getriebene 
Relieffiguren: Christus, Maria und die vier Evangehsten 
schmücken ihn. Der Knauf ist ebenfalls handgetrieben 
und graviert. 

Auf der folgenden Seite sieht man einen modernen 
romanischen Kelch aus Silber, feuervergoldet. DerNodus 
hat die Form eines Kreuzes und ist mit feinziseliertem 
Ornament und zarter Goldfiligranarbeit auf weiß email- 
liertem Grund überzogen, ferner mit zwölf Steinen, vier 
Aquamarinen und acht Rubinen geschmückt. Die Kuppa 
ist getrieben, ebenso der Fuß, den eine Kreuzigungs- 
gruppe und Ornament schmückt. 

Ein zweiter, modern romanischer Kelch ist auf der 
nächsten Seite reproduziert. Fuß und Schaft bestehen 
aus Kupfer, die Schale aus Silber und das Ganze ist 
feuervergoldet. Am achtteiligen Fuß sind vier Engel- 
figuren angebracht: Gold auf dunkelblauem Emailgrund, 
die Nimben weißes Email. Zwischen den Figuren stehen 
ein weiß emailliertes Kreuz, das mit Steinen besetzt ist: 
einem grünen Turmalin und vier Amethysten, ferner 
drei Kreuze mit schwarzen Ornamentfüllungen- Die 
Bordüre oben am Hals ist ebenfalls schwarz emailliert. 
Der Knauf ist achtteilig in vier breitere und vier schmälere 
Felder zerlegt; die ersteren sind mit zartgegliedertem Orna- 



ment auf weißem Emailgrund, die letzteren mit .\methvsten 
in reichverzierter Fassung besetzt. Die Bünde sind hand- 
gefeilt, die obere Büchse ist ziseliert. 

Auf Seite 239 findet sich ein dritter modern romanischer 
Kelch. Er besteht aus feuervergoldetem Kupfer und 
Silber (Kuppa und Filigranteile). Am achtteiligen Fuß 
sind vier Bilder in Flachrelief angebracht, die nicht 
aufgesetzt, sondern aus dem Material herausgeschnitten 
sind. Sie stellen dar: Maria Empfängnis, Christi Geburt, 
Kreuzigung und Auferstehung. Die Ornamente und 
Heiligenscheine sind in der W'eise emailliert, daß das 
Ornament in Gold auf dunkelblauem bzw. weißem 
Grunde steht. Die Einfassungslinien sind schwarz, die 
Bordüre am Hals ist blau-weiß emailliert. Zwischen 
den Reliefs sind am Fuß vier blaulila Amethj'ste auf 
weiß emaillierter Verzierung angebracht. 

Dann folgen auf Seite 240 zwei silberne, feuervergoldete 
Patenen. Die Bilder sind graviert, aus dem Material 
herausgeschnitten. Sämtliche Kelche sind handgearbeitet. 



WETTBEWERB FÜR DIE AUSMALUNG 
EINER KRANKENANSTALTSKAPELLE 

ps ist beabsichtigt, die im Jahre 1912 erbaute Kapelle 

der vom Verein »Krankenfürsorge des III. Ordens 
in Bayern, e. V.« in München-Nymphenburg errichteten 
Krankenanstalt durch gemalten ornamentalen oder teil- 
weise auch etwas figurlichen Schmuck künstlerisch und 
würdevoll auszugestalten. Zur Erlangung von Entwür- 
fen hierfür schreibt die Deutsche Gesellschaft für christ- 
liche Kunst unter ihren Mitgliedern im Namen des Vor- 
standes der Krankenfürsorge des III. Ordens einen 
Wettbewerb aus. 

Die Kapelle enthält bereits einen von Professor Franz 
Rank entworfenen, in grauem Grundton gehaltenen 
Altar, welcher durch die Figur der hl. Elisabeth als Pa- 
tronin der Anstalt gekrönt ist. Ferner befinden sich in 
den vier Fenstern Glasbilder mit zwei Darstellungen der 
hl. Elisabeth und den Bildern des hl. .'\rnulf und des 
hl. Franziskus. Weiter ist beabsichtigt, an dem Schnitt- 
punkt der beiden Rundungen des Grundrisses, jedoch 
im Kirchenschiff', zu beiden Seiten des Hochahares die 
Figuren »Herz Jesu« und »Herz Maria« plastisch auf 
Konsolen anzubringen. An die Stelle des jetzigen Beicht- 
stuhles, der in den Vorraum der Kapelle verlegt wird, 
soll ein Marienaltärchen kommen; als Gegenstück auf 
der anderen Seite vielleicht ein kreuztragender Christus 
in Plastik. 

Zwei übereinanderliegende Emporen befinden sich 
an der Eingangsseite der Kapelle; ihre Vorderwände 
sind gleichfalls mit ornamentalem Schmuck zu bemalen. 
Auch der obere Querbalken am Übergang zur Apsis ist 
ornamental zu schmücken. Der ornamentale Wand- 
schmuck soll sich möglichst auf die untere Hälfte der 
Kirchenwand konzentrieren, während der über der neu 
anzubringenden Malerei befindliche Teil etwa in einem 
nicht zu kalten Weiß einen Kontrast zur unteren Farben- 
stimmung geben soll. 

Ein aus Hohlziegeln gefertigtes Kugelgew-ölbe über- 
deckt den Kirchenraum, in dem sechs Lüster und zwei 
Ewiglichtlampen hängen; durch eine Gewölbe-Laterne 
wird der Kapelle von oben etwas Licht zugeführt. Der 
Wandputz der Kirche ist gewöhnlicher Schweißkalk- 
mörtelputz, der bis jetzt noch mit keinem Farbüberzug 
behandelt wurde. 

Die malerische Ausschmückung soll wesentlich orna- 
mental gehalten sein und nicht viel Figürliches autweisen. 
Die Ideen derselben sollen sich auf den Zweck des 
Gebäudes beziehen; sie können nacli Beliehen verwertet 
werden. Um die Gewölbelaterne herum ist figürlicher 
Schmuck, Engel mit Spruchband oder dergl. erwünscht. 



VERMISCHTE NACHRICHTEN 



39 



Die Anwendung des Rosenmotivs in Anspielung auf das 
Rosenwunder der hl. Elisabeth liegt im freien Ermessen 
des Künstlers, dem es auch überlassen bleibt, ob in Höhe 
von 1,5 bis 2 m ein der Ornamentmalerei entsprechen- 
der Wandton angebracht werden soll. Vorschläge über 
Verkleidung der vier Heizl;örper sind erwünscht. 

Es dürfte sich empfehlen, daß die Teilnehmer am 
Wettbewerb von der Kapelle Augenschein nehmen. 

An Entwürfen in sl<izzenhafter Form sind einzurei- 
chen: I. Ansicht der Seitenwand im Maßstab i :20; 
2. Ansicht der Apsis im Maßstab i :20; 3. Ansicht der 
Rückwand im Maßstab 1:20; 4. Em farbiges Detail in 
natürlicher Größe im Umfang eines Quadratmeters. Die 
Unterlagen zu den verlangten Entwürfen bestehen aus 
drei Blättern, die in der Größe der zu fertigenden Skiz- 
zen gehalten sind. Sie werden von der Geschäftsstelle 
in München (Karlstraße 6) unentgeltlich abgegeben; 
das Porto für Zusendung ist von den Adressaten zu 
leisten. 

Für die gesamte Ausmalung steht ein Betrag von 
6000 M. zur Verfügung, wobei jedoch das Gerüst und 
das Tünchen des Raumes nicht mitinbegriffen sind. 

Es sollen fünf Projekte prämiiert werden, vier mit 
Geldpreisen und eines mit der Ausführung. Da das 
zur Ausführung kommende Projekt nicht sofort be- 
stimmt werden kann, wird die Anordnung getroffen, 
daß die prämiierten Entwürfe, welche dem lür die Aus- 
führung gewählten Entwürfe folgen, um einen Geld- 
preis vorrücken, sobald der Entwurf für die Ausführung 
bestimmt ist. Der I. Geldpreis beträgt 200 M.; der 

II. Geldpreis beträgt iSoM. ; der III. Geldpreis beträgt 
120 M.; der IV. Geldpreis beträgt 100 M. Dem Preis- 
gericht ist es vorbehalten, die Summe auch anders zu 
verteilen. Dem Entwürfe ist ein kurzer Erläuterungsbe- 
richt beizulegen, in welchem vom Verfasser bestätigt 
wird, daß er die Ausschmückung zu dem obengenannten 
Betrag übernehmen wird. Die prämiierten Entwürfe 
bleiben Eigentum der Verfasser. 

Das Preisgericht besteht aus den Juroren der Deut- 
schen Gesellschaft für christliche Kunst für 1914 und 
drei kooptierten Künstlern, sowie drei Vertretern der 
Vorstandschaft des Vereins: >Krankeahausfürsorge des 

III. Oi'dens in Bayern, e. V.«. Es gehören ihm demnach 
an: a) die Herren Architekt Franz Baumann in Mün- 
chen; Architekt Fritz Fuchsenberger, kgl. Professor in 
München; Bildhauer Hans Hemmesdorfer in München; 
Bildhauer Karl Ludwig Sand in München; Maler Franz 
Hofstötter in München; Maler Kaspar Schleibner, 
kgl. Professor in München; Pfarrer Bohner in Riß- 
tissen hei Ulm und Dr. Felix Mader, Konservator 
am Kgl. Generalkonservatorium in München; b) durch 
Kooptierung die Herren Architekt Franz Rank, kgl. Pro- 
fessor in München; Maler Hans Heider in München und 
Maler Karl ThroU in München; c) als Vertreter der 
Krankenfürsorge-Vorstandschaft die Herren: P. Canisius, 
O. M. Cap., Vorstand; Überarzt Dr. Karl Schindler und 
Rentner Emil Seidl. Ersatzmänner sind die Herren Ar- 
chhekt Hans Schurr; Bildhauer Thomas Buscher, kgl. 
Professor; M:iler Franz Reiter. 

Die Entwüfe sind bis zum 2. Juni 1914, abends 7 Uhr, 
bei der Vorstandschaft der Deutschen Gesellschaft für 
christliche Kunst in München, Karlstraße 6, einzureichen. 
Sie sind mit einem Kennwort zu versehen und es ist 
ihnen in einem verschlossenen Kuvert, welches das gleiche 
Kennwort tragen muß, Name und Adresse des Urhebers 
beizufügen. Die Ein- und Rücksendung der Entwürfe 
erfolgt auf Kosten und Gefahr der Einsender. Es ist 
beabsichtigt, sämtliche Entwürfe etwa 14 Tage lang in 
einem noch zu bestimmenden Lokale in München öffent- 
lich auszustellen. Die Entwürfe, welche drei Wochen 
nach Schluß der Ausstellung nicht abgeholt sind, werden 
den Konkurrenten auf ihre Kosten zugesandt. Um zu 



den Adressen zu gelangen, werden nach diesem Ter- 
mine die Kuverts geöffnet. 

Reklamationen können bis zum 20. Juli Berücksich- 
tigung finden. 



VERMISCHTE NACHRICHTEN 

Architekt Hans Schurr begeht am 28. Mai seinen 
SO. Geburtstag. Im vorigen Jahre widmete ihm die 
Zeitschrift »Der Profanbau« eine ausführliche Würdigung. 
Eine kurze Zusammenstellung seiner Wirksamkeit als 
Kirchenbaumeister brachten wir im vorigen Jahrgang 
Seite 170. Wir werden unsere Leser mit seinem Lebens- 
werk noch genau bekannt machen. 

Bamberg, 7. April 1914. Das Grabmal für den 
hochseligen Erzbischof Dr. v. Abert, das nunmehr fertig- 
gestellt ist, zeigt den Kirchenlürsten in etwas über 
Lebensgröße. Es wurde aus rotem Marmor von Prof. 
Balthasar Schmitt-München hergestellt. In Mün- 
chen war es im Kunstverein zur Besichtigung ausge- 
stellt. Die Enthüllung findet im Dome zu Bamberg 
am 23. April, dem Todestage des hochseHgen Kirchen- 
fürsten, nach einem Requiem statt. 

Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst. 
Die Jahresmappe für das laufende Jahr ist zusammen- 
gestellt und ihre Herstellung in Angrifl genommen. 
Die Ankäufe für die Verlosung des Jahres 191 5 sind 
nunmehr abgeschlossen. 

Wettbewerb. Das Ergebnis des vom bayerischen Ver- 
ein für Volkskunst und Volkskunde unter reichsdeutschen 
Künstlern ausgeschriebenen ^\■ettbewerbs zur Erlangung 
von Entwürfen für Paraniente war folgendes: Es erhielt 
je einen i. Preis mit 300 M. der Entwurf mit dem Motto 
»Weihnacht«, Verfasser Herr Ulrich Deubler, München, 
der Entwurf mit dem Motto >St. Ottilien«, Verfasserin Fräu- 
lein Philippine Schmidt, München, der Entwurf mit dem 
Motto >Zeit<, Verfasser Herr W. Kerschensteiner, Mün- 
chen, einen 2. Preis mit 200 M. enthielt der Entwurf mit 
dem Motto »Wettbewerb«, Verfasser Herr Konrad Joch- 
herm, Offenbach a. M. Angekauft wurden mit je 100 M. 
der Entwurf mit dem Motto iSt. Peter«, Verfasserin Fräu- 
lein CilH Buscher, München, der Entwurf mit dem Motto 
• Köln«, ^'erfasserin Fräulein Julie Sanorius, München, 
der Entwurf mit dem Motto »Frisch«, Verfasserin Fräu- 
lein Susi Reichart, München, der Entwurf mit dem Motto 
»Deutschland«, Verfasserin Philippine Schmidt, München. 

Deutsche Werkbund-Ausstellung Köln 19 14! 
Laut Mitteilung des Stadtverordneten Christian Meyer 
hierselbst vom 11. März 1914 hält die \'ereinigung der 
Deutschen Wohnungskunst ihre Sitzung in diesem Som- 
mer in Köln ab. 

Maler Hubert Herkomer starb am 51. März. 
Er war am 26. Mai 1849 in Waal bei Landsberg (Bayern) 
geboren, kam früh nach Amerika und England, hielt 
sich später einige Zeit in München auf und ließ sich 
dann dauernd in England nieder. 

Deutsche Werkbund-Ausstellung Köln 1914. 
In dem von der Beerdigungsanstalt Pietät, Inhaber 
Medard Kuckelkorn, Köln, auf Veranlassung der 
Deutschen Werkbund-Ausstellung Köln 1914 
ausgeschriebenen Wettbewerb zur Erlangung von Ent- 
würfen für Särge, hat nunmehr das Preisgericht folgen- 
dermassen entschieden : In Gruppe i : (einfache billige 
Särge) I. Preis (M. 130.—) Motto: »Blumenkranz« 
Wilhelm Zapf, Zeichner, Freiburg i. B. ; IL Preis 



40 



VERMISCHTE NACHRICHTEN 



(M. 100.—) Motto: >Cyptessenzweig« Paul Buhrow- 
Berlin; III. Preis (M. 50.—) Motto: »Ganz einfach« 
Haos Bohnen-Berlin. — In Gruppe 2 (reichere Särge) 
I. Preis (M. ijO-— ) Motto: »Blau« und II. Preis 
(M. 100. — ) Motto: »Bischof«, Kör n er- Bü hler-Stutt- 
gart; III. Preis (M. 50.—) Motto: D. W. B. Basse- 
ches- Bugwar t-Düsseldorf. — In Gruppe 3: (sehr 
reiche Särge) I. Preis (M. 200. — ) Motto: »Schwarz 
Gold« Willy Wie felspütz - Iserlohn ; II. Preis 
(M. 150. — )Motto: »Letztes Haus« Anton HayerBerlin- 
Mariendorf; III. Preis: (M. 75.—) Motto: >Ora pro 
nobis« Professor M er z-Neff- Karlsruhe. — Ausserdem 
wurden angekauft: In der i Gruppe: 9 Entwürfe; in 
der 2. Gruppe: 5 Entwürfe; und in der 3. Gruppe: 
I Entwurf. 

Feldkirch-Vorarlberg. Vom 13. bis 17. Juli 1914 
wird hier ein Instruktionskurs für kirchliche Kunst statt- 
finden. Geplant war er bereits im Herbste 1913. Es er- 
hoben sich jedoch ungeahnte Schwierigkeiten, die den 
Kurs überhaupt in Frage stelhen und deren Beseitigung 
herbe Mühe und geraume Zeit in Anspruch nahm. Nun- 
mehr ist der Kurs gesicliert. Veranstaher des Kurses 
ist der »Verein für christliche Kuns< und Wissenschaft 
in Vorarlberg«. Als Leiter zeichnet S. bischöfliche 
Gnaden Herr Dr. Sigmund Waitz, AVeihbischof in 
Feldkirch. Als Redner können heute schon genannt 
werden : Dr. Heinrich Swoboda, L'niversitätsprofessor 
in Wien; Dr. Jos, Weingartner, Zentralkommissions- 
sekretär in Innsbruck; Pfairer Jos. Grabherr in Satteins. 
Programm folgt. 

Das Adalbert- Stifter-Denkmal in Wien. In 
nächser Nähe des Kahlenberges und der übrigen Aus- 
läufer des Wiener Waldes, inmitten alter herrlicher 
Bäume und blühender Gartenanlagen, im weitgedehnten 
Türkenschanzpark mit seinen verschlungenen Wegen 
und Pfaden, wird sich in Kürze ein Denkmal für einen 
Poeten erheben, dessen Verse und Schilderungen fast 
ausschliel31ich der Schönheit und Unberührtheit der vom 
großen Verkehr abseits gelegenen, wenig gekannten 
Gegenden des südlichen Böhmerwaldes gewidmet waren, 
für Adalbert Stifter. Das lebenswahr gehahene 
Denkmal ist eine Schöpfung des Wiener akademischen 
Bildhauers Karl Philipp, dessen Entwurf in der Preis- 
konkurrenz unter 75 Bewerbern mit dem ersten Preise 
bedacht und zur Ausführung bestimmt wurde. Das 
Denkmal ist in Bronze ausgeführt und zeigt den Dichter 
in überraschender Porträtähnlichkeit auf einem Spazier- 
gang in den geliebten Bergen; in der Rechten hält er 
seine Mütze, während die Linke auf einem derben Stock 
gestüzt ist. Die Figur steht auf einem felsigen LTnter- 
bau, der ein reizvolles Relief und den Namen des Dich- 
ters enthält. In dem Ganzen verrät sich eine hohe Auf- 
fassung der Form und ein geistreiches Hinarbeiten auf 
den gewollten Eindruck, das dem Künstler im weitesten 
Umfange gelungen ist. R. 

Ein Österreichischer Meisterpreis für 
bildende Künstler. Den bildenden Künstlern 
Österreichs und auch denen außerhalb seiner Grenzen 
ist eine erfreuliche Überraschung zuteil geworden. Seit 
längerer Zeit schon ist ein Kreis rühriger Männer, dem 
vornehmlich bildende Künstler angehören, eifrig an der 
Arbeit, eine Anregung, die anläßlich des 50 jährigen 
Jubiläums der Wiener Künstlergenossenschaft gegeben 
wurde, zu verwirklichen. Damals hat ein warmer 
Freund des Künstlerhauses, der seitdem verstorbene 
Verlagsbuchhändler Max Herzig, den Antrag gestellt, 



anLißlich des Jubiläums der Genossenschaft eine Jubi- 
läumsstiftung für hervorragende Leistungen auf dem 
Gebiete der bildenden Kunst zu schaffen. Die An- 
regung fiel auf guten Boden und aus dem Jubiläums- 
Preise, der anfangs viel bescheidener gedacht war, ist 
eine Art Nobelpreis für bildende Künstler 
geworden. Nunmehr ist die Sache spruchreif geworden. 
Es geschah dies in einer Sitzung des Aktionskomitees, 
an dessen Spitze überbaurat Ludwig Baumann und der 
Vorstand der Künstlergenossenschaft, Professor Darnaut 
stellen. Es ist im Prinzip beschlossen worden, einen 
Preis zu vergeben, der den Namen »Österreichischer 
Meisterpreis« führen und 50 000 Kronen betragen 
wird. Der »Österreichische Meisterpreis« soll alle 
zwei bis drei Jahre vergeben werden und zum 
Teil internationalen Charakter haben. Der Preis 
soll abwechselnd an einen österreichischen 
und an einen ausländischen Künstler vergeben 
werden. Der Österreichische Meisterpreis ist die größte 
Prämie, die überhaupt je ausgesetzt wurde. In Rom 
wurde allerdings ein Preis von 100 000 Lire gestiftet. 
Dieser Preis wurde aber geteilt und nur ein einziges Mal 
vergeben, während hier in Österreich eine Stiftung ge- 
schahen wird, deren Zinsenerträgnis die kom.petenten 
Faktoren jedes zv.-eite oder dritte Jahr in die Lage ver- 
setzen wird, die namhaftesten Künstler auszuzeichnen. 
Die Erben Max Herzigs haben der Künsilergenossen- 
schaft für die österreichische Meisterpreis- Stiftung 
80 000 Kronen gewidmet. Diese Summe hat sich durch 
weitere Spenden bereits mehr als verdoppelt. Man 
wird nunmehr die Vergrößerung der Stiftung anstrebtn 
und hofft, bereits in zwei Jahren den Preis zum 
erstenmal einem österreichischen Maler, Bildhauer 
oder Architekten verleihen zu können. Die Genossen- 
schaft bildender Künstler Wiens, in deren Hand die 
Verwaltung des Fonds liegen dürfte, wird die Aus- 
stellungen veranstalten, deren Teilnehmer sich um den 
Meisterpreis bewerben. Es ist zu hoffen, daß die Re- 
gierung, das Land und die Stadt die verdienstvolle 
Stiftung kräftig fördern werden, damit bereits im Jahre 
1 9 1 5 sich der erste Preis zu einer willkommenen 
Weihnachtsgabe gestatte. R. 

Bildhauer Franz Drexler schuf für Schleißheim 
bei München ein Denkmal des Prinzregenten Luitpold 
von Bayern, das aus Spenden der Ortsbewohner er- 
richtet wurde. Auf einem Unterbau steht eine von 
zwei Amoretten gehaltene Platte mit dem Relief des 
Regenten. Das Denkmal besteht aus Kelheimer Sandstein. 



MEHRERE WETTBEWERBE 

werden demnächst von der Deutschen Gesellschaft für 
chi istliche Kunst durchgeführt. Das Ausschreiben, wel- 
ches sich auf die Ausmalung der Krankenanstalts- 
kapelle in Nymphenburg bezieht, konnten wir vor- 
stellend (S. 38 der Beil.) veröfi'entlichen. In Vorberei- 
tung ist ein Architekturwettbewerb. Dem Ab- 
scliluß nahen sich die Vorberatungen über einen Wett- 
bewerb zur Erlangung von Entwürfen für eine reichere 
Monstranz, der unseren Goldschmieden Anregungen 
geben und dem Klerus praktisch dienen soll. Ferner 
ist ein Wettbewerb zur Erlangung von Grabmalent- 
würfen in bestimmte Aussicht genommen. Dieser 
wird sich an den Wettbewerb von 1905 für billige 
Grabmäler ergänzend anschließen und reichere Monu- 
mente ins Auge fassen. 



Für die Redaktion verantwortlich: S. Staudhamer (Promenadeplau 3); Verlag der Gesellschaft für christliche Kunst, G. ra. b. H. 
Druck von F. Bruckmann A. G. — Süratliche in München. 




Leonliard Thoma (München) 



Der ijöttliche Sämann 



Gemalt 1911. — Cm-I Aug. Spyfiie.l & Coiiii... .Mi.iii-Iieii. 




LEON'H. THOMA 



THRONENDER CHRISTUS 



Karton von iSqg 



LEONHARD THOMA 

Zum fünfzigsten Geburtstage des Künstlers 
Von Dr. RICH. HOFFMANN, Kgl. Konservator am Generalkonservatorium in München 



Cs hat immer einen ganz besonderen Reiz, 
^ die Anfänge, die keimhafte Entwicklung, 
den weiteren Fortschritt, die Reife eines Künst- 
lers an der Hand seiner Werke, die sorgfäl- 
tig ausgewählt als einheitlich geschlossenes 
Bild seines Schaffens vor uns reproduziert 
liegen, bequem verfolgen zu können. Die 
Betrachtung der einzelnen Schöpfungen läßt 
ein förmliches Miterleben des künstlerischen 
Werdegangs zu. Spiegeln sich doch in den 
Werken eines jeden Künstlers auch die je- 
weiligen Verhältnisse seines Lebens wider; 
sprechen doch die Art und Weise der Auffas- 
sung, der Technik, die Wahl der Vorwürfe 
und Themen weit deutlicher als noch so ein- 
gehend verfaßte Monographien! Da sind z.B. 
Schöpfungen der Frühzeit, die in ihrer Herb- 
heit eine Zeit des Darbens, des mühesamen 
Kampfes um das tägliche Brot trefflich wie- 
dergeben, daneben wiederum Arbeiten einer 
Periode der Gärung, einer Epoche des Ringens 
nach Vervollkommnung — Momente, welche 
die Kunst des betreffenden Meisters nur um so 
anziehender machen, dann Werke von wohl- 



tuender Reife, charakteristisch für eine Zeit 
im Leben des Künstlers, da er bereits in ge- 
ordnetere Bahnen einlenkte, da es ihm ver- 
gönnt war, in äußerem Wohlstand und im stol- 
zen Vertrauen auf seinen Genius tätig zu sein. 
Nicht verschlossen, nicht fremd und rätsel- 
haft soll eines Künstlers Art sein, vielmehr 
wie ein offenes Buch aufgeschlagen sich dar- 
bieten, in dem ein jeder lesen und forschen, 
in dessen reichen Inhalt er sich vertiefen 
kann, wie ein Buch, das zur Belehrung, zur 
Erbauung dient, das edle Gefühl in den Men- 
schenherzen auslöst. Im Wirken eines echten 
Künstlers richten sich unsere Blicke hin zu 
Gott, der in seiner Güte den Menschen die 
schöne Gabe der Kunst verliehen hat. Was 
wäre das Leben ohne Kunst? Was wäre vor 
allem auch das religiöse Leben ohne die 
Kunst, die eben die Religion im Menschen 
fördert und kräftigt? Und so durchweht denn 
auch das Leben des gottbegnadeten Künstlers 
der Odem Gottes! Es ist ein hoherGenuß,sichin 
die Tätigkeit eines Künstlers von ihrem Anfang 
an bis in die letzte Zeit hinein zu vertiefen. 



Die christliche Kunst. X. 9. i. Juni 1914. 



-58 



6S^ LEONHARD THOMA e^ 



Dankbaren Herzens 
sehen wir in der nun 
folgenden Vorführung 
einer großen Anzahl 
von Werken aus der 
reichen produktivenTä- 
tigkeit eines Münche- 
ner Meisters die Mög- 
Hchkeit eines Genusses 
in eben geschilderter 
Weise vor uns sich 
auftun. 

Leonhard Thema ist 
am Dreikönigstage des 
Jahres 1864 zu Fischach 
bei Augsburg geboren, 
vollendete also im heu- 
rigen Jahr seui 50. Le- 
bensjahr. Er besuchte 
zu Fischach die Volks- 
schule unter einem vor- 
züglichen Lehrer und 
erhielt auch sehr viel 
Anregung in einem 
äußerst instruktiven Re- 
ligionsunterricht. Den ersten Anstoß zu sei- 
nem künstlerischen Beruf erhielt Thoma, als 
die heimatliche Kirche einer gründlichen Re- 
staurierung unterzogen wurde. Ist diese Re- 
staurierung auch nach den heutigen Anschau- 
ungen eine verunglückte zu nennen, der große 
umfangreiche Apparat der Umgestaltungsar- 
beiten, die für den kleinen Ort ein Ereignis 
bedeuteten, übte doch damals einen starken 
Einfluß auf das jugendliche Gemüt unseres 
Künstlers aus. Ganz besonders aber waren 




Bleisti/tzeich n uiig 



es die herrlichen Dek- 
kentresken von Kuen 
von Weißenhorn (um 
1755) und die Altarbil- 
der von Hunderpfund 
(100 «, wie dieser Ma- 
ler signierte), die den 
Knaben interessierten. 
Außerdem dürfte ein 
Teil seiner Neigung 
zur Kunst auf Verer- 
bung entfallen, da der 
Vater Thomas sich in 
seinen Mußestunden 
viel mit Krippenbau 
und dergleichen be- 
schäftigte. Auch in dem 
^'ater des Künstlers 
steckte Künstlerblut; 
darum wollte er in sei- 
ner Jugend Bildhauer 
werden; durch die Ver- 
hältnisse jedoch ge- 
zwungen, mußte er als 
einziger Sohn das er- 
erbte t")konomiean\vesen übernehmen. 

Bereits in seinem 12. Lebensjahre verlor 
Leonhard seine Mutter. Der Tod der guten 
Frau bedeutete im Leben des Meisters einen 
herben Verlust, der bis in das reifere Alter 
hinein sich schwer fühlbar machte und zum 
Teil sogar lähmend auf die Entwicklungs- 
kraft des strebsamen Knaben und heranwach- 
senden Jünglings einwirkte. Wie vielen, er- 
ging es auch Leonhard in jenen Tagen : Er 
konnte nicht dem Zuge seines Herzens ent- 



STCDIENKOPF 




LEONHARD THOMA DER ERSCHLAGENE ABEL 

Tonbild in Kasein/arben. Gern. iSgj- — Text S. zöo 



^ LEONHARD THOMA E^ 



259 





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L. THOMA 

Karton zu einem Deckenbild in 



sprechend so- 
gleich die Stu- 
dienlaufbahn 
eines Kunst- 
malers be- 
schreiten, son- 
dern war ge- 
zwungen, zu 
einem Deko- 
rationsmaler 
in die Lehre 
zu gehen. Hier 
arbeitete er 
eine Zeitlang 
als Gehilfe, zu- 
meist bei Kir- 
chenrestaura- 
tionen, bis zu 
seiner Militär- 
zeit. Hernach 
erst war es 
ihm vergönnt, 
ernsthaft dem Studium zu obliegen. 

Nachdem Thoma noch vorübergehend im 
Sommer des Jahres 1886 in Kloster Seckau 
(Steiermark) und dann in Wien dekorativ tätig 
war, machte er im Herbste desselben Jahres 
die Prüfung für die Antikenklasse an der 
Münchener Akademie und war an der Aka- 
demie das Wintersemester hindurch. Bald dar- 
auf waren jedoch seine Mittel, die er sich 
durch die Auslandsarbeiten im vergangenen 
Jahre erworben hatte, erschöpft, und er sah 
sich genötigt, das Studium an der hohen 
Schule zu verlassen, um abermals zu ver- 
dienen. Freilich betrieb der strebsame Jüng- 
ling nebenbei 
immer Privat- 
studien, be- 
suchte sogar 
ein paar Privat- 
schulen, so 
zwei Jahre die 
AzbeSchule. 
Inzwischen 
half Leonhard 
verschiedent- 
lich bei Dek- 
kengemälden 
in Kirchen und 
bei Restaurie- 
rungen alter 
Fresken mit, 
malte auch 
Kreuzwegko- 
pien für karg 
heben ~ 
lohn, 



1890 die eben 
fertiggestellte 

Hauskapelle in 
Ursberg als 
ersten größe- 
ren selbstän- 
digen Auftrag 
zur Ausma- 
lung erhielt. 

1891 hatte er 
für dort einen 
Kreuzweg und 
für Krumbad 
drei Altarbil- 
der zu malen. 
Erst nach die- 
sen Arbeiten 
gelang es un- 
serem Künst- 
ler (1893) ein 



geordnetes. 



Tag- 
bis 



er 



L. THOM.\ 

Karton zu einem Deckenbild in 



hVAKGELIST LUKAS 
Arth (Sch-weizJ. — Text S. 260 

akademisches 
Studium wieder aufzunehmen und fortzu- 
setzen. Zwei Jahre besuchte er die Malklasse 
bei Professor Otto Seitz und vier Jahre die 
Komponierschule Liezen-Mayer. Leonhard 
Thoma konnte sich eine so lange Studien- 
zeit nur auf die Weise leisten, daß er wäh- 
rend der Sommermonate immer seine ihm 
zuteil gewordenen Aufträge ausführte, ver- 
möge welcher er allmählich in ein besseres 
Fahrwasser gelangte. Freilich war unserem 
Meister gerade der Umstand, daß er während 
seiner Studienzeit an der Akademie das zum 
Studium nötige Geld durch Annahme von 
Aufträgen sich selbst verdiente, bei Bewer- 
bung um ein 
Stipendium 
hinderlich. 
Und wir kön- 
nen mit dem 
jungen Manne 
mitfühlen, wie 
schwer dieser 
Mangel jedwe- 
der Gönner- 
schaft und jeg- 
licher Förde- 
rung auf dem 
empfindsamen 

Künstlerge- 
müt lastete. 
Auf der ande- 
ren Seite konn- 
te unser Mei- 
ster mit Recht 
EVANGELIST JOHANNES uaraut stolz 
Arih (Schweiz). - Text s. ibo Sein, aus eige- 




26o 



^ LEONHARD THOMA esss 




LEONHARD THOMA 



MARIA HIMMELFAHRT 



Decketigemdlde in der Klosterkirche zu Fahr (Schweiz). In Kasein/itrbe gem. iSg'J. — Text itnien 



ner Kr;ik sein Ziel, ein Künstler zu werden, 
erreicht zu haben. 

Seiner guten Erziehung ist es zu danken, 
daß Thoma sich als Feld seiner Tätigkeit die 
kirchliche Kunst erwählte. Ihr galt seine volle 
Begeisterung. Nach Vollendung seiner Aka- 
demiestudien eröffnete sich für unseren Meister 
eine lückenlose, sehr produktive Tätigkeit; 
jedes Jahr brachte neue Schöpfungen. 

Schon die Arbeiten der Frühzeit atmen ein 
gewisses Gefestigtsein im künstlerischen Kön- 
nen. Als Hauptgrund hietür mag wohl ange- 
nommen werden dürfen, daß Thoma erst in 
verhältnismäßig schon fortgeschritteneren 
Jahren seine akademische Studienlaufbahn 
beschließen und infolge davon auch ziemlich 
spät die ohne Unterbrechung sich vollziehende 
Laufbahn des Kunstmalers beschreiten konnte. 

Die bereits 1895 als Tonbild gemalte Dar- 
stellung »Adam und Eva vor Abels Leiche« be- 
findet sich in der Serie von Gemälden, die 
der junge Künstler die beiden Sonmier 1895 
und 1896 hindurch im Verein mit Fritz Kunz 



für die Pfarrkirche in Arth in der Schweiz 
fertigte (Abb. S. 258 und 259)- Hier, wie noch 
mehr ersichtlich an den Kompositionen in 
der Kirche zu Fahr, »Maria Himmelfahrt« 
(Abb. oben) und »Auferstehung. (Abb.S.261), 
tritt uns klar vor Augen jene Stilauffassung, wel- 
cher unserKünstler in seinem ganzen Schaffen 
zumeist treu geblieben ist, nämlich eine freie 
und selbständige Anlehnung an die flotte und 
wirkungsvolle Manier des Barock und Rokoko. 
Die umfangreiche Tätigkeit Thomas als begin- 
nender Dreißiger in der Art her Pfarrkirche 
liefert einen sprechenden Beweis dafür, daß der 
Meister eine tüchtige Schule durchgemacht hat. 
Die vielen Deckenbilder — von zirka 40 malte 
Thoma 24 — zeigen eine gewisse Reife. Wir 
gehen kaum irre, wenn wir uns diese Reife 
daraus erklären, daß eben unser Meister neben 
dem rein akademischen Studium an der Hoch- 
schule immer auch praktisch bei den Aufträgen 
tätig war. Die Not, die ihn zwang, Aufträge 
zu übernehmen, kam ihm jetzt zugute; er 
konnte die theoretische Bildung, die er durch 



26l 



LEOXHARD THOMA 




AUFERSIEHUKG 




DECKENGEMÄLDE 



KLOSTERKIRCHE 
ZU FAHR (SCHWEIZ) 



Gemalt in Kascin/arhen lSg7, — Text S, zöo 



262 



LEOXHARD THOMA 



m ir:. 




LEOXHARD THOMA 



MARIA HEIMSUCHUNG 



Deckeiiiild in der Pfarrkirche zu Altenüadt bei Xcuüadt. Gew. iSgS. — Text S. söj 



die unbedingt notwendigen Studien an der Aka- 
demie sich erwarb, mit seiner praktisclien Er- 
fahrung und Routine verbinden. So gingen 
z. B. die Restaurierungsarbeiten der Deckenbil- 
der in der Klosterkirche zu We tt e n h ause n 
sicherlich als eine gute Übungsarbeit voraus. 
Für die Technik ist bemerkenswert, daß bei 
den Arther Gemälden der Künstler, der 
bisher mit selbstgemachter Tempera arbei- 
tete, zum ersten Male mit Gerhardtschen Kasein- 
farben malte. Die beiden großen Komposi- 
tionen in der Benediktinerklosterkirche Fahr 
in der Schweiz, Auferstehung und Maria Him- 
melfahrt, die uns in Bildern vorgeführt sind, 
führte Thoma neben einem dritten Decken- 
bilde — »derpsallierende David ■: — im Auftrage 
des berühmten Benediktinerstittes Ein sied ein 
in Kaseinfarben 1897 aus. Unmittelbar vorher 
ging die ehrenvolle \'erwendung des Meisters 



zur Beihilte an dem großen Kuppelfresko im öst- 
lichen Treppenhause des neuen Münchener 
Justizpalastes voraus, welche Malerei dem 
bekannten Professor Kolmsperger übertragen 
worden ist. Die Schulung durch diese Arbeit 
wirkt auch bei den Bildern der Fahrer Klo- 
sterkirche nach. Denn diese Deckenbilder 
verraten tüchtiges Studium der hohen Quali- 
täten, welche die Kunst des 18. Jahrhunderts 
im Komponieren und im geschickten ^'erteilen 
von Gruppen innerhalb der großen Gewölbe- 
flachen auszeichnen. Dabei bleibt aber der 
Meister in der Durchführung der Details 
selbständig und bewahrt auch bei lebendiger 
Darstellungsweise eine gewisse maßvolle Art, 
die bei neuschatTender Kunst unsere Zeit weit 
mehr anspricht als ein zu enger Anschluß 
an die eine bereits vergangene Periode cha- 
rakterisierende Barock- und Rokokokunst. 



e^ LEONHARD THOMA ©^ 



263 



Gerade deshalb behaupten 
sich auch die Bilder der 
Klosterkirche zu Fahr als 
Werke der Gegenwarts- 
kunst, als tüchtige Erzeug- 
nisse der kirchlichenKun st 
nach Auffassung der heu- 
tigen Zeit. 

Schon im Jahre 1896 
wurdeThoma Mitglied der 
Deutschen Gesellschaft 
für christliche Kunst. 
Durch Vermittlung dieser 
Gesellschaft fertigte er 
1898 eine Folge von Dek- 
kengemälden für die Kir- 
che bei Neustadt a. d. 
WN. (Oberpfalz). Die 
baulich interessante Kir- 
che, deren Langhaus noch 
in die romanische Zeit zu- 
rückreicht und deren Chor 
mit Turm kraftvolle Bau- 
ten der spätesten Gotik 
sind, hat in den Decken- 
bildern Thomas eine wert- 
volle Bereicherung der 
Gegenwartskunst erlangt. 
Die Bilder sind zwar im 
Geiste der spätbarocken 
Deckenfresken mit ihren 
virtuosen \'erkürzungen 
undPerspektiven gehalten 
(so Maria Heimsuchung, 
Abb. S. 262), im einzelnen 
jedoch frei durchgeführt. 

Der Hochaltar der go- 
tischen Kirche in Krug- 
zell im Algäu (1899 ge- 
malt) führt uns den Künst- 
ler aus seinem Wirken 
als flotten Fertiger großer 
Kompositionen heraus in 
eine andere Seite seines 
Könnens. Die gotische 
Flügelaltaranlage bietet 
weites Feld für Malerei. 
Als Hauptbild ist die Dar- 
stellung des Pfingstfestes 
(Abb. nebenan), als Flügel- 
bilder »Herz Jesu und 
Marg. Alacoque ; sowie 
»Christus erscheint der 
hl. Magdalena« gewählt. 
Frische der Farben und 
treffliche Komposition 
kennzeichnen die Arbei- 
ten. Die Gruppe der 



Verlag 

F. Pwitet 

Rt'geus- 

bürg 



Text 
nebenan 




LEONHARD THOMA (MÜNCHEN) 

Altarbild ht Krugzeil (Algäu). Gem. tSgg 



PFINGSTFEST 



264 



^3 LEONHARD THOMA e^ 



'"^ f jÄ ^ 




-*«■ 



ST. GEORG TÖTET DEN DRACHEN 

Ckorbogenbild von Lcotihard Thema in Kentnai (Schzvabfn)' 

Gemalt iqoi. — Texl 5. 2ö6 




Apostel ist besonders lebendig erfaßt; das 
hl. Feuer der Begeisterung, das durch die Aus- 
gießung des Hl. Geistes auf die zwölf Glau- 
bensboten in Gestalt feuriger Zungen herab- 
kam und alle durchglühte, ist packend je nach 
den verschiedenen Temperamenten der ein- 
zelnen zum Ausdruck gelangt und in wir- 
kungsvollsten Gegensatz gesetzt zu der erha- 
benen inmitten der Gruppe thronenden Gottes- 
mutter. So lebendig die ganze Komposition 



ist, ihr sind doch Zügel angelegt, so daß ein 
tiefer innerlicher Zug durch die Szene geht, 
fern von aller Effekthascherei und bloßer 
Äußerlichkeit, eine wahre Feierstimmung. 

Das gleiche Jahr (1899) brachte dem Künst- 
ler eine neue Aufgabe, die teilweise Aus- 
schmückung der neuromanischen Kirche in 
Steinekirch, Pfarrei Wald in Schwaben : Als 
Deckenbild »Hl. Cäcilie« (Abb. unten), ferner 
»Th ronen der Christus« (Abb. S. 2 5 7) und die vier 




LEONHARD THOMA ^ — JT -jff^S:-»-^ HL. CACILIA 

Karion zu einem Deckenbilii Jar Steinekirch bei Wald. Gemalt i Sqq. — Text oben 



265 




Deckeitbild in Oberbaar 
Gemalt igot.— Tcxt S.266 



s^ LEONHARD THOMA w 

MARTYRIUM DES HL. LAURENTIUS 



Die christliche Kunst. X. 9. 



266 



LEON H ARD THOMA 




LEONH. THOMA CHRISTI HIMMELFAHRT 

Öhkizze von igog /iir ein Deckenhild der atien Friedhof kapelle 

in Dillingen 

Text S. nr' 



Evangelisten. Wirsfnd dem Künstler dank- 
bar, daß er durch diese gut durchgeführte 
Themen Wärme und auch künstlerische 
Belebung in einen Raum getragen, der 
seiner ziemlich schalen architektonischen 
Durchbildung nach dringend mehr künst- 
lerisch anmutender Akzente bedarf. 

In den folgenden Jahren zu Beginn 
des 20. Jahrhunderts sehen wir den Mei- 
ster mit großen Aufträgen beschäftigt. 
Neben Neuschöpfungen liefen Restaurie- 
rungsarbeiten an alten Fresken ein, so 
1900 und 1901 Renovierung der Ge- 
mälde im Mittelschiff und im Chor 
bei St. Moritz in Augsburg, 1902 die 
Restaurierung der zarten in zierlichem 
Stuck eingelassenen Dekorationsbilder im 
Domkreuzgang zu Freising (Staatsauf- 
trag). Als neue Werke, die in diesen 
Jahren entstanden, sind zu nennen das 
Deckenbild St. Bonifatius in Böhmfeld 
bei Eichstätt(i90i), dann die Deckenbilder 
für die Kirche in Dettenschwang (1901). 
Im gleichen Jahre fertigte der Künstler 
für die Kirche in Oberbaar ein Decken- 
bild, das Martyrium des hl. Laurentius 
(Abb. S. 265). Auch diese Komposition 
vereinigt alle jene Vorzüge, die kolo- 
ristisch und kompositioneil der Malweise 
unseres Meisters anhaften. Die nun fol- 
gende Zeit gibt einen Einblick in die 
Schaffenskraft und Schaffensfreudigkeit 
Thomas. So entstanden noch 1902 die 
Bilder zur Ausschmückung der Kirche in 
Kemnat in Schwaben, im lieblichen 
Mindeltal gelegen: Im Chor Anbetung 
des Allerheiligsten, im Schiffe hl. Abend- 
mahl, Brotvermehrung und die vier Evan- 
gelisten. Das den Chorbogen zierende 
Bild — St. Georg im Kampfe mit dem 
Drachen — führt unser Heft vor (S.264). 
Wie in so manch anderen Fällen fiel auch 
hier Thoma die Aufgabe zu, den Innen- 
raum einer architektonisch nach den heu- 
tigen Anschauungen nicht mehr befrie- 
digenden Kirche auszumalen. Mit Ge- 
schick löste er die Aufgabe, so daß jetzt 
ausschließlich in den Deckengemälden die 
Bedeutung des Interieurs liegt. 

In der Folgezeit war vor allem die Hei- 
mat Thomas, nämlich Schwaben, der 
Hauptwirkungskreis. Neuschöpfungen lö- 
sten Restaurierungsarbeiten an alten Fres- 
ken ab. 1903 schuf unser Künstler neue 
Deckenbilder für Oberroth aus dem 
Leben des hl. Stephanus, sowie ein Altar- 
bild (1904), die Kreuzigung. Im gleichen 
Jahre Restaurierung der Bilder in Rott 



267 




L 






LEONHARD THOMA DER HL. LAURENTIUS ZEIGT DIE SCHÄTZE DER KIRCHE 

Deckenbild in der Pfarrkirche in Heidcn/eld bei Schwein/ urt. — Gemalt igo6. — Text S. 268 



34- 



268 



LEONHARD THOMA 



bei Landsberg a. L. 1904 entstanden neue 
Freskogemälde im Chor der Kirche in 111 er- 
eichen, die eine sehr gute Kritik erfuhren. 
Dann, ebenfalls 1904, Restaurierung der Fres- 
ken in Untergermaringen und in Möh- 
ren bei Treuchtlingen. 

Mit der Herstellung des Ölbildes Kommet 
alle zu mir!« als Altarblatt für die Hauska- 
pelle der Schwestern (St. Josephs-Kongregation) 
in Ursberg, Schwaben, gemalt 1905 (Abb. 
S.270) ist ohne Zweifel ein Wendepunkt in 
der künstlerischen Gestaltungskraft unseres 
Meisters gegeben, vor allem im Tafelbilde 
und zwar nach verschiedener Seite hin. Zu- 
nächst in der Farbgebung: Gegenüber der 
farbig zarten, im Kolorit zurückhaltenden Art 
der Vorwerke des Meisters kommt jetzt ein 
kräftigerer Ton in die Anlage. Dann tritt die 
Komposition aus ihrer zwar guten, aber doch 
mehr akademisch streng gelösten Anordnung 
heraus und gelangt zu mehr ungezwungener, 
individueller Eigenart. Welche Gefühle moch- 
ten unseren Künstler beseelt haben, als er 
diesen neuen Auftrag übernahm für dieselbe 
Stelle, wo er vor 15 Jahren schon (1890) nach 
dem Neubau der Anstalt seinen ersten, selbst- 
ständigen Auftrag erhalten, der ihm in der 
Folge die Fortsetzung und Vollendung seiner 
Studien ermöglichte! Mit Liebe und danker- 




LEONH. THOMA 



STUDIKKKOPI 



OWihi 



füllten: Herzen machte sich der Meister an 
die neue Arbeit. Welche Würde und Hoheit, 
aber auch welch einladende Liebe ruht auf des 
thronenden Heilands Antlitz und Gestalt, un- 
nahbare Größe und doch den Bedrängten 
und Leidenden so nahe Güte und Liebe! Und 
im wirkungsvollen Gegensatze dazu die gut 
verteilten Gruppen derHilfesuchendenMensch- 
heit in verschiedenartigen fesselnden Typen. 
Hier waltet ein gesunder, maßvoller, nicht 
verletzender und doch packender Naturalis- 
mus! Die Komposition ist von kräftiger far- 
biger Wirkung. 

Im nächsten Jahre 1905 entstanden Neu- 
schöpfungen in Konsolgen (Schwaben). 
1906 neue Deckenbilder in Pietenfeld bei 
Eichstätt, in Beuren bei Geltendorf und in 
Heiden teld bei Schwein fürt, für welch letz- 
tere Kirche ein großes Deckenbild, hl. Lau- 
rentius, vom Künstler geschaffen worden ist 
(Abb. S. 267). 1907 setzte Thoma die Aus- 
schmückung der Pfarrkirche in Hlereichen 
fort, indem auch Langhaus und Querschitf mit 
neuen Bildern nach den alten Huberschen 
Fresken versehen wurden. Im gleichen Jahre 
machte er neue Deckenbilder aus dem Marien- 
leben für Siebnach bei Schwabmünchen. In 
das Jahr 1908 fiel die Entstehung der neuen 
Deckenbilder aus der Legende des hl. Jakobus 
in Jakobsberg bei Tuntenhausen 
in Oberbayern, in Künzing bei 
Osterhofen in Niederbayern aus dem 
Leben des hl. Severinus, ferner in 
Ries bei Jettingen und endlich noch 
eine größere Folge neuerer Bilder für 
Blindheim in Schwaben. 

Eine besonders liebliche Schöpfung 
unseres Künstlers ist das Altarge- 
mälde des hl. Franziskus von Assissi, 
gemalt 1908 für Heidenfeld bei 
Schweinfurt (Abb. S. 271). An Stelle 
der alten baufälligen Kirche ist hier 
eine neue Pfarrkirche vom Stadtbau- 
rat Kollman, dem Erbauer des Rei- 
singerianums, erbaut worden. Das In- 
terieur wurde mit den aus dem alten 
Gotteshaus herübergenommenen sehr 
hübschen klassizistischen Altären, ge- 
fertigt um 1790 von dem berühmten 
Würzburger Hotbildhauer W'agner, 
ferner mit neuen im freien und selb- 
ständigen Stil gehaltenen Einrich- 
tungsgegenständen, so mit einer ori- 
ginellen Orgel, ausgestattet. Den ma- 
lerischen Schmuck besorgte zum 
größten Teil unser Meister. Er fer- 
tigte bereits 1906 ein großes Decken- 
bild, St. Laurentius, ferner für den 



269 




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270 




LEONHARD THOMA KOMMET ALLE ZU MIR! 

Ölbild von ig 06 für Vrsberg in Schwaben. — Text S. 268 



271 




LEONHARD THOMA 



DER HL. FRANZISKUS VON ASSISI 



Altargemaide von iQo8 für Heiden/eld bei Schivein/mt. — Text S. ZÖS 



272 



CSS LEONHARD THOMA e^ 




LEOXHARD THOMA 



Waiidg-enüilUe in dt-r neuen Kapuzinerkirche zu Augsburg. — Gemalt igog. 



TOD DES HL. JOSEPH 
Tt'jct s. unten 



Orgelprospekt eine hl. Cäcilie in klassizisti- 
schem Rahmen. Neben dem bereits erwähn- 
ten Seitenaltarblatt St. Franziskus entstammt 
auch das Pendant hiezu — hl. Familie — der 
Hand Thomas. Das Bild St. Franziskus führt 
den Heiligen vor, wie er in der Heiligen Nacht 
1223 seine berühmt gewordene Weihnachts- 
feier veranstaltete. Schon das Aufgreifen die- 
ses historisch denkwürdigen Vorgangs ruft In- 
teresse hervor. Gerne überlassen wir die Art 
und Weise der Darstellung der Phantasie des 
Künstlers. Das Gemälde ist ein selten tief 
empfundenes Bild. 1909 malte Thoma für 
die gleiche Kirche noch einen Kreuzweg. 

1909 treffen wir den Meister bei der Aus- 
schmückung der neuen Kapuzinerkirche in 
Augsburg an. Die Arbeiten zogen sich bis 
in das Jahr 1910 hinein. Die Kirche ist im 
ruhigen, romanischen Stile von dem bekannten 
Münchener Architekten Schurr erbaut worden. 
Verschiedene künstlerische Krätte waren tätig. 
Neben Thoma wirkten noch die Kunstmaler 
Guntermann nnd Wirsching. Von den Bildern 
unseres Künstlers führen wir in obiger Ab- 
bildung den »Tod des hl. Joseph« im linken 
Seitenschiff an der Wand des St. Josephaltares 
und »Die Anbetungdes Lammes« nachApostel- 
geschichte Kap. 4, Vers 10, als Bemalung des 
Chorbogens vor (Abb. S. 269). Zeichnerisch 
überall gute Arbeiten. Über der Darstellung 
der »Anbetung der 24 Ältesten in der Glorie 



des Himmels;: liegt der Hauch erhabener 
Feierstimmung. Demgegenüber ist »Der Tod 
des Nährvaters Jesui eine heilige Idylle voll 
ergreifender Innigkeit. Im gleichen Jahre war 
unser Künstler noch an verschiedenen anderen 
Orten tätig. So malte er für die alte Fried- 
hofkapelle in Dillingen »Christi Himmel- 
fahrt«, eine flotte großzügig angelegte Kom- 
position (Abb. S. 266), dann für dieselbe Kirche 
die ;■' Auferstehung«, »Jesus am Ölberg.'. und 
die »Dornenkrönung«. Inzwischen finden wir 
unseren vielbeschäftigten Meister schon wieder 
an einem weit entfernten anderen Orte, näm- 
lich in der ehemaligen Klosterkirchein Michel- 
feld, wo ihm die ehrenvolle Aufgabe der Re- 
staurierung der alten sehr schönen Fresken 
übertragen worden ist. 

Neben den schon erwähnten Arbeiten in 
der neuen Kapuzinerkirche in Augsburg, fiel 
in die Tätigkeit des Jahres 19 10 die Herstel- 
lung von neuen Deckenbildern für Wo 1 fers - 
schwenden (St. Vitus) und für Augsburg, 
Sternkloster, für welche letztere Kirche 
Thoma auch noch 191 1 malte. Auf eine ähn- 
liche Art wie in der neuen Augsburger Kapu- 
zinerkirche löste Thoma die Ausmalung der 
von Architekt Michael Kurz-Göggingen bei 
Augsburg erbauten Pfarrkirche in Grafenau 
im Bayer. Walde. Hier führte unser Meister 
191 lim Staatsauftrage aus : »Krönung Maria;;, 
>: Maria Namen mit Engeln«, »Maria und Arme- 



LEONHARD THOMA 



273 




Ml OHARAS 



LEONHARD THOMA 

Enhutirf von igi I zu einem 



PROPHET MICHÄAS 
Wandbihi Jür die Siadtp/arrkirche in Grafcnau (Niederbayern), — Text unten 



Seelen« , sämtliche Bilder im Chor, dann 
Schutzmantelbild (am Chorbogen), »Geburt 
Christi« (Mittelbild), sechs iMedaillonhilder 
und zwölf Tonbilder-Svmbole im Schifl". Von 
den alttestamentarischen Figuren zeigt unsere 
Abbildung Michäus, eine ehrfurchtgebietende 
Prophetenerscheinung(Abb. oben). Ein liebens- 
würdiges Bildchen (191 i) ist die Darstellung des 
göttlichen Sämanns, Ölbild auf Blech gemalt, 
für eine Kanzelfüllung in der Kirche Wester- 
na ch bei Mindelheim. (Färb. Sonderbeil.) 

Ein besonders fruchtbares Jahr im Wirken 
unseres Meisters war das Jahr 1912. Damals 
schmückte Thoma die großräumige Pfarrkirche 
in Oberschneiding bei Straubing, ferner 
die Spitalkirche St. Johann Baptist in Rei- 
chenhall mit Deckenbildern und malte dazu 
noch Altarblätter, Die Kirche in Ober- 
schneiding verfügte nur über gute und 
stattliche Raumverhältnisse, in künstlerischer 
Hinsicht befriedigte das Interieur jedoch in 
keiner Weise. Es ist ein Verdienst des kunst- 
sinnigen und rührigen Pfarrherrn und geist- 
lichen Rates Daubenmerkl, das Innere dieser 
Kirche in jenes festlich reiche Gewand zu 
kleiden, das uns jetzt überrascht. Glänzende, 
im barocken Geiste gehaltene Altäre aus der 
Werkstätte des Bildhauers Georg Schreiner 
in Regensburg ragen nunmehr imposant em- 
por. Die Decken ziert in feingestimmten Tö- 
nen gehaltener Stuck, und in den Decken- 



gemälden zumeist ist Glanz und Schimmer in 
das Gotteshaus gekommen. Der Hauptakkord 
liegt wohl in der hohen dekorativen Be- 
deutung der Bilder. Darunter leidet jedoch 
die Ausführung nicht, die kompositioneil wie 
auch in den Details sorgfältig behandelt ist. 
Sehr geglückt ist dem Meister auch die far- 
bige Haltung. Den Chor schmücken die Dar- 
stellung der »Beschneidung des Herrn: und 
vier Tonbilder, das Querschiff »Maria Ver- 
kündigung« und »Besuch bei Elisabeth« ; das 
Schiff zieren die Darstellung »Maria als Hilfe 
der Christen« mit vier alttestamentarischen 
\'orbildern, dann »Maria Immaculata« (Abb. 
S. 274) ebenfalls mit vier Vorbildern und als 
Wandbild »Die Taufe Christi«. Das folgende 
lahr 191 3 brachte mit der Ausführung der 
Altarhlätter »Aloj-sius« und -Franziskus« samt 
den vier kleinen Altarbildern »St. Leonhard«, 
»Hl. Familie«, »Mutter Anna« und »St. Igna- 
tius« die Vollendung des umfangreichen, so 
trefflich gelösten Auftrages der Innenausma- 
lung von Oberschneiding. 

Hat das Interieur der Pfarrkirche in Ober- 
schneiding ein vollständig verändertes Aus- 
sehen durch die eben beschriebene Neuaus- 
stattung erfahren, so wurde im selben Jahre 
19 12 das alte Spitalkirchlein in Bad Rei- 
chenhall einer gründlichen Restaurierung 
unterzogen, die in Wahrheit eine Regeneration 
genannt werden kann. Das finstere, mit 



Die christliche Kunst. 



274 



^ LEONHARD THOMA ^ 



LEONHARD THOMA 



IMMACULATA 




Dcchenbild 
Gent, ig 12 



Oberschneiding 

bei Straubing 

Text S. 27S 



künstlerisch schwacher romanisierender Ein- 
richtung versehene Innere ward hell und licht 
gestaltet, die dicke, unerfreuliche Tünche über 
dem zierlichen Frührokokostuck entfernt, der 
zarte Stuckdekor nach den Spuren der alten 
Tönung behandelt, ein flotter Rokokoaltar mit 
altem Tabernakel und eine neu hergestellte 
Stuckkanzel in das Innere gesetzt und die 
leeren, im Stuckdekor eingelassenen, in leb- 
haftester Silhouette gehaltenen Deckenfelder 
mit Gemälden aus dem Leben und der Le- 
gende des Kirchenpatrons, St. Johannes Bap- 
tista, versehen. Von den Fresken aus der Hand 
unseres Künstlers bringen wir die Darstellung 



der Enthauptung des hl. Johannes (Abb. S. 275). 
Die Bilder sind kompositionell echte Thomas, 
in der Farbengebung jedoch weichen sie von 
der sonstigen Eigenart des Meisters ab. Kräf- 
tig und satt im Ton beherrschen sie den kleinen 
Kirchenraum. Die einzelnen Szenen sind frisch 
und lebendig erfaßt und weisen manche ori- 
ginelle Züge auf. Gegenwärtig arbeitet der 
Künstler an einem Kreuzweg für dieselbe 
Kirche (Abb. S. 275 unten). 

Xeben diesen Deckenbildern führte Thoma 
auch Altarblätter im Jahre 19 12 aus. Wir sind 
durch die beiden in diesem Hefte einander 
gegenübergestellten Reproduktionen in der 



275 



LEONHARD THOMA 



ENTHAUPTUKG DES 
HL. JOHANNES B. 




Freskobild in der Spitalkirche zu Rticltenhall- Gein, igtz. — Text S. 2y4 





LEOXHARD THUMA, /'hl Kl;l L/ A l.i .sTA 1 IONEN. Gemalt i;i4 



276 




LEONHARD THOMA 



CHRISTUS IN DER RAST 



Altartihi für eitle Fehlkapelle in Ursberg. Gem. ig II. — Text S. 27 S 



277 




LEONHARD THOMA 

Altartild in der Hauskafelle der Villa Gumppenberg zu Reichenhall. 



HERZ JESU 

Gemalt ig u. — Text S. 2-8 



278 



^ LEONHARD THOMA ^ 




LEONHARD THOMA 



STUUIE 



Tejci nebenan 



glücklichen Lage zwei Cliristustypen vor uns 
zu sehen, die der Meister für Altargemälde 
fertigte (Abb. S. 276 und 277). Das Altarbild 
für eine Feldkapelle in Ursberg zeigt das 
Motiv des Heilandes in der Rast. Der Künstler 
wollte mit diesem Vorwurfe die auf dem Felde 
arbeitenden Landleute einladen zu einer Ar- 
beitspause und sie erinnern, daß der H